Sofort, Hier und Jetzt IV

Tagesmail - Freitag, den 26. April 2013

Sofort, Hier und Jetzt IV,

„wenn man nicht weiß, worüber man sprechen soll, dann spricht man über das Wetter. Politische Debatten sind derzeit rar gesät, die Parlamentarier sind anders als die Talkmaster noch bis Mitte September in der Sommerpause. Und so ist genug Zeit, um bei Illner mal wieder grundsätzlich zu werden.“ (WELT.de)

Fällt einem sonst nichts ein, spricht man über die Gefährdung der Gattung. Grundsätzliches wird zum Zeitvertreib und zur Verlegenheitslösung. Mit Politik haben Wichtigtuereien nichts zu tun.

Keine Rede, dass die Deutschen lethargisch oder apathisch wären angesichts des Großen Kollaps. Sie verbitten es sich geradezu, sich ein schlechtes Gewissen machen zu lassen. Fröhlich wollen sie es der Apokalypse zeigen. Wer schon verschiedene Weltuntergänge überlebte, wird sich von einem bisschen Wetter nicht ins Bockshorn jagen lassen. Wenn sie untergehen, dann mit Hurra, wenn nicht, haben sie es den Untergangspropheten gezeigt.

„Als ich nach 1949 nach sechszehnjähriger Emigration nach Deutschland zurückkehrte, war ich aufs freudigste überrascht über die Gelöstheit, fast könnte man sagen Fröhlichkeit, mit der sich das deutsche Volk an die Arbeit machte, verbunden mit einer gegenseitigen Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft, die weit über die Atmosphäre der Weimarer Zeit hinausging.“ Schrieb Alexander Rüstow, einer der bedeutendsten deutschen Ökonomen (den Deutschland sich erlaubt, der Vergessenheit anheimzugeben).

Katastrophen machen die Deutschen zu Menschen. Der Plunder der Zivilisation, das „stahlharte Gehäuse“ der Moderne ist über Nacht abhandengekommen. Der Mensch steht dem Menschen gegenüber nackt und bloß, wie Gott ihn schuf. Und siehe, sie ...

... schämten sich nicht, ja sie freuten sich. Der Sündenfall war überwunden, Gottes Strafe überstanden.

Was ist der Unterschied zwischen Deutschen und Amerikanern? Amerikaner sind überzeugt von der baldigen Wiederkehr ihres Herrn und dem Ende der jetzigen Welt. Die Deutschen haben das paradiesische Dritte Reich und seinen Untergang bereits mit Bravour absolviert. Sprich mit einem feinsinnigen deutschen Intellektuellen über Apokalypse und du wirst ein ironisches Kräuseln in seinen Mundwinkeln entdecken.

„Umfragen zufolge glauben mindestens 30 Prozent der US-Bürger, dass sie das Ende der Welt noch erleben – sagt Endzeitexperte Daniel Wojcik von der University of Oregon. Bei einer Erhebung des „Public Policy Research Institute“ spekulierten 44 Prozent der Befragten, die Unwetter der letzten Zeit deuteten auf die nahe Endzeit hin. Der Weltuntergang steht bevor! Jesus Christus wird am 21. Mai wiederkehren – dann beginnt für Nichtgläubige der Weg in die Hölle, bevor dann am 21. Oktober die Welt endgültig untergehen wird. Das zumindest behauptet Harold Camping, ein Prediger aus dem US-Bundesstaat Kalifornien. Der 89-Jährige hat die Bibel analysiert – und kommt zu dem Schluss, dass am 21. Mai die sogenannte „Entrückung“ stattfinden wird. Das bedeutet, dass gläubige Christen gerettet werden. Seiner Schätzung zufolge handelt es sich dabei um etwa 200 Millionen Menschen. Alle anderen müssen auf der Erde bleiben, erleben die Endzeit und enden in der Hölle.“ (BILD.de)

Selbstverständlich gehören die Amerikaner zu den Erretteten, den Rest der Welt wird der Teufel holen. Das ist die Quelle des Trumpismus, alles andere sind Epiphänomene.

„Untergangstheorien hat es schon viele gegeben, bislang ist die Welt noch nicht untergegangen.“ So reden deutsche Post-Apokalyptiker, denen nichts Göttliches und Teuflisches fremd ist.

Der Tod ist für sie die Erfüllung des irdischen Lebens:

„Heldenhaft in den Untergang, kompromisslos bis zum Ende – das alles ist eben nicht genuin nationalsozialistisch, sondern nationalistische Militärideologie des 19. Jahrhunderts. Vor allem die viel gelesenen Barden der Befreiungskriege priesen den Tod fürs Vaterland als höchste Sinngebung – erinnert sei nicht nur an Körner, sondern auch an die "patriotische" Lyrik Ernst Moritz Arndts oder Max von Schenkendorfs: "Heldenwangen blühen / Schöner auf im Tod.“ So schrieb der Germanist Gustav Roethe 1915, "das Kostbare an der ›deutschen Treue‹" sei "das rückhaltlose Einsetzen des ganzen Menschen, das nicht dingt, nicht wägt, nicht schwankt, sondern durchhält bis zuletzt, und mag der Erdball darüber in Trümmer gehen". Schrieb der verdienstvolle Historiker und Friedensforscher Wolfram Wette in einem ZEIT-Artikel. (ZEIT.de)

„Er würde sich, schreibt Clausewitz 1812, "nur zu glücklich fühlen, einst in einem herrlichen Kampfe um Freiheit und Würde des Vaterlandes einen glorreichen Untergang zu finden". Hitler selbst hat diese Clausewitz-Passagen früh verinnerlicht und sie zum festen Bestandteil seiner politischen Überzeugungen und zur "Richtschnur meines Handelns" gemacht. In vielen seiner Kriegsreden zitiert er Clausewitz’ pathetische Idee des Untergangs, und noch in seinem finsteren "politischen Testament", verfasst kurz vor seinem Selbstmord im Berliner Bunker Ende April 1945, beruft er sich auf den "grossen Clausewitz" und hofft, nach einem ehrenvollen Untergang des deutschen Volkes werde es früher oder später zu einer "strahlenden Wiedergeburt der nationalsozialistischen Bewegung" kommen.“

Die Aggressionen der Gegenwart gegen ökologische Schwarzmalerei – „das nervt, dieses Untergangsgeschwätz “ – klingen wie eine Wiederkehr der früheren Todessehnsucht als Erfüllung des Lebens.

„Am 19. März 1945 erklärte Hitler seinem Rüstungsminister Albert Speer: "Wenn der Krieg verloren geht, wird auch das deutsche Volk verloren sein. Es ist nicht notwendig, auf die Grundlagen, die das deutsche Volk zu seinem primitivsten Weiterleben braucht, Rücksicht zu nehmen. Im Gegenteil, es ist besser, selbst diese Dinge zu zerstören. Denn das Volk hat sich als das schwächere erwiesen, und dem stärkeren Ostvolk gehört ausschließlich die Zukunft. Was nach diesem Kampf übrigbleibt, sind ohnehin nur die Minderwertigen, denn die Guten sind gefallen." "Sein oder Nichtsein!", "Endsieg oder Untergang!" hießen jetzt die Parolen. Dadurch wurden die Deutschen mit der Vorstellung vertraut gemacht, dass es keinen Waffenstillstand und keinen Friedensschluss geben werde und sie stattdessen zum "fanatischen Durchhalten" bereit sein müssten. "Kraft durch Furcht" lautete nun die Maxime der Propaganda.“

Da fehlt nur noch Ernst Jüngers Rühmung eines Menschenschlags, „der sich mit Lust in die Luft zu sprengen vermag und der in diesem Akte noch eine Bestätigung der Ordnung erblickt.“

Sie spielen nicht mehr mit den Muskeln. Ihre Lobgesänge des Alles oder Nichts, der Kraft durch Furcht hüten die Deutschen noch sorgfältig in ihrem Busen. Doch immer mehr dringt der Selbstverrat aus allen Poren:

Wir sind zu verweichlicht. Zu lang und leichtsinnig haben wir uns den Amerikanern anvertraut. Unser Schicksal müssen wir selbst in die Hände nehmen. China steht vor der Tür. Vorbildlich, wie die ihre Untertanen an die Leine legen. In unseren Schulen herrscht Schlendrian, unsere Kinder müssen wieder den Ernst des Lebens kennen lernen. Weg mit den Ideologen des Verzärtelns. Apokalypsen? Gab es schon immer. Wer wird denn gleich zu flennen beginnen? Gelobt sei, was hart macht – und endlich zurückkehrt zu den Wurzeln des Deutschtums.

Die Apathie der Deutschen ist keine bewusste Camouflage. Noch sind sie zu erschöpft – vom Niederhalten ihrer wahren Heldengefühle. Ein halbes Jahrhundert lang mussten sie die produzierende und konsumierende Musternation spielen. Doch wenn sie den Mut finden werden zur Ehrlichkeit, wo jeder barhäuptig vor seinem Gott steht, wird sich die german angst über Nacht verwandeln in einen Schlachtruf nach der ekstatischen Grenz-Situation, in der alle degenerierte Furcht wie weggeblasen sein wird.

Amerikaner sehnen sich nach Armageddon, um als einzige Erwählte unter den Völkern davonzukommen. Die Deutschen sehnen sich nach dem orgiastischen Todes-Finale – um als Einzige unter den Völkern davonzukommen.

Wo bleibt der Unterschied? Das „Narrativ“ der Amerikaner ist puristischer Biblizismus. Das der Deutschen hat die kindischen Mythen der Vorzeit längst überwunden – um sie in weltlicher Weise originalgetreu wiederzubeleben.

„Die Deutschen sind sehr sehr böse,“ (Trump) heißt im Original: die Deutschen sind gottlos und unbiblisch geworden. Der bible-belt mit seinem erwählten Präsidenten wird ihnen das nie verzeihen.

Die Amish gehören zu Trumps fanatischsten Anhängern. Die Leitsätze ihres von der Moderne abgeschotteten Lebens lauten: „In dieser Welt, aber nicht von dieser Welt zu sein“. „Und richtet euch nicht nach dieser Welt.“ „Habet nicht lieb diese Welt, noch was in der Welt ist.“

Die Amish stammen aus Süddeutschland. Ihr Sehnen nach dem Ende ist der pietistisch formulierte Quellgrund der späteren deutschen Besessenheit von einem Dritten Reich, in dem Erfüllung und Ende zur Apotheose zusammenfielen.

Still und heimlich warten die Deutschen auf die himmlische Peripetie ihrer Geschichte. Irdische Peripetie ist der von Aristoteles definierte Höhe- und Umschlagspunkt der Tragödie, „wodurch die Katastrophe oder die Lösung des Problems eingeleitet wird. Der Umschwung sollte sich möglichst aus der Handlung selbst ergeben, nicht übernatürlichen Ursprungs sein“.

Die Deutschen werden sich eher die Zunge abbeißen als zuzugeben, dass sie Hilfe von einer höheren Autorität erwarten. Eben diese Lücke wird von Merkel besetzt, die den Deutschen ihre hilfreiche Magd-Gottes-Hand reicht – ohne dass beide Parteien darüber reden müssten. In diesem Zwielicht bewegt sich deutsche Geschichte. Ein Mann wird die Kanzlerin kaum ersetzen können.

Die Öko-Ministerin der SPD beherrscht die Null-Sprache ihrer Chefin aus dem Effeff. Nach einem halben Jahrhundert Ökobewegung findet sie bewegende Sätze:

„Wir planen gerade ein Klimaschutzgesetz. Es ist ganz klar, wir müssen was tun.“ Substanzloser geht’s nicht. Warum die Deutschen, nach anfänglichen Pionierleistungen, den europäischen Verbündeten hinterherlaufen, erklärt sie mit verräterischen Wendungen: Die Politik des erhobenen Zeigefingers lehne sie ab. „Wir müssen die Menschen mitnehmen. Wir müssen Anreize setzen“. Diese Sätze entlarven die Misere der deutschen Politik.

Der erhobene Zeigefinger ist eine Politik des kategorischen Imperativs Kants:

Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich
wollen kannst, daß sie ein allgemeines Gesetz werde.“

Niemandem darf man konkrete Vorwürfe machen, damit er sich nicht moralisch minderwertig fühlt. Die Sensibilität der Amoralisten steht in umgekehrt proportionalem Verhältnis zu ihrem Denkvermögen. In allen Bereichen geht es um hochwertige Leistungsträger und minderwertige Leistungsempfänger, nur im Bereich des Sittlichen darf niemand durch Kritik überprüft und bewertet werden. Die Verteidigungsrede des Sokrates vor dem athenischen Volksgericht wäre demnach eine Verunglimpfungs-Orgie der Polisbürger gewesen.

Böte sich die Lösung an: alle haben, trotz Meinungsunterschieden, gleich recht. Jeder hat seine eigene Wahrheit, eine allgemein verbindliche moralische Wahrheit gibt es nicht.

Allerdings, wenn alles richtig wäre, wären ökologische und antiökologische Politik gleich berechtigt. Was heute die Linke täte, würde morgen die Rechte über den Haufen werfen. Streitigkeiten und Entscheidungen wären überflüssig. Worüber sollte gestritten werden, wenn es keine allgemeine Wahrheit gäbe?

Das war ein diametraler Widerspruch zu Kant und das ultimative Ende der Aufklärung. Aus Kalendergründen wurde Kant vor wenigen Jahren auf allen Kanälen gefeiert. Kaum ist das Jubiläum vorbei, kennt niemand mehr den Namen Kant.

Die antimoralische Front in der Tradition des Carl Schmitt-Schülers Arnold Gehlen lehnt universelle Humanität als Übertreibung und Überforderung ab. Die UN-Charta müsste daher entsorgt werden.

Die gegenwärtige Zerstörung des Völkerparlaments, das sich universellen Menschenrechten verpflichtet fühlt, wäre nicht nur die Folge neokonservativen Treibens in den USA, sondern des aufklärungsfeindlichen Treibens deutscher Gegenaufklärung. Begriffe wie Aufklärung und Gegenaufklärung haben heute keinen Klang mehr.

Herder begann als Schüler Kants und endete als sein Gegner und Vorbereiter der Romantik. Anfänglich war alles Differente für ihn gleich-wertig. Doch dann entwickelte sich Herder zum Zerstörer der allgemein verbindlichen Moral im Namen des unendlich Vielfältigen, das nicht nach einem Kriterium bewertet werden dürfe. Jeder menschliche Zustand habe seinen eigenen Wert, jede historische Einzelphase ihre Notwendigkeit und ihr Recht. Eine einzelne, allgemein-verbindliche Norm sei unfähig, den Reichtum des vielfältig Menschlichen zu erfassen.

Die Aufklärung war kein monolithischer Block. Die damals beginnende Ästhetik dachte nicht daran, dem Schema des allgemein verbindlichen Schönen, Wahren und Guten zu folgen. Das Schöne musste weder wahr noch gut sein. Das Leben werde nicht durch die Kraft der Wahrheit bestimmt, sondern viel mehr durch die Kraft der Falschheit. Das künstlerisch Wertvolle verlange nicht nur wahre Elemente, sondern Beimengungen des – Falschen. Falsches und Wahres müssten sich zur Einheit verbinden. (Nach Ernst Cassirer, Philosophie der Aufklärung)

Offensichtlich ist SPD-Schulze – wie fast alle Mächtigen der Gegenwart – eine Anhängerin der Gegenaufklärung, für die eine normative Vernunft ein Witz und Ärgernis sind. Eben dies ist der tiefste Punkt der gegenwärtigen Unfähigkeit, scharfe Dialoge zu führen. Wenn nichts falsch sein kann, darf jeder sein Inneres ungefiltert nach außen stülpen.

„Wir müssen die Menschen mitnehmen“: das Volk ist blind und taub und kann die Weisheit der Mächtigen nicht erkennen. Also müsse man es vorsichtig an die Hand nehmen und dorthin führen, wohin es nicht will. Nicht scharfsinnige Argumente seien nötig, sondern unauffällig-autoritäres Lenken.

Die Menschen mitnehmen hieße auch, auf ihre Arbeitsplätze Rücksicht nehmen, die ersatzlos verloren gingen. Klingt gut. Und ist doch nur vorgeschoben. Wenn es nämlich um einen viel umfassenderen Kahlschlag der Arbeitsplätze geht wie im Falle der Digitalisierung, wird jedes Lamentieren über den Verlust der Arbeitsplätze als Kleingläubigkeit weggewischt.

Wenn es um Ökologie geht, scheint es aussichtslos, umweltzerstörende Arbeitsplätze durch sinnvollere zu ersetzen. Wenn es aber Wettbewerb gibt, gibt es nichts, was ihn stoppen darf.

„Wir müssen Anreize setzen“. Das ist der endgültige Abschied von der Überzeugungskraft der Vernunft. Anreize setzen: das tut die Werbepsychologie, indem sie den Menschen da stimuliert, wo er nicht hinschauen will: im Dunkel seiner lichtscheuen Bedürfnisse. Reize, von den gröbsten bis zu den subkutanen, werden ausgesendet, um den Empfänger a tergo zu lenken.

Das Verhältnis der Mächtigen zu den „Menschen auf der Straße“ wird durch Herumkommandieren auf der Ebene des Unbewussten bestimmt. Das heutige Modewort heißt nudgen, zu deutsch: stupsen. Der Hochmut der Mächtigen, die selber alles vermasseln, muss die Intelligenz der Untertanen so gering einschätzen, dass sie ein indirektes Herumkommandieren als Standardmethode ihres Regierens eingeführt haben.

Wenn Demokratie auf der Basis vernünftigen Streitens ruht, haben wir den Boden der selbstbewussten Demokratie längst verlassen. Warum wahrheitsloses Geplapper so sinnlos ist, liegt an der Abwesenheit eines allgemeinen Glaubens an die Vernunft. Der Glaube an die Vernunft ist nicht zu vergleichen mit dem an einen überirdischen Erlöser.

FDP-Kubicki will von seinem Freund Habeck nicht vorgeschrieben kriegen, was er essen soll und darf. Warum nicht, wenn es rationale Gründe gäbe? Niemand will einen Giftpilz verzehren, weil es seinen Tod bedeuten könnte. Lebensmittel aber, deren Produktion die Natur irreversibel schädigt, sollen unbedenklich frei verzehrt werden können!

Ja, bei allem Guten droht eine platonische Zwangsbeglückung. In einer intakten Demokratie wäre diese Gefahr ausgeschlossen. Denn jedes Verbot oder Gebot beruhte auf einem regulären Gesetz.

Warum wird ein Veggieday so verachtet? Weil er nur ein Vorschlag zur Güte und kein Gesetz war? Dann hätte nur ein Gesetz beschlossen werden müssen. Um Menschenleben zu schützen, darf niemand bei Rot über die Ampel. Das ist kein gutgemeinter Rat, sondern ein kategorischer Imperativ – auf der Basis eines Gesetzes.

Wenn eines nahen Tages die letzten Zweifel an der Klimakatastrophe gewichen wären, würde es von Verboten nur so hageln. Die Menschheit müsste verzweifelt um ihre Demokratie kämpfen, um einen tatsächlichen Öko-Faschismus zu verhindern. Wäre es nicht sinnvoller, der Gefahr einer drohenden ökologischen Zwangsbeglückung durch dringlich erforderliche Gesetze schon jetzt und hier zuvorzukommen?

Alles, was schädlich ist und gesetzlich verboten werden kann, muss auch verboten werden. Was ist das für eine merkwürdige, ja perverse Vorstellung von Liberalität, die nichts anderes wollte als ein suizidales Tohuwabohu?

Nach diesem Muster könnte man auch die Polizei abschaffen. Soll doch jeder selbst zusehen, wie er sich gegen Räuber und Vergewaltiger schützt. So argumentiert die allmächtige Waffenlobby in den USA.

Fleisch ja, Wurst nein, so Kubicki, der innerlich angespannt schien. Warum keine Wurst? Weil sie ihm gesundheitlich nicht zuträglich wäre. Nein, auf keinen Fall aus ökologischer Klugheit. Ist das auch Wahnsinn, so hat es doch Methode: um die eigene Persönlichkeit zu retten, verbietet man sich etwas. Aber man will keinen Finger rühren, um die Menschheit zu retten. Wie unvergleichlich muss das gottähnliche Individuum über den Massen der Verlorenen stehen! Wie will Kubicki sich retten, wenn die ganze Menschheit verloren ginge?

Max Moor, hochkulturierter Kraftbolzen aus der Schweiz, trennt private Moral von allgemeiner Politik:

„Moor dagegen findet die ganze Frage danach, was der Einzelne tun könne, „billig“. Für ihn liegt der Fehler im System, in dem er sich nicht mehr ohne schlechtes Gewissen bewegen könne. „Es sei denn, ich lege mich nackt in den Wald – und auch da werde ich ein paar Ameisen erdrücken.“ Natürlich könne man im Alltag Plastik einsparen, sagt der Schauspieler und ARD-Moderator. „Aber warum gibt’s die Scheiße eigentlich?“ Er sieht hier die Politik am Zug.“

Wären alle Menschen vernünftig, könnte man sich Gesetze sparen, die keinen anderen Sinn haben, als die Vernunftlücke der Menschen zu überbrücken, bis die Utopie allgemeine Realität wäre. Unsinnig wäre es, private und gesetzliche Moral gegeneinander auszuspielen.

Neoliberale lehnen den Einfluss des Staates ab und setzen auf omnipotente Mächte des Marktes. In reaktionärer Gegenbewegung lehnen Linke den Einfluss der Einzelnen ab und setzen alles auf die Effizienz des allmächtigen Staates. Was beide verbindet: weder Rechte noch Linke sind überzeugt von der Vernunft des Einzelnen, der seine autonome Kraft im Privaten wie im Politischen beweisen kann.

Jede Wahl besteht aus privaten Entscheidungen, die in der Masse zur staatlichen Regierung führen. Wäre private Moral obsolet, müsste man Wahlen abschaffen. Gesetze sind nichts anderes als Entscheidungen des Parlaments, das die verdammte Pflicht hat, den mehrheitlichen privaten Willen der Bevölkerung in einen Paragrafen zu verwandeln. Je weniger Gesetze ein Staat bräuchte, umso rationaler wäre seine Bevölkerung.

Wer sich durch Argumente ein schlechtes Gewissen machen lässt, zeigt nur, dass er selbst keine überprüfbare Alternative hatte. Er hat nicht verstanden, dass begründete Gesetze zu seinem eigenen Vorteil sind. Ein permanentes schlechtes Gewissen ist die späte Frucht einer unbearbeiteten religiösen Kindheit. Reife Demokraten fühlen sich durch treffliche Gegenargumente angefeuert, selbst bessere Gründe zu finden – und sich nicht in die Schmollecke eines schlechten Gewissens zu verkriechen.

Auch das Prinzip des Einklangs mit der Natur hat Moor nicht verstanden – wenn er das Beispiel bringt, selbst als Nackter im Wald würde er nicht umhin können, einige Ameisen zu töten.

Der Mensch lebt von der Natur, er ist selbst Natur. Ein Leben außerhalb natürlicher Bedürfnisse und Befriedigungen ist die religiöse Halluzination von einem himmlischen Reich. Obgleich der Mensch von der Natur lebt, muss er sie nicht zerstören. Er kann dafür sorgen, dass sie sich zyklisch regeneriert.

Auch SPIEGEL-Stöcker lästert über die Idiotie des früheren Lebens im angeblichen Einklang mit der Natur. Gehe es dem modernen Menschen nicht besser, obgleich die Symbiose sich ins Gegenteil verwandelt habe?

Uns geht es nicht besser, weil wir Natur zerlegen, sondern weil es der Wissenschaft – einst einer symbiotischen Erkenntnismethode der Natur – gelungen ist, viele Unwissenheiten zu überwinden, die den Menschen früher das Leben in bestimmter Hinsicht schwer machten. Dennoch gilt: nicht auf der Quantität des Lebens beruht seine Qualität, sondern auf den Fähigkeiten, mit Mensch und Natur in Frieden zu leben.

Wer hat behauptet, der symbiotische Mensch müsste die wissenschaftlichen Erkenntnisse der letzten Jahrtausende an der Biegung des Flusses abgeben? Gerade eine Naturwissenschaft, die noch wüsste, dass sie im Dienst des Menschen und der Natur steht, könnte dazu beitragen, den Einklang des Menschen mit seiner Umwelt zu konkretisieren.

Schließlich Habeck. Trotz vieler Einzelargumente konnte er nicht überdecken, dass die Grünen keine Naturphilosophie besitzen. Ihre kompromisslerische Leidenschaftslosigkeit, eingekerkert in der babylonischen Gefangenschaft einer „Bewahrung der Schöpfung“, überlässt – nicht anders als die Kanzlerin – immer mehr politische Entscheidungen dem Willen des Himmels. Ihr Profil ist bis zur Erkenntnislosigkeit abgeschliffen. Den Grünen ist jede naturphilosophische Brillanz und Leidenschaft abhanden gekommen.

Wenn Habeck den Veggieday für nutzlos hält, warum haben die Grünen den Tag nicht zum allgemeinen Gesetz erklärt? Politiker müssen dem Volk ihre Überzeugungen anbieten. Sie haben nicht die Pflicht, dem Volk nach dem Munde zu reden – was das Volk überhaupt nicht will. Es will ernst genommen werden durch Widerspruch und nachvollziehbare Forderungen. Auch, wenn sie weh tun. Die Alternative, das ist jedem instinktiv klar, wäre ein lässiges Weiter-So, das im Abgrund endete.

Auch Habeck trennt Moral von der Politik. Da wäre eine Rückfrage fällig: beruht die Ausarbeitung eines Gesetzes bei Habeck auf amoralischen Entscheidungen? Überflüssig zu erwähnen: philosophische Grundfragen sind deutschen Moderatorinnen unbekannt.

Die Zeiten politischen Herumflunkerns sind gezählt. Es muss eine Epoche grundsätzlichen Nachdenkens über die conditio humana kurz vor dem Verhängnis kommen. Demokratische Politik erwuchs aus der Philosophie der athenischen Aufklärung. Wenn gegenwärtige Politik alle Aufklärung verrät, wird die Demokratie verloren gehen – bevor sie noch im Abgrund verschwindet.

In ihrem berühmten Buch „Die neuen Grenzen des Wachstums“ zogen Donnella und Dennis Meadows das knappe Fazit:

Was nötig wäre, um das Zusammenleben von Mensch und Natur zu ermöglichen, wären „Visionen in Zusammenarbeit, Wahrheitsliebe, in Lust am Lernen und im geschwisterlichen Umgang.“

 

Fortsetzung folgt.