Montag, den 24. Oktober 2011

Faust als Kapitalist in statu nascendi

von Fritz Gebhardt


Ich weiß nicht, ob Goethe den Locke kannte. Er muss ihn gekannt haben, direkt oder indirekt. Vielleicht über Lord Byron, den Dichter und Abenteurer, den er bewunderte. Wie Goethe den Faust charakterisiert, ist derart verblüffend ähnlich dem, was Locke über die Gefühlsstruktur des angelsächsischen Urkapitalisten sagt, dass man nicht von Zufall sprechen kann.

Man sollte nicht vergessen, dass damals ein monolithisches Bildungseuropa existierte. Die Intellektuellen in Deutschland wussten, was in England, Frankreich, Italien publiziert wurde. Das Ganze war noch übersichtlich, so viele Gazetten etc. gab es nicht. Die Schreiber waren noch nicht von der Seuche der Beliebigkeit und Unübersichtlichkeit angekränkelt und konnten noch zwei Sätze geradeaus denken.

Meine These: Faust ist – wenn man an seiner Oberfläche das deutsche Bildungsgeschwafel abkratzt – ein Urkapitalist. Allerdings nicht auf englisch-produktivem, sondern auf deutsch-phantastischem Boden.

Schon das Vorspiel auf dem Theater gibt den richtigen Rahmen: die ganze Schöpfung soll umfasst werden. Mit weniger gibt sich ein deutscher Dichterfürst nicht ab. Gott, Teufel, das gesamte Universum.

„Drum schont mir an diesem Tag

Prospekte nicht und nicht Maschinen (!!)

Gebraucht das groß’ und kleine Himmelslicht,

Die Sterne dürfet ihr verschwenden (!)

An Wasser, Feuer, Felsenwänden,

An Tier und Vögeln fehlt es nicht.

So schreitet in dem engen Bretterhaus

Den ganzen Kreis der Schöpfung aus

Und wandelt mit bedächtger Schnelle ( !)

Vom Himmel durch die Welt zur Hölle!

Noch ist die Schnelle gezügelt und bedächtig. Bald wird sie nur noch hastig und ruhelos sein. Bis das Ganze in der Hölle landet: das waren des dezidierten Antichristen apokalyptische Ängste, die er mit Kulissenzauber und Theaterdonner darzustellen – und zu verbergen wusste.

Im Prolog schlägt Mephisto den Grundakkord an: das unendlich-unbefriedigte Streben des Menschen, dargestellt an Faust, dem Urmenschen. Vergessen wir nicht, Faust heisst auf Deutsch: der Glückliche. Das Glück des Menschen besteht darin, dass er – unglücklich sein darf. Altmodisches Glücklichsein bedeutet nämlich: sich nicht mehr bemühn wollen. Ausruhen auf dem Faulbett des Müßigseins.

Siehe da, der Graecomane Goethe verachtet die griechische Muße. Das vorbildliche Leben ist unaufhörliches Streben und Bemühen. „Wer immer strebend sich bemüht, den können wir erlösen …“ Allerdings muss noch die „Liebe von oben“ dazu kommen. Die Theologen nennen das katholischen Semipelagianismus. Alles, was nach Muße riecht, ist Faulheit für den „Olympier“. Insofern sind unsere Sozialdemokraten brave Goetheaner, sie wissens nur nicht.

Mephisto beschreibt den Faust:

„Nicht irdisch ist des Toren Trank noch Speise!

Ihn treibt die Gärung in die Ferne;

Er ist sich seiner Tollheit halb bewusst:

Vom Himmel fordert er die schönsten Sterne

Und von der Erde jede höchste Lust,

Und alle Näh und alle Ferne

Befriedigt nicht die tiefbewegte Brust.“

Gott segnet das lebenslange Streben und Irren ab: “Es irrt der Mensch, solang er strebt.“ Damit der Mensch auf Erden sich keinen faulen Lenz macht, hat ihm der fürsorgliche Himmelsvater einen Gesellen beigegeben: Mephisto. Der soll ihn auf Trab halten:

„Des Menschen Tätigkeit kann allzu leicht erschlaffen,

Er liebt sich bald die unbedingte Ruh;

Drum geb ich gern ihm den Gesellen zu,

Der reizt und wirkt und muß als Teufel schaffen.“

Der Teufel als Unruhestifter ist der goldrichtige Motivator des Menschen, um sein Leben in unendlicher Unmuße und Hast zu verbringen.

Aus dem Gegenspieler ist der Teufel zum Mitspieler, ja, zur dienenden Marionette des Gottes geworden. Der säkulare Fortschritt – die Entdämonisierung des Christentums, der Abschied vom Schwarz-Weiß-Denken – wird damit bezahlt, dass das entschärfte „Böse“ ins Gute eingebaut wird: als ewige Unruhe. Als ewiges Unbefriedigtsein. Der Teufel reitet den Menschen nicht mehr direkt zu Tode und zur Hölle. Er wird respektabler Motivationstrainer im unendlichen Erwerb von – ja von was?

Am Ende von Faust 2, den niemand mehr zur Kenntnis nimmt, steht es: „Herrschaft gewinn ich, Eigentum“. Das also ist des Pudels Kern, was die germanistischen Deuter nur verschämt andeuten können. Ein Riesenbrimborium theatralischer Gestalten und Ereignisse, nur um letztendlich als gemeines Macht- und Gewinnstreben entlarvt zu werden. Das in die Macht des Guten eingebaute „Böse“ soll nicht mehr böse sein.

Man könnte allerdings der Meinung sein, dass das Böse sich – durch Integration in das Gute – unsichtbar machen will. Es anonymisiert sich. Oder es wird – umetikettiert. Die Moderne ermächtigt sich, aus Emanzipationsgründen, selbst zu entscheiden, was sie als gut und böse betrachtet. D’accord. Nur: bleibt sie da nicht in einer einfachen Reaktionsbewegung hängen? Vorher bös, jetzt gut. Das sieht zwar aus wie autonome Umwertung der Werte, verbleibt aber im Bereich erfahrungslosen dogmatischen Setzens.

Plötzlich hat das einstmalige Böse – gut zu sein. Ob es will oder nicht. Wurde es früher ex-kommuniziert, wird es jetzt zwangsintegriert. Anstatt zu sagen, wir machen mal unsere Erfahrungen. Danach entscheiden wir, was wir für schlecht oder gut halten. Mit anderen Worten: das unstillbare Streben der Moderne wird zum unhinterfragten Dogma. Dem Dogma des Kapitalismus, der sich genau so religiös gibt, wie die Theologie, von der er sich angeblich gelöst hat.

Im Christentum gibt es zweierlei Bewegungen. Der Gläubige ist unruhig, bis er Ruhe findet in Gott. Gleichzeitig muss er unermüdlich wachsam sein und – ohne Recht, sich auszuruhn oder auszuschlafen – auf die Wiederkehr des Bräutigams warten. Sein ganzes Dasein ist Streben nach dem Ende der Weltgeschichte. Komm, ach komme bald. Das hiesige Leben muss nur noch durchlitten werden. Jede Sekunde im Fleisch ist Qual und Sorge, die man hinter sich bringen will.

In einem solchen Wartezustand kann es keine Ruhe geben. Man ist damit beschäftigt, das Ende nicht nur passiv herbeizubeten, sondern herbeizuzwingen. Durch Beherrschen und Strangulieren der gesamten Erde. Der Natur. Wer so unter Zugzwang steht, die verziehende Parusie des Herrn durch Taten zu beschleunigen, die Prophetien selbst zu erfüllen, der kann sich nicht aufs Faulbett heidnischer Muße legen. Der kann nicht zum irdischen Augenblick sagen: verweile doch, du bist so schön. Dessen einzige Hoffnung besteht im Tod der Gattung, der Natur. Mindestens aber im eigenen Tod, den man herbeisehnen muss, um endlich zu einer Ruhe zu kommen, die ohne Schuld und Gewissensbisse sein darf.

„Den lieben wir, der Unmögliches begehrt.“ Was ist das Unmögliche? Das Unerreichbare. Die Menschen sind: „sehnsuchtsvolle Hungerleider nach dem Unerreichlichen“. Wie muss der vorbildliche Mann sein? „Rastlos betätige sich der Mann.“ Unermüdliches Tun zeichnet das „faustische Streben“ aus. Am Anfang war nicht das hohle Wort, nicht hinzunehmender Sinn: am Anfang war die Tat.

Die Tat aber begründet – auch nach Locke – das Eigentum. Was ich mir erarbeitet habe, ist mein eigen. Die Tat ist Anfang – des Eigentums. Das Ende ist der – durch mein Tun – gesicherte Besitz. „Wie vieles ist denn dein? – Der Kreis, den meine Wirksamkeit erfüllt.“

Im allegorischen Maskenzug des Faust 2 tritt Faust auf in der Maske des Pluto. Pluto ist der Gott – des Reichtums. Am Ende von Faust 2 wird der unermüdlich nach Besitz Hastende ein Kolonisator. Er baut einen Damm (Heiligendamm!), um dem Meer Land abzugewinnen. Zuvor unterstützt er den Kaiser im Kampf gegen einen Gegenkaiser. mit den drei Gewaltigen: Raufebold, Habebald und Haltefest (drei mephistophelische Kreaturen – nach Jes. 8,1). Für die Unterstützung erhält er einen Küstenstreifen, wo er seinen Plan verwirklichen kann.

Doch dort steht die Hütte des friedlichen alten Ehepaares Philemon und Baucis, welche dem Projekt hinderlich im Wege steht. Die drei Berserker fackeln die Hütte ab, wobei das unschuldige Muße-Paar den Tod findet. Faust, der Frühkapitalist geht über Leichen, vornehmlich über solche, die als Lebende nicht zu den rastlos Tätigen gehören – also den Nutzlosen. Zu ihnen gehören diejenigen, die nicht in ständiger Unruhe, sondern in Muße und Befriedetsein sich ihres Daseins erfreuen. Fausts Plan des technologischen Dammbaus entspringt keiner humanen Regung. Im Sieg über die Natur will er seine Macht genießen. Vor Gewaltanwendung scheut er nicht zurück:

„Arbeiter schaffe Meng auf Menge,

Ermuntere durch Genuß und Strenge,

Bezahle, locke, presse bei“.

Das Land in der Mitte, immer umringt von Gefahren, muss ständig gegen Feinde verteidigt werden.

„Das ist der Weisheit letzter Schluss:

Nur der verdient sich Freiheit wie das Leben,

Der täglich sie erobern muss.“

„Es kann die Spur von meinen Erdentagen

Nicht in Äonen untergehn.“

Den Planeten entjungfern, dass er auf immer gezeichnet ist; der Natur das Kainszeichen auf die Stirne brennen: das will der Planetenschänder und poetische Urkapitalist Faust. Nur das Signum der Verwüstung spiegelt ihm sein Ich zurück.

Das also ist der Kern der berühmten Naturverehrung des großen Weimaraners: die traditionelle christliche Naturunterdrückung, der unbedingte Wille, die Erde zu beherrschen. Nein, Goethe war kein Grieche und kein Indianer. Er führte einen Vernichtungskampf gegen das irdische Dasein wie alle seine Zeitgenossen. Doch hat er nicht ein freies Volk im Visier gehabt?

Kurz vor seinem Tode überkommt ihn die Utopie:

„Solch ein Gewimmel möcht ich sehn,

Auf freiem Grund mit freiem Volke stehn“.

Doch das freie Volk ist das wehrkräftige Volk, das ständig unter Waffen steht, immer bereit, seine Existenz zu verteidigen – oder zu erweitern. Auf Kosten anderer Völker. „Raum im Osten“ wird hier schon vorweggenommen als meerentrissenes Land, bei dessen künstlichem Erschaffen die stolzen Eroberer keine Menschenopfer scheuen. Mit Faust beginnt die Verachtung von Vernunft und Wisenschaft.

Mit Goethe beginnt die Gegenaufklärung.

„Verachte nur Vernunft und Wissenschaft,

Des Menschen allerhöchste Kraft,

Lass nur in Blend- und Zauberwerken

Dich von dem Lügengeist bestärken,

So hab ich dich schon unbedingt!“

Wer spricht? Nicht Faust, sondern Mephisto. Faust ergibt sich der Magie, weil er der Wissenschaft überdrüssig geworden ist, vielleicht nie wusste, was Wissenschaft ist. „Und sehe, dass wir nichts wissen können.“ Wer sieht hier nicht den Einbruch des christlichen Wissensverbotes? Das augustinische Wort: nur von Gott will ich wissen und von meiner Seligkeit, sonst nichts. Alles Wissen dieser Welt ist Eitelkeit, Torheit vor Gott.

Der hinterwäldlerische deutsche Faust hat noch nicht die Stufe der englischen Naturwissenschaft und Technik erreicht. Er bleibt verstrickt in germanischen Magie- und Alchimiephantasien, übergibt sich mittelalterlichem Hokuspokus. Zu welchem Zweck?

Ob mir nicht manch Geheimnis würde kund,

Daß ich nicht mehr mit sauerm Schweiß,

Zu sagen brauche, was ich nicht weiss,

Daß ich erkenne, was die Welt,

Im Innersten zusammenhält.“

Mit Wissenschaft hat das nichts zu tun, das sind kindische Omniszienzphantasien. Er will nicht begrenztes Wissen, das dem endlichen Geist des Menschen beschieden ist. Er will göttliche Allwissenheit. Er vertraut nicht der nüchternen, schrittweis voranschreitenden Logik, der Methode von trial and error. Dem ständigen Selbstzweifel und Überprüfen mittels Experiment. Nein, er will alles überfliegen: direkt in den Schoß Gottes. Wie Alleswisser Hegel, der alles besser wusste – ja, besser als der Schöpfer.

Faust hat keine Ahnung von Methode, er will zaubern und Wunder vollbringen. Alles andere ist ihm zu langsam, mühsam und schwerfällig.Er will fliegen, nicht systematisch vorwärtsgehen. Er will das Endergebnis, nicht die Fähigkeit, das Ergebnis selbstständig zu erarbeiten. In der Schulsprache müsste man sagen: er will schummeln. Er will zwar ständig wirken und schaffen, doch nur als Zauberlehrling. Abrakadabra. Ja, nicht mal das. Denn auch Magie – legitime Vorläuferin der Naturwissenschaft – ist auf ihre Art keine Zauberei oder Hexerei, sondern arbeitet mit strengen Kausalitäten. Wenn dies, dann jenes.

Nicht das Verfahren der Magie ist unwissenschaftlich, sondern ihre nicht-mathematischen, nicht-experimentellen Inhalte. Ein Magier will lernen durch erahnte Kausalitäten. Er besitzt ein Labor mit Gerätschaften, die später vielfach von den strengen Naturwissenschaftlen übernommen wurden. Er betet nicht, fleht nicht Wunder herbei. Sich selbst will er alles verdanken. Er variiert, tüftelt, wiegt ab, probiert. Man könnte sagen – er experimentiert. Allerdings nicht mit Quantifizierungen, die er an die Kette der Mathematik legt. Faust ist kein Magier. Alles überlässt er dem großen Zauberer und Hexenmeister.

Auftritt Mephisto. Faust schnippt mit den Fingern, setzt seine unsterbliche Seele als Wettpfand ein – und kommandiert. Macht einen faulen Deal, setzt als Unterpfand etwas ein, was er gar nicht hat: seine unsterbliche Seele. Im Grunde betrügt er – auftretend als soignierter Kaufmann und Wetter – den dummen Teufel. Er benutzt ihn, tut, als ob dessen Leistungen seine eigenen wären. Tritt auf als Hochstapler und Scharlatan. Hier ist er am weitesten entfernt von einem zuverlässigen, berechenbaren angelsächsischen Kaufmann und Gentleman.

Kann man sich Demokrit oder Aristoteles vorstellen, die mitten in ihren Forschungen ausriefen: „Bin ich ein Gott? mir wird so licht!“ Wenn nicht ein Gott, dann mindestens ein „Übermensch“. (Nietzsche hat diesen Begriff von Goethe, welchen er überaus bewunderte.) Doch das „Ebenbild Gottes“ hadert mit sich. So ganz sicher ist er sich nicht:

„Ich, Ebenbild der Gottheit,

das sich schon Ganz nah gedünkt dem Spiegel ewger Wahrheit…,

wie muß ich’s büßen!

Ein Donnerwort hat mich dahingerafft.“

Er vertraut der Phantasie, nicht überprüfbarem Denken. Phantasie ist ein Lieblingskind der Deutschen. In der Stoa war sie eine Einrichtung des Erkenntnisprozesses. Bei Deutschen wird sie zum Fenstergucker in das verbotene Kabinett der Schöpfung. Sie sind Voyeure transzendenter Geheimnisse, keine Malocher irdischer Vernunft. Noch nicht einmal ein Zauberlehrling ist Faust, sondern ein Zauberschmarotzer, der sich für mephistophelische Kniffe nicht die Bohne interessiert. Ein Befehlshaber des theatrum mundi, der den Teufel wie einen Apportierhund abrichtet, indem er sein angeblich bestes Teil, seine Seele, verächtlich in den Gully wirft. Ein großer Einsatz? Ein Bluff? Eine seriöse Wette? Ein offensichtlicher Betrug?

Die Sorge nistet in seinem Herzen (woher Heidegger das Sein in der Sorge hat). Alles ist prekär, alles steht immer auf dem Spiel. Sicher ist nichts. Die Sorge beschreibt er:

„Unruhig wiegt sie sich und störet Lust und Ruh;

Sie deckt sich stets mit neuen Masken zu …

Und was du nie verlierst, das musst du stets beweinen“.

Woran dein Herz hängt, es muß vor allem zittern. Woran du dich gewöhnt hast, dessen Verlust musst du am meisten fürchten.

Dann die extrem labile und schwankende Selbsteinschätzung:

„Den Göttern gleich ich nicht!  

Dem Wurme gleich ich, der den Staub durchwühlt“.

Gott oder Wurm. Was nicht gar! Keine durchwachsene, ausgereifte Identität. Alles oder nichts. Mitte ist Mittelmäßigkeit, Philisterei, Anti-Genie, Lauheit. Kriechen oder Beherrschen. Sich demütigen oder Aufspreizen. Unten oder oben. Füsse küssen oder den Hals umdrehn. Und was für ein unrettbarer Pessimismus, da kann doch nur ein Teufel, Messias – oder ein Führer helfen. (Der jüdische Historiker Stern hat den Pessimismus des 19. Jahrhunderts als Vorbereitung des Nazi-Führer-Kults analysiert.)

„O glücklich, wer noch hoffen kann,

Aus diesem Meer des Irrtums aufzutauchen!

Was man nicht weiss, das eben brauchte man,

Und was man weiß, kann man nicht brauchen.“

Das hätten Engländer niemals gesagt. Ihr Ingenium für das Praktische, Pragmatische hätte sie vollständig im Stich gelassen, wenn sie Dinge erforscht hätten, die sie nicht hätten nutzen können. Erneut pendelt Faust zwischen nutzloser „Grundlagenforschung“ und erkenntnislosem Durchwursteln.

Nun also zum Todestrunk. Der Herr ist in seiner Midlife-Krise durch nichts zu bremsen.

„Was kann die Welt mir wohl gewähren!

Entbehren sollst du! sollst entbehren!

Das ist der ewige Gesang.

Der jedem an die Ohren klingt…

Und so ist mir das Dasein eine Last,

Der Tod erwünscht, das Leben mir verhasst“.

Faust ist an die deutsch-augustinische Innerlichkeit gekettet. Sein Inneres kann er nicht nach außen wenden. Er kreist nur um sich selbst, um sein teures Innenleben. Er ist kein öffentlicher zoon politikon. Nur introvertierter Dauereremit. Grübler, Phantast. Gesellschaftsmisanthrop, aufgeblasener Hagestolz. Nicht fähig oder willens, sich anderen Menschen verständlich mitzuteilen.

„Der Gott, der mir im Busen wohnt,

Kann tief mein Innerstes erregen;

Der über allen Kräften thront,

Er kann nach außen nichts bewegen…“

Diese Schranke mussten die Engländer nie überwinden, denn sie hatten eine solche nie. In ihrem Inseldasein waren sie von vorneherein gezwungen, miteinander öffentlich umzugehen. Ihre Insel zwang sie zur Demokratie. Innen und Außen waren nie so separiert, gar feindlich aufeinander, als im zerstückelten Reich der Mitte. Unfähig, eine sinnvolle Politik der europäischen Mitte zu entwerfen, waren die Deutschen gezwungen, sich vom Außen abzuwenden – und sich an Tiefen ihres ach so reichen Innenlebens schadlos zu halten.

Sich selbst zerstören – oder die Welt. Auch hier ein ewiges Schwanken des Faust, ob er sich – oder die Welt in Trümmer legen soll. Also verflucht er vorsichtshalber alles.

“Fluch sei der Hoffnung!

Fluch dem Glauben, Und Fluch vor allem der Geduld!“

(Wenn Promis nach ihren Untugenden gefragt werden, antworten sie unisono: sie haben keine Geduld. Na klar, sie sind alles faustische Naturen, denen es nicht schnell genug gehen kann; sie wollen alle das Unmögliche; ihre Mitmenschen sind zu trivial, als dass sie deren Genialität würdigen könnten.)

Der Geisterchor antwortet mit einer trefflichen Analyse:

„Weh, Weh, Du hast sie zerstört, Die schöne Welt,

Mit mächtiger Faust; Sie stürzt, sie zerfällt!

Ein Halbgott hat sie zerschlagen! Wir tragen die Trümmer ins Nichts hinüber…

Prächtiger baue sie wieder, In deinem Busen baue sie auf!“

Die deutsche Pflichtapokalypse. Alles zertrümmern, um von vorne zu beginnen. Die selbsterfüllende Schuldenvergebung. Tabula rasa. Der erlösende Neubeginn. Schauen wir nach vorne, Vergangenheit ist gelöscht. Wir sind neu geboren. Im Kollektiv. Unsere Fehler und Irrtümer haben sich in Nichts aufgelöst. Wir müssen, wir können aus ihnen nichts lernen. Wir beginnen wieder am Punkte Null. Jungfräulich. Das Hymen haben wir wieder repariert. Wir sind wieder die Ein-Fältigen, die Gott liebt. Die kindischen Kinder, die noch keine Hypotheken auf den Schultern haben. Lasset die Kindlein zu Ihm kommen und wehret ihnen nicht.

Mit anderen Worten, wir Deutschen haben die Kunst erfunden, uns – unter Ausnutzen allen Weltgetöses – unvergleichlich genial: dumm zu stellen. Auch hier noch immer die Schranke der Innerlichkeit: die zertrümmerte Welt muss im eigenen Busen wieder aufgebaut werden.

Dann die berühmte Wette. Mephisto bietet sich als nützlicher Dackel dar, um dem Herrn Intellektuellen, der noch gar nicht gelebt hat, sein ungelebtes Leben zu sanieren, indem er alles nachholen kann, was er versäumt hat. Ewig müssen die Deutschen ihre Zurückgebliebenheit kompensieren. Ständig müssen sie nachsitzen. Aufholjagden in Niederbayern. Die Wette bezieht sich auf das irdische Dasein. Dem Jenseits wird heroisch eine Absage erteilt. Nicht ganz ernst gemeint, später ist es wieder präsent. Das klingt dann so:

„Das Drüben kann mich wenig kümmern,

Schlägst du erst diese Welt zu Trümmern,

Die andere mag darnach entstehen..“

Ach so, Rückversicherung ist obligat. Man weiss ja nie, ob's dieses Jenseits nicht doch gibt. Die ach so radikale Zertrümmerungsgeste – nichts als Theaterdonner.

Worin besteht die Wette, die Mephisto gewinnen muß, um die Seele des Faust seines Weges zu führen? Da gibt es unterschiedliche Aussagen, die nicht unbedingt kompatibel scheinen. Faust:

„Werd ich beruhigt je mich auf ein Faulbett legen,

So sei es gleich um mich getan!

Kannst du mich schmeichelnd je belügen,

Daß ich mir selbst gefallen mag,

Kannst du mich mit Genuß betrügen:

Das sei für mich der letzte Tag!

Werd ich zum Augenblicke sagen:

Verweile doch! du bist so schön!

Dann magst du mich in Fesseln schlagen,

Dann will ich gern zugrunde gehn!“

Faustus heisst Glück. Darf er nicht glücklich sein? Muß er unablässig, aber vergeblich, nach Glück trachten? Wie bei Locke? Ist Genuß gleich Glück? Ist Muße – also Faulbett – gleich Unglück? In der Deutung des Widersachers klingt das so:

“Ihm hat das Schicksal einen Geist gegeben,

Der ungebändigt immer vorwärtsdringt,

Und dessen übereiltes Streben,

Der Erde Freuden überspringt.

Den schlepp ich durch das wilde Leben,

Durch flache Unbedeutentheit,

er soll mir zappeln, starren, kleben,

Und seiner Unersättlichkeit,

Soll Speis und Trank vor gier’gen Lippen schweben:

Er wird Erquickung sich umsonst erflehn…“

Wäre Faust irgendwann mit sich zufrieden, dann wär's um ihn geschehn. Wenn das Glück sein soll, dann besteht es in ewiger Unzufriedenheit mit sich. Frieden und Glück schliessen sich aus, nicht aber bei Faust? Hat er den Glücksbegriff auf den Kopf gestellt? Erinnern wir uns an Gottes Aussage, dass der Mensch in unbedingter Ruh allzu leicht erschlafft. Deswegen muß er gereizt werden, damit er unentwegt tätig ist. Übersetzen wir Tätigsein mit Arbeiten, so heisst das, der faustische Mensch ist in der modernen Arbeitswelt angekommen. Er arbeitet nicht, um zu leben und zur Ruhe zu kommen, sondern er lebt, um zu arbeiten. Ruhe = Muße = Faulheit = Zufriedenheit mit sich = sich seines Lebens freun.

Faust, der Glückliche, muß unglücklich bleiben, um jenes Maß an „Glück“ zu ergattern, das ihm auf Erden beschieden ist: das zweifelhafte Glück des zwanghaften Arbeitens und Tätigseins. Es gibt keinen anderen Sinn des Tätigseins als – tätigsein. Das Telos der Arbeit ist verschwunden. Arbeit wird zum Selbstzweck. „Kannst du mich mit Genuß betrügen".  Ist Genuß nichts als Betrug? Das Gegenteil von Glück? Ist Genuß das Glück der Verachteten?

An anderer Stelle klingt das weniger genußfeindlich:

„Lass in den Tiefen der Sinnlichkeit

Uns glühende Leidenschaften stillen!“

Zu diesem Nachholbedarf an Sinnenfreudigkeit – gilt besonders für deutsche Intellektuelle: „sei jedes Wunder gleich bereit!“ Magier empfanden sich nicht als Wundermänner. Faust ist regrediert auf die Stufe des kindisch-verwöhnten Beters. Im Unterschied zum traditionellen Beter richtet er seine Befehle an den Teufel. Der Teufel als serviler Knecht, der sich aber fürstlich dafür bezahlen lässt. Wenn er am Ende nicht um sein Salär betrogen wird. Wie die Wette ausgeht, hat der Autor nicht verraten. Jeder muß sich sein Urteil bilden.

Goethe war zu feig, um Bilanz zu ziehen. Er wollte weder zu fromm, noch zu freigeistig erscheinen. Ein vorgesehenes Fazit mit Streitgespräch vor dem Jüngsten Gericht liess er fallen. Richtet nicht, auf dass ihr nicht gerichtet werdet.

Erst einmal gilt es, die Zeit in rasender Geschwindigkeit zu durchhasten. Ruhe als Reflektion? Als Selbsterkenntnis? Man kann sich nur in seinen Handlungen erkennen. Genauer: im Rausch einer atemlosen Hektik:

„Stürzen wir uns in das Rauschen der Zeit,

Ins Rollen der Begebenheit!

Da mag denn Schmerz und Genuß,

Gelingen und Verdruß

Miteinander wechseln, wie es kann:

Nur rastlos betätigt sich der Mann.“

Rastloses Abwechseln aller Gemütszustände. Keine Monotonie, auch nicht des Schönen und der Lebensharmonie. Immer das Neue, selbst wenn es schmerzlich ist. Immer noch besser als die Langeweile der Idylle. Das gute Leben wird diskriminiert als Biedermännerei, Spiessbürgerei, als Sattheit und Zufriedenheit. Zufrieden bin ich, wenn ich unzufrieden bin.

Zerrissen also: zwei Seelen wohnen, ach, in meiner Brust. Die eine will hellenisch sein in Maß und Ziel. Die andere christlich, irdisches Glück verachtend, in ewiger Hatz auf den eigenen Tod oder das Ende der Welt. Nicht im irdischen Leben, erst im Tod als der Pforte ins jenseitige Leben kann ich den Vorschein eines wirklichen Glücks empfinden. Sehnsucht nach dem Tod. Der – von den Franzosen verachtete – deutsche Todestrieb ist missglückter Trieb nach Glück. Die politische Unfähigkeit der Deutschen, sich hier auf Erden eine befriedete Existenz einzurichten. Mephisto kennt seinen Pappenheimer:

„Euch ist kein Maß und Ziel gesetzt.

Beliebts Euch, überall zu naschen,

Im Fliehen etwas zu erhaschen,

Bekomm Euch wohl, was Euch ergetzt!“

Maß und Ziel, die griechischen Standards sind außer Kraft gesetzt. Bedürfnisse werden, wie bei Locke, unendlich. Glück soll erhascht werden – aber ohne Aussicht auf Erfolg. Glück als anzustrebende Norm wird Ursache permanenten Unglücks. Der Zwang, vergnügt zu sein, wird Quelle eines unbesiegbaren Missvergnügens. Die Nötigung, ein Berserker der Lust zu sein , erbringt nichts als das – von Freud als natürliche Erblast angesehene – Unbehagen in der Kultur.

Von einer stoischen Meeresstille der Seele kann bei dem „Olympier“ keine Rede sein. Das Griechentum als reale Lebenskraft ist abgetan. Das moderne Gefühl der rasenden Zeit ist die Wiedererneuerung der urchristlichen eschatologischen Beschleunigung in aktivem Herbeizwingen des Jüngsten Gerichts (Akzeleration).

Faust setzt sich Ziele, die allein aufgrund ihrer Widersprüchlichkeit niemals erfüllbar sind. Den Mephisto verhöhnt er ob seiner Unfähigkeit, Paradoxa zu realisieren. Auch ein typischer Zug der Deutschen, die sich im Ausdenken von Unmöglichem zu übertrumpfen pflegen. Wer hört hier nicht den Satz der Kirchenväter: credo, quia absurdum. Je absurder die angestrebten Lebensziele, je kühner der Existenzentwurf, je hochfliegender das scheiternde Genie:

„Doch hast du Speise, die nicht sättigt, hast

Du rotes Gold, das ohne Rast,

Quecksilber gleich, dir in der Hand zerrinnt?

Ein Spiel, bei dem man nie gewinnt?

Ein Mädchen, das an meiner Brust

mit Äugeln schon dem Nachbar sich verbindet?

Der Ehre schöne Götterlust,

Die wie ein Meteor verschwindet?

Zeig mir die Frucht, die fault, eh man sie bricht,

Und Bäume, die sich täglich neu begrünen“!

Diese Paradoxa erinnern an jene der Bach’schen Johannespassion: „Betrachte mein Seel mit ängstlichem Vergnügen, Mit bittrer Lust und halb beklemmtem Herzen, Dein höchstes Gut in Jesu Schmerzen, Wie Dir auf Dornen, so ihn stechen, Die Himmelsschlüsselblumen blühen! Du kannst viel süße Frucht von seiner Wermut brechen.“

Als hätte Faust die Passion noch im Ohr, fährt er fort:

„… von Freud ist nicht die Rede!

Dem Taumel weihe ich mich, dem schmerzlichen Genuß

Verliebtem Haß ,erquickendem Verdruß,

Mein Busen, der von Wissensdrang geheilt ist,

Soll keinen Schmerzen künftig sich verschliessen …“

Ein vergebliches, ein selbstquälerisches Dasein. Er will die Welt verschlingen, aber wo?

„Und was der ganzen Menschheit zugeteilt ist,

Will ich in meinem innern Selbst genießen,

Mit meinem Geist das Höchst und Tiefste greifen,

Ihr Wohl und Weh auf meinen Busen häufen

Und so mein eigen Selbst zu ihrem Selbst erweitern

Und, wie sie selbst, am End auch ich zerscheitern!“

Der Held in einem deutschen Roman, welcher nicht scheitert, ist kein deutscher Held. Es bedurfte nicht zweier verlorener Kriege, um das psychische Zwangsscheitern der Deutschen plausibel zu machen. Deutschlands gesamte Geschichte ist ein einziges Scheitern. Kein Wunder, dass die Nazis mit Scheitern nichts mehr am Hut hatten. Genauso wenig übrigens wie mit der ecclesia patiens, den ewig lamentierenden Kopfnickern der „Kreuzestheologie“.

Nicht mehr Golgatha, der Triumph des Führers als dem wahren Sendboten des Himmels war angesagt. Die deutschen Paradoxa können auf Erden nicht einfach – wie etwa der gordische Knoten – zerhauen werden. Hier hilft nur einer: Gevatter Tod. Scheitend die Welt sich einverleiben – im eigenen Busen. Wieder die völlige Unfähigkeit, nach außen zu gehen, der Außenwelt ihr Recht zu geben. Alles nach innen. der deutsche Weltkannibalismus. Das eigene Selbst zu ihrem Selbst erweitern!

Was heißt das anderes, als die komplette Unfähigkeit, die Welt in ihrer Fremdheit und Andersartigkeit zu ertragen. Welt soll nur mein erweitertes Ich sein. Oder: mein Ich wird zum grandiosen Welt-Ich aufgebläht. Wo immer ich hinkomme in der Welt, ich komme zu – mir. Bin ich bei mir angekommen, bin ich aber nicht am Ruhepunkt und Ziel meines Lebens angekommen, sondern bin endgültig – gescheitert. Erfüllung und Scheitern ist identisch.

Wenn Mephisto ihn vor diesem und jenem warnt – „dieses Ganze ist nur für einen Gott gemacht“ – scharrt Faust mit den voluntaristischen Hufen: „Allein, ich will!“ Wenn da mal nicht Nietzsche, Bewunderer Goethes, den Willen zur Macht gefunden hat.

Genau genommen ist Mephisto die verkörperte Vernunft. Klein-Faust will endlich gottgleich sein. Mit weniger gibt er sich nicht zufrieden. Schon a priori weiss er, dass der Teufel nicht kongenial zu ihm ist. Der kann sein Himmelsstürmen weder verstehn, noch erfüllen:

„Und wenn ich mich am Ende niedersetze,

Quillt innerlich doch neue Kraft;

Ich bin nicht um ein Haarbreit höher,

Bin dem Unendlichen nicht näher.“

Wenn es nicht mal dem Teufel gelingt, die Deutschen mit himmlischen Orgasmen zu befriedigen, wie sollte das ein österreichischer Führer schaffen? An der deutschen Wolkengenialität scheitern die besten Gastarbeiter. Dabei muss der Himmel nur herhalten, weil die Welt dem linkischen Deutschen verschlossen bleibt. Der Himmelsstürmer wird doch nicht fremdeln in dieser unsrer Welt:

“Allein fehlt mir die leichte Lebensart…

Ich wusste nie, mich in die Welt zu schicken,

Vor andern fühl ich mich so klein;

Ich werde stets verlegen sein“.

Ach, schau: der linkische, schüchterne Weltzertrümmerer! Kann nicht mit Messer und Gabel umgehen, aber das Universum mit dem Hackebeilchen tranchieren. Wohl bekomms.

Zwischendrin Anflüge von Selbsterkenntnis – natürlich gehen die schnell vorüber, sonst wär das Drama viel zu früh vorbei:

„Mir widersteht das tolle Zauberwesen!

Versprichst du mir, ich soll genesen

In diesem Wust von Raserei?“

Das rasende Volk der Deutschen. Hätten sie beizeiten das englische Niveau der Technik und Naturwissenschaft erklommen, Millionen von Leichen hätten sie sich ersparen können. Dann allerdings hätten sie sich nicht einerseits die besten Kapitalisten, andererseits die tiefgründigsten Antikapitalisten sein dürfen.

Was ist der Unterschied zwischem deutscher und englischer Raserei? Die Deutschen müssen in Blut waten, schlachten persönlich. Die Gentlemen von der Insel lassen schlachten: wer durch Kapitalismus krepiert, ist selber schuld. Die Deutschen legen Wert darauf, die Schuld mit niemandem zu teilen. Sie haben im Religionsunterricht gelernt: wer die Schuld der Welt stellvertretend für alle auf sich nehmen kann, der ist – Sohn Gottes. Söhne Gottes wollten sie schon immer sein.

Was wäre denn die „vernünftige“ Alternative zu dem ganzen Hexen- und Teufelsspuk? Mephisto ist so frei, darüber ohne Umschweife zu sprechen. Er weiss, wenn Er das Vernünftige anspricht, wird Faust am heftigsten dagegen wüten. Also spricht der Teufel mit dem gesunden Menschenverstand:

„Gut! Ein Mittel ohne Geld,

Und Arzt und Zauberei zu haben:

Begib dich gleich hinaus aufs Feld,

Fang an zu hacken und zu graben,

Erhalte dich und deinen Sinn

In einem ganz beschränkten Kreise,

Ernähre dich mit ungemischter Speise,

Leb mit dem Vieh als Vieh und acht es nicht für Raub,

Den Acker, den du erntest, selbst zu düngen!

Das ist das beste Mittel, glaub,

Auf achtzig Jahr dich zu verjüngen!“

Wer wird denn ein solides vernünftiges Leben führen? Das kann doch jeder – Engländer. Nein, die Germanen müssen permanent ihr Genie-Zertifikat nachweisen – durch kollektive Golgatha-Aufführungen. Durch Kreuz, Blut und Boden – zur Weltherrschaft. Da kommt Freude auf. Und kein bisschen Langeweile. Genie und Wahnsinn ist keine kosmopolitische Erscheinung, sie ist die Erfindung germanischer Hinterwäldler, die ihren Wahn geschickt vermarkten. Man sehe sich nur angelsächsische Geistesriesen an: wie nüchtern und knorrig stehen sie in der Wirklichkeit. Russell, Mill, Keynes, Smith etc.

Der schlaue Mephisto spricht scharfsinnige Beobachtungen über das Thema an: die Deutschen und der Widerspruch:

“Denn ein vollkommener Widerspruch

Bleibt gleich geheimnisvoll für Kluge wie für Toren.

Mein Freund, die Kunst ist alt und neu.

Es war die Art zu allen Zeiten,

Durch Drei und Eins und Eins und Drei

Irrtum statt Wahrheit zu verbreiten.

So schwätzt und lehrt man ungestört;

Wer will sich mit den Narrn befassen?

Gewöhnlich glaubt der Mensch, wenn er nur Worte hört

Es müsse sich dabei doch auch was denken lassen.“

Die krausen und wirren Germanen lieben den Widerspruch. Die lateinische clarté der Franzosen ist bei ihnen bis heut ein Buch mit sieben Siegeln. (Natürlich haben die modernen Franzosen sich viel zu sehr von deutschen Hirngespinsten à la Heidegger und Co infizieren lassen.) Durch Drei und Eins: natürlich das logische Hexeneinmaleins des christlichen Dogmas. Je geheimnisvoller, je wirrer der Wortsalat, umso tiefgründiger die dahinter erahnte göttliche Metaphysik. Ahnungen, Ahndungen, Gefühl und Geschmack fürs Unendliche – die Lieblingsvokabeln der Romantiker (Schleiermacher).

Reduktion der Komplexität nennen es kühl die Sozialpsychologen. Je größer der Anteil der Welt, den sie nicht verstehen, umso größer der erhoffte Effekt, nach vielen Irrungen und Wirrungen mit einem erlösenden AHA den irdischen Knoten zu zerhauen. Ähnlich jenen Orgasmusgestörten, die – durch Denken an Unangenehmes – den lustvollen Höhepunkt so lange hinausschieben, bis Lust und Tod als Gesamtexplosion zusammenfallen.

Wer sein Leben frei und ungetrübt von lästigen Widersprüchen, wie ein Vogel in der Luft, verbringen will, auf den trifft exakt der berühmte Buchtitel zu: Von der unerträglichen Leichtigkeit des Seins. Viel zu einfach für einen deutschen Tiefgrübler. Das Leben muß eine Last sein, auch in gedanklicher Hinsicht. Das ganze Leben eines eingeborenen Himmelsstürmers: eine von Gott persönlich angeordnete Reihe von Denkaufgaben, die man zuvor gelöst haben muß, um Jauchs göttliche Wissenstrophäe abzuholen.

Nicht Taten, die jedem offen zu Tage liegen, es müssen Gedankenrabulistik und Gehirnakrobatik sein, damit der himmlische Gedankenleser seine väterliche Freude hat. Linkisch, unfrei, durch Massen ungelüfteter Hirnspekulationen beschwert – so wird der deutsche Charakter in der Welt wahrgenommen. (Letztes Beispiel Papa Ratzinger bei den heißblütigen Brasilianern.)

Hinzu kommt die Haltung des ewigen Schülers, der duckt und buckelt vor jeder vermuteten Autorität. Wenn letztere noch so viel Unsinn verzapft, man fegt ihn nicht vom Tisch – man zermartert sich das Gehirnkastl, was so ein Großer Mann sich dabei nicht alles denken kann. Die Welt darf nicht wirr bleiben, obwohl sie so erscheint. Also muß sie einen Sinn hinter allem sinnlos Scheinenden aufweisen.

Das ist des Deutschen mentale Theodizee. Je weniger ich verstehe, je widerspruchsvoller das ganze Weltgetriebe, umso mehr muß sich etwas „dahinter“ verstecken. Alles andere wäre Verrat an Gottes final-harmonischer Welt. Siehe Leibniz: die bekannte ist die beste aller möglichen Welten. Deshalb die „dialektische Leidenschaft“ deutscher Denker. Durch alle Widersprüche hin zur gloriosen Klarheit am Ende aller Tage. Wenn Gott die metaphysischen Rätsel mit dem eleganten Zucken seines Zauberstabs auflösen wird.

Haben wir‘s doch gewusst, vielmehr geahnt, so geht ein kollektives Aufatmen durch die erlöste deutsche Grübler- und Genietruppe. Die Verführbarkeit durch das Geheimnis des Widerspruchs ist der Glaube an die überlegene Weisheit des Herrn, der einst alle Rätsel auflösen wird. Nur ER kann‘s, nicht der kindische Mensch.

Zwischendrin ein paar Leckerlis für den „kritischen Zeitgenossen“:

„Die Kirche hat einen guten Magen,

Hat ganze Länder aufgefressen,

Und doch noch nie sich übergessen,

Die Kirch allein, meine lieben Frauen,

Kann ungerechtes Gut verdauen.“

Sagt der beste Freund der Kirche, Mephisto. Hierauf Faust, der sich nicht lumpen lässt:

“ Das ist ein allgemeiner Brauch;

Ein Jud und König kann es auch.“

Ist Goethe Antisemit? Oder nur antikapitalistisch gesonnen? Gute Frage, nächste Frage.

Das Techtelmechtel beginnt. Gretel, das blonde deutsche Weib an sich, muss als erstes – was? Den Glaubensstand des großen Mannes inquisitieren: Wie hältst dus mit der Religion? Während jener ausweichend von Gefühlen schwafelt und die Katechismusfragen nicht so recht beantworten will, gehört es für ihn doch zum Sex-Appeal der unschuldigen „Puppe“, dass sie’s nicht nur reinlich in ihrer Stube, sondern auch in ihrer frommen Oberstube hält. Wer noch an Beglücker Gott glaubt, verspricht, den ersten Beglücker als Gott anzuhimmeln. Was auch geschieht. Ihre Bilanz über den sinnlich-freigeistigen Freier:

„Du lieber Gott! was so ein Mann

Nicht alles, alles kann!

Beschämt steh ich nur vor ihm da

Und sag zu allen Sachen Ja.

Bin doch ein arm unwissend Kind,

Begreife nicht, was er an mir findt.“

Die deutschen Edeljungfrauen sind unwissende Kinder, jungfräulich an Leib – und am Gehirn. Sie bieten ein mentales Kindchenschema, heut müsste man sagen: Knutchen-Schema (danach erst kommt Knutschen). Da ein klassisches deutsches Paar stets eine Erziehungsbeziehung unterhält, ist der deutsche Eros in hohem Maße ein – philosophischer Eros.

Platon liegt in jedem deutschen und keuschen Bett. Das Liebesgeflüster ist eine nachgeholte didaktische Beziehung zu dem ehedem so kalten autoritären Oberlehrer. Den man jetzt in der Person des züchtig-freundlichen Bräutigams nachträglich – erotisiert. Die deutschen Schlafzimmer sind die mit Matratzen ausgestatteten Schulzimmer mit dem retardierten Zweck der allerpersönlichsten – auf den Leib geschriebenen – Nach-Hilfe.

Wie sagte Roger Willemsen? Da er nicht attraktiv sei, habe er Weiber nur durch intellektuelles Schwafeln in die Heia gebracht. Roger! Aber warum müssen die deutschen Gretels gleich zu „allem Ja“ sagen? Kann man im Bettchen nicht auch mal Njet flüstern? Hier haben wir also die authentische Quelle des deutschen Kopfnickens und Jasagens vorliegen. S’ist die deutsche Unschuld mit Zöpfen, die an allem Schuld hat. Eva zuerst, dann die Gretel. Eva aber fühlte sich Adam nicht unterlegen: so degeneriert ist die deutsche Margarete.

Dafür hat Goethe sie auch schnell ins Jenseits befördert. Für erste Mal kann man sich mit ihrem frommen Seufzen noch begnügen. Schnell wird sie langweilig, vor allem rechthaberisch und keifend. Ihr bewunderndes Jungfrauengetue war nur ihr PR-Angebot, um das späte Mädchen noch unter die Haube zu bringen. Kaum regiert sie das Haus, wird jeder deutsche Professor zum Bett-Vorleger. Damit das sonst schon genug geplagte Publikum von dieser trivialen Entwicklung nicht weiter belästigt wird, muss das reinliche Kindsweib beizeiten abtreten. Die glanzvolle Karriere des Großen Mannes soll sie auf keinen Fall behindern. Sie stirbt. Doch keine Bange: sie wird von oben gerettet. Ab in den Himmel.

Faustens zerrissenes, ambivalentes Verhältnis zur Natur offenbart sich in: „Wald und Höhle“. Zuerst gesteht er volle Harmonie:

„… du gabst mir, gabst mir alles,

Warum ich bat …

Gabst mir die herrliche Natur zum Königreich,

Kraft, sie zu fühlen und genießen.“

Welche Wirkung hat die Natur auf ihn? Sie lindert und besänftigt sein inneres Tohuwabohu. Und dann – übergangslos – der Bruch:

„O dass dem Menschen nichts Vollkommenes wird,

Empfind ich nun! Du gabst zu dieser Wonne,

Die mich den Göttern nah und näher bringt,

Mir den Gefährten…kalt und frech, der

Mich vor mir selbst erniedrigt..

Er facht in meiner Brust ein wildes Feuer

Nach jenem schönen Bild geschäftig an.

So tauml ich von Begierde zu Genuß,

Und im Genuß verschmacht ich nach Begierde.“

Typisch: nicht er, der Teufel ist an allem schuld. Er hat ja seine Seele nicht jenem zum Deal angeboten und verkauft. Er hat jenem nicht den Auftrag gegeben, ein lecker Mädchen aufzureissen. Gelle? Deswegen wird man diesen Gottseibeiuns auch erfunden haben, dass man immer einen Sündenbock zur Stell hat. Nicht Jesus, sein Gegenspieler hat die Arschkarte der Weltgeschichte. Das Böse ist an allem schuld, wenn einem sonst nichts mehr einfällt.

Die vollkommene besänftigende und lindernde Natur wird wortlos unter den Tisch gekehrt. Der ganze Jammer des frühkapitalistischen, zwischen nie zu befriedigender Begierde und genusslosem Genuß hin und herschwankenden, Weltmeisters der Labilität und des rastlosen Tätigkeitszwangs zeigt sich in seiner ganzen Erbärmlichkeit. Er verkauft sein Selbstbewusstsein, erniedrigt sich vor sich selbst – zu welchem Zweck? Dass er von keiner Macht der Welt, nicht mal dem Teufel, zu einem befriedigenden, glücklichen Menschen überredet werden kann. Vorher krepier ich lieber, als ein Glücklicher zu werden.

Eine perversere Wette kann man nicht erfinden Ein Deutscher braucht den Teufel persönlich, um ihm zu beweisen, dass er lieber zur Hölle fahren will – als zur Hölle zu fahren. Ob er die Wette gewinnt oder verliert, sein Leben muss ein Fiasko werden. Es ist das präzise Gegenteil einer win-win-Situation. Eine hermetisch gegen alle Lösungsversuche abgeschirmte Vergeblichkeits- und Todessehnsucht. Diesem Faust ist nicht zu helfen.

Genau das will er beweisen: seine versteckte Allergie gegen das ihm aufgepfropfte Christentum. Welches er nicht freimütig zurückweisen und ad acta legen kann, sondern in anonymer Aversion ad absurdum führen will. Ohne dass irgendjemand es merkt. Die Deutschen wollen keine Christen sein, doch die Popen dürfen es nicht spitzkriegen. Raffiniert, gelle? Wozu braucht er einen Mephisto, um sich zu beweisen, dass er unter keinen Umständen zur Meeresstille der Seele finden kann? Unglücklich war er ja schon vorher. Dazu brauchte er keinen Mäeut rastloser Unzufriedenheit. Was die Fähigkeit zum Unglück angeht, da war er autonom. Die einzige Alternative zur sinnfreien Jagd nach Unfrieden: das bäuerliche Pflügen und Graben, das zu Maß und Endlichkeit verpflichtende Arbeiten in der Natur, die war ihm schon immer verwehrt.

Wenn er zum Augenblicke sagt: verweile doch, du bist so schön, dann solls um ihn geschehn sein. Mit anderen Worten: wenn er glücklich ist. Glück auf Erden ist verboten. Wer es erleben muß, wird bestraft. Mit Verlust seiner Seele. Also kann er die Wette nur gewinnen, wenn er im Unglück verharrt. Unglück wird belohnt. Mit dieser verqueren Wette zeigt Faust sich als Christ, obwohl er sich mit allen Kräften dagegen wehrt, erlösbar zu erscheinen. Ringsum alles verstellt.

Das ist des Deutschen Ehre. Den Augenblick geniessen, das wäre griechische Muße. Die Zeit stillstellen. Im nunc stans die Zeitlosigkeit erleben, zur Ruhe zu kommen. Diese „heidnische Option“ ist tabu. Goethe ist nicht der in sich ruhende „Olympier“, angstfrei sein Leben lebend, furchtlos-heiter den Tod erwartend. Er ist nicht der große „Gesunde“, im Gegensatz zu den lebensunfähigen, kränkelnden Romantikern. Die Romantiker, als nächste Generation, haben ihm seine inneren Konvulsionen nur zurückgespiegelt, die er auf sie abwälzte, damit er sich auf ihre Kosten sanieren konnte.

Faustens Situation ist ausweglos. Rundum vermint. Sein vermeintliches Glück besteht im zwanghaften Unglücklichsein. Damit er rastlos wirken kann. Das ist der kranke Kern der protestantischen Arbeitsethik. Des Fluchs zur lebenslänglichen Zwangsarbeit. Am Anfang ohne Produktionsinhalt, am Ende als Krieger, Kolonisator, der über Leichen geht, um Herrschaft und Reichtum zu erraffen. Eine – anfänglich noch embryonale – zum schlechten Ende klassische Kapitalistenkarriere. Wozu sollte man sonst so erpicht sein auf Macht und Geld, wenn man es nicht nötig hätte, seine Misere in Permanenz durch Herrschaft über andere Menschen zu kompensieren?

Wer ständig zwischen Begierde und Genuß laviert, ist idealer Konsument. Die Bedürfnisse müssen ins Unendliche ausgedehnt werden. Das gelingt nur bei ständigem Ekel an der aktuellen Scheinbefriedigung, die sich nur deshalb einstellt, weil das permanente Neue ebendas verspricht, was das genossene Alte nicht hielt.

Wer Befriedigung als das Alte erlebt, das im Moment seiner Konsumtion seinen Wert verlieren muss, hat ständig das Neue zu ersehnen, von welchem er hofft, dass es das Abdriften ins Alte stoppen könnte. Doch selbst diese Hoffnung ist ihm nicht mehr gestattet. Wenn es keinen Ruhepunkt im Leben geben kann, bleibt nur der Tod. Der kollektive Tod. Den nennen die Christen Apokalypse. Die Quittung eines Lebens, das auf Natur angewiesen, auf Erden aber nicht auf seine Kosten kommen darf. Der „dezidierte Nichtchrist“ ist ein ordinär praktizierender Jünger des von ihm wenig geschätzten Mannes am Kreuz. Faust glaubt nicht im bewussten Sinn, er handelt aber im traditionellen Kirchenglauben. Ebendies war die christliche Melange der faustischen – Nazis.

Anfälle von theatralischer Selbstkritik:

„Bin ich der Flüchtling nicht? der Unbehauste?

Der Unmensch ohne Zweck und Ruh?

Der wie ein Wassersturz von Fels zu Felsen brauste,

Begierig nach dem Abgrund zu?“

Antwort: Ja. Allein die Anklage ist nur fürs Parkett. Über Gretchen vergiesst er Krokodilstränen:

„Sie, ihren Frieden musst ich untergraben!

Du, Hölle, musstest dieses Opfer haben!

Hilf, Teufel, mir die Zeit der Angst verkürzen!

Was muß geschehn, mag’s gleich geschehen!

Mag ihr Geschick auf mich zusammenstürzen

Und sie mit mir zugrunde gehen!“

Fromme Wünsche für einen „geliebten“ Menschen, den man für unschuldig hält. Dessen Lebensunglück man selber verursacht hat. Sein eigenes Unglück genügt dem Posierer nicht. Engumschlungen will er im trauten Verein in die Hölle fahren. Selbst da kann er nicht allein sein. Dass nur er Schuld trägt, will ihm selbst im Angesicht des Todes nicht über die selbstbemitleidenden Lippen.

Da bleibt dem Teufel nur Spott und Hohn:

„Du bist doch sonst so ziemlich eingeteufelt.

Nichts Abgeschmackters find ich auf der Welt

Als einen Teufel, der verzweifelt.“

Die Welt ist alt, zum Untergang bestimmt. Mephisto ist es, der es ausspricht und er muss es wissen:

„Zum Jüngsten Tag fühl ich das Volk gereift,

Und weil mein Fässchen trübe läuft,

So ist die Welt auch auf der Neige.“

Für Gretchen endet es bitter: Heinrich, mir graut vor dir. Wie hieß noch mal Himmler mit Vornamen?


Tod der Frau, Ende Faust Eins. Beginn des Aufstiegs des Mannes. Faust Zwei.



© Fritz Gebhardt