Umwälzung IC

Tagesmail - Montag, den 13. August 2018

Hello, Freunde der Umwälzung IC,

zum Weltuntergang antreten in Reih und Glied: stumm und schicksalsergeben. Vor allem nicht hysterisch werden.

„Die Hoffnung, derlei Übertreibungen würden Menschen zur Unterstützung des Klimaschutzes motivieren, hat sich schon lange als Trugschluss erwiesen. Je gravierender der Klimawandel dargestellt werde, desto eher würden sich Leute von dem Thema abwenden, berichten Soziologen. Immer neue Horrorszenarien schaden demnach dem Klimaschutz. Die Debatte steckt in einem Dilemma: Nur wer sich mit Hysterie nach vorne drängelt, erntet Beachtung.“ (SPIEGEL.de)

Deutsche Helden sterben lautlos. Wer Zeter und Mordio schreit, hat keinen Stil. Wenn es ans Krepieren geht, heißt es Facon bewahren. Süß und ehrenvoll ist es, die Gattung geräuschlos verenden zu lassen. Wenn man das Ende kommen sieht, muss man Haltung annehmen. Schicksalsergebenheit ist das Signum deutscher Helden. Die bedingungslose und ergebene Liebe zum Fatum zeichnet den Übermenschen aus:

„Amor fati: das sei von nun an meine Liebe! Ich will keinen Krieg gegen das Hässliche führen. Ich will nicht anklagen, ich will nicht einmal die Ankläger anklagen. Wegsehen sei meine einzige Verneinung! Und, Alles in Allem und Großen: ich will irgendwann einmal nur noch ein Ja-sagender sein.“ „Meine Formel für die Grösse am Menschen: Das Nothwendige nicht bloss ertragen, noch weniger verhehlen sondern es lieben.“ (Nietzsche)

Sieg im Untergang, Untergang im Sieg, daran erkennen wir deutsche Heroen. Optimismus ist lästerlicher Amerikanismus. Amor fati, Liebe zum Schicksal, ist ...

... die moderne Umschreibung der protestantischen Vorherbestimmung.

Die Tötung Gottes befreit Nietzsche nicht vom Erbe seines väterlichen Glaubens. Der Sieg über den Pessimismus ist die selbstüberwindende Bejahung des schrecklichen Endes. Bejahe, was du ohnehin nicht vermeiden kannst und du darfst an die Illusion der Freiheit glauben.

„Nur Träumer glauben an Auswege. Optimismus ist Feigheit. Wir sind in diese Zeit geboren und müssen tapfer den Weg zu Ende gehen, der uns bestimmt ist. Es gibt keinen andern. Auf dem verlorenen Posten ausharren ohne Hoffnung, ohne Rettung, ist Pflicht. Ausharren wie jener römische Soldat, dessen Gebeine man vor einem Tor in Pompeji gefunden hat, der starb, weil man beim Ausbruch des Vesuv vergessen hatte, ihn abzulösen. Das ist Größe, das heißt Rasse haben. Dieses ehrliche Ende ist das einzige, das man dem Menschen nicht nehmen kann.“ (Oswalt Spengler)

„Im kriegerischen „Stahlgewitter“ weiß der Frontkämpfer nicht mehr, für welche Werte er kämpft und leidet. Dabei besteht das Wesentliche in der Widerstandskraft, in der Haltung.“ (Ernst Jünger)

Es geht nicht um Sieg, es geht um Kampf. Der Kampf will sich selbst, durch Erfolg muss er sich nicht rechtfertigen.

„Denn der Frontkämpfer spüre, daß sein Leiden und sein Opfer einen Sinn haben, gleichsam zu den Geburtsschmerzen einer neuen Epoche gehören, indem die bürgerlich-liberale Zeit mit ihren humanistisch-humanitären Parolen zu Ende gehe.“ (Jünger)

Die humanistischen Phrasen müssen getilgt werden. Lautlos sind wir im Fatalismus, im heroischen Realismus angekommen.

Warum waren die deutschen Helden nach der Niederlage so wenig niedergeschlagen? Der Sinn ihres Kampfes war nicht Sieg, sondern Kampf an sich.

„Nicht der Sieg entscheidet über den Wert des Kampfes. Die Hoffnung auf Sieg darf nicht einmal bestimmend sein für den Kämpfenden.(Werner Best, NSDAP)

So gesehen haben die Deutschen den Krieg gar nicht verloren. Sie konnten ihn gar nicht verlieren, der Sieg war kaum wichtiger als die Niederlage. Entscheidend war das Kämpfen. Die Alliierten waren erstaunt, wie wenig die Deutschen paralysiert waren vom Tod ihres Führers. Sie lebten weiter, als sei nichts geschehen. Sie hatten das Spiel verloren, doch ihr perverses Motto war: Dabeisein ist alles, der Sieg ist nichts.

„Meine Formel für die Grösse am Menschen: Das Nothwendige nicht bloss ertragen, noch weniger verhehlen sondern es lieben.“ (Nietzsche)

Schaut man genauer hin, ist der Fortschrittsglaube der Gegenwart nur ein getarnter heroischer Realismus. Sich rüsten auf das, was auf uns zukommt. Sich zukunftsfest machen. Den Forderungen des Kommenden gewachsen sein. Werden wir die Herausforderungen der Zukunft bestehen?  

Nie wird die Frage gestellt: Wollen wir, was auf uns zukommt? Wer ist es, der das zukünftige Geschick bestimmt? Wer ist es, der sich erkühnt, die Geschichte des Kommenden zu schreiben?

Als lebensuntüchtig gilt bei uns, wer sich den kommenden Wettbewerbsbedingungen nicht stellt. Sie fühlen sich frei, wenn sie nichts anderes tun, als einem unerbittlichen Gesetz der Geschichte zu folgen.

Da man das Kommende und Unvermeidliche nicht nach bestimmten Kriterien aussortieren kann, fällt die Frage nach Moral aus. Denn Moral folgt dem Guten oder Bösen. Amor fati aber ist bedingungslose Liebe zu allem, was auf uns zukommt.

In der Konservativen Revolution ist eine radikale Bewertung des Menschen nach „gut“ oder „böse“ unmöglich. Ihre Einstellung ist keine sittliche, sondern eine alles Geschehen als sinnvoll akzeptierende Haltung. „«Ästhetisch» könnte man eine solche Haltung, im Gegensatz zur moralischen Haltung nennen."

"Die Konservative Revolution sieht alle menschlichen Haltungen im Letzten scheitern. Das Scheitern bliebt in seiner Härte bestehen und kann nicht von der hohen Warte eines Ganzen in den Sinn dieses Ganzen eingefügt werden.“ (A. Mohler, Die Konservative Revolution in Deutschland)

„Amor fati ist die Liebe zur Welt, wie sie einmal ist, mit ihrem ewigen Wechsel von Geburt und Vernichtung – zur Welt, wie sie jetzt ist ohne jede Hoffnung auf eine Besserung in einem Jenseits oder in ferner Zukunft. Zur Welt, wie sie immer war und sein wird.“ (Nietzsche)

Äußerlich ist der lineare Fortschritt ein Widerspruch zur Liebe des immergleichen Schicksals. Wer genauer hinschaut, sieht eine Hoffnung, die die wahren Untergrundgefühle des Immergleichen mit Glaubenshoffnung überdeckt. Ohnehin weiß niemand, zu welchem Endschicksal die Geschichte den Einzelnen auswählt: zur ewigen Seligkeit – oder ewigen Verdammnis. Wie können die Frommen ihr künftiges Schicksal in Gleichmut erwarten, wenn sie nicht wissen können, zu welcher Kohorte sie gehören werden?

Alles, was unendlich sein soll, ist trostlos. Eine unendliche Fortschrittsgeschichte ist keine Beruhigung, sondern ein unwirksames Beruhigungsmittel gegen Ängste ewiger Verdammnis. Sich abfinden mit dem Schicksal ist eine Haltung, „die sich mit Lust in die Luft zu sprengen vermag und in diesem Akt noch eine Bestätigung der Ordnung erblickt.“

Ökologische Naturzertrümmerung ist ein Akt terroristischer Selbstverdammnis. Je mehr man in die Luft sprengt, je näher fühlt man sich dem obersten Geschick verwandt. Fortlaufende Destruktion ist das Geheimnis grenzenlosen Fortschritts. Ruhepunkte, Einlaufen in einen beglückenden Zielort darf es nicht geben. Jede Zufriedenheit wird von der nächsten Unzufriedenheit zertrümmert.

Der heroische Realismus des Westens wird übertüncht von der linearen Eschatologie, der bodenlose Pessimismus wird umgedeutet in einen aufgesetzten Glauben an ein optimistisches Ende.

In endlos verlaufender Zeit wäre jede moralische Bewertung ein Bremsvorgang, ein angebbares Ziel, wo die Zeit zur Ruhe fände. Moralisieren wird von heroischen Realisten als Diffamierung der endlosen Zeit begriffen. „Der Thersites des Homer (eines moralischen Krittlers), der die Könige tadelt, ist eine stehende Figur aller Zeiten. Schläge, d.h. Prügel mit einem solchen Stabe, bekommt er zwar nicht zu allen Zeiten wie bei Homer, aber sein Neid, seine Eigensinnigkeit ist der Pfahl, den er im Fleische trägt und der unsterbliche Wurm, der ihn nagt, ist die Qual, dass seine vortrefflichen Absichten und Tadeleien in der Welt doch ganz erfolglos bleiben. Man kann auch eine Schadenfreude am Schicksal des Thersitismus haben.“ (Hegel)

Knapper und trefflicher kann man unsere Gegenwart kaum charakterisieren als mit den Worten Hegels, der das autonome Moralisieren des Menschen als bloßen Neid auf den Verlauf der Geschichte bezeichnet, die keinem Zuruf des Menschen gehorcht. Marx folgt den Spuren seines Lehrers aufs I-Tüpfelchen:

„Der Kommunismus ist für uns nicht ein Zustand, der hergestellt werden soll, ein Ideal, wonach die Wirklichkeit sich zu richten haben wird. Wir nennen Kommunismus die wirkliche Bewegung, welche den jetzigen Zustand aufhebt.“

Bewegungen und Parteien mit einem Soll-Programm, das von Menschen erfüllt werden müsste, sind im Marxismus nicht vorgesehen. Sofern die momentanen Linken noch von postmarxistischer Couleur gezeichnet sind, werden ihre eigenen „Ideale“ sie nimmermehr beflügeln, die Zukunft zu gestalten. Sie warten insgeheim auf Rückenwind der Geschichte, der sie in die Lüfte heben und ins Reich der Freiheit treiben wird.

Wer es gegenwärtig wagt, Geschichte als menschliches Betätigungs- und Gestaltungsrevier zu betrachten, in dem das Ist einem Soll weichen soll, der muss froh sein, wenn er von den Hütern der automatischen Geschichte nicht verprügelt wird.

Die WELT verteidigt das antidemokratische Identitätsgesetz Israels, mit dem alle Nichtjuden zu zweitklassigen BürgerInnen des Landes degradiert werden, mit dem Hinweis auf den bestehenden Ist-Zustand:

"Man muss nicht gleich mit dem Vorwurf des Antisemitismus kommen, verräterisch aber ist es schon, mit welcher gnadenlosen Unbedingtheit etwas attackiert wird, das nichts weiter als den Istzustand beschreibt. Und wer an dieser Stelle darauf hinweisen will, dass es dem Geist der westlichen Demokratien widerspricht, eine Religion zur Staatsreligion zu erheben, der sollte auf Europa schauen. In sieben europäischen Staaten ist das Christentum Staatsreligion, darunter in der Mutter der Demokratien – in Großbritannien –, in Polen und Griechenland.“ (WELT.de)

Hier wird, wie bei Hegel, Marx und allen Anbetern einer vollautomatischen Geschichte, der Ist-Zustand zum Nonplusultra der Geschichte erklärt. Was ist, könne nicht so unwichtig sein, dass es auch anders sein könnte. Der Weltgeist spottet der moralisierenden Pfuscher der Geschichte, die sich einbilden, den Verlauf der Ereignisse beeinflussen zu können.

Gewiss, der Kommentator hat recht, wenn er auf die christlichen Staatskirchen anderer Länder verweist. Auch Deutschland gehört zu den Nationen mit faktischen Staatskirchenprivilegien. Dennoch ist die Schlussfolgerung falsch. Ein undemokratischer Vorgang in einer Nation kann nicht legitimiert werden durch undemokratische Institutionen anderer Nationen.

Wer den Ist-Zustand verteidigt, verteidigt die Macht des Ist. Wer das Ist verändern will, braucht moralische Vorstellungen von einem erwünschten Soll-Zustand.

Der Vorteil aller konservativen Parteien besteht darin, keine utopischen Soll-Zustände aus den Fingern saugen zu müssen. Sie sind entlastet von der Mühe einer kritischen Veränderung des Ist. Kommt hinzu, dass die Einflussreichen eines Staates, die im Wohlstand schwimmen, unschuldig mit den Augen rollen: Verändern? Ja, was denn? Schwimmen wir nicht im Glück?

Markus Feldenkirchen attackiert die moralisierenden Selbstzerfleischungen aller linken Bewegungen. Auch die neue Bewegung „Aufstehen“ von Sahra Wagenknecht und Oskar Lafontaine werde diesem Verhängnis nicht ausweichen können:

„Den asozialsten und unsolidarischsten Umgang miteinander pflegen in Deutschland traditionell jene Kräfte, deren Ziel eine soziale und solidarische Gesellschaft ist. In diesem Widerspruch liegt die große Tragik der politischen Linken im Lande. Ihre notorische Neigung zur Selbstzerfleischung, ihr Hang zur Rechthaberei und zur Haarspalterei war über die Epochen hinweg eine Art Lebensversicherung für konservative Kräfte in Deutschland. Sie hätten seltener regiert, wenn sich die Linke nicht so häufig zerstritten hätte, welcher der richtigen Wege nun der allerrichtigste ist. Es bringt nichts, wenn linke Politiker, egal welcher Partei, beklagen, dass zehn Prozent der Bevölkerung über zwei Drittel des privaten Vermögens verfügen oder dass Kinder von Vermögenden weit größere Chancen auf einen attraktiven Beruf haben als ärmere. Wenn sie nicht bereit ist, sich zusammenzufinden, um daran politisch etwas zu ändern. Deshalb ist die Idee einer linken Sammlungsbewegung, die zusammenführt, was zusammengehört, ebenso richtig wie überfällig. Dort, wo bislang die Neurosen wuchern, müssen endlich wieder die Gemeinsamkeiten betont werden.“ (SPIEGEL.de)

So weit sind wir gekommen, dass Streiten um Wahrheit nichts ist als Rechthaberei und Haarspalterei. Die philosophische Urbewegung in Athen, der wir unsere Demokratie zu verdanken haben, wäre nichts als neurotischer Profilierungszwang.

Gewiss, solche Gefühle können in allen politischen Entscheidungen vorhanden sein. Es kömmt aber darauf an, dass undurchdachte und irrationale Emotionen durch Streiten in Methoden der Wahrheitsfindung verwandelt, okay, sublimiert werden. Aus „Unedlem“ und „Dunklem“ wächst, was Bestand haben kann. Nicht Gefühlswurzeln zählen, sondern die Anstrengung, sie in eine sinnvolle Suchbewegung zu verwandeln. Der Mensch macht etwas aus sich. Am Ende zählt das Ergebnis, nicht das Starren auf die unfertigen Anfänge, die man hierzulande zu „Gesinnungen“ veredelt.

Wäre Gandhi ein eitler Tropf gewesen, der aus bloßer Ruhmsucht seinem Volk die Unabhängigkeit bringen wollte, wäre seine Eitelkeit nicht genug zu rühmen. War der junge Einstein nicht von der Hybris beseelt, Welträtsel der Physik mit einer stupenden Formel zu lösen? Mensch, werde eitel und arrogant – wenn dies die Kräfte wären, die der Gattung den Frieden in der Natur bringen könnten. Nicht das Unfertige bestimmt a priori den Aufstieg des Denkens zur Erkenntnis, das Denken rechtfertigt oder widerlegt im Nachhinein das instinktive Gespür des Suchenden.

Der Mensch in seinem dunklen Drang ist sich des Weges wohl bewusst. Der Satz ist zweideutig. Verbleibt der Mensch in seinem dunklen Drang, könnte er den rechten Pfad in die Suchbewegung verfehlen. Nur der scharfe Wettbewerb der Meinungen auf dem Marktplatz kann subjektive Dunkelheiten überwinden.

Die wahrheits- und moralallergische Bewegung der Gegenwart hasst das Widerlegtwerden und nennt es einen Akt der Beschämung. Dass wahrheitslose Mächte ihre Kritiker nach Belieben überfahren, um sie in Bedeutungslosigkeit zu verstoßen, das wird nicht als beschämend empfunden. Der Grund liegt auf der Hand: die Mächtigen des Ist kennen nicht die Beschämung der Machtlosen durch die Gewalt des Bestehenden. Die Schwachen und Ohnmächtigen sind auf stringente Beweisführung und scharfe Schlussfolgerung angewiesen, um den Ideologien der Eliten ihre demokratischen Alternativen entgegenzusetzen.

Axel Bojanowski warnt vor Übertreibungen beim Thema Klimaverschärfung. Das ist eine bewährte Methode der Medien, um ihre Spielchen zu spielen. Wochenlang wird das Publikum mit Katastrophenmeldungen angeheizt – um am Ende mit einer kalten Dusche abrupt zur Raison gerufen zu werden. In einem früheren Artikel hatte der SPIEGEL vor einer Heißzeit gewarnt:

„Die Gefahr einer Heißzeit kann aus Sicht von Klimaforschern selbst beim Einhalten des Pariser-Klimaabkommens nicht ausgeschlossen werden. Dabei würde sich die Erde langfristig um etwa vier bis fünf Grad Celsius erwärmen und der Meeresspiegel um 10 bis 60 Meter ansteigen, schreiben Forscher. Auch wenn es nicht möglich sei, die exakte Erdtemperatur zu bestimmen, bei der eine Kaskade von Kippelementen die Erde in Heißzeit bringe, sei es richtig, sich Gedanken zu machen. "Die Risiken zu ignorieren, könnte katastrophal für den Menschen und den Planeten werden." (SPIEGEL.de)

Der Artikel schreibt von Kipppunkten und Domino-Effekten. Von einer exakten Beschreibung der wissenschaftlichen Methoden der Klimaforscher kann keine Rede sein. Kritische Forscher werden zitiert, deren Gegenargumente erneut im Dunklen bleiben. Die Artikelschreiber selbst haben keine eigene Meinung. Sie verstecken sich hinter dem Stimmengewirr der Wissenschaftler.

Erneut versagt der Wissenschaftsjournalismus auf der ganzen Linie. Er müsste das Ziel haben, den interessierten Laien so zu informieren, dass dieser sich selbst ein Urteil über Arbeitsmethoden und wissenschaftliche Ergebnisse bilden könnte. Wissenschaftsjournalisten begnügen sich hingegen zumeist mit Sensationsmeldungen und dem Zitieren verschiedener Wissenschaftler.

Sensationen sind längst zu dem geworden, was früher Wunder der Zauberer und Magier waren. Keine Meldung ohne erkenntnislosen Sensationismus. Was sind Kipppunkte und Dominoeffekte? Sind das anschauliche Metaphern oder erhärtete Klimabefunde?

Das Fazit des ersten Artikels allerdings ist vernünftiger als der ganze Kommentar von Bojanowski. Wer über Gefahren hysterisch berichte, würde genau das Gegenteil von dem erreichen, was er wolle: die Menschen würden sich abwenden: so Bojanowski, der sich auf „Experten“ beruft.

Das müssen merkwürdige Experten sein, die alle Regeln emotionaler und rationaler Vorsicht über den Haufen werfen. Gefühle sind erstmal nicht vorzuschreiben. Wenn es um brandgefährliche und existentielle Dinge geht, wird niemand mit aufgesetzter Gelassenheit warnen, sondern wird umso lauter schreien, je bedrohlicher er die Gefährdung einschätzt.

Die sogenannten Experten hätten besser die Frage gestellt, warum die Menschheit auf die Gefahr ihrer Selbstauslöschung mit apathischer Kraftlosigkeit reagiert – anstatt künstliche Teilnahmungslosigkeit zu empfehlen.

Wer die Menschheit aufrütteln will, kann keine staubtrockene Vorlesung halten. Sondern muss mit Gefühlsäußerungen agieren, denen man das Ausmaß der Katastrophe sinnlich anmerkt. Expressive Gefühle und rationales Denken schließen sich nicht aus.

Es ist geradezu aberwitzig. Aus Politik und Wirtschaft gab es so gut wie keine Reaktionen. Die TV-Kanäle sind nur noch mit Sport verschlammt – anstatt alle trostlose Unterhaltung einzustellen und die Debatten des Volkes, die Argumente der Wissenschaftler in Pro und Contra so abzubilden, wie es dem Brandthema angemessen wäre.

Von allgemeiner Hysterie kann überhaupt keine Rede sein. Das Volk, eingelullt von Denkverboten der Eliten, die das Thema Klima am liebsten ungeschehen machen würden, wagt seine Betroffenheit gar nicht zu artikulieren. Dennoch tut Bojanowski, als sei sterile Hysterie das Hauptmoment der gesellschaftlichen Betroffenheit gewesen.

Man muss nicht warten, bis das ganze Haus in Flammen steht, um die Bewohner mit höchster Sirenenstärke zu warnen. Gelassenheit ist eine der – aufgesetzten – Lieblingstugenden der Mächtigen. Nur keine Hektik im Bereich lebensrettender Notwendigkeiten. Wie viele Dekaden benötigte Merkel, um die Ineffizienz von Dublin festzustellen?

Vor längerer Zeit gab es den Begriff Alarmismus, um zu signalisieren: wir reagieren auf gefährliche Realitäten am besten mit – deeskalieren, abrüsten, niedrig hängen. Es soll von Vernunft zeugen, bei menschengefährdenden Brandherden der Devise zu folgen: Manjana. Morgen ist auch noch ein Tag.

Der wahre Grund der tatenlosen Lethargie ist die grassierende Aversion der Gegenwart vor zügigen Entscheidungen. Jede Entscheidung ist ein moralischer Akt. Moralische Akte sollen verhindert werden, indem man das politische Revier in ein Maschinensystem verwandelt, in welchem nur noch mechanische Knöpfe gedrückt werden.

Sie wären gern die Griechen der Neuzeit: die Germanen der unbändigen Wut und des furor teutonicus. Helden wollen gefasst bleiben in schlimmsten und gefährlichsten Situationen. Etwa so, wie J. J. Winkelmann die Laokoon-Gruppe beschrieb:

„So wie die Tiefe des Meeres allezeit ruhig bleibt, die Oberfläche mag noch so wüten, ebenso zeigt der Ausdruck in den Figuren der Griechen bei allen Leidenschaften eine große und gesetzte Seele.

Schmerz, sage ich, äußert sich dennoch mit keiner Wut in dem Gesichte und in der ganzen Stellung. Er erhebt kein schreckliches Geschrei. Sein Elend geht uns bis an die Seele, aber wir wünschten, wie dieser große Mann das Elend ertragen zu können.“

Auch Goethe wollte „den Sturm der Leiden und Leidenschaft durch Anmut und Schönheit mildern“.

So wollte er gesehen werden, der deutsche Verehrer klassischer Schönheit und gebändigter Leidenschaft. Wie war er wirklich?

„Der Deutsche, je knechtischer auf der einen Seite, desto zügelloser ist er auf der anderen. Beschränktheit und Maßloses, Originalität, ist der Satansengel, der uns mit Fäusten schlägt.“ (Hegel)

Antreten zum Weltuntergang. Es muss gestorben werden – in stummer Schönheit.

 

Fortsetzung folgt.