Umwälzung XCVII

Tagesmail - Mittwoch, den 08. August 2018

Hello, Freunde der Umwälzung XCVII,

wäre der mächtigste Mann der Welt verrückt, wie verrückt müsste die Welt sein, die es zugelassen oder gewollt hätte, dass ein Verrückter zum mächtigsten Mann der Welt aufsteigen konnte?

Und wäre er verrückt, wie verrückt müssten diagnostische Experten sein, die zusehen, wie ein Verrückter die Weltherrschaft übernimmt – ohne lautstark Alarm zu schlagen vor den Gefahren, die von einem seelisch kranken Weltdespoten ausgingen?

Wovor hingegen warnen die Experten? Dass man den Kranken öffentlich als krank bezeichnen und durch Ferndiagnose die Würde des Kranken verletzen könnte.

„1973 erklärte es die Amerikanische Psychiatrische Gesellschaft für "unethisch für Psychiater, eine professionelle Meinung zu äußern, bevor er oder sie eine Untersuchung vorgenommen und die Erlaubnis der Betroffenen erhalten hat, sich darüber zu äußern". Die Goldwater-Regel gilt auch außerhalb der APA als wichtiger ethischer Standard in der Psychologie und Psychiatrie.“ (Sueddeutsche.de)

Die Psyche politischer Kandidaten zu analysieren, wäre nicht nur „unethisch, sondern unverantwortlich“, erklärte eine Seelenexpertin. Sondern? Kann unethisch denn auch verantwortlich sein?

Ein anderer Fachmann: „Trump könnte ein Weltklasse-Narzisst sein, aber das mache ihn noch nicht geisteskrank, denn er leide nicht darunter und sei auch nicht eingeschränkt. Erst wenn das der Fall wäre, könnte eine Persönlichkeitsstörung diagnostiziert werden.“

Woher weiß der Fachmann, dass Trump nicht leidet, da er ihn aus intimer Nähe gar nicht kennt? Woher weiß er, dass er nicht eingeschränkt ist? Das könnte ...

... er nur wissen, wenn er die Leistungsfähigkeit eines nicht-kranken Präsidenten kennen würde. Genügt es nicht, dass Amerika, das westliche Bündnis, ja fast die ganze Welt unter Ihm leidet? Befreit er sich nicht von seinen Leiden, indem er viele andere durch seine Macht leiden lässt?

Fachleute könnten durchaus mehrere diagnostische Möglichkeiten anbieten, schlagen andere Experten vor. Welche davon aber die richtige sei, da müssten sie sich raushalten: „In Ordnung wäre es dagegen, verschiedene mögliche Erklärungen anzubieten, mit dem klaren Hinweis, dass man nicht wisse, was davon stimmt.“

Große Männer und Helden sind vom Pöbel nicht erfassbar – auch wenn sie täglich die Weltgazetten füllen. „Am gaffenden Publikum, ob das, wenns ausgegafft hat, sich Rechenschaft geben kann, warum es gaffte oder nicht, was liegt an dem?“ (Goethe) Also lautet das Gebot: zurücktreten, hier waltet ein Genie. Echte Genies entziehen sich allen Regeln und Erfahrungen des ordinären Verstands.

Es gibt auch Außenseiter wie David Zimbardo: „Die Pflicht zu warnen", so Zimbardo, "wiegt schwerer als die Goldwater-Regel."

Otto Kernberg dagegen, der „1984 als Erster den Typ des "malignen Narzissten" beschrieben hat, wollte der Süddeutschen Zeitung zu Trump nichts sagen. Sein Berufsethos verbiete ihm, über Personen, die er nicht selbst untersucht habe, Diagnosen zu stellen, sagte er der SZ. Und habe er sie untersucht, dann dürfe er sich selbstverständlich nicht äußern.“

Was aber, wenn Trump ein Verrückter wäre, der die ganze Welt ins Unglück stürzen könnte? Wäre Kernberg nicht mitschuldig, da er aus seinem Wissen ein geheimes Herrschaftswissen gemacht hätte? Sehenden Auges hätte er sein Land, ja die Welt ins Unglück stürzen lassen? Warum sollten Patienten sich gekränkt fühlen, wenn ein Mächtiger dieselbe Krankheit hätte wie sie? Zudem ist Trump weder Patient noch offizieller Kranker. Ähneln Experten, die sich hinter Geheimwissen verstecken, nicht jenem Propheten Jona, der sich dem Ruf seines Herrn verweigerte?

„Es geschah das Wort des HERRN zu Jona, dem Sohn Amitthais, und sprach: Mache dich auf und gehe in die große Stadt Ninive und predige wider sie! denn ihre Bosheit ist heraufgekommen vor mich. Aber Jona machte sich auf und floh vor dem HERRN.“

Wären sie biblisch, wie sie sein wollen, müssten die Amerikaner ihre fahnenflüchtigen Propheten im Meer ertränken:

„Da trat zu ihm der Schiffsherr und sprach zu ihm: Was schläfst du? Stehe auf, rufe deinen Gott an! ob vielleicht Gott an uns gedenken wollte, daß wir nicht verdürben. Und einer sprach zum andern: Kommt, wir wollen losen, daß wir erfahren, um welches willen es uns so übel gehe. Und da sie losten traf's Jona. Da sprachen sie zu ihm: Sage uns, warum geht es uns so übel. Was sollen wir denn mit dir tun, daß uns das Meer still werde? Denn das Meer fuhr ungestüm.“

Psychiater sind keine Propheten. Sie sollen nicht in die Zukunft schauen, sondern sehen, was ist. Aus dem, was ist, muss jeder sich selbst ausmalen, was dereinst werden könnte. Zukunft ist nichts anderes als schlummernde Gegenwart und Vergangenheit – die nicht mehr schlummern will.

Mittlerweilen hat sich was getan. Die Psychiater haben, oh Wunder, entdeckt, dass sie Citoyens einer Demokratie sind und also politische Pflichten haben.

„Allerdings verletzen wir das Vertrauen der Öffentlichkeit auch dann, wenn wir sie in einer Situation wie der derzeit gegebenen nicht warnen – wenn eine Persönlichkeit, die Macht über uns alle hat und in der Lage ist, über Leben und Tod zu entscheiden, eindeutige Zeichen einer gefährlichen mentalen Beeinträchtigung erkennen lässt. Jemand kann beides sein, böse und mental gestört – was besonders beängstigend ist. Macht korrumpiert nicht nur, sie verstärkt zugleich bestehende Psychopathologien, ja sie kann zum Entstehen neuer pathologischer Phänomene führen. Begünstigt durch die Schmeicheleien der Untergebenen und den Jubel der Massen, kann das Gefühl der Großartigkeit bei einem politischen Führer zu grotesken Wahnvorstellungen hinsichtlich der eigenen Größe mutieren. Soziopathische Züge verstärken sich, wenn eine solche Person feststellt, dass sie die Normen der Zivilgesellschaft straflos missachten und selbst Verbrechen begehen kann, ohne bestraft zu werden.“ (Sueddeutsche.de)

Böse ist etwas anderes als mental gestört? Kann man denn böse sein und psychisch pumperlgesund? Ist böse nicht die Summa eines kranken und unglücklichen Lebens?

In Deutschland auf keinen Fall. Gesundheit – oder dürfen wir von Vernunft reden? – schützt vor Bösem nicht. Weshalb es auch vergeblich ist, Menschen vernünftig zu begegnen, damit sie selbst vernünftig werden. Weg mit einem geglückten und vernünftigen Leben: das Böse lauert in allen.

Böse ist angeblich, wenn man sich in voller Freiheit dafür entscheidet. Nicht, weil man von unbekannten Mächten dazu erzogen und gedrängt wird – aus Gründen, die den „Bösen“ unbekannt sind.

Da gibt es Menschen, die ihre Kinder schänden – und dennoch als geistig zurechnungsfähig gelten. Schauen wir nach Freiburg: „Für Berrin T. aber gelten derlei Milderungsgründe nicht. Sie hat nur zugegeben, was, belegt durch zahllose Videofilme, ohnehin nicht zu bestreiten war. Sie gilt, wenn auch minderbegabt, als voll schuldfähig. Sie sei fordernd, bestimmend und durchsetzungsfähig, hieß es, und habe die Behörden getäuscht, als sie versicherte, ihr Kind zu schützen. Wer vor Gericht die Chats mit anhörte, wie sie mit L. über ihr Kind sprach, hält plötzliche Reuebekundungen der beiden für Makulatur.“ (WELT.de)

Auch Trump ist über die Maßen fordernd, bestimmend und durchsetzungsfähig. Moralisch auch minderbegabt. Nach deutscher Rechtslogik müsste Trump schuldfähig sein – krank auf keinen Fall. Die Frage könnte man sich sparen: ist der Präsident etwa krank? Täter schlimmer Taten „gelten“ in Deutschland so gut wie immer als schuldfähig. Warum? Weil bestellte Gerichts-Psychiater in die Tiefen der Angeklagten schauen können, wo sie in der Amygdala lesen können: schuldig.

In allen Gazetten steht, der Mensch sei bestimmt von seinem Erbgut, von seinen Genen, von der Natur. Kann er denn schuldig sein, wenn er bei der Bestimmung seines Charakters von niemandem gefragt wurde? Weder von der Natur noch seinen angeborenen Gehirnzentren? Nach diesem Schema zerlegt ein amerikanischer Psychiater das Innere des Trump‘schen Gehirns:

„Neurochemisch betrachtet zeigt Donald Trump, sobald er sich bedroht oder ausgebremst fühlt, eine Kampf- oder Fluchtreaktion. Seine Amygdala erhält einen Impuls, seine Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinden-Achse wird aktiviert und sein präfrontaler Kortex – jener Teil des Gehirns, der uns zu rationalem Denken und Reflexion befähigt – wird außer Gefecht gesetzt. Er reagiert, anstatt nachzudenken, und die Konsequenzen sind ihm egal.“

Nicht mal das Wörtchen re-agieren dürfte in diesem Zusammenhang fallen. Denn das hieße: er re-agiert – aus freiem Willen – auf unfreie Gehirnströme. Woher soll plötzlich der freie Wille kommen? Determiniert ist determiniert, da helfen keine Pillen. Mit nachdenken und frei entscheiden wäre nichts. Wenn man Trump für böse hält, warum sollte man ihn für krank erklären – nach deutscher Logik hätte Böses mit Kranksein nichts zu tun. Wenn man ihn aber für krank erklärt, woher soll das unerklärliche Böse kommen?

Der Mensch ist zu schrecklichen Dingen fähig, weil Menschen ihm Schreckliches zufügen. Eine christliche Gesellschaft aber will an allem unschuldig sein.

Ach so, wir haben‘s mit einem Mächtigen zu tun. Gar einem Gewählten. Da hätte die Majorität eines demokratischen Volkes möglicherweise – einen Irren zum Präsidenten gewählt? Was nicht sein darf, kann nicht sein.

Ein klinischer Psychologe lässt das ganze lästige Diagnostizieren sein – und entscheidet sich fürs Böse:

„Trump ist ein zutiefst böser Mensch mit allen Charakterzügen eines bösartigen Narzissmus. Seine schlimmer werdende Hypomanie macht ihn zunehmend irrational, paranoid, aggressiv, reizbar und impulsiv und steigert das Gefühl seiner eigenen Großartigkeit. Trump ist böse und verrückt, und es wird immer schlimmer mit ihm. Er zeigt die gerade bei einem politischen Führer destruktivste und gefährlichste Ansammlung psychiatrischer Symptome. Das Worst-Case-Szenario ist nun unsere Realität.“

Da scheint es keine Steigerung mehr zu geben. Wie würde der klinische Psychologe erst Stalin oder Hitler auf der nach oben offenen Paranoia-Skala einstufen? Häufe alle schrecklichen Krankheitsbefunde übereinander und du kannst nicht fehl gehen. Im nächsten Wahlkampf werden Trumps Gegenkandidaten keine Mühe haben, mit klinischen Diagnosen die Wähler zu überschütten.

Wehe allen Psychiatern, die Gewaltverbrecher als Opfer ihrer Umgebung und Erziehung bezeichnen und somit ent-schuldigen. Das Rachebedürfnis der religiös abdriftenden Gesellschaft hat die Schnauze voll von Verstehen, welches sie als Entschuldigen betrachten. Religiös abdriften heißt nicht, bewusst frömmer werden, sondern abzutauchen in die archaische Gefühlswelt des Glaubens. Das deutsche Recht quillt über von Paragrafen, die ohne das unerklärliche Böse nicht auskommen, damit die Rache der Gesellschaft umso barbarischer werde.

Die entscheidende Frage wurde noch nicht gestellt: Warum wählt eine gesunde Gesellschaft einen kranken Gesellen? Hat Trump getrickst und finassiert? Nicht die Bohne. Er legte seine Karten so dreist auf den Tisch, dass heute niemand mehr glaubt, da spiele einer nur den Bürgerschreck.

Was aber sagt die kranke Bosheit des obersten Herrn über das Land, das ihn gewählt hat? Warum fiel die Krankheit-Bosheit Trumps nicht schon im Wahlkampf auf? Warum wurde sie nicht ernst genommen? Fiel der Kranke nicht auf, weil seine Wähler kaum weniger krank waren?

Dies wahrzunehmen, hätte das Bild der verklärten Retternation so demontiert, dass die Deutschen mangels Vorbild schon damals in den Abgrund gerutscht wären. Ohne Vorbilder können identitätslose Neugermanen nicht auskommen. Jahrzehntelang bemühten sie sich, in der Reeducationschule im Fach Demokratie eine Eins zu bekommen – um jetzt festzustellen, dass ihr geliebter Lehrherr ein Scharlatan gewesen ist?

Wie kann man auf die Idee kommen, als Fachmann wisse man zu wenig über Trump, weil man ihn nicht auf der Couch hatte? Über keinen Menschen auf dem Erdenrund wird ausführlicher berichtet als über den strohblonden Raufbold. Kein Präsident in der amerikanischen Geschichte machte das Urteilbilden leichter als der Milliardär, der sein Herzblut hemmungslos in alle Welt twittert.

(Man sollte hinzufügen, dass Psychiater keine Psychotherapeuten sein müssen. Ihre streng naturwissenschaftliche Ideologie, die nichts mit Geistenwissenschaften zu tun haben will, beschränkt sich zumeist auf Beobachten der Gehirnmasse. Ihre Therapie besteht aus Verabreichen chemischer Substanzen. Der Mensch ist eine Maschine, könnten sie mit La Mettrie sagen – oder mit Zuckerberg, der den Menschen von mathematischen Gesetzen dominiert sieht.)

Der Fall Trump entlarvt die Psychiater als anmaßende Zunft, die vor lauter realitätslosem Wald die Bäume nicht mehr sehen. Könnte es nicht sein, dass Trump ein ganz ordinärer – Kapitalist wäre? Wenn auch von exorbitanter Obszönität?

Könnte es nicht sein, dass man – horribile dictu – die psychischen Eigenschaften einer wahnhaften Wirtschaft zur Kenntnis nehmen müsste, um diejenigen zu durchschauen, die diese Weltvernichtungs-Ideologie am erfolgreichsten verinnerlicht haben?

Wieder einmal zeigt sich, dass Intellektuelle vor allem eins können: die Herrschenden so zu beschreiben, dass niemand ein revolutionäres Aha-Erlebnis haben darf. Theologen reden vom Teuflischen, Neurologen von Gehirnmasse und unfreiem Willen, Evolutionsbiologen von angeborenen Genen. Was ist dann alle Grandiosität, Selbstherrlichkeit, Launenhaftigkeit, Unberechenbarkeit, Charme- und Friedensschwärmerei, unterbrochen von düsteren Bedrohungen: wenn nicht christliche Gottähnlichkeit, die sich im Kapitalismus die Erde untertan machte?

Die heiligen Kühe der westlichen Kultur dürfen nicht angetastet werden. Professionelle Diagnostiker schlucken Elefanten und seihen die Mücken. Sie erkennen, indem sie das Augenscheinlichste als Petitesse vom Tisch wischen. Wenn wir wirklich wahrnehmen würden, wer wir sind – wie könnten wir die selbstmörderische Verblendung unserer Kultur noch länger ertragen?

Ein Psychiater hat die Dinge mit ordinären Begriffen am Kragen gepackt. Von Spezialerkenntnissen einer narzisstischen (!) Brahmanenclique kann keine Rede sein. Jeder wache Mensch würde kaum anders formulieren:

„Trump ist jetzt das mächtigste Staatsoberhaupt der Welt und eines der impulsivsten, arrogantesten, ignorantesten, planlosesten, chaotischsten, nihilistischsten, selbstwidersprüchlichsten, selbstherrlichsten und selbstsüchtigsten. Er hat seinen Finger an den Auslösern von mehr als tausend der mächtigsten thermonuklearen Waffen der Welt. Das bedeutet, dass er in wenigen Sekunden mehr Menschen töten könnte, als jeder Diktator in der Vergangenheit während seiner gesamten Zeit als Machthaber zu töten imstande war.“

Trumps diagnostische Entlarvung wurde zur Selbstentlarvung einer Seelentrösterzunft, die sich von ihren theologischen Vorgängern in nichts mehr unterscheidet. Römer 13: seid untertan der Obrigkeit und kümmert euch um euren eigenen Dreck. Die von Gott eingerichteten hohen Dinge sind zu hoch für euch. Gestelzte Deutsche reden von Überkomplexität.

Marc Pitzke schäumt im SPIEGEL über den Lügenbold im Weißen Haus:

„Trump, noch nie ein Freund der Wahrheit, lügt häufiger und schamloser denn je, via Twitter, Reden, Pressekonferenzen und offiziellen Statements. Damit überrollt er die Faktenchecker – und die politische Kultur Amerikas.“ (SPIEGEL.de)

Lügen ist das Gegenteil von Truglosigkeit, der Liebe zur Wahrheit. Pitzke erregt sich zu Recht – warum aber nicht zugleich über die Medien, ja, über die gesamte Kultur der Postmoderne, die der Wahrheit den Garaus macht?

Gibt es keine Wahrheit, kann es auch keine erkennbaren Lügen geben. Die Medien legen Wert auf wahre Fakten, doch ihre Feuilletons schwappen über von postmoderner Verachtung der „großen Erzählungen“, die nichts als Lügenmärchen wären. Zu den großen Erzählungen gehört die veraltete, schäbige Wahrheit.

„Elemente postmodernen Denkens und Urteilens sind:

  • Absage an den seit der Aufklärung betonten Primat der Vernunft (ratio)
  • Verlust des autonomen Subjekts        
  • Ablehnung oder kritische Betrachtung eines universalen Wahrheitsanspruchs im Bereich philosophischer und religiöser Auffassungen, wodurch Postmoderne zum Amoralismus wird
  • Verlust traditioneller Solidarität und eines allgemeinen Gemeinschaftsgefühls.“ (Wiki)

Selbstkritik bei Politikern sei selten zu erleben, monieren die Medien. Sie selbst kritisieren sich au fond überhaupt nicht. Was sollten sie auch kritisieren, wenn sie – „immer in die Zukunft schauend und mit dem Strom schwimmend“ – gar nicht mehr wissen, welchen Unsinn sie gestern verzapft haben?

Bereits im Jahre 2002 beschrieb Morris Berman in seinem Buch „Kultur vor dem Kollaps“ die amerikanische Vorreitertragödie:

„Um 1989 hatte eine ursprünglich akademische französische Diskussion über die „Welt als Text“ und die Abwesenheit von Sinn das breite Bewusstsein erreicht. Auf mannigfache Art zeihte sich der Nihilismus der Dekonstruktion in einer neuen Art: der amerikanische Präsident wurde eine Art Aufsichtsratvorsitzender ohne Moral oder persönliche Verantwortlichkeiten; das einzelne Individuum hatte nicht nur keine Identität, sondern brauchte auch keine und konnte sich ständig neu erfinden.“

Auch der Schriftsteller Karl-Heinz Ott hat in der NZZ die Problematik trefflich beschrieben:

„Die Postmoderne mit ihrer Auflösung des Wahrheitsbegriffs hat dem neuen Chef im Weissen Haus den Boden bereitet. Nun reagieren die einstigen Apologeten der Beliebigkeit empört und wollen die schöne alte Wahrheit zurück. Im intellektuellen Milieu der letzten Jahrzehnte hat sich immer mehr die Meinung durchgesetzt, dass alles, was wir für Wahrheit halten, bloss vom sozialen Kontext abhängig ist. Meist nennt man diesen Kontext inzwischen Diskurs. Man könnte ihn auch als gängiges Sprachspiel oder als kulturellen Mainstream bezeichnen oder einfach mit Richard Rorty behaupten: «Wahrheit ist, womit deine Zeitgenossen dich davonkommen lassen.» Doch auf einmal schlägt man uns mit den eigenen Waffen. Jetzt stehen wir da und können nur stammeln: So war das nicht gemeint! Fragt sich nur, ob man es sich damit nicht zu leichtmacht. Insgeheim haben wir vermutlich nie wirklich geglaubt, dass Wahrheit nichts als ein soziales Konstrukt ist. Aber es hat uns gefallen, die andern damit in Rage zu bringen.“ (NZZ.de)

Der Westen steht vor der Auflösung seiner Urelemente, die nie zusammenpassten. An die Wahrheit der Erlösung, des grenzenlosen Fortschritts und gnadenloser Naturzerstörung glauben – ohne an Wahrheit überhaupt zu glauben, das ist wie Atmen ohne Sauerstoff. Wenn Massenneurose vor Einzelneurose schützt: welchen Sinn hat es, einen Einzelnen unter die Lupe zu nehmen, ohne ihn als Produkt der ganzen Gesellschaft zu begreifen?

Trump verstehen, heißt die Moderne – als Postmoderne – verstehen. Wer sich in Trump nicht selbst erkennt, für den ist die Wahl des amerikanischen Präsidenten folgenlos geblieben.

Mächtige Männer hobbypsychologisch unter die Lupe nehmen, ist für den Psychiater Burkhard Voss ein sinnloses Unternehmen. (Gern wird in solchen Zusammenhängen auch von Küchenpsychologie gesprochen. Alles, was im Zentrum der Sippe geschieht – dem Revier des Heimchens am Herd – ist kapitalistischer Nonsens.) Solches Psychologisieren diene nur der neidischen Verkleinerung großer Männer. Otto von Bismarck, Cromwell, Churchill, John F. Kennedy und viele andere Staatsmänner von Bedeutung hatten viele psychische Defekte. Na und? Könnte es nicht sein, dass kreative Geister das Böse als Stimulans ihrer heroischen Taten benötigen?

„Der französische Staatsmann Talleyrand (1754-1838) soll ein Neurotiker mit rachsüchtig-boshaften Zügen gewesen sein, unbewusst homosexuell sowie ausgesprochen narzisstisch. Fakt ist, dass er ständige kriegerische Auseinandersetzungen durch die Schaffung des unabhängigen Staates Belgien löste. Otto von Bismarck (1815-1898) betrachteten hervorragende Psychiater Berlins als dringend behandlungsbedürftig. Sie erstellten unter anderem die Diagnosen Manie mit Größenwahn, exzentrische Persönlichkeit sowie antisoziale Tendenzen. Fakt ist, dass Bismarck die erste gesetzliche Rentenversicherung schuf.“ (Cicero.de)

Der britische Ökonom Keynes bedauerte, dass wir noch eine Zeitlang Hässliches als schön und Schönes als hässlich betrachten müssten, um wirtschaftlich aus dem Schlamassel zu kommen. „Wirtschaftlicher Fortschritt sei nur erreichbar, schrieb er, wenn wir uns die mächtigen menschlichen Antriebe der Selbstsucht zunutze machen, denen zu widerstehen Religion und überlieferte Weisheit uns allgemein raten. Die moderne Wirtschaft wird von einem Rausch der Habsucht vorangetrieben und schwelgt in einer Orgie des Neides.“ (zit. in E. F. Schumacher, Small is Beautiful)

Mit anderen Worten: das Böse und Satanische ist Treibstoff des westlichen Fortschritts – des Fortschritts in den Untergang. Wirtschaftliche Eliten sind zur Obrigkeit der Moderne geworden. Dass sie das Böse benötigen als Stimulans unbegrenzter Macht, wussten schon uralte Obrigkeiten, die sich alles moralische Klügeln ihrer Untertanen verbaten:

„Wenn schon eine Obrigkeit gottlos, tyrannisch, ungesetzlich sei, so gebühre es den Untertanen dennoch nicht, sich dagegen aufzulehnen und zu widersetzen, sondern sie sollen dies als eine Strafe des Allmächtigen erkennen, welche die Untertanen mit ihrer Sünde erwirkt haben.“ (Erlass der Obrigkeit von Hamburg im Jahre 1602)

Der Westen bedarf des grandiosen Wahns, um sich in seiner Gottähnlichkeit aufzuspreizen. An diesem faustischen Pakt mit Mephisto wird er auch zugrunde gehen.

 

Fortsetzung folgt.