Umwälzung XCV

Tagesmail - Freitag, den 03. August 2018

Hello, Freunde der Umwälzung XCV,

„Was dir nicht lieb ist,

das tue auch deinem Nächsten nicht –

das ist die ganze Thora.“ (Rabbi Hillel, 1. Jahrhundert vdZ)

Wäre Hillels Goldene Regel die Quintessenz des Judentums, könnte weder Israel noch Deutschland ein Revier des Philosemitismus sein. Utopische Moral als Politik? Da würden selbst Mathias Döpfner und Julian Reichelt Reißaus nehmen.

Was ist Antisemitismus? Das Gegenteil von Philosemitismus. Man müsste nur Philosemitismus definieren, dann auf sein Gegenteil schließen – und man wüsste, was Antisemitismus ist. Doch weder weiß die heutige Verdächtigungs-Debatte, was Antisemitismus ist, noch, woher er kommt und wie er ständig neu entstehen kann – als wüsste sie nichts über eine schreckliche deutsche Vergangenheit. Noch weniger weiß die Debatte, was Judenfreunde sind.

Außer dem Ruf nach Verschärfung der Strafgesetze ist im Lande der Extäter nichts über Antisemitismus zu hören. Für kein Thema gibt es mittlerweilen eine Ursachenforschung, schon gar nicht für Phänomene, die es gar nicht geben sollte – da die Deutschen sich für vorbildliche Vergangenheits-Bewältiger halten.

Da man zur Bezeichnung amoralischer Taten inzwischen den Begriff „das Böse“ eingeführt hat, genügt es, zu schnauben und zu schäumen, um seinen politisch korrekten Hass gegen das Böse in WELT und BILD kundzutun. Jenen Organen der Springerpresse, die sich nicht genug erbosen können über Tagträumer, die durch politisch korrekte Moral blind seien für den Unterschied zwischen Politik und Moral. WELT und BILD gerieren sich als vorbildliche Philosemiten, indem sie alle Andersdenkende zu Antisemiten stempeln.

Gibt es denn niemanden in deutschen Landen, der Juden nicht hasst, sondern liebt? Oder geben sich Judenfreunde weniger zu erkennen als ihre ...

... Antagonisten? Nicht, weil sie Angst hätten, sich zu outen, sondern weil sie sich möglicherweise – schämen?

Scheinbare Bewunderer gibt es genug. Was sie bewundern, ist nur die Leistungsfähigkeit des kleinen Volkes. Was man bewundert, muss man nicht unbedingt lieben. Die Jagd einer christlichen Werte-Regierung nach dem Antisemitismus ähnelt der Jagd nach einem Phantom.

Ist die Jagd überhaupt ernst gemeint – oder braucht das Täter-Volk noch immer einen propagandistischen Buß- und Reinigungsakt, um sich vor aller Welt regelmäßig zu befreien? Von ihren gefühlten und ererbten Sünden. Denn schuldig sind sie nicht mehr, die heutigen Generationen der Deutschen. Sie sind keine Täter mehr, aber sie müssen – so der erhobene Zeigefinger von Oben – noch immer Verantwortung für die Geschichte ihrer Vorväter und -mütter übernehmen.

Das ist Unfug. Verantworten kann man nur, was man selbst getan hat. Hier beginnt die religiös kontaminierte Begriffswirrnis.

„Der Herr – ein barmherziger und gnädiger Gott, langmütig und reich an Huld und Treue, der Gnade bewahrt bis ins tausendste Geschlecht, der Schuld und Missetat und Sünde verzeiht, aber nicht ungestraft lässt, sondern die Schuld der Väter heimsucht an Kindern und Kindeskindern, bis ins dritte und vierte Glied.“

Despotische Begriffe von Gnade und Schuld sind aus der Politik kategorisch auszuschließen. Jeder haftet nur für eigne Taten. Welchen Sinn soll es haben, Verantwortung für nicht getane Taten zu übernehmen?

Deutsche Eliten antworten nicht, denn sie stellen keine Fragen. Sie klären nichts, um ihre Untertanen in einer nebelhaft-unbestimmten Verdächtigungs-Schuld festzuhalten. Wer sich schuldig fühlt und nicht weiß warum, ist leicht zu lenken.

Haben die Deutschen nicht die Pflicht, sich der Taten ihrer Vorderen bewusst zu bleiben? Ja – wenn sie realisieren, dass deren Ursprünge tief in der deutschen und abendländischen Geschichte liegen und ergo die Gefahr einer Wiederholung des Verdrängten besteht. Unter Wiederholung darf man keine eins-zu-eins-Wiederkehr des Früheren verstehen. Hier sind alle Varianten des Auflebens vergangener Dämonen möglich. Wer seine Gegenwart von vergangenen Mächten befreien will, muss die Spuren der Wiederholung frühzeitig entdecken, um größeres Malheur zu verhindern.

Wer seine politische Gegenwart verstehen will, darf nicht starr in die Zukunft schauen und seine Vergangenheit ausblenden. Das Gesetz der Regression besteht im Wiederholen unverdauter Elemente, die nach einer Blütezeit humanen Fortschritts in die Realität zurückdrängen.

Wer deutsche Schuld verstanden hat, wird sich der humanen Entwicklung Israels und Deutschlands besonders verpflichtet fühlen. Das setzt gleichberechtigte freundschaftlich-kritische Beziehungen voraus.

Solche Beziehungen sind bis heute nicht gelungen. Über die Ursachen des Misslingens müsste in beiden Nationen in selbstkritischer Besinnung nachgedacht werden.

Bei ihrer tätigen Reue begnügten sich die Deutschen mit materiellen Hilfen und äußerlichem Wissen um das Ausmaß der Katastrophen. Ganz allmählich beschränkte sich das intellektuelle Verstehen auf die unmittelbare Vorzeit des Nationalsozialismus.

In den Anfängen der nationalen Anamnese spielte noch der christogene Antisemitismus eine Rolle. Das wurde schnell eingestellt, nachdem die Kirchen wachsweiche Korrekturen des Neuen Testaments vornahmen, um sich dem uralten Verdacht zu entziehen, sie hätten die Juden als Jesusmörder verflucht. Heutige Deutungen des Wortsinns zeugen vielleicht von einer anderen   Einstellung, sind aber unfähig, den Ursinn der heiligen Schriften um ein Jota zu verändern.

Beide Kirchen gehörten zu den wichtigsten Förderern und Bewunderern Hitlers. Gleichwohl brachten sie es nach dem Krieg fertig, ihre ungeheure Schuld mit leeren Schuldbekenntnissen fast ins Gegenteil umzudrehen. Heute kommen sie daher, als seien sie reine Widerstandsbewegungen gewesen.

Es ist der Trug aller drei Erlösungsreligionen, mit Anpassungen an den Zeitgeist die in Stein gemeißelten Aussagen ihrer Offenbarungen zu verfälschen. Die Majorität der Gläubigen fühlt sich heute nicht mehr dem Urtext verpflichtet, den sie ohnehin nicht mehr lesen. Was nicht bedeutet, dass die gefährliche Wirkung totalitärer Stellen aufgehoben wäre. Hasserfüllte Minderheiten können sich zu Recht noch immer auf bestimmte Schriftstellen berufen, die man durch Interpretation nicht wegzaubern kann.

Deuten ist nicht Verändern nach Belieben. Das gilt nicht nur für „profane“ Texte, sondern auch für heilige. Wenn man Platon und Cicero nicht durch Deutungen verfälschen darf, so auch nicht Bibel und Koran.

Es ist ein Irrsinn der Erlöserreligionen, sich dem unfehlbaren Text einer heiligen Schrift verpflichtet zu fühlen – und gleichzeitig die Macht zu beanspruchen, jenen ins beliebige Gegenteil zu verkehren. Alles nach dem Motto: was in der Schrift steht, bestimmen immer noch wir.

Aus blindem Buchstabengehorsam wurde eine gottgleiche Verfügungsgewalt über die Schrift. Durch solche Täuschungskünste gelang es den Kirchen, die neutestamentlichen Ursachen des christlichen Antisemitismus aus dem nationalen Bewusstsein zu tilgen.

Die Ursprünge dieser Textschändungen liegen – abgesehen vom Heiligen Geist der Urgemeinde, der auch Texte ins Stammeln bringen konnte – bei den Pietisten. Herman Nohl hat die Verzauberung der Schrift trefflich geschildert:

«Würde jemand etwa sagen: die ganze Geschichte ist erdichtet, die Fischer von Kapernaum haben sie erfunden, so würde ich ihm heiter antworten: Dank den Fischern, dass sie eine solche Geschichte erdichtet haben. Meinem Geist und Herzen ist sie Wahrheit.» So wurde aus der objektiven eine subjektive Religion. Wers nicht erlebt, dem lässt sichs nicht andemonstrieren; wers anders erlebt, den kann man nicht widerlegen.“ (Die Deutsche Bewegung)

Wer im Besitz des Heiligen Geistes ist, darf aus jedem X der Schrift ein Y machen. Das Ergebnis dieser Wahrheitslosigkeit ist heute zu besichtigen. Es gibt keine Ideologie im Westen, die durch Neudeutungen nicht christlich geheiligt werden könnte. Der schwärmerische Pietismus wurde zur Begründerin der alles relativierenden Postmoderne.

Grundlage jeder Demokratie ist eine stabile und verlässliche Sprache, die sich nicht durch zeitliche Veränderung in alles und nichts verändern lässt. Würde man diese spirituelle Verfälschung politisieren – was immer wieder versucht wird –, würde man Demokratie in eine postdemokratische Oligarchie, Plutokratie oder einen Faschismus verwandeln.

Demokratie beruht auf dem Fundament einer transparenten und unveränderlichen Sprache. Einzelne Wörter können ihre Bedeutungen wohl verändern, doch die Veränderung muss präzis benannt werden, womit sie aufgehoben werden kann.

Durch Neudeutungen glauben die Kirchen, für die christlichen Ursachen des Antisemitismus nicht mehr zuständig zu sein. Dies zugelassen zu haben, ist die Hauptschuld aller Deutschen. Eine gewisse Mitschuld tragen jüdische Weltorganisationen, die diese durchsichtigen Manöver wahrgenommen, aber nicht zurückgewiesen haben. Und dies aus rein strategischen Gründen, um die christlichen Kirchen als Verbündete im Kampf um religiöse Dominanz im Staate zu gewinnen.

Ein weiteres Kampffeld ist die Ableitung des Antisemitismus aus der deutschen Geistesgeschichte. Liest man Safranskis Persilschriften über deutsche Dichter und Denker, kann man sich nur wundern, aus welchen Traditionen die SS-Horden und die ungeheure Führerverehrung der Deutschen gekommen sein sollen. Selbst Nietzsche, Vordenker der deutschen Bewegung, wird bei ihm zum einsamen Selbstsucher verharmlost. Deutsche Genies, befreit von allen Flecken des Verhängnisses, dürfen wieder bewundert werden.

Ihre Katastrophe glauben die Deutschen bewältigt zu haben, wenn sie Fakten gepaukt und KZ-Lager besucht haben. Günter Morsch, Ex-Leiter der KZ-Gedenkstätte von Sachsenhausen, ist beunruhigt, wie die Deutschen sich inzwischen auf ihrer Erinnerungskultur ausruhen. Unter Erinnern versteht Morsch vor allem äußerliches Einpauken von Fakten:

„Es geht zum einen um die Bildungspolitik, die Fächer wie Geschichte, Politik und Demokratieerziehung immer mehr vernachlässigt. Die Pädagogen bei den Führungen in Sachsenhausen sagen inzwischen, sie müssten ein Drittel der Zeit darauf verwenden, historische Grundlagen zu vermitteln. Da kommen von den Schülern dann Fragen wie: Gab es außer den Juden noch andere Gruppen, die im Nationalsozialismus verfolgt worden sind? Was ist der Unterschied zwischen SA und SS?“ (WELT.de)

Verstehen ist mehr als Rekapitulieren von Fakten. Wer die Gefahren der pathologischen deutschen Geschichte nicht in sich spürt und alles unternimmt, um seine eigenen Dämonen zu bannen, der hat nichts verstanden. Danach – das Aufspüren der Dämonen auf allen Ebenen der Gesellschaft.

Wie ist die psychologische Beziehung der Deutschen zu den Juden zu beschreiben? Der jüdische Literaturhistoriker Hans Mayer schrieb vor Jahren von dem

„vollkommen ungesunden Verhältnis des Durchschnittsdeutschen gegenüber dem Phänomen des Juden und des Staates Israel. Erst war es das schlechte Gewissen, dann die ungeheure künstliche Judenfreundschaft, der Jubel über den siegreichen Sieben-Tage-Krieg der Israeli. Jede progressive Familie wollte irgendwann einmal nach Israel reisen. Diese Begeisterung flaute sehr bald ab und mündete in die Auffassung: die Israelis übertreiben, sie lernen nichts dazu. Man muss den Arabern in vielen Dingen recht geben. Die Folge ist, dass der Judenhass anders firmiert wird, wie wir es heute bei vielen Durchschnittsbürgern antreffen: natürlich sind wir nicht gegen die Juden, sondern „nur“ gegen Israel und die Zionisten. Im Endergebnis jedoch läufts auf dasselbe hinaus.“ (zit. bei Gordon Craig, Über die Deutschen)

Mayers Einschätzung wurde zur Position der meisten deutschen Juden und der immer religiöser werdenden Regierungen in Jerusalem. Craig allerdings merkte an, Mayer haben „dem Durchschnittsbürger ohne jeden Beweis“ antisemitische Gefühle zugeschrieben. Der schottische Historiker bewertet Mayers Stellungnahme als „verallgemeinernde Verurteilung“.

Es ist eine Freud‘sche „Projektion“, wenn man ursprüngliche Gefühle aus Tarngründen auf andere Objekte überträgt. Dies bei antisemitischen Gefühlen gegen Israel auszuschließen, wäre fahrlässig. Dennoch besteht die Frage: wie unterscheiden wir legitime Kritik von antisemitischen Gefühlen?

Um über das Stadium subjektiver Instinkte hinauszukommen, könnte man die Phänomene gesondert behandeln. Wie lautet die Kritik an Israel? Wie antworten die Israelis – und nicht nur regierungskonforme Kreise, sondern gerade Kritiker Israels, die zumeist als Selbsthasser denunziert werden? Hat man die Debatte erstmal anerkannt, ohne sie a priori als antisemitisch zu denunzieren, wird man erleben, dass viel heiße Luft aus dem Kessel gewichen ist.

Ein Großteil der antisemitischen Aufheizung könnte aus dem Eindruck entstanden sein, nicht mal die jahrzehntelangen Inhumanitäten des Staates Israel angreifen zu dürfen – ohne sogleich als Judenhasser diffamiert zu werden.

Womit wir bei der verhängnisvollen Rolle der deutschen Philosemiten angekommen wären. Der Springer-Verlag erhielt von seinem Gründer den Auftrag, den jungen Staat Israel bedingungslos zu verteidigen. Devotheit verteidigte er als Philosemitismus. Blinde Loyalität aber ist weder Liebe noch Freundschaft. Unter dem Mantel „moralischer Gutmenschlichkeit“ (die er sonst verflucht) importiert der Springer-Verlag die Position eines amoralischen Machiavellismus.

Heute würde man von Trumpismus sprechen: Trump und Netanjahu scheinen dieselbe zynische Machtpolitik zu exekutieren. Getarnt als politische Korrektheit, ja, als besonders innige Verbundenheit mit Israel, wurde der Springer-Verlag zum Einfallstor jener Trump‘schen Weltverachtungspolitik, die anfänglich unisono von den Deutschen abgelehnt wurde.

Wieder einmal erweisen sich Deutsche als anschmiegsame Mitläufer. Sie missbrauchen den Begriff Philosemitismus, um das moralisch verweichlichte Deutschland zu neuer Militanz, ja zur atomaren Aufrüstung zu führen.

Typisch die Doppelmoral des Springer-Verlags: was sie bei Putin und anderen in beißendem Ton attackieren, wird im Falle Netanjahu mit einseitigen Fakten und zügellosem Hass gegen die Palästinenser verteidigt. Eine bigottere Gazette als BILD gibt es in Deutschland nicht. Die WELT legt Wert auf liberale Alibi-Artikel. Wenn Döpfner aber persönlich zur Feder greift („auf meinen Reisen nach Israel…“) wird der Bankrott der Deutschen in der jüdisch-deutschen Frage manifest.

Er ist identisch mit der „bedingungslosen Loyalität“ Merkels, die im Hintergrund verschämt einiges kritisiert, vor der Öffentlichkeit aber eine bigotte Kumpanei zelebriert. Wen wundert es, dass die Ausrufung des Staates Israel zu einem „jüdischen“ Staat, verbunden mit der Degradierung der arabischen Bevölkerung zur minderwertigen Klasse, von BILD mit keiner Zeile gemeldet wurde? Wenn ein palästinensisches Mädchen aber einen israelischen Soldaten ohrfeigt, ist die Infamie dieser „Tiere“ (wie sie gelegentlich von Ultraorthodoxen genannt werden) wieder einmal offenkundig geworden.

Für die deutsch-israelische Beziehung gilt Schopenhauers Wort über Freundschaft:

„Die Freunde nennen sich aufrichtig, die Feinde sind es.“

Die Wachsamkeit, ja das Misstrauen der Juden gegenüber den Deutschen zu erklären, bedarf keiner Worte. Wer dies nicht versteht, will nichts verstehen. Gleichwohl muss diese Wachsamkeit demokratischen Kriterien genügen. Maram Stern, stellvertretender Generalsekretär des Jüdischen Weltkongresses, warnt vor beschämenden antisemitischen Vorfällen der Gegenwart:

„Als Hintergrund nennt Stern eine Diskussion in Österreich über das Schächten, das rituelle Schlachten von Tieren, aber auch generell Debatten über religiöse Beschneidung. „Obwohl die Debatten über das Schächten und die über die religiöse Beschneidung nicht komplett gleich gelagert sind, gibt es Parallelen“, betont Stern. In beiden Diskussionen werde „undifferenziert und mit abwegigen Begriffen hantiert: archaische Methoden, Tierquälerei, Kindesmissbrauch“. Es formiert sich eine unheilige Allianz zwischen rechten und linken Kräften, zwischen solchen, die nur Judentum und Islam ablehnen und jenen säkularen Kräften, die vorgeben, mit Religion nichts am Hut zu haben – aber mit heiligem Eifer Stimmung machen gegen religiöse Traditionen, weil sie sie als fremd, rückständig und nicht zu ‚unserem‘ Kulturkreis gehörig ansehen.“ (WELT.de)

Lassen wir das Schächten einmal beiseite. Beschneidung ist ein Verstoß gegen das demokratische Gebot körperlicher Unversehrtheit. Wenn Abraham wichtiger sein soll als ein demokratisches Gesetz, könnte Deutschland sich auch komplett der Scharia ergeben. Hinter dem Kampf um Beschneiden zeigt sich bei Stern die wahre Ursache seiner Kritik an den Beschneidungsgegnern: es geht um uralte Privilegien einer Offenbarungsreligion.

War Aufklärung der fulminante Sieg gegen die Despotie der Religionen, scheint Stern die Folgen der Aufklärung revidieren zu wollen. Dass man mit Religionen nichts am Hut haben könne, scheint Stern völlig unverständlich. Ging‘s nach ihm, würden Gottlose und Religionskritiker bald wieder in unerwünschte Elemente zurückverwandelt werden.

Grundsätzlich gilt für Rechtsstaaten: Alle Religionen sind willkommen, sofern sie mit demokratischen Gesetzen kompatibel sind – der Kulturkreis kann sein wie er will.

Es sind nicht die Schlechtesten, die Israel vor Inhumanitäten gewarnt haben:

„Wenn wir nicht den Weg zu ehrlicher Zusammenarbeit und ehrlichen Verhandlungen mit den Arabern finden, haben wir aus unseren 2000 Jahren des Leidens nichts gelernt, und wir verdienen das Schicksal, das über uns hereinbrechen wird.“ (Einstein)

„Wenn Israel Zion auf ein „jüdisches Gemeinwesen in Palästina“ reduziert, wird auch aus dem Gemeinwesen nichts. Will es nur noch ein Land sein wie alle Länder, dann versinkt das Land unter ihm, ebenso wie das Volk zerrinnt, wenn es nur noch ein Volk wie alle Völker sein will.“ (Martin Buber)

Stets besser zu sein als andere: das ist der Anspruch eines auserwählten Volkes. Doch fürs erste würde es genügen, wenn Israel die Menschen- und Völkerrechte so respektieren würde wie die meisten Demokratien. Ist es die Tragik des jüdischen Volkes, dass es immer besser sein musste als andere Völker? Hat es beim Besserseinwollen übersehen, dass Menschenrechte durch nichts zu übertreffen sind?

„Gewiss, das Wesentliche an Israel war (für Loewe ben Bezalel) nicht das, was es mit anderen Völkern gemeinsam hatte, sondern das, was es von ihnen allen abhob.“ (zit. bei Martin Buber)

Was aber, wenn man die Menschenrechte mit allen Völkern der Welt gemeinsam haben könnte? Muss man aus neurotischen Profilierungsgründen universelle Rechte verletzen, um seine zwanghafte Überlegenheit auf Biegen und Brechen zu verteidigen?

„Die IHRA hat eine Arbeitsdefinition zum Begriff des Antisemitismus verabschiedet. Greifen wir zwei Aussagen heraus:

„Das Absprechen des Rechts auf Selbstbestimmung des jüdischen Volkes, beispielsweise durch die Aussage, die Existenz des Staates Israel sei ein rassistisches Projekt.

Das Anwenden von doppelten Standards durch das Einfordern eines Verhaltens, wie es von keiner anderen demokratischen Nation erwartet oder gefordert wird.“ (Botschaft des States Israel)

Wie soll man ein Gesetz nennen, das Israel als jüdischen Staat definiert und alle arabischen MitbürgerInnen zur minderwertigen Klasse degradiert? Wenn man es nicht rassistisch nennen kann, weil Juden keine einheitliche Rasse sein sollen, müsste man es – theokratisch nennen. Hier will ein religiöser Staat höherwertiger sein denn andere Staaten. Mit demokratischer Gleichheit hat das nichts zu tun.

Darf man von einer befreundeten Nation mehr verlangen als von anderen Nationen? Verlangt man von Israel mehr als von anderen Staaten, wenn man die Einhaltung universeller Menschenrechte fordert? Jeder reputable Staat müsste das von sich selbst verlangen.

Was aber wäre, wenn das nationale Judentum eine Religion sein wollte, die sich der Goldenen Regel Hillels verpflichtet fühlte? Müsste man von ihr nicht verlangen, was sie von sich selbst verlangte?

Christliche Nationen fühlen sich dem Gebot der Nächstenliebe verpflichtet, denken aber nicht daran, dem Gebot nachzukommen. Liebt denn ihr Schöpfer seine Kreaturen wie sich selbst? Sie halten sich an ihren Herrn im Himmel, der am Ende der Geschichte Gericht halten wird. Wenige Privilegierte werden selig, die Massen der Verdammten unselig.

Die jüdische Aufklärung bemühte sich, aus ihrer Religion eine reine Moral zu extrahieren. Die Namen dieser Aufklärer sind längst verschollen. Moral? Kein Bedarf. Um in der Welt zu bestehen, bedarf es wieder der Kanonen. Der deutsche Springer-Verlag bringt es fertig, sich philosemitisch zu deklarieren – und alle politische Moral in den Abgrund zu stürzen.

Die deutsche Kanzlerin paradiert noch immer mit einer einzigen samaritanischen Großtat, obgleich sie inzwischen eine gnadenlose Abschreckung betreibt. Die jüdische Regierung gibt sich immer ultraorthodoxer, denkt aber nicht daran, sich an Hillels Ethik zu orientieren.

Deutsche und Juden haben eine neue Symbiose gefunden: in der Doppelmoral ihrer unvergleichlichen Religionen.

 

Fortsetzung folgt.