Umwälzung XCIII

Tagesmail - Montag, den 30. Juli 2018

Hello, Freunde der Umwälzung XCIII,

aus dem Weg! Die deutschen Professoren kommen! Erobern im Sturmangriff die marode Moral, bereiten im Vorbeigehen den verweichlichten, gefährlich idyllischen und pazifistischen Träumereien der Deutschen ein Ende und installieren ein‘ feste Burg als wehrhafte, allen russischen, nordkoreanischen und iranischen Fernraketen trotzende, geostrategisch unverwundbare Nation. Womit? Mit atomarer Aufrüstung. Wer jetzt noch lacht, lacht balde – nimmermehr.

„Landesverteidigung auf der Grundlage eigener nuklearer Abschreckungskapazitäten muss angesichts neuer transatlantischer Ungewissheiten und potenzieller Konfrontationen Priorität bekommen. „Gouverner c’est prevoir“, sagen die Franzosen: Regierungskunst gründet sich auf Vorausschau.“ (WELT.de)

„Savoir pour prévoir, prévoir pour pouvoir“ – „Wissen, um vorherzusehen, vorhersehen, um zu handeln“. Deutsche Professoren wissen, was die Welt im Innersten zusammenhält: das Böse. Sie sehen voraus: das Böse wird überhand nehmen und die Welt mit eiserner Faust regieren. Da sie wissen und vorhersehen, können sie auch handeln: das Böse muss bekämpft werden – mit Bösem. Deutsche, schafft Atomwaffen und Fernraketen. Unser Paradies muss verteidigt werden.

Nicht die Massen, der Pöbel, der Plebs, waren die Ursachen des deutschen Verhängnisses. Sondern die Intelligenz, die Gelehrten, die Professoren. Das betrifft nicht nur Deutschland. Die miese Stimmung derer, die da wussten und vorherschauten, um sich durch fürchterliche Handlungen von ihrer Verzweiflung zu befreien, war über ganz Europa verbreitet.

Der französische Schriftsteller Julien Benda, Vertreter eines humanen Rationalismus, attackierte in einem viel beachteten Buch die Aufstachelung menschenfeindlicher Leidenschaften und nationalistischer Prahlereien – durch die Intellektuellen. Die ...

... Intellektuellen würden das „Spiel der politischen Leidenschaften zu spielen beginnen… Unsere Zeit ist wahrhaftig die Ära der Organisation des politischen Hasses durch die Intelligenz“. Benda sprach vom „Verrat der Intellektuellen“. Die Intelligentsia würde universelle Werte wie Demokratie und Gerechtigkeit in den Staub treten.

Die Konservative Revolution in Deutschland, vom selben Ungeist beseelt, wollte eine Revolution von Oben. Genies, Gelehrte und Edelschreiber sollten die aufkommenden Gelüste der Massen nach Mitdenken und Mitentscheiden in den Anfängen ersticken. Die geistigen Eliten, seit dem Sieg der Aufklärung die Führer der Aufbegehrenden, fürchteten sich vor der aufkommenden Herrschaft der Demokraten, die sie abfällig Massen nannten.

„Le Bon vertritt die Auffassung, dass der Einzelne, auch der Angehörige einer Hochkultur, in der Masse seine Kritikfähigkeit verliert und sich affektiv, zum Teil primitiv-barbarisch, verhält. In der Massensituation ist der Einzelne leichtgläubiger und unterliegt der psychischen Ansteckung. Somit ist die Masse von Führern leicht zu lenken.“

Der Einzelne würde von seinem Unbewussten gelenkt werden, das ihm unbekannt bliebe. Den Begriff Unbewusstes übernahm der junge Sigmund Freud, allerdings mit der Forderung: Wo Es war, soll Ich werden. Doch unter dem Eindruck des Ersten Weltkriegs begann auch Freud, die Fähigkeiten des Ich gering zu schätzen. Das Volk, die Massen wussten nicht, was sie taten und mussten von Oben gelenkt werden.

In Amerika wurde das Unbewusste zur black box, dem dunklen Loch der unbekannten Seele, die nie ergründet, sondern nur von äußeren Reizen gelenkt werden kann. Skinners Verhaltenstherapie ignorierte alles Innerliche und setzte auf mechanische Beeinflussung von Außen.

Ausgerechnet Edward L. Bernays, einem Neffen Freuds, gelang es, die Propagandatechnik der Moderne durch unbewusste Beeinflussung der Massen mittels äußerer Faktoren zu erfinden:

„Je komplexer unsere Zivilisation wird und je deutlicher sich zeigt, wie nötig die im Hintergrund arbeitenden Führungsinstanzen sind, desto konsequenter werden die technischen Mittel zur Steuerung der öffentlichen Meinung entwickelt und eingesetzt. Mithilfe von Druckerpresse, Zeitung, Eisenbahn, Telefon, Telegraph, Radio und Flugzeug können Gedanken rasch, ja sogar zeitgleich im ganzen Land verbreitet werden. Sie [die neuen Propagandatechniken] befassen sich nicht mehr nur mit dem Individuum oder der Gesellschaft als Ganzes. Sie widmen sich vielmehr auch und vor allem der Anatomie der Gesellschaft mit ihren zahllosen, verästelten und miteinander verwobenen Gruppierungen. Sie sehen den Einzelnen nicht nur als Zelle innerhalb der Gesellschaft, sondern als Zelle, die in gesellschaftlichen Einheiten organisiert ist. Wird der Nerv des Organismus 'Gesellschaft' an einem sensiblen Punkt gereizt, wird automatisch eine Reaktion bei bestimmten anderen Elementen dieses Organismus hervorgerufen.“

Die Gesellschaft kann nicht nur aus dem Hintergrund gelenkt werden, sie muss es auch. Denn allein gelassen neigt sie zur Rebellion gegen die führenden Kräfte der Gesellschaft und maßt sich Führungskompetenzen an. Bernays gilt als Begründer der modernen Werbepsychologie, die nur zu verstehen ist als Manipulation der Gesellschaft, die nicht merken darf, wie sie untergründig betrogen wird.

Die Massen von heute sind der dritte Stand im Staate Platons, der von den beiden ersten Ständen, den Weisen und den Soldaten, zu seinem Glück gezwungen werden muss.

Deutsche Professoren waren glühende Verehrer Platons, von dem sie sich legitimiert fühlten, die umherirrende Volksherde zu ihrem Glück zu führen. Und ist sie nicht willig, dann mit Gewalt. Die athenische Demokratie hielten sie für eine pervertierte Staatsform, die sie mit Abscheu betrachteten.

Das hat sich bis heute kaum verändert. Öffentlich sind sie Verfassungspatrioten, unter sich aber fest überzeugt, dass sie die Massen in Ketten legen müssen. Zu den Manipulationen gehört die sintflutartige Konsumwerbung, ohne deren permanente Berieselung kein Untertan existieren darf.

Auch in der ersten Demokratie der Moderne, der amerikanischen, war – entgegen der offiziellen Gleichheit – von vorneherein dafür gesorgt, dass es Führungsschichten gab, die mit unsichtbaren Privilegien das Schiffchen lenken sollten. Im Unterschied zu Deutschland waren es keine Gelehrten, sondern die Reichen.

„Die Reichen müssen, in ihrem eigenen Interesse, die Regierung entweder direkt übernehmen. Oder sie müssen die Gesetze unter Kontrolle haben, nach denen die Regierung handelt. Durch die Tür der amerikanischen Revolution kam keine neue Klasse an die Macht. Die Männer, welche die Revolution bewerkstelligten, waren größtenteils Mitglieder der kolonialen Herrscherklasse. George Washington war der reichste Mann Amerikas. Vier Gruppen waren in der Verfassungsversammlung überhaupt nicht vertreten: Sklaven, Leibeigene, Frauen und Männer ohne Eigentum. Es ging um den Vorteil der Gründerväter: ihre wirtschaftlichen Interessen, die sie empfanden und durch persönliche Erfahrung direkt vertraten.“ (Howard Zinn, Eine Geschichte des amerikanischen Volkes)

Die Deutschen, ausgerechnet vom revolutionären Nachbarvolk besiegt, entwickelten sich – nach einer kurzen Phase der Begeisterung für Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit – zu erbitterten Gegnern der „westlichen Werte“. Der deutsche Sonderweg, heute schon wieder bestritten, entstand in erbitterter Ablehnung sowohl der westlichen Demokratie als auch der Despotie des zaristischen Russlands.

Nach wenigen Jahrzehnten avancierte Dostojewski, nach Nietzsche, zu einem der größten Vorbilder für die Deutsche Bewegung. In der religiösen Inbrunst des Russen fanden die deutschen Literaten jene Kraft, die sie durch den „Tod Gottes“ und den Niedergang des deutschen Idealismus längst verloren hatten:

„Dostojewskis politisches Glaubensbekenntnis ruhte auf den selben drei Säulen, auf die sich das reaktionäre politische Slawophilentum stützte: Griechisch-katholische Kirche, absolute Monarchie und der Kult des russischen Nationalismus.“

Diese Kräfte sind die Stützen Putins, die Gorbatschows Menschheitsperspektiven demontiert haben. Von den drei größten Weltmächten ist nur China ohne christliches Fundament. Russland und Amerika beruhen auf der Vorstellung, das auserwählte Volk der Geschichte zu sein.

Da es aber nur ein auserwähltes Volk geben kann, wird eine finale Apokalypse klären müssen, wen der Himmel tatsächlich auserwählt hat. Auch Israel, zunehmend unter ultraorthodoxem Einfluss, hat seine uralte Erwählungssicherheit noch lange nicht aufgegeben. Dass es nach unerbittlicher Logik der Heilsgeschichte zur Auseinandersetzung zwischen Amerika und Israel kommen muss, kann auch durch die besten momentanen Beziehungen der beiden Länder nicht überdeckt werden.

Die christlichen Geschichtsperspektiven rivalisieren mit den säkularen Geschichtsvorstellungen der Nachkriegsgeschichte, die keine anderen Grundwerte kannten als die universellen Menschenrechte der UN-Charta. Sie waren nicht auf dem Boden des Heiligen Landes, sondern in der heidnischen Polis Athen gewachsen.

Das Ignorieren dieser beiden unvereinbaren Urelemente der abendländischen Kultur ist die verhängnisvollste Selbstverblendung des Westens. Hier rasen zwei Züge aufeinander zu, die sich zerstören müssen, wenn sie nicht zum Stillstand gebracht werden. Voraussetzung dazu wäre ein kritisches Abstandnehmen von den Mächten der Religion.

Fritz Stern hat den interessanten Begriff der stillen Säkularisierung geprägt. Er meint das Ende des Christentums in Deutschland, das jedoch von den Deutschen verdrängt werden würde. Der Tod Gottes sei für sie so schmerzlich gewesen, dass sie immer noch glaubten, zu den Schafen der jesuanischen Herde zu gehören, obgleich ihre gesamte Realität mit christlicher Frömmigkeit nichts mehr zu tun hätte.

Stern hat recht und unrecht. Ja, die Deutschen haben keine Ahnung vom christlichen Glauben, den sie noch immer als den ihrigen betrachten. Gleichwohl leben sie noch immer im Kraftfeld dieser Religion, die sich zur objektiven Struktur der westlichen Gesamtpolitik verfestigte.

Futurismus, Fortschritt, grenzenloser Sieg über die Natur, Kapitalismus und der – verdrängte – Glaube an ein unvermeidliches Schluss-Inferno sind Konstanten einer religiös gewordenen Welt.

Empfundener Glaube ist keine Bedingung mehr, um in die objektive religiöse Struktur eingebunden zu werden. Auch Gottlose und Religionskritiker wurden Teile einer Wirklichkeit, aus der sie sich nur lösen könnten – wenn sie die eschatologische Geschichtsstruktur ideell und reell überwinden könnten.

Professoren und Intellektuelle waren die Avantgardisten jener lähmenden Hoffnungslosigkeit, die Deutschland nach der Niederlage der demokratischen Kräfte im Jahre 1848 beherrschte. Äußerlich erlebte das Bismarck-Reich einen außerordentlichen Aufstieg zu einer der führenden Mächte der Welt. Nicht nur in politischer und militärischer Hinsicht, sondern auch in Naturwissenschaft und Philosophie.

Deutschland wurde zur Hochschule der Welt. Viele Studenten aus aller Welt strömten nach Marburg, Heidelberg, Göttingen und Freiburg. Gerade die ehemalige föderale Konkurrenz, geprägt vom Ernst wirklichen Wissenwollens (Pastorensöhne spielten eine führende Rolle), hatte zum Aufschwung aller Wissenschaften geführt.

Die lähmenden Spuren der spekulativen Naturphilosophie Hegels waren überwunden, die philologische Präzision der Lutheraner hatte den welthungrigen Stubenhockern den ganzen Reichtum der griechischen, römischen, aber auch orientalischen Kulturen erschlossen.

Paul de Lagarde, einer der führenden Köpfe der Konservativen Revolution, war genialer Orientalist. Moeller van den Bruck, dessen Buch „Das Dritte Reich“ die Nazis inspirierte, war ein glühender Verehrer Dostojewskis.

Immer wieder wird behauptet, der Begriff Drittes Reich sei eine rein äußerliche Benennung: zuerst das Heilige Römische Reich deutscher Nation, danach das Reich Bismarcks, dann Hitler. Mit dem Geschichtsbegriff des mittelalterlichen Mönches Joachim di Fiore habe das Ganze nichts zu tun. Werch ein Illtum.

Die Macht des Vergangenen hat eine solche Gewalt, dass sie zufällig scheinende Begriffe der Gegenwart noch immer mit subkutaner religiöser Substanz auflädt. Das gilt bis zum heutigen Tag, etwa beim Begriff Fortschritt als Vorausnahme der Wiederkunft Jesu, bei neoliberaler Ungleichheit, der wirtschaftlichen Übersetzung der Spaltung der Menschheit in Erwählte und Verworfene etc.

Mit Trump ist die Epoche der nicht-apokalyptischen, die Menschheit vereinenden Geschichte an ihr Ende gekommen. Oder: die heidnische Epoche des angestrebten universellen Friedens aller Völker scheint gestoppt. Seitdem regrediert der Westen zurück in biblische Heils-Geschichte, die in einer Schlusskatastrophe enden muss.

Wir erleben die Wiederholung der deutschen Romantik, die bei Novalis ins Mittelalter zurück strebte, in der die Deutschen die führende Macht Europas gewesen waren. Auch die Amerikaner entledigen sich ihrer heidnischen Demokratie-Elemente und kehren zurück zu ihrer biblischen Heilsgeschichte.

Warum plädiert Prof. Hacke für eine atomare Aufrüstung Deutschlands? Seit Trump gebe es keinen militärischen Schutz durch Amerika, Deutschland sei aus einem infantilen Verbündeten zum verhassten Gegner geworden. Die BRD müsse sich auf eigene Beine stellen. Und das könnte nur eine atomare Bewaffnung sein, denn alle potentiellen Gegner von Russland über Nordkorea bis Iran hätten atomare Waffen zur Verfügung.

„Ansonsten lamentiert Deutschland. Moralisierende Arroganz ist kein Ersatz für kluge Politik. Außerdem sitzen die Vereinigten Staaten im Streit machtpolitisch am längeren Hebel. Deutschland braucht die USA mehr als umgekehrt.“

Die Konservative Revolution der deutschen Professoren basierte auf der Verachtung der feigen verweichlichten Moral der Bürger, die allein schuld gewesen sei, dass das Deutsche Reich so verspätet Realität wurde. Die Deutschen hätten sich zu lange im Reich der Träume versteckt – mit dem Ergebnis, dass die kühl kalkulierenden Mächte des Westens über sie hergefallen und zur Bedeutungslosigkeit verurteilt hätten.

Also wurden Moral und Politik diametral einander gegenüber gestellt. Moralisten seien realitäts- und machtvergessen, unfähig, auf der bösen Erde eine wichtige Rolle mit bösen Methoden zu spielen. Das aber müsse jeder, der in der sündigen Welt eine Rolle spielen wolle.

Der Gegensatz von Moral und Politik, ab der romantischen Kritik an der Aufklärung aufgekommen, das ganze 19. Jahrhundert und die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts bestimmend, dominiert heute wieder das Denken deutscher Intellektueller. Nur die wenigen Jahre der Weimarer Republik bildeten die Ausnahme – aber auch nur zum Schein. Denn wieder war es die Majorität der deutschen Professoren, die die von außen importierte Demokratie ablehnten. Sie gründeten konservative Gruppierungen, Verlage, Gazetten, schrieben eine Unmenge Bücher, um das westlich-amerikanische Klima der Demokratie zu eliminieren.

Anfänglich hatten sie – eher ästhetische – Probleme mit einem gewissen Hitler, der ihnen nicht vornehm und gebildet genug vorkam. Doch kaum konnte der Sohn der Vorsehung Erfolge vorweisen, verwandelte sich ihre Skepsis in anschwellende Begeisterung.

In einem Treffen mit van den Bruck im Jahre 1922 hatte Hitler dem berühmten Autor gestanden: alles, was mir fehlt, haben Sie. Ich bin nur Trommler und Sammler. Lassen Sie uns zusammenarbeiten. Zuerst rümpften die deutschen Genies ihre literarischen Nüstern, doch nach 1933 verwandelte sich ihre Distanz in blutrünstigen furor teutonicus.

Hacke, Wolffsohn & Co wollen Deutschland zur militärischen Großmacht aufrüsten. Schluss mit moralischen Utopien von gewaltlosen Idyllen. Deutschland müsse wieder realitätskonform werden:

„Diese Armee scheint nicht verteidigungsfähig. Reformen bleiben halbherzig. Auch verstört, dass Deutschlands politische Eliten nur für die Nicht-Weiterverbreitung von Atomwaffen und emphatisch für Global Zero sowie für Abzug amerikanischer Nuklearwaffen aus Deutschland plädieren. Dazu passt das öffentliche Desinteresse an der Verteidigungspolitik. Es spiegelt einen Provinzialismus wider, der die Idylle zum Naturzustand der Weltpolitik erklärt.“

Warum verweist Hacke nicht auf die atomaren Mächte Frankreich und England, Mitglieder der NATO, die die amerikanische Distanzierung kompensieren könnten?

„Deutschland kann sich im Extremfall nur auf sich selbst verlassen. Der schwächere Partner Deutschland kann heute unter den gegebenen Umständen nicht mehr hundertprozentig darauf bauen, dass eine verbündete Nuklearmacht im Ernstfall atomar für seine Sicherheit einspringt. Damit richtet sich der Blick auf den weißen Elefant im Raum, über den keiner in Deutschland sprechen möchte: Wie halten wir es mit einer potenziellen Atommacht Deutschland?“

Hackes Aufruf zur atomaren Aufrüstung basiert auf der Zerschlagung der europäischen Solidarität und aller NATO-Garantien. Tabula rasa im heiligen ökonomischen Reich deutscher Nation. Alle bisherige Vertrauensarbeit der europäischen Völker wischt der Professor lässig vom Tisch. Jetzt wird Tacheles gesprochen. Wieder einmal ist Deutschland allein vor Gott – mit entblößtem Haupt. Hört ihr das Stürmen der Glocken vom Bernwardsturm? Abteilung halt! Wir marschieren zurück, wo wir hergekommen sind:

„Problematische Entscheidungen wie die Aussetzung der Wehrpflicht müssen überprüft werden. Auch der Ausstieg aus der Atomenergie muss angesichts der kontroversen Energiewende überprüft werden. Beide Fehlentscheidungen haben Moral, gesellschaftspolitische Verankerung und Verteidigungsfähigkeit der Streitkräfte nachhaltig geschwächt sowie Deutschlands vorbildliche Rolle als zivile Atommacht in der Welt eliminiert.“

Nun sehen wir, wohin die verhasste Moral zwangsversetzt wurde: in die Moral des Heldentums. Es gibt keine Entscheidung ohne Moral. Jede Entscheidung orientiert sich an einer Moral, sie sei transparent oder versteckt. Die Moral der Professoren ist amoralisch – wenn man unter Moral friedliche Humanität versteht. Kants Visionen vom ewigen Frieden, vom kategorischen Imperativ zur Mitmenschlichkeit sind erneut auf offener deutscher Bühne erdrosselt worden. Menschenfeinde tuten in voller Lautstärke in ihre Kriegsfanfaren.

Wieder einmal stehen die Deutschen allein im Wald und wissen nicht, welcher Wolf sie fressen wird:

„Angesichts wachsender nationaler Egoismen muss auch ein Land wie Deutschland für seine eigene Sicherheit sorgen. Optimal gesehen, muss jeder potenzielle Angreifer nuklear abgeschreckt werden. Die Krisen der vergangenen Jahre haben uns gelehrt, dass Unmögliches sehr schnell Wirklichkeit werden kann.“

Am Schluss werden die letzten Glaubensrelikte an europäische Solidarität mit wenigen Sätzen vernichtet. Die AfD wird bleich werden vor Neid ob dieser professoralen Kühnheiten:

„Die ritualisierte Idealisierung von europäischer Integration und die fatale Dämonisierung nationaler Interessen hat die Europäische Union in die Sackgasse geführt, ja, in die Krise gestürzt. Eine neue Balance zwischen Gemeinschaftsidee und nationalen Überlegungen tut not – gerade in Deutschland. Daraus ergibt sich folgende Konsequenz: Landesverteidigung auf der Grundlage eigener nuklearer Abschreckungskapazitäten muss angesichts neuer transatlantischer Ungewissheiten und potenzieller Konfrontationen Priorität bekommen. Also nicht vom Sockel moralischer Überheblichkeit weiter Trump-Bashing betreiben, sondern sich militärisch besser wappnen – nach allen Seiten und mit allen Mitteln. Mit dieser realistisch-vorausschauenden Maxime wird Deutschland eines Tages souverän Krisen meistern und die freie Welt stärken.“

Hinweg mit idealistisch aufgemotzter europäischer Integration und der Dämonisierung chauvinistischer Interessen. Wenn es transatlantisch heißt: Amerika first, muss es ab jetzt bei uns heißen: Deutschland, Deutschland über alles. Schluss mit moralischer Überheblichkeit in friedensstiftenden Maßnahmen, Deutschland muss allen wehrhaften Mächten diese Welt ein Vorbild sein.

Bei Hacke gibt es nicht das leiseste Bedenken gegen den atomaren Sturmlauf. Was aber, wenn alle Länder atomar bestückt wären? Was, wenn tatsächlich regional ein atomarer Krieg ausbräche? Würde der nicht in Nullkommanix zu einem atomaren Weltbrand ausarten? Was, wenn alle Völker durch Atomrüstung sich signalisieren würden: euch allen trauen wir nicht? Wir vertrauen nur uns und sonst niemandem auf der Welt. Wo blieben die gemeinsamen Bemühungen zur Linderung der Klimakatastrophe? Die gemeinsamen Bemühungen zur Lösung der immensen Flüchtlingsprobleme? Die Welt würde sich in Blitzesschnelle in ebenso viele einander feindlich gesonnene Teile aufspalten, wie es heute Völker gibt.

Wir sind zurückgefallen in den messianischen Militarismus des 19. Jahrhunderts, als Deutschland mit heroischem Kriegsgeist der Welt ein endzeitliches Reich präsentieren wollte:

„Lagarde verherrlichte den Krieg. Immer wieder behauptete er, dass durch Krieg ein Volk stark, lebenskräftig und entschlossen werde. Dieser nie verstummende Ruf nach Blut war ein Protest gegen die Hoffnung der Liberalen auf einen ewigen Frieden. Streit und Blutvergießen waren nach Lagardes Ansicht die wesentlichen Elemente jeden Fortschritts. Krieg war für ihn die einzige Möglichkeit, Deutschland vor sich selbst, vor dem drohenden kulturellen Untergang zu retten. Diese gewaltige Aufgabe würde den Deutschen neue Kraft verleihen und ihnen ihre welthistorische Aufgabe bewusst machen.“

Unsere Sendung ist: die Welt nicht zur Ruhe kommen zu lassen. Unsere Bestimmung ist: den Völkern des Wohllebens ein Ärgernis des Geistes zu sein.“ (van den Bruck)

Die rastlos umtriebigen Deutschen dürfen die Welt nicht zur Ruhe kommen lassen. Wer es in seiner Haut nicht aushält, kann nicht zusehen, wie andere Völker freudig ihr Leben verbringen. Den Völkern des Wohllebens heißt: den Völkern des Glücks. Glücksunfähige Deutsche ertragen es nicht, Völker im Glück zu erleben. Auch heute nicht, wo sie selbst in Luxus schwimmen. Doch seit wann ist Überfluss – Glück und Freude im irdischen Leben?

Vor wenigen Wochen noch wäre ein Artikel wie der von Hacke als Wiederholung der katastrophal endenden Deutschen Bewegung unmöglich gewesen. Inzwischen warnen die deutschen Weltmissionare vor Trump – indem sie ihn gnadenlos imitieren.

Bleiben zwei belanglose Schlussfragen: Wie wollen die Deutschen Atombomben entwickeln, wenn sie nicht mal den BER zustande bringen? Auf welchem Testgelände wollen sie ihre Friedensbringer explodieren lassen, wenn es ihnen bis heute nicht gelang, ihren atomaren Müll zu entsorgen?

 

Fortsetzung folgt.