Umwälzung XCI

Tagesmail - Mittwoch, den 25. Juli 2018

Hello, Freunde der Umwälzung XCI,

Flächendeckende Mahnwachenpolitik in Deutschland. In Berlin werden Obdachlose angezündet. Wie reagiert die Politik? Mit einer Mahnwache. Wer wird ermahnt, worüber wird gewacht? Wer mahnt, wer wacht?

"Etwa 200 Menschen hatten sich insgesamt versammelt, um ihrem Entsetzen über den Mordversuch Ausdruck zu verleihen. Anwesend waren auch der Sozialstadtrat des Bezirks Gernot Klemm und die Sozialsenatorin Elke Breitenbach (beide Linke). Gesundheitssenatorin Dilek Kolat und Lars Düsterhoft, Mitglied des Abgeordnetenhauses für den Wahlkreis (beide SPD), besuchten am Dienstag die beiden Opfer im Unfallkrankenhaus Marzahn.“ (TAZ.de)

Kein Bürgermeister, kein gewähltes Bezirksparlament, keine politische Aussagen. Nur sprachlose Samariteraktionen.

Was ist eine Mahnwache?

„Es handelt sich dabei um in der Regel längerfristige, meist schweigende Vorhaben von Gruppen. Mahnwachen erinnern häufig an traurige Ereignisse und finden in stiller Atmosphäre statt. Dennoch sind sie politisch motiviert oder wenden sich an die Öffentlichkeit, wodurch sie sich von einer Trauerveranstaltung unterscheiden.“ (Wiki)

Dennoch? Oder deshalb? Weil sie in stiller Atmosphäre verlaufen, gelten sie in Deutschland als politisch. In Deutschland hält man die Klappe, wenn man politisch agiert. Traurig, Trauerveranstaltung? Nicht skandalös, unerhört? Keine Empörungsveranstaltung? Man betet und hält eine Kerze: das ist der Widerstand einer wachen Gesellschaft, die kein menschengemachtes Leid in ihren Reihen duldet.

Urlaubszeit! Feuerbrände, Hitzewellen. Eliten sind abwesend. Nicht mal Sondersendungen über die griechische Tragödie. Und wenn, nur Filme über ...

... schreckliche Verwüstungen. Keine Ursachen. Keine Verantwortlichen. Keine Sonderkonferenzen, keine Debattenrunden. Es ist der Kollaps einer Kultur, die nicht eher ruht, bis sie ihre eigenen Fundamente demontiert hat. Man kann es nicht mehr hören und muss es doch immer wiederholen: Zeit, um aufzustehen.

Gibt es Vergleichbares in der Weltgeschichte? Massenhaft. Kein großes Reich, das nicht eines Tages in sich zusammengebrochen wäre.

„Das Römische Reich wurde nicht von außen zerstört. Die Kultur des römischen Altertums ist nicht erst durch den Zerfall des Reiches zum Versinken gebracht worden. Ihre Blüte hat das römische Reich als politischer Verband um Jahrhunderte überdauert. Sie war längst dahin. Schon anfangs des dritten Jahrhunderts versiegte die römische Literatur. Die Kunst der Juristen verfiel. Die Geschichtsschreibung verkümmerte. Die lateinische Sprache war bald in voller Degeneration begriffen.“

Schrieb Max Weber mit der verwunderlichen Konsequenz, dass wir daraus nichts lernen könnten:

„Für unsere heutigen sozialen Probleme haben wir aus der Geschichte des Altertums wenig oder nichts zu lernen. Ein heutiger Proletarier und ein antiker Sklave verständen sich so wenig, wie ein Europäer und ein Chinese. Unsere Probleme sind völlig anderer Art. Nur ein historisches Interesse besitzt das Schauspiel, das wir betrachten.“ (Max Weber, Die sozialen Gründe des Untergangs der antiken Kultur)

Wie kann man das Vergangene verstehen, wenn man es nicht mit der Einsicht der Gegenwart durchdringen kann? Das 19. Jahrhundert fühlte sich so unvergleichlich, dass es mit Erfahrungen des Vergangenen nicht zu begreifen wäre. Welch eitle Überlegenheit über andere Kulturen und andere Epochen. Als ob es nicht für alle Zeiten und Kulturen gälte: tua res agitur, es geht um Dich, Du Blender. Die SPD will ihre historische Kommission auflösen, obgleich sie in ihrer schlimmsten Krise steckt. Das ist ein selbstausgestelltes Todesurteil.

Die Menschheit will eine einheitliche Gattung der Evolution sein, aber so zerspalten, dass der Mensch den Menschen nicht verstehen kann? Welch ein Aufschrei gäbe es, wenn heute jemand sagen würde: Hochstehende Europäer können „Neger und Schlitzaugen“ nicht verstehen. Umgekehrt schon gar nicht. Ein ausgebeuteter Malocher aus südafrikanischen Diamantengruben, aus brandgefährlichen Textilfabriken in Bangladesch könnte einen römischen Sklaven nicht verstehen? Dann könnte ein Milliardär nie und niemals eine alleinstehende Mutter auf Hartz4-Basis verstehen, die der Residenzpflicht untersteht.

Da muss es noch mal ein Klassiker sein:

„Wer nicht von dreitausend Jahren
sich weiß Rechenschaft zu geben,
bleib im Dunkeln unerfahren,
mag von Tag zu Tage leben.“

Wie die lateinische Sprache verhunzt war, so ist es mit der deutschen. Am liebsten würden sie alle amerikanisch schnoddern, damit sie gewiss sein können, dass niemand sie versteht – nicht einmal sie selbst.

Da muss es noch mal der chinesische Philosoph sein:

„Dsï Lu sprach: »Der Fürst von We wartet auf den Meister, um die Regierung auszuüben. Was würde der Meister zuerst in Angriff nehmen?« Der Meister sprach: »Sicherlich die Richtigstellung der Begriffe.« Dsï Lu sprach: »Darum sollte es sich handeln? Da hat der Meister weit gefehlt! Warum denn deren Richtigstellung?« Der Meister sprach: »Wie roh du bist, Yu! Der Edle läßt das, was er nicht versteht, sozusagen beiseite. Wenn die Begriffe nicht richtig sind, so stimmen die Worte nicht; stimmen die Worte nicht, so kommen die Werke nicht zustande; kommen die Werke nicht zustande, so gedeiht Moral und Kunst nicht; gedeiht Moral und Kunst nicht, so treffen die Strafen nicht; treffen die Strafen nicht, so weiß das Volk nicht, wohin Hand und Fuß setzen. Darum sorge der Edle, daß er seine Begriffe unter allen Umständen zu Worte bringen kann und seine Worte unter allen Umständen zu Taten machen kann. Der Edle duldet nicht, daß in seinen Worten irgend etwas in Unordnung ist. Das ist es, worauf alles ankommt.« (Konfuzius)

Würde die Welt dem Rat des chinesischen Weisen folgen, wäre morgen die Umweltkatastrophe gestoppt, das Flüchtlingsproblem von allen Völkern gemeinsam in Angriff genommen, die atomaren Areale geleert, die Meere von Unrat gereinigt.

Die deutsche Sprache ist bis auf das phonetische Gerippe abgenagt. In wohl gewählten Worthülsen – schweigt die Kanzlerin:

„Ich denke, dass es mir sehr wichtig ist, dass ich umso mehr versuche, auf meine Sprache zu achten, präzise zu sein, dass natürlich auch die Fakten stimmen und dass sozusagen durch Beispielgebung versucht wird, diesen Prozess einer manchmal auch – so würde ich sagen – gewissen Verwahrlosung ein wenig im Zaume zu halten, weil ich glaube, dass es zwischen Denken, Sprechen und Handeln einen ziemlich engen Zusammenhang gibt.“

Ein wenig im Zaume halten? Einen ziemlich engen Zusammenhang? Die Fakten, über die geschwiegen wird, müssen stimmen? Da Sprache präzise sein muss, verharrt die Sprachkünstlerin im Modus der Stummheit?

Wenn Fakten stimmen, so stimmen noch lang nicht die Meinungen über die Fakten. Wenn jede Meinung gelten soll, gleich, ob sie wirr, irrational, wahnhaft oder masochistisch ist, dann wäre es gleichgültig, ob die Fakten stimmen. Es käme vielmehr darauf an: was folgt aus den Fakten? Welche Schlussfolgerungen müssen aus ihnen gezogen werden?

„Die Erde glüht. Die derzeitige Hitzewelle hat den Planeten fest im Griff. Amerika, Europa, Afrika, Asien – Wälder brennen, in Sibirien ist es 20 Grad zu heiß. Was passiert da gerade?“ (TAGESSPIEGEL.de)

Da schweben sie in ihrer unabhängigen Raumkapsel und stellen eines Tages befremdet fest: was ist da los in der Welt? Von Klimakatastrophe ist ja erst seit 50 Jahren die Rede. Das kann zu wohlbehüteten Edelschreibern noch nicht durchgedrungen sein. Immer sind sie überrascht und machen sich auf die Spurensuche. Quer durch Russland, Amerika. Sie geben sich tabula-rasa-mäßig. Nein, sie wissen von nichts, haben noch nie etwas über die Welt erfahren, keine Geschichte studiert, keine Bücher gelesen, ihre eigenen Nachrichten aus aller Welt gehört. Gewiss, sie haben alle Länder der Welt befahren. Aber doch nur als Touristen, die ihren Wahrnehmungsapparat ausgeschaltet haben. Unbefangen wollen sie sein und verwechseln Unbefangenheit mit geistiger Jungfräulichkeit. Weshalb sie auch immer nur Fragen stellen dürfen. Eine eigene Meinung haben sie nicht. Streiten dürfen sie nicht. Widersprechen dürfen sie nur, wenn sie ihren Widerspruch in eine Frage verwandeln.

Nun folgen – im Artikel – Fakten über die Hitze. Neues ist nicht darunter. Bei Fakten bleibt es. Keine Ursachenerforschung, keine einzige Frage an Politiker. Was ist da los? Keine Antwort. Nichts ist los, alles wie gehabt. Wie viele überflüssige Artikel werden geschrieben, um die eigene Gazette zu füllen und sich wichtig zu machen? Nicht mal ein Querverweis auf die klimabedingte Flüchtlingsmisere ist zu finden:

„Bei einem ungebremsten Klimawandel erwartet die Forscherin jedoch „einen teils dramatischen Anstieg der hitzebedingten Todesfälle in den bevölkerungsreichsten und häufig ärmsten Gegenden der Erde“.

Es gibt ein famoses Mittel gegen die Hitzewallungen. Wir schaffen den verweichlichten Menschen der Gegenwart ab und ersetzen ihn durch Roboter. Die sind unempfindlich gegen Tornados, Überschwemmungen und Schweißausbrüche. Sie aktivieren digitale Temperaturregler – und sind immun gegen Gluthitze. Hautkrebs ist ihnen unbekannt. Über Ermüdungserscheinungen können sie nur lachen.

Der ganze Arbeitsmarkt wird umgekrempelt. Maschinen wurden erfunden, um den Menschen das mühselige Arbeiten zu erleichtern – und überflüssig zu machen. Davon kann keine Rede mehr sein. Es ist umgekehrt: die Arbeit, die jeder kennt und an die er sich gewöhnt hat, wird vom Erdboden vertilgt. Aber nicht zugunsten einer selbstbestimmten Mußezeit, sondern zugunsten einer unbekannten, alles-überwachenden Maschinenwelt, die niemand will, an die jeder nur mit Angst und Schrecken denkt.

Alles faule Ausreden: der Mensch muss sich ständig neuen Herausforderungen stellen – auch wenn sie sich den ganzen Tag lang wiederholen, auch im Zeitalter der vollendeten Kybernetik.

Merkel, als Kanzlerin der natur-vernichtenden alten Arbeitswelt und Einführerin einer ganz neuen Maschinenwelt, wird in 20 bis 30 Jahren noch immer dieselben Blazer tragen, dieselben Worte und Gesten machen. Führung ist ein zeitloser Job. Selbst wenn Merkel von einer verblüffend ähnlichen Roboterin ersetzt werden würde: niemand würde den Unterschied bemerken. Wir gehen verheißungsvollen Zeiten entgegen. Niemand wird auf Sozialknete angewiesen sein. Jede(r) wird gebraucht – als unersetzliche(r) Malocher(in). Soll niemand sagen, der Staat lässt die Seinen im Stich.

„Ich trete sehr vehement gegen die Idee eines bedingungslosen Grundeinkommens ein. Es ist die Botschaft an die Menschen im Land, dass es einen relevanten Anteil von ihnen geben wird, den wir nicht mehr brauchen. Das Versprechen lautet, dass wir alle schon irgendwie finanziell über Wasser halten. Nicht sehr großzügig, aber so, dass man einigermaßen durchkommt. Ich halte dieses Gesellschaftsbild für absoluten Irrsinn. Ich möchte eine Gesellschaft, in der jeder gebraucht wird. Im Koalitionsvertrag ist das mit dem Versprechen Vollbeschäftigung adressiert. Jeder, der sich anstrengt, kann in diesem Land etwas erreichen. Wir brauchen alle.“ (SPIEGEL.de)

Wer nichts erreicht, hat sich nicht angestrengt. Arbeit ist Religion: wir glauben an die Arbeit, obgleich sie immer absurder wird und die Natur endgültig füsiliert.

„Arbeit heißt die Welt vernichten oder fluchen.“

Schrieb unverständlicherweise ein fleißiger Philosoph aus Stuttgart. Nichtarbeiten hieße demnach: die Welt retten und lobpreisen.

Der Mensch darf nicht über sein Leben bestimmen. Der Staat – im Misstrauen gegen den selbstbestimmten Menschen – bestimmt über ihn.

Der zur entfremdeten Arbeit Gezwungene von heute könnte nicht den Sklaven von gestern verstehen? Wie viel Sklaverei steckt im Fluidum einer Freiheit, in der niemand über sich bestimmen kann: in der Lohnabhängigkeit, im Zwang, dorthin zu ziehen, wo die neue Arbeitsstelle ist, in der Nötigung, seine Kinder in Kitas abzuliefern, in die sie nicht wollen, in der Verpflichtung für alleinstehende Mütter, „Familie und Betrieb“ unter einen Hut zu bringen – und wenn sie dabei innerlich am Krückstock laufen?

"Die eigentliche Lüge der Vereinbarkeit besteht ja darin, dass die Kompatibilität zweier Systeme propagiert wird, die sich eigentlich gegenseitig ausschließen. Wer arbeiten geht, kann nicht bei seinen Kindern sein. Die Arbeitswelt fordert Pünktlichkeit, Kalkulierbarkeit, Planbarkeit. Kinder sind all das nicht. Immer mehr Menschen, insbesondere Mütter, leiden an Dauererschöpfung, doch statt den Fehler im System zu suchen, nutzt die Wirtschaft diese Tatsache eher als willkommene Gelegenheit zur Gründung eines neuen Geschäftszweiges". (ZEIT.de)

Ist die Welt verrückt geworden? Dann wäre sie ein Fall für Psychopathen-Forscher. Viele Mitglieder der führenden Klassen sind Psychopathen – sagt der Experte:

„Psychopathen haben viele Masken, und sie setzen die Maske auf, die die Bedürfnisse des Gegenübers exakt befriedigt. Etwa die Heiratsschwindler: Sie analysieren genau, was sich ihr Opfer wünscht. Sucht es Schutz, erlebt es den Psychopathen in väterlich-fürsorglichem Gewand. Es ist eine Illusion zu glauben, man könne mühelos herausbekommen, ob jemand einen psychopathischen Charakter hat. Das ist auch für Psychologen sehr schwer. Auf den ersten Blick sind Psychopathen nämlich oftmals charmante, witzige Menschen. Häufig findet man sie zunächst großartig. Die Freundlichkeit kann aber blitzschnell umkippen, wenn der Psychopath merkt, dass man ihn durchschaut oder infrage stellt. Dann wird er dominant und macht sein Gegenüber klein. Gern gipfelt das in einer Drohung.“ (SPIEGEL.de)

Warum spricht der Experte nicht von Politikern – die über viele Masken verfügen: über die demütige, mütterliche, verständnisvolle, mitleidlose, gelassene, nüchterne, samaritanische, des Wortes unfähige, unbarmherzige? Psychopathen unter den Industriebossen sind nicht auf der Höhe der Zeit, wenn sie ihre Contenance verlieren und unvermittelt umkippen. Sie haben ihre wahren Gefühle nicht im Griff und wechseln zwischen Rollenspiel und Ehrlichkeit.

Diese hinterwäldlerische Spezies ist seit dem neuen amerikanischen Präsidenten überholt. Der kippt ständig – mit Absicht. Weil er gar keine Konstante, keine normale Höflichkeit kennt. Im Führer der Welt hat der psychopathologische Charakter die Weltspitze erklommen. Je penetranter er der Welt – die es wagt, sich ihm nicht zu beugen – vorhält: Ihr seid der Abschaum der Schöpfung, je mehr decouvriert sich sein Wahn zur Normalität einer ver-rückten Welt. Warum gibt es keinen ernsthaften Versuch, dieses strohblonde Teufelchen im nächstbesten Golfplatz zu entsorgen? Weil die psychopathologische Welt befreit aufatmet: endlich einer von uns, der unsere Sprache spricht, unsere hasserfüllte Seele auf der Bühne der Weltpolitik frei schwingend präsentiert. Massenneurose schützt vor Einzelneurose. Trump, wir danken dir, du bist wie wir.

Gibt es einen demokratischen Charakter? Müsste er nicht ein gesunder Charakter sein, um den kranken im Kontrast zu kennzeichnen? Wäre eine utopische Demokratie eine pumperlgesunde, fröhliche, ausgeglichene, bar jeder Verstellung, aufrichtig, verlässlich und freundlich? Hier jault die Riege der Schlechtmenschen. So viel Moralin auf einem Fleck, das wäre der Untergang der Menschheit.

Über welche Epoche spricht Fritz Stern in seinem Buch: „Der Traum vom Frieden und die Versuchung der Macht“: „Der ganze große Hang der Deutschen ging gegen die Aufklärung, gegen den Rationalismus.“? Als die Bestien kamen und alle humane Moral zertrümmerten, gab es viele Mitläufer, die nicht wussten, auf welche Seite sie gehörten. Also blieben sie passiv und schwiegen: „Ohne Zweifel war das Schweigen für manche ein Akt der Anständigkeit. Im Privatleben verhielt man sich anständig oder war zu Gesten bereit, um das Gewissen zu beruhigen.“

Schweigen und Anstand sind heute wieder bürgerliche Kompensationsleistungen derer, die Moral für eitle Selbstbefriedigung halten. Sie sind für die neue Ehrlichkeit à la Trump – nur der Stil, bitte schön, muss alteuropäisch gesittet sein. Der Deutsche hat immer ein Gewissen, auch wenn er es als nutzlose Trophäe in den Keller stellt.

Armin Nassehi, ein Professor, der sich vor keinem Widerspruch fürchtet, ist ein typischer Moralverächter, der nichts gegen Moral hat – so viel Anstand muss sein:

„Die Betonung moralischer Überlegenheit tut ein Übriges. Wer andere dafür abstraft, dass sie darauf hinweisen, dass das ehrenwerte Motiv der Seerettung im bösen Kalkül der Seelenverkäufer an der libyschen Küste vorkommt, ist nur an den eigenen angemessenen Sätzen interessiert. Manche insinuieren gar, man würde damit Menschen absichtlich ertrinken lassen wollen. Politisch hilft das nur wenig weiter – außer mit sich selbst semantisch im Reinen bleiben zu können. Man kann wissen, dass eine starke Moralisierung von Problemen oftmals eine Reaktion auf die eigene Unfähigkeit ist, etwas wirklich ändern zu können oder Konzepte dafür zu haben. Noch mal: Ich rede nicht gegen Moral, ich rede vor allem dagegen, Flucht- und Migrationsfragen nur im Modus der Barmherzigkeit zu diskutieren.“ (WELT.de)

Wer bislang davon ausging, dass es in der Flüchtlingsfrage um ein Menschenrecht ging, wird hier eines Besseren belehrt: es geht um Barmherzigkeit. Solche Begriffe sind inzwischen auch eines – na ja, ein bisschen katholisch gewordenen – Soziologen würdig, da braucht man auf Theologen nicht zu warten.

Wer Menschenrechte einhält, will semantisch (= im Schwatzen) mit sich im Reinen sein. Unerhört. Anständige Amoralisten erkennt man daran, dass sie stumm und wortlos mit sich im Zerwürfnis leben. Ein wahrer Mann wirft sich in den Dreck, um durchzuziehen, was durchzuziehen ist. Vor Zeiten nannte man diese Furchtlosigkeit vor dem Abscheulichen Heldentum. Politik können sie nicht, weshalb sie in die Moral flüchten. Bekanntlich will Moral alles beim Alten lassen und nichts verändern.

Bleibt noch der Präfaschismus. Vor dem warnte Faira Nokoutan, eine Berliner Migrationsforscherin. Doch Sven Felix Kellerhoff von der WELT, ein Quell spring(er)lebendiger Moralverächter, warnt vor der Professorin:

„Der Rechtspopulismus ist ohne Zweifel eine große Gefahr für die Demokratien Europas. Dagegen hilft es nichts, von „Präfaschismus“ oder „Faschismus“ zu reden: Das sind deutlich andere Phänomene, die andere Maßnahmen erforderten. Wer imaginierte Gegner bekämpft, hilft den Feinden der Demokratie.“ (WELT.de)

Wenn Demokratien in Gefahr sind, hat das doch nichts mit Faschismus zu tun. Gottlob haben deutsche Gelehrte einen solchen Wust an Begriffen aufgeboten, um den Faschismus – unkenntlich zu machen, dass wir uns um dieses deutsche Übel nicht mehr kümmern müssen. Wiederholungsgefahr besteht ja nicht, also abrüsten mit diesen ewigen Warnungen vor einem Rückfall der Deutschen.

Dabei ist es so einfach: alles, was nicht Demokratie ist, ist Faschismus. Wenn er bestialisch wird, sprechen wir von Totalitarismus.

Pardon, das ist zu einfach. Vor allem darf kein Begriff dem Versuch dienen, den Verfall der Demokratie zu brandmarken. Wissenschaftliche Begriffe sind für Wissenschaftler, nicht für Stammtischstrategen. Die Konservative Bewegung etwa als präfaschistisch zu bezeichnen, sei abwegig:

„In der seriösen Forschung wird „präfaschistisch“ außerdem als kritische Bezeichnung für die politische Denkschule der Konservativen Revolution benutzt. Hier handelt es sich um eine oft bewusste Abwertung von Intellektuellen, die sehr nationale, bisweilen auch nationalistische Gedanken formulierten, die aber in den faschistischen Gesellschaften vor allem der 1920er- und 1930er-Jahre in Europa eben nicht zu Vordenkern aufstiegen.“

Womit CSU-Dobrindt und die wachsende Front der Amoralisten gerettet wären, die nichts anders seien als harmlose Nationalisten. Der WELT-Autor scheint Fritz Stern nicht gelesen zu haben, sonst hätte er ihm widersprechen müssen:

„Die sogenannte konservative Revolution und der Nationalsozialismus hatten viel Gemeinsames, besonders in ihrer Kritik am Bestehenden, in ihrem Verlangen nach Volksgemeinschaft, in ihrem Streben nach einem neuen Glauben. Aber die konservative Revolution war Theorie und Traum, da wurde noch mit Ideen gekämpft. Die Anhänger der Konservativen Revolution haben dem Nationalsozialismus nichtsdestoweniger wichtigen Vorschub geleistet. Sie waren es, die die Oberschicht ins Dritte Reich führten.“

Auch mit dem Judenhass – der gegenwärtig wieder anschwillt – habe der Nationalsozialismus nur „rein fiktiv“ zu tun gehabt.

„Der bei faschistischen Bewegungen stärker oder schwächer ausgeprägte Judenhass (am stärksten und radikalsten natürlich bei der NSDAP) beruhte auf reinen Fiktionen.“

Wenn der Judenhass auf Fiktionen beruhte, war er dann bei der NSDASP fiktiv am stärksten und radikalsten? Der Artikel ist der Bankrott aller Selbsterforschung der Deutschen als Judenmörder – die mit reinem Gewissen im Blute wateten und dabei anständig blieben.

Da gab es Hitler und seine wenigen Getreuen, die waren von Grund auf böse. Mit der deutschen Nation aber hatte das nicht viel zu tun. Sie wurde nur verführt, erpresst und gezwungen, sich am Bösen zu beteiligen. Da muss Fritz Stern in einem fernen Land aufgewachsen sein:

„Am Ende entluden die Nazis, die zum Hass auf das deutsche Judentum erzogen worden waren, ihren vollen Zorn gegen die ihnen schutzlos ausgelieferten Juden Europas.“

Ein ignoranter, selbstgefälliger, NS-beschönigender, die gegenwärtige Amoralisierung der BRD absegnender WELT-Artikel. Wir gratulieren Friede Springer und Mathias Döpfner für diesen beschämenden Artikel. Ihre israelischen Freunde werden sich freuen.

 

Fortsetzung folgt.