Umwälzung LXXXVI

Tagesmail - Freitag, den 13. Juli 2018

Hello, Freunde der Umwälzung LXXXVI,

die Epoche des Guten ist vorbei. Nichts Schlimmeres als das Gute: so tönt es im weiten Rund der Gutenhasser. Moral, der Glaube an das Gute, bringe uns ins Grab.

Müssten Gutenhasser aber nicht noch besser sein als die Guten, wenn sie deren Tun für ungut hielten? Wäre Böses das Gegenteil des Guten, müssten die Bösen die wahren Guten oder die Allerbesten sein. Im Namen des Besten hassen sie das Gute, das für sie das wahre oder entlarvte Böse wäre.

Wenn das bisherige Gute in den Verdacht kommt, das Gegenteil seiner selbst zu sein, wenn das bisherige Böse das bisherige Gute vom Thron stößt: wie nennen wir diesen Vorgang? Einen Epochenwandel.

Eine traditionelle Epoche geht zu Ende, eine neue beginnt. Alles muss auf den Tisch, alles muss neu verhandelt werden. Das kann gefährlich werden, denn bisherige Gemeinsamkeiten der Völker gehen verloren, es kündigen sich neue an, die aber die alten noch nicht ersetzen können.

Zwischen dem Alten, das verloren geht – und dem Neuen, das unsicher und noch nicht vorhanden ist, liegt das Nichts. Nichts heißt Nihil. Den Vorgang der Dekadenz ohne Wiederaufstieg in neue Verbindlichkeiten nannte das 19. Jahrhundert Nihilismus. Wenn die Epoche des traditionellen Guten sich verabschiedet und die gemeinsamen Werte schwinden, steht der Nihilismus vor der Tür.

„Was ist Nihilismus? Dass die obersten Werte sich entwerten. Es fehlt das Ziel, es fehlt die Antwort auf das «Warum».“ „Dass es keine Wahrheit giebt; dass es keine ...

... absolute Beschaffenheit der Dinge, kein »Ding an sich« giebt – dies ist selbst ein Nihilismus, und zwar der extremste.“ (Nietzsche)

Was folgt daraus?

„Der Glauben an die absolute Wertlosigkeit, das heißt Sinnlosigkeit.“ „Entsprechend gibt es auch keinen Maßstab mehr für die Moral.“

Kein Maßstab für Moral – das ist Gegenwart. Vor wenigen Jahren klang das noch ganz anders:

"Jeder Mensch hat die Pflicht, unter allen Umständen Gutes zu fördern und Böses zu meiden."

Eine ganze Generation ehemaliger Regierungschefs (Inter Action Council) muss geträumt haben, als sie diese „Allgemeine Erklärung der Menschenpflichten“ entwarfen. Unter ihnen Helmut Schmidt, Nelson Mandela, Richard von Weizsäcker, Jimmy Carter, Giscard d‘ Estaing, Bill Clinton.

Die Postmoderne – die Lehre, dass es keine verbindliche Wahrheit gibt – ist keine Erfindung der Nachkriegszeit, sondern eine Wiederholung des 19. Jahrhunderts. Dass unbearbeitete Dinge sich wiederholen, hört die Gegenwart nicht gern. Jeder Tag ist für sie Tabula rasa. Das Alte ist vernichtet, es gilt, das futuristische Neue zu entwerfen, das am täglichen Nullpunkt beginnt.

Der Futurismus glaubt, den Nihilismus überwunden zu haben. Denn Nihil ist der Ausgangspunkt, auf dem sie das noch nie Dagewesene errichten.

Selbst Helmut Schmidt gehörte zu den Unterstützern der Menschenpflichten, obgleich er, in der Tradition seines Hausphilosophen Popper, jede utopische Vision verspottete. Würden alle Menschen indes das Gute tun, wäre die Utopie erreicht. Selbst, wenn das Ziel unerreichbar wäre, sollten die Menschen sich dem Ziel permanent annähern. Auch Kant hielt den Ewigen Frieden für unerreichbar, dennoch sollte die Menschheit dieses Ziel pflichtgemäß anstreben.

Es ist ein Unterschied, ob ich ein Ziel generell für unerreichbar und jede Bemühung als sinnlos betrachte – oder ob ich es zwar für unerreichbar halte, mich aber dennoch bemühe, seiner Spur zu folgen.

Wenn Gutes mit Gutem kollidiert: was ist dann das wahre Gute? Trotz aller Gefahren eines Epochenbruchs besteht die Chance eines Neuanfangs. Nicht im Sinne einer Zerstörung des Alten, als ob es vollständig zerrüttet und ruiniert wäre. Sondern im Sinne eines Neuen, das das Alte prüft, das Beste behält und nur das Schlechte verwirft.

Dieses Neue ist überzeugt, dass die Menschheit im Verlauf ihrer Geschichte gelernt hat und vieles Gelernte festgehalten werden muss. Einen Dualismus aus schlechtem Alten und gutem Neuen lehnt die Vernunft des Menschen ab. Das Alte war nicht nur schlecht, das Neue wird nicht nur gut sein.

Heute gibt es nur ein perfektes Neues, das alles Alte eliminiert. Die Moderne will zwar kein Entweder-Oder, keinen hell-dunklen Dualismus und – hat diesen Dualismus längst verinnerlicht. Wahrheit kennt sie nur als Zeitbegriffe. Ihr Sein ist die Zeit. Das Alte ist schlecht, weil es alt, das Neue gut, weil es neu ist. Die Qualitätsprüfung ist einfach: ist etwas neu? Dann ist es gut. Ist etwas alt: dann ist es unrettbar.

Dass es keine Wahrheit gibt, ist der Nihilismus Alteuropas. Der amerikanische Futurismus, der inzwischen auch Europa beherrscht, kennt sehr wohl eine Wahrheit: die Wahrheit der Zukunft.

Wenn Nietzsche schreibt: „Ziellosigkeit an sich ist unser Glaubensgrundsatz“, so unterscheidet sich sein zielloser Nihilismus vom amerikanischen Futurismus, der sehr wohl ein Ziel kennt: das Ziel einer grenzenlosen Zukunft. Wer es genau nimmt, könnte sagen: auch Futuristen haben kein eindeutiges Ziel. Das Ziel der Grenzenlosigkeit besteht darin, jede Grenze zu überwinden, jedes erreichte Ziel als vorläufiges zu betrachten, um das nächste anzupeilen. Heute der Mond, morgen der Mars, heute KI, die den Menschen übertrifft, morgen eine KI, die ihn überflüssig macht und eliminiert.

„Mit dem Nihilismus geht eine auf Lüge und Lebensfeindlichkeit gegründete Zivilisation zugrunde. Er ist Gesundung. Dieser Nihilismus ist nicht nur ein Ende, sondern eine Wende.“

Nietzsches Nihilismus konstatiert ein Ende, um einen Neuanfang zu starten. Hier entsteht sein Problem: wenn auch er ein Neues will, will er eine neue Wahrheit? Behauptete er nicht eben, es gebe keine Wahrheit, keine ewige Beschaffenheit der Dinge?

Welche neue „Wahrheit“ will Nietzsche? Dass ein neuer Herrenmensch gezüchtet wird. Dass der starke Mensch stärker und reicher geraten muss als er jemals geriet. Es muss eine Art Willen geben, einen Instinkt, einen Imperativ, „antiliberal bis zur Bosheit“.

„Die Schwachen und Missratenen sollen zugrunde gehen: erster Satz unserer Menschenliebe. Und man soll ihnen noch dazu helfen.“ Es geht um „Steigerung des Lebens“. An die Stelle des Geistes und einer antiquierten Vernunft – tritt das Leben, gemessen am „Leitfaden des Leibes“. „Der neue, post-nihilistische Mensch wird der Träger der großen Gesundheit sein, das prachtvoll nach Beute und Sieg lüsterne schweifende Raubtier. Das wird das Versöhnungsfest der Natur.“

Wenn das bisherige Gute nur Lüge, Heuchelei und Lebensfeindlichkeit war: müsste nicht jeder Liebhaber des wahren Guten dem alten Guten den Kampf ansagen? Das bisherige Gute wäre gar nicht gut gewesen. Es hätte nur die Illusion des Guten erzeugt, dem Leichtgläubige blind gefolgt wären.

Der heutige Kampf gegen das Gute erweckt tatsächlich den Eindruck, gegen Lügen und Phrasen im Namen des Guten anzutreten. Wären die angegriffenen Guten tatsächlich gut, müssten sie alles liegen und stehen lassen und diese Anklage untersuchen.

Ginge es nur um Heuchelei, könnte es keinen radikalen Kampf zwischen einem alten und neuen Guten geben. Das angegriffene Gute wäre gar nicht gut gewesen, sondern hätte das Gute nur maskenhaft gespielt, um das Schlechte zu verbergen, das es im Hintergrund verfolgen wollte. Ihr sprecht nur vom Guten, ihr mimt das Gute, ihr inszeniert das Gute – in Wirklichkeit tut ihr das Böse, das ihr als Gutes verkauft. So müsste die Anklage lauten.

Ein Kampf gegen ein heuchelndes Gutes, das gar keines ist, wäre nichts Neues. Seit es Moral gibt, gibt es den Kampf gegen ein bloß maskenhaftes Gutes, hinter dem sich das Böse verbirgt. Ein solcher Kampf wäre nur eine Katharsis, eine Reinigungsprozedur der alten Moral, um das Original von lügenhaften Plagiaten zu säubern.

Das wäre kein Epochenwechsel zu einem radikal Neuen, sondern fortlaufende Selbstreinigung des Alten.

Nehmen wir aber an, wir stünden mitten im revolutionären Wandel aller moralischen Grundbegriffe. Woran würden wir das erkennen? Dass das bisherige Gute dem bisherigen Bösen gegenüberstünde, das sich nicht länger mit dem Etikett des Bösen zufrieden gäbe, sondern an die Stelle des Guten treten wollte. Ich bin das neue Gute, spricht das bisherige Böse. Das Gute, dem ihr Menschen bislang gefolgt seid, war Narretei, Trug, Täuschung. Ihr seid einem schwindelhaften Guten aufgesessen, ihr Narren. Kommt endlich zur Vernunft, zu meiner Vernunft, zur Vernunft des – Bösen, das triumphal aus dem Untergrund kommt, um das Gute der Zukunft zu werden.

Der oberste Begriff des bisherigen Guten war Gott. Den Zeitgenossen erschien es wie ein radikaler Bruch mit der Tradition des guten Gottes, wenn an seine Stelle ein böser Gott träte. Doch der Eindruck trog. Der christliche Gott war für beides zuständig: für das Gute und das Böse. All dies geschah, als die Vernunft der Aufklärung zu siegen begann. Der christliche Gott wurde aufgespalten. Der gute, liebende Gott wurde zum Gott der Vernunft, der böse Gott zum Prinzip des vernunftfeindlichen Bösen. Auf der einen Seite siegte das Licht der Vernunft und der Moral des Humanen – gleichzeitig siegte auf der anderen Seite der Gott des Bösen. Die europäische Entwicklung spaltete sich. Die Antipoden der humanen Vernunft propagierten den Gott des Bösen.

Der neue Gott wurde zur Natur, Natur zum Reich des Bösen. Diese Gottheit-Natur erfreut sich an allem Bösen, am Übel. Sie ist „das Höchste Wesen im Schlechtesten und Verderbtesten“, wie es Minister Saint Fond in „Juliette“ darlegt. Wir sind bei Marquis de Sade.

Bei de Sade gibt es eine Religion des Bösen. Gott schafft und erhält die Welt durch das Böse. Im Bösen leben, weben und sind wir. In den Schoß des Bösen kehrt die Welt nach ihrem irdischen Leben zurück.

Wer Schoß mit dem Weiblichen gleichsetzt, müsste die Frage stellen: war das bisherige Gute das Gute des Mannes? Wohin gehört die aufgeklärte Vernunft? Ist sie nur eine männliche Angelegenheit? Vergessen wir nicht: die autonome Vernunft der Aufklärung war Widersacherin des christlichen Männergottes. Jetzt wird’s vertrackt.

Bleiben wir bei de Sade. „Seine Natur ist grausam, mörderisch, sie zerstört, tötet.“ (Friedrich Heer, Europa, die Mutter der Revolutionen).

De Sade kämpft zuerst gegen die Kirche. In ihr sieht er eine Sekte, eine Macht, die den Menschen schändet und vergewaltigt im Namen eines Jenseitsgötzen, den sie Gott nennt. Christentum ist Götzendienst, Betrügen und Sichselbstbetrügen. Gegen diesen Götzengott, gegen seine „Tugend“, die als Heuchelei von der Kanzel gepredigt wird, verkündet de Sade die totale Erhebung des Menschen.

„Sade denkt seine Revolte konsequent zu Ende, bis zur totalen Zerstörung, zum totalen Verbrechen und zur totalen Diktatur. In einer wahnwitzigen Natur ist der Mensch total auf sich allein gestellt. Er darf, ja, er soll alles tun, was er kann. Worin offenbart sich die Vollmacht des Menschen? Im Verbrechen, im Morden, in der Unterwerfung anderer Menschen; in ihrer Verwendung als Material für alle Leidenschaften des Menschen.

Es kann kein Zufall sein, dass der Inbegriff des Bösen eine Frau ist. Juliette: „Ich gestehe, dass ich das Böse leidenschaftlich liebe, es allein reizt meine Sinne, bis zum letzten Atemzug werde ich mich zum Bösen bekennen. … Was kümmern mich die Opfer, es muss welche geben. Nur durch Missetaten erhält sich die Natur und erobert sich die Rechte zurück, die ihr die Tugend geraubt hat. Wir gehorchen ihr, indem wir uns dem Bösen hingeben. Widerstand dagegen wäre das einzige Verbrechen, das sie uns nie verzeihen wird.

Ein Fürst von Francavilla sagt in der Gesellschaft des Königs Ferdinand von Neapel: „Man muss die religiösen Gespenster durch äußersten Terror ersetzen. Wenn der Pöbel die Furcht vor der zukünftigen Hölle verloren hat, muss es die Hölle auf Erden fürchten.“

Unschwer zu erkennen, dass Nietzsche ein zurückgebliebener de Sade war. „Die Schwachen sollen zugrunde gehen. Das Christentum vertritt die Schwachen, ist also das übelste Laster.“ Es gibt nur ein Recht der Natur, das Recht der Stärksten. Wenn der Schwache sich wehrt, muss er vernichtet werden, denn er rebelliert gegen die Natur. Reue ist widervernünftig, Mitleid die Sünde schlechthin.

Ein Jahr vor dem englischen Theologen Malthus enthüllt de Sade die Angst der Mächtigen vor den rebellischen Massen. Bei Malthus ist es ein Gesetz der Natur, dass die überzähligen Massen Hungers sterben müssen. Für sie ist kein Platz auf Erden. Die adligen Franzosen fliehen in Wollust und Verbrechen auf einsame Schlösser. Die alteuropäische Führungsschicht wird zu einer Menschenfresser- und Kannibalenkaste im eigentlichen Sinn des Wortes. Am Hofe von Neapel hat der König ein einzigartiges Theater eingerichtet. „Sieben verschiedene Todesarten sind auf der Bühne vorbereitet. 50 wunderschöne Mädchen und Knaben können zur Auswahl getötet werden.“

Englische Kapitalisten vergreifen sich nicht direkt an ihren Lumpenproleten – höchstens an deren Frauen und Kindern –, sondern lassen sie per ökonomischen Naturgesetzen verrecken. Der indirekte Ökonomie-Sadismus gilt bis heute als das Nonplusultra einer effizienten Wohlstandwirtschaft. Etwas Besseres fällt den Anhängern abendländischer Werte partout nicht ein. Oh wisset, Freunde, das Gute muss noch komplexer sein als die bösen Machenschaften der Eliten, die sie nicht mal selbst verstehen.

Die Epoche des Guten verabschiedet sich. In Deutschland ist das Böse gesichtet worden. Wen wundert es noch: Im Gesicht einer Frau:

„Beate Zschäpe, 43, wird jetzt weggesperrt. Ist das Böse nun besiegt? Das Böse, fürchte ich, lebt weiter. Ich fürchte, es wird sich vermehren. Hass-Parolen, Glattrasierte. Beate Zschäpe hat bei der Urteilsbegründung wie ein aus Eisen gegossenes Gesicht ohne Mitleid gezeigt. Ein Gesicht, das nicht weint. Ein Gesicht, das nicht weich wird. Ein Gesicht, das nicht in die Augen der Angehörigen der Opfer schaut.“ (BILD.de)

Das Böse hat keine Ursache. Es ist nicht entstanden. Es ist, weil es ist. Und wenn es Ursachen gäbe: sie wären uninteressant. Vielleicht sind Gene schuld, vielleicht die Erbsünde. Wer das Böse verstehen will, macht sich selbst des Bösen – oder Idiotischen, Blauäugigen, Gutmenschlichen – verdächtig. Der „Kausalismus“ des Bösen ist aus. Putinversteher, Breivikversteher, Despoten- und Tyrannenversteher: nehmt euch in Acht. Lange fackeln wir nicht mehr, dann seid ihr fällig.

Es war nicht nur BILD, auch in anderen Medien gab es kaum einen Kommentar zum Prozess, der den Versuch unternommen hätte, das Böse in der deutschen Gesellschaft zu dechiffrieren. Vom biografischen Werdegang der Verurteilten kein Wort. Ein Mensch kam als Verbrecherin zur Welt. Das Böse entsteht nicht, es hat keine Geschichte. Die Gesellschaft will nicht schuld sein am Ausbrüten des Bösen.

Christiane Hoffmann hat den Medien den Gefallen getan, ihr Grundgesetz zu enthüllen. Was Vergangenheit hat, kann nicht verstanden werden. Schon gar nicht, wenn Vergangenheit mehrere 1000 Jahre auf dem Buckel hat:

„Von einer bald anderthalbtausendjährigen religiösen Schrift auf die Entwicklung von Gesellschaften im 21. Jahrhundert zu schließen, scheint mir doch ziemlich unterkomplex. Ich glaube, dass die Lektüre religiöser Offenbarungen eher wenig dazu beiträgt zu verstehen, warum Menschen mit der Moderne hadern. Warum konnte sich etwa Indonesien, das Land mit der weltweit größten muslimischen Bevölkerung, so fortschrittlich entwickeln? Und: Es kommt ja auch niemand auf die Idee, die gesamte Bibel zu lesen, um zu verstehen, wie Donald Trump tickt.“ (SPIEGEL.de)

Da wollen wir doch lieber die Gene bemühen, um das Rätsel der Menschheit zu entschlüsseln. Wie viele x Millionen Jahre sind sie schon alt? Wozu brauchen wir Archäologen, Historiker der frühesten Menschheit über alle Epochen der Geschichte hinweg – wenn sie uns nichts sagen können über die Entwicklung des Menschen?

Da benennen sich die mächtigsten Kulturen der Gegenwart nach Religionen – aber von Religionen wollen sie nicht geprägt sein? 1000 Jahre sind nicht nur vor Gott wie ein Tag, sondern auch vor der Entwicklung des Menschen von seinen frühesten Anfängen bis heute.

Warum schreiben Simone de Beauvoir, Marilyn French, Lewis Mumford, Alexander Rüstow, auch Popper und viele andere die Geschichte der Menschen von frühesten Funden über das Matriarchat, die Erfindung der männlichen Hochkulturen, der Religionen und Philosophien bis zum heutigen Tag – wenn der Mensch von heute keine Vergangenheit hätte?

Auch Hoffmann ist vom tabula rasa-Denken des modernen Futurismus so angekränkelt, dass sie froh ist, zu jenen Beobachtern zu gehören, die nur den Augenblick wahrzunehmen haben. Da nennen sie sich Christen, Juden und Mohammedaner, lesen ihre heiligen Schriften – und wollen von ihnen nicht geprägt sein.

Nehmen wir Stephen Bannon, den einstigen Ohrenbläser des Herrn der Welt. Er wurde nicht entlassen, weil seine Botschaft nicht die seines ehemaligen Herrn wäre.

„Nun aber glauben Millionen angeblich aufgeklärter Demokraten mit Steve Bannon, dass die weißen Bürger Amerikas als auserwähltes Volk gegen das "Biest" kämpfen müssen, das sich unter anderem im Islam, im Feminismus oder im Versuch der Schwarzen, durch hohe Geburtenraten einen "weißen Genozid" zu erreichen, verkörpern soll. Daraus wurde Schritt für Schritt eine eschatologische Mythologie vom messianischen Volk der weißen Amerikaner im Kampf gegen das Weltböse. Das geistige Fundament dieser Heilslehre, die Bannon in epischen Pseudodokumentationen zur Geschichte der Menschheit entwickelte, sind neben der Bibel und seinem nationalistischen Rassismus vor allem die Ideen Ayn Rands sowie der spekulative Ableger von Oswald Spenglers zyklischer Geschichtsschreibung für Amerika von William Strauss und Neil Howe. Mit Naturkatastrophen, Raubtieren, Banknoten, Kriegsbildern und plakativen Grafiken erzeugt Bannon in all seinen Filmen eine Stimmung apokalyptischer Bedrohung der amerikanischen "Freiheit". Dazu denunziert er alle Formen von linken oder schwarzen Freiheitsbewegungen als Umsturzversuche einer gottgegebenen Ordnung christlicher Herrschaft in Amerika.“ (Sueddeutsche.de)

Amerikanische Biblizisten, denen Trump seinen Aufstieg verdankt, wissen, dass Bruder Donald ein Sünder ist. Na und? Wer ist keiner? Reuige Sünder hat Gott lieb.

Trumps Unverschämtheiten sind, nicht anders als bei Deutschen, Stolz auf seine Sünden. Schlichte deutsche Gemüter glauben, dass man Christen am Kirchgang, Beten und an frommen Phrasen erkennt. Nein, man erkennt sie an dem, was sie tun – ihr Bewusstsein mag sein, wie es will.

Der christliche Glaube ist zur Struktur der Moderne geworden. Es geht nicht um Glaubensbekenntnisse. Das ist Schnee von gestern. Wenn ihr glauben würdet, könntet ihr Berge versetzen. Berge versetzen sie täglich rund um den Globus. An ihren Taten könnt ihr den Glauben erkennen. Die Frage ist nur: an welchen Taten? Dazu müsste man vielleicht jene Bücher lesen, die zu bestimmten Macht-euch-die-Erde-untertan-Taten ermächtigt haben.

Das ist die Crux moderner Medien, dass sie im Nihil des vorübereilenden Augenblicks keine Tiefenschärfe entwickeln. Ohne historische Tiefe kein Verstehen, ohne Verstehen bleibt alles Wiederspiegeln der Ereignisse kritiklos und blutleer. Was gestern war: aus den Augen, aus dem Sinn. Als Merkel vor nicht allzu langer Zeit die Flüchtlinge in Gnade und Barmherzigkeit ins deutsche Allerheiligste einließ, gab es eine erstaunliche Willkommenswelle. Kaum eine deutsche Gazette, die es gewagt hätte, gegen „meine Kanzlerin heißt Merkel“ anzutreten und den Akt für eine Unverschämtheit, für einen Verstoß gegen deutsche und europäische Gesetze zu halten.

Inzwischen steht alles auf dem Kopf. Nicht nur Merkel verkehrte ihre samaritanische Liebestat ins Gegenteil. Die Medien propagieren heute, was in jenen Zeiten als böse gegolten hätte. Nicht mal notleidende Flüchtlinge im Mittelmeer soll man retten. Jede Lebensrettung ist ein eitler Akt und eine kriminelle Ermutigung an andere, das Risiko der Flucht auf sich zu nehmen. Irgendein Jan Böhmermann oder Klaas Heufer-Umlauf wird sie schon aus den Fluten ziehen. Solche Sätze wären noch vor kurzem undenkbar gewesen. Doch Trumpseidank darf Deutschland sich seines pastoralen Vorzeigedenkers erinnern: Die Schwachen sollen untergehen.

Müsste man Sanitäter, Ärzte, Feuerwehrleute nicht wegen eitler Lebensretterei und Anstiftung zu weiteren leichtsinnigen, vorsätzlichen und verbrecherischen Taten anklagen, weil ihr Tun signalisiert: alles halb so schlimm, wir sind zur Stelle, wenn Mord und Tod und Verletzte im Spiel sind?

„Nicht die Rettung aus Seenot ist also das Motiv, sondern die Mithilfe bei illegaler Einwanderung – je mehr, desto besser. Dass dabei immer mehr Menschen ertrinken, deren Leben einzig durch das völlige Unterbinden der Bootsfahrten zu retten wäre, erscheint den Abenteurern zwischen Lampedusa und Tunis offenbar völlig gleichgültig. Sogar die einfühlsamen deutschen Entertainer Jan Böhmermann und Klaas Heufer-Umlauf sollten bei ihrer Sammelwut zugunsten von Boot-Shuttles bedenken, dass gerade deren Flotte immer neue Verzweifelte aufs gefährliche Meer herauslockt.“ (WELT.de)

Thomas Schmid setzt noch einen drauf – in der WELT natürlich, dem Zentrum der neuen Humanität, die noch gestern als das Böse bezeichnet worden wäre:

„Es führt kein Weg an der Einsicht vorbei: Ja, wir waren naiv. Wir haben zu spät erkannt, was sich da an neuer Geopolitik und kruder Machtpolitik zusammenbraut. Wir Freunde des Vertragsdenkens stehen recht belämmert da. Höhnisch wird uns entgegengehalten, wir hätten das Einmaleins der conditio humana nicht verstanden: Dass Gewalt und Krieg immer drohen und es daher nötig ist, sich dafür zu rüsten. Dass auf Verständigung kein Verlass ist. Dass der Frieden in Stadt und Land trügt, dass immer Vorkriegszeit herrscht.“

Schmid versteckt sich hinter der Schriftstellerin Monika Maron, die die Humanität der Menschenrechte und des geltenden Gesetzes – „unterlassene Hilfeleistung“ beispielsweise – nur noch verachten kann.

„Ihr Menschen, sagt sie, habt nicht die Kraft, euch in den unveränderlichen Lauf der Dinge einzuschmiegen. Ihr glaubt, eine bessere Welt schaffen zu können – und seht nicht, dass ihr damit nur Unheil anrichtet. Ihr glaubt an die Vernunft – und seid doch vollkommen unvernünftig. Glaub daher auch nicht an das liberale Eiapopeia. Nimm die Dinge, wie sie sind. Glaub nicht, es könne eine Wende zum Guten geben. Glaub nicht an die Vernunft“. Halte den Krieg aller gegen alle für wahrscheinlicher als den immerwährenden Frieden.“ (WELT.de)

Die Epoche des Guten, des Glaubens an die Vernunft und die humane Moral geht vorbei. Die Epoche der Gegenaufklärung beginnt. Voltaire und Kant werden verabschiedet. Marquis de Sade und Nietzsche stehen bereit, den Deutschen den Weg – zu Trump zu ebnen. Wieder einmal schlüpfen sie unter.

Trump sitzt sicher auf dem Weltenthron und deklassiert den gesamten Westen. Das imponiert den Post-Nietzscheanern, die vom moralischen Geschwätz nur noch genervt sind. Natürlich muss – Dialektik, Dialektik! – die deutsche Galionsfigur der Antihumanisten eine reine Madonna sein. Merkel ist die Gute, Trump der Bösewicht:

„Vom Naturell her trennen die beiden Welten. Merkel ist mit ihrer nüchternen, bescheidenen, analytischen Art ein Antipode zum impulsiven, unkontrollierten, protzigen Trump. Der Hauptunterschied zwischen den beiden: Merkel denkt in Win-Win-Muster, Trump in Sieg oder Niederlage." (BILD.de)

Dass Merkel in Win-Win denkt, sollte man Griechen und anderen Losern einbleuen. Dass sie nüchtern, bescheiden und analytisch denkt, sollte man jenen sagen, die sie für eine Durchwurstlerin halten. Eine muss die Fahne des Guten schwenken – zwecks Deutschlands Ansehen in der Welt. Was sollen denn die Leute von uns denken?

Die neue Epoche des Inhumanen ist nicht neu. Sie ist eine Rückkehr zu vertrauten alten Denk- und Handlungsmustern:

„Am Ende siegt ewig nur die Sucht der Selbsterhaltung. Unter ihr schmilzt die sogenannte Humanität als Ausdruck einer Mischung von Dummheit, Feigheit und eingebildetem Besserwissen wie Schnee in der Märzensonne. Im ewigen Kampfe ist die Menschheit groß geworden – im ewigen Frieden geht sie zugrunde.“ (Mein Kampf)

Wie konnte der Führer die beginnende Menschenfeindschaft gewisser Presseorgane von heute nur so präzis vorausahnen? Oder ist es umgekehrt, dass diese gelegentlich, heimlich und verstohlen, in seinem unsterblichen Meisterwerk blättern, um ihre Gedankenarmut ein wenig in Wallung zu bringen? Das sei ferne von ihnen.

 

Fortsetzung folgt.