Umwälzung LXXVII

Tagesmail - Freitag, den 22. Juni 2018

Hello, Freunde der Umwälzung LXXVII,

erneut war die junge Frau beim Schwarzfahren erwischt worden. Da sie die Geldstrafe nicht bezahlen konnte, wanderte sie für mehrere Monate in den Knast. Sie war im achten Monat schwanger, ihr Sündenbalg erblickte das Licht der Welt in Gefangenschaft. Für die Schuld der Eltern haften die Kinder bis ins dritte und vierte Glied.

Die Geburt war nicht einfach. Als die Nabelschnur endlich zertrennt war, standen Polizisten am Bett der Mutter, bereit, ihr den schreienden Säugling aus den Händen zu reißen – und in ein Kinderheim zu bringen, das 1000 Meilen vom mütterlichen Gefängnis entfernt war. Ein Priester stand dabei und psalmodierte: Lasset die Kindlein zu Donald kommen und wehret ihnen nicht, denn Er ist das göttliche Gesetz, das über allen demokratischen Gesetzen steht.

Seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde und machet sie euch untertan und herrschet über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über alles Getier, das auf Erden kriecht.

Kinder sind Instrumente der Macht bei der Eroberung der Welt. Mächtige besitzen stolze kinderreiche Dynastien, die Unteren werden bestraft, wenn sie sich den Luxus eines Kindes erlauben.

Vor allem Kinder werden für die Sünden ihrer Erzeuger bestraft. Sie werden abgeschoben in Kitas, Schulen und Universitäten, wo sie von morgens bis abends beobachtet, kontrolliert, zwangsbeschäftigt, für die Interessen der Führungsklassen indoktriniert und zensiert werden.

Wie viele Zensuren erhält ein Mensch im Laufe seines Lebens? Nehmt alle Zensuren eines Lebens zusammen und bildet den Mittelwert – und ihr erhaltet die Signatur eines Unvergleichlichen hinter emotionalen Gittern. Sollte Trump noch nicht ...

... unsterblich sein, wird er auf dem Sterbebett triumphieren: vor meinen Schöpfer trete ich mit einer makellosen Eins.

Verweigern sich Zensursklaven den Segnungen der Zivilisation, werden sie zu Verbrechern, Neurotikern und Obdachlosen. Wenn sie im Rudel mitschwimmen, werden sie zur Strafe erfolgreich und gefühllos.

Früher wurden Kinder geopfert, ausgesetzt, geschlagen, missbraucht und gequält. Heute haben sich nur die Methoden verändert, wenn sie zu Abbildern ihrer Erzeuger gemeißelt werden. Die Gattung, die sich täglich neu erfinden soll, folgt seit Jahrtausenden den gleichen Spuren der Macht und Selbstvergottung.

Wenn Gott seine Lieblinge testete, wollte er sehen, dass sie ihre Söhne für ihn opfern würden. Wies er das Opfer in letzter Sekunde zurück, gilt das noch heute als Zeichen der Gnade. Hinfort stand das Leben des Geprüften unter Bedrohung der Gnade.

„Die Erzählung von der Opferung Isaaks lässt alle Anfechtungen Abrahams hinter sich und stößt in jenen Bereich äußersten Glaubenserfahrungen vor, da Gott selbst als der Feind seines eigenen Werkes erscheint, da Gott sich so tief verbirgt, dass sich nur noch der Weg in seine Gottverlassenheit zu eröffnen scheint. Israel soll wissen, dass es sich in solchen Situationen, da Gott sich aufs unerträglichste zu widersprechen scheint, um Versuchungen handelt, in denen Jahwe den Glauben prüft.“ (Gerhard von Rad)

Bei Prüfungen erscheinen die Autoritäten in elementaren Widersprüchen. Das ist die Urprüfung der Starken, die fürchten, dass ihre Autorität bei den Schwachen schwinden könnte. Sie haben Angst, verlassen, von niemandem geliebt zu werden.

Macht ist Ersatz für abwesende Vertrautheit und Freundschaft. Die herrschende Wirtschaftsweise erfrecht sich, alle menschlichen Gefühle kaufen zu können. Was, wenn es niemanden mehr gäbe, der an die Mächtigen glaubte? Verlassen und einsam, ohne gläubige Gefolgschaft, die an ihren Lippen hinge, müssten sie die Bühne verlassen.

Die Urprüfung ist das Modell jeder Prüfung, in der ein vertrauenerweckender Pädagoge sich verwandelt in eine angsterregende fremde Bewertungsinstanz. In einer Prüfung gibt es keine vertrauliche Nähe, kein Eros des Lernens, kein Gefühl der Verlässlichkeit. Vertrauen wird zu Misstrauen, das Unterstützende abweisend, das Wohlwollende zur objektiven Distanz.

Wer andere beurteilen darf, hat Macht über sie. Zensierende Macht schließt Nähe aus. In kalter Unnahbarkeit vergleichen und bewerten ist die Funktion des staatlichen Lehrers, der Macht hat über seine Eleven. Auch er lebt in ständiger Furcht, dass seine Faszinationskraft schwinden und seine Schüler ihn innerlich verlassen könnten.

Die schreckliche Ambivalenz des Lehrers hat alles freudige Lernen vernichtet. Lebenslanges Lernen wurde zum Drill im Dienst fremder Mächte. Lernen will nicht mehr die Welt erkennen, sondern sie vernichten und an die Kette legen. Lernen ist diktieren und die Welt bezwingen.

Da Natur ein minderwertiges Ding ist, gibt es nichts an ihr zu erkennen. Der Mensch erkennt, was er der Natur vorschreibt und ihr mit glühenden Eisen einbrennt. Wenn es kaum noch Menschen ohne Tätowierungen gibt, hinter denen sie sich verstecken, kann es auch keine Natur mehr ohne unauslöschliche Brandzeichen des Menschen geben.

Kinder sind Wesen, die überwunden werden sollen. „Gott vermag dem Abraham aus diesen Steinen Kinder zu erwecken“. Steine gibt es wie Sand am Meer. Die Natur prahlt mit ihrer Zeugungskraft, Gott beschämt sie mit toten Dingen, denen er lebendige Geschöpfe entlockt.

„Wer sich nun selbst erniedrigt wie dieses Kind, der ist der Größte im Himmelreich“. Kinder haben sich klein zu machen, dass ihre Autoritäten sich allwissend und allmächtig vorkommen. Kinder sind nur willkommen, wenn sie sich ducken und demütigen. Nur durch charismatische Autoritäten können sie zu Giganten von Gottes Gnaden werden.

Das will sagen: nicht die leiblichen Kinder sind Kinder Gottes, sondern die Kinder der Verheißung werden als Nachkommenschaft gerechnet. Leibliche Kinder sind Geschöpfe der Natur – und also wertlos. Nur, wer zum zweiten Mal geboren wurde aus dem Geist des Höchsten, der ist ein wahres Kind.

„Und jeder, der Häuser oder Brüder oder Schwestern oder Vater oder Weib oder Kinder oder Äcker um meines Namens willen verlassen hat, der wird es vielfältig empfangen und das ewige Leben ererben“. Kinder gehören zu jener irdischen Konkursmasse, die man als Verlustrisiko einsetzen muss, um in der Börse des Heils die Seligkeit zu erzocken.  

„Lasset die Kinder zu mir kommen und wehret ihnen nicht, denn solchen gehört das Reich der Himmel.“ Ihr irdisches Leben ist nichts, erst das jenseitige Leben macht die Kinder zu Geschöpfen Gottes. Kinder sollen sich lösen von ihren sündigen Familienbeziehungen und sich dem Despotismus der Priester und Despoten unterstellen. Dann werden sie ewig belohnt werden. Gottes Wille ist identisch mit jener Liebe, mit der das Mittelalter die Ungläubigen mit Feuer und Schwert traktierte. Deus lo volt.

Das Pendant zu unwerten irdischen Kindern ist das einmalige geniale heilige Kind, in dem Gott selbst Wohnung genommen hat.

„Und es begab sich, nach drei Tagen fanden sie ihn im Tempel sitzen mitten unter den Lehrern, wie er ihnen zuhörte und sie fragte. Und alle, die ihm zuhörten, verwunderten sich seines Verstandes und seiner Antworten. Und da sie ihn sahen, entsetzten sie sich. Seine Mutter aber sprach zu ihm: Mein Sohn, warum hast du uns das getan? Siehe, dein Vater und ich haben dich mit Schmerzen gesucht. Und er sprach zu ihnen: Was ist's, daß ihr mich gesucht habt? Wisset ihr nicht, daß ich sein muß in dem, das meines Vaters ist? Und sie verstanden das Wort nicht, das er mit ihnen redete. Und er ging mit ihnen hinab und kam gen Nazareth und war ihnen untertan.“

4000 Jahre männlicher Hierarchien hatten die Menschheit erschöpft und den Verzweifelten alle Hoffnung genommen, ihre Probleme zu lösen. Da konnte nur ein Gott helfen – oder ein gottgleiches Kind. Deshalb musste Gott einen Sohn zeugen, um die Menschheit von seiner Erlöserfunktion zu überzeugen.

Kinder sind die Letzten, die die Ersten sein werden. In den Schwachen ist Gott mächtig. Die Schwächsten sind Kinder, in denen Gott sich zu erkennen gibt. Indem Gott sich zum Kind machte, beschämte er die aufgeblasene Macht der Irdischen, die gegen ein Kind keine Chance hatten.

Doch das heilige Kind war nicht in Fleisch und Blut gezeugt, sondern aus heiligem Geist. Es war eine heilige Mogelpackung, die die Mächtigen der Welt verhöhnte: nicht mal gegen mich, das unscheinbare schwache Kind, habt ihr eine Chance. Gott missbraucht ein Kind, um seiner Feinde zu spotten. Der 12-jährige Jesus ist seinen Eltern untertan – bis seine Zeit gekommen war, wo er sich von allen irdischen Beziehungen lösen musste. Er ist zuhause, wo sein Gott ist. Die Welt hat er überwunden. Theokratie bezwingt alle irdischen Systeme. Der Erlöser will alle Kinder aus ihren irdischen Verhältnissen reißen und seines überirdischen Weges führen.

Der Sohn des Höchsten könnte nie eine Tochter sein. Seine Mutter hat zu seiner Persönlichkeit nichts beigetragen. Sie hat ihn nur im Brutkasten ausgetragen. Weib und Kind sind die Beute der Männer, die sie nach Belieben nutzen und abservieren. Sie sind keine gleichwertigen Partner der Herren der Schöpfung.

Wenn die Erwachsenen am Ende sind, richten sie ihre Hoffnung auf das Kind.

Der ZEITENKREIS, ein KIND ist er, kindlich spielend, Brettspielsteine setzend; einem KIND gehört die Königsherrschaft! (Heraklit)

In Notzeiten zeigt sich die kindliche Überlegenheit, die in normalen Zeiten von den Erwachsenen dementiert wird. Die Moderne ist eine Vernichtungsorgie des Kindlichen mit ihrer Errichtung einer Interessenwelt, die nur von amoralischer Macht und Überlegenheit dominiert wird. Das ausgebuffte Schlechtmenschen-Establishment verhöhnt die reine Moral der Kindlichen.

Die mächtige Erwachsenenwelt hasst das Kindliche, aber auch sich selbst. Die alten Patriarchen werden abgelöst. Das Führerideal nähert sich immer mehr dem Jugendlichen, das aber die Gesetze der Alten eisern fortführen muss  aber so, als ob es ein Neues wäre.

Die alten verbrauchten müden Gesichter kann man nicht mehr sehen. Von Berlusconi zu Di Maio, von de Gaulle zu Macron, von Breschnew zu Putin, von Papandreou zu Tsipras, von Kreisky zu Kurz, von Adenauer über Brandt zu Lindner, Habeck und Kühnert: die Linie ist unumkehrbar.

Das Ansehen des Alten und Weisen ist verschwunden. Genies bestimmen die Stunde, Genies sind früh komplett. Silicon Valley ist eine Despotie der Jungen, Vorurteilsfreien, die das Alte verachten und sich täglich neu erfinden. Das Neue ist das Zukunftsträchtige.

Zuckerberg & Co mussten blutjung sein, um die Welt zu erobern. Je älter und maroder die Welt, je mehr die jungen Generationen um ihre Zukunft betrogen werden, desto mehr überlässt man ihnen – aus verdrängten Schuldgefühlen – die prophetische Vollmacht, zu bestimmen, wohin die Reise gehen soll. Wird’s ins Abschüssige gehen: die Alten tragen keine Schuld.

Die Alten wollen regieren, solange das Klima erträglich, die Gülle noch nicht ins Grundwasser gedrungen, Flüchtlinge der Welt das alte Europa nicht vollständig übermächtigt haben. Nach den Alten die Sintflut. Die Jungen lassen sich von den Alten einreden, ihre Zukunft habe erst begonnen.

Es herrscht ein gigantischer Generationenkrieg zwischen denen, die die Zukunft in die Luft sprengen und denen, die der Selbstverblendung erliegen, ihre Zukunft sei grenzenlos und das Universum stehe ihnen offen.

Die Vereinbarkeit von Familie und Arbeit ist ein Betrug. Denn Arbeit ist zur 24-stündigen Religion geworden. Wer weniger arbeitet, muss ein schlechtes Gewissen haben. Wer Arbeit nicht als Aufstiegsmittel betrachtet, bleibt ein Versager. Arbeit ist kein rationales Mittel zum Überleben, sie ist zur lebenslangen strafbewehrten Andacht geworden. Ora et labora wurde zur Gleichung: Beten ist Arbeiten.

Es waren Benediktiner, die ihre mönchische Askese zur immerwährenden Arbeit ausweiteten und damit die Moderne vorbereiteten. Wer heute nicht arbeitet, organisiert seine Freizeit, als ob er anders arbeitete. Selbst Gammeln muss funktionell sein, um sich für die Arbeit zu erholen.

„Der freiwillige Verzicht des Benediktinermönchs auf seinen eigenen Willen kam jenem gleich, den die frühere Megamaschine ihren menschlichen Bestandteilen aufgezwungen hatte. Autorität, Unterwerfung und Unterordnung unter höhere Anweisung waren bestimmende Elemente dieser vergeistigten und moralisierten Megamaschine. Der Benediktinerorden nahm, indem er auf einer 24-Stunden-Basis arbeitete, eine spätere Phase der Mechanisierung vorweg; denn nicht nur brannten nachts im Schlafraum die Lichter, sondern die Mönche schliefen in Tageskleidung wie Soldaten im Kampf, um sofort für kanonische Pflichten bereit zu sein, die ihren Schlaf unterbrachen. Diese systematischen Entbehrungen und Versagungen gingen zusammen mit Regelmäßigkeit und Reglementierung, in die Disziplin der späteren kapitalistischen Gesellschaft über.“ (Mumford, Mythos der Maschine)

Kaufet die Zeit aus, das war die Regel der Methodisten; wachet und betet, denn ihr wisst nicht, wann der Herr kommt: da es den Menschen nicht gelingt, diesen Forderungen nachzukommen, brauchen sie Roboter und Golems, die stellvertretend für sie Wache halten und ununterbrochen zur Ehre Gottes malochen.

In diese Welt passen keine Kinder mehr. Kinder stören – und müssen aussortiert werden. Aber so, als täte man ihnen Gutes. Sie sollen gebildet werden, um in die Eliteklassen der gebildeten Zocker und Betrüger aufzusteigen. Kein Kind wird gefragt, ob es in eine Kita, eine Schule will. Kita ist Pflicht, sonst können die Eltern kein Geld verdienen. Schulen sind Pflicht, seit der Absolutismus Untertanen zur wirtschaftlichen Entwicklung benötigte, die lesen und schreiben konnten.

Schulen sind staatliche Einrichtungen mit politisch amputierten Beamtenlehrern, die den Kindern kein anregendes Vorbild sein können. Wird an den Schulen gemobbt, sind die Beamten unfähig, mit demokratischen Mitteln dem Übel entgegenzutreten. Sie sind zu feige, um sich zusammenzuschließen, ihre Obrigkeiten zu Reformen zu ermahnen und das kritische Interesse der Öffentlichkeit zu erregen.

Adas-Beraterin Sandra Abed ergänzte, dass auch Lehrkräfte oft Angst hätten, es könnte negativ auf sie zurückfallen, wenn sie Vorfälle innerhalb der Behördenstrukturen ansprechen. „Sie denken: Dann weiß es auch die Schulleitung, und am Ende bekomme ich Probleme.“ (TAZ.de)

An der Uni Hohenheim bestanden 48 Studenten eine Prüfung nicht, weil sie alle vorzeitig abbrachen und ein fast gleichlautendes Attest vorlegten. Warum brachen sie ab?

„Prüfungsangst könne dahinter stecken, meint Uni-Sprecher Klebs. Auch der Studierendenberater des Heidelberger Studierendenwerks, Volker Kreß, hält dies für möglich. Jahr für Jahr steigen bei ihm die Beratungen wegen Prüfungsangst: «Die Sensibilität gegenüber diesem Thema hat unter den Studierenden zugenommen, sie suchen sich früher Hilfe, und psychische Belastungen können offener thematisiert werden als noch vor 20 Jahren.»" (SPIEGEL.de)

Prüfungsangst – tatsächlich? Prüfungsangst ist bewusst keine offizielle medizinische Diagnose. Mediziner wissen, dass sie die Schreckensmethoden der Obrigkeit nicht unterminieren dürfen. Wenn ein Arzt den Ängstlichen helfen will, muss er blumige Umschreibungen finden – die ihn in den Verdacht eines Betrügers bringen.

Eine Uni lehrt nicht, sie bringt Abhängigen etwas bei, das sie unter gefängnisartigen Bedingungen repetieren müssen. Angst ist gewollt. Die Zensurbehörden wollen, dass man vor ihnen zittert. Das macht das öde Leben der Pauker erst lebenswert. Dozenten haben kein Vertrauen zu ihren Schülern. Sie glauben nicht, dass Menschen aus intrinsischen Gründen lernen wollen. Universitäten sind zu Überwachungs- und Bestrafungsstätten geworden. Zensuren sind die besten Mittel, um Karrieristen mit vorgeschriebenem Wissensmüll abzufüllen.

An Schulen nicht anders. Kaum bringen sie ihren Schülern etwas bei, wartet schon die erste Prüfung. Das ganze Lehrjahr besteht aus Examinieren und Zensurieren, das Leben der Schüler aus Angsteindämmungsritualen. Freilich redet niemand darüber. Wer sich als Angsthase outet, hat sich hinauskatapultiert.

Ständig wird Eltern überfürsorgliches Helikopterverhalten vorgeworfen, sie seien unfähig, ihre Kinder loszulassen.

„Ablösung ist natürlich nicht allein eine Aufgabe von Töchtern, sondern eine Aufgabe aller Menschen. Auch Söhne nabeln sich von ihren Müttern ab, sie tun es in der Regel bloß weniger heftig als Töchter. Deshalb kann ein Sohn durchaus bis in seine Studienzeit hinein im Haus der Eltern leben. Er fühlt sich meist unabhängig von der Mutter, weil er schon von Geburt an „anders", das heißt gegengeschlechtlich ist. Auch er braucht eine vertrauensvolle und liebevolle Beziehung zu seiner Mutter, wird sich aber nicht mit ihr identifizieren“. (KIZZ.de)

Helikopterverhalten ist die Neuauflage des früheren Momismus. Wer erfahren will, wie diese Überfürsorglichkeit beschrieben wird, stellt erstaunt fest, dass zwischen Kontrollieren und teilnehmender Unterstützung kein Unterschied gemacht wird. Ja, es gibt Überfürsorglichkeiten. Doch Lehrern und Professoren stinkt es, wenn Eltern mit ihren Kindern solidarisch sind. Die Familien sollen atomisiert werden nach der Devise: teile und herrsche. Schutzlose Einzelne sind besser zu kujonieren.

Selbst bei Erich Fromm, der die matriarchalen Werte sippenhafter Solidarität schätzte, ist die Forderung zu lesen: Kinder haben sich vom Mütterlichen loszulösen. Es gebe das Mütterliche – aber auch das Väterliche.

„Der Widerspruch zwischen dem Prinzip der väterlichen Pflicht und dem Prinzip der mütterlichen Liebe, zwischen dem väterlichen und dem mütterlichen Gewissen ist ein mit der menschlichen Existenz gegebener Widerspruch: wir müssen seine beiden Seiten akzeptieren. Das nur den Befehlen der Pflicht folgende Gewissen ist genauso entstellt wie das, welches nur den Geboten der Liebe folgt.“ (Erich Fromm, Wege aus einer kranken Gesellschaft)

Familie wird mit mütterlicher Liebe identifiziert, die Welt des Berufs mit väterlicher Pflicht. Oder freudianisch: Familie ist Lustprinzip, Kapitalismus Realitätsprinzip. Erwachsen werden bedeutet, das Lustprinzip dem Realitätsprinzip zu unterstellen. Das Weibliche ist dem Männlichen unterlegen.

„Man zögert es auszusprechen, kann sich der Idee aber doch nicht erwehren, dass das Niveau des sittlich Normalen für das Weib ein anderes ist. Das Über-Ich wird niemals so unerbittlich, so unpersönlich, so unabhängig von seinen affektiven Ursprüngen, wie wir es vom Manne fordern. Charakterzüge, die die Kritik seit jeher dem Weibe vorbehalten hat, dass es weniger Rechtsgefühl zeigt als der Mann, weniger Neigung zur Unterwerfung unter die großen Notwendigkeiten des Lebens, sich öfter in seinen Entscheidungen von zärtlichen und feindseligen Gefühlen leiten lässt, fänden in der obigen Definition des Über-Ich eine ausreichende Begründung. Durch den Widerspruch der Feministen, die uns eine völlig Gleichstellung und Gleichschätzung der Geschlechter aufdrängen wollen, wird man sich in solchen Urteilen nicht beirren lassen.“ (Freud)

Mit anderen Worten: Kinder müssen sich nur vom Mütterlichen lösen, das väterliche Über-Ich aber müssen sie sich aneignen, damit sie in Studium und Beruf funktionieren. Das Väterliche ist Inbegriff aller gesellschaftlichen Notwendigkeiten. Mutterkinder sind weniger fähig, sich dem Realitätsprinzip der Macht, Gier und des erbarmungslosen Wettbewerbs zu unterwerfen.

Wie können Frauen und Mütter gleichberechtigt sein, wenn diese diskriminierenden Charakterunterschiede zwischen den Geschlechtern die ganze Gesellschaft durchfluten?

Seit Aufkommen der absolutistischen Schulpflicht „machen sich die Pädagogen die Sprache der Großindustrie zu eigen.“ Sie argumentierten, dass ein öffentliches Erziehungssystem die „humanste Form sozialer Kontrolle“ ist. So diente das öffentliche Erziehungswesen in Amerika mehr dazu, die Menschen zu industrialisieren als die Industrie zu humanisieren. (zit. bei Marilyn French)

Die Universitäten werden zunehmend von reichen Stiftern bestimmt. Die besten Unis sind die vermögendsten, die mit den Führungsklassen am engsten verbandelt sind. Firmen dringen mit Unterrichtsmaterialien nicht nur in die Schulen ein, sondern zunehmend in die Kitas. Der gesamte Lehrbereich steht unter der lukrativen Knute der Wirtschaft.

Wie wird Schulpflicht begründet?

„Die allgemeine Schulpflicht dient in Deutschland der Durchsetzung des staatlichen Erziehungsauftrags. Dieser Auftrag richtet sich offiziell auch auf die Heranbildung der Schüler als zukünftige Staatsbürger. Das Bundesverfassungsgericht urteilt, Schulen seien dafür besser geeignet, da „Kontakte mit der Gesellschaft und den in ihr vertretenen unterschiedlichen Auffassungen nicht nur gelegentlich stattfinden, sondern Teil einer mit dem regelmäßigen Schulbesuch verbundenen Alltagserfahrung sind“. Außerdem habe die Allgemeinheit „ein berechtigtes Interesse daran, der Entstehung von religiös oder weltanschaulich motivierten ,Parallelgesellschaften‘ entgegenzuwirken und Minderheiten zu integrieren. Integration setzt dabei nicht nur voraus, dass die Mehrheit der Bevölkerung religiöse oder weltanschauliche Minderheiten nicht ausgrenzt; sie verlangt auch, dass diese sich selbst nicht abgrenzen und sich einem Dialog mit Andersdenkenden und -gläubigen nicht verschließen […]. Dies im Sinne gelebter Toleranz einzuüben und zu praktizieren, ist eine wichtige Aufgabe der öffentlichen Schule.“ Diese Begründung schließt nicht die Privatschule aus, aber das Homeschooling.“

Betrachtet man die wachsende Spaltung, Zerklüftung und Gentrifizierung der heutigen Gesellschaft, müssen Schulen und Schulpflicht auf der ganzen Linie versagt haben. Staatstragende Juristen hatten noch nie ein Problem, das Recht als Stütze jedweder gottgegebenen Obrigkeit zu definieren. Dass man unter Zwangsbedingungen sinnvolle und erwünschte Erfahrungen machen kann: auf solche Idiotien können nur klerikale und platonisierende deutsche Intellektuelle kommen. Das Menschenbild der Rechtsgelehrten lautet: wozu der Mensch nicht gezwungen werden kann, das kann nichts taugen.

Das gesamte Gebiet des Sozialen und Pädagogischen, in Athen in Freiheit entstanden, ist in Deutschland zur staatlichen Zwangsbeglückung verkommen. Kein Wunder, dass dieselben hohen Juristen beamteten Lehrern grundlegende demokratische Rechte vorenthalten. Die Grundsätze des deutschen Rechts bleiben tabuisiert.

Es gibt auch Kritik an der Schulpflicht. Doch von Politik und Medien wird sie unter den Teppich gekehrt:

„Der UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Bildung Vernor Muñoz äußerte sich in seinem in Berlin veröffentlichten Bericht vom 21. Februar 2006 besorgt darüber, dass die restriktive deutsche Schulpflicht die Inanspruchnahme des Rechtes auf Bildung mittels alternativer Lernformen wie Hausunterricht kriminalisiert. Hochschulpräsident Dieter Lenzen kritisiert, Deutschland halte als nahezu einziges Land der westlichen Welt an einer rigiden Schulanwesenheitspflicht fest, anstatt die Schulpflicht zu einer Bildungspflicht mit umfassender Orts- und Methodenfreiheit weiterzuentwickeln Die in Deutschland übliche Praxis, Eltern die Erlaubnis zum Heimunterricht als Ersatz für den Schulunterricht zu verweigern, wurde in den USA von einem Einwanderungsgericht Anfang 2010 als politische Verfolgung bewertet. Schulverweigerer aus Deutschland, die ihre Kinder selbst unterrichten wollten, erhielten in den USA aufgrund des Urteils politisches Asyl. Dieses Urteil wurde jedoch im Mai 2013 durch das Board of Immigration Appeals in Ohio aufgehoben. Eine Verfolgung liege in Deutschland nicht vor. Der amerikanische Entwicklungspsychologe Peter Gray bezeichnet die Schule mit ihrem Zwang zur unfreiwilligen Anwesenheit als Gefängnis.“ (Wiki)

Denken, Erkennen, demokratische Leidenschaft können nur in vollkommener Freiheit eingeübt werden. Die Krise des Westens – die erst anfängt – ist das allmähliche Bewusstwerden seiner flagrantesten Widersprüche. Eine Gesellschaft kann nicht menschlich werden, solange ihre Kinder in uniformierten Lernsystemen, mit misstrauischer Überwachung und permanenten Lohn- und Strafzensuren malträtiert werden. Ein Staat, den es nicht geben darf, hat keine Kompetenz in Wahrheit und Wahrheitssuche.

Pädagogen, die kein Vertrauen in ihre Zöglinge besitzen, können junge Menschen nicht zu Citoyens erziehen. Sie sind keine Vorbilder, sondern preußische Dressurmeister.

In Deutschland soll Freiheit mit unfreien Methoden vermittelt werden. Ist das Ganze Irrsinn, so hat es doch Methode.

 

Fortsetzung folgt.