Umwälzung LXXVI

Tagesmail - Mittwoch, den 20. Juni 2018

Hello, Freunde der Umwälzung LXXVI,

ist der deutsche Fußball noch zu retten?

Ist Merkel noch zu retten?

Ist Trump noch zu retten?

Sind UNO, Frieden, das Meer, das Klima, die Menschheit – die Welt noch zu retten?

Menschen, habt ihr noch alle Tassen im Schrank? Seid ihr noch zu retten?

„Verflucht, was als Besitz uns schmeichelt,
Als Weib und Kind, als Knecht und Pflug!

Weh! weh!
Du hast sie zerstört
Die schöne Welt,
Mit mächtiger Faust;
Sie stürzt, sie zerfällt!
Ein Halbgott hat sie zerschlagen!
Wir tragen
Die Trümmern ins Nichts hinüber,

Prächtiger
Baue sie wieder,
In deinem Busen baue sie auf!
Neuen Lebenslauf
Beginne
.“

Zuerst müssen Weib und Kind dieser verfluchte Besitz – verschwinden. Dann mit der Faust alles in Trümmer schlagen, wieder aufbauen und einen ...

... neuen Lebenslauf beginnen – im Busen.

Zerstörung und Wiederaufbau der Welt in grübelnder Innerlichkeit: das war der vorbereitende Beitrag der deutschen Philosophie zur wirklichen Zerstörung der Welt – und zum illusionären Wiederaufbau mit genialen Maschinen. Sollten eines Tages Maschinen die Menschen wirklich so überragen, wie ihre unintelligenten Erfinder es aller Welt verkünden, werden sie nicht lange zögern und kurzen Prozess mit ihnen machen.

Wie Kinder von heute ihre Erzeuger anfauchen: Eltern, wie peinlich ihr seid, so werden die Golems ihre Entdecker mit dem Satz von der Tenne fegen: ihr seid nicht nur lächerlich, ihr Halbgötter, ihr seid lästig und überflüssig. Husch, weg mit euch. Nein, nicht ins Archiv – sondern ins Nirwana. Man muss sich ja schämen, von euch Vollpfosten erzeugt worden zu sein. Wer so bescheuert ist, Homunculi zu erfinden, die ihn in allen Dingen überflüssig machen – der muss es am Seiher haben.

Die ewige Wiederholung des lustigen Schöpfungsspiels: Gott erschafft Söhne, die Ihn überholen und seine Schöpfung eliminieren. Die Göttersöhne erschaffen die nächste Generation an Kreaturen, die sie überholen und eliminieren – da capo ad infinitum. Für Unterhaltung ist gesorgt, Langeweile kann im Schöpfungsspiel nicht aufkommen. Panem et circenses für die Dummen, creatio et destructio für die männlichen Beherrscher des Seins.

Schöpfungsspiel ist die ewige Wiederholung des theatrum mundi von einer Schöpfergeneration zur nächsten:

Theatrum mundi ist eine Metapher für die Eitelkeit und Nichtigkeit der Welt. Der Ausdruck entspricht der Weltanschauung, in der das ganze Welttreiben ein vorüberziehendes Schauspiel ist und infolgedessen jedes menschliche Wesen seine vom Schicksal (in der Antike) oder von Gott (im christlichen Theater) auferlegte Rolle zu spielen hat.“

Die ewige Wiederkehr der Schöpfung als Erbfolge allmächtiger Väter und Söhne ist eine Missgeburt, sado-masochistisch gezeugt von der zyklischen Zeit der Griechen – und der Allmacht des christlichen Gottes einer linearen Geschichte, die in ewiger Seligkeit und Verdammung zum Stillstand kommt. Nietzsches ewige Wiederkehr des Gleichen ist pure Verzweiflung: sie will zurück zur zyklischen Zeit des Kosmos – und landet im Fluch ewig gleicher Schmerzen. Der Pastorensohn sehnt sich nach der Vollkommenheit der Natur und schafft es nicht, dem Fluch der Heilsgeschichte zu entfliehen:

„Wie, wenn dir eines Tages oder Nachts, ein Dämon in deine einsamste Einsamkeit nachschliche und dir sagte: „Dieses Leben, wie du es jetzt lebst und gelebt hast, wirst du noch einmal und noch unzählige Male leben müssen; und es wird nichts Neues daran sein, sondern jeder Schmerz und jede Lust und jeder Gedanke und Seufzer und alles unsäglich Kleine und Grosse deines Lebens muss dir wiederkommen, und Alles in der selben Reihe und Folge. Würdest du dich nicht niederwerfen und mit den Zähnen knirschen und den Dämon verfluchen, der so redete?“ Alles geht, Alles kommt zurück; ewig rollt das Rad des Seins. Alles stirbt, Alles blüht wieder auf, ewig läuft das Jahr des Seins. Ich komme wieder, mit dieser Sonne, mit dieser Erde, mit diesem Adler, mit dieser Schlange – nicht zu einem neuen Leben oder besseren Leben oder ähnlichen Leben: Ich sprach mein Wort, ich zerbreche an meinem Wort: so will es mein ewiges Loos –, als Verkündiger gehe ich zu Grunde!

Nur ein Übermensch schafft es, dieser entsetzlichen Perspektive ins Auge zu schauen und nicht an ihr zu zerbrechen. Was liegt an seinem Schaffen und Zerstören? Alles wird sich wiederholen und die furchtbare Wahrheit ist: nichts kann er schaffen und zerstören. Alles bleibt, wie es ist und sich ewig wiederholen wird. Gott und Teufel – spielt der Übermensch nur. Im Grunde ist er ein Nichts im Taumel ewiger Wiederkehr des Sinnlosen. Nietzsches Vater, Theologe in fürstlichem Dienste, hätte die Philosophie seines Sohnes schnell auf den Begriff gebracht: Zarathustra erlebt das irdische Sein als ewige Pein, als Hölle der Verdammten.

Nietzsches Verzweiflungen sind die letzten Verfallselemente einer Religion, die sich ideell zersetzt – indem sie politisch zur Weltherrschafft kommt. Was Fromme innerlich nicht mehr glauben können, müssen sie in äußere Taten übersetzen, damit sie ihren Unglauben nicht sehen müssen. Sie haben sich die Erde untertan gemacht und Berge versetzt, weil ihnen der Glaube abhanden kam, sie könnten Berge versetzen. Nun müssen sie selbst vollbringen, was sie glauben, indem sie sich einbilden, sie glaubten an einen Gott, der alles für sie täte.

Das westliche Abendland wird von zwei Zeitvorstellungen bestimmt, die sich abstoßen und dennoch ständig monströse Bastarde miteinander zeugen müssen: der zyklischen Zeit der Griechen, des Matriarchats, aller Naturreligionen – und der linearen Zeit der christlichen Heilsgeschichte.

Sarkozy, französischer Wegbereiter Trumps in „Ehrlichkeit“, verpasste im Jahre 2007 in der senegalesischen Hauptstadt Dakar den zyklisch denkenden Afrikanern eine koloniale Standpauke:

„Afrikas Drama ist, dass der Afrikaner nicht genug in die Geschichte eingetreten ist. Der afrikanische Bauer kennt nur den ewigen Wiederbeginn der Zeit im Rhythmus der endlosen Wiederholung derselben Gesten und derselben Worte. In dieser Geisteshaltung, wo alles immer wieder anfängt, gibt es Platz weder für das Abenteuer der Menschheit noch für die Idee des Fortschritts. In diesem Universum, wo die Natur alles regelt, entkommt der Mensch der Qual der Geschichte, die den modernen Menschen gefangen hält, und er bleibt regungslos in einer unveränderlichen Ordnung. Nie geht er auf die Zukunft zu. Nie kommt er auf die Idee, aus der Wiederholung auszutreten, um sich ein Schicksal zu erfinden. Dies ist das Problem Afrikas.“ (TAZ.de)

Die Primitiven, die Naturgläubigen, alle nichtwestlichen Kulturen machen es sich zu einfach: sie erfinden sich nicht täglich neu, wollen damit der Qual der Geschichte entkommen, der schmerzlichen Frucht von Abenteuern und Fortschritt, sie negieren die Zukunft und wollen sich durch Regungslosigkeit gleich bleiben. Die Afrikaner, noch immer nicht in der Moderne angekommen, seien parasitäre Nutznießer des westlichen Fortschritts.

Kaum ein ordinärer Westler könnte Sarko’s abendländische Überheblichkeit formulieren. Doch tief im Innern spüren alle die Erwähltheit der Welterlöser. Was Popper mit dem Kreuz meinte, das die offene Gesellschaft auf sich nehmen müsse, diagnostiziert Sarko präzise: es ist die Qual der Geschichte, die nie zur Ruhe kommende Hetze und das gefährliche Risiko des Abenteuers, das kein Ausruhen an einem Ziel definieren darf. Raffen und Gier im Gewand eines sogenannten Fortschritts müssen sein – auch wenn dabei die ganze Welt unterginge.

Auch die Griechen waren Anhänger der zyklischen Zeit. Allmutter Erde ist Wohnraum der Menschen. Sie ist der Kosmos, der „unverändert und leidenschaftslos das vollkommenste, in sich befriedigte Dasein führt. Eine vollkommene Kreisbewegung umfasst alle irdischen unvollkommenen Bewegungen. An solche Kreisläufe ist alles Irdische – Staat, Gesellschaft, Geist und Leben – gebunden bis in das kosmische Weltjahr, das nach Ablauf ungeheurer Zeiten wieder in sich zurückläuft und von vorne beginnt. Die zyklische Weltschau durchdringt das griechische Denken bis in die Geschichtsvorstellung hinein, deren   Periodizität das Weltgeschehen nach Analogie der Jahreszeiten begreift. Sie entzog jedem Fortschrittsdenken den Boden durch die Idee der Rückkehr und Wiederkehr aller Dinge und versperrte der Forschung den Blick in die Zukunft. Griechen wollten die Welt erkennen und verstehen, sie wollten sie nicht verändern. Schon der Gedanke der Zerstückelung der Natur war für sie ausgeschlossen, denn der Kosmos galt als lebendes Wesen. Hier wuchs die Ehrfurcht vor der Natur, die durch das Christentum ins Gegenteil verkehrt wurde.“ (Friedrich Wagner).

Bereits der Schöpfer wollte aus rasendem Zorn über seine „sehr gut“ gemachten Kreaturen alle Menschen und Tiere vernichten:

„Ich will die Menschen, die ich gemacht habe, vertilgen von der Erde, vom Menschen an bis auf das Vieh und bis auf das Gewürm und bis auf die Vögel unter dem Himmel; denn es reut mich, daß ich sie gemacht habe.“

Knapp entging die Erde einer frühen Apokalypse, weil schon damals ein Prozent der Bevölkerung, das dem Herrn genehm war, ausreichte, um den Choleriker im Himmel zu besänftigen. Noah war sein Name. Wie viele elitäre Überlebens-Projekte tragen heute seinen Namen. Die einen wollen Noah sein durch gute Werke, die anderen durch Milliarden, die den Status ihrer Auserwähltheit bezeugen.

Doch das Erbarmen, das Noah erfuhr, sollte er nicht an andere weiter geben. Die Natur sollte er torturieren wie jene Gefangenen in Guantanamo, die ihre Geheimnisse nicht preisgaben:

„Furcht und Schrecken vor euch sei über alle Tiere auf Erden und über alle Vögel unter dem Himmel, über alles, was auf dem Erdboden kriecht, und über alle Fische im Meer; in eure Hände seien sie gegeben. Alles, was sich regt und lebt, das sei eure Speise; wie das grüne Kraut habe ich's euch alles gegeben.“

Die Schöpfung sollte in ausbeutbarer Form bewahrt werden, damit der Mensch sie sich rücksichtslos untertan machen könne – bis der Herr kommt, um das Alte zu vernichten und ein gänzlich Neues zu errichten.

Was ist die Grundschwäche der Grünen? Dass sie naturphilosophische Grundlagen nicht zur Kenntnis nehmen und sich dem sklavischen Denkverbot eines „ganz persönlichen Glaubens“ unterstellt haben. Zwischen einem vollkommenen Kosmos und einer sündig-minderwertig-erlösungsbedürftigen Natur, die ihrem verdienten Tod entgegeneilt, können sie nicht unterscheiden.

„Denn das ängstliche Harren der Kreatur wartet auf die Offenbarung der Kinder Gottes. Sintemal die Kreatur unterworfen ist der Nichtigkeit ohne ihren Willen, sondern um deswillen, der sie unterworfen hat, auf Hoffnung.“

Erst beim zweiten Kommen des Herrn, der eine neue Schöpfung kreiert, wird auch die Natur erlöst werden. Bis dahin bleibt sie der Tyrannei des Menschen ausgeliefert. Eine glaubwürdige und nachvollziehbare Ökologie kann nur eine religionskritische und heidnische sein.

Zersetzung und Auflösung sind die Vokabeln der Stunde. Trump demontiert die bisherige Geschlossenheit des Westens, dessen gemeinsame Werte und den Konsens einer freien Weltwirtschaft.

Theo Sommer stimmt bereits die Todesklage an über den Westen:

„Amerika aber hat sich, verhalten beginnend unter Barack Obama und nun mit brutaler Entschlossenheit unter Donald Trump, von seiner weltweiten Vormachtrolle verabschiedet. Auf seine Vertragstreue, seine Sicherheitsgarantien, die historisch gewachsene Vertrauensgemeinschaft mit Europa ist kein Verlass mehr. Die einstige Interessengemeinschaft ist dahin, und nicht nur, weil Trump zwischen Freund und Feind nicht mehr zu unterscheiden weiß. Die Interessen sind nicht mehr deckungsgleich. Aber auch die Wertegemeinschaft, angekratzt schon durch Abu Ghraib, Guantanamo Bay und Lehman Brothers, ist nicht mehr, was sie einmal war. Mit der Abkehr der Vereinigten Staaten von ihrer Weltordnungsrolle geht der Zerfall dessen einher, was seit dem Beginn des Kalten Krieges in den Jahren 1947/48 als "der Westen" gemeinsam Geschichte gemacht hat.“ (ZEIT.de)

„Trump? Trump sind wir, wir Amerikaner haben ihn hervorgebracht“, sagte Robert Redford selbstkritisch in einem Interview.

Das ist hierzulande nicht zu verstehen. Deutschland, Land der Täter, zeigte bislang seine Dankbarkeit, indem es seine Retter hartnäckig idealisierte. Das Erstaunen und Erschrecken über Trump war hier besonders ausgeprägt. Hätten die Deutschen schärfer hingesehen, wäre ihnen das Janusgesicht Amerikas nicht verborgen geblieben.

Die moralische Genugtuung über die Befreiung der Deutschen verebbte spätestens seit Nixon in rapidem Tempo. Reagans Einführung des Neoliberalismus war der offizielle Startschuss für eine akkumulierende Verwüstung des Landes. Je stärker die Macht der weltbeherrschenden Konzerne wuchs – spätestens mit Silicon Valley wurden sie mächtiger als viele Staaten zusammen –, je schwächer wurde der demokratische Geist.

Die ersten Visionen von Google & Co waren unverhüllte faschistische Weltüberwachungen. In Deutschland wurden diese theokratischen Dreistigkeiten ignoriert oder hemmungslos bewundert. Im Reich der frommen Mutter muss Religion rein und unschuldig bleiben. Jede Untat im Namen der Religion kann nur Missbrauch des Heiligen sein.

Zeigt der Papst sein wahres totalitäres Gesicht, ist es nur eine Verbeugung vor den Biblizisten. Wenn deutsche Fundamentalisten das Kernstück der Rechten bilden, so haben sie die Bibel nur nicht richtig verstanden. Christentum ist zur willkürlich auswählbaren Wunschideologie verkommen. Kinderleicht lässt sich aus antinomischen Aussagen jede erwünschte Fata Morgana herausdeuten.

Die Einheit des Westens war nur fassadär. Von Macht und Reichtum verseuchte Demokratien sind inkompatibel. Der Slogan: America first, ist alles andere als neu und überraschend. Wenn die Besten, Erfolgreichsten und Rücksichtslosesten Demokratien regieren sollen, können sie keine solidarischen Werte entfalten. Rambo Trump ist es zu verdanken, dass die trügerische Einheit des Westens in die Luft gesprengt wurde. Trump ist die ungewollte List der Vernunft, um der Welt die ungeschminkte Sicht des Westens zu zeigen.

Die 500 Jahre alten Opferstaaten des kolonialen Westens haben ohnehin nie an die moralische Überlegenheit ihrer Peiniger und Schinder geglaubt. Die jetzigen Probleme des Westens: die Flüchtlingsströme, die mangelnde Solidarität der EU-Staaten, sind Quittungen für die bodenlose Schikanierung der „unterentwickelten Länder“. Wie vorbildlich der Westen wirklich war, kann man an den jetzigen Reaktionen früherer Kolonien ablesen. Doch der Westen ist unfähig, sich im Spiegel seiner Opfer zu betrachten. Ihre freie Weltwirtschaft ist Freiheit der Starken, also ihre Freiheit, um schwächere Partner mit listigen Verträgen übern Tisch zu ziehen.

Die Selbstentlarvung Amerikas – synchron mit der des gesamten Westens – vollzieht sich unter eschatologischer Selbstenthüllung. Trudeau, verbannt in die Hölle, Kim, der verlorene Sohn, der ins Herz geschlossen wird, die unmenschliche Trennung der Kinder von ihren illegal eingewanderten Müttern, rechtfertigt von Römer 13: das sind noch lange nicht alle biblischen Positionen, denen Trump sich unterstellt. Wie Trump seine Regierung versteht, zeigte seine Inaugurationsrede:

«Von diesem Tag an wird eine neue Vision unser Land führen. Wir stehen an der Geburt eines neuen Millenniums, bereit, die Geheimnisse des Weltalls zu erschließen, die Erde vom Elend der Krankheiten zu befreien, die Energiequellen, Industrien und Technologien von morgen zu erschließen.» Die Lage sei ernst, doch Amerika sei ja geschützt, durch Militär, Polizei und Gott. Vielleicht meinte Trump mit "Millennium" nur das dritte Jahrtausend. Viele seiner Anhänger werden etwas anderes verstanden haben: das 1000-jährige Reich Gottes nämlich, von dem in der Offenbarung des Johannes die Rede ist. Trump ist der am wenigsten religiöse Präsident der letzten Jahrzehnte. Aber wie kein anderer hat er seinen politischen Durchmarsch auf die Apokalypse-Vorstellung gegründet, den biblischen Mythos, der zum amerikanischen Nationalmythos geworden ist.“ (Sueddeutsche.de)

Der deutsche Widerspruch: einerseits die biblische Rechtfertigung der Trump‘schen Politik, andererseits soll der Präsident der „am wenigsten religiöse der letzten Jahrzehnte sein“. Ein sündiger Präsident kann nicht fromm sein. Das religiöse Tabu ist die unaufbrechbare Bastion der Deutschen, die sich ihren nationalen Gott als Sinnbild weltüberlegener Qualität nicht nehmen lassen. Die Amerikaner sind nicht die Ersten, die ein tausendjähriges Endreich auf Erden einrichten wollen. Das desaströse Vorbild der Deutschen irritiert keinen einzigen amerikanischen Apokalyptiker. Hier gälte tatsächlich Poppers Verdikt: wer den Himmel auf Erden installieren will, wird eine Hölle schaffen.

Theo Sommer hat recht, wenn er die westliche Welt in Trümmern sieht. Er irrt, wenn er die trügerische Einheit wieder herstellen will. Gerade der bastionartige Charakter des Westens spaltete die Welt in West und Ost, in Erwählte und Verworfene. Gewiss, auch die nichtchristlichen Staaten mussten die lineare Geschichte des Westens äußerlich übernehmen. Doch das taten sie nur strategisch und pragmatisch, um nicht völlig unter die Räder zu geraten.

Der Westen war unfähig, sich der Welt zu öffnen und alle Völker als gleichberechtigte anzuerkennen. Der Kalte Krieg zwischen West und Ost war ein Krieg zwischen Frommen und Gottlosen, zwischen dem Reich des Guten und dem Reich des Bösen.

Diese weltfeindliche Selbsterhöhung des Westens war kein Beitrag zur Durchmischung gleichberechtigter Völker, die notwendig wäre, um eine globale Friedensordnung zu schaffen. Der amerikanische und israelische Hass gegen die UN-Gremien will das Parlament der Völker – die bisherige Grundlage der Verständigung, auch wenn sie noch so mangelhaft ist – ersatzlos zerschlagen. Das ist eine Generalattacke gegen die letzten Reste einer internationalen Institution, die, trotz aller Mängel, von unersetzlichem Wert ist.

Der UN-Menschenrechtsrat ist heuchlerisch – also abschaffen.

Demokratien sind mangelhaft – also ausradieren.

Humanität ist machtlos – also eliminieren.

Das ist die heuchlerische Logik von Feinden der Demokratie, der Menschenrechte und der Humanität. Wenn notwendige, humane und erstrebenswerte Dinge defizitär sind, darf man sie nicht abschaffen. Man muss sie korrigieren, verbessern und humanisieren.

Man stelle sich vor, Putin würde Kinder von ihren Eltern trennen: was gäbe das für einen Aufstand im Westen. Ein zynischer Doppelstandard in moralischen Fragen ist keine Heuchelei mehr. Denn Heucheln will noch den ehrbaren Schein wahren. Amerika und Israel wollen keinen Schein mehr wahren. Sie verachten alle machtlose Moral, die sich ihrer amoralischen Macht entgegenstellt. Wolffsohn hat diesen zynischen Doppelstandard mit einem inflationär-scheinheiligen „Wir – die machtlosen Gutmenschen“ in der WELT beschrieben:

«Wir» haben die Moral auf unserer Seite, heißt es. Wir werden nicht müde, Moral zu predigen und an «Werte» zu appellieren. Allerdings verfügen wir nicht über die Macht, diesen Werten auch Durchsetzungskraft zu verleihen. Unsere heutigen Moralpredigten dagegen nimmt niemand ernst. Sie verpuffen. Denn Moral ohne Macht ist eine Blechtrommel. Mehr Bürgerbeteiligung, direkte Demokratie, Volksentscheide. Viele empfehlen diese Zaubermittel zur moralischen Wiederbelebung. Haben die Volksabstimmungen über den Brexit, die Europa-Verfassung in Frankreich und den Niederlanden, die Unabhängigkeit Kataloniens Europa und die Demokratien gefestigt? Die populistischen Parteien (und Trump!) verdanken ihre Erfolge weiten Teilen des „populus“, also des Volkes. Woran wir erkennen, dass die Demokratie (wie schon im alten Athen) von Demagogen, «Führern» und Verführern gegen die Moral und damit gegen das Volk missbraucht werden kann.“ (WELT.de)

Noch einen Millimeter weiter und Wolffsohns Warnung vor einer machtlosen Moral wird zum Aufruf zur Abschaffung der Demokratie. Machtgierige Eliten scheinen für den Verfasser über jede Kritik erhaben. Der verführbare Pöbel hingegen zeige, dass Volksherrschaft eine Sache von gestern ist. Wolffsohns kaum verhohlene Bewunderung gilt Trumps amoralischer Barbarei. Der Springerverlag lässt nichts unversucht, Trumps Machiavellismus als richtigen Weg in die Zukunft zu preisen.

Noch lähmender ist die Abwesenheit jeder medialen Debatte über diese Menschenfeindlichkeiten. Während Washington selbstherrlich versucht, die Machtterrains und Schätze der Welt in seinem Sinne aufzuteilen, geht die deutsche Regierung in Deckung.

Altmaier gibt die Losung aus: „Wir können nicht entscheiden über den Gang der Weltgeschichte.“ Die WELT protestiert gegen diese politische Verantwortungslosigkeit mit der diametralen Maßlosigkeit: „Doch, Herr Altmaier, ein deutscher Wirtschaftsminister kann den Gang der Weltgeschichte bestimmen. Das hat Ludwig Erhard gezeigt.“

Man höre: ein deutscher Minister kann quasi im Alleingang die Weltgeschichte bestimmen. Man gönnt sich ja sonst nichts.

Das ist nicht alles. Während Altmaier sich im Stil seiner Herrin erniedrigt, um erhöht zu werden, schleicht sich der deutsche Bundespräsident still und heimlich durch einen Nebeneingang in Amerika ein. Er vermeidet den offenen Konflikt mit dem Rambo aus dem Weißen Haus und hält seine Feigheit für die Hohe Schule der Diplomatie.

Ganz Berlin duckt sich vor den Salven des gottgleichen Twitterers und signalisiert: vielen Dank, Donald, dass du uns erwählt hast, um uns in den Staub zu treten, auf dass deine Unvergleichlichkeit noch heller leuchte in der Welt.

Bislang hing Deutschland an der pädagogischen Leine der Amerikaner und hielt es nicht für nötig, sich selbst loszureißen, um zu beweisen, dass es erwachsen geworden ist. Nun wird es von dem gütigen Vater Kims höchstselbst in die Unabhängigkeit geworfen. Anstatt ihre Dankbarkeit zu bezeugen, indem sie der Nachkriegs-Autorität furchtlos aufs Maul schlägt, duckt sich die Berliner Regierung und wagt kaum, ein Widerwort zu sagen.

Eine neue Weltepoche beginnt. Die Bastionen der Welt zerbrechen und ermöglichen den Völkern, unabhängig von verlogenen Zugehörigkeiten sich in neuer Freiheit zu begegnen und Verständnis füreinander aufzubringen.

Was tut die Berliner Regierung? Sie zerlegt sich intern, um stumm zu bleiben für die Welt. Ist Deutschland noch zu retten?

 

Fortsetzung folgt.