Umwälzung LXXI

Tagesmail - Freitag, den 08. Juni 2018

Hello, Freunde der Umwälzung LXXI,

Entwarnung: es war nicht Angela, es war Alexa, die im Bundestag erwartbar dämliche Fragen mit erwartbar hohlen Antworten abfertigte. Eine glänzende Leistung von Google.

Die Nachfrage nach KI-Imitationsfiguren (Insiderbegriff Creativ-Doubletten, kurz: Credos) aus Kreisen der Eliten, die unter der Last ihrer Vorträge und Podiumsdiskussionen ächzen, schnellte abrupt nach oben.

Talkshow-Experten der Öffentlich-Rechtlichen waren so verblüfft und angetan von der Leistung der Angela-Credo, dass sie kurzerhand beschlossen, die gegenwärtige Fleisch-und-Blut-Version der Schaudebatten für ein Jahr auszusetzen – um sich auf die wesentlich preisgünstigere Alexa-Methode vorzubereiten.

„Der Geschäftsführer des Kulturrats kritisiert die Talkshows in ARD und ZDF. Er empfiehlt den Sendern eine einjährige Pause.“ (ZEIT.de)

Umstritten bleibt die Frage, ob die heutigen Matadore auch als ästhetische Vorlagen der künftigen Credos dienen sollen. Teilnehmer schlugen vor, die abgenutzten Gesichter durch frische und unverbrauchte Show-Größen zu ersetzen. Plasberg könnte durch Dieter Bohlen oder Lothar Matthäus, Maischberger durch Verona Pooth, Illner durch Sommergarten-Moderatorin Andrea Kiewel, Anne Will durch die katholische Religionspädagogin Désirée Amneris Saskia Pamela Aida Nick ersetzt werden.

Für Spannung in der trostlos vor uns liegenden Sommerpause ist gesorgt. Experten erwarten heftige Debatten. Nachfragen bei den Sendern haben ergeben: selbstreferentielle Debatten über das Thema: „Stehen wir vor dem öffentlich-rechtlichen Diskurs-Gau?“ sind aus Termingründen nicht vorgesehen.

Auch das EU-Parlament hatte sich der Öffentlichkeit bei der Befragung des Gesichtsbuchs-Genies Mark Zuckerberg als Lachnummer – Insiderbegriff: Verarsche – präsentiert. Menschheitsfragen sollten in sage und schreibe 70 Minuten tiefgründig ...

... und gleichzeitig verständlich debattiert werden. Die Fragen der Abgeordneten – unter Einsatz hochwertiger Goethezitate seitens gebildeter Deutscher – prasselten auf den korrekt mit Anzug und Krawatte gekleideten Amerikaner en bloc hernieder.

„Eine volle Stunde geht das so – und als Zuckerberg dann um 19.22 Uhr endlich wieder an der Reihe ist, hat er eigentlich nur noch acht Minuten. Zuckerberg kann sich quasi aussuchen, auf welche der zahlreichen Fragen er antwortet – und was er sagt. Denn Nachfragen sind nicht vorgesehen. Wer ist schuld an dem Format? Hat es sich Zuckerberg so ausbedungen, oder hat Tajani versagt?“ (SPIEGEL.de)

Auch hier, wie im Deutschen Bundestag, keine Rückfragen. Wer hat denn nun versagt? Keine Antwort. Sollten die un-gemeinen Beobachter (die sich mit nichts gemein machen) gar nicht nachgefragt und also auch versagt haben? Ignoramus et ignorabimus. Die Welt – ein Rätsel.

„Die ganze Welt ist ein Theater und alle Frauen und Männer bloße Spieler, sie treten auf und gehen wieder ab.“ Shakespeare hat Google und Facebook vorgeglüht. Oder anders: seit Entdeckung des göttlichen theatrum mundi war Silicon Valley dauerpräsent.

Sollten Dialog, Streitgespräch oder die Auseinandersetzung mit Argumenten zum Kern der Demokratie gehören (geschlossene Antwort: was denn sonst), könnten wir schon jetzt den Schiller‘schen Totengesang anstimmen:

„Auch Demokratie muß sterben! Die Menschen und Götter bezwinget,

Siehe! Da weinen die Götter, es weinen die Göttinnen alle,
Daß das Schöne vergeht, daß das Vollkommene stirbt.“

Demokratie ist das Vollkommene in Gestalt des Unvollendeten. Nun verstehen wir, warum Perikles eine Totenrede hielt, als er die Vorzüge der Demokratie in so herzergreifenden Worten pries, dass die EU sie unter keinen Umständen in ihr Gründungsmanifest einschreiben wollte.

Wie hätte sich Demokratie auf christlich-abendländische Werte gereimt?

„Die Verfassung, nach der wir leben, vergleicht sich mit keiner der fremden; viel eher sind wir für sonst jemand ein Vorbild als Nachahmer anderer. Mit Namen heißt sie, weil der Staat nicht auf wenige Bürger, sondern auf eine größere Zahl gestellt ist, Volksherrschaft. Nach dem Gesetz haben in den Streitigkeiten der Bürger alle ihr gleiches Teil, der Geltung nach aber hat im öffentlichen Wesen den Vorzug, wer sich irgendwie Ansehen erworben hat, nicht nach irgendeiner Zugehörigkeit, sondern nach seinem Verdienst; und ebenso wird keiner aus Armut, wenn er für die Stadt etwas leisten könnte, durch die Unscheinbarkeit seines Namens verhindert. Sondern frei leben wir miteinander im Staat und im gegenseitigen Verdächtigen des alltäglichen Treibens, ohne dem lieben Nachbarn zu grollen, wenn er einmal seiner Laune lebt, und ohne jenes Ärgernis zu nehmen, das zwar keine Strafe, aber doch kränkend anzusehen ist. Bei soviel Nachsicht im Umgang von Mensch zu Mensch erlauben wir uns doch im Staat, schon aus Furcht, keine Rechtsverletzung, im Gehorsam gegen die jährlichen Beamten und gegen die Gesetze, vornehmlich die, welche zu Nutz und Frommen der Verfolgten bestehen, und gegen die ungeschriebnen, die nach allgemeinem Urteil Schande bringen.
Dann haben wir uns bei unserer Denkweise auch von der Arbeit die meisten Erholungen geschaffen: Wettspiele und Opfer, die jahraus, jahrein bei uns Brauch sind, und die schönsten häuslichen Einrichtungen, deren tägliche Lust das Bittere verscheucht. Und es kommt wegen der Größe der Stadt aus aller Welt alles zu uns herein. So können wir von uns sagen, wir ernten zu grad so vertrautem Genuß wie die Güter, die hier gedeihen, auch die der übrigen Menschen.“ (Thukydides)

Kein heidnischer Grieche: ein Gott muss in die Verfassung einer deutschen Volksherrschaft. Und der braucht eine üppige Pension, nachdem er sich – nach verschiedenen Attentatsversuchen, unter anderem durch einen gewissen Zarathustra – auf sein himmlisches Altenteil zurückgezogen hat.

„Der Staat überweist den Kirchen jährlich immer mehr Geld: Die Geldzahlungen der Bundesländer an die großen Kirchen sind gegenüber dem Vorjahr um gut 14 Millionen Euro auf den Rekordwert von 538 Millionen Euro gestiegen. Diese sogenannten Staatsleistungen überweist der Staat den Kirchen zusätzlich zu Kirchensteuern und zu den Zahlungen, welche die Kirchen für ihre Arbeit im sozialen Sektor erhalten, also etwa in Kindergärten, Schulen oder Krankenhäusern.“ (SPIEGEL.de)

Ihre Kunden verlassen zuhauf das Schiff, das sich Gemeinde nennt – dennoch werden die Kirchen immer reicher. Herzrührend predigen sie den Armen, denen die böse Welt nicht gerecht wird – und kassieren immer mehr. Und warum? Weil sie vor zwei Jahrhunderten von ungläubigen Mächten enteignet wurden. Das nehmen sie dem Staat heute noch übel – und fordern Rückzahlung mit Zins und Zinseszins, obgleich sie die Juden dafür hassten, dass sie die armen Christen mit Zinsen drangsalierten.

„1803 ist der Kirche und vor allem den katholischen Klöstern einiges an Land abgenommen worden. Darunter hauptsächlich Land, von dem die Kirche nicht nachweisen konnte, es legal erworben zu haben. Darunter einiges Land, dass sich die Kirche durch Fälschungen wie die „Konstantinsche Schenkung“ angeeignet hatte. Dies auch nur in bestimmten Gebieten. Da es sich überwiegend um unrechtmäßig erworbenes Land hatte, kann man auch nicht von „Enteignung“ reden, da der Kirche kein Eigentum abgenommen wurde, sondern lediglich Land, dass sie nie rechtmäßig besessen hat. Gleichzeitig wurde – durch die Säkularisation – den Bischöfen die Lehen (Leihgaben) abgenommen. Bis dahin hatten Bischöfe, wie Fürsten, Lehen vom Staat erhalten, um damit ihren Unterhalt zu finanzieren. Als Ausgleich bekamen die damals lebenden Bischöfe eine Rente bis zu deren Lebensende(!).“

Das war nicht aus dem Pfaffenspiegel, obgleich man ihn wieder aus dem Keller holen müsste, um den Dreistigkeiten des Klerus einige Grobheiten entgegenzusetzen. Über ihre Sünden der Vergangenheit haben sie nur eine Handbewegung übrig: Schnee von gestern – um ungeniert in alle Ewigkeit weiter zu sündigen. Dass die dumme Welt nicht kapieren will: Sünden sind das Salz in der Suppe der Frommen.

Alle deutschen Parteien werden täglich christlicher. Kaum vergeht ein Tag, ohne dass wir die ganz persönlichen Glaubenserfahrungen eines Abgeordneten erfahren. Das moralische Niveau des Klerus haben die Laien längst überwunden, sodass sie sich einbilden dürfen, die besten Christen aller Zeiten zu sein.

Sich über Priester erhaben zu fühlen, das macht die Unersetzlichkeit der Kirche aus. Sie ist zur Kontrastfolie derer geworden, die die Kirche benötigen – indem sie sie nicht mehr benötigen. Die es wirklich ernst meinen mit ihrem Glauben, dürfen sich im Status der Überlegenheit fühlen: sie haben die versteinerte Kirche überwunden, um die Frömmigkeit des Herzens zu gewinnen. Spiritualität nennen sie das Allerheiligste ihres Glaubens, den sie in dem Maße für aufgeklärt halten, wie sie die Aufklärung als Vorlauf ihres Glaubens betrachten.

Wer Symbole anderer Kulturen übernimmt, macht sich der „kulturellen Aneignung“ schuldig. Als nichtjüdische Demonstranten mit Kippa auf dem Kopf gegen antisemitische Umtriebe demonstrierten, empfanden nicht alle Juden diese Solidarität als wünschenswert. Sie sprachen von kultureller Aneignung, als ob die Demonstranten die Grenze zwischen Juden und Gojim unehrerbietig überschritten hätten. Solidarität – ja. Verwischung aller religiösen und kulturellen Unterschiede – nein.

Geht es bei Aktionen gegen den Antisemitismus nicht um die Demonstration der Gleichwertigkeit aller Menschen, bei der alle biografischen Unterschiede marginal sein müssten? Individuelle Einmaligkeit ist nie das Gegenteil gleichwertiger Würde aller Menschen.

Michael Sandel, Politprofessor aus Harvard, erinnert in einem SPIEGEL-Interview an wesentliche kapitalismuskritische Punkte, die man hierzulande selten hören kann:

„Der Liberalismus hat die verhängnisvolle Tendenz, die Demokratie in eine Plutokratie (Herrschaft der Reichen) zu verwandeln. Wer reich ist, ist auch politisch einflussreich. Große finanzstarke Konzerne und einzelne Milliardäre können sich einen überproportionalen Anteil an politischer Wirkmacht sichern. Die Hybris der sogenannten Leistungsträger, die wachsende Ungleichheit, die Verbandelung von Macht und Geld, die technokratische Abkapselung der Berufspolitiker – das sind die Ingredienzen, welche die Suppe des Populismus zum Brodeln bringen. Die Eliten begehen den Fehler zurückzuschimpfen, die populistische Reaktion auf einen Mangel an Wissen, Bildung und Anstand zurückzuführen. Auf ihre ursprüngliche, eher unbewusste Arroganz setzen sie bewusst eine weitere drauf. Das ist die Falle der Meritokratie (Herrschaft der Tüchtigen). Wer sich eine privilegierte Situation verschafft hat, hält sie für ein persönliches Verdienst und die Belohnung seiner Leistung. Für ihn sind die anderen Versager. Der Einzelne wird mit der Verantwortung für sein Wohlergehen allein gelassen, auch wenn er damit überfordert ist.“ (SPIEGEL.de)

Der letzte Satz wäre zugleich eine fundamentale Kritik an deutschen Hartz4-Strafen für Schwache und Arbeitsverlierer, die für den Wirtschaftsbankrott der Reichen und Tüchtigen verantwortlich gemacht werden. Die Armen als Sündenböcke der Reichen: das war so seit Bestehen des Kapitalismus.

Theologe Malthus machte aus dieser erbärmlichen Schuldzuweisung ein ökonomisches Gesetz. Der einstige Atheist Schröder und heutige Mitsinger aller Choräle in staatlichen Gottesdiensten machte sich zur Marionette eines volkshassenden englischen Popen.

„Ein Mensch, sagte er, der in einer schon okkupierten Welt geboren wird, wenn seine Familie nicht die Mittel hat, ihn zu ernähren oder wenn die Gesellschaft seine Arbeit nicht nötig hat, dieser Mensch hat nicht das mindeste Recht, irgend einen Teil von Nahrung zu verlangen, und er ist wirklich zu viel auf der Erde. Bei dem großen Gastmahle der Natur ist durchaus kein Gedecke für ihn gelegt. Die Natur gebietet ihm abzutreten, und sie säumt nicht, selbst diesen Befehl zur Ausführung zu bringen.“ (Malthus)

Malthus wollte die Überflüssigen zu Gottes Lob und Ehr verhungern lassen. Schröder übertrifft ihn in „christlicher Nächstenliebe“ und verurteilt sie nur zu Freiluftgefängnis mit Entzug aller gleichwertigen Würde. Das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe ist unfähig, diese Verletzung des Grundgesetzes brachial vom Tisch zu wischen.

SPD-Schulz stellte seinen Wahlkampf unter das Motto der Gerechtigkeit – und war nicht fähig, die falsche Freiheit der Mächtigen und die angemaßte Macht der Plutokraten anzuprangern.

Warum ist Denis Scheck gegen das BGE? Weil staatlich subventionierte Faulenzer ohne Arbeit zu aufrührerischen Pöbelrotten mutieren würden. Die deutsche Intelligentsia entlarvt sich immer mehr als Hilfscordon der Obrigkeit.

Wer beim Gang durch die Stadt die Ungerechtigkeit nicht mit eigenen Sinnen hören, riechen und sehen kann, wird durch keine Definition begreifen, was Gerechtigkeit ist.

Noch immer schwatzen die SPD-Granden von Bildung als Allheilmittel für Gerechtigkeit. Nein, von Gerechtigkeit sprechen sie nie. Sie sprechen von Aufstiegschancen. Wer oben angekommen ist, ist gebildet und reich.

Und was ist mit jenen, die unten bleiben? Geschieht ihnen Recht? Wer nichts bringt, der muss getreten werden? Das ist Malthus-Darwin-Hayek in Gülle-Version. Bei Zetsche, Winterkorn, Müller und anderen Betrügern ist deutsche Bildung in besten Händen.

Was denkt Sandel, den man als Kommunitaristen zu bezeichnen pflegt, über die Rolle der Religion in der Demokratie? Er kritisiert den rigiden Laizismus der Franzosen:

„Man kann sich auf den Standpunkt zurückziehen, Religion sei eine private Angelegenheit, die aus der öffentlichen Debatte herausgehalten werden solle. Diese Haltung geht dem Streit aus dem Weg, der mit Glaubensfragen fast unweigerlich verbunden ist. Aber sie ist zu einfach. Religionen regeln nicht nur das Verhältnis des Einzelnen zu Gott, sondern auch das der Menschen zueinander. Der Glaube ist nie nur privat, er prägt die Werte des Zusammenlebens. Die Herausforderung liegt darin, ethische Haltungen in der öffentlichen Sphäre zuzulassen, ob säkular oder religiös motiviert. Ich glaube, dass ein pluralistisches moralisches Engagement mehr zur Herausbildung einer toleranten Gesellschaft beiträgt als nackter, moralisch verarmter Säkularismus. Der Bann des Religiösen ist ein Zeichen der Angst. Die französische Form eines strengen Laizismus schafft Spannungen, die selbst Züge eines Kulturkampfes annehmen.“

In ihrem Kampf gegen muslimische Kopftuchträgerinnen empört sich Alice Schwarzer gegen eine fremde Politik, die sich als Religion maskieren würde. Es ginge aber nicht um Religion, sondern um Politik, versucht sie Religion als Spiritualität vor der Politik in Sicherheit zu bringen. Für Sandel hingegen ist Religion Politik. Zumindest sollte sie es sein. Religiöse Handlungsmotive will er als unersetzbare Bestandteile der Politik retten. Heidnischer Säkularismus sei moralisch verarmt.

Begründungen dieser vernunftfeindlichen Thesen hören wir nicht. Die entscheidende Frage wird vom SPIEGEL nicht gestellt: Ist Demokratie nicht die Urerfindung der „moralisch verarmten Aufklärung“ der Griechen und der kosmopolitischen Menschenrechte der Stoa? Nicht nur deutsche Graecomanen hatten Probleme mit Solon und Perikles. All das war ihnen zu politisch. Schiller, der politischste unter ihnen, hatte bereits resigniert:

„Freiheit ist nur in dem Reich der Träume. Und das Schöne lebt nur im Gesang.“

Auch Amerikaner sind keine Freunde der Griechen, die ihnen das Copyright der Demokratie streitig machen. Sandels Position könnte man als amerikanische Böckenförde-Version bezeichnen. Ohne religiöse Wurzeln keine demokratischen Früchte.

Handlungsmotivationen unterliegen in Demokratien keiner Zensur. Sie sind private Innerlichkeiten, für die sich niemand verantworten muss. Im Reich des Inneren hat kein Staat etwas zu suchen.

Anders, wenn die religiöse Motivation als Beitrag zur öffentlichen Debatte in die Welt posaunt wird. Wenn religiöse Forderungen, die mit demokratischen nicht deckungsgleich sind, beanspruchen, zur politischen Realität zu werden, müssen sie wie andere unter die Lupe genommen werden.

Es kommt auf die Handlungen an. Nicht auf die Motive der Handlungen. Wenn religiöse Motive demokratische Handlungen wollen und hervorbringen, bleiben sie das süße Geheimnis der Handelnden. Wenn nicht, muss der religiöse Hintergrund undemokratischer Taten schonungslos aufgedeckt werden.

Das Problem beginnt mit der Definition von Religion. Da sich Religion für intellektuelle Amerikaner ausgefiltert hat zur humanistischen Spiritualität, wird der fundamentale Biblizismus verdrängt.

Zuerst müsste man sich einigen, worüber geredet wird, wenn der Begriff Religion fällt. Religion als kathartisch gereinigte Emotionszulage von Freiheit, Gleichheit und Geschwisterlichkeit geht nur das Individuum an, das solche private Geschmacksverstärker benötigt. Etwas ganz anderes ist die Degradierung der autonomen Ethik der Urpolis zur minderwertigen und demokratiegefährdenden Oberflächlichkeit.

Hier müsste der Streit beginnen. Geht es um eine fundamentale biblische Religion oder um einen demokratisch-gefilterten Aufguss mit religiösen Assoziationen?

Wer für die Unersetzlichkeit der christlichen Religion eintritt, muss nachweisen, dass seine Prinzipien in der unreduzierten Bibel nachweisbar sind. Hier helfen keine hermeneutischen Tricks und Parfümierungen. Hier gilt nur: das Wort, sie sollen lassen stahn.

Die Bibel wird interpretiert wie jedes andere weltliche Buch. Deutungen mit einem   fortschrittlichs-freundlichen Heiligen Geist sind Taschenspielertricks.

Wer seine private Religion vertritt, kann sich nicht auf die Heilige Schrift berufen, wie sie uns vorliegt und nach den Regeln aller Buchexegesen ausgelegt werden muss. Wer sich mit christlichen Leitideen in die Politik einmischt, hat seine private Innerlichkeit verlassen und bewegt sich auf vermintem Gelände.

Zur Trauerfeier des 9/11-Massakers wurden Priester aller Religionen in Reih und Glied nebeneinander gestellt. Nach der Devise: Religion ist Religion, Religion ist Liebe. Die Hippiebewegung hatte diesen heiligen Brei, pardon, diesen Synkretismus, auf der Flucht vor dem Christentum ihrer Väter und Mütter, aber ohne Fähigkeit zur Religionskritik, zusammengerührt.

Das Ergebnis sehen wir heute. Unzufrieden mit dem gesellschaftlichen Erfolg ihrer Bewegung warfen sich die Ehrgeizigen unter ihnen auf die neue Technik der Computer und erfanden die elektronische Vernetzung der Welt. Ihre algorithmischen Erfolge wurden in den Dienst jener Ideale gestellt, die von der Hippiebewegung nicht erfüllt wurden. So entstanden jene Zwangsbeglückungen à la Zuckerberg, der vor lauter messianischen Träumen seine faschistischen Alpträume nicht wahrhaben will.

Wer im Namen der Religion daherkommt und die Gesellschaft theokratisch fluten will, der muss für seine Religion im öffentlichen Streitgespräch gradestehen. Unterhöhlen seine charismatischen Getriebenheiten den demokratischen Rechtsstaat, muss er dem Richter übergeben werden. Da hilft kein Gott als Popanz in der Verfassung und kein frömmelndes Böckenförde-Diktum, das sich als höhere Rechtsphilosophie aufplustert.

Der Streit zwischen Glaube und Vernunft hat noch nicht begonnen. Die frommen Schlauberger verstecken sich beim kleinsten Widerstand hinter der Attitüde: man wird ja noch seinen Glauben leben dürfen. Gewiss, seinen privaten Glauben. Aber keinen Glauben, der dem anderen per Zeitgeist oder Gesetz übergestülpt werden darf. Lächerlich wird es, wenn Theokratie sich anmaßt, die ethische Grundlage der Demokratie zu sein.

Seine überzeugenden demokratischen Prinzipien schwächt Sandel durch undurchsichtige religiöse Hintergründe, vor allem durch seine erstaunliche Kritik an der universellen kosmopolitischen Ethik, der eisernen Grundlage aller Menschenrechte.

„Eine universalistische, kosmopolitische Ethik übersieht, dass wir aktive Nächstenliebe und bürgerliche Tugenden nicht im Abstrakten, sondern im Konkreten und Besonderen erlernen und erfahren. Erst wenn wir in der Nachbarschaft verwurzelt sind, können wir über sie hinausreichen.“

Eine kosmopolitische Ethik ist nicht abstrakt und wenn doch, von jener Abstraktheit, die die Mutter alles Konkreten ist. Die gesamte zurückliegende Friedensepoche der Nachkriegszeit war geprägt von der UN-Charta universeller Menschenrechte. Fast unbegreiflich, dass ein wacher Demokrat wie Sandel so in die Irre gehen kann. Schaut man unter dem Artikel „Kommunitarismus“ nach, erfährt man, dass diese Ideologie als Kritik der universellen Gerechtigkeitsgrundsätze von Rawls entstanden ist:

„Kommunitaristen sind hier gegenteiliger Auffassung (als Rawls); ihre Annahme lautet: Nur ein in eine sprachlich, ethnisch, kulturell, religiös oder sonst wie definierte Gemeinschaft eingebetteter Mensch ist in der Lage, über die Grundsätze der Gerechtigkeit zu befinden. In der Gemeinschaft herrschen bestimmte, gemeinsam geteilte Wert- und Moralvorstellungen sowie Traditionen vor. Nur auf der Basis dieser gemeinsamen Wertvorstellungen, vor allem auf der Grundlage einer gemeinschaftlichen Konzeption des Guten, könne sinnvoll über die Grundsätze der Gerechtigkeit verhandelt werden.“ (Wiki)

Hier könnten einige Wurzeln des heutigen Identitätswahns liegen, der sich vor allem abzugrenzen sucht und keine Gemeinschaft mit anderen Völkern anstrebt.

Gruppe und Gemeinschaft – allemal. Der Zusammenhalt einer Gruppe setzt doch nicht die rote Karte gegen andere voraus. Die Zusammengehörigkeit einer Familie, einer Sippe, eines Dorfes, einer Stadt, einer Nation basiert doch nicht darauf, dass sie die Zusammengehörigkeit mit anderen verweigert. Im Gegenteil.

Für Carl Schmitt, Arnold Gehlen und die Deutsche Bewegung war Moral der eigenen Gruppe – die völkische – unvereinbar mit der universellen der westlichen Demokratie. Reste dieser deutschen Spaltungs-Identität gegen die Identität der Anderen müssen nach Amerika gedrungen sein.

Ursprung dieses Wir gegen den Rest der Welt ist der ungeklärte Nächste im Gebot der Nächstenliebe. Der Erlöser ist nicht in der Lage, die Forderung zu stellen: liebet die Menschen, denen ihr begegnet. Es muss ausgewählt werden. Der Nächste und nicht der Fernste. Viele Deutsche halten es für eine Überforderung, die Menschheit zu lieben. Als ob das die Forderung wäre, mit jedem eine amour passionné zu beginnen. Nietzsche hatte die Nächstenliebe verhöhnt und riet zur Fernstenliebe:

„Meine Brüder, zur Nächstenliebe rate ich euch nicht, ich rate euch zur Fernstenliebe.“

Für Carl Schmitt war der Nächste der Volksgenosse. Was Menschen zusammenbringen sollte, wird von christlicher Agape gespalten. Heute noch wird von deutschen Priestern die Fernstenliebe zu Flüchtlingen und Fremden als sekundäre Liebe bezeichnet. Die primäre Liebe zu nationalen Nächsten dürfe durch sie nicht geschwächt werden:

„Für Dominikaner Ockenfels hat der anfängliche Enthusiasmus der Welcome-Euphorie nur noch wenig mit der Rationalität der katholischen Soziallehre zu tun, vielmehr mit Gutgläubigkeit, Aktionismus und parteipolitischer Ideologie. Keine Unterscheidung zwischen In- und Ausländern zu ziehen, hält er für realitätsfremd. Dahinter stehe kein frommer Gedanke oder gläubige Gnadenorientierung, sondern gesinnungstüchtige Betroffenheitslyrik: «Gewiss entspricht es der christlichen Moral, die vielfältigen Formen von Armut und Not zu überwinden. Aber zuerst kommt die Nächstenliebe, dann die Fernstenliebe.»“ (Achgut.com)

Zuerst kommen Wir, dann lang lang nichts. Alles andere ist moralische Profilneurose. Diese identitäre Moral, die keine gutmenschliche Moral sein darf, durchzieht Springers liberale WELT. Bei Henryk M. Broder lesen wir:

„Was tun wir den Flüchtlingen an, damit wir uns gut fühlen können, was muten wir ihnen zu, damit wir nach dem letzten „Tagesthemen“-Bericht über die Not der Geflüchteten in einem griechischen Insel-Lager in dem Bewusstsein einschlafen können, auf der richtigen Seite zu stehen, bei den Guten, Hilfsbereiten und Vorurteilslosen, die den Verdammten dieser Erde die Hand reichen, in der ein paar Münzen klimpern? Wir sind weder gut noch hilfsbereit, noch vorurteilslos. Und die Willkommenskultur, die wir erfunden haben, ist eine moderne Operette, in der nur mitspielen darf, der dreimal am Tag „Kein Mensch ist illegal!“ ruft.“ (WELT.de)

Wie Broder, so Chef Döpfner (der die Rechtskoalition in Wien für eine musterhafte Regierung der Mitte hält):

„Axel-Springer-Chef Mathias Döpfner hat scharfe Kritik an der politischen Korrektheit in Politik und Medien geübt. Eine „hysterische Übertreibung“ der politischen Korrektheit hat nach Überzeugung von Mathias Döpfner, Vorstandsvorsitzender von Axel Springer (u.a. WELT, „Bild“), zur Schwächung der Demokratien der Mitte und zum Aufstieg der Populisten beigetragen. Medien beschrieben immer weniger das, was sei, sondern lieber das, was sein sollte. «Immer mehr Menschen haben das Gefühl, die reden nicht mehr für mich, die reden nicht mehr, was sie wirklich meinen, die reden nicht mehr, was ist, sondern die leben irgendwo auf einem anderen Planeten.»“ (WELT.de)

Döpfner und Broder vermeiden den Begriff Moral. Lieber sprechen sie von politischer Korrektheit oder eitler Operette. In Wahrheit seien wir weder gut noch hilfsbereit. Wir sind unverbesserliche Sünder, jeder ist jedem ein Wolf.

Döpfner bemitleidet sich als Opfer einer übermächtigen Moral, gegen die er nicht mehr ankomme. Der mächtigste Zeitungsverleger Deutschlands muss stumm bleiben gegen den Moralisierungsterror der Gegenwart. Seine Meinung dringt nicht mehr in die Öffentlichkeit! Nach Döpfner sollten Gazetten nicht schreiben, was sein sollte, sondern was ist. Diese Position ist reiner Hegelianismus, eine Abkehr vom kategorischen Imperativ des Aufklärers Kant.

„Was vernünftig ist, das ist wirklich; und was wirklich ist, das ist vernünftig." (Hegel)

Die identitäre AfD ist nicht an den Rändern der Gesellschaft geboren, sondern in den Gelehrten- und Redaktionsstuben der höheren Gesellschaft. Die deutschen Rechten sind Sprösslinge der Mitte der Gesellschaft und hoffen auf österreichische, ungarische – und trumpistische Verhältnisse. In vorauseilendem Gehorsam wischt BILD jede Kritik an Amerika als Antiamerikanismus vom Tisch. So wie sie jede Kritik an Israel unterschiedslos als Antisemitismus diffamiert.

Die deutschen Rechten aus der Mitte der Gesellschaft sind wieder bei der lutherischen Obrigkeit gelandet, der man blind zu gehorchen habe. Es gibt nur einen winzigen Unterschied: diese Obrigkeit ist die adoptierte unserer besten Freunde. Mit der unsrigen ist kein Staat mehr zu machen. Vor allem, seitdem sie die Koalition Trump-Netanjahu schnöde verraten hat.

Hegel ist Anbeter der Allmacht des Weltgeistes, der als Matador des Bösen seine Ziele skrupellos verfolgt und sich in Berlin zum finalen Triumph niedergelassen hat. Das war die Ausgangsposition des eschatologischen Weltgeistes des 1000-jährigen Reiches.

Ach so: ein demokratischer Disput besteht nicht aus Fragen und Antworten, auch nicht aus Monologen, sondern aus geschliffenen Argumenten und Gegenargumenten, die keiner Zeitdiktatur unterliegen. Pro Minute eine Frage und eine Antwort: Mephisto hätte sich vor Lachen gekrümmt.

 

Fortsetzung folgt.