Umwälzung LXVI

Tagesmail - Montag, den 28. Mai 2018

Hello, Freunde der Umwälzung LXVI,

aus einem geheimen Gesprächsprotokoll, das während des Staatsbesuchs der deutschen Kanzlerin in Peking aufgenommen und der Redaktion auf verschlungenen Wegen zugespielt wurde.

Xi: „Frau Kanzlerin, der größte Fehler, den Sie aus dem Westen gemacht haben, war zu glauben, dass jede Gesellschaft über Nacht demokratisch werden kann. Egal wo auf der Welt sie sich befindet. Egal in welchem Entwicklungsstadium sie sich befindet“.

Merkel: „Ich denke lieber in Gemeinsamkeiten als in Kontroversen.“

Xi: „Millionen Menschen haben unter dem Export der westlichen Demokratie gelitten. Die hat der Westen auf dem Gewissen.“

Merkel: „Wir sollten nach vorne schauen.“

Xi: „Die Zeit der Belehrungen ist vorbei. Es gab mal eine ungewöhnliche Epoche, in der der Westen die Welt dominiert hat, sie kolonialisiert, sie kontrolliert hat. Diese Epoche ist jetzt vorbei. Endgültig. Hört endlich auf, uns zu erzählen, wie wir unsere Gesellschaften organisieren sollen!“

Merkel: „Schnee von gestern.“

Xi: „Es ist besser für den Westen, mit der Mehrheit der Weltbevölkerung zu kooperieren, statt sie von oben herab zu behandeln.“

Merkel: „Ich bin schon immer für eine demütige Politik eingetreten.“

Xi: „Werdet klüger, werdet einfühlsamer in eurem Verhältnis zum Rest der Welt. Lernt, anderen zuzuhören. Ansonsten wird es jenen Kampf der Kulturen geben, den ihr so fürchtet. Es ist wie in einer Schulklasse. Wenn einer den Rest die ganze Zeit ...

... tyrannisiert, entstehen Hass und Zorn. Der Westen war der Klassentyrann der letzten 200 Jahre.“

Merkel: „Was meinen Sie, warum ich meine Flugangst überwunden und den weiten Weg von Berlin bis hierher unternommen habe?“

Xi: „In Wahrheit verfolgt ihr unter dem Deckmantel von Demokratie und Menschenrechten nur eure egoistischen Interessen. Wir haben eure Doppelmoral durchschaut“.

Merkel: „Seit 2000 Jahren leben wir auf der Basis abendländischer Werte.“

Xi: „Ihr müsst euren Einsatz für Menschenrechte mal unter Beweis stellen, wenn es euren eigentlichen Interessen widerspricht. Wenn es unangenehm wird. Deshalb rate ich Ländern wie Deutschland: Shut up! Redet nicht mehr über Menschenrechte!“

Merkel: „Wir lieben unsere Nächsten wie uns selbst. Dazu gehören auch Sie, ob Sie wollen oder nicht.“

Xi: „Seit der Westen sich bedroht fühlt, gerät Ihre ganze Freiheitsphilosophie ins Wanken. Plötzlich darf der Staat seine Bürger nach Belieben überwachen. Sie haben Ihre Freiheitsrechte über Bord geworfen. Und niemand schreit auf.“

Merkel: „Freunde überwachen, das geht gar nicht, habe ich unseren engsten Verbündeten gesagt.“

Xi:“Eure Eliten haben das Gefühl für große Teile der Bevölkerungen verloren. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion hat die NATO die gedemütigten Russen noch weiter gedemütigt. Amerikaner und Europäer haben keinen passenden Umgang mit der islamischen Welt gefunden. Noch immer führt ihr euch auf, als könntet ihr die Welt dominieren. Ihr müsst euch endlich der neuen Lage anpassen, sonst seid ihr eine Gefahr für die Welt.“

Merkel: „Wir haben uns bemüht und werden es weiterhin tun. Wir schaffen das, versprochen.“  

(Alle Zitate Xis sind Thesen von Kishore Mahbubani, Politikwissenschaftler aus Singapur, nachzulesen im SPIEGEL)

Das Weltschicksal wird hinter verschlossenen Türen entschieden. Was sich Eliten zu sagen haben, bleibt geheim. Über Grundlagen ihrer auseinander klaffenden Kulturen setzen sie sich öffentlich nicht auseinander. Von philosophischen Debatten halten sie nichts. Sie reden in Bilanzen und Zahlen von Raketen, Exporten und Produkten.

Revolutionär Marx hat die Kapitalisten endgültig überzeugt: nicht Gedanken regieren die Welt, sondern Maschinen, Geld und Waffen. Vom Bewusstsein ihres Kopfes halten sie nichts, sie legen Wert darauf, von Emissionen des Seins bestimmt zu werden – damit sie unschuldig bleiben.

Gewiss doch, „dass die Umstände ebenso sehr die Menschen, wie die Menschen die Umstände machen". Wenn Menschen Umstände machen, die wiederum sie machen, heißt das noch lange nicht, dass das reziproke Machen bewusst gewesen sei. Machen allein ist kein Bewusstseinsprozess. Es muss begleitet sein von Denken, Erklären und Begründen. Hirnlose Architekten bauen Wohnmaschinen, die das lähmende Lebensgefühl von Millionen bestimmen. Von Tätigkeit des Kopfes, von Denken, Überprüfen und bewusstem Mitentscheiden kann nirgendwo die Rede sein. Bewusstsein ist politische Autonomie – und die gibt es bei Marx erst am Sankt Nimmerleinstag im Reich der Freiheit.

Von seinen deutschen Anhängern wird Marx als Aufklärer der Aufklärer vorgestellt. Was ist die Voraussetzung zu Kants berühmtem Satz: Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen? Freiheit. In welchem Stadium der marxistischen Heils-Geschichte aber wird Freiheit auftreten?

„Das Reich der Freiheit beginnt in der Tat erst da, wo das Arbeiten, das durch Not und äußere Zweckmäßigkeit bestimmt ist, aufhört; es liegt also der Natur der Sache nach jenseits der Sphäre der eigentlichen materiellen Produktion.“ (Marx)

Solange gearbeitet werden muss, um für menschliche Bedürfnisse der Natur die Knochen zu brechen, herrscht das Reich der Unfreiheit. Da es eine Weile dauern wird, bis maschinelle Intelligenzler die Maloche der Menschen überflüssig machen: solange gibt es keine Freiheit.

Aufklärung aber ist Denk- und Meinungsfreiheit. Nicht, dass Freiheit in Demokratien perfekt sei und zum Nulltarif zu haben wäre. Demokratie ist der ständige Kampf, Freiheit gegen herrschsüchtige Bestrebungen zu verteidigen und auszubauen.

Marx hat Kant ausgeknipst. Dessen kategorisches Sittengesetz hielt er für Unfug: „Die marxistische Ethik hat den Versuch, ein zeitlos geltendes, absolutes Sittengesetz zu schaffen, ein für allemal als theoretisch und praktisch sinnlos nachgewiesen. Moralische Normen sind stets Ausdruck realer gesellschaftlicher Interessen. Jede gesellschaftliche Ordnung, jede Klasse, selbst jede Berufsgruppe besitzt ihr eigenes moralisches Normengefüge. Abstrakte Moralgebote, die für alle Zeiten und Länder gültig sein sollen, sind im praktischen Leben ohnmächtig.“ (Marxistisch-Leninistisches Wörterbuch der Philosophie)

In Marxens eigenen Worten: „Die Aufklärung war der vorletzte Schritt zur Selbsterkenntnis und Selbstbefreiung der Menschheit, der aller als der vorletzte auch noch einseitig im Widerspruch steckenblieb.“

Mit anderen Worten: Aufklärung muss überwunden werden. Im Reich der Freiheit ist alles paradiesisch und aufgeklärt, aber nicht erkämpft mit Mitteln der Aufklärung, sondern mit konträren Mitteln der Gegenaufklärung. Moral in der kapitalistischen Gesellschaft kann die Menschen nicht zur Gemeinschaft einer demokratischen Realität und Norm verbinden, sondern trennt alle Klassen und Gruppen nach Interessen.

Bis zum Beginn des Reiches der Freiheit bleibt Marx postmoderner Relativist, danach wird er durch Kippbewegung zum anarchischen Generalisten. Ein demokratischer Freiheitskampf gegen alle Formen der Unfreiheit ist Marx unbekannt.

Im Kalten Krieg standen zwei Hemisphären gegenüber, die sich ideologisch näher standen als sie wahrhaben wollten. Kapitalismus und Sozialismus glaubten in gleicher Weise an eine Heilsgeschichte, die dem Menschen die Selbstbestimmung vorenthielt. Dem sozialistischen Reich der Freiheit stand Hayeks Evolution gegenüber, die stets in eine spontane Ordnung münden würde.

Spontane Ordnung ist das spontane, ungeplante Aufkommen von Ordnung aus vermeintlichem oder tatsächlichem Chaos. Beispiele für Systeme der spontanen Ordnung sind die Evolution des Lebens auf der Erde. Der Markt ermögliche eine „effizientere Verteilung der Ressourcen einer Gesellschaft als jede Art von Design. Der Markt aggregiere die Information und das Wissen von Einzelpersonen effizienter mit Hilfe des Preismechanismus. Diese Idee wird illustriert durch das von Adam Smith geprägte Konzept der unsichtbaren Hand“. (Wiki)

Spontane Ordnung entspricht der wohltuenden Endwirkung einer göttlichen Vorsehung bei Adam Smith. Auch Marx kennt den Optimismus einer finalen Ordnung, die sich am Ende mit Sicherheit einstellen wird: „Daher stellt sich die Menschheit immer nur Aufgaben, die sie lösen kann, denn genauer betrachtet wird sich stets finden, daß die Aufgabe selbst nur entspringt, wo die materiellen Bedingungen ihrer Lösung schon vorhanden oder wenigstens im Prozeß ihres Werdens begriffen sind.“

Optimismus ist der Glaube an eine perfekte Endlösung, die unabhängig vom Willen der Menschen eintreten wird: „In der gesellschaftlichen Produktion ihres Lebens gehen die Menschen bestimmte, notwendige, von ihrem Willen unabhängige Verhältnisse ein.“

Auf neoliberaler Seite die spontane Ordnung oder unsichtbare Hand, auf marxistischer das Reich der Freiheit, das mit absoluter Notwendigkeit auf den Menschen zukommen wird.

Moral ist weder bei Marx noch bei Hayek vorgesehen. Beide stehen in der Tradition Luthers, der selbstbestimmte Tugenden (Werke) als Erfindungen des Teufels betrachtet. Abendländische Werte sind Unterwerfungsimperative unter Gesetze, die jenseits menschlicher Macht ablaufen. Für Hayek ist Freiheit ein untergeordnetes Phänomen, das man ignorieren kann:
„Freiheit bedeutet, dass wir in gewissem Maße unser Schicksal Kräften anvertrauen, die wir nicht beherrschen: und dies erscheint jenen Konstruktivisten unerträglich, die glauben, dass der Mensch sein Schicksal beherrschen kann – als ob Zivilisation und Vernunft sein eigenes Werk wären.“ (Hayek, Recht, Gesetzgebung und Freiheit, Bd 2)

In der jetzigen Gesellschaft können gerechte Verhältnisse durch den Menschen nicht hergestellt werden. So bei Marx und so bei Hayek, bei dem sie überhaupt nicht hergestellt werden sollen – und dürfen. Der Versuch allein würde die ganze Gesellschaft zerstören. Gerechtigkeit entstammt der familiären Sippengesellschaft der Urzeit und kann in der Moderne nur zerstörerisch sein, wenn man sie mit staatlichen Methoden dem freien Markt überstülpt.

„Es ist Teil des Ethos der Offenen Gesellschaft (gegen diese Aussage hätte er energischer protestieren müssen, beteuerte Popper – nach Hayeks Tod) geworden, dass es besser sei, sein Vermögen in Werkzeuge zu investieren, die es möglich machen, mehr zu geringen Kosten zu produzieren, als es unter die Armen zu verteilen, oder lieber für die Befriedigung der Bedürfnisse tausender unbekannter Personen zu sorgen, als die Bedürfnisse einiger weniger bekannter Nachbarn zu befriedigen.“ „Was ich zu zeigen versuchen muss, ist leider, dass die Gefühle, die zur Forderung nach sozialer Gerechtigkeit führen und die gewiss viele der edelsten Menschen unserer Zeit beherrschen, in der modernen Großgesellschaft weder Sinn noch Anwendbarkeit haben, ja, dass der Versuch, die Gewalt des Staates in den Dienst der Befriedigung dieser ererbten Instinkte zu stellen, zur Vernichtung unsres Wohlstandes, der persönlichen Freiheit und der ganzen modernen Zivilisation führen müßte. Es ist gewiss oft traurig zu sehen, wie die Verteilung der Güter dieser Welt durch bloßes Glück, wenn nicht durch Schlimmeres bestimmt wird und nur selten im Verhältnis zu erkennbarem Verdienst oder Bedarf steht. Aber wie viel schlimmer wäre es doch, wenn wir alle überzeugt wären, dass jeder das verdient, was er hat – oder nicht hat –, und der, dem es schlecht geht, wüsste, dass alle anderen meinen, er verdiene es eben nicht besser. Ich möchte jedenfalls nicht in einer solchen Welt leben, die heute so viele Menschen machen könnten, wenn sie nur könnten.“ (Hayek, Die Illusion der sozialen Gerechtigkeit)

Ungeheure Sätze, die dazu beitrugen, die Verwüstungen der Zeit zu rechtfertigen. Neoliberalismus vertritt auf keinen Fall das seichte FDP-Motto: Leistung müsse sich wieder lohnen, Leistung und Verdienst müssten sich entsprechen.

In einer solch transparenten Welt der Gerechtigkeit könnte er nicht leben, bekannte Hayek. Den Sinn solcher Worte kann man nur verstehen, wenn man Hayeks theologische Ursätze aus dem Buch der Prediger berücksichtigt:

„Ich wandte mich und sah, wie es unter der Sonne zugeht, daß zum Laufen nicht hilft schnell zu sein, zum Streit hilft nicht stark sein, zur Nahrung hilft nicht geschickt sein, zum Reichtum hilft nicht klug sein; daß einer angenehm sei, dazu hilft nicht, daß er ein Ding wohl kann; sondern alles liegt an Zeit und Glück.“

Für Fromme, die an gerechte Verhältnisse auf Erden durch Gottes Eingreifen glauben wollen, sind das schwer verdauliche Aussagen. Der Herr der Heerscharen sorgt eben nicht für irdische Gerechtigkeit. Der Gottesfürchtige muss den Schein ungerechter Verhältnisse ertragen und im Glauben überzeugt sein, dass eines fernen Tages, vermutlich im Jenseits, die Gerechtigkeit hergestellt wird.

Hayek ertrüge es nicht, dass Gottes Endurteil schon jetzt aller Welt vor Augen läge. Schaut her: Hayek gehört gar nicht zu den Tüchtigen, wie er es uns immer weismachen wollte. Er ist ein Versager. Betrachtet nur seine jämmerlichen Besitzverhältnisse. Für Hayek, den gläubigen Katholiken, bedarf es eines Beweises ex negativo, dass es einen gerechten Gott im Himmel gibt. Wenn es hienieden ungerecht scheint, besteht noch immer Hoffnung auf jenseitige Gerechtigkeit. Eine wirklich gerechte Welt wäre das vorweggenommene Jüngste Gericht. Und das wäre unerträglich.

Eine gerechte Welt wäre der Himmel auf Erden. Und den lehnt Hayek ab wie sein Freund Popper. Beide berufen sich auf Hölderlin: „Immer hat das den Staat zur Hölle gemacht, dass ihn der Mensch zu seinem Himmel machen wollte.“

Popper glaubt nicht, dass man Menschen auf Erden glücklich machen könne. Man sollte es gar nicht erst versuchen. Was man tun könne, ist einzig, das Unglück der Menschen im Stil einer partiellen Stückwerktechnologie zu beheben. Einen Menschen aktiv glücklich machen? Das ist weder möglich noch nötig. Jeder akzeptierte Mensch ist selbst in der Lage, sein Glück zu gestalten – wenn die Ursachen seines persönlichen Unglücks, die wie ein Fatum über ihn kamen, beseitigt worden sind. Den Rest kann er selbst.

Realistische Utopisten wollen keinen Himmel, sondern Humanität auf Erden. Der Himmel der Erlöser ist immer eine totalitäre Angelegenheit: auf Erden wie im Himmel.

Auch Poppers Stückwerktechnologie ist nur sinnvoll bei einem erkennbaren Fernziel, das die Stückwerke in die richtige Richtung lenken kann. Unverbundene Teil-Ziele ergäben sonst nur ein sinnloses Herumtappen auf der Stelle.

Es ist ein Offenbarungseid für die dominierenden ökonomischen Schulen, dass diese Zentralstellen bei Hayek und Marx entweder unbekannt sind oder in lässiger Beliebigkeit weggedeutet werden. Hier sehen wir den Grund, warum Wirtschaftler sich hinter Zahlen- und Formelkolonnen verstecken. Sie wollen nichts über die unmündige Ideologie ihrer Vordenker erfahren.

Ökonomie hat nichts mit natürlichen Gesetzen zu tun, sondern mit unendlichen moralischen Entscheidungen und politischen Regulierungen, die sich allmählich zum Kapitalismus verfestigt haben. Ökonomen wollen harte und unanfechtbare Gesetze wie die Naturwissenschaften, damit sie deren objektiven Glamour beanspruchen können.

Unfassbar, dass nicht einmal die SPD ihre Gegner vor sich hertreibt. Latent berufen sie sich noch immer auf Marx, obgleich sie nichts lieber tun, als die Neoliberalen ihrer GROKO-Verbündeten rechts zu überholen. Eine Reform an Leib und Gliedern wäre eine Anamnese ihrer kollektiven Biografie. Todkrank sei seine Partei, wehklagte Altsozi Dressler.

Die Moderne der Bewusstseinslosen ist eine Gemeinschaft der Unschuldigen. Sie erfinden, malochen und produzieren am laufenden Meter. Doch der Schein trügt. Nicht sie sind es, die etwas tun. Es ist das Schicksal, das etwas mit ihnen tut, damit sie das wohlige Gefühl eines Geschicks genießen, welches sie zu einer von jeder Verantwortung freien Mitläuferhorde zusammenschmiedet.

Es ist so bequem, unmündig zu sein. Habe ich Mammon und Maschinen, die für mich Verstand haben, eine Wirtschaftsbilanz, die für mich Gewissen hat, so brauche ich mich selbst nicht zu bemühen. Ich habe nicht nötig zu denken, wenn ich nur bezahlen kann.

Dass der bei weitem mächtigste Teil der Menschheit (darunter vor allem Männer) den Schritt zur Mündigkeit für sehr gefährlich halte: dafür sorgen schon jene Meinungsmacher aus Politik und Medien, die die Oberaufsicht über sie gütigst auf sich genommen haben. Nachdem sie ihre nationalen Pöbelhorden zuerst dumm gemacht haben und sorgfältig verhüteten, dass diese ewig unzufriedenen Unruhestifter ja keinen Schritt außerhalb ihres Gängelwagens, darin sie sie einsperrten, wagen durften, so zeigen sie ihnen nachher die Gefahr, die ihnen droht, wenn sie es versuchen, allein zu gehen. Wohlstand und feige Anpassung sind die Ursachen, warum ein so großer Teil der Menschen, nachdem Demokratie ihn längst von fremder Leitung freigesprochen, dennoch gern zeitlebens unmündig bleibt.

So würde ein gewisser Kant aus Königsberg heute schreiben. Einer aus jener Kategorie, die BILD gutmenschliche Selbstgefälligkeit zu nennen beliebt – eine neckische Umschreibung für Aufklärung.

Es gibt keine philosophische Auseinandersetzung zwischen den Weltenlenkern. Intellektuelle Dispute: solche Kindereien haben sie hinter sich gelassen. Sie streiten um Zahlen, Einfluss und Macht. Gedanken sind für sie Schall und Rauch.

Sollte es doch noch zu Friedensgesprächen zwischen Kim und Trump kommen, wird es ausschließlich der Triumph des Feiglingsspielers aus dem Weißen Haus sein. Sollte es nicht, wird es die Schuld hinterlistiger Asiaten sein.

Die Moderne will ihr Schicksal gestalten, indem sie sich ausliefert an übersinnliche Schicksalsmächte. Die Machtblöcke spalten sich und driften auseinander. Die Politiker sind nicht in der Lage, ihre Differenzen in schlichter Prosa zu artikulieren, miteinander zu streiten und ihre kompromissfähigen Ergebnisse in die Tat umzusetzen.

Touristen überfluten den Planeten. Einst wollten sie die Welt verstehen, heut fliehen sie das Heimische: ich bin dann mal weg. Reisenkönnen in die letzten Winkel der Welt ist für sie eine Machtdemonstration. Zu Gesprächen mit Einheimischen kommt es nicht. Noch immer fühlen sie sich wie einst ihre kolonialen Ahnen. Früher kamen sie mit Kanonen und Hellebarden, heute mit Kreditkarten. Führungsklassen können so wenig miteinander reden wie touristische Holzklassen. Das planetarische Gespräch ist tot. Ein Venezianer:

"Der Tourismus hat uns kurzfristig reich gemacht, aber er tötet uns langfristig", sagt Secchi. "Zu viele wollen nicht mehr in dieser Stadt leben, sondern sie ausnutzen wie eine Prostituierte." (SPIEGEL.de)

Je mehr die Europäer auseinander fallen, je mehr geben sie ihren Nachbarn die Schuld am Zerfall. Nach den Griechen werden die Italiener auf die Anklagebank gesetzt. Italienische Politiker ätzen gegen die ökonomische Vorherrschaft der Deutschen, die sie an das Dritte Reich erinnern würden. Die ZEIT schlägt im gleichen Stil zurück:

„Was ist, wenn die Italiener den Europäern den Weg in die Zukunft zeigen? Es wäre nicht das erste Mal: Auf Mussolini folgte Hitler, auf Berlusconi folgte Trump. Es gibt also guten Grund, Italien ernst zu nehmen.“ (ZEIT.de)

Italien, Sehnsuchtsland aller Deutschen, wird zum Ursprung aller Übel. Unbewältigte nationale Konflikte der letzten Jahrhunderte lassen sich nicht länger unterdrücken. Solange die Nationen um Vorherrschaft konkurrieren und sich einem gnadenlosen Schicksal unterwerfen, solange werden sie jedes Grundsatzgespräch verhindern. Solange sie sich vom Sein ihrer naturzerstörenden Bewusstseinsabwesenheit kujonieren lassen, solange werden sie das Denkvermögen ihres Kopfes dort abgeben, woher sie Hilfe erwarten: bei ihren Göttern und Maschinen.

Merkwürdig, dass deutsche Kommentatoren sich dumm stellen und niemand die „Strategie“ der beiden führenden Weltclowns erkennen will. Dabei spielen jene ein uraltes Spiel:

„Der ganze Marktprozess ist am besten einem Spiel vergleichbar, das die Menschen langsam zu spielen lernten, weil jene Gemeinschaften, die es am eifrigsten spielten, prosperierten. Es ist notwendig eine Mischung aus Glücks- und Geschicklichkeitsspiel. Unmöglich zu unterscheiden, wieviel vom Anteil jedes einzelnen seinem Geschick und Fleiß, und wieviel dem Glück zuzuschreiben ist. Wir können die Dinge nur so einrichten, dass Richtigraten belohnt und Falschraten bestraft wird. Das Lose-Ziehen beginnt mit der Geburt: Familie und Umgebung, in die jemand geboren wird, machen die Chancen der Menschen nur noch unterschiedlicher.“ (Hayek)

Sagen wir unseren Kindern: Beginnt zu raten. Lernt pokern in den Schulen. Gebt euch unberechenbar, dreist und undurchsichtig. Seid unverstellt und direkt wie ein ehrlicher Atomschlag. Euer Schicksal hängt nicht von euch ab, sondern von Glück und Zufall. Faites vos jeux.

 

Fortsetzung folgt.