Umwälzung LXV

Tagesmail - Freitag, den 25. Mai 2018

Hello, Freunde der Umwälzung LXV,

die Rettung der Welt verzögert sich. Niemand sei erstaunt. Ist Verzögerung nicht der Grundzug der abendländischen Welt, die seit 2000 Jahren die Rettung der Welt durch Kommen ihres Erlösers erwartet? Der will und will partout nicht kommen.

Verzug der Parusie ist Verzug der Welterlöser Trump & Kim. Die Rettung der Welt muss spannend bleiben. Kommt sie, kommt sie nicht? Wann kommt sie? Wer wird es sein, der da kommen soll, um dem Treiben ein Ende zu bereiten?

Sollten sie eines fernen Tages zusammenkommen und den Weltfrieden retten (für wie lange?) – werden die Weltbeobachter dann nicht mit Entzücken kommentieren: wussten wir es nicht, dass es die Weltteufelchen sind, die uns den Frieden bringen – und nicht diese vermaledeiten Idealisten und Moralisten, die nicht ihre eigenen Interessen buchstabieren können? Das Böse ist ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft?

Sollten sie aber nicht zusammenkommen und mit höllischen Raketen Unheil über die Welt bringen – werden die Überlebenden dann nicht beschämt in sich hinein flüstern: haben wir‘s nicht schon immer gewusst? Das ist der Fluch der bösen Tat, dass sie fortzeugend immer Böses muss gebären?

Goethe gegen Schiller. Wer steht für deutsche, wer für kosmopolitische Identität?

Verzug der Parusie, Verzug des Weltfriedens ist Prokrastination, die Krankheit der Moderne, die bei Seelendoktoren immer nur eine individuelle sein darf. Psychische Krankheitserfinder schauen nicht in die Geschichte, die aus dem Meer ihrer Irrungen und Wirrungen Schauerliches in die Lüfte schleudert. Kausale Zusammenhänge zwischen heute und gestern sind ihnen unbekannt. Jeder Tag gebiert sich ...

... in jungfräulicher Frische selbst – um seine morastischen Ausdünstungen nicht wahrzuhaben.

Für wie viele Baustellen, nicht nur in Stuttgart 21, nicht nur im Berliner BER, gilt inzwischen das Motto der Dichter und Denker: unterwegs sein ist alles, das Ziel ist nichts? Techniker und Politiker sind zu Künstlern geworden. Künstler kennen keine Rationalität. Sie kennen nur das Unbestimmte und Grenzenlose. Sie unterscheiden nicht zwischen Ziel und Mitteln. Ziele wären Grenzen und Ruhepunkte. Ruhe aber wäre der Tod.

Nicht ans Ziel kommen, kein Ziel haben dürfen, nicht Freiheit von Angst und Schrecken erleben. Ohne Ängste – kein Ingenium für das Unfassbare, Unerklärliche.

„Es gibt kein Leben ohne Angst, schon weil es ohne diese Angst, die unsre Tiefe ist, kein Leben gibt. Erst aus dem Nichtsein, das wir ahnen, begreifen wir für Augenblicke, dass wir leben. Man freut sich mit jedem Atemzug, dass alles, was ist, eine Gnade ist. Ohne dieses spiegelende Wachbewusstein, das nur aus Angst möglich ist, wären wir verloren; wir wären nie gewesen.“ (Max Frisch)

Zwischen Nichtsein und Sein: das Leben als Hazard. „Hazard war – trotz der komplizierten Regeln – im 17. und 18. Jahrhundert so beliebt, dass es zum Glücksspiel schlechthin wurde, Glücksspiele werden daher auch allgemein als Hasardspiele bezeichnet“.

Stellvertretend für die Moderne, die ein Glücksspiel als Heilsereignis ist, spielen Kim & Trump das Feiglingsspiel.

„Beim Feiglingsspiel (engl. Chicken Game), Spiel mit dem Untergang, Hazard bzw. Angsthasespiel handelt es sich um ein Problem aus der Spieltheorie. Es geht um das Szenario einer Mutprobe: Zwei Sportwagen fahren mit hoher Geschwindigkeit aufeinander zu. Wer ausweicht, beweist damit seine Angst und hat das Spiel verloren. Weicht keiner aus, haben beide Spieler zwar die Mutprobe bestanden, ziehen jedoch daraus keinen persönlichen Nutzen, weil sie durch den Zusammenprall ihr Leben verlieren.“

„In dem Film ... denn sie wissen nicht, was sie tun gibt es eine Szene, in der James Dean von seinem Rivalen zu einem ganz besonderen Duell herausgefordert wird: Die beiden rasen mit ihren Autos auf einen Abgrund zu. Wer zuerst bremst, hat verloren. In der Spieltheorie wird eine solche Konstellation chicken game – Feiglingsspiel – genannt: Wer nachgibt, verliert, aber wenn niemand nachgibt, verlieren alle. Sie stürzen über die Klippe.“

Trump als James Dean, als Held Amerikas, der kein Feigling sein darf. James Dean springt kurz vor der Klippe heraus, sein Gegner bleibt mit dem Jackenärmel hängen, stürzt mit dem Auto in die Tiefe. Ist Trump James Dean, Kim sein Gegner, der im Abgrund verschwindet?

In Deutschland könnte das nicht passieren. Hier gibt’s keinen realen Abgrund, sondern nur den Poschardt‘schen Hauch des Abgrunds. Merkel schwebt mit Engelsflügeln stumm lächelnd über alle Abgründe hinweg. Die Deutschen spielen nur Amerika. Sie tun, als spielten sie das Hazard-Spiel. Das Feigling-Spiel scheint das richtige für sie zu sein – solange sie überzeugt sind, rechtzeitig die Flatter machen zu können.

Wenn Amerika es plötzlich ernst meint mit dem Spiel vom Abgrund, dabei auch seine umerzogenen Lieblinge nicht mehr schont, werden die Deutschen vor Angst starr und steif. Das hätten sie nicht gedacht, dass sie nicht länger im Sandkasten ihrer großen Beschützer spielen dürfen.

Einige werden dann ganz mutig und resolut, entwickeln sich zu den kühnsten Polit- und Militärstrategen der Welt und wissen genau, dass sie mit klapprigen Panzern keinen Krieg gewinnen können. Ihr Mut trotzt allen Feinden Germaniens. Unter ihnen die besten Freunde, die nichts anderes im Sinn haben, als die Euro-Sieger um ihre schwer erarbeiteten Pfründe zu erleichtern. Vor Freunden muss man sich am meisten hüten.

„Nehmt Abschied, Brüder, schließt den Kreis!
Das Leben ist ein Spiel;
und wer es recht zu spielen weiß,
gelangt ans große Ziel.
Der Himmel wölbt sich überm Land.
Ade, auf Wiederseh'n!
Wir ruhen all in Gottes Hand.
Lebt wohl, auf Wiederseh'n!“

Ein Weltspiel haben sie bereits in den Sand gesetzt. Mit Abermillionen Toten. Danach gaben sie sich als erkenntnislose Verlierer: Brüder, wir haben verspielt. Kann ja mal vorkommen. Jetzt heißt es: neues Spiel, neues Glück, neuer Gewinn.

Was ist das große Ziel? Das Abschiednehmen: Auf Wiedersehn, Erde. Auf Wiedersehn, ihr Irdischen. Wir lebten nur nebeneinander her. Mehr war nicht drin. Pech gehabt, wer nicht in Gottes Hand ruhte.

Heilsgeschichte ist Hazard-Spiel. Niemand kann genau wissen, ob er zu den Erwählten gehört. Muss man auf Taten vertrauen? Oder gerade nicht auf Taten? Nur auf Gnade hoffen? Auf fifty-fifty? Hat Gott seine Geschöpfe nicht ohnehin vor aller Zeit selektiert, unabhängig von allen Werken oder Gnadenwirkungen?

Nur einer kann das große Ziel gewinnen. Sagen wir, einige wenige. Bei Abermilliarden von Menschen eine wahrhaft Frohe Botschaft. Heilsgeschichte wird auch Heilsökonomie genannt.

Die Spieltheorie, zu der das Feiglingsspiel gehört, wurde für rivalisierende Ökonomien erdacht. Was muss ich tun, um meinen Rivalen zu besiegen, wenn ich weiß, dass er von mir weiß, dass ich von ihm weiß …? Man höre und staune, die Spieltheorie geht von rationalen Teilnehmern aus. Homo oeconomicus ist ein homo rationalis. Das merkt man den beiden gegenwärtigen Protagonisten an: die ratio dringt ihnen aus allen Poren.

Die besten Chancen hat derjenige, der am Ende das As aus dem Ärmel zieht – und damit das Ende einläutet. Wissen und Herbeiführen des Endes: das sind die schärfsten Waffen im Kampf um den Endsieg.

In der Heilsgeschichte ist das Ende unbekannt. Da darf sich keiner auf die faule Haut legen und sagen: morgen, morgen, nur nicht heute. Da bleibt nur unermüdliches Wachen. Wer einschläft, gehört zu den doofen Jungfrauen, die das Nachsehen haben, wenn ihre immerwachen Konkurrentinnen das Klopfen an der Pforte vernehmen und den Beglücker aller Jungfrauen einlassen.

„Darum seid wachsam! Denn ihr wisst nicht, an welchem Tag euer Herr kommen wird. Denn der Menschensohn kommt zu einer Stunde, wo ihr es nicht meint.“

Doch was tun, wenn man immerzu wartet, aber nichts rührt sich? Da macht man sich lächerlich:

„Sie werden sich über euch lustig machen und sagen:
Er hat doch versprochen wiederzukommen! Wo bleibt er denn?
Inzwischen sind unsere Väter gestorben, aber alles ist noch so, wie es seit Beginn der Welt war ...
Meine Freunde, ihr dürft eines nicht übersehen:
Beim Herrn gilt ein anderes Zeitmaß als bei den Menschen.
Ein Tag ist für ihn wie tausend Jahre, und tausend Jahre sind ein Tag.
Der Herr erfüllt seine Zusagen nicht zögernd, wie manche meinen;
im Gegenteil, er hat Geduld mit euch, weil er nicht will, dass einige zugrunde gehen.“

Das ist Reduktion kognitiver Resonanz. Weil der Herr nicht kam, funktionierte man das Fiasko um in eine heilspädagogische Strategie. Der Gütige lässt euch noch Zeit, damit ihr ein Einsehen habt und zum Vater zurückkehrt. Aber nicht mehr lange.

Heutzutage muss man kein Christ sein, um das christliche Geschichtsspiel mitzuspielen. Es ist identisch mit der Moderne, die sich den ganzen Planeten erobert hat.

Da Christen ihrem himmlischen Vater immer weniger vertrauten, wollten sie ihn von aller Unfähigkeit entlasten und das Ende selbst herbeimanövrieren. Der Höhepunkt der Moderne war die Entwicklung der „Jüngsten-Gericht-Maschine“. Bevor man vom Gegner mit atomarer Gewalt vernichtet wird, muss eine „Jüngste-Gericht-Maschine“ die Erde in Sekunden zerstören.

Bedroht ein Angriff die Existenz des eigenen Volkes, „muss die Jüngste-Gericht-Maschine, verbunden mit einem Computer und elektronischen Informationsmaschinen, jeden Angreifer mit der Drohung abschrecken, im Fall eines Angriffs die ganze Menschheit, also auch ihn selbst durch radioaktive Verseuchung zu vernichten. Die Maschine muss erschreckend, unerbittlich und überzeugend sein, damit sie als perfekter Abschreckungsapparat wirken kann.“ Das war bereits vor mehr als einem halben Jahrhundert. (Friedrich Wagner, Die Wissenschaft und die gefährdete Welt)

Kim und Trump spielen das Hazard-Spiel mit perfektionierten Jüngsten-Gericht-Maschinen in verschiedenen Phasen. Zuerst rüpeln sie, dann machen sie wisch-und-weg: alles nicht so ernst gemeint. Dann fürchten sie, durch Freundlichkeit den Feind ermuntert zu haben, sie zu übertölpeln. Darauf erneute Kehrtwende: ein aufreizender Brief mit schrecklichen Bedrohungen unter Anrufung Gottes.

Anstatt zurück zu drohen, wählt Kim die Methode: schade, dass ihr so vernagelt seid. Doch das ändert nichts an unserer ausgestreckten Hand. Überlegt‘s euch und werdet vernünftig. Eine überraschende Volte. Nun liegt der Ball wieder im Feld des Gegners. Noch ist alles offen. Die Spannung steigt. So muss ein echtes Hazard-Spiel unter Beteiligung der weltbesten Hasardeure der Welt sein. Klatschen, Weltpublikum!

Versteht sich, dass Deutschlands Staatsheiliger ein besonders scharfzüngiger Herbeibeter des Jüngsten Gerichts war. Die Nationalsozialisten exekutierten nur, was Luther sich in seinem untergangswütigen Kopf ausdachte. So wusste er auch, wie Gott ihn im Jüngsten Gericht ansprechen würde. Formvollendet unter korrekter Nennung des Titels:

„Das sollen wir lernen, nämlich die große Macht, die Gott wird wirken an uns durch Christus am jüngsten Tag: mit einem Wort wird er uns hervorziehen. Er spricht: Doktor Martine, komm her! und es wird geschehen im nu.“

Woraus ihr lernen könnt, liebe Kinder, dass es sinnvoll ist, euch in der Schule anzustrengen, bei Ferienbeginn nicht zu früh in den Urlaub zu entwischen und schließlich einen Doktortitel zu erwerben. (Aber nicht schummeln, denkt immer an Tante Schavan.) Summa cum laude muss nicht sein. Wer allerdings in höhere Engelsränge aufsteigen will, sollte sich ein wenig anstrengen.

Wer glaubt, das Ende des Kalten Kriegs habe allen Jüngstengerichtmaschinen den Stecker rausgezogen, der irrt. Ein israelischer SPIEL-Theoretiker durfte in BILD sein vollautomatisches Raketensystem als perfekte Waffe gegen allmählich lästig werdende Palästinenser propagieren:

„Auch die aktuelle Situation in Gaza treibt Aumann um. Um den Raketenbeschuss durch die radikal-islamische Hamas zu stoppen, hat sich der Wissenschaftler eine Idee einfallen lassen. Wie in seinem Spezialgebiet, der Spieltheorie, üblich, geht es dabei vor allem um eins: Anreize. „Ich würde ein automatisiertes Raketensystem an der Grenze zu Gaza aufstellen“, erklärt Aumann. „Jedes Mal, wenn die Hamas eine Rakete schießt, schießt das Raketensystem eine zurück. „Wichtig ist, dass alles automatisch abläuft. Dann fühlt es sich für die Terroristen so an, als würden sie auf sich selbst schießen! Zwar antwortet Israel auch jetzt auf Raketenbeschuss, doch es sind israelische Offiziere und Politiker, die diese Entscheidungen treffen. Bei Aumanns Vorschlag würde man die Verantwortung für die Vergeltungsschläge den Terroristen abgeben. Der weißbärtige Professor nippt an seinem Kaffee, denkt nach. „Vielleicht“, sagt er, „müssen wir diese Krisen und Kriege auch einfach nur aussitzen.“ (BILD.de)

Eine perfekte Waffe, die den Menschen von allen Entscheidungen entlastet, sodass er ohne Schuldgefühle sein Leben in Freuden verbringen kann. Selbst Silicon Valley könnte diese Maschine nicht übertreffen. Hier wird deutlich, wozu eine perfekte Maschine benötigt wird. Sie soll nicht nur für den Menschen handeln, sondern auch für ihn denken, vor allem moralisch für ihn entscheiden.

Wie der christliche Erlöser die Schuld aller Menschen stellvertretend auf sich lud, so die Maschine die prophylaktische Schuld der Menschen. Wie der Sohn das Heilswerk des Vaters, so soll die Maschine das Heilswerk seiner Erfinder durchsetzen. Lasst Maschinen ran. Schon jetzt überragen sie den Menschen im Lösen unlösbar scheinender Probleme. Die Palästinenser sollen den Eindruck haben, sie würden sich selbst eliminieren. Den Rest kann man aussitzen.

In Deutschland steht ein Paradigmenwechsel bevor. Da Trumps Ansehen (warum eigentlich? außenpolitisch habe er keinen einzigen Fehler gemacht, so die WELT) ziemlich in den Keller gerutscht ist, hat BILD sich entschlossen, das arme Heimatland nicht ohne neues Wir-Ideal zu belassen. Sie reden ständig von deutscher Identität, doch wenn‘s ernst wird, ist keine zu sehen.

Also beauftragte BILD den Historiker Wolffsohn, den Deutschen ein neues Leitbild zu präsentieren: Israel. Da Israel Deutschland in allen Dingen überrage, wären die Deutschen gut beraten, sich von Israel belehren zu lassen. (Natürlich musste BILD seine übliche Aversion gegen Besserwisser einen Moment außen vor lassen, sonst hätten sie das Heilige Land nicht als Vorbild präsentieren dürfen.)

Auf das moralische Problem mit den Palästinensern geht Wolffsohn nicht ein. Ihm geht es um Prosperität und technischen Fortschritt. Wieso überragt das Land inzwischen fast alle Länder dieser Welt in Wirtschaftswachstum und Hightech-Kreativität?

Die Volkswirtschaft boomt. Sie zählt weltweit zu den Spitzenreitern neuer Erfindungen und Entwicklungen, Innovation ist Trumpf, das Wachstum seit Jahren größer als in Deutschland, die meisten Betriebe blühen, die Arbeitslosigkeit ist niedrig, doch die Schere zwischen Arm und Reich ist größer denn je. Noch wichtiger: Es besteht eine jahrtausendealte Wertschätzung gegenüber Wissenden und Wissen. Wer viel weiß, gilt nicht als „Streber“, sondern wird ideell verehrt und nicht zuletzt materiell geehrt, sprich: honoriert. Letztlich ist das der Kern eines menschenwürdigen Kapitalismus, also: Belohnung für Leistung. Ohne Wissen, also Lernen bzw. Bildung, ist Leistung nicht zu erbringen. Diese muss sich frei von staatlichem Dirigismus und Neidkultur entfalten können. Das wiederum bedeutet: Israels Wirtschaftserfolge sind ohne die traditionell jüdische Kultur von Lernen und Arbeit nicht zu trennen. Die einen lernen Bibel und Talmud, die anderen Technologie, Betriebswirtschaft oder Geisteswissenschaften. Anerkannt und honoriert wird die Elite. Neidlos!“ (BILD.de)

Die Schere zwischen Arm und Reich scheint für Wolffsohn kein Problem. Hat man nur die rechte Religion, kann es keine unlösbaren Probleme geben. Der Begriff Gerechtigkeit wird nicht einmal erwähnt. Offenbar ist Gerechtigkeit nur ein Tarnbegriff für puren Neid. Neid aber kann vermieden werden, wenn man Bibel und Talmud liest. Dann ist man fähig, die Leistungsunterschiede anzuerkennen und die Besten zu bewundern. Kapitalismuskritik? Für Wolfssohn nur das Problem neiderfüllter Gottloser.

Hier versteht man, dass Kapitalismuskritik vor einiger Zeit als sekundärer Antisemitismus galt. In manchen Passagen der Kapitalismusbewunderung fühlt man sich gar an Sombarts ominöse Thesen erinnert, die Juden hätten den Kapitalismus nicht nur erfunden, sondern seien auch die effektivsten Vertreter desselben. Dass es profilierte jüdische Kapitalismusgegner gab, muss Wolffsohn wohl verdrängt haben. Oder sollte ein echter Jude nur der sein, der Wolffsohns Norm entspricht? Dass es auch in Israel Kapitalismuskritiker gibt, wird von ihm unterschlagen. Hat Wolffsohn das Recht, Judesein nach seinem Bilde zu modellieren? Hier müsste man mit dem jüdischen Aufklärer Saul Ascher antworten: „Ascher bestreitet das Recht der Orthodoxie, zu definieren, wer ein Jude ist oder wer nicht, wer in eine jüdische Gemeinde gehört und wer nicht.“ (C. Schulte, die jüdische Aufklärung)

Jüdische Aufklärer mit ihrer Ethik der allgemeinen Menschenrechte erwähnt Wolffsohn mit keinem Wort. Es kann keinen Zweifel geben: Wolffsohn ist ein Orthodoxer im Gewand eines säkularen Intellektuellen.

Auch in Sachen Integration könne Deutschland von Israel lernen.

„Israel ist eine vielfach gespaltene Gesellschaft und hält doch zusammen. Die innerjüdische Klammer heißt „Schicksalsgemeinschaft“. (BILD.de)

Was ist das Geheimnis der inner-jüdischen Gemeinschaft? Offenbar nicht der Gemeinschaft zwischen Juden und Nichtjuden:

„Die 1,4 Millionen israelische Araber bzw. Palästinenser sind als Staatsbürger Israels den Juden rechtlich gleichgestellt. Sie gehören freilich aus allseits bekannten Gründen nicht zu dieser Schicksalsgemeinschaft von 6,4 Millionen jüdischen Israelis. Jenseits des politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Alltags ist ihre Integration daher von und für beide Seiten grundsätzlich schwer, manche meinen: ausgeschlossen.

Aus welchem Grund? „Die Rolle des Obersten Gerichtshofes ist insbesondere ab 1992 relevant geworden, als die Knesset das Grundgesetz der Würde und Freiheit des Menschen verabschiedete. Dieses wurde von israelischen Menschenrechtsorganisationen immer wieder herangezogen, um die Vertreibung von Palästinensern aus ihren Heimen oder deren Zerstörung zu verhindern.“

Psychologie-Professor Carlo Strenger aus Tel Aviv attackiert in der NZZ das Gesetzesvorhaben mit scharfen Worten:

„Sollte das neue Gesetz von der Knesset bestätigt werden, wäre Israel keine liberale Demokratie mehr, sondern eine illiberale Mehrheitstyrannei nach dem Modell Ungarns und Polens. Theodor Herzl, der höchst liberale Begründer des modernen Zionismus, würde sich im Grabe umdrehen.“

Wolffsohn spricht vor allem über die Integration der verschiedenen Judengruppen aus aller Welt. Was verbindet sie? „Was verband und verbindet jüdische Einwanderer marokkanischer, äthiopischer oder jemenitischer Herkunft mit denen aus Europa oder den USA? Fast nichts. Aber eben doch das Entscheidende: Sie oder ihre Vorfahren wurden verfolgt, weil sie Juden waren. Die innerjüdische Klammer heißt „Schicksalsgemeinschaft“.“

Würde ein Nichtjude den Begriff Schicksalsgemeinschaft verwenden, geriete er in den Verdacht des Antisemitismus. Der Begriff war ein wichtiger Teil der nationalsozialistischen Volksideologie. Ein gemeinsames Schicksal mag diejenigen verbinden, die Gemeinsames erleben mussten oder durften. Eine Gleichwertigkeit aller Menschen, die ein individuelles Schicksal erleben, kann aus dem Begriff nicht abgeleitet werden.

Und zu allerletzt: Wolffsohn greift scharf die deutsche Regierung an, weil sie sich weigert, den ehemaligen polnischen SS-Mann Lakiv Palij nach Deutschland einwandern zu lassen:

„Das deutsche Nein ist zynisch und zugleich irreführend. Es dürfte dem Hirn eines Bürokraten entstammen, der vielleicht weiß, wie man Moral schreibt, ohne zu wissen, was Moral ist. Das ist die deutsche Begründung: Weil der Hehler Jakiv Palij nie einen deutschen Pass besaß, also deutschem Recht nicht unterstand, sei Deutschland (als Rechtsnachfolger des Dritten Reiches) auch nicht der infragekommende Rechtsraum eines etwaigen Verfahrens gegen ihn.“ (BILD.de)

Auch er, Wolffsohn, sei dagegen, einen Greis in einen Märtyrer zu verwandeln und ihn durch ein deutsches Gericht ins Gefängnis werfen zu lassen. Sein Vorschlag:

„Die hebräische Bibel, das „Alte Testament“, weist mit der Geschichte von Kain den moralisch und praktisch richtigen Weg: Kain hatte seinen Bruder Abel erschlagen. Gott strafte ihn mit dem Kainszeichen. Dieses hatte eine doppelte Wirkung: Einerseits war er jedermann als Mörder erkennbar. Andererseits schützte es Kain vor anderen Menschen, die ihn – aus Rache oder Gerechtigkeit – durch Töten bestrafen wollten. Wo immer Jakiv Palij und andere Nazi-Mörder-und-Hehler-Greise noch leben, möge man sie leben und sterben lassen – aber der allgemeinen Verachtung und Ächtung aussetzen. Sie sollten dazu verurteilt werden, eine Binde mit der Aufschrift zu tragen: „Ich war KZ-Aufseher in Treblinka“ (oder woanders). An ihrem Wohnort sollte ein Schild stehen: „Hier wohnt der Aufseher des KZ Treblinka Soundso.“

Wolffsohn empfiehlt allen Ernstes, deutsches Recht zu ignorieren und es durch ein biblisches „Scharia“-Recht zu ersetzen.

Verbrecher müssen nach Recht und Gesetz bestraft werden. Das, und nur das ist die Strafe einer Demokratie. Und nicht eine frei flottierende Ächtung, die man als Variante der Lynchjustiz betrachten müsste.

Verachtung schadet vor allem den Verächtern. Denn durch Ächtung versteht man nichts von Menschen, die man verstehen müsste, um die Wiederholung ihrer schrecklichen Verbrechen zu unterbinden.

Wer deutsches Recht als mangelhaft empfindet, muss sich dafür einsetzen, dass die Parlamentarier das Gesetz verändern. Rationale Argumente sollten die Debatten bestimmen, religiöse Anleihen, göttliche Gebote haben in der politischen Arena nichts zu suchen.

Wolffsohn unternimmt in BILD alles, um den orthodoxen Geist des Judentums und der Netanjahu-Regierung für Deutschland als neues nationales Vorbild zu empfehlen. Nachdem Amerika und Israel durch Erstarken ihrer fundamentalistischen Elemente schon seit längerem dabei sind, ihre Demokratie zu gefährden, soll Deutschland den beiden Staaten stante pede folgen.

Warum soll Kain ein Vorbild für die deutsche Justiz sein? Er tötete seinen Bruder, Gott sorgte dafür, dass niemand ihn aus Rache töte. Kain sollte straffrei ausgehen. Der SS-Täter, der nach Kains Muster ebenfalls straffrei ausgehen sollte, sollte aber durch die Verachtung der Bevölkerung besonders hart bestraft werden. Wahrlich, ein logisches Meisterstück.

Warum ließ Gott den ersten Brudermörder der Geschichte unbestraft? Der Alttestamentler Gerhard von Rad schreibt dazu: „Kain blieb noch als Verfluchter in einem ganz paradoxen Schutzverhältnis. Mit den Gerichten war zugleich immer ein Heilswille Gottes offenbar geworden. Mit dem Mächtigwerden der Sünde ist die Gnade noch mächtiger geworden.“ (Theologie des Alten Testaments)

Gott benötigte Kain, um seine frühe Heilsgeschichte nicht zu gefährden. Also erließ er ihm die Strafe, um ihn durch Gnade lebenslang abhängig zu machen. Geschöpfe Gottes müssen im Leben und Tod ihrem Schöpfer untertänig bleiben.

In der Kainsgeschichte begründet der biblische Gott seine antinome Widerspruchsmoral. Gläubige können sich alles erlauben. Sie müssen nur eins: sich der Gnade des Herrn überlassen.

 

Fortsetzung folgt.