Umwälzung LXIII

Tagesmail - Montag, den 21. Mai 2018

Hello, Freunde der Umwälzung LXIII,

nicht mehr lange, und die Trump‘sche Haarpracht wird sich bei deutschen Aufsteigern als ästhetische Siegestrophäe durchsetzen. „Bei vielen primitiven Völkern erfüllten gigantische Haaraufbauten die Aufgabe, die Feinde in Furcht und Schrecken zu versetzen.“

Anderthalb Jahre ist der amerikanische Samson im Amt – und schon liegen ihm die deutschen Ehrgeizlinge zu Füßen. Da sprechen kluge Historiker von Antiamerikanismus. Da es keine deutsche Identität mit erkennbarem Inhalt gibt – außer der Pose: wir sind, direkt hinter unseren Befreiern, die Größten –, bleibt gar nichts anderes übrig, als sich den Größten zu unterwerfen, pardon, sich mit ihnen zu identifizieren.

Zuerst die obligate Schelte am rauhbauzigen Milliardär, um mit der moralischen Überlegenheit abendländischer Werte zu brillieren. Danach rapider Abbau der Moral und Übergang zum finalen Kriterium des Erfolgs.

Die griechische Ethik war wahrheitsorientiert, die christliche erfolgsorientiert: Gut und Böse sind gleichberechtigte Mittel, um die eigene Seligkeit zu erlangen. Christen haben die Erlaubnis zum Sündigen, denn Sünden werden ihnen vergeben – wenn sie niederknien und den Erlöser anbeten.

Der Machiavellismus, offiziell ein Ableger des Naturrechts der Starken, war vollständig kompatibel mit der christlichen Morallehre. Sündiget tapfer, wenn ihr nur glaubt. Die Rechtfertigung des Menschen ist nicht das Resultat seiner Taten (Werke), sondern seiner frommen Gesinnung oder der göttlichen Lizenz, seine Schweinereien nach Belieben als Sünden zu definieren, die vom Himmel vergeben werden.

Ab Machiavelli gelten im Abendland die Grundsätze eines absolut ...

... gesetzten Erfolgs mit beliebig moralischen und unmoralischen Mitteln:

„Es ist sinnlos, politische Zwecke mit Mitteln zu verfolgen, die zum Scheitern verurteilt sind. Ist das Ziel festgelegt, müssen angemessene Mittel angewandt werden, um es zu erreichen. Die Frage der Mittel lässt sich beantworten ohne Rücksicht darauf, ob die Zwecke gut oder schlecht sind. Erfolg bedeutet, das Ziel zu erreichen, welcher Art es auch sein mag. Wenn es eine Wissenschaft des Erfolges gibt, so lässt sie sich an den Erfolgen des Bösen genau so wie an denen der Guten studieren – ja sogar noch besser. Denn es gibt weit mehr Beispiele von erfolgreichen Sündern als von erfolgreichen Heiligen. Denn auch der Heilige muss, wenn er sich auf Politik einlässt, genau wie der Sünder nach Erfolg streben.“ (Bertrand Russell)

Christliche Parteien müssen ständig mit dem Sünder-Bonus paradieren, denn auch sie sind auf weltlichen Erfolg angewiesen. Zwar verstoßen sie ständig gegen einzelne Gebote, doch Schwamm drüber: die Rechtfertigung durch Glauben – oder das Sündenbekenntnis – nobilitiert all ihre Werke zu gottwohlgefälligen. In dieser Hinsicht unterscheiden sich christliche Rabauken Deutschlands in nichts von frommen Rabauken anderer Länder.

Woher also die nationale Empörung in Deutschland gegen den Wüstling im Weißen Haus? Durch die winzige Differenz einer aufgeklärt sein wollenden Nation gegenüber einer zum Urcalvinismus regredierten, die ihre aufgeklärten Elemente als Teufelswerk im Trump‘schen Schlussverkauf verhökert.

Die deutsche Theologie hat die Buchstaben der Heiligen Schrift durch die Brille der Aufklärung so weit dem Zeitgeist angepasst, dass sie die Hinterwäldler vom Bible Belt mit latenter Herablassung betrachtet. Dem Zeitgeist anpassen heißt nicht, die Worte der Schrift wirklich zu humanisieren, sondern nur so zu tun, als ob. Nicht umsonst wurde Vaihingers Philosophie des Als-Ob zu einer weichenstellenden Philosophie in Deutschland:

„Ausgangsfrage seiner Philosophie des Als-Ob ist, wie sich Richtiges (erfolgreiches Handeln, Problemlösen) mit falschen Annahmen erreichen lässt, die als nützliche Fiktionen behandelt werden. Sie erlangen Bedeutung, »als ob« sie wahr seien, auch wenn sie der Denkkonstruktion bewusst widersprechen. Nützliche Fiktionen erhalten ihre Legitimation durch den lebenspraktischen Zweck. In dieser Hinsicht ergibt sich eine Nähe oder Vergleichbarkeit zum zeitgleich entstehenden amerikanischen Pragmatismus.“

Hier ist die Brücke zwischen amerikanischen Erfolgsanbetern und deutschen Antipragmatikern, die sich in der Theorie erhaben fühlten über ihre amerikanischen Vettern, in der politischen Praxis aber daran gingen, deren Vorbild leise, still und heimlich zu imitieren. Als die Deutschen die letzten Reste kantischen Wahrheits- und Moraldenkens dem Erfolgsmoloch ihres aufstrebenden Weltreichs geopfert hatten, war der Weg frei für jene, die einen Völkermord als triumphalen Erfolg verbuchten.

Ein amerikanischer Präsident, der Menschen als Tiere betrachtet, kommt für menschlichen Erfolg nicht mehr in Frage.

Die deutsche Empörung gegen Trump floss aus Restbeständen ihrer einstigen kantischen Überlegenheit gegen den moralisch verdorbenen amerikanischen Pragmatismus. Right or wrong, my country, war das Urwort des amerikanischen Erfolgsdenkens. Kaum war die erste kritische Aufwallung gegen den amerikanischen Zerbrecher aller Werte verebbt, die der Westen als gemeinsame ein halbes Jahrhundert lang gepriesen hatte, kam es schon zur Gegenwelle: der innerdeutschen Empörung gegen die eigenen Moralisten, die sich anmaßten, vom hohen Roß ihres Gutmenschentums herab die von allen guten Geistern verlassenen Amerikaner zu diskreditieren.

Die momentan aufbrausende Verachtung gegen demokratische Werte im Namen einer „sachlichen, maschinellen“ Politik, die mit Moral nichts zu tun hat, öffnet die Tore für Donalds Siegeszug in der Heimat seiner pfälzischen Vorfahren. Je mehr Trump als Erfolgspolitiker rehabilitiert wird, je mehr wirft Deutschland seine angeblich höhere Moral über Bord und huldigt erneut dem Götzen Erfolg. Nietzsche nannte ihn Willen zur Macht.

„Nur wo Leben ist, da ist auch Wille: aber nicht Wille zum Leben, sondern – so lehr ich's dich – Wille zur Macht!“ (Nietzsche)

Was ist der Unterschied zwischen amerikanischem Willen zum Erfolg und deutschem Willen zur Macht? Der deutsche Wille zur Macht opfert das eigene und fremde Leben um der Macht willen. Der amerikanische Wille zum Erfolg will auf den ersten Blick Erfolg in diesem Leben, erst auf den zweiten will er das irdische Leben dem überirdischen opfern. Alles, was sie politisch tun, ist gläubiges Tun im Modus des Wartens auf den Herrn. Die Deutschen des Dritten Reiches wollten das finale 1000-jährige Reich hier und jetzt unter Einsatz aller Gewalt. Die Amerikaner wollen ihr Gods own country noch eine kleine Weile irdisch genießen, doch allmählich wird’s Zeit für die Ankunft dessen, der da kommen soll. Noch immer ist eine Mehrheit der Amerikaner überzeugt, zu ihren Lebzeiten den Herrn in Amerika begrüßen zu können.

Es geht also nur um eine Phasenverschiebung zwischen Old Europe und New Canaan. Interessant, wie die Deutschen mit ihrer einst aufgeklärten Hermeneutik im Verlauf ihrer Realpolitik auf den fundamentalen Buchstaben der neutestamentlichen Apolakypse zurücksanken, während die Amerikaner, trotz buchstäblichem Fanatismus, noch eine Epoche lang die demokratischen Werte über die biblischen setzten. Erst, als die führende Weltmacht zu Schwanken begann, kamen die Buchstaben-Frommen aus der Deckung und begannen alles, was nach demokratischer Internationale klang, zu verleumden. Frieden und Weltgemeinschaft wurden von den Neocons verächtlich gemacht.

Amerika begann seinen Sololauf auf Kosten des bislang geschlossen auftretenden Westens. Das war die Stunde Trumps, der die schärfsten Rivalen unter den Nationen der Welt anzugreifen begann. Die Verbündeten hätten viel zu lang auf Kosten Amerikas Wohlstand erworben. Nun müssten alle zur Kasse gebeten werden. Besonders Deutschland missfiel dem Blick des Immobilien-Milliardärs. Allzu lang hätten die Musterschüler auf Kosten ihrer Befreier Frieden unter dem NATO-Sicherheitsschirm genossen, ohne sich gerecht an den Kosten der Militarisierung zu beteiligen.

Vor allem BILD reißt alle Pforten auf, um die heilsame Brachialwirkung des Tabubrechers in deutsche Bahnen zu lenken. Aus zwei Gründen: a) Um ihre Kritiklosigkeit gegen Israel, die sie philosemitische Loyalität zu nennen pflegen, zu rechtfertigen, brauchen sie einen geistesverwandten amerikanischen Bulldozer, der die „komplexe“ Problemlage des Nahost-Konflikts aufbricht und die Wünsche der Ultra- Orthodoxen nach einem altbiblischen Heiligen Land mit Hammerschlägen erfüllt. b) Um die Merkel‘sche Renationalisierung unter wirtschaftlichen Vorzeichen zu unterstützen und die anschwellende Kriegslüsternheit der Eliten mit amoralischem Militarismus anzufeuern.

Nun entsteht eine perfekte nationale Doppelmoral. Alles, was israelischen Machteliten zu nützen scheint, wird als hochmoralische Pflicht verteidigt, obgleich Moral sonst in toto verfemt wird. Gleichzeitig werden andere Länder, die ebenfalls Menschen- und Völkerrechte verletzen, moralisch scharf angegriffen – Israel aber, das vergleichbare Verbrechen begeht, wird bedingungslos verteidigt. Die Israelin Melody Sucharewicz geht in die Offensive:

„Beim Thema Geschäfte mit dem Iran fährt die Israelin aus der Haut: «Sind die Politiker in Europa denn verrückt geworden?» ruft sie. Statt sich mit Trump zusammenzutun, wollten sie das Ayatollah-Regime besänftigen, nach dem Motto «Wir verkaufen unsere Moral an den Teufel!»“ (BILD.de)

Wer ist Wir? Israelische Scharfschützen müssen auf Befehl ihrer Regierung verzweifelte Palästinenser, die gegen den Grenzzaun stürmen, töten. Alle Schuld schiebt die Netanjahu-Regierung auf Hamas, die ihre Bevölkerung in den erwartbaren Tod getrieben hätte. Womit israelische Truppen sich zu willfährigen Exekutoren ihrer Todfeinde hätten instrumentalisieren lassen. Ein selbstkritischer Scharfschütze attackiert in einem SZ-Interview seine Regierung:

„Für mich wird da ein unbewaffneter Protest zum bewaffneten Konflikt erklärt. Bislang ist kein israelischer Soldat gestorben, keinem israelischen Zivilisten wurde ein Haar gekrümmt, kein Kibbuz wurde überrannt. Man kann Menschen mit Tränengas oder mit Gummigeschossen verletzen und abschrecken oder man kann sie irgendwie anderweitig warnen. Ich finde vor allem, dass solche Proteste künftig verhindert werden können, indem Israel aufhört, Palästinenser zu unterdrücken.“ (Sueddeutsche.de)

Die Perspektive der leidenden und unterdrückten Palästinenser kommt in BILD mit keinem Jota vor. Alexandra Föderl-Schmid resümiert präzise in der SZ:

„Die Demonstrationen an den Grenzen waren auch ein Schrei nach Aufmerksamkeit, damit die Welt registriert, wie es den circa zwei Millionen Palästinensern im abgeriegelten Gazastreifen geht: Es gibt viele Bewohner, die noch nie ihr dicht besiedeltes Stück Land verlassen durften. Sie haben zu Recht das Gefühl, in einem Gefängnis zu leben. Zwei Drittel der unter 29-Jährigen haben keine Arbeit und keine Perspektiven. Vor allem sie sind es, die das Gefühl haben, einen "langsamen Tod" zu sterben, nichts zu verlieren zu haben - und Aufrufen der Hamas folgen.“ (Sueddeutsche.de)

Für BILD ist alles, was dem Staat Israel zu nützen scheint – den sie zu einem unfehlbaren absolutistischen Gebilde verklärt –, Moral und nichts als Moral. Jede andere Politik, die sich um pazifistische Mittel bemüht, den Weltfrieden zu stärken und zu retten, hält das paranoide Blatt für seichte, haltungslose Gutmenschen-Sentimentalität. Dass Deutschland seinen versprochenen Wehretat nicht erfüllt, halten sie für einen Skandal.

Warum hat die Regierung diesen Unsinn versprochen? Mit Aufrüstung wird der Weltfrieden nicht sicherer. Wozu brauchen wir lächerliche Panzer? Um uns gegen atomare Angriffe Russlands zu verteidigen? Sind die Gehirne der Mächtigen bereits völlig durchgebrannt? Anstatt auf konsequente globale Abrüstung zu dringen, lässt Merkel sich duckmäuserisch von Oberfeldwebel Trump durchprügeln, weil Deutschland sich auf Kosten Amerikas schützen ließe. Das ist der Fluch der bigotten Tat, dass sie Bigotterie muss gebären.

Die Kanzlerin pumpt neue Milliarden in den Wehretat, um weiteren Waffenschrott einzukaufen – anstatt die Milliarden in den dringend benötigten Ausbau von Kitas und Schulen zu stecken. Das ist keine Politik mehr mit menschlichem Antlitz. Das ist Kreuzigung der Welt.

Längst folgt Deutschland verschämt den Spuren Trumps – der nach BILD alle Chancen hat, ein zweites Mal gewählt zu werden. Was daher kommt als neutrale Prognose, atmet den Geruch hintergründiger Parteinahme.

„Trump wird hierzulande unterschätzt. Viele, die ihn als unfähigen Dummkopf darstellen und ihn mit ihren eigenen moralischen Maßstäben messen, verkennen, dass er sehr wohl strategische Ziele hat. Diese zieht er gnadenlos durch und sie werden Amerika und die Welt verändern. Trump betreibt im Innern einen radikalen Staatsabbau. Auch in den internationalen Beziehungen zerstört Trump die regelbasierte Weltwirtschaftsordnung, weil sie nach Meinung Trumps und seiner Wirtschafts- und Sicherheitsberater nur Amerikas Konkurrenten China und Europa helfe.“ (BILD.de)

Mit welchen moralischen Mitteln als den eigenen soll man andere beurteilen? Eben war Trump noch der Unberechenbare, plötzlich ist er ein gnadenloser Exekutor seiner Wahlkampf-Versprechen – der ob seiner erfolgreichen Verwirr-Strategie immer mehr bewundert wird. Nichts ist erfolgreicher als Erfolg. Da Wahrheit und Moral hierzulande abserviert werden, bleibt nur noch der brachiale, imperiale Erfolg. Deutschland ist dabei, seine mühsam erarbeitete fragile moralische Nachkriegspolitik endgültig mit Abscheu zu entsorgen.

Verändert Trump die Spielregeln der Weltpolitik? Nicht im Geringsten. Er entlarvt sie zur Kenntlichkeit, indem er den bisherigen Überbau aus Werten und Phrasen niederreißt. Das unterscheidet ihn wohltuend von Merkel, Obama & Co, die mit erleuchteter Miene die Engel mimen, in Wirklichkeit den Gesetzen gnadenlosen Wettbewerbs und nationaler Eigensucht folgen.

Obama predigte der ganzen Welt – und ließ in Guantanamo weiter foltern, Menschen willkürlich per Drohnen füsilieren, sprach von roten Linien, die folgenlos verletzt werden durften. America first, Deutschland soll immer nur zahlen, internationale Wirtschaftsverträge, die die schwächeren Partner in der Welt hemmungslos über den Tisch ziehen: nichts davon hat Trump erfunden.

Staatsabbau ist ein Kern des Hayek‘schen Neoliberalismus. Ohne den Engel-Effekt der Obama, Merkel & Co, die ihre hehren Ansprüche nie erfüllten und dennoch keine Selbstkritik übten, wäre der Trump-Sieg nie möglich gewesen. Die Menschen sind des Trugs leid. Nicht des Trugs der Moral, sondern eines Doppelspiels mit Hilfe der Moral. Lieber ein Halunke, der uns nichts vorflunkert, als ein heuchelnder Welterlöser oder eine Madonna von Schmerlenbach, die mit den Beinen im Schlamm steht. Wettbewerb, Wettbewerb, Digitalisierung: das ist die heilige Dreieinigkeit des Merkel‘schen Glaubensbekenntnisses. Darüber hinaus fällt ihr zu Demokratie nichts ein.

Arbeit und Aufstieg, das ist das ganze deutsche System, erklärte neulich ihr Wirtschaftsminister. Das war die Grablegung der deutschen Demokratie. Von demokratischem Engagement jedes Einzelnen war nicht die Rede. Verträglichkeit von Familie und Beruf – und sonst nichts: das ist eine weitere Grablegung der deutschen Demokratie. Von demokratischem Einsatz für das Gemeinwesen kein Wort. Auch Nachdenken, sich Einsetzen und Protestieren gehören zum demokratischen Engagement. Mit Erwerbsarbeit haben sie nichts zu tun. Dennoch sind sie die wichtigsten Aktivitäten in einer vitalen Polis.

Trumps Wirkung ist die eines ehrlichen Berserkers, der tut, was er sagt und sagt, was er tut. Entweder verspricht er nichts oder er verspricht, was der Welt schadet – und eben dies hält er ein. Er poltert wie ein eigensüchtiger Triebtäter – und eben dies realisiert er. Er spielt den, der er ist. Seine Sünden liegen auf dem Tisch. Na und? Wer ohne Schuld ist, werfe den ersten Stein. Die Menschheit ist des glänzenden Überbaus überdrüssig.

„Die Welt ist keine globale Gemeinschaft, sie ist eine Arena“, sagte Trump. Welch kaltes Wort für verweichlichte Menschenrechtler. In Vorkriegszeiten gab es noch keinen schönen Schein von Weltgemeinschaft und globalem Denken. Die Nachkriegszeit wollte vieles anders machen und machte es auch. Doch die Dämonen der Vergangenheit waren nicht besiegt und setzten sich immer mehr gegen den schönen Schein durch. Zuerst ging es den Menschen besser. Ab dem Siegeszug des Neoliberalismus kippte die Aufwärtsbewegung. Wenige Milliardäre griffen nach dem Reichtum der Welt, die Klimakrise verschärfte sich, die alten nationalen Rivalitäten und Feindschaften wurden wieder lebendig und bestimmten die Weltpolitik. Da kam Trump und zerriss den Schleier.

Was Trump aussprach, war in der Vorkriegszeit ein allgemein verbreiteter Sozialdarwinismus, eiserner Bestandteil der kapitalistischen und sozialistischen Staaten.

Ja, auch Marx war Sozialdarwinist, der den unerbittlich selektierenden Fortschritt benötigte, um die Wunderwerke der Bourgeoisie zu errichten, die eines Tages am Höhepunkt ihrer Vollendung in sich zusammenbrechen würden, um die materiellen Überreste der Wunderwerke den Proleten zur Verfügung zu stellen. Der in seiner Bösartigkeit geniale Kapitalismus tat den Menschen nicht den Gefallen, sich von ihnen reformieren zu lassen. Das musste er schon selbst in Eigenregie tun.

Der heutige Wettbewerb ist die fugenlose Fortsetzung des früheren Kampfs ums Dasein, nur in Nuancen gemildert durch soziale Almosen. Der Glaube an den unvermeidlichen Fortschritt ermöglichte Marx die Überzeugung, auf ethische Erwägungen verzichten zu können.

Im Kampf ums Dasein sollten sich die Tüchtigen und Wertvollen durchsetzen. Das war zugleich die Inthronisation des Kapitalismus. Nach W. G. Sumner basierte die Herrschaft der amerikanischen Industriellen auf den unwandelbaren Gesetzen der sozialen Auslese. Für die meisten war Auslese das Unterpfand des Fortschritts. Die biologische Rechtfertigung des Kapitalismus ging einher mit der rigiden Zurückweisung aller Sozialpolitik. Nur wenn die Ausschaltung der Schlechten garantiert wird, kann der Staat sich immer mehr perfektionieren. Ein gesundes Gemeinwesen brauche die Auslese. Mitgefühl sei fehl am Platze. L. Büchner schreibt: „Wer bei freier Bahn für Entfaltung seiner Kräfte nichts leistet, der verdient sein Schicksal. Er geht nicht an den Umständen oder an der Ungerechtigkeit der Gesellschaft, sondern an sich selbst zugrunde.“

Hier darf gefragt werden, wie viel verborgener Sozialdarwinismus noch in der SPD vorhanden sein muss, dass ein Wahlkampf unter dem Slogan Gerechtigkeit als Unfug abgelehnt wurde. Wenn schon die Proleten den Glauben an Gerechtigkeit verloren haben, wer sollte ihn dann noch hochhalten?

Noch heute herrscht in der SPD ein verkapptes Selektionsprinzip. Wer nicht aufstiegsfähig ist, soll mit Sozialknete bestraft werden. Konkurrierende Arbeit ist Medium des Wettbewerbs. Nur die Besten sollen zum Klassenfeind aufsteigen dürfen. Gewerkschaften und die meisten SPDler bis zu Bundespräsident Steinmeier lehnen das BGE als Abstellprämie ab. Wer sich nicht daran beteiligt, die Wirtschaft anzukurbeln, die Nachbarstaaten zu düpieren und die Natur Schicht um Schicht abzutragen, der kann kein echter Prolet sein.

Dass nur primäre Anerkennung zur freudigen Mitarbeit führt, erpresste Arbeit aber niemals zur Anerkennung: das verstehen paulinische Dogmatiker nicht. Noch immer gilt in ganz Deutschland die Todesdrohung der Bibel: Wer nicht arbeiten will, soll auch nicht essen.

Kautsky plädierte für Sozialhygiene. Die Ziele des Sozialismus schlössen „jede Fortpflanzung eines siechen Körpers aus“. Auch G. B. Shaw, Angehöriger der linken Fabian Society, war überzeugt, notwendige Selektion würde, zum Schaden der Gesellschaft, durch Philanthropie nur verhindert werden.

Der Nationalsozialismus war die totalitäre Vollendung des Sozialdarwinismus. Krieg ist für O. Ammon „die höchste und majestätischste Form des Daseinskampfes“. Selbst der viel gerühmte Max Weber plädierte für sozialdarwinistische Politik. Unsren Nachfahren hätten wir nicht „Frieden und Menschenglück auf den Weg zu geben, sondern den ewigen Kampf um die Erhaltung und Emporzüchtung unsrer nationalen Art“.

Da gibt es heute noch immer Bestrebungen, den Sanftmütigsten aller unter den Pastorensöhnen aus der Ahnengalerie der Schergen und Völkerverbrecher zu streichen. Was er schreibt, ist die Zusammenfassung aller sozialdarwinistischen Menschenverachtung:

„Was ist gut? – Alles, was das Gefühl der Macht, den Willen zur Macht, die Macht selbst im Menschen erhöht. Was ist schlecht? – Alles, was aus der Schwäche stammt. Was ist Glück? – Das Gefühl davon, daß die Macht wächst – daß ein Widerstand überwunden wird. Nicht Zufriedenheit, sondern mehr Macht; nicht Friede überhaupt sondern Krieg; nicht Tugend, sondern Tüchtigkeit (Tugend im Renaissance-Stile, virtù, moralinfreie Tugend). Die Schwachen und Mißratenen sollen zugrunde gehn: erster Satz unsrer Menschenliebe. Und man soll ihnen noch dazu helfen. Was ist schädlicher als irgendein Laster? – Das Mitleiden der Tat mit allen Mißratnen und Schwachen – das Christentum ...“ (Nietzsche, Der Antichrist)

Mitleid? Da täuschte er sich mit dem christlichen Mitleid, der Kritiker des Christentums. Der reiche Mann fuhr in die Finsternis und konnte vom Mitleid des armen Lazarus, der in den Himmel aufgestiegen war, nicht errettet werden:

„Als er nun in der Hölle und in der Qual war, hob er seine Augen auf und sah Abraham von ferne und Lazarus in seinem Schoß. Und er rief und sprach: Vater Abraham, erbarme dich mein und sende Lazarus, daß er die Spitze seines Fingers ins Wasser tauche und kühle meine Zunge; denn ich leide Pein in dieser Flamme. Abraham aber sprach: Gedenke, Sohn, daß du dein Gutes empfangen hast in deinem Leben, und Lazarus dagegen hat Böses empfangen; nun aber wird er getröstet, und du wirst gepeinigt. Und über das alles ist zwischen uns und euch eine große Kluft befestigt, daß die wollten von hinnen hinabfahren zu euch, könnten nicht, und auch nicht von dannen zu uns herüberfahren.“

Der altgriechische Kirchenvater Origenes hielt es für ausgeschlossen, dass Gottes Güte den Verdammten nicht eine zweite Chance einräumen würde. Deshalb plädierte er für die Wiederbringung aller oder die Apokatastasis panton. Am Ende würden alle selig werden.

Die Kirche verwarf diese verweichlichten Thesen. „Einige seiner Lehren wurden um 553 im Umfeld des 2. Konzil von Konstantinopel verworfen, seine Schriften sollten vernichtet werden.“ So also steht es mit dem Mitleid beim barmherzigsten aller Väter.

Die christliche Glaubenslehre ist der Ursprung aller endgültigen Selektionen:

„Wisset ihr nicht, daß die, so in den Schranken laufen, die laufen alle, aber nur einer erlangt das Kleinod? Laufet nun also, daß ihr es ergreifet!“

 

Fortsetzung folgt.