Umwälzung LXI

Tagesmail - Mittwoch, den 16. Mai 2018

Hello, Freunde der Umwälzung LXI,

die Hölle, an die man glaubt, muss verschwiegen werden, damit man sie herstellen kann.

Die Weltsituation vergleicht Umweltforscher Schellnhuber mit einem kollektiven Suizid. (Sueddeutsche.de)

Die Welt muss in einem Maß untergangssüchtig sein, dass sie auf Warnrufe nur noch mit Hohngelächter reagieren kann: Alarmismus, Apokalypse, Endzeit-Getöse, aber ja doch – kann‘s nicht ne Nummer kleiner sein? Je rasender der Verfall, je mehr Grandiosität, grenzenlose Macht, Gewalt über Natur, Verlassen der Erde und Vordringen in den Weltraum werden als Träume der Menschen beschworen.

Es gibt einen untrüglichen Index des Fortschritts: auf der einen Seite die riesenhafte Aufblähung des Menschen zum homo deus, auf der anderen seine Schrumpfung zum Nichts. Je ungleicher die Menschen werden, je gewaltiger ist der Fortschritt. Kampf ist ihre Entwicklungsenergie.

Homo deus und homo diabolus sind eine Person. Gott ohne Widersacher ist bewegungslos. Ohne diabolisches Ebenbild keine Heilsgeschichte, keine Spaltung der Menschheit in göttergleiche Herrscher und Wurmfortsätze, die man zertreten kann. Abenteuerliches Risiko ist Erwartung des kommenden Herrn, dem man auf Gedeih und Verderb entgegen gehen muss. Advenire, Advent: Abenteuer ist der das eigene Leben aufs Spiel setzende Versuch, den zögerlichen Herrn der Geschichte zur Wiederkunft zu zwingen. Kommst du nicht zu uns, kommen wir zu dir: wir lassen dich nicht, du segnest uns denn.

Merkel und Messner sind sympathetische Weltabenteurer. Messner erklärt, was Merkel nie aussprechen dürfte:

„Am Achttausender steige ich gegen meinen Selbsterhaltungstrieb – das ist unser stärkster Trieb, er verhindert, dass wir eine bestimmte Höhe, eine Grenze ...

... überschreiten. Er will nicht, dass wir uns in arktische Bedingungen mit Minus 40 Grad und zu wenig Sauerstoff begeben. Er warnt und macht uns Angst. Wir Extrembergsteiger überwinden diese Ängste, gehen trotzdem hinauf in die menschenfeindliche Welt. Wenn ich von dort zurückkomme, erlebe ich das so, als wäre ich wiedergeboren. Höhepunkt ist nicht der Gipfel, sondern das Glücksgefühl bei der Rückkehr: Man ist am Leben, obwohl alles auf der Kippe stand. Diese Wiedergeburt, die ich meine, motiviert, auch im normalen Leben noch ein Stückchen weiterzugehen, Neues anzupacken. Vielleicht hilft manchem diese Erklärung dabei, mein natürlich vollkommen unlogisch erscheinendes Treiben plausibler zu machen.“ (Stimme.de)

Gegen den Selbsterhaltungstrieb, hinauf in eine menschenfeindliche Welt, das Gefühl wiedergeboren zu sein, stellt sich nur nach dem Tode ein, immer weiterzugehen, um Neues anzupacken. Das alles ist „natürlich vollkommen unlogisch“. Auf Deutsch: wider alle Vernunft oder: alle Vernunft muss gefangen genommen werden im Gehorsam gegen Christus.

Was ist der Unterschied zwischen Normalos und Erwählten? Gewöhnliche Menschen begnügen sich mit dem Kreislauf des Bekannten, Berechenbaren und Erfreulichen. Erwählte verschmähen das Triviale und sich Wiederholende. Sie wollen das täglich Neue, Unerhörte, Riskante und Atemberaubende.

Deutsche Genies sind Erwählte und Außerordentliche. Ab der Sturm-und-Drang-Epoche beginnt das „Ausnahmerecht der großen Individuen gegenüber dem allgemeinen Gesetz der Gesellschaft. Das Ausnahmerecht ist nicht mehr durch Vernunft, sondern nur noch als Ausdruck letzter religiöser Überzeugung zu begründen“. (Korff)

Sturm und Drang begann als Aufstand gegen die Kirche und endete als Kampf gegen die Aufklärung. Das prägte die typische Biographie deutscher Intellektueller und Künstler bis heute. So Wim Wenders:

„Wussten die Public-Relations-Strategen der Kurie, dass Wenders, als Junge in Düsseldorf, einmal Priester werden wollte? Dass er sich, in seinen Studententagen Ende der Sechzigerjahre, vom Glauben entfernt, nach dem Tod seines frommen Vaters der Kirche aber wieder angenähert hatte? Oder war dem Vatikan gar zu Ohren gekommen, dass er zusammen mit seiner Frau in Berlin inzwischen einen privaten Bibelkreis betreibt? Vermutlich nicht.“ (Sueddeutsche.de)

Mit Bestimmtheit wussten sie. Als Pubertierender gegen die ganze Welt, als Erwachsener auf den Knien vor dem Papst. Politiker, Künstler und Edelschreiber übertreffen sich zurzeit im Bekunden ihres „ganz persönlichen Glaubens“.

Woher rührt der Afterglaube der Deutschen an das Böse – oder an die Überlegenheit des Unguten über das Gute? Sie fühlen sich dermaßen stark, dass sie glauben, dem Teufel folgenlos in den Rachen greifen zu können. Ihre Genialität mache sie so außergewöhnlich, dass Gehorsam gegen das Gute aus Angst vor göttlicher Strafe für sie nicht mehr in Frage komme. Sie haben Gott ausgeschaltet.

Im Glauben ihrer Kindheit lernten sie Gutes tun, um göttlichen Strafen zu entkommen und ewigen Lohn einzuheimsen. Das war wider die neue Autonomie des aufgeklärten Menschen. Der wollte nicht länger Gutes tun aus Angst vor höllischen Folgen. Also mussten die Kirchengegner sich beweisen, dass sie furchtlos geworden seien vor höheren Sanktionen und mit dem Bösen angstfrei kokettieren konnten.

Was war für sie das Gute? Die Moralpredigten der Kirche – die in krassem Gegensatz standen zu ihrer Praxis. Widerstand gegen das Gute war Widerstand gegen die klerikalen Untaten in aller Welt:

„Da donnern sie Sanftmut und Duldung aus ihren Wolken und bringen dem Gott der Liebe Menschenopfer wie einem feuerarmigen Moloch, predigen Liebe des Nächsten und fluchen den achtzigjährigen Blinden von ihren Türen hinweg! Stürmen wider den Geiz und haben Peru um goldner Spangen willen entvölkert und Heiden wie Zugvieh vor ihren Wagen gespannt.“ (Karl Moor, Schiller)

Doch der Kampf gegen klerikale Doppelmoral endete in der Sackgasse – einer aufgeklärt sein wollenden Doppelmoral, die nicht bemerkte, dass ihre Loslösungsbewegungen von der Kirche selbst zu einer Variante kirchlicher Doppelmoral wurden. Die Prägungen der Abendländer durch den Glauben waren so tief, dass selbst der Widerstand gegen die Erlöser vom Erlöserglauben geprägt blieb.

„Karl Moor, der kolossalste aller Revolutionäre, der selbst Weltenrichter spielen will, vollbringt selbst dieses noch im Namen des Höchsten, als dessen rächender Arm er sich fühlt.“

Welch trotziger Affront gegen alle kirchlichen Autoritäten: „Ich bin mein Himmel und meine Hölle“. Der Aufstand gegen den christlichen Gott endet in der Erhebung des „freien“ Menschen zu Gott. Doch seine säkulare Freiheit ist noch immer die Unfreiheit des Frommen – seine Gottähnlichkeit ist die angeblich neue Unbefangenheit, mit dem Bösen zu spielen, als ob sie Herr über Gut und Böse sei. Auch die "Aufgeklärten" kommen nicht ohne Himmel und Hölle aus  über die sie selbst bestimmen wollen. Die neue Freiheit ist noch der religiösen Gesinnungsmoral geschuldet: nicht auf einzelne Werke und Taten kommt es an, sondern auf die wahre Gesinnung. Eben die reklamieren sie für sich. Wer davon überzeugt ist, das Gute zu wollen, kann sich erlauben, es durch Böses zu verwirklichen. Dem Reinen ist alles rein.

Bis heute haben die Deutschen nicht gelernt, dass nicht Gesinnung die Taten, sondern Taten die Gesinnung kennzeichnen. Wer Gutes tut, mag noch so böse Motive haben, seine gute Tat deklassiert das böse Motiv im Nachhinein zur Bedeutungslosigkeit – in dem Maß, in dem sie wirklich gut ist.

Die Abendländer schwimmen noch immer in Sumpfgewässern ihrer paradoxen Moral, die sie bis heute nicht durchschaut haben. Die Sanftmütigen im Glauben werden Herren der Welt, die Mächtigen ohne Glauben enden im Nichts. Sie haben gelernt, nur ihre Sanftmut zu betrachten, aber nicht den Zweck ihrer demütigen Pose: die Eroberung der Welt. Sanftmut ist ihnen das unschuldige Instrument ihres Weltimperialismus. Wenn sie ungläubige Völker zwangsmissionieren, ausbluten und ausrotten, ist es nicht Hass, sondern Nächstenliebe, die sie zu diesen Untaten getrieben hat.

Sie wissen nicht, was sie tun. Sie wissen auch nicht, von welchen Motiven sie bewegt werden. Da die Christen alle weltlichen Werte scheinbar auf den Kopf gestellt haben, fühlen sie sich moralisch, wenn sie Sanftmut bei sich konstatieren. Die Frage stellen sie sich nicht mehr: welchen Zweck hat ihre Sanftmut? Dass ein gut-scheinendes Motiv einen bösen Zweck haben kann, liegt jenseits ihrer Vorstellungskraft. Karl Moor will die heuchelnde Christenwelt richten, indem er selbst Gott als Richter spielt.

Die deutsche Aufklärung war nicht entschieden genug, den Kampf gegen den Klerus mit Mitteln der Vernunft zu kämpfen. Sie blieb gefangen in den Schlingen der Paradoxien einer Moral, die die weltliche auf den Kopf stellen wollte und doch die gleichen Ziele hatte wie jene: die Macht über die Welt. Die Endzwecke blieben die gleichen, die Mittel aber änderten sich und wurden für naive Gemüter undurchschaubar. Die Letzten werden die Ersten sein? Heißt das, die Letzten werden Erste mit Hilfe der Täuschung, als Erste noch immer die Letzten zu sein?

Nietzsche täuschte sich: Christenmoral war keine Umwertung der Werte, sondern Umwertung der Mittel, um die gleichen Ziele zu erreichen. Die Ziele in himmlisch-ausgedehnter Version. Die Heiden begnügten sich mit Macht auf Erden, die Frommen wollten Macht in alle Ewigkeit.

Im Labyrinth widersprüchlicher und schwer durchschaubarer Motive und Taten – lutherisch: des Glaubens und der Werke – kam es zum Riss. Stürmer und Dränger glaubten nicht mehr an Unsterblichkeit. Belohnung guter Werke, Bestrafung der bösen im Jenseits fielen weg. Wenn mit dem Tode alles aus ist, kann man gute Taten nicht tun, um in Ewigkeit belohnt zu werden. Und böse Taten müsste man nicht unterlassen, um in Ewigkeit unbestraft zu bleiben.

Der Wegfall der Ewigkeit erschien wie eine völlig neue Situation. Franz Moor: „Ich will aber nicht unsterblich sein; sei es, wer da will, ich wills nicht hindern. Ich will Gott zwingen, dass er mich zernichte.“

Wenn Ewigkeit nicht mehr das letzte Wort über die menschliche Moral spricht, hätten die Irdischen lernen müssen, ihre Moral nicht um ewiger Folgen willen zu befolgen, sondern um ihrer selbst willen. Das war zu viel des Guten. So rapide wird man die Wundmale einer Erlöserreligion nicht los.

Sie hätten eine Chance gehabt, wenn sie die Aufklärung beharrlich ausgebaut hätten. Haben sie nicht. Nachdem ausgerechnet das Land der schärfsten Aufklärer – die französischen Erbfeinde – in Gestalt Napoleons die zersplitterten deutschen Lande überfiel, war endgültig Schluss mit Aufklärung. Die Romantiker wandten sich ab von Vernunft und Autonomie, von Lessing und Kant, und entwickelten sich zu religiösen Irrationalisten, die mit heiligen Kriegen das mittelalterliche Europa unter deutscher Führung wiederherstellen wollten.

Obgleich sie die Griechen bewunderten, waren sie unfähig, eine autonome Moral nach deren Vorbild zu entwickeln. Moralisch ist man nicht, um einem Gott zu gefallen, sondern um sich und seinen Mitmenschen einen Gefallen zu tun. Maßstab des Guten ist kein jenseitiger Wille, sondern das Wohlergehen der Menschen auf Erden.

Die Deutschen waren vernarrt in die mythischen Anfänge der Griechen und in ihre Kunst, doch zur politischen Vernunft der Demokratie fanden sie keinen Zugang. Was also geschieht mit einem Franz Moor, der Gott ablehnt, dennoch die Rolle des Weltenrichters spielen will? Er muss Gott zwingen, ihn zu vernichten, denn er spürt die Ausweglosigkeit seiner Widersprüche:

„Ich will Gott zwingen, dass er mich zernichte.“

Weil es Moor nicht gelang, Gott zu vernichten, muss er ihn bitten, ihn zu vernichten – damit ihm die Folgen seiner unlösbaren Probleme erspart bleiben. Karl Moors explosive Mischung aus Empörung gegen Gott und der Unfähigkeit, sich von ihm zu lösen, wurde zur selben detonierenden Mischung der Nationalsozialisten, die sich einerseits vom Glauben lösen wollten, andererseits in den Bahnen einer apokalyptischen ecclesia militans verblieben.

Was auch immer die Deutschen taten, es wurde zur einer Anfrage an die Vorsehung: sind wir es, die da kommen sollen – oder sind‘s unsere Feinde? Nie wurden sie das schuldige Gefühl los, sich allzu weit von ihrem Gott entfernt zu haben. Darauf stand Tod und Verderben. Also mussten sie Tod und Verderben über die Welt bringen, damit sie entweder siegten – dann hätten sie zu Recht Weltenrichter gespielt – oder aber mit Tod und Verderben bestraft würden. Dann wäre ihr Untergang rechtens gewesen.

Die Anfrage an das Schicksal wurde zum Risiko, zum Abenteuer, zum Va-banque-Spiel. Messner muss dem Tode ins Auge blicken, um durch Erfolg und Wiedergeburt den Sinn seiner Existenz zu erfahren. Kommt er wieder einmal davon, darf er überzeugt sein, ein Liebling des Schicksals zu sein. Wird er vernichtet, hat er den Tod wegen Minderwertigkeit verdient.

Schillers Wort: Der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Wortes Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt, wurde in seiner Zwiespältigkeit nicht erkannt. Schiller meint nicht nur das kindliche Spielvermögen in Reinheit und Unschuld, er meint auch Karl Moors Risikospiel. Wer Weltenrichter spielen will, muss durch Erfolge beweisen, dass Gott auf seiner Seite ist. Nicht Moral an sich spielt eine Rolle, sondern der durch Geschichte beglaubigte Erfolg beweist die Qualität der Taten, Misserfolg ihren Bankrott.

Der Verzug der Parusie seit 2000 Jahren brachte dem Abendland ungeheure Glaubwürdigkeitsprobleme. Erschien ihr Erlöser nicht, obgleich er versprach, noch zu Lebzeiten der Urchristen zurückzukommen, musste das heißen, die ganze Frohe Botschaft war auf Sand gebaut. Den Gläubigen blieb nur ein Ausweg: sie mussten sich selbst auf den Weg machen, um den Herrn zur Wiederkunft zu nötigen.

Wie ist ein solch hybrides Unterfangen zu verwirklichen? Durch das, was das Abendland in seiner bisherigen Geschichte zeigte: die Welt muss durch Risikospiel an den Rand des Abgrunds gebracht werden. Erscheint dann der Erlöser, um die Seinen zu erretten und die Verworfenen der Hölle zu übergeben, hätte der Fortschritt in den Untergang die abendländische Naturzerstörung glänzend rehabilitiert. Die alte Welt sollte untergehen und einer neuen Platz schaffen. Würde der Erlöser nicht kommen, wäre ohnehin alles Selbsttäuschung gewesen: die Welt würde zu Recht den Abgang machen.

Hans Joachim Schellnhuber gehört zu den Wenigen, die die Welt vor dem immer schneller verlaufenden suizidalen Akt warnen. Doch er kann wenig dazu beitragen, die Gründe der Selbstverblendung zu nennen.

„Heute herrscht eine seltsame Gelassenheit. Wir steuern im Irrsinnstempo auf eine unbeherrschbare globale Situation zu, die Risiken erhöhen sich quasi stündlich, aber viele Medien berichten nur noch mit gequälter Beiläufigkeit darüber. Gerade kam ein Weltbankbericht heraus: 140 Millionen Klimaflüchtlinge bis 2050, und zwar allein schon innerhalb der betroffenen Länder, ohne die grenzüberschreitende Migration. Klar, da gibt es eine Meldung in der SZ und im Guardian, aber das war's dann auch.

Wie erklären Sie sich diese Trägheit?

Durch kognitive Dissonanz. Wenn ich ein riesiges Problem habe, bei dem ich nicht weiß, wie ich es in den Griff bekomme, verdränge ich es. Oder ich intensiviere sogar mein Fehlverhalten. In der Geschichte haben Systeme in dem Moment, in dem sie in die Krise geraten, oft genau den fatalen Fehler verstärkt, durch den sie erst in den Schlamassel geraten sind. Also muss jetzt die Weltwirtschaft weiter wachsen, auch wenn genau das sie zerstören wird.“

Die kognitive Dissonanz ist eine religiöse. Soweit Christen glauben, zu den Vorherbestimmten zu gehören, sehnt sich die Welt nach dem geschichtlichen Finale, um den Weizen von der Spreu zu trennen. Soweit sie sich ihres Erwähltseins aber nicht mehr sicher sind, wollen sie den Erlöser zwingen, ein Machtwort zu sprechen. Das geschieht, indem sie die Welt zu vernichten drohen, damit dem Schrecken ohne Ende ein Ende mit Schrecken gesetzt wird.

Schellnhuber gibt zu, moralisch-ökologisches Verhalten falsch eingeschätzt zu haben. Moral, glaubte er einst, habe mit Politik nichts zu tun. Heute habe er keine Hemmungen mehr, klimafreundliche Vorbildlichkeit von jedem Zeitgenossen zu verlangen.

Noch immer verharren Politik und Medien auf dem Standpunkt, Moral und Politik hätten nichts miteinander zu tun. Da sie immer frömmer werden, verlassen sie sich auf Luthers Moralfeindschaft: nicht Werke und Taten, sondern folgenlose Gesinnung mache den Menschen zum Geschöpf Gottes. Eine autonome Moral, die sich erkühnt, das eigene Schicksal in die Hände zu nehmen, sei blasphemisches Verleugnen der Heilstat Gottes.

Es ist weder Gelassenheit noch Trägheit oder Resignation, die die Menschheit sehenden Auges ins Unheil rennen lässt. Es ist ein Glaube, der nicht mehr weiß, was er glauben soll.

Nur die Fanatischsten wollen das unbedingte Ende. Ihrer Auserwähltheit fühlen sie sich sicher. Die meisten aber schwanken zwischen Komm, ach komme bald – und dem plötzlichen Erschrecken: welchen Unsinn glaube ich hier? Kann es sein, dass wir mit religiösen Delirien unseren eigenen Untergang produzieren?

Da nicht wahr sein kann, was nicht wahr sein darf, wird, was energisch vermieden werden sollte, in einem Akt der Verzweiflung erst recht beschleunigt. Entweder ist das Ganze unwahr, dann könnten wir unbehelligt weitermachen, Wirtschaft ins Unendliche wachsen lassen, Wohlstand erwerben, bis er uns aus den Poren quillt. Oder es ist wahr, dann wäre es ohnehin für alles zu spät. Wenn es denn ans Ende kommen soll, dann bitte in rasendem Tempo, damit wir uns nicht mehr lange quälen müssen.

Die Regierungen der Welt denken nicht daran, das Ende der Welt zu verhindern. Sie haben Besseres zu tun. Sie müssen sich gegenseitig niedermachen, um die nächsten Kriege vorzubereiten. Auch dies ist Selbstmord aus Angst vor dem Tod. Man könnte sagen: die Regierungen der Welt werden zu Totengräbern ihrer Völker. Die Völker wissen nicht, wo ihnen der Kopf steht. Ihre Versagens- und Untergangsängste müssen sie tief vergraben.

„Und ich dachte früher immer, es sei unpolitisch, den Einzelnen in die Pflicht zu nehmen. Aber jeder sollte verdammt noch mal tatsächlich etwas beitragen. Wir haben uns alle viel zu lange aus der Verantwortung gestohlen. Ja, wir müssen alle Kohlekraftwerke schließen, ja, Deutschland muss auf 100 Prozent erneuerbare Energien gehen, aber Sie und ich können von heute auf morgen beschließen, kein Fleisch mehr zu essen und keine Langstreckenflüge mehr zu machen. Ich denke aber, wenn wir es nicht schaffen, wird man mit großer Verachtung auf uns zurückschauen.“

Wer wird mit Verachtung auf uns zurückschauen, wenn es niemanden mehr geben wird, der uns verachten könnte?

 

Fortsetzung folgt.