Umwälzung LVI

Tagesmail - Freitag, den 04. Mai 2018

Hello Freunde der Umwälzung LVI,

eben noch begruben sie die RAF-Terroristen der Studentenbewegung. Heute wird ein Denkmal ihres geistigen Urvaters in Trier feierlich enthüllt.

Wer das abgeschabte Wort Heuchelei nicht mehr in den Mund nehmen will, kann von der dialektischen Begabung der Deutschen reden. Im bezaubernden Reich der Dialektik ist Heuchelei ausgerottet. Wenn sich alle Widersprüche in Wohlgefallen auflösen, ist alle Doppelmoral ausgeschlossen. Mit amoralischen Mitteln wollen Marxisten ein supermoralisches Reich der Freiheit herstellen – nicht aus eigener Kraft, sondern als Anheizer einer Geschichtslokomotive, die auch ohne ihr Zutun ihr Ziel erreichen würde.

Stefan Aust war mitteninne im Revier der gewalttätigen Revoluzzer, doch gemein hatte er sich nicht mit ihnen gemacht. Das nennt man eine vorbildliche teilnehmende Beobachtung – ohne Teilhabe an der Gewalt. Nein, das Sendungsbewusstsein der Meinhofs und Baaders sei ihm fremd geblieben, erzählte er Ingo Zamperoni in den Tagesthemen.

Doch wer sandte die gewalttätigen Geburtshelfer einer nagelneuen Gesellschaft, wenn nicht der Erfinder?

a) Geburtshilfe mit Gewalt? Die historische Hebammen-Militanz der Marxisten verläuft in christlichen Bahnen. Augustin und Luther betrachteten das Weib als Gebärmaschine mit begrenzter Haftung. Sollte die Frau doch draufgehen bei der Geburt: das sei ihre göttliche Bestimmung. Eine Linderung der Gebär-Leiden der Frauen sei Ungehorsam gegen Gottes Willen oder der blasphemische Versuch, sich dem Fluch über Eva zu widersetzen. „Die Ärzte lehnten es bis zum Anfang des 20.Jahrhunderts ab, eine Behandlung der häufigsten [Todesursachen] der Frauen, das Kindbettfieber, in Erwägung zu ziehen.“

Der Klerus betrachtete solche Todesfälle als gerechte Strafe für ein sündhaft-lustvolles Leben oder für den Ausdruck der fortdauernden Verfluchung ...

... „des ganzen Geschlechts.“ „Chloroform ist eine Verlockung des Teufels, der sich scheinbar anbietet, Frauen glücklich zu machen. Die weiblichen Schmerzensschreie würden Gott Freude bereiten“. Nur der Queen Victoria gestatteten sie, „Gott zu überstimmen“ und sich beim achten Kind mit Chloroform betäuben zu lassen.

Hexen waren Hebammen. Der Vernichtungskampf des Klerus – der bereits Nächstenliebe und Demokratie erfunden hatte – gegen diese Geburtshelferinnen in den Hexenprozessen war die Vernichtung naturkundiger Frauen, die ihren Geschlechtsgenossinnen eine möglichst schmerzfreie Geburt bereiten wollten. (Alle Zitate aus Walker)

Nun verstehen wir, warum das Hebammen-Gewerbe noch heute von der Dominanz männlicher Ärzte geknebelt wird. Wenn Frauen sich schon den Luxus eines Kindes gönnen, um sich den Freuden des männlichen Arbeitslebens zu entziehen, so sollen sie den angemessenen Preis dafür entrichten.

b) Mäeutik ist die philosophische Methode, durch fragendes Denken die Erkenntnisse des Menschen gewaltfrei zu gebären oder ans Licht zu bringen.

c) Autoritäre Methoden entbinden nicht die eigenen Erkenntnisse des Menschen, sondern prügeln fremde in ihn hinein. Zu ihnen gehören 90% der heutigen Schulpädagogik, die Werbemethoden und alles unterschwellige Beeinflussen per Algorithmen. Die Gewalt besteht hier in der Hinterlist unterschwelligen Lenkens, die zur bewussten Gewalt wird, wenn man sich dem Mainstream widersetzt. Dann erfolgen soziale Ausgrenzung und Diskriminierung derer, die sich dem Gesetz der Masse entziehen.

Definiert man moralische und argumentative Methoden der Gesellschaftsveränderung als weibliche, so ist marxistische Revolutionsmilitanz eine uralte Männerweise, mit dem Hammer die Welt so zurechtzuhauen, wie Machopriester es für richtig halten.

Die Linken haben es bis heute nicht geschafft, ihr vergiftetes Erbe zu dekontaminieren. Zu ihnen gehören die beiden letzten Aufrechten der SPD aus Castrop-Rauxel, die Hälfte der Grünen, die sich nicht zur Kretschmann-Fraktion zählen und die überwiegende Mehrheit der LINKEN, die sich einen vordergründigen „Zickenkrieg“ erlauben, um ja nicht die Wurzeln ihrer wahren Probleme auszugraben.

Die meisten wollen keine Gewalt, spüren aber noch die letzten Reste ihres schlechten Gewissens, dass sie zu feige seien, dem gewalttätigen Buchstaben ihres Urvaters zu folgen. Einige Versprengte beten noch immer die blanke revolutionäre Gewalt an – dürfen sich aber nicht klar dazu bekennen, sonst kommt der Verfassungsschutz über sie, der sie ohnehin die ganze Zeit observiert hat.

Der Marxismus ist mausetot. Niemand denkt daran, die ach so gigantischen Erkenntnisse seines Gründers in die Tat umzusetzen. Weil er aber ein genialer Deutscher war, muss er ob seiner prophetischen Fähigkeiten – die sich gottlob noch immer nicht bewahrheitet haben – in allen Kirchentonarten besungen werden. Es ist so befreiend, jemanden zu rühmen, dessen Weisheiten keine praktische Rolle mehr spielen.

Je töter die großen Deutschen, je höher werden sie in den Himmel gehoben. Die Nekrologen des Feuilletons sind Orgelartisten, die alle Manuale und Pedale aus dem Effeff beherrschen. Mit postmortalen Hymnen sollen die Toten bestochen werden, nie wieder unter die Lebenden zurückzukehren. Ruhe sanft, Karlchen – doch ruhe für immer!

Es ist ja nicht so, dass nur die letzten versprengten Marx-Fundamentalisten an die Macht der Amoral glauben würden. Fast alle Mediengranden, im Privatleben die honnettesten Menschen, sind deutsche Ästheten, die das politische Gesamtleben unter dem Gesichtspunkt der Kunst betrachten.

Seit dem älteren Schiller ist Kunst vogelfrei. Da das Leben ein Gesamtkunstwerk sein soll, haben Spießer, Gutmenschen, politisch Korrekte und Kammerdiener der Moral keinen Zutritt. Wenn schon das nähere Miteinander lästigen Imperativen unterworfen ist, sollen wenigstens die ferneren und höheren Angelegenheiten von Pflichten und Über-Ich-Forderungen frei sein. Auch der Mensch von Welt will seinen wilden Trieben einen gewissen Auslauf gönnen, damit sein Vitalleben durch Dauerzensur nicht allzu sehr Schaden leide.

Bei Schiller wurde Kunst zur höheren Moral, mit der das Reich der idealen Politik gestaltet werden sollte, weil die Deutschen zur realen Politik nicht fähig waren. Seit Wagners Rienzi hat das Gesamtkunstwerk nicht nur Menschheitsverbrecher inspiriert, es inspiriert auch noch in der Demokratie die regellose Phantasie unserer Tüchtigsten und Feinsinnigsten.

Je drastischer und schauerlicher ein neues Buch, je bluttriefender eine Theateraufführung, je höher schlagen die Herzen der Connaisseurs, die erstaunlich präzis unterscheiden können zwischen Kunst und Leben, Fiktion und Realität.

„Tötet Helmut Kohl“, war nur eine ästhetische Provokation Christoph Schlingensiefs, während Auschwitz-Assoziationen gewisser Rapper mit Migrationshintergrund dem Staatsanwalt übergeben werden müssten. Auch im Bereich der Künste gibt es Klassengesellschaften.

Als Söder Order gab, das Kruzifix – ohne alle Blut- und Gewaltspuren – in sämtlichen Staatsgebäuden aufzuhängen, gab es lautes Alibigeschrei in außerbayrischen Gauen. Da eilte WELT-Poschardt seinem Bruder im Geiste zu Hilfe und erklärte das staatlich verordnete Glaubensbekenntnis des dauerpubertierenden Grinsers zur – Kunst.

„Natürlich ist Söder mit dieser fast schamfreien Benutzung des Kreuzes näher an Herbert Achternbusch und Joseph Beuys als an Kardinal Wetter. Die Wirkungsästhetik der CSU spielt mit der Provokation wie die Kasseler Documenta und tut dies doch mit der augenzwinkernden Chuzpe eines Monaco Franze. Die preußische Leitkultur versteht das nicht. Und versteht es in der moralischen Selbstradikalisierung immer weniger: Die CSU ist eine heitere Lebensform.“ (WELT.de)

Das Leben ist kurz, die Kunst ist lang. Kommt, lasst uns heiter sein. Unterdrückt der Gemarterte und Gekreuzigte nicht ein heimliches Grinsen ob seiner leidensvollen Kreuzigungs-Performance, die für einen gelernten Gottessohn nur eine Golgatha-Posse sein kann? Wer kann denn glauben, dass der Gottessohn wirklich unter den Menschen gelitten hat? Könnte er wahrer Gott sein, wenn seine Kreaturen Macht über ihn gehabt hätten?

Der Doketismus (dokein = scheinen) ist die Lehre, dass der Herr nie und nimmer einen echten Leib aus schnödem Fleisch und Blut haben konnte. Das ganze irdische Leben des Messias war nur – Theater, göttliche Kunst, näher an Avatar-Hollywood denn an Golgatha.

„Kerdon vertritt die Auffassung, dass Christus nur als Trugbild in der Welt gewesen, nicht geboren sei und nur vermeintlich gelitten habe.

Valentinus: „Jesus aß und trank in einer besonderen Weise, ohne die Speisen wieder auszuscheiden. So groß war die Kraft seiner Fähigkeit, die Ausscheidung zurückzuhalten, dass die Speisen in ihm nicht verdarben, denn er selbst war unverderbbar und ohne Verfall.

Im Petrusevangelium, einem Nag-Hammadi-Text, sieht Petrus über dem scheinbaren Körper Jesu am Kreuz eine fröhlich lachende Gestalt, den „lebendigen Christus“.

Alles nur göttlicher Hokuspokus? Die Heilsgeschichte: ein Theatrum mundi? Gott lacht sich eins, wenn er sieht, wie er seine leichtgläubigen Geschöpfe foppen und narren kann. Der Karfreitag müsste zum orgiastischen Karneval deklariert werden. Oh Haupt voll Blut und Wunden: wie ham wir gelacht.

Wenn der Herr der Heerscharen mit den Menschen ein Vexierspiel treibt, darf er sich nicht wundern, wenn er mit apokalyptischem Elend krachlederne Gecken wie Söder und feinsinnige Zyniker wie Poschardt nur ins Kichern bringen kann.

Warum nur steht in der lukanischen Bergpredigt: Wehe euch, die ihr jetzt lacht, denn ihr werdet trauern und weinen? Weil man erst sein Maß an Tränen vergießen muss, um das ewige Lachen zu verdienen: Selig seid ihr, die ihr jetzt weint, denn ihr werdet lachen. Die Deutschen sind noch immer ein gefühlt frommes Volk. Bevor sie lachen, gehen sie in den Keller.

Hat sich das inzwischen nicht verändert? Inzwischen brüllen sie vor Lachen und zeigen auf jedem Foto ihr fröhlichstes Bewerbungslachen für den nächsten Arbeitsplatz.

Auf jeden Fall sind wir wieder auf den Spuren des Gesamtkunstwerks. Die Romantiker haben das mittelalterliche Himmel- und Höllendrama auf die Bühne gebracht, die sie für die Welt hielten, weil ihre wirkliche Welt so jämmerlich bedeutungslos war.

“Die Idee des Gesamtkunstwerks entsteht in der Zeit der Romantik. Der Philosoph Friedrich Schelling betonte die „nothwendige Gottwerdung des Menschen“. Dieses gesteigerte Selbstbewusstsein erlaubte es, das Schaffen des Künstlers dem Schaffen der Natur gleichzusetzen.“

Hier sind wir an der Quelle. Der Künstler erhebt sich zu Gott. Seine Kunst ist eine creatio ex nihilo wie Gottes Erschaffung der Natur. Die Kunst, nicht das Leben, war für die Romantiker das Höchste. Der romantische Physiker J. W. Ritter spricht von einer künftigen Zeit, „wo des Menschen Leben und seine Tat die höchste Wahrheit und Schönheit darstellen.“ „Er selbst in seinem Leben wird das höchste Kunstwerk sein, dess Künstler mit demselben eins und gleich ist.“

In dieses ästhetische Universum passt keine Spießer-Moral, die zudem der kalten Vernunft der Aufklärer entkrochen ist.

„Den sittlichen Gesichtspunkt ordneten sie sie dem ästhetischen unter. Schien ihnen etwas schön oder ihrem Gefühle entsprechend, fragten sie nicht, ob es moralisch sei. Die Helden ihrer Dichtungen waren höhere Menschen, die über dem Gemeinen standen. Die Gebräuche und Gesetze der Durchschnittsmenschen galten für Ausnahmemenschen nicht. Sie befanden sich immer in außergewöhnlicher „romantischer“ Lage, wo der gemeine Maßstab nicht galt.“ Der junge Wackenroder schreibt in einem Brief: „Was soll ich, was tu ich auf der Welt? Meinem Auge fehlt der Maßstab für die Welt, für das Leben und das menschliche Gemüt. Die Kunst ist eine verführerische, verbotene Frucht; wer einmal ihren innersten süßesten Saft geschmeckt hat, der ist unwiederbringlich verloren für die tätige, lebendige Welt. Das ist das Gift der Kunst, dass der Künstler ein Schauspieler würde, der jedes Leben als Rolle betrachtet, seine Bühne für die Musterwelt, für den Kern, und das wirkliche Leben nur für die Schale, eine „elende, zusammengeflickte“ Nachahmung ansehe.“ (Ricarda Huch, Die Romantik)

Huch fasst zusammen: „Innerlich von Vollkommenheit zu träumen, anstatt lebend und handelnd nach Vollkommenheit zu ringen … das ist die ganz besondere Schwäche und der innerste Verzweiflungsgrund des romantischen Dichters.“

Weil sie das Leben nicht meisterten, flohen sie in die Kunst, die sie zu einem höheren Leben stilisierten, gleich dem Vorschein eines himmlischen. Wenn heute der Ernst des Lebens zur Kunst erhoben wird, scheint das auf den ersten Blick paradox. Sind die Deutschen nicht Weltmeister des Realen und Materiellen?

Der Schein trügt. Ihr ästhetischer Amoralismus im Reich der Fiktionen, ihre Spaltung des Lebens in Spießerernst und tändelndes Artistenspiel entlarvt ihre innere Unsicherheit. Sie wären gerne trumpistisch-selbstgefällige Meister der Realität, doch sie sind es nicht. Trump braucht keine Kunst, kein Theater mehr: sein ganzes Leben ist ein TV-Happening wie aus einem Guss. Er ist mit sich identisch – sofern Tändler mit sich identisch sein können.

Wenn das ordinäre Leben gesättigt ist, beginnt die Suche nach einer fiktiven Komplettierung. Früher war es das christliche theatrum mundi, heute suchen sie krampfhaft nach verschiedenen Maskierungen. Merkel bevorzugt die Charaktermaske der Demut, Söder spielt den Narren in Christo, andere gehen über das Wasser, bis sie einbrechen. Welche Maske sie auch immer bevorzugen: jeder muss seine Rolle spielen, damit aus allen Rollen zusammen das Gesamtkunstwerk ihrer Politik entstehe. In den Worten Richard Wagners:

„Das große Gesammtkunstwerk, das alle Gattungen der Kunst zu umfassen hat, um jede einzelne dieser Gattungen als Mittel gewissermaßen zu verbrauchen, zu vernichten zu Gunsten der Erreichung des Gesammtzweckes aller, nämlich der unbedingten, unmittelbaren Darstellung der vollendeten menschlichen Natur, – dieses große Gesammtkunstwerk erkennt er nicht als die willkürlich mögliche That des Einzelnen, sondern als das nothwendig denkbare gemeinsame Werk der Menschen der Zukunft.“

Die griechische Demokratie entstand als Miteinander aller Bürger beim Gestalten ihrer Polis. Sie hatten auch eine Kunst. Und was für eine. Zum ersten Mal in der Geschichte gab es hinreißende Tragödien und Komödien, in denen sich das Publikum wiederentdecken konnte – um sich moralisch zu vervollkommnen. Ihre Kunst stand im Dienste des Lebens.

Das heutige Leben steht im Dienst einer amoralischen Kunst, die sich als Politik aufplustert. Auf der einen Seite die harte Realität, in der das Herz nicht schlägt, auf der anderen unendliche Fiktionen, wo das Herz zwar schlägt – doch im Rhythmus trügerischer Illusionen. Die technische und ökonomische Welt erfüllt den Menschen nicht. Deshalb verwandelt er sie in eine fiktive Bezos-Welt, in der er gottgleich Billionen von Menschen mit Tausenden von Mozarts und Einsteins ansiedeln kann.

Die technische und ökonomische Welt folgt ihren eigenen Gesetzen, die aller Moral spotten. Die ästhetische und visionäre Komplettierung will beim Entwickeln ihrer endlosen Perspektiven völlig frei sein. Auch hier wäre Moral deplatziert.

Man fragt sich, mit welchem Recht sich die Deutschen moralisch über Terroristen erbosen, wenn sie selbst alle moralischen Regeln ablehnen? Die Medien wehren sich gegen die zunehmende Zensierung und Unterdrückung journalistischer Meinungsfreiheit. Ist ihre Wehrhaftigkeit keine gute Sache - mit der sie sich gemein machen?

Die Gewaltfrage ist eine moralische Frage, nicht identisch mit hohlem Respekt vor dem Gesetz. Wie wir sahen, sind es nicht nur die Linken, die Probleme mit amoralischer Gewalt haben. Die ganze Gesellschaft, besonders die Welt der künstlerischen, politischen und ökonomischen Eliten, pfeift auf Moral. Moral ist für den Pöbel, nicht für Machtgierige und – feinsinnige Ästheten.

Sie glauben, Marx als wissenschaftliches Genie bewundern zu dürfen – um sich heimlich an seinen Gewaltphantasien zu berauschen. Um sich selbst nicht auf die Spur zu kommen, waschen sie ihr Idol von allen Sünden frei und behaupten, erst degenerierte Nachfolger hätten das Böse des Marxismus erfunden. Vater muss rein bleiben, wie heute die Mutter rein bleiben muss, auch wenn beide knöcheltief im Schlamm waten.

„Die Moral ist die ‚Machtlosigkeit in Aktion’. So oft sie ein Laster bekämpft, unterliegt sie.“

„Die Kommunisten predigen überhaupt keine Moral, was Stirner im ausgedehntesten Maße tut. Sie stellen nicht die moralische Forderung an die Menschen: Liebet Euch untereinander, seid keine Egoisten usw.; sie wissen im Gegenteil sehr gut, dass der Egoismus ebenso wie die Aufopferung eine unter bestimmten Verhältnissen notwendige Form der Durchsetzung der Individuen ist.“

„Man glaubt etwas sehr Großes zu sagen – heißt es bei Hegel – wenn man sagt: Der Mensch ist von Natur gut; aber man vergisst, dass man etwas weit Größeres sagt mit den Worten: Der Mensch ist von Natur böse. Bei Hegel ist das Böse die Form, worin die Triebkraft der geschichtlichen Entwicklung sich darstellt. Und zwar liegt hierin der doppelte Sinn, dass einerseits jeder neue Fortschritt notwendig auftritt als Frevel gegen ein Heiliges, als Rebellion gegen die alten, absterbenden, aber durch die Gewohnheit geheiligten Zustände.“ (Alle Zitate von Marx-Engels)

Wie Gott den Teufel als Instrument seines Heilswerks benötigt, so benötigen die Menschen das Böse, um das Gute von der Tenne zu fegen, damit die Geschichte voranschreiten kann. Alles Moralische und Heilige wird zu einem versteinerten Alten, das den Fortschritt blockiert und beseitigt werden muss. Wenn das Böse Treibmittel der Geschichte ist, kann es keinen Befürworter des Fortschritts geben, der es aus moralischen Gründen ablehnen darf. Seine Moral grenzenlosen Veränderns muss eine Amoral des Bösen sein.

Doch welche Moral? Gibt es nicht unendlich viele? Die wahre und nichts als die wahre. Doch was ist Wahrheit, fragen sie tiefgründelnd, indem sie auf endlose Möglichkeiten verweisen.

Endlose Visionen und Möglichkeiten: damit wären wir wieder im Bereich der Kunst, die das Wirkliche nicht erträgt ohne komplementäre Amoral. Wer von grenzenlosen Möglichkeiten träumt, verrät die Wirklichkeit des Wünschbaren. Was aber ist wünschbarer für Demokraten als demokratische Wirklichkeit, die eine humane sein soll?

Die wahre Moral der Demokraten ist die humane. Wer diese Antwort als lächerlich wegwischt, will Demokrat sein, indem er keiner sein will. Wie kann er demokratisch sein ohne demokratische Moral?

Moral und Wahrheit hängen unauflöslich zusammen. Nicht verwunderlich, wenn Marxisten Moral und Wahrheit mit einem Federstrich tilgen.

„Wissenschaftliche Arbeiten vermeiden solche dogmatisch-moralische Ausdrücke wie Irrtum und Wahrheit. Wenn wir schon mit Wahrheit und Irrtum nicht weit vom Fleck kommen, so noch viel weniger mit Gut und Böse. Wir weisen jede Zumutung zurück, uns irgendwelche Moraldogmatik als ewiges, endgültiges, unwandelbares Sittengesetz aufzudrängen, unter dem Vorwand, auch die moralische Welt habe ihre bleibenden Prinzipien, die über der Geschichte und den Völkerverschiedenheiten stehn. Wir behaupten dagegen, alle bisherige Moraltheorie sei das Erzeugnis, in letzter Instanz, der jedesmaligen ökonomischen Gesellschaftslage.“ (Engels Anti-Dühring)

Der kanadische Ministerpräsident Trudeau wurde gefragt, warum er so viele Frauen in seinem Kabinett habe? Seine Antwort: weil wir im 21. Jahrhundert leben. Soll das eine Antwort sein? Anstatt sachliche Gründe anzugeben, antwortet man heute mit Zeitangaben. Der Zeit-Geist aber ist kein Geist, sondern ein bedenkenloser, moralfreier Mitläufer. Hätte man Deutsche ab 1933 gefragt, warum sie einem Rattenfänger hinterherlaufen, hätten sie sagen können: weil Tausendjähriges Reich ist.

Warum ist die Lage der SPD so hoffungslos? Weil sie alle Versprechungen regelmäßig kassiert. Fragt man ihre Repräsentaten, warum, antworten sie: die Zeiten haben sich verändert. Unter diesem Vorwand betrog Schulz die Gesellschaft und sich selbst. So betrügt Scholz die Gesellschaft und sich selbst, wenn er – trotz gegenteiliger Versprechen – jetzt doch eine Schwarze-Null-Politik durchsetzen will.

Welches Wort sollte man halten, wenn die veränderte Zeit jedes gegebene Wort zur Lüge und Makulatur macht? Wie will die Partei sich erneuern, wenn sie nicht die Grundlagen ihres Denkens unter die Lupe nimmt?

Die SPD kämpfte im Kalten Krieg gegen die Diktatur des Proletariats und grenzte sich scharf ab von SED-Sozialisten demokratischer Amoral. Was erwiderten jene?

„Sozialisten, die die Diktatur des Proletariats ablehnen, stellen ihr die „reine“ Demokratie entgegen. Wir kämpfen für die Demokratie, wir treten gegen jede Diktatur auf, heißt es bei den Sozialdemokraten. Doch für welche treten sie ein? Für den klerikal-militaristischen Staat, der die Anhänger des Friedens verfolgt. Die Diktatur des Proletariats ist für sie eine Verneinung der Demokratie. Sie verschweigen die Tatsache, dass jeder Staat seinem Wesen nach eine Diktatur dieser oder jener Klasse ist. Es kommt darauf an, gegen wen sich die Diktatur richtet und für welche Klassen Demokratie besteht.“ (Grundlagen der marxistischen Philosophie)

Diese Frage könnte die heutige Negation von Wahrheit und Moral nicht beantworten. Die deutsche Demokratie will allen undemokratischen Staatsformen überlegen sein. Sie vergaß nur die Kleinigkeit: sie weiß nicht mehr – warum.

 

Fortsetzung folgt.