Umwälzung LV

Tagesmail - Mittwoch, den 02. Mai 2018

Hello, Freunde der Umwälzung LV,

Den Willigen führt das Geschick, den Störrischen zwingt es.

Jede Geschichte, die den Menschen führt, wohin er nicht will, ist faschistisch.

Jede Heilsgeschichte, die den Menschen führt, wohin er nicht will, ihn für Gehorsam belohnt und für Ungehorsam bestraft in Ewigkeit, ist totalitär. Totalitär ist die äußerste Steigerung von faschistisch.

Alle Gewaltregimes, die den Menschen führen, wohin er nicht will, sind diktatorisch oder faschistisch. Diktatorisch sind sie, wenn ihnen das Schicksal ihrer Untergebenen gleichgültig ist. Faschistisch sind sie, wenn sie ihre Untertanen durch Zwang beglücken oder ihnen das Heil bringen wollen. Je umfassender ihre Macht über Abhängige, umso totalitärer werden sie.

Glück ist ein erfülltes Leben auf Erden, Heil ist ewige Seligkeit, die

a) durch irdisches Unglück erkauft werden muss. Im Christlichen reden wir von der „leidenden Kirche“ oder der ecclesia patiens. Oder

b) die schon auf Erden den Vorschein der Seligkeit erleben darf. Dann reden die Christen von der ecclesia militans oder triumphans, der militanten oder triumphierenden Kirche.

Die leidende Kirche war viele Jahrhunderte lang die Selbstbeschreibung der Deutschen. Ihr nationales Unglück, ihre Zerrissenheit und Zurückgebliebenheit, das klägliche Ende ihres Römischen Reiches deutscher Nation, empfanden sie als gerechte Strafe Gottes für ihre Sündenverderbtheit.

Im erfolgreichen Bismarckreich zeigten sich die ersten Siegesstreifen am Horizont (Kulturprotestantismus), der aber bald in Untergangsstimmung kippte. Erst im beginnenden Kriegsfieber Kaiser Willems loderte er gen Himmel. Wenn Gott für uns ist, wer mag wider uns sein?

Nach der Niederlage sank er kurzzeitig zurück auf den Status der ...

... leidenden Kirche. Die Wut jedoch über die ungerecht empfundene Niederlage sorgte bald dafür, dass das Bedürfnis nach Rache überkochte und den Nationalsozialisten die Möglichkeit schuf, der Welt durch Brennen und Morden zu zeigen, wer die wahren Herren der Welt seien.

Die siegreiche Kirche war die Selbstbeschreibung der Amerikaner oder von gods own country. Das Leiden hatten sie in Europa hinter sich gelassen und wähnten sich bereits im zweiten Land Kanaan, in dem Milch und Honig fließt. Die gegenwärtige Krise Amerikas beruht auf der Angst, von der Überlegenheit der triumphierenden Kirche auf den Status der längst überholt geglaubten leidenden Kirche zurückzufallen.

Trump hat seinem Volk versprochen, mit List und Tücke, Militär, Wirtschaft und technischem Fortschritt die alte Weltgeltung – Amerika über alles – zurückzuerobern. Nach einer prekären Vorlaufzeit scheint er auf der Siegerstraße angekommen zu sein. Kann er einige nationale und internationale Erfolge vorweisen, wird ihm die Wiederwahl niemand streitig machen.

Nach der Niederlage zogen sich die Deutschen der BRD wieder das Büßerhemd der leidenden Kirche an. Je mehr es aber den bekehrten Sündern gelang, sich wirtschaftlich an die Spitze der Welt heranzuarbeiten, je mehr wandelte sich die german angst – die emotionale Ausprägung der leidenden Kirche – in den Triumphalismus einer neuen deutschen Leitkultur, einer militanten, fremden-allergischen Heimatideologie. Das Kreuz, das Tod und Teufel bezwungen hat, hängt als Symbol des „Wir sind wieder obenauf“ (auf Bayrisch: mia san mia) in allen staatlichen Ämtern. Jetzt noch Bayerns. Sollte der Widerstand vernachlässigbar sein: bald in ganz Deutschland.

Dass die Kirchenfürsten dagegen protestieren würden, war absehbar. Würden sie nicht deklamatorisch widersprechen, könnte man ihnen selbstgefällige Kumpanei mit dem Staat vorwerfen. Die Protestanten haben noch Rest-Schwierigkeiten, das lang verachtete amerikanische Modell der siegenden Kirche für sich zu akzeptieren. Die Katholiken lassen keinen Zweifel an ihrer Dominanz über irdischen Staat und Kultur aufkommen.

Das Kreuz identisch mit Kultur? Das wäre Gotteslästerung. Die civitas dei war, ist und wird immer über der civitas diaboli bleiben. Zwar glauben sie das Recht zu besitzen, sich nach Belieben in die weltlichen Händel „einzumischen“. Einmischen aber heißt, in gesicherter Entfernung außen vor bleiben, sich nie gemein machen mit der schnöden Welt.

(Hier zeigt sich die geheime Identität der Medien mit den Priestern. Beide wollen Mittler sein zwischen Oben und Unten. Beide wollen sich einmischen, ohne sich die Finger schmutzig oder sich gemein zu machen – auch nicht mit der guten Sache. Sich mit der guten Sache gemein machen: solch eine demokratiefeindliche Obszönität kann nur uralten Giftküchen entwichen sein.)

Würden Protestanten die Insignien des Sieges annehmen, müssten sie fürchten, das Geheimnis der verborgenen Macht ihrer Demut zu entlarven. Merkels Demut schwankt zwischen geduckter Magd Gottes und Honeckers sozialistischen Siegesfanfaren, übersetzt in kapitalistische Heller und Pfennig. Der Kairos der Merkel‘schen Demut geht vorüber. Die Deutschen haben es satt, sich zu ducken, zu jammern oder – aus prophylaktischer Angst vor göttlicher Rache wegen „Rühmens“ – sich selbst zu erniedrigen. Sie wollen endlich wieder ganz oben sein, ohne schlechtes Gewissen und falsche Bescheidenheit. Besiege die Welt – und sprich drüber. Amerikaner machen kein Hehl aus ihrer Siegesmentalität.

Die deutschen Protestanten, vor dem Krieg eher anticalvinistisch eingestellt, sind längst zu Musterschülern der Amerikaner geworden. Dass Historiker Wolffsohn sie noch heute als Antiamerikaner anprangert, ist Unfug. Wer kennt Bob Dylan besser als deutsche Intellektuelle? Wer kennt jede amerikanische Serie, jedes Hollywood-Machwerk genauer als deutsche Feuilletonisten? Wer preist Silicon Valley-Genies und Amazon-Milliardäre lauter als deutsche Zeitungsverleger?

Nichts ist erfolgreicher als Erfolg: das ist die Transformation der siegreichen Kirche ins Weltliche. Max Weber sah zwischen dynamisch-asketischem Calvinismus und untertänigem Luthertum mit Weib, Wein und Gesang eine tiefe Kluft. Die Befreiung der Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg hat die Kluft in eine Überidentifikation verwandelt.

Warum haben die Deutschen Hemmungen, von ihren Immigranten das Befolgen basaler Grundgesetze zu verlangen? Weil sie sich intolerant vorkommen, wenn sie die Interessen einer Demokratie vertreten. Einerseits zu lau, andererseits mit dem Holzhammer und in fremdenfeindlicher Animosität: das ist das gestörte Verhältnis der Deutschen zu ihrer importierten und noch immer nicht nachgearbeiteten Demokratie.

Jedes selbstbewusste Abverlangen ihrer Gesetze halten sie für law und order. Gleichzeitig reagieren sie mimosenhaft und in obrigkeitlicher Härte, wenn religiöse Traditionen – die sie fälschlicherweise für eherne Bestandteile der Demokratie halten – von Andersgläubigen ignoriert werden. So werden private Glaubenssysteme, die staatlich keine Rolle spielen dürften, zu brisantem gesellschaftlichem Konfliktstoff.

Der Glaube an eine Heilsgeschichte verträgt sich nicht mit dem Glauben an demokratische Autonomie.

Eine Heilsgeschichte ist der von Gott angeordnete lineare Zeitablauf zwischen einem einmaligen Ursprung und einem einmaligen Ende, der von Menschen nicht geändert werden kann. Die Zeit Gottes läuft, läuft und läuft – und kein Mensch hat die Macht, sie aufzuhalten oder in ihrer Richtung zu verändern. Wer nicht aufspringt und mitfährt, wird überfahren.

Im Verlauf der abendländischen Kultur hat sich die lineare Heilsgeschichte vor allem in zwei Nachfolge-Arten verwandelt:

a) in politische Heilsgeschichten à la Joachim di Fiore. Dem alttestamentarischen Reich des Vaters folgt das neutestamentarische Reich des Sohnes und das moderne Reich des Heiligen Geistes, die totale Verwirklichung des himmlischen Reiches auf Erden.

b) in technische, wirtschaftliche Fortschrittsgeschichte, die sich keiner äußerlichen Gewaltmethoden bedient wie a), sondern durch ökonomische und wissenschaftliche Überlegenheit die anderen Völkern dazu zwingt, sich denselben Gesetzen des Fortschritts zu unterwerfen.

Modell a) führte zu den europäischen Faschismen, besonders zum blutrünstigen 1000-jährigen Reich der Nationalsozialisten. Modell b) führte zum amerikanischen Siegeszug über die Welt, auch mit militärischen Maßnahmen, vor allem aber mit technischer und wirtschaftlicher Überlegenheit.

Der Seneca-Satz: den Willigen führt das Geschick, den Störrischen zwingt er (ursprünglich in einem pantheistisch-stoischen Zusammenhang), wurde umgemünzt in die Beschreibung des modernen Faschismus. Im lateinischen Original: fata volentem ducunt, nolentem trahunt, sticht das Wörtchen ducere heraus, woraus Mussolini seinen Duce abgeleitet hat.

Heilsgeschichte ist absolute Macht, der sich jeder Mensch zu beugen hat, widrigenfalls er unter die Räder kommt. Nur Erlöserreligionen kennen Heilsgeschichten. Bei Hesiod gibt es zwar eine gewisse Abfolge verschiedener Epochen, doch am Ende kehrt alles zum Ursprung zurück und wiederholt sich im circulus naturae. Der Zirkel der Natur wird von der Linearität der einmaligen Heilsgeschichte demontiert. Alle Naturreligionen sind zirkulär.

Auch der Marxismus ist ein Nachfolger der Heilsgeschichte. Das revolutionäre Proletariat kann zwar ihr Tempo ein wenig beschleunigen, aber verändern kann es nichts.

„Auch wenn eine Gesellschaft dem Naturgesetz ihrer Bewegung auf die Spur gekommen ist – und es ist der letzte Endzweck dieses Werks, das ökonomische Bewegungsgesetz der modernen Gesellschaft zu enthüllen – kann sie naturgemäße Entwicklungsphasen weder überspringen noch wegdekretieren. Aber sie kann die Geburtswehen abkürzen und mildern.“ (Das Kapital, Vorwort)

Die Heilsgeschichte des Atheisten Marx wird zum Naturgesetz, das nicht verändert werden kann. Wenn Revolutionäre am rechten Ort und zur rechten Zeit eingreifen, können sie die Schmerzen der Geburt ein wenig abmildern, wenn aber nicht, muss die Menschheit ihr zugemessenes Maß an Leid vollständig erdulden.

Moralische Autonomie und Verantwortlichkeit gibt es in diesem System nicht. Marxens frühe Frage: wer erzieht den Erzieher, kann nur beantwortet werden mit dem Satz: die Geschichte selbst ist es, die den Erzieher zur Einsicht erzieht, dass er mit privater Moral nichts ausrichten kann:

„Weniger als jeder andere kann mein Standpunkt, der die Entwicklung der ökonomischen Gesellschaftsformation als einen naturgeschichtlichen Prozess auffasst, den einzelnen verantwortlich machen für Verhältnisse, deren Geschöpf er sozial bleibt, so sehr er sich auch subjektiv über sie erheben mag.“

Das Neue ist: Natur wird zu Gott, Gott aber ist derselbe wie der Herr der christlichen Heilsgeschichte. Was soll damit – im Vergleich mit der geschmähten Religion – gewonnen sein?

Die Zuflucht der Aufklärer zur mütterlichen Natur, weg vom himmlischen Vater, wird zerstört. Natur, die Helferin der Menschheit, wird in einen totalitären Männergott pervertiert. In einer vitalen Demokratie hingegen wird jeder Einzelne für ihr Gelingen verantwortlich gemacht.

Marxismus ist eine ökonomische Mutation der calvinistischen Prädestinationslehre. Menschen müssen tun, was die große Natur- oder Heilsgeschichte für sie vorausbestimmt hat. Es gibt Verworfene, das sind die Kapitalisten, und Erwählte, das sind die Proleten, deren Qualifikation nicht in demokratischen Tugenden besteht, sondern im Heilsoptimismus derer, die ihr Maß an Leiden durchgestanden haben, um ihre Erlöserqualitäten ex nihilo zu erhalten.

Woraus besteht die Revoluzzer-Qualifikation der Proleten? Sie haben nichts zu verlieren als ihre Ketten. Und das soll sie zu Heilsbringern qualifizieren? Nur, wenn man den neutestamentlichen Hintergrund hinzudenkt: die Letzten werden die Ersten sein. Der Sprung, die plötzliche Verwandlung der Opfer in Erlöser, ist ein übermenschliches Wunder. Die Naturgesetze machen eine kleine Ausnahme für die Proleten und erheben sie zu neuen Göttern, die das Reich der Freiheit erobern werden.

Der amerikanische Fortschrittsglaube ist nichts anderes als Marxismus der Technik und Wissenschaft. Die Proleten werden zu jenen Genies, die in der Lage sind, mit ihren Erfindungen das Schicksal der Erde zu bestimmen. Auf die Zustimmung der Menschheit legen sie keinen Wert. Sie wollen die Erde technisch verbessern – und also tun sie es.

Technischer Fortschritt ersetzt alles Denken und politische Tun. Fortschritt ist das Abendmahl der wissenschaftlichen Erlöser, die das Heil in „Leib und Blut“, also in materielle Dinge, verzaubern. Mit Hilfe der Reichen und Mächtigen, die sich der Genies bedienen, um ihre eigene Macht ins Unendliche zu erweitern. Das ist faschistische Zwangsbeglückung, die – im Gegensatz zum politischen Faschismus – mit der Zustimmung vieler rechnen kann.

Die Völker, die unter dieser Zwangsbeglückung leiden, ohne es zu wissen, glauben, zustimmen zu müssen, um nicht als Hinterwäldler verachtet zu werden. Maschinenstürmer, rückwärts gewandte Fortschrittsgegner: so werden sie unter Druck gesetzt, um sich dem Weg der Genies, Reichen und Mächtigen nicht in den Weg zu stellen. Äußerliche Gewalt ist in diesem System nicht nötig. Die innere Gewalt ihres fremdgeleiteten Über-Ichs reicht aus, um die meisten gefügig zu machen. Sollten die Völker eines Tages den Grund ihres Unbehagens ausfindig machen, werden sie dem Fortschritt keinen Blankoscheck mehr unterschreiben.

„Nehmen Sie nun das Szenario, in dem wir uns ins Sonnensystem begeben. Das Sonnensystem kann problemlos eine Billion Menschen aufnehmen. Und wenn wir eine Billion Menschen hätten, hätten wir tausend Einsteins und tausend Mozarts und unbegrenzte Ressourcen und unbegrenzte Sonnenenergie für alle praktischen Belange und alle praktischen Zwecke. Das ist die Welt, in der die Urenkel meiner Urenkel leben sollen. Übrigens glaube ich, dass wir in diesem Zeitraum die gesamte Schwerindustrie von der Erde wegverlagern werden und die Erde nur als Wohnstätte sowie als Niederlassung für die leichte Industrie dienen wird. Es wird grundsätzlich ein sehr schöner Planet sein. Wir haben Robotersonden zu jedem Planeten in diesem Sonnensystem geschickt, und glauben Sie mir, unser Planet ist der beste. Die Zivilisation, von der ich spreche, ist eine, in der man sich damit anfreundet, im Weltraum zu leben und zu arbeiten, wo es Millionen, dann Milliarden und schließlich eine Billion Menschen geben wird. Ich bin sehr glücklich, das Gefühl zu haben, dass ich mit Blue Origin einen missionarischen Zweck erfülle, der, glaube ich, für die Zivilisation auf lange Sicht unglaublich wichtig ist.“ (WELT.de)

Weltraumfahrt wird zum terroristischen Gesamtschlag gegen die Erde, die angeblich geschützt werden soll, in Wirklichkeit aber überflüssig gemacht wird, wenn Billionen Menschen im Weltraum existieren können. Wenn alle Visionen missionarisch ins All gerichtet sind, bleibt zur Rettung der Erde kein Quäntchen Energie mehr übrig. Von Bezos kein einziges Wort zur Rettung der Natur auf Erden. Die Erde ist ausgeraubt und ausgebeutet. Nun wird das Weltall zur ungeheuren Beute ausgeschrieben. Das Universum wird zur Räuberhöhle und zum Abenteurerspielplatz für pathologische Omnipotenzler. Missionarisch heißt: der Wille der Völker wird gnadenlos übergangen.

Die deutsche Presse, angeblich eine demokratische – macht sich zum Sprachrohr unbegrenzter menschenfeindlicher Phantastereien. Alles Unbegrenzte vernichtet Mensch und Natur, die beide begrenzt sind. Ein unerhörter Vorgang, wie eine Handvoll Erwählter der Menschheit per Zeitung mitteilen, wie sie erlöst werden soll – ob sie will oder nicht.

Nach der Katastrophe des Dritten Reichs fragte man sich, wie dies geschehen konnte. Hatte Hitler seine Pläne per Bücher nicht der ganzen Welt offenbart – und niemand wollte es glauben?

Wie sich die Deutschen totalitären Fortschrittlern beugen, so verehren sie totalitäre Geschichtsheilige – wie Martin Luther und Karl Marx. Überall das finale Heil, welches grenzenlose Gewalt anwenden darf, um ans Ziel zu gelangen. Zuerst einige Geschmacksproben vom deutschen Reformator über ...

Die Juden:

„Die Juden sind ein solch verzweifeltes, durchböstes, durchgiftetes Ding, dass sie 1400 Jahre unsere Plage, Pestilenz und alles Unglück gewesen sind und noch sind. Summa, wir haben rechte Teufel an ihnen …; Man sollte ihre Synagogen und Schulen mit Feuer anstecken, … unserem Herrn und der Christenheit zu Ehren, damit Gott sehe, dass wir Christen seien (…) ihre Häuser desgleichen zerbrechen und zerstören. Ich will meinen treuen Rat geben. Erstlich, dass man ihre Synagoge oder Schule mit Feuer anstecke, und was nicht verbrennen will, mit Erde überhäufe und beschütte, dass kein Mensch einen Stein oder Schlacke davon sehe ewiglich. Zum andern, dass man auch ihre Häuser desgleichen zerbreche und zerstöre. Denn sie treiben eben dasselbige darin, was sie in ihren Schulen treiben …“

Dazu passend ein lutherischer Landesbischof (Sasse) anlässlich der „Reichskristallnacht“:

„Am 10. November 1938, an Luthers Geburtstag, brennen in Deutschland die Synagogen. Vom deutschen Volk wird … die Macht der Juden auf wirtschaftlichem Gebiet im neuen Deutschland endgültig gebrochen und damit der gottgesegnete Kampf des Führers zur völligen Befreiung unseres Volkes gekrönt.“

Die Frauen:

„Der Tod im Kindbett ist nichts weiter als ein Sterben im edlen Werk und Gehorsam Gottes. Ob die Frauen sich aber auch müde und zuletzt tot tragen, das schadet nichts. Lass sie nur tot tragen, sie sind darum da.“

Die Bauern:

„Drum soll hier erschlagen, würgen und stechen, heimlich oder öffentlich, wer da kann, und daran denken, daß nichts Giftigeres, Schädlicheres, Teuflischeres sein kann als ein aufrührerischer Mensch; (es ist mit ihm) so wie man einen tollen Hund totschlagen muß: schlägst du (ihn) nicht, so schlägt er dich und ein ganzes Land mit dir.“

Der Pöbel braucht Tyrannen:

„Es ist eine verdammte, verfluchte Sache mit dem tollen Pöbel. Niemand kann ihn so gut regieren wie die Tyrannen. Die sind der Knüppel, der dem Hund an den Hals gebunden wird. Könnten sie auf bessere Art zu regieren sein, würde Gott auch eine andere Ordnung über sie gesetzt haben als das Schwert und die Tyrannen. Das Schwert zeigt deutlich an, was für Kinder es unter sich hat, nämlich nichts als verdammte Schurken, wenn sie es zu tun wagten.“

Jetzt Luthers Nachfolger im ökonomischen Geist:

„Marx beharrte darauf, dass die Arbeiterbewegung von einer einzigen Partei repräsentiert werde. Die oberste Pflicht des Proletariats bestand darin, die Macht zu ergreifen und sich als Diktatur zu etablieren.“

„In unerschütterlicher Überzeugung vom finalen Sieg des Sozialismus, dass der Krieg, so entsetzlich er sich auch immer erweisen werde, „schließlich alles zugunsten der sozialistischen Bewegung beenden und die Machtübernahme durch die Arbeiterklasse beschleunigen werde.“

Marx und Engels verachteten die Slawen. „Das schlimme Schicksal, das über die Kroaten, Tschechen, Serben, Slowenen hereinbräche, werde mit dem Fortschritt übereinstimmen. „Ein Vernichtungskrieg der Deutschen gegen die Tschechen bleibt jetzt die einzige mögliche Lösung.“

Revolution war für Marx-Engels ein Krieg und zwar „ein erbarmungsloser Krieg von allen – ein europäischer Bürgerkrieg.“ Engels bezeichnete die Slawen alsniederträchtige Hunde, slavische Bestien, tierisch-blödsinnige Slaven, Nationen aus Banditen, Räuber.“ Die Schwachen waren zur Unterjochung und zum Aussterben verurteilt, wenn sie ihre Interessen nicht dem Vormarsch der Revolution unterwarfen. Es handelte sich nie um die Frage von Recht oder Unrecht, sondern von Macht.“

Engels verspottete Bakunins Phrasendreschen über „Gerechtigkeit, Menschlichkeit, Brüderlichkeit, Unabhängigkeit.“ „Ohne Gewalt und ohne eherne Rücksichtslosigkeit wird nichts durchgesetzt in der Geschichte.“ Die fortschrittlichen Yankees seien völlig im Recht gewesen, den trägen, rückständigen Mexikanern ihr Land mit großen Bergbau- und Industriemöglichkeiten zu entreißen. Die Amerikaner vertraten die Sache der Zivilisation gegen stürmische Barbaren. Die imperialistischen Mächte begingen unzählige Verbrechen und setzten die unterworfenen Völker furchtbarem Leid, Verdrängung und Elend aus. Doch Letztere müssten den Preis bezahlen, denn Erstere handelten als Werkzeuge der Geschichte und des Fortschritts.“ (Alle Zitate aus Jacob Talmon, Die Ursprünge der totalitären Demokratie)

Talmons Resumee: „Die Lehre der totalitären Demokratie basiert auf der Annahme einer alleinigen und ausschließlichen Wahrheit der Politik. Man kann sie Messianismus nennen, in dem Sinne, dass sie eine vorherbestimmte, vollkommene Ordnung der Dinge postuliert, zu der die Menschheit unwiderstehlich und zwangsläufig gelangen werden.“

Immer wieder wird behauptet, das totalitäre Element, dem Millionen von Menschen zum Opfer fielen, sei nicht von Marx, sondern erst von Lenin und Stalin gekommen. Im selben Sinne werden christliche Religionskriege, Hexenverfolgungen, Auslöschung unendlicher vieler Naturvölker nicht als Frucht der Frohen Botschaft bezeichnet. Erst spätere Verfälschungen hätten zu den Verbrechen geführt.

Für Deutsche muss das Original immer göttlich, genial und unbefleckt sein. Erst spätere Generationen hätten das Original in den Schmutz gezogen. So, wie sie nie ihre Heilige Schrift lesen, lesen sie nie Marx im Original. Was ihnen nicht in den Kram passt, ist das Erbe dämonischer Nachfolger. Der Ursprung muss sauber bleiben.

Nichts verabscheuen die Deutschen mehr als Moral. Sie sind hochtrabende Vertreter machiavellistischer Amoral, die sie als Interessenpolitik zu verharmlosen pflegen. Unter ihnen der Schriftsteller Peter Schneider:

„Wie schön, sich in moralischer Überlegenheit zu sonnen.“ (WELT.de)

Gewiss, über sein Können hinaus kann niemand verpflichtet werden. Doch oft kann der Mensch mehr, als er sich ursprünglich zutraute. Moralische Verblasenheit und Unnüchternheit müssen kritisiert werden. Aber aus moralischen Gründen, die nicht nur aus Gesinnung bestehen, sondern auch aus gesundem Menschenverstand.

Generell gilt: jede Kritik an Moral ist selbst Moral. Sie in toto zu verwerfen, ist ein moralisches Desaster. Wer Amok läuft gegen Moral, dem müsste man entgegenhalten: Wie schön, sich in amoralischem Zynismus zu suhlen. Wer dem anderen moralische Hybris vorwirft, ist selbst ein Angeber – der Untertreibung oder moralischer Trägheit. Auch Amoral gehört zur Kategorie Moral. Wer immer etwas gegen Moral vorzubringen hat, sitzt im selben Boot. Streit zwischen Moral und Moral ist das wichtigste Geschäft der Demokratie. Wer hier nicht den Ehrgeiz entwickelt, die humanste Moral zu erdenken und zu vertreten, dem ist nicht mehr zu helfen.

Die Deutschen sind stolz auf ihre nationale Kultur. Frage: Wie viele der großen Deutschen waren überzeugte Demokraten, leidenschaftliche Menschenrechtler und Moralisten – außer Kant? Und nicht mal der war Demokrat und hasste zudem die Juden.

Für Thea Dorn ist das deutsche Bildungsgut noch in Ordnung:

„ZEIT: Gut, aber warum soll das Bildungsbürgerliche deutsch sein?

Dorn: Weil die deutsche Kulturnation der wertvollste deutsche Mythos ist, den es jemals gab.“ (ZEIT.de)

Humanität – ein deutscher Mythos? Wer von den Dichtern und Denkern hat unumwunden Partei ergriffen für Menschlichkeit? Die sind an einer Hand abzuzählen.

„ZEIT: Klassische Bildung und deutsche Kultur spielen in Ihrem Buch die Rolle der Heilsbringerin. Dabei fehlt aber die Perspektive, die der ungarische Literaturnobelpreisträger Imre Kertész hatte, als er sagte, Auschwitz habe es nicht trotz, sondern wegen der deutschen Kultur gegeben.

Dorn: Ich gehe in meinem Buch mit dem deutschen Bildungsbürgertum des 20. Jahrhunderts hart ins Gericht, denn es hat gleich doppelt versagt: Erst hat es mit den Nazi-Barbaren paktiert, weil es irrtümlich annahm, die braunen Terroristen würden die deutsche Kultur schützen. Später hat es seinen Fehler nicht klar genug bekannt.“

Der präzisen These von Imre Kertesz weicht Dorn aus. Es waren nicht nur die gebildeten Mitläufer, es waren gerade die braunen Horden, die von deutscher Bildung geprägt waren. Beileibe nicht nur von Nietzsche, Fichte, Hegel, Wagner, Kleist, den Romantikern, protestantischen und katholischen Theologen. In Auschwitz musste das Orchester der Gefangenen Mozart spielen. Alle Nazi-Größen waren Bewunderer der weltüberlegenen deutschen Kultur.

All das wird heute nicht mehr gesehen. Dorn ist überrascht vom plötzlichen Rechtsruck deutscher Intellektueller. Zum Beispiel vom Beschreiber deutscher Kultur Rüdiger Safranski. Doch gerade Safranskis Bücher sind ein Musterbeispiel für das Weißwaschen deutscher Geistesheroen. War das links?

Und wo steht Dorn in der Flüchtlingsfrage?

„Aufmüpfige aller Herren Länder, kommt zu uns! Unbegrenzte Zuwanderung für alle Anhänger des westlichen Menschenrechtsgedankens! Und wenn sie sich dann auch noch für Aspekte unserer europäischen oder gar deutschen Kultur interessieren, sollen die Migranten mir dreifach willkommen sein. Auf der reinen Wirtschaftsmigration liegt kein Segen.“

Mit anderen Worten: auf Menschen, die es am nötigsten hätten, in reiche Länder zu fliehen, „liegt kein Segen“. Stattdessen würde Dorn am liebsten die Besten und Gebildetsten anderer Länder anlocken.

Hochstehende Völker brauchen talentierte Flüchtlinge, damit Genies unter sich bleiben. Bei Dorn entlarvt sich der deutsche Bildungsmythos – als Mythos. Weltenweit entfernt vom Logos der Humanität.

 

Fortsetzung folgt.