Umwälzung LIII

Tagesmail - Freitag, den 27. April 2018

Hello, Freunde der Umwälzung LIII,

Nein, Ächtung hilft nicht, Giovanni di Lorenzo.

„Was noch wirksamer wäre als die notwendigen Sanktionen: starke Zeichen gesellschaftlicher Ächtung. Es reicht nicht, wenn die Empörung aus den Institutionen und von den Eliten kommt.“ (ZEIT.de)

Wie wär‘s mit einem kleinen Blick ins Netz-Wörterbuch, das heute jedem zur Verfügung steht? Oder sollten ausgerechnet Edelfedern keinen Wert mehr auf die Präzision ihrer Begriffe legen? Man muss sich nicht an überkommene Definitionen halten. Wer‘s aber nicht tut, sollte erklären, dass er eigene Definitionen verwendet, die sich von den traditionellen unterscheiden.

Ächtung benennt den Vorgang der Verhängung einer Friedlosigkeit oder einer Reichsacht infolge der Verurteilung wegen einer Straftat. Im erweiterten Sinn ist Ächtung eine informelle gesellschaftliche Sanktionierung von nicht-regelkonformem Verhalten; sie ähnelt der Verachtung“. Friedlosigkeit kennzeichnete im germanischen Stammesrecht den persönlichen Verlust des Rechtsschutzes infolge der Verurteilung wegen einer Straftat.“ (Wiki)

Verachtung, Verlust des Rechtsschutzes, sollen Mittel des politischen Kampfes sein? Protestbewegungen sind keine Verachtungs-, sondern Widerstandsbewegungen. Eine Widerstandsbewegung signalisiert: Bis hierher und nicht weiter, wir müssen ein Problem lösen, indem wir öffentlich streiten. Wie kann man mit jemandem streiten, den man verachtet – und partout nicht verstehen will? Auch Sie, Giovanni di Lorenzo, gehören zur Fraktion der Verstehensverächter. Die deutschen Eliten, zu denen Sie gehören, überbieten sich zurzeit in Ächtung des Verstehens. Verstehen ist auch ...

... für Sie fälschlicherweise – verzeihen.

„Es helfen aber weder eifernde Rundumschläge noch die alles verstehende und letztlich alles verzeihende Haltung, dass jeder Migrant Opfer sei – wahlweise seiner kulturellen Prägung, einer eigenen Diskriminierungserfahrung oder mindestens der kapitalistischen Globalisierung. Es hilft weder wegzugucken noch zu relativieren.“

Verstehen ist nicht verzeihen. Verzeihen ist ein theologischer Begriff und bedeutet gnadenhaftes Negieren der Schuld. Einen Übeltäter verstehen heißt das Gegenteil: je besser ich ihn verstehe, je besser er sich selbst versteht, je dringlicher wird sein Bedürfnis, sich zu verändern. Die Schuld bleibt – wer sollte sie ungeschehen machen? Aber die psychischen Kompetenzen des Täters und die sozialen Folgen seiner Tat verändern sich. Er erhält eine „zweite Chance“, die Möglichkeit, sich seinem Opfer zu erklären, verbunden mit der neu erworbenen, auf Einsicht beruhenden Lebensmaxime, die Wiederholung einer bösen Tat künftig zu unterlassen.

Verstehen ist das Gegenteil von Weggucken, das Gegenteil von Relativieren. Dem Verstehen muss die moralische Bewertung folgen. Moral, das Ekelwort der smarten Medien, kommt auch in Ihrem Artikel nicht vor. Stattdessen schreiben Sie von Durchgreifen. Durchgreifen können nur diejenigen, die Macht haben. Verstehen und verstanden werden wollen aber ist ein freiwilliger Akt der Empathie – einem andern und sich selbst gegenüber.

Empathie und Macht sind unverträglich. Verstehen heißt, besonders scharf hinschauen und furchtlos für seine Moral eintreten. Nur wer keine Moral hat, muss relativieren.

Wie werden Menschen zu Tätern? Diese Frage wird heute in Elite-Medien nicht mehr gestellt. Da keine Frau einen kindlichen Täter zur Welt bringt, bleibt nur eins: Kinder wachsen heran und werden Opfer ihrer Umgebung. Ihre anfängliche Unschuld verwandelt sich allmählich in schuldbehaftete Gegen-Aggression, wenn die Umgebung an ihnen schuldig wird. Die Umwandlung des Opfers in einen Täter ist der pathologische Widerstand des Abgestempelten gegen die Verformung seines Charakters zum Rächer seiner beschädigten Ohnmacht.

Der Zusammenhang zwischen Schuld und Gesellschaft wurde zum ersten Mal in der 68er-Bewegung hergestellt. Jener Bewegung, die heute in Grund und Boden geschrieben wird. Es gab damals nicht nur moralverachtende Marxisten. Es gab sozialtherapeutische, pädagogische und feministische Bewegungen – die in der Plasberg‘schen Guillotinierung des Themas mit keinem einzigen Wort erwähnt wurden. Zeigt mir eure desolaten Gespräche und ich zeige euch den Verfall eurer Gesellschaft.

Alexander Mitscherlich, Horst-Eberhard Richter, Erich Fromm fragten nach dem Zusammenhang von individuellem Werden mit jenen Mächten, die das Werden bestimmen. Es ist die Familie, die ihrerseits von der Gesellschaft geprägt wird. Kein Mensch hat sich selbst gemacht, sondern er wurde gemacht.

Diese simple Erkenntnis war eine Befreiung, die die theologische Adenauer-Gesellschaft veränderte. Ich bin nicht schuld an meiner Entwicklung. Das führte zur Rebellion gegen die Gesellschaft, die die Menschen so tief deformiert, dass sie schuldig werden müssen. Niemand wird freiwillig Täter.

Die Freiheit aber hat zwei Gesichter: sie befreit von falscher Schuld – kein Mensch ist eine geborene Sündenkreatur –, verpflichtet aber zur moralischen Autonomie. Weil ich nicht Urheber meines Versagens bin, kann ich mir die Kompetenz erwerben, die defekten Spuren meiner Prägung zu korrigieren. An meiner kindlichen Prägung bin ich unschuldig, in meinem Erwachsenenleben aber kann ich schuldig werden, wenn ich mein Leben nicht selbst bestimme.

Für Marxisten waren diese Parallelbewegungen lächerliche Nebenwidersprüche und utopische Flausen. Dass die 68er-Bewegung so schnell in Karrierismus versandete, lag an der Borniertheit der heilsgeschichtlichen Schwarmgeister, die unfähig waren, emanzipatorische Ziele mit autonomen Mitteln in die Hand zu nehmen. Sich auf der rechten Seite der Geschichte befinden ist nichts als Mitläufer sein von übermenschlichen Mächten. Man ist nicht mündig, wenn man das Räderwerk der Geschichte ein wenig beschleunigt – oder nicht. Schon gar nicht, wenn der Kampf um Freiheit mit dem Tod von Millionen bezahlt werden muss.

Jetzt wird’s geradezu lachhaft in Ihrem Artikel. Auch das Volk soll sich einmal widerständig zeigen, nicht nur die Eliten? Wie viele Eliten marschierten denn in den Friedensbewegungen, im Kampf gegen Atomkraftwerke und die Vernichtung der Natur, in der Willkommensbewegung für Flüchtlinge? Wie viele Hedgefondsmanager, Chefredakteure und Kanzleramtsminister haben Sie je auf der Straße gesehen – sofern Sie noch wissen, wo sich die Straße der Demonstranten befindet? Wer sich als Edelschreiber dünkelhaft zu den Eliten zählt, verwandelt das Vorurteil der Menge, Medien seien Bodyguards der Führungsklassen, in ein solides, jederzeit nachprüfbares Urteil.

Ein kurzer Blick in BILD zeigt die Elitenbesoffenheit Ihrer Berufsgattung. Döpfner, Reichelt und Co. können nicht genug Milliardäre und Menschheitsbeglücker aus Amerika nach Deutschland locken, um ihnen an den Lippen zu hängen und synchron die Füße zu küssen. Diese artistische Kunst muss man in langen Jahren des AUFSTIEGS gelernt haben. Vorbei der kurze Aufschrei Döpfners gegen Google. Danach ging es bergab.

Wenn das Schiffchen ins Trudeln kommt, erscheinen ausnahmsweise die Kreuzfahrtkapitäne in blendender Uniform, um schneidige Befehle zu erlassen. Durchgreifen. Schluss mit. Nichts verstehen. Sofort zur Strecke bringen. Ächten. Wir dulden keinen Antisemitismus in unserer Gesellschaft. Als der geächtete Unhold die Imperative hörte, besann er sich, warf sich ins Meer und ward nie mehr gesehen.

„Es ist eine Binse, dass der Antijudaismus 2.000 Jahre alt ist und kein Sofortprogramm der Welt ihn vermutlich jemals tilgen wird.“

Vor lauter Binsenkraut scheinen Sie nicht mehr die Realität zu sehen. Wenn eine christliche Bevölkerung kaum noch weiß, in welchem Buch die Grundlagen ihres antisemitischen Glaubens stehen: wie soll sie wissen, wie alt ihre judenfeindliche Tradition ist?

Nein, christlicher Glaube hat nichts mit Kirchgang zu tun. Nicht mal mit Glauben. Viele Christen verlassen die Kirche – aus Gründen, die sie für wahren christlichen Glauben halten: sie brauchen keinen Popen, um anständig zu sein. Christlich sein ist für sie nichts anderes als moralisch sein. Ob diese Moral in einem heiligen Buch zu finden ist, diese Frage interessiert niemanden mehr. Giovanni di Lorenzo, Sie ähneln einem Quacksalber, der von den Symptomen seiner Patienten nichts versteht, aber für alle Krankheiten dieselben weißen Kügelchen verschreibt.

Wussten Sie übrigens, dass Demokratie ein Heilmittel ist? Ein Heilmittel gegen die Unmündigkeit der Menschen? Auch Antisemitismus ist nichts anderes als Unmündigkeit. Als Unfähigkeit, seinen Mitmenschen (der in diesem Fall ein Jude ist) als gleichberechtigten Menschen zu achten. Achtung ist das Gegenteil von Ächtung. Sie, Giovanni di Lorenzo, wollen die Defekte der Demokratie mit Ver-Achtung kurieren.

Wissen Sie, von wem das Zitat stammt: „Die Stadt lehrt den Menschen?“ (Unter Billionen Fragen der öffentlich-rechtlichen Zirkusanstalten wird fast nie nach Sinnvollem gefragt.) Es stammt von dem Griechen Simonides, der in einem kurzen Sätzchen das Wesen einer Demokratie auf den Punkt brachte. Die Polis, das sind wir alle.

Wissen Sie, woran man mit bloßen Augen den Verfall unserer Demokratie wahrnehmen kann? Am verrotteten Zustand unserer Marktplätze, die in der Urpolis die vitalen Begegnungsstätten freier Menschen waren. In der Begegnung mit Zuruf, leidenschaftlichem Debattieren, Spotten, Spielen, Lachen und Tanzen entfaltete sich das Gefühl: „Alles Göttliche ist menschlich“. Auf der Agora entdeckte das Ich jenes Du, ohne welches es kein Ich sein konnte. Aus Ich und Du entwickelte sich jenes Wir, das von Aristoteles zoon politicon genannt wurde.

Dort bildete sich das agonale Lebensprinzip, jener Geist des Wettbewerbs, bei dem es nicht um Demütigung des Verlierers durch den Sieger ging, sondern um Erhöhung aller zu aufgeklärten Wesen. Dort entwickelten sich jene Strukturen, die wir heute noch bejubeln müssten, wenn wir nur noch wüssten, was Demokratie ist:

„Die urgriechische Aufklärung lieferte die Philosophie der naturrechtlichen Forderung nach Freiheit und Gleichheit für alle: das Stadium der Demokratie war erreicht, in der alle volljährigen Bürger gleich gesetzliche Rechte genießen, und ihre Gesamtheit die einzige Verkörperung des Staatswillens und der staatlichen Souveränität bildet. In der griechischen Polis gibt es zum ersten Mal wieder – nach Abschaffung matriarchaler Gesellschaften – die Chance der Freiheit. Auch Isonomie, die Gleichheit vor dem Gesetz, die verfassungsrechtliche Gleichberechtigung aller Bürger, die in der Neuzeit erst wieder durch die Französische Revolution blutig erkämpft werden musste. Die Freiheit des Denkens war durch keinen theologischen Dogmatismus eingeschränkt. Das wirkliche Verhältnis der Polis zum Einzelnen war ein im höchsten und lebendigsten Sinne pädagogisches.“

Diese Sätze stammen, man höre und staune, von einem deutschen Ökonomen, der sich noch für Demokratie und Humanismus interessierte. Im Gegensatz zu einem Karl Marx, der für Demokratie und moralische Pädagogik nur Verachtung übrig hatte. Versteht sich, dass Alexander von Rüstow von den Deutschen in den hintersten Winkeln ihrer Bücherkatakomben begraben wurde. Man bevorzugt lieber prophetische Zauberformeln als die mühsame Arbeit, seine Würde täglich zu erobern.

Was Rüstow ebenfalls wusste: Demokratie konnte nur entstehen, wo kein allmächtiger Gott das Denken und Tun der Menschen überwacht, bedroht und bestraft:

„Kein Erlösungswissen, keine Offenbarung, keine höhere Wahrheit, keine heilige Lehre, keine Glaubensartikel, kein theologisches Dogma, kein priesterlich überwachter Glaubens – und Gewissenszwang. Aber unbehinderte Entfaltungsfreiheit, nicht nur für Wissen und Forschung, sondern für die volle Leidenschaft des Lebens, besonders jener Gebiete des Vitalen, die vom Christentum verpönt und als sündig abgewertet wurden. Das Christentum, das alles Heilige im Jenseitigen und Überweltlichen sucht, entwertet die „bloß diesseitige“ wirkliche Welt, die schroffer Abwertung verfällt.“ (Ortsbestimmung der Gegenwart, Bd. 2)

Auf Christentum lassen Sie sich nicht ein, Giovanni di Lorenzo, obgleich das Problem des Antisemitismus dort seinen verhängnisvollen Ursprung nahm. Sie müssten dann das ganze Christentum in seiner Kruzifix-Lächerlichkeit unter die Lupe nehmen. Doch das ist weit unter dem Niveau eines Eliteschreibers, der dem Motto verpflichtet ist: sich mit nichts gemein machen, nicht mal mit der guten Sache. (Erst neulich von Norbert Bolz in einer TV-Debatte mit Triumph in der Stimme wiederholt.)

Wie kann man gegen die Unmoral des Antisemitismus angehen, wenn man sich nicht mit der guten Sache gemein machen darf? Ist der Kampf gegen Antisemitismus keine gute Sache? Unerhörtes geschieht unter Deutschlands Sonne. Und Sie können sagen, Sie sind dabei gewesen. Dieselben, die seit Jahren sich nicht genug tun können in der Schlacht gegen Moral, geifern plötzlich vor Moral im Kampf gegen die amoralischen Judenfeinde dieser Gesellschaft.

Schauen wir, wie Ihr WELT-Kollege Poschardt den amerikanischen Präsidenten als „smart“ bewundert, wenn ein Kenner diesen wie folgt beschreibt:

„Donald ist doch kein Politiker. Er hat keine Philosophie, er hat keine politische Sicht der Welt. Es geht bei ihm immer nur um Donald. Er macht das, weil er überzeugt ist, dass er der Chef sein sollte. Donald ist der größte Trickbetrüger der Weltgeschichte. Mit seiner Masche hat er es bis ins Weiße Haus geschafft. Im Wahlkampf inszenierte er sich als Held des „vergessenen Mannes“. Aber dann vergaß er den vergessenen Mann sofort.“ (WELT.de)

Es gibt kein Vertun: die Vierte Gewalt ist moralisch kariös. Was den Gazetten zuwider ist, verdammen sie im Namen eines selbstverständlichen Anstands und weltbesiegenden Wertekanons – oder au contraire im Namen einer nietzscheanischen Bedenkenlosigkeit jenseits von Gut und Böse. Moral ist für sie eine Ansammlung autoritärer Befehle, der sie widerstehen müssen, damit sie sich vogelfrei fühlen dürfen. Versteht sich, dass die antiautoritäre Bewegung der 68er heute besonders befehdet wird. Sie wollen wieder gehorchen, aber nur Autoritäten mit heiligem haut goût.

Kommen wir zu Ihrem Kollegen Josef Joffe, der über die verschiedenen Antisemitismus-Arten einen ZEIT-Artikel schrieb. Leider ohne jeden Erkenntniswert.

„Die gute Nachricht vorweg: Der klassische (rassisch-religiöse) Judenhass ist in Deutschland gut eingezäunt.“

Damit ist das Christentum schon mal aus der Schusslinie, der instrumentellen Konkordanz aus Christentum und Judentum steht nichts mehr im Wege. Ja, smarte Religionsführer haben die Botschaft vom Kreuz so planiert, dass niemand mehr auf die Idee kommt, Juden als Mörder des Gekreuzigten zu hassen. Man muss schon zu den Frommen der Basis gehen, um zu entdecken, was die Bedford-Strohms gerne vertuschen. Bei deutschen Fundamentalisten kehrt der uralte Hass gegen die Christusmörder zurück. Für sie ist Jesus ein Palästinenser, der von bösen Israelis erneut gequält und gemartert wird. Dass amerikanische Biblizisten sich mit Israel nur verbunden fühlen, weil sie die massenhafte Bekehrung der Juden zu Christus erwarten, weiß der amerikakundige Joffe natürlich nicht.

Ansonsten außer Ironie nichts Erhellendes. Norbert Blüms Ansichten werden so dargestellt, dass das Zitieren seiner Thesen bereits ihre Kritik sein soll:

„Eine übliche Floskel lautet: "Kritik an Israel ist doch kein Antisemitismus." Oder: "Wir lassen uns nicht das Maul verbieten." Dazu wieder Blüm: "Der Vorwurf des Antisemitismus wird auch als Knüppel benutzt", um Kritik an Israel zu verhindern. Hier wird ein Pappkamerad aufgestellt. Selbstverständlich ist Kritik nicht Judeophobie, ein Kritikverbot gibt es nicht. Im Gegenteil. Das Gros der deutschen Medien liefert seit Jahrzehnten "Israelkritik", die von belehrend bis feindselig reicht. Antisemitismus ist out, Israelkritik ist in. Die Wiedergutgewordenen müssen den Wiederholungstätern Besserung abfordern. Sie bezeugen Läuterung in der Rolle des Therapeuten und sittlichen Wegweisers.“ (ZEIT.de)

Dem Leser wird insinuiert, israelkritische Floskeln schienen nur deshalb so wasserdicht, weil sie raffiniert etwas zu verbergen hätten. Wie hybrid muss es sein, dass die zweite und dritte Generation nach den Völkerverbrechen sich anmaßt, ihre Konversion zu den Menschenrechten in Wort und Tat zu beweisen – und die zweite und dritte Generation der Opfer nicht als unfehlbar zu betrachten. Zumal die israelische Regierung es allen Menschenrechtlern leicht macht, ihre Kritik empirisch zu untermauern.

Unglaublich, aber wahr: die Deutschen sind nicht mehr identisch mit ihren Mördervätern, die Israelis nicht mit ihren Opfer-Vorfahren. Es ist ja nicht so, dass Joffes angemaßte Immunität von allen Juden geteilt wird. Selbst Auschwitz-Überlebende gibt es, die Israels friedensunwilligen und landraubenden Imperialismus in schärfsten Tönen anklagen. Nach Joffe dürften das gar keine echten Juden sein. Was echte Juden sind, wird von der Besatzungsregierung und ihren Sympathisanten bestimmt. Wer kennt noch die Stimme von Amira Hass, die freiwillig unter Palästinensern lebte, um deren Schicksal zu teilen und ihnen ihre Stimme zu leihen?

„Für mich verkörpert der Gazastreifen die ganze Geschichte des israelisch-palästinensischen Konflikts. Er verkörpert den zentralen Widerspruch des Staates Israel – Demokratie für die einen, Enteignung für die anderen. Kurz bevor er die Abkommen von Oslo unterzeichnete, hatte der verstorbene Yitzak Rabin über Gaza gesagt: „Wenn es nur endlich im Meer versinken würde!“ Diese harten Worte spiegeln eine in Israel weitverbreitete Haltung gegenüber dem Gazastreifen und seinen Bewohnern wider. Israelische Journalisten haben in zahlreichen Artikeln noch viel hässlichere Ausdrücke verwendet und Gaza als „Hornissennest“ oder „Misthaufen“ bezeichnet.“ (Amira Hass, „Gaza – Tage und Nächte in einem besetzten Land“)

Die Stimmen dieser humanistisch gesonnenen, die Situation der Eingekesselten anklagenden Israelis werden in Deutschland systematisch unterdrückt. Joffe geht auf die israelische Besatzungspolitik nur mit sarkastischen Tönen ein. Für ihn scheint festzustehen: Israelkritiker sind die listigsten und scheinheiligsten unter den Antisemiten. Damit verstößt er selbst gegen die Antisemitismus-Definition der IHRA (International Holocaust Remebrance Alliance):

„Eine Kritik an Israel, die sich auf einem Niveau bewegt, wie sie ein beliebiges anderes Land treffen könnte, ist allerdings nicht als antisemitisch anzusehen.“ (Botschaft des Staates Israel in Berlin)

Antisemitismus ist eine wachsende Gefahr und muss bekämpft werden. Der beste Kampf ist Verstehen des zu Bekämpfenden, verbunden mit moralischem Widerstand. Philosemiten, die Moral nur an dieser Stelle verteidigen, sonst aber verhöhnen, sind unglaubwürdig.

Es mag Antisemiten geben, die sich des scheinbar untadeligen Instruments einer Israelkritik bedienen, um ihren wahren Hass zu verbergen. Ohne beweiskräftige Symptome aber darf es keine Verdächtigungen geben. Gefährlicher Judenhass und gebotene Israelkritik zusammenzuwürfeln, um alles unisono zu verwerfen, ist illegitim. Wer über Antisemitismus schreibt und jede Kritik an Israel zurückweist, ist unglaubwürdig.

Welch eine Diskrepanz zu Amira Hass: Anetta Kahane verhöhnt geradezu die Opferrolle der Palästinenser:

„Ihm wurde beigebracht, dass er Opfer ist. Genau wie alle anderen Palästinenser, die sich dafür hergeben, als das internationale Symbol des Opferseins schlechthin zu gelten. Was für eine furchtbare Rolle! Opfer des Kapitalismus, Opfer des Rassismus und der Ungerechtigkeit, Opfer der Juden aka Zionisten. Und das alles ist so schlimm, dass jede Art von Terror, Gewalt oder wie hier Peitschenhieb als gerechtfertigt gilt. Wie auch nicht, wenn die Welt, die Medien und die UN ihnen dafür immer wieder Beifall spendet? Vielen Deutschen geht das Schicksal der Palästinenser sehr zu Herzen.“ (Berliner-Zeitung.de)

Das ist blanker Zynismus. Palästinenser seien nur deshalb Opfer, weil böse Menschen es ihnen einredeten.

Am Opferstatus ändert sich nichts, wenn Opfer zu irrationalen Aktionen neigen, die nichts sind als ohnmächtige Gegenwehr gegen die überlegene Gewalt der Besatzer. Wer illegitime Gewalt ausübt, muss zuerst diese Gewalt beenden, bevor er von seinen Opfern Rationalität verlangen darf. Das wäre die richtige Reihenfolge. Doch noch immer gilt Netanjahus sadistische Formel: Solange ihr röchelt, wenn wir euch würgen, hören wir nicht mit Würgen auf.

Um Antisemitismus zu erkennen, muss man keine komplizierten Interviewtechniken erklügeln. Es genügt die Frage: Bist du ein Anhänger der Menschenrechte? Wer hier nicht eindeutig mit Ja antwortet, kann kein Freund der Menschen sein. Wer Juden hasst, hasst das Menschengeschlecht – in Gestalt der Juden. Menschenrechte sind universelle Gesetze als Kodifizierung humaner Moral. Wer Moral negiert, kann weder Menschenrechtler noch Freund der Juden sein.

Martin Buber gebührt das letzte Wort:

„Wir haben in Palästina nicht mit den Arabern, sondern neben ihnen gelebt. Das Nebeneinander zweier Völker auf dem gleichen Territorium muss aber, wenn es sich nicht zum Miteinander entfaltet, zum Gegeneinander ausarten. So droht es auch hier zu geschehen. Zum bloßen „Neben“ führt kein Pfad zurück. Aber zum „Mit“ kann, so groß sich auch die Hindernisse aufgetürmt haben, immer noch vorgedrungen werden. Ich weiß nicht, wie lange noch. Ich weiß nur, dass wir, wenn wir nicht dahin gelangen, nicht zu unserem Ziel gelangen werden." (1929)

 

Fortsetzung folgt.