Umwälzung LII

Tagesmail - Mittwoch, den 25. April 2018

Hello, Freunde der Umwälzung LII,

„für Muezzins in Deutschland dürfe es kein Recht geben, in gleicher Lautstärke zu rufen, wie bei uns die Glocken läuten“. (Günther Beckstein und Peter Gauweiler, CSU)

Zukunftsfest marschiert die deutsche Machtelite in die Vergangenheit des klerikalen Absolutheitsanspruchs – der ungebrochen bis heute gilt. Erlöserreligionen basieren auf dem Dogma absoluter Unfehlbarkeit oder der absoluten Verworfenheit aller anderen Religionen.

„In der Verkündigung des Neuen Testaments ist ein selbstverständlicher Absolutheitsanspruch enthalten: Jesus ist der Kyrios (Herr), im dem allein das Heil gefunden wird.“ (RGG)

„Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater außer durch mich.“

„Er (Jesus) ist der Stein, der von euch Bauleuten verworfen wurde, der aber zum Eckstein geworden ist. Und in keinem anderen ist das Heil zu finden. Denn es ist uns Menschen kein anderer Name unter dem Himmel gegeben, durch den wir gerettet werden sollen.“

Nach christlich unfehlbarem Glauben – der angeblichen Quelle der Demokratie – muss jeder Mensch nach seinem Tod vor dem Richterstuhl Christi erscheinen:

„Denn wir müssen alle offenbar werden vor dem Richtstuhl Christi, auf daß ein jeglicher empfange, nach dem er gehandelt hat bei Leibesleben, es sei gut oder böse.“

Im Jüngsten Gericht wird der sanfte, nächstenliebende Jesus Gericht halten über ...

... jede einzelne Seele:

„Weg von mir, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer, das für den Teufel und seine Engel bestimmt ist!“ und schließt: „Und sie werden weggehen und die ewige Strafe erhalten, die Gerechten aber das ewige Leben.“

Die lieblichen Eckpunkte aller christlichen Glaubenslehren werden heute unterschlagen. Sie allein bestimmen den Sinn der Einzelworte. Nächstenliebe wird zum egoistischen Heilserwerb und besitzt keinen Einfluss auf das finale Schicksal des Nächsten.

„So wird nun ein jeglicher für sich selbst vor Gott Rechenschaft ablegen. Ich sage euch aber, daß die Menschen müssen Rechenschaft geben am Jüngsten Gericht von einem jeglichen unnützen Wort, das sie geredet haben.“

Nicht nur jedes einzelne gesprochene Wort wird inquisitiert, sondern auch unbewusste Gedanken:

„Denn ich bin mir nichts bewusst, doch darum bin ich nicht gerecht gesprochen.“

Die Gesinnung entscheidet über die Qualität der Worte und Taten. Sie ist keineswegs das Werk eines selbsterarbeiteten Erinnerns, Wiederholens und Durcharbeitens, sondern unverdientes Geschenk der Gnade. Wenn die gute und böse Gesinnung von Gott abhängt, wird verständlich, warum Calvin den Menschen zur Marionette der göttlichen Vorherbestimmung erklärte.

DerMensch ist nichts, Gott ist alles: das ist die Grundlehre, die alles durchdringende Atmosphäre, die ferngelenkte Prägung des neucalvinistischen Leistungsdenkens in Amerika. Was der Mensch leistet, ist nicht das Werk seiner Bemühungen. Im Jüngsten Gericht richtet Gott über – sich selbst, indem er stellvertretend seine Kreaturen richtet.

Was für den amerikanischen Kapitalismus, gilt auch für das Obrigkeitsdenken der Deutschen. Dem Absolutheitsdenken der Kirchen steht der Absolutismus des Obrigkeitsstaates gegenüber. Gelegentlich in Rivalität, zumeist für den frommen Untertanen in verdoppeltem Totalitarismus:

„Die paulinisch-lutherische masochistische Untertanenfrömmigkeit, den Gläubigen mit theologischer Wucht ins Gewissen gehämmert, ist der deutschen Entwicklung bis heute zum Verhängnis geworden. Sie hat ein so tüchtiges Volk wie das deutsche seiner Obrigkeit gegenüber geradezu entmannt. Sie hat dem preußischen Herrscherhaus ermöglicht, die Bereitschaft zu absolutem Gehorsam in harte Form zu bringen. Sie war mitschuldig am Scheitern der deutschen Revolution von 1848 – dem Verhängnis des 19. Jahrhunderts – und sie hat es möglich gemacht, in totalitärer Ausnutzung dieser Chance die geballte und aufgepeitschte Leistungsfähigkeit dieses Volkes ohne wirksame Kritik und Kontrolle auf schlechterdings verbrecherische Wege zu führen.“ (Der vor Hitler nach Istanbul geflüchtete Ökonom Alexander von Rüstow)

Die CSU galoppiert voran, das Kreuz in der trutzigen Faust, fast alle Parteien folgen in wortloser Kumpanei. Was immer sie trennt, der gemeinsame Glaube verbindet sie. Die sich philosemitisch gerierende WELT hält es für richtig, dem Siegeszug des Christentums, der Urquelle allen Antisemitismus, ein Loblied zu singen:

„Der bayerische Ministerpräsident will in allen Behörden künftig wieder Kreuze aufhängen lassen. Damit wäre der pseudo-neutralen Religionsfreiheit zumindest Paroli geboten. Je weniger Menschen sich hierzulande zum Christentum bekennen, desto größer wird der Widerstand gegen christliche Symbole. In Berlin wollten Linkspartei und Grüne im vergangenen Jahr sogar verhindern, dass wieder ein Kreuz auf der Kuppel des rekonstruierten Stadtschlosses angebracht wird. Insofern ist der Beschluss des bayrischen Kabinetts, in allen Behörden des Freistaates künftig Kreuze aufhängen zu lassen, erst einmal eine angenehme Abwechslung vom allgemeinen Trend. Es wäre für alle Christen und vielleicht ja auch für manche Nicht-Christen schön, wenn wir die pseudo-neutrale Religionsfeindlichkeit, die sich im öffentlichen Raum breitzumachen droht und die bisweilen selbst Züge einer intoleranten Ersatzreligion annimmt, wieder hinter uns ließen zugunsten eines entkrampften, selbstverständlichen Umgangs mit unserem historischen religiösen Erbe.“ (WELT.de)

Demokratie wurde erst möglich, als es gelang, die Kirchen aus dem politischen Machtbereich zu entfernen. Nun sollen sie wieder quasistaatliche Stützfaktoren werden, ohne die die Republik zusammenbräche. Religionsfreiheit dürfe nie wirklich neutral sein. Sie müsse nur tun, als ob sie es wäre. Eine tatsächliche Neutralität wäre religionsfeindlich. An diesem Punkt aber müsse Schluss mit lustig. Unter dem Mantel der Freiheit wirklich frei zu sei, das wäre geradezu eine hinterhältige Religionsfeindschaft im Mantel der Neutralität. Die Verletzung der vom Grundgesetz garantierten Religionsneutralität ist für den Schreiber eine „angenehme Abwechslung vom allgemeinen Trend“.

Ach, wie lustig, beim fröhlichen Bier die Demokratie in Stücke zu hauen. Den Atheismus als Ersatzreligion abzulehnen im Namen einer unfehlbaren Religion: das können nur Erleuchtete und Erwählte. Dies hat eine lange Tradition. Jede Säkularisation wurde als Glaubensersatz niedergemacht. Nietzsches Kritik des Christentums war nichts als der Aufschrei einer nach Gott suchenden Seele. Alles, was später kommt, ist Ersatz.

Nach diesem Gesetz der fortschreitenden geschichtlichen Degeneration wäre das Christentum der schlechte Ersatz für die hellenische Vernunftkultur. Denn es war die Antwort auf den heidnischen Stolz der Vernunft.

Im kapitalistischen Alltag dürfen sie nicht Wir sagen. Dort kämpft Ich gegen Ich. Wenn‘s um den abendländischen „Wertekanon“ geht, dürfen sie nicht Ich sagen. Hier herrscht der pluralis okzidentalis. Das Heil, das aus dem Osten kam, ist im Westen an seinem Endziel angekommen. Im Westen kommt der Weltgeist zur endgültigen Bestimmung:

„Die Weltgeschichte geht von Osten nach Westen, denn Europa ist schlechthin das Ende der Weltgeschichte, Asien der Anfang. Im Osten geht die äußerliche physische Sonne auf, im Westen geht sie unter. Dafür steigt die innere Sonne des Selbstbewusstseins auf, die einen höheren Glanz verbreitet. Der Orient wusste und weiß nur, dass Einer frei ist, die griechische und römische Welt, dass Einige frei seien, die germanische Welt weiß, dass Alle frei sind. Die erste Form, die wir daher in der Weltgeschichte sehen, ist der Despotismus, die zweite ist die Demokratie und Aristokratie, und die dritte ist die Monarchie.“ (Hegel)

Die Deutschen sind der Endzweck des Weltgeistes. Griechische Demokratie ist etwas, was überwunden werden muss. Die preußische Monarchie ist der Höhepunkt der politischen Welt-Entwicklung und lässt die Demokratie vergessen. Hier sind Hegel und Kant einer Meinung: „Bei der demokratischen Verfassung ist eine repräsentative Regierungsart unmöglich, weil alles da Herr sein will.“ (Kant)

Nur die französischen Aufklärer der zweiten und dritten Generation waren leidenschaftliche Demokraten. In Deutschland konnte man diese an fünf Fingern abzählen.

Marxens Abneigung gegen die Demokratie war nicht verwunderlich. Im Reich der Freiheit sollte der Staat absterben. Aber nicht als Leistung der Menschen. Das Eldorado durfte kein Produkt demokratischen Bemühens sein. Das wäre ja utopische Moral gewesen – die von Marx in die Hölle verflucht wurde. Bis heute sind die deutschen Linken – vor allem die Alt-68er – nicht in der Lage, Abstand zu nehmen vom demokratie- und moralfeindlichen Totalitarismus ihres heiß geliebten Weltrevolutionärs.

Im unsäglichen Streit um die 68er-Bewegung (von Plasberg in bodenloser Häme hingerichtet) sind die Ex-Revolutionäre bis heute nicht in der Lage, das verhängnisvolle Erbe des Marx‘schen Totalitarismus wahrzunehmen.

Rudi Dutschke, ein geradezu undeutsch-authentischer Schwarmgeist, spürte den Mangel bei Marx und ergänzte ihn durch Identifikation mit Jesus. Marx wurde bei ihm zum ökonomischen Erlöser, die Bergpredigt zum Ersatz für das moralische Nichts des Trierers. Es war eine tragisch misslingende Kompensation. Die moralischen Mängel des Marxismus sollten ausgeglichen werden durch ein Christentum, das nie daran dachte, die Welt politisch zu verändern. Hier keine Moral, dort keine Politik: das ist Ergänzung durch wechselweisen Mangel.

Auch die Grünen sind noch vom Marx‘schen Erziehungs- und Moralverbot geprägt. Inzwischen wollen sie die Welt retten, aber nicht durch pädagogische Bemühungen. Erziehung scheint für sie eine diktatorische Vergewaltigung zu sein. Stattdessen wollen sie mit Argumenten überzeugen. Und das wäre keine demokratische Moral? Die Grünen und die SPD wollen sich erneuern – indem sie sich an ihrem alten Denken festklammern.

Dobrindts konservative Revolution ist ein Salto mortale ("Todessprung“) zurück in die mittelalterliche Heimat des Glaubens.

„Der christliche Glaube ist das Fundament unserer Politik. In unseren Klassenzimmern hängen Kreuze. Scharia und Burka, Kinderehen und Zwangsverheiratungen, islamistische Hasspredigten und religiöse Hetze haben in unserem Land keinen Platz. Wer in Deutschland sein will, muss mit uns leben – nicht neben uns oder gegen uns. Linke Ideologien, sozialdemokratischer Etatismus und grüner Verbotismus hatten ihre Zeit. Der Islamismus attackiert Europas Freiheitsidee und Selbstverständnis und darf seine Zeit gar nicht erst bekommen. 1968 haben linke Aktivisten und Denker den Marsch durch die Institutionen ausgerufen und sich schon bald Schlüsselpositionen gesichert in Kunst, Kultur, Medien und Politik. Sie wurden zu Meinungsverkündern, selbst ernannten Volkserziehern. Der Kampf um das bessere Argument wurde schnell ersetzt durch den unverrückbaren Glauben an die eigene moralische Überlegenheit.“ (WELT.de)

Die Lüge ist notorisch geworden, dass Demokratie, Menschenrechte und Vernunft religiöse Erfindungen seien. Scharia und Burka werden genannt, die jüdische Kinderbeschneidung, die das Recht des Kindes auf Unversehrtheit negiert, bleibt unerwähnt. Selbsternannte Volkserzieher werden verhöhnt, selbsternannte Religionshüter gepriesen.

In einer Demokratie hat jeder jeden zu erziehen: durch bessere Argumente und vorbildliches Verhalten. Selbsternannt heißt autonom.

Dobrindt vernichtet das autonome Denken der Aufklärung. Ausgerechnet die Religion der schärfsten Verbote wird zur Religion der Freiheit ernannt. Dass man seine Meinung verkündet, gilt inzwischen als Sünde wider den Geist. Höchste Zeit, dass das neue CSU-Heimat-Museum, – äh -Ministerium, Orban‘sche Methoden der Meinungsverbote einführt. Ein unfehlbarer Glauben polemisiert gegen den Glauben an die eigene moralische Überlegenheit.

Wie kann man seine eigene Meinung verkünden, wenn man nicht glaubt, sie sei anderen Meinungen überlegen? Eben das ist der edle Wettstreit der Meinungen.

Gegen absolute Religion helfen überhaupt keine Argumente – die nichts wären als Weisheit der Welt, die vor Gott eine Torheit sind. Dobrindt fühlt sich in göttlicher Moral so überlegen, dass er irdische Moral als heidnische Eitelkeit betrachtet.

Konservare heißt bewahren. Der chiliastische Geschichtsglaube bewahrt die Welt nicht, sondern vernichtet sie am Ende aller Tage. Wenn‘s um Einführung neuer Technologien geht, sprechen sie gern von Disruption oder schöpferischer Zerstörung. Um des Fortschritts zum Jüngsten Gericht willen darf die Welt peu à peu abgetragen werden. Das soll Bewahrung der Schöpfung sein!

Was ist Religionsneutralität? Im Gegensatz zum strikten Laizismus der Franzosen sind die Deutschen stolz auf ihre Verträglichkeit von weltlicher Vernunft und Offenbarungsglauben. Nachdem Kant den geoffenbarten Glauben durch Vernunftglauben ersetzte, kam Hegel und verband die beiden wieder in dialektischer Kopulation. Die Deutschen sind stolz auf ihren Kant, doch wissen wollen sie nichts von ihm.

Wie konnte es passieren, dass die Kirchen nach ihrer verbrecherischen Verwicklung mit den Chiliasten des 3. Reiches ohne geringste Schamgefühle sich als Stützen der Nachkriegs-Demokratie einschleichen konnten? Niemand vermag sein Hemdchen über Nacht so schnell zu wechseln wie Diener des Herrn. Da Gott in allen Obrigkeiten derselbe bleibt, können seine Direktiven sich ändern wie sie wollen: sie bleiben unfehlbare Imperative von Oben. Man sieht es an der deutschen Pastoral-Kanzlerin: jeden Tag jagt sie eine neue Erleuchtung durchs Dorf. In ihrer himmlischen Allwissenheit gibt es keine Widersprüche.

Der öffentlich-rechtliche Status der Kirchen (staatlich eingetriebene Steuern, konfessioneller Religionsunterricht) gilt als Indiz eines deutschen Sonderwegs in Fragen Laizismus. Es gilt bei uns die frankophobe Devise: vor allem nicht wie die gallischen Religionshasser. Wenn jedoch die Freiheit der Religionsausübung garantiert wird und alle Religionen gleichberechtigt sind: welche Religion darf sich dann anmaßen, die eigentliche und maßgebende zu sein?

Wäre eine Religion die staatlich bevorzugte, müssten alle anderen minderwertig sein. Religionsfreiheit beruht auf strikter Gleichheit der Religionen. Warum dieses Problem erst heute auftaucht, hängt mit der Abwesenheit aller nichtchristlichen Religionen in der Nachkriegszeit zusammen. Erst das Auftauchen anderer Religionen brachte das Problem zum Sieden. Was bedeuten würde: die traditionelle Bevorzugung des Christentums muss beendet werden.

Wenn Kirchen philosophisch attackiert werden, jammern sie über die bedrohte Freiheit ihres Glaubens. Doch wenn ihr Glaube die Dreistigkeit besitzt, ins politische Geschehen einzugreifen, ist er Politik – und kann ergo attackiert werden. Als Glaube wollen sie unangreifbar sein, damit ihre profane Machtgeilheit immun bleibt. Die Verletzung religiöser Gefühle (Blasphemie-Paragraf) gilt als Verstoß gegen das Gesetz, ihre wütenden Attacken gegen heidnische Gefühle sollen folgenlos bleiben.

„Die ganze Welt liegt im Argen. Ich bitte nicht für die Welt. In der Welt habt ihr Angst, seid getrost, ich habe die Welt überwunden. Habt nicht lieb die Welt. Mein Reich ist nicht von dieser Welt etc.“: alles Vernichtungsandrohungen an die Welt. Und das soll gesetzlich erlaubt sein? Es gibt auch eine Blasphemie vor der Welt. Der christliche Glaube ist eine einzige Verhöhnung aller weltlichen Kompetenzen – und dies soll straffrei bleiben?

Um dem Verdacht zu entgehen, sie würden das Christentum als Religion bevorzugen, sind die listigen Bajuwaren auf die Idee gekommen, ihr Heiliges als Kultur auszugeben. Eine Kultur der Demokratie kann sie niemals sein, denn sie ist die Feindin aller menschlichen Selbstbestimmung. Was bliebe dann noch – außer Glockengeläut, Karfreitags-Anmaßungen und Fronleichnamsprozessionen von Kruzifix zu Kruzifix?

Dem weltflüchtigen und welthassenden Christentum sollte es gelungen sein, sich in der Welt zu verankern? Sich in die Scholle der sündigen Natur einzuwurzeln? Sich heidnischer Traditionen zu bemächtigen, um sie in christliche zu verwandeln? Ostern ist das heidnische Fest der Fruchtbarkeit, Weihnachten das einstige Fest des unbesiegten Sonnengottes.

In geschickter Überlagerung ist es den Kirchen gelungen, heidnische Riten zu übernehmen – und durch Neubesetzung in christliche Feiertage zu verwandeln. Wie lange sangen sie: Oh Welt, ich muss dich lassen? Wäre die Gesamtkultur von christlichem Geist erfüllt, müsste sie der längst ersehnte Garten Eden sein.

Und dennoch ist der Vorgang der Gesamt-Kulturalisierung der Religion in Deutschland nicht neu. Wie immer hinken die katholischen Theologen den Protestanten hinterher. In der Nachkriegszeit hielten die Kirchen es für opportun, sich das Demutsgewand der ecclesia patiens anzuziehen – wozu Merkels Demutsmiene immer weniger passt, denn die Deutschen wollen endlich Weltmeister sein. Ihre german angst, ihre Selbstanklagen, ihr Raushalten aus globaler Verantwortlichkeit in militärischen Dingen: das hängt ihnen zum Halse raus. Das amerikanische Selbstbewusstsein einer auserwählten Nation im Garten Eden ist das neue Paradigma der Weltexportnation.

„Wenn es, von Bangladesch oder Spanien, von Japan oder Burundi aus gesehen irgendein Land auf dem Planeten Erde gibt, das nahezu uneingeschränkt zu beneiden ist, dann unseres. 93 Prozent! Der Deutschen! Zufrieden! Das glaubt einem doch keiner! Deutschland ist ein aufgeklärtes, wirtschaftlich geradezu beängstigend erfolgreiches, tolerantes und durchaus widerstandsfähiges Land. Man begegnet der Angst, indem man klar macht, dass eine so erfolgreiche Gesellschaft, ein so erfolgreiches Land wie das, in dem wir leben dürfen, sich nicht von religiösen Fanatikern oder rechtsradikalen Wirrköpfen eine defensive Geisteshaltung aufzwingen lässt. Der Aufklärung verdanken wir unseren Erfolg, die Aufklärung wird auch weiterhin der Wegweiser sein, der Religiöses dahin verweist, wo es hingehört: ins Privatleben. Es ist höchste Zeit, sich angesichts des eigenen Erfolgs mal mit positiven Zukunftsplänen für ein noch erfolgreicheres Deutschland auseinanderzusetzen. Können wir damit jetzt endlich mal anfangen?“ (SPIEGEL.de)

In der Tat, Religion müsste Privatsache sein, Aufklärung zur obersten Richtlinie der Politik gemacht werden. Nur was, wenn die religiös sozialisierte Öffentlichkeit solches ablehnt?

Kirchgang ist kein Indiz für christliche Gestimmheit. Emotionen kann man nicht durch Verbot beenden. Dann wäre jede Therapie ein Kinderspiel. Sie kommen wegen Angst? Verboten – und hinaus. Emotionen wollen verstanden werden, wenn man sie bewältigen will.

Die Deutschen müssten beginnen, sich selbst zu verstehen. Verstehen ist Rekonstruieren des Werdens und Suche nach Ursachen. Hab ich verstanden, wie ich wurde, kann ich falsche Weichenstellungen nachträglich korrigieren. Das ist nicht einfach und erfordert selbstkritische Distanz zu seiner Person.

Wenn der Westen nur in die Zukunft starrt, verliert er alle Fähigkeiten des Erinnerns und Aufarbeitens. Mediale Edelschreiber folgen jedem Zeitgeist und verdrängen ihre Geschmeidigkeit durch Verbot des Zurückschauens. „Rückwärts gewandt“ ist die Siegesfanfare einer Epoche, die ihr biographisches Werden eliminiert hat.

Doch, es gab einen Kulturprotestantismus. „Der Kulturprotestantismus war eine Strömung des protestantischen Geisteslebens in Deutschland während der Jahrzehnte von 1860 bis in die Zwischenkriegszeit. Kulturprotestantische Wortführer sahen in einem starken Bürgertum die Zukunft des deutschen Nationalstaats und betonten die Zusammengehörigkeit von Protestantismus und bürgerlicher Gesellschaftsordnung. Dies resultierte auch in einer Ablehnung der Sozialdemokratie.“ (Wiki)

Kulturprotestantismus war das Hochgefühl der Deutschen, als sie unter Bismarck eine wirtschaftliche, wissenschaftliche und politische Führungsrolle in Europa übernahmen. Sie schwammen in nie gekanntem Wohlstand, der eiserne Kanzler war führender Politiker Europas, ergo mussten die Theologen die dazu passende gottgewollte Wohlfühl-Ideologie liefern. Kulturprotestantismus war das Machtgefühl einer siegenden Kirche.

„Es sollte eine deutsche Nationalkirche geschaffen werden.“

Wie es heute eine deutsche Leitkultur geben soll, gab es damals einen nationalen Kulturprotestantismus. Doch das Hochgefühl währte nur so lange wie es den Deutschen gut ging. Dann kam die Wirtschaftskrise, es ging bergab und der Kulturprotestantismus schlug um in – Antisemitismus. Wie war das möglich?

„Nach dem Gründerkrach von 1873 befand sich das Deutsche Reich in der so genannten „Großen Depression“. Zur industriellen Krise kam eine Agrarkrise hinzu, die in der Konkurrenz des billigeren überseeischen Getreides ihre Ursache hatte. Diese konservative Wende war ein politischer Erdrutsch und bedeutete das Ende des Liberalismus der politischen Heimat der meisten deutschen Juden, als politisch beherrschender Kraft in der nationalen Politik.“

Die Deutschen schlidderten in wirtschaftliche Schwierigkeiten und wer war schuld am beginnenden Elend? Die Juden. Nach längerer Duldung der durch Napoleon angeregten Juden-Emanzipation kippte die Stimmung, Kaiser Willems Hofprediger Adolf Stoecker und Historiker Treitschke wurden zu Stimmführern der Hetze gegen die Juden. Treitschke schrieb seinen berüchtigten Satz:

„Bis in die Kreise der höchsten Bildung hinauf, unter Männern, die jeden Gedanken kirchlicher Unduldsamkeit oder nationalen Hochmuths mit Abscheu von sich weisen würden, ertönt es heute wie aus einem Munde: die Juden sind unser Unglück.“

Die Hetze gegen Juden ähnelt der heutigen gegen Muslime bis ins Kleinste. Treitschke „beschwor die nationale Einheit gegen eine angeblich unzuverlässige und fremdartige Minderheit, berief sich auf „Volkes Stimme“, schürte Überfremdungsängste und Verschwörungstheorien eines angeblichen jüdischen Vormachtstrebens, zeigte Verachtung für Zuwanderer, ihre Berufe und ihre Kultur, aber auch für die Liberalen, die der Gefahr einer „Mischcultur“ nicht entgegentreten wollten. Er vertrat dies bewusst als Tabubruch eines bis dahin gültigen liberalen Meinungskonsenses und bot zuletzt eine einprägsame Hassparole an.“

Verblüffend die Ähnlichkeit jenes hasserfüllten Treibens gegen die Juden mit heutigen Parolen der AfD, der rechten Manifeste und – der CSU. Ist es Zufall, dass heute der Antisemitismus anschwillt, während die CSU das Christentum zur Leitkultur Deutschlands ernennen will? Zwar gibt es noch eine besondere Verbundenheit zwischen Opfer- und Täterreligion. Doch diese ist massiv bedroht, wenn ein antisemitisches Christentum den cantus firmus der Republik zu schmettern beginnt. Wer ist schuld an allen Problemen der Republik? Muslime oder Juden? Noch werden die Muslime mehr angefeindet. Das könnte sich über Nacht ändern. Bezeichnend, dass ausgerechnet jene die Christianisierung befeuern, die sich explizit philosemitisch geben – wie CSU oder BILD. Lange wird die künstliche Konkordanz zwischen Christen und Juden nicht anhalten.

Der Kulturprotestantismus mündete in den feindseligen Antisemitismus der Deutschen Christen im 3. Reich. Zu ihnen gehörte der Alttestamentler Gerhard Kittel, der „dem Kampf gegen das Judentum eine christliche Sinndeutung geben wollte. Der Jude müsse alle Ansprüche auf staatsbürgerliche Gleichberechtigung aufgeben.“ (Zitiert bei Martin Buber, Der Jude und sein Judentum)

Wenn die konservative Revolution der CSU nicht gestoppt wird, werden wir die Wiederholung dieser judenfeindlichen Töne bald vernehmen können. Wer waren die gefährlichsten Judenfeinde? Jene, die sie anfänglich am meisten zu lieben glaubten.

 

Fortsetzung folgt.