Umwälzung XLVII

Tagesmail - Freitag, den 13. April 2018

Hello, Freunde der Umwälzung XLVII,

gelegentlich und unvorhersehbar ereignet sich Wunderbares in Berlin: Merkel greift ein. In die Politik. Unglaublich.

Aber das wäre doch nicht nötig gewesen, Frau Bundeskanzlerin.

Es geht doch nur um Krieg und Frieden in der Welt. Nichts von Belang für Ihre momentane Agenda. Keine Digitalisierung, keine Bruttoinlandswirtschaftsexportsiegesmeldungen. Ohnehin hat Ihre Lieblingsgazette Entspannung signalisiert. Es war die ZDF-Moderatorin, die kriegstreibende Spannung für ihre Quote benötigte:

„Das große Bangemachen nach Trumps Raketen-Rhetorik gilt inzwischen nicht mehr, aber die Talkmasterin will die Spannung trotzdem hochhalten: „Könnte eine direkte Konfrontation zwischen Russland und den USA außer Kontrolle geraten?“ (BILD.de)

Wir sind abgehärtete Abendlandsuntergangsvoyeure geworden. Katastrophen? Her damit. Apokalypsen? Immerzu. Ein psychologischer Thanatos-Experte:

„Untersuchungen haben ergeben, dass der Mensch den Kick sucht. Je öder der Frieden, je risikoreicher und gefährlicher das Wagnis, das Abenteuer, das Vabanquespiel, das der verantwortungsbewusste Mann suchen muss. Frauen sind für solche Herausforderungen weniger geeignet.“

Der Friede Gottes, welcher höher ist denn alle Vernunft – ist weder Friede, noch Vernunft:

„Ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern das Schwert. Denn ich bin gekommen, den Menschen zu entzweien mit seinem Vater und die Tochter mit ihrer Mutter und die Schwiegertochter mit ihrer Schwiegermutter. Und des ...

... Menschen Feinde werden seine eigenen Hausgenossen sein.“

Womit klar ist, dass ein Messias kein Familienfreund sein kann. Er zerstört die Familie, die Solidargemeinschaft, die Kosmo-Polis, die Gemeinschaft der Menschen, die ursprüngliche Eintracht mit der Natur.

Friede, ein alter Wunschtraum der Deutschen – oder?

„Ruh und Frieden. Ich glaubs wohl. Den wünscht jeder Raubvogel, die Beute nach Bequemlichkeit zu verzehren.“ „Wir wollens machen wie alle Eroberer: die Leute todtschlagen, um es mit ihrer Nachkommenschaft gut zu meinen.“ (Dichterfürst aus Weimar)

„Durch Frieden wird die sittliche Gesundheit der Völker zerstört. Krieg ist die Bewegung der Winde, um Seen vor der Fäulnis zu bewahren, in welcher sie eine dauernde Stille oder gar ein ewiger Friede versetzen würde. Aus Kriegen gehen die Völker nicht allein gestärkt hervor, sondern Nationen, die in sich unverträglich sind, gewinnen durch Krieg nach außen – Ruhe im Innern. Im Frieden dehnt sich das bürgerliche Leben aus, es ist auf die Länge ein Versumpfen der Menschen. Kant forderte den Ewigen Frieden. Allein der Staat ist Individuum, und in der Individualität ist die Negation wesentlich enthalten.“ (Dialektiker aus Stuttgart)

Frieden – gewiss doch. Aber nicht durch Moral und Gewissen, Vernunft und Einsicht:

„In einer kapitalistischen Gesellschaft reichen der „gute Wille“ zum Frieden und Appelle an Moral und Gewissen, an Vernunft und Einsicht nicht aus, imperialistische Kriege zu verhindern und den Frieden zu verwirklichen.“ (Marxistisch-Leninistisches Wörterbuch der Philosophie)

Warum ist die Friedensbewegung in Deutschland fast verstummt? Weil die 68er mit dem Rest der Republik darin übereinstimmten, das Geschwätz von Moral in den Staub zu treten. Eine mammonistische Gesellschaft ist in viele Klassen gespalten, aber nicht in der Verachtung der Moral und Vernunft.

Szene aus dem Park:

„Wie friedlich deine Kinder miteinander umgehen. Bestimmt lebst du ihnen Vernunft vor!“

„Vernunft? Ich werde alles tun, um ihnen Vernunft auszutreiben. Kommt, Kinder!“

Eine der längsten Friedenszeiten liegt hinter uns. Höchste Zeit, sie zu beenden. Sie wurde unerträglich. Und dennoch gab es Krieg – als Wirtschaftskrieg, als imperialer Freihandel. Mit 60 Milliarden werden europäische Landwirtschaftsfabriken subventioniert, dass kein Kleinbauer in Zentralafrika sich eine Hühnerzucht leisten kann. Wie viel Stütze kriegen die Oberen, die ohnehin fast alles haben? Freihandel ist Dominanz der Habenden, die sich rund um den Globus einverleiben, was ihnen unter die lüsternen Augen kommt. Der Handel der Nationen hat keineswegs den Krieg beendet.

„Unter dem stürmischen und gewitterschweren Himmel des Krieges und des Aufruhrs, der allgemeinen Empörung und Verwirrung gedeiht die kraftvolle Strenge der Selbstbeherrschung am besten, da kann sie am erfolgreichsten gepflegt und ausgebildet werden. In friedlichen Verhältnissen müssen häufig die stärksten Antriebe der Menschlichkeit erstickt oder vernachlässigt werden. (Adam Smith, Theorie der ethischen Gefühle)

In Mutterkulturen gab es keinen Krieg. Krieg war die erfolgreichste Erfindung gelangweilter Männer, die sich beim Verteilen der Welt einen blutigen Jux machen wollten:

„Was einst großzügig mütterlich, verzeihend, lebensstiftend aus den Wurzeln einer klassenlosen freien gerechten Sippengesellschaft gewachsen war, hatte sich unter dem Einfluss der Klassenspaltung in ein grausames, zerstörerisches, gegen sich selbst gerichtetes Kultsystem verwandelt. Aus Eros war Thanatos geworden.“ (Ernest Bornemann, Das Patriarchat)

„Kriege werden von einer männlichen Elite erklärt und von Männern niederen Ranges durchgeführt, während Priester alles absegnen – indem sie ununterbrochen von Frieden psalmodieren. Obgleich Männer sich einbilden, dass ihre Handlungen vernünftig sind, ist Krieg niemals vernünftig. Die Vernichtung der Welt durch ein paar weiße Männer, die mehr Reichtum sammeln wollen, als sie je verbrauchen können, ergibt keinen Sinn. Indem es weibliche Energie unterdrückt, schafft das Patriarchat eine Kultur, die zerstörerisch und todesorientiert ist. Das Katastrophenszenario, dem wir heute gegenüberstehen, ist nicht von Frauen entwickelt worden.“ (Barbara Walker)

Männer betrachten die Erde als Kick- und Eventkugel, die sie aufs Spiel setzen müssen, um sich gefordert zu fühlen.

Auch Kinder spielen alle Facetten des Lebens. Im Gegensatz zu ihren Vätern kennen sie den Unterschied zwischen Phantasie und Realität.

Kind A) „Ich hab ein Schießgewehr. Bumm. Jetzt wärst du tot.“ (Kinder benutzen instinktiv den Konjunktiv).

Kind B) (Heult) Nein, ich will aber nicht tot sein.

Kind A) Okay, wir spielen doch nur.

Vergleichen wir die Kinderszene mit Trump und seinen atomaren Gespielen:

Trump: Russland aufpassen! Die Raketen kommen.

Putin: Verdammte Heuchler, ihr wollt meine Verbündeten angreifen und töten.

Trump: Tja, Tod – thats life. Warum habt ihr auch gegen uns agitiert? Selbst schuld.

Die deutsche Kanzlerin hält die westliche Kriegsparanoia für richtig, will aber keine Bomber schicken. (Kunststück, die meisten sind defekt.)

Bei solcher Übereinstimmung von Tun und Denken darf sich der Westen nicht wundern, wenn er links zum Frieden blinkt und rechts in die Katastrophe abbiegt. Die Abwesenheit folgerechter Logik ist keine Petitesse. Sie führt zur kompletten dialogischen Unfähigkeit und argumentationsfreien Hetze – wie BILD etwa eine TV-Gesprächsrunde zusammenfasst:

„Fazit: Stimmungsmache, Schauspielerei und Scheinargumente. Auftritte wie frisch aus dem Kompetenzzentrum für Hohlfiguren. Die Talkmasterin watete tapfer durch immer neue Fakenews-Sümpfe. Das war ein Talk der Kategorie „Putin“: Lavieren, Leugnen, Lügen.“

Da ist nicht der kleinste Versuch, Argument mit Argument zu beantworten. Hass gegen Andersdenkende wird hier in blinder Wut vollstreckt.

Merkel geriert sich kriegerisch, indem sie den Krieg des Westens für gut hält und sich dennoch ins Abseits stellt. Das ist kein Pazifismus. Das ist Wegducken und Profitieren von anderen.

Europa brauche einen eigenen Weg, schreibt René Pfister im SPIEGEL. Ein eigener Weg wäre ein Sonderweg. Europa braucht keinen besonderen Weg, sondern den allgemein-gültigen: den Weg zum Frieden. Wer hier nicht den Anspruch hat, es besser zu wissen, der will den Weg in die Hölle. An dieser ultimativen Weggabelung muss jeder zeigen, wes Geistes Kind er ist. Eine Korrektur der Tragödie wird es nicht geben.

BILD-Blome plädiert für ein Sonderrecht der westlichen Staaten, das bei Feinden nicht angewendet werden darf. Wer anderen nicht dasselbe Recht zubilligt wie sich selbst, hat die anderen abgeschrieben.

„Weil sie zum Gift-Anschlag auf einen russischen Ex-Doppelagenten keine hundertprozentig gerichtsfesten Beweise vorgelegt hat, hat die britische Regierung Erklärungsnot. Und ebenso alle Länder, die sich im Streit mit Russland an die Seite der Briten gestellt haben, auch Deutschland. Daraus aber nun eilfertig zu schließen, Russland sei also im Recht, ist aberwitzig. Kritische Fragen an die Regierung, Zweifel, öffentliche Debatten? Die gibt es nur in freien Gesellschaften. Russland ist das Gegenteil. Politik funktioniert nicht wie ein Strafprozess. Sondern ist fast immer das Handeln auf Basis von Wahrscheinlichkeit und Abwägung.“ (BILD.de)

Eine katastrophale Logik. Wenn ein anderes Land nicht denselben Menschen-Rechten folgt wie das eigene, darf es nicht mit dem eigenen humanen Recht behandelt, sondern muss mit seiner inhumanen Rechtlosigkeit bestraft werden.

Nebenbei: mit dieser hirnrissigen Doppelmoral verteidigt BILD die Unrechtsannexionen Israels. Ist Israel nicht die einzige Demokratie im Nahen Osten? Andere Staaten dürfen Vorwürfe gegen Verletzung der Menschenrechte erheben – und begehen doch selbst Verbrechen gegen die Menschenrechte? Erledigt sie mit ihrer eigenen Barbarei.

Blome agitiert als privilegiertes Mitglied eines Besserwisserstaates, der sich jedes moralische Besserwissen intern verbittet und anderen Staaten den „Luxus“ der Menschenrechte verweigert, weil sie selbst dagegen verstoßen würden. Das ist das Talionsprinzip: Gleiches mit Gleichem. Auf sein privilegiertes Menschenrecht ist man stolz, feindlichen und unterwertigen Ländern aber will man es nicht zubilligen.

Sich mit anderen Maßstäben beurteilen als man andere beurteilt: das ist bereits die Eröffnung der Feindschaft. Russland wagt es – so der Tenor vieler Kommentare –, stichhaltige Beweise zu fordern. Was jeder gesunde Menschenverstand für richtig hält, muss bei den Russen als hinterhältige List gewertet werden. Wir werden unsere hohen Rechts-Errungenschaften (die bekanntlich nicht auf unserem Mist gewachsen sind) doch nicht wie Perlen vor fremde Säue werfen.

Im Frieden genießen die Völker die Lust am Leben, sodass sie alt und lebenssatt sterben können. In Hellas galt Friede als Gesundheit des Daseins. „Der Friede ist der natürliche gesunde Zustand, der Krieg als das Unnatürliche, Krankhafte Abnorme. Die Idee des Panhellenismus beruht auf der Verwerfung des Krieges und der Rühmung des Friedens.“ Wer seelisch gesund ist und sich in heiterer Gelassenheit anerkennt, muss gegen seine Mitmenschen nicht wüten.

Schon früh begann sich der friedliche Gedanke bei den Hellenen zu regen. Während der Olympischen Spiele hatten die Waffen zu ruhen. Pythagoras: „Den gegenseitigen Umgang müsse man so gestalten, dass man sich die Freunde nicht zu Feinden, die Feinde dagegen zu Freunden mache.“

Gegen das uralte Friedensprinzip verstößt der Westen heute in eklatanter Weise. Anderen werden Fehler und Vergehen ins Stammbuch geschrieben, die eigenen begeht man, ohne die geringste Selbstkritik zu äußern.

Herodot berichtet von Thales, dieser habe bereits an einen internationalen Rat als höchste Autorität zur Regelung von Streitigkeiten gedacht. Die Polis erweiterte sich unablässig zur Kosmopolis. Der freie Mensch betrachtet jeden Menschen als gleichwertig und ist überall auf der Welt zuhause. „Dem weisen Mann steht jedes Land offen, denn die Heimat einer edlen Seele ist die ganze Welt,“ heißt es in einem Fragment des Demokrit.

Wenn friedliches Zusammenleben Gesundheit ist, müssen Hass und Verbrechen Krankheiten sein. Nach mehr als 2000 Jahren zögern heutige Kommentatoren noch immer, psychische Krankheit als Ursache bösen Tuns anzuerkennen. Gibt es nicht seelische Krankheiten, die nicht zur Fremdschädigung führen?

Psychiatern wird ein Sonderwissen zugebilligt, mit dem sie angeblich mit Röntgenblick seelische Gesundheit präzis von Krankheit unterscheiden können. Da soll es einen gewöhnlichen und einen bösartigen Narzissmus geben. Gesundheit und Krankheit werden nicht politisch abgeleitet, sondern offenbaren sich einer Spezialerkenntnis der Fachleute.

Krankheit gilt als abweichendes Verhalten, obgleich sie Resultat einer kranken Gesellschaft ist. Massenneurose schützt vor Einzelneurose. In der kranken NS-Gesellschaft waren Widerständler die einzig Gesunden. Wer an sich leidet, leidet an der Gesellschaft. In einer kranken Gesellschaft ist der Kranke der Ehrlichste.

Die Gesellschaft will nicht schuld sein, wenn einer ihrer Sprösslinge wieder einmal Schuld auf sich geladen hat. Das Individuum ist nicht die Frucht seiner Erziehung, sondern hat sich – kein Mensch weiß, warum – aus purer Bosheit zur Bosheit entschieden.

Wenn das satanische Böse beginnt, endet alles Verstehen und Erklären – und jeder Versuch, durch prophylaktische Humanisierung der Gesellschaft solche Deformationen zu vermeiden. Verbrechen und Krankheiten sind klaffende Wunden der Gesellschaft.

Was wäre, wenn es keine objektiven Ursachen des Verbrechens gäbe? Dann wäre alles Kranke und Schreckliche – böse. Darauf läuft heute alles hinaus. Das Böse ist weder versteh- noch veränderbar. Von BILD-Reichelt wurde jedes Verstehen des Kranken und Gefährlichen vernichtet. Putin-Versteher, Verbrechens-Erklärer werden mit Schaum vor dem Mund an die Wand gestellt. „Feige und hinterhältig“ muss jedes Verbrechen sein.

Trump galt anfänglich als exemplarischer, später als bösartiger Narziss. Zwischendurch war er ein Kind. Mit der Gesellschaft durfte sein Charakterprofil nichts zu tun haben. Die Diagnosen der Seelenkenner lassen jeden Zusammenhang mit Politik vermissen. Die Krankheitsbeschreibungen entstammen einem Reich sui generis.

Der Psychologe Wolfgang Köhler verließ in den 30er Jahren das Deutsche Reich, weil seine Kollegen den politischen Zusammenhang von Massenneurose und Einzelneurose nicht sehen wollten. „Köhler verließ Deutschland, desillusioniert von den Psychologen und Therapeuten, die sich als Konformisten erwiesen. „Analytiker ohne Widerstand“ wäre ein guter Titel für einen Essay über selbstauferlegten Konformismus.“ (Fritz Stern, Der Traum vom Frieden und die Versuchung der Macht)

Keine Gesellschaft kann Frieden halten, wenn sie mit sich nicht im Reinen ist. Eine unmoralische Gesellschaft ist krank. Ihre verdrängte Krankheit wird zur Ursache des Unfriedens. Je mehr sie ihre Krankheit verdrängt, umso eher ist sie geneigt, sich durch Krieg ein externes Ventil zu schaffen.

Fast jede Herleitung eines Fehlverhaltens oder Verbrechens beschränkt sich heute auf individuelle Ursachen oder dämonisiert es als Frucht satanischer Bosheit. Die Gesellschaft muss rein bleiben. Psychiater und Psychotherapeuten dienen der heutigen Gesellschaft als Gesundbeter und Apologeten. Die Schuld liegt beim Einzelnen, Gott und Gesellschaft sind immer unschuldig.

Seelische Krankheit führt zur moralischen Unfähigkeit. Nehmen wir Trump. Wie wird er heute bewertet, wenn er just for fun andere Länder bedroht, wieder zurückweicht, wirr und unberechenbar erscheint? Pfister:

„Der amerikanische Präsident ist kein verlässlicher Partner, sondern ein großmäuliger Hasardeur, das hat er in den vergangenen Tagen mehr als deutlich gezeigt.“

Trump twittert „heute Dünnpfiff, morgen sein Mittagessen und übermorgen den Weltuntergang.“ (SPIEGEL.de)

Ex-FBI-Comey:"Trump fordere absolute Loyalität, sehe die ganze Welt gegen sich und lüge in jeder Hinsicht. Trump lebe in einem "Kokon einer alternativen Realität", in den er die Menschen in seinem Umfeld hineinziehen wolle“. (SPIEGEL.de)

Für Poschardt ist Trump ein Hipster, den er untergründig bewundert:

„Auf eine ziemlich abgefahrene Art demokratisiert Donald Trump die Politik, das Staatsmännische und insbesondere die Diplomatie, die gerne hinter mit Leder ausgeschlagenen Eichentüren ihr glattes und geheimes Wesen treibt. Aus der hohen Schule der Diplomatie wird ein robuster Stammtisch. Die Wahrheit existiert nur im Moment, sie ist mehr gefühlt als reflektiert. Die Ethik des Hipsters ist unmäßig und in der kindlichen Anbetung der Gegenwart gebunden. Er macht es persönlich und authentisch. Das macht ihn wohl so beliebt bei seinen Wählern, die ihn mehr spüren als jeden anderen.“ (WELT.de)

Ohne es zu wissen, beschreibt Poschardt den amerikanischen Präsidenten in Analogie zu Hitler, der als Nachfolger Jesu die Priester aus ihrem glatten und geheimen Wesen – aus dem Tempel – getrieben hat. Er übertrat alle heiligen Konventionen und brüskierte alle Autoritäten. Er blieb undurchschaubar und anonym und präsentierte sich als „persönlicher und authentischer“ Erlöser.

„Hitler erschien vielen als eine Art Heiland – schließlich benutzte er selbst unausgesetzt das Vokabular des Christentums. In dieser von Verzweiflung und Ratlosigkeit geprägten Stimmung und angesichts der Fakten – der „stillen Säkularisierung“ und des kaschierten Abfalls vom Christentum – sahen viele Deutsche in Hitler den Erlöser und Retter.“ (Fritz Stern)

Auch der Hipster fühlt sich als avantgardistischer Künstler, der der Gesellschaft eine Botschaft zu vermitteln hat. Der geniale Künstler ist der eigentliche Messias der Gegenwart. Eben dies war das Selbstbild Hitlers, der Wagners künstlerische Botschaft in die Realität übersetzen wollte. So die Kernthese des Buches von Wolfram Pyta: Hitler. Der Künstler als Politiker und Feldherr. Eine Herrschaftsanalyse.

«Der Politiker Hitler ist ohne den Künstler Hitler nicht denkbar.» Ein weiterer und noch wichtigerer Gewährsmann dafür ist ihm Thomas Mann, der in dem 1938 und 1939 mehrfach publizierten Essay „Bruder Hitler“ widerwillig zugestanden hatte: «Aber muß man nicht, ob man will oder nicht, in dem Phänomen eine Erscheinungsform des Künstlertums wiedererkennen?» Weit weniger bedeutsam als der Aquarellist und Maler Hitler ist für Pyta im Hinblick auf dessen „politische Theatralität“ allerdings der «verhinderte Theaterarchitekt und passionierte Wagnerianer Hitler, der die Wagner-Aufführungen an der Hofoper in Wien, der ersten Adresse unter den deutschsprachigen Musiktheatern, erlebte».

Hitlers Anordnungen, besonders während des Krieges, waren immer unvorhersehbar:

„Es ist entlarvend, dass Hitler in den Lagebesprechungen operative Anweisungen niemals auf der Grundlage exakter tabellarischer Auflistungen erteilte, weil er seine Entscheidungsfreiheit nicht durch ein Zahlenkorsett einengen lassen wollte. Je mehr Hitler in seiner Funktion als Feldherr aufging, desto mehr trachtete er danach, seine Entwurfsfreiheit nicht durch ein phantasietötendes militärisches Zahlenwerk einschränken zu lassen. Daher konnte er auf der Karte mit Armeen operieren, die in ihrer kartographischen Zeichenhaftigkeit eine Kampfkraft vortäuschten, die längst nicht mehr vorhanden war“.

Er imitierte sein großes Vorbild Friedrich den Großen, der auch Wert darauf legte, unberechenbar zu sein:

„Der Preußenkönig hatte seine militärische Selbstbehauptung im Siebenjährigen Krieg letztlich der geheimnisvollen und nicht steuerbaren Macht des Zufalls zugeschrieben, die nicht kalkulierbar sei und am Ende jenen zuteilwerde, die von den Musen geküsst und dem Irrglauben einer wissenschaftlichen Enträtselung des Krieges nicht erlegen seien.“

Unberechenbare Söhne der Vorsehung müssen risikobereite Spieler sein. Denn sie wissen nicht, was die Vorsehung im Wechsel der Augenblicke für sie vorgesehen hat.

«Ich habe in meinem Leben immer va banque gespielt.» Als oberster Befehlshaber der Wehrmacht bekannte er sich im kleinen Kreis immer wieder zu diesem Prinzip; gerade wenn er keine militärfachlichen Gründe für seine militärischen Führungsentscheidungen an führen konnte, pflegte er gegenüber der Generalstabselite zu erklären: «Er müsse eben Hasard spielen».“ (Literaturkritik.de)

Hipster und Hasardeur verschmelzen bei Trump zum Sohn des Himmels, der den Menschen ein ganz persönlicher und nahbarer Heiland sein will und alles auf eine Karte setzen muss, um sein Erlöserwerk zu beglaubigen. Das Wagnis des Glaubens ist das Va-banque-Spiel der Erlöser, die dem unbekannten Weg ihres himmlischen Vaters in Gehorsam folgen müssen.

Poschardt, wie Trump Bewunderer des amoralischen Abgrunds, denkt nicht daran, den Zocker im Weißen Haus auf „primitivem Moral-Niveau“ zu kritisieren. "Der gegenwärtige Präsident ist ein Mann ohne Moral und agiert ohne jede Bindung an die Wahrheit und die Werte unserer Demokratie": Solche Sätze wie die von James Comey sind von einem subkutanen deutschen Bewunderer Trumps nicht zu erwarten. (SPIEGEL.de) Der WELT-Chefredakteur kokettiert mit der Vorstellung, die deutsche Ausgabe Bannons zu spielen. Wie Bannon der Säkularisierung des christlichen Glaubens den Kampf ansagte, so scheint Poschardt entschlossen, der autonomen Humanität und demokratischen Vernunft die rote Karte zu zeigen.

Wer moralfreie Hasardeure anbetet, hat den Frieden verraten.

 

Fortsetzung folgt.