Umwälzung XLIV

Tagesmail - Freitag, den 06. April 2018

Hello, Freunde der Umwälzung XLIV,

fast alle TV-Berichte über die Friedensmärsche an Ostern glichen Nachrufen am offenen Grab: vor 60 Jahren, da begann dieses merkwürdige Phänomen, seitdem schmolz die Zahl der TeilnehmerInnen von Jahr zu Jahr. Dann einige Nahaufnahmen wackerer Altrecken mit immer den gleichen Träumer-Plattitüden – das war‘s. Die subkutane Botschaft an das Publikum: Kann man vergessen.

The american dream hingegen galt bis kurz vor Trump noch als Inbegriff einer neuen Welt. Martin Luther Kings Donnerrede: Ich habe einen Traum, galt als Vision einer besseren Menschheit. Merke: Träumen dürfen nur andere. Zu Hause wird geschafft.

An den Pranger stellen bedeutete ursprünglich: jemanden öffentlich vorführen. Bei Plasberg wurde vor kurzem ein Mensch an den Pranger gestellt, entblößt und inquisitiert (inquisitio = Untersuchung). Nicht irgendein Mensch, sondern ein anonymes, in der Öffentlichkeit unsichtbares Wesen, von dem man rätseln konnte: gibt es das überhaupt – oder ist es ein Phantom, die Erfindung linker Revoluzzer? Es war nicht irgendein armes Wesen: es war – eine Hartz4-Existenz.

„Außer Ihnen“, erklärte der Moderator, „sitzt hier niemand, der mit dem Groschen rechnen muss. Können Sie beweisen, dass Sie mit der staatlich gewährten STÜTZE (obligates Ekelwort, um weitere STÜTZEN-Parasiten abzuschrecken) tatsächlich nicht über die Runden kommen? Ach, es geht nur um besondere Ausgaben? Seit wann ist STÜTZE für besondere Ausgaben zuständig?“

Zugleich wurde eine komplementäre Ausgabe dieser merkwürdigen Hartz4-Spezies in den Medien herumgereicht: Eine Mutter mit Kindern, die – unglaublich, aber wahr – pro Monat einiges zurücklegen konnte, um sich den unfasslichen Luxus eines Urlaubs zu leisten.

Subkutane Botschaft: Minister Spahn, der neue Ritter ohne Furcht und Tadel, hatte Recht. Die Armen im Lande sind mehr als gut bedient. Ja, sie werden „von unseren schwer erwirtschafteten Steuergeldern“ geradezu verwöhnt. Wer ...

... meckert, kriegt Ärger.

Standardfloskel eines Parteikollegen von Spahn in „Hart aber fair“: „Machen wir uns doch mal – ausnahmsweise – ehrlich. Es gibt Schlawiner und Faulenzer. Müssten sie nicht hart aber fair sanktioniert werden?“ Die Frage blieb unausgesprochen.

In den Medien beginnt die Ära der dekretorischen Herrengesten. Schluss mit … lästigen Debatten. Es ist, wie es ist. Es ist, wie ich es sage. Wie oft soll man sich diese Neid- und Verwahrlosungsphrasen noch anhören?

Michael Sauga kann dieses Geschwätz nicht mehr hören. Im SPIEGEL erledigt er die Hartz4-Kritiker mit wenigen Zahlen und Figuren:

„Die SPD ist in diesen Tagen mal wieder mit ihrer Lieblingsübung beschäftigt: die Agenda-Reformen ihres einstigen Kanzlers Gerhard Schröder schlechtzureden. Die Zahlen sagen etwas anderes: Seither sind nämlich Millionen neue Jobs entstanden, wie die Statistiker der Bundesagentur für Arbeit heute erneut vorrechnen werden. Und die Schere zwischen Arm und Reich ging hierzulande zwischen 1995 und 2005 auseinander, also bevor die Hartz-Reformen wirksam wurden. Danach blieb die Ungleichheit nahezu konstant. Wie hieß es noch bei dem legendären SPD-Chef Kurt Schumacher? «Politik beginnt mit dem Betrachten der Wirklichkeit.»" (SPIEGEL.de)

Wir lernen: Wirklichkeit besteht aus Zahlen. Menschen sind ambulante Daten, mathematisch erfassbare Quantifizierungen. Seelenkenner brauchen wir nicht mehr. Die Seele ist zum Algorithmus geworden. Der Unterschied zwischen Sein und Schein – alles Zinnober von gestern. Sauga will nicht wissen, was die Betroffenen denken und empfinden. Er macht statististische Fernanalysen.

Es war die ZEIT, die auf die ungewöhnliche journalistische Idee kam, sich auf Spurensuche zu begeben und die Opfer selbst zu Worte kommen zu lassen.

„Was viele belastet, ist jedoch nicht nur die Armut. Sondern das Gefühl, nicht selbst über die eigene Situation bestimmen zu können. Sie lebe ständig in Angst, weil sie nicht wisse, wie es weitergeht, schreibt eine Frau. «Es ist weniger die finanzielle Situation als vielmehr der würdelose Umgang des Jobcenters mit mir als Antragsteller», schreibt ein Leser. Viele berichten von Problemen: «Die Hartz-IV-Bescheide sind ständig falsch, man muss um sein Geld kämpfen. Aber wehe, wenn das Jobcenter mal zu viel zahlt, dann sind die ganz schnell mit Rückforderung.» Eine junge Mutter schreibt: «Diese Erniedrigungen vom Jobcenter gehen einem echt gegen den Strich.»" (ZEIT.de)

Zählen und Rechnen gegen Empfinden und Erfahren. Bis vor kurzem gab es nur postmoderne Subjektivismen, die Objektivität war tot. Inzwischen ist das subjekjtive Selbstbild der Abgehängten zu Trug und Selbsttäuschung geworden. Das Charisma der Zahl hat alles Verstehen reduziert auf Konstatieren, Zählen und Rechnen. Es gibt keine verschiedenen Welten mehr. Wir haben das Wesen der Dinge freigeschaufelt. Es ist die hintergrundlose, seiende wie scheinende, berechen-, beherrsch- und regulierbare Zahl. Der Unterschied zwischen Geist- und Naturwissenschaften ist eingeebnet. Die ersteren haben sich endgültig den letzteren ergeben. Der Streit ist entschieden:

„Der Geist des Panmensurismus, dem alles in der Welt als messbar erschien, hat auf der ganzen Linie gesiegt. Das kalkulatorische Rechnen wurde zur mathematischen Grundlage für die Berechnung der Wirtschaft und die exakte Messung der Wissenschaft.“ (Friedrich Wagner, Die Wissenschaft und die gefährdete Welt.)

Big Data ist das Ergebnis einer jahrhundertelangen Umwertung aller sprachlichen in zahlenmäßige Zeichen. Wir müssen nicht mehr lesen, keine Texte verstehen, nicht mit Worten streiten, keine Begriffe klären. Wir müssen zählen, rechnen und programmieren. Die Herrschaft über Natur und Menschen wird wortlos.

Zu Beginn der Neuzeit wurde das Denken, das „nach dem Wesen der Dinge fragte, in eine funktionelle Methode verwandelt, welches das Benehmen der Dinge in ihrer gegenseitigen Abhängigkeit feststellen musste. Die Behandlung der Naturerscheinungen in Worten musste zugunsten einer mathematischen Formulierung der Relationen aufgegeben werden. Die Mechanisierung, die das Weltbild beim Übergange von antiker zu moderner Naturwissenschaft erfahren hat, besteht in der Einführung einer Naturbeschreibung mittels mathematischer Begriffe der Mechanik.“ (Eduard J. Dijksterhuis, Die Mechanisierung des Weltbildes)

Die liederliche Vernachlässigung der Begriffe, die Verkümmerung der strengen Debatte, die Deutbarkeit aller Texte nach Wohlgefallen: all dies verweist auf das nahende Ende des Wortes als Denkmittel und Verständigungsmethode. Die Mächtigen unterhalten sich nur noch mit Zahlenchiffren und mathematischen Herrschaftskürzeln.

Am Anfang war das Wort? Es war nicht das Wort der Verständigung zwischen Gleichberechtigten, sondern das Offenbarungs-, Befehls- und Schaffenswort. Wenn Gott spricht, hat alles zu schweigen.

„Darum danken auch wir ohne Unterlaß Gott, daß ihr, da ihr empfinget von uns das Wort göttlicher Predigt, es aufnahmt nicht als Menschenwort, sondern, wie es denn wahrhaftig ist, als Gottes Wort, welches auch wirkt in euch, die ihr glaubet.“

Am Anfang war das göttliche Wort, das alles aus Nichts erschafft. Die Finsternis der Menschen hat es nicht angenommen. Zur Strafe beraubte Gott die Worte der Menschen ihres Sinnes und ersetzte sie durch eine Zahlensprache, in der der Mensch sich nicht mehr erkennt. Mathematik ist immer rein, nicht besudelt von menschlichen Irrtümern, Emotionen und subjektiven Fehleinschätzungen.

„Die Mathematik ist das Alphabet, mit dem Gott die Welt geschrieben hat.

Wer Geometrie begreift, vermag in dieser Welt alles zu verstehen.

Die Natur ist in der Sprache der Mathematik geschrieben.“ (Galilei)

Mathematik ist die reine Sprache Gottes. Wer sie beherrscht, ist in der Lage, die Natur zu entziffern. Nach dem Fall des babylonischen Turmes verwirrte Gott die Sprache der Menschen. Seitdem versteht „keiner mehr des andern Sprache“. Die Sprachverwirrung betrifft nicht nur Völker, sondern alle Individuen. Die Atomisierung und Vereinzelung der Menschen ist im Kern eine sprachliche Entfremdung.

Das aufbrechende philosophische Bedürfnis wollte sich mit der Vereinzelung nicht abfinden und dachte über Möglichkeiten nach, durch Klärung der Sprache die eingestürzte Brücke zwischen den Menschen wieder herzustellen. Das spürte der chinesische Philosoph:

„Wenn die Begriffe nicht richtig sind, so stimmen die Worte nicht; stimmen die Worte nicht, so kommen die Werke nicht zustande; kommen die Werke nicht zustande, so gedeiht Moral und Kunst nicht; gedeiht Moral und Kunst nicht, so treffen die Strafen nicht; treffen die Strafen nicht, so weiß das Volk nicht, wohin Hand und Fuß setzen. Darum sorge der Edle, daß er seine Begriffe unter allen Umständen zu Worte bringen kann und seine Worte unter allen Umständen zu Taten machen kann. Der Edle duldet nicht, daß in seinen Worten irgend etwas in Unordnung ist. Das ist es, worauf alles ankommt.« (Kung-fu-tse)

Nichts anderes will Sokrates mit seiner Hebammenkunst. Der Dialog ist ein Versuch, die Menschen durch Klärung ihrer Sprache zur Verständigung zu bringen:

„So wie eine Hebamme, die selbst nicht mehr gebären kann, anderen bei der Entbindung beisteht, so verfahre er, Sokrates: Er gebäre selbst keine Weisheit, sondern stehe nur anderen beim Hervorbringen ihrer Erkenntnisse bei. Niemals belehre er seine Schüler, aber er ermögliche denen, die sich ernsthaft bemühten, schnelle Fortschritte. Mit der Geburtshilfe befähige er sie, in sich selbst viel Schönes zu entdecken und festzuhalten“.

Philosophie ist eine zweite Geburt. Keine Wiedergeburt durch Töten des alten Menschen in heiligen Wassern. Sondern Erinnern an die verlorene Echtheit und Zuverlässigkeit der menschlichen Sprache.

Wiedergeburt durch Denken ist eine Reminiszenz an das Reich der Mütter, in der die Sprache durch männliche Macht noch nicht kontaminiert war.

Die moderne Naturwissenschaft sah in der Mathematik die reine Sprache Gottes, die verloren gegangen war und die sie wieder gefunden hatte.

„Zwischen Religion und Naturwissenschaft finden wir nirgends einen Widerspruch. Sie schließen sich nicht aus, wie heutzutage manche glauben und fürchten, sondern sie ergänzen und bedingen einander“. (Max Planck)

In Naturwissenschaft und Mathematik erkannten die Modernen ihre Chance, eine heteronome Offenbarungssprache in eine selbstgefundene Sprache der Natur zu verwandeln.

Kant bewunderte die Mathematik als „das glänzendste Beispiel einer sich ohne Beihilfe der Erfahrung von selbst glücklich erweiternden reinen Vernunft.“

Reine Vernunft ist durch empirische Erkenntnis der Natur nicht befleckt. Sie ist a priori oder von vorneherein, die das a posteriori oder das Nachhinein, bestimmt. Das a priori entspricht dem religiösen „am Anfang war das Wort“. Wie Gott sprach: es werde, so spricht die apriorische Mathematik: ich bestimme die Natur. Natur erschaffen aus Nichts kann sie nicht, aber das vorhandene Unerkennbare prägen, dass es erkannt werden kann. Der Mensch erkennt die Natur, weil er sie prägt. Er erkennt nur sich selbst und seine Machenschaften. Ein Fremdes erkennen wäre eine Unterwerfung.

„Die Mathematik gehört – mit der Physik – zu den theoretischen Erkenntnissen der Vernunft. Sie bestimmt ihre Objekte ganz rein a priori. Beispiel: Dem ersten, der den gleichschenkligen Triangel demonstrierte, dem ging ein Licht auf. Denn er fand, dass er nicht dem, was er in der Figur sah oder auch dem bloßen Begriffe derselben nachspüren und gleichsam davon ihre Eigenschaften ablernen, sondern durch das, was er nach Begriffen selbst a priori hineindachte und darstellte (durch Konstruktion) hervorbringen müsse und dass er, um sicher etwas a priori zu wissen, der Sache nichts beilegen müsse, als was er aus dem notwendig folgte, was er seinem Begriffe gemäß in sie gelegt hat.“ (Kant-Lexikon)

Hier sehen wir den gewaltigen Unterschied zwischen griechischem Natur- und modernem Omnipotenzdenken. Sokrates fungierte als Hebamme, die Erkenntnis aus der Natur gebärt. Kant überwältigt Natur mit seiner Erkenntnis oder und legt sie in sie hinein. Der Grieche lernt von der Natur, der Moderne belehrt die Natur. Der eine betreibt Eros im Einklang mit der Natur, der andere fragt nicht nach ihrem Einverständnis. Der tiefste Punkt der Metoo-Debatte ist die Vergewaltigung der Natur durch den A-Priori-Mann, der die A-Posteriori-Frau beglückt, wie es ihm gefällt.

Ökologie ohne Naturphilosophie ist wie Atmen ohne Luft. Warum sind die Grünen ihren Anfängen untreu geworden? Weil sie die „Anstrengung des Begriffs“ gescheut haben. Sie wollten der Bevölkerung kein Grundsatzdenken zumuten. Eben dies wäre nötig gewesen, um den christlichen Naturhass aufzubrechen und zu neuen Ufern zu führen.

Beispiel Plastikverseuchung. Michael Braungart, einer der fähigsten Öko-Denker hält in der ZEIT den Deutschen den Spiegel vor. Der Aufbruch der Ökologiebewegung wurde im Treibsand des Neoliberalismus erstickt. Die Kanzlerin ist eine Rechnerin und Beterin, eine selbständige Denkerin ist sie nicht. Während ihr französischer Kollege mit clarté zu brillieren versucht, will sie die Herzen ihrer Untertanen als einfältige Domina gewinnen. Begriffe ohne Gefühle sind leer, Gefühle ohne Verstand sind blind.

„In der Recyclingbranche ist in den vergangenen dreißig Jahren gar nichts passiert. Wir waren 1990 weiter als jetzt; die Umweltdiskussionen wurden damals einfach viel grundsätzlicher geführt. Man führte den grünen Punkt ein, um Verpackungen zu recyceln, und man wollte Giftiges aus dem Verkehr ziehen – und seither ist nichts weiter geschehen. Kein einziger giftiger Klebstoff und kein giftiges Material sind in den vergangenen Jahrzehnten vom Markt verschwunden.“ (ZEIT.de)

Gedanken müssen zu Politik werden. Doch wer in die politische Arena steigt, wird es nicht vermeiden können, seine Gedanken an der Garderobe des Bundestages abzugeben, wenn er sich nicht als Katheder-Philosoph lächerlich machen will.

Parteien, die sich nicht regelmäßig durch Denken revitalisieren, degenerieren zu gedankenfreien Machtmaschinen. In diesem Zustand befinden sich die gegenwärtigen Parteien – die, genau besehen, alle miteinander kohabitieren könnten. Außer eitlen Nichtigkeiten sind sie sich zum Verwechseln ähnlich.

Die ungeheure Verführungskraft der heutigen Algorithmen-Maschinen besteht in der reinen Sprache der Mathematik, die nichts anderes ist als die Sprache Gottes, übersetzt in Zählen, Rechnen und Beherrschen. Wer der Natur die himmlischen Flötentöne beibringen kann, der hat sie im Griff – so glaubt er.

Doch er täuscht sich in selbstgefährdender Weise. Auch Mathematik ist eine Erkenntnis, die der Mensch der Natur verdankt. Wie alles Menschliche, unterliegt sie Versuch und Irrtum und erkennt nur gewisse Aspekte der Natur. Menschen kann sie nicht auf Zahlen reduzieren, Sprache nicht in Quantität verwandeln, ohne dass sie Wesentliches verlöre.

Es gäbe nur eine Möglichkeit, die Despotie der Zahlen zu beenden: wenn wir um den Erhalt unserer Sprache kämpften, unsere Begriffe klärten, uns der verlorenen Sprache der Natur erinnerten. Nicht Maschinen und Zahlen werden uns Fortschritt bringen, sondern eine leidenschaftliche Epoche des Philosophierens.

„Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren
Sind Schlüssel aller Kreaturen

Dann fliegt vor Einem geheimen Wort
Das ganze verkehrte Wesen fort.“

Novalis spürte das Einseitige und Gefährliche der aufstrebenden Naturwissenschaften. Doch er zog die falschen Schlüsse und verendete im Numinosen und Religiösen.

Ein SPD-Minister namens Heil will keine Maschinen besteuern. Das wäre ja eine Neuauflage der Maschinenstürmerei. Maschineller Fortschritt ist zur Heils-Geschichte geworden. Fortschritt durch Einsicht und moralisches Handeln ist unbekannt.

Widerstand gegen den Fortschritt? Ein Ding der Unmöglichkeit. Alles, wozu der Mensch fähig ist, wird er exekutieren und zum Ereignis machen.

Widerstand gegen das unvermeidlich auf uns Zukommende – zwecklos. Wir dürfen nicht darüber nachdenken, wir dürfen über unsere Zukunft nicht entscheiden.

„Es gibt nichts Prekäreres heute, nichts, was einen Mann so prompt unmöglich machte, wie der Verdacht, er sei ein Maschinenkritiker. Die Obsoletheit Ernst Blochs, der sich dagegen sträubte, von dem Ereignis Hiroshima auch nur Kenntnis zu nehmen, hat in seinem, beinahe auf Trägheit hinauslaufenden, Glauben bestanden, wir lebten noch immer in einem „Noch-nicht“, das heißt, in einer dem Eigentlichen vorangehenden Vorgeschichte.“ (Günther Anders, Die Antiquiertheit des Menschen)

In gleichem Sinne hätte Anders einen Trierer Revolutionär kritisieren können, der am Verlauf der linearen Heilsgeschichte Nullkommanix ändern wollte. Der gegenwärtige Wahn um Marx preist einen Geschichtsanbeter, dessen Erkenntnisse kein Mensch denkt, in Politik umzusetzen, aber noch viel schlimmer: in dessen Name Millionen Menschen vernichtet wurden. Wenn Sozialismus und Kapitalismus in ihrer linearen Heilsbesoffenheit einer Meinung sind, wer darf sich da noch wundern, wenn der Westen einer quietistischen Seins-Untertänigkeit folgt. Auch wenn er das Sein als rasenden Fortschritt anbetet:

„Marx bestritt stets, von ethischen oder humanitären Gründen beeinflusst zu sein, wenn er sich für den Sozialismus oder die Sache der Arbeiter einsetzte. Nie behauptete er, dass diese Sache moralisch besser, sondern nur, dass es die von der Dialektik in ihrer völlig deterministischen Bewegung vertretene Sache wäre. Er trat nicht für den Sozialismus ein, er prophezeite ihn.“ (Bertrand Russell, Philosophie des Abendlandes)

Warum sollte es in Deutschland einen Veränderungswillen geben, wenn das Land sich als Garten Eden definiert, als Land, wo Milch und Honig fließt und die Untertanen vor Nächstenliebe überschwappen? So ideal sieht sich eine Nation, die sich jede Utopie verbittet.

Nächstenliebe ist das Gegenteil einer Energie des Umschwungs. Alles soll bleiben wie es ist, denn die beste Nächstenliebe ist die Liebe – zu Gott, der jede Liebe zu den Nächsten mit ewigem Verderben bedroht:

„Wer Vater oder Mutter mehr liebt denn mich, der ist mein nicht wert; und wer Sohn oder Tochter mehr liebt denn mich, der ist mein nicht wert.“

Für Alexander Rüstow ist dieses Wort Jesu der Anspruch eines totalitären Staates. Die innigste Liebe und Verehrung gebührt der höchsten Macht allein. Alles andere ist nur Schein. Wer einem Notleidenden hilft, darf nicht ihn lieben, sondern den Herrn. „Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.“

Die Eifersucht eines einsamen Gottes, der geliebt werden will, gegenüber seinen Geschöpfen, die sich untereinander lieben könnten – wenn sie dürften –, scheint unermesslich. Echte Liebe unter Menschen ist verboten, denn sie lässt Gott im Regen stehen. Echte Hilfe für Schwache ist verboten. Wer nichts hat, dem wird noch genommen, was er hat. Der Arme soll vollends geplündert werden. Wozu braucht er Irdisches, wenn er im Jenseits mit Seligkeit belohnt wird?

Lieblose Passivität und veränderungsunwilliges Warten sind die Kennzeichen der abendländisch gebrandmarkten deutschen Nation. Warum tut sich nichts, obgleich Superkatastrophen täglich über uns hereinfluten? 550 Experten aus aller Welt, schreibt Bernhard Pötter in der TAZ, haben festgestellt:

«Biodiversität, die überlebenswichtige Vielfalt der Lebensformen auf der Erde, geht weiter in allen Regionen zurück», heißt es. «Der dramatische Rückgang reduziert signifikant die Möglichkeit der Natur, zum Wohlergehen der Menschen beizutragen. Dieser Trend gefährdet die Wirtschaft, Lebensunterhalt, Ernährungssicherheit und die Lebensqualität überall.»“ (TAZ.de)

Zu dieser Frage hat die Familie Pinzler ein interessantes Jahresexperiment gemacht:

„Wie wir ein Jahr lang CO2 sparten und dabei unsere Freunde und uns selbst neu kennenlernten – und warum wir heute anders übers Klima und die Rettung der Welt sprechen.“ (ZEIT.de)

Wie reagierten ihre Freunde auf den Versuch, der alltäglichen Heuchelei und Selbst-Belügung zu entgehen? Die typische Reaktion eines Freundes:

„Seine Reaktion wird noch heftiger: Das Paradies auf Erden kriege man sowieso nicht. Schon gar nicht durch das ganze grüne Getue, den fair gehandelten Ökoscheiß und das selbstgerechte Weltrettungsgehabe. Dann sagt er noch: "Sündigt lieber fröhlich und mit Genuss. Und kämpft gegen die wirklich Bösen."

Das ist Luther pur: sündiget tapfer, wenn ihr nur an das Gute glaubt. Dies verbunden mit dem Paradiesverbot derer, die ohnehin dort wohnen. Leider lässt sich die tapfere Familie Pinzler von einem „Experten“ zur theoretischen Amoral verführen, um mit ihrer praktischen Moral nicht alle Freundschaften aufs Spiel zu setzen:

„Per Espen Stoknes kennt diese Wechselbäder der Gefühle. Er empfiehlt deswegen, einfach aus dem emotionalen Spiel um Schuld, Moral und Anschuldigung auszusteigen. Sich selbst moralisch zu überhöhen oder zu kasteien würde ebenso wenig weiterführen, wie anderen die Schuld zuzuweisen.“

Man erhöht sich nicht, wenn man für Moral Partei ergreift.

Waren die Widerständler gegen Hitler Angeber, weil sie ihre Humanität nicht verrieten? War Sokrates ein aufgeblasener Wicht, weil er für seine Überzeugung in den Tod ging? Theoretisch etwas für richtig zu halten, seine praktische Umsetzung aber zu verhöhnen, die Verleumdung einer aufrechten Haltung im Ton allerhöchster Empörung, die Ablehnung aller folgerechten Übereinstimmung von Tun und Reden, das Rühmen einer unterwürfigen Mitläuferhaltung: all dies ist ein absolutes Skandalon der Deutschen. Justament jenes Volkes, das mit feiger Duckmäuserei unter eine totalitäre Mehrheit in schreckliche Völkerverbrechen abstürzte  und es heute für richtig hält, die Natur in Trümmer zu legen, nur weil es zu träge und bequem ist, seinen menschheitsgefährdenden Wohlstand in Frage zu stellen.

Hier erkennt man die Ohnmacht des Wortes und der erkenntnisleitenden Debatte, die Angst hat, falsche Freunde zu verlieren. Falsche Freunde sind solche, die für ihre moralischen Defizite den Anspruch der Unfehlbarkeit erheben. Sie verbitten sich theoretische und praktische Besserwisserei – im Namen ihrer rückgratlosen, fremdgeleiteten Besserwisserei.

Es hat sich noch nicht herumgesprochen: Demokratie ist die Herrschaft der Besserwisser – und besser Handelnden. Am besten handelt, wer seiner autonomen Vernunft folgt.

Da es noch keine Möglichkeit gibt, aus der Perspektive göttlicher Allwissenheit das beste Besserwissen zu bestimmen, bleibt nur die zweitbeste Lösung: die Mehrheit soll bestimmen, was am besten ist. Aber erst, nachdem öffentliche Debatten den Versuch unternahmen, der Wahrheit am nächsten zu kommen. Nicht die Weisen sollen bestimmen, sondern das Volk, das sich auf den Weg macht, gemeinsam weise zu werden. Für Fromme und Neoliberale ist dies so absurd wie unmöglich. Sitzen sie doch bereits mitten im Paradies.

Die Macht der Mehrheit wäre bloße Macht der Quantität. Seit dem Siegeszug der quantifizierenden Wissenschaften wissen wir von der Ignoranz bloßen Zählens und Rechnens in menschlichen Dingen. Eine vitale Demokratie wäre eine lernende: eine, die durch rigides sapere aude und strenges Debattieren die Majorität in qualitative Autonomie verwandelte.

Freundschaften, die kein sacrificium intellectus forderten und dem edlen Wettstreit um Wahrheit nicht auswichen, der moralischen Lauterkeit das letzte Wort ließen: das wäre das Glück einer überlebensfähigen Demokratie.  

 

Fortsetzung folgt.