Umwälzung XXXVIII

Tagesmail - Freitag, den 23. März 2018

Hello, Freunde der Umwälzung XXXVIII,

wahrnehmen, ansprechen und alarmieren, verstehen und erklären, debattieren und sich verständigen, zusammen anpacken und lösen: das wäre die rationale Problemlösungs-Reihe.

Wirklichkeit, insofern sie defizitär, gefährlich, krank, suizidal, unmenschlich, veränderungs-bedürftig und humanisierungs-notwendig ist – müsste durch Sprache eins zu eins erfasst, faktisch widergespiegelt und utopisch überstiegen werden.

Sein, insofern es problematisch, entwürdigend und inhuman ist, müsste erkannt und durch Sollen, welches das Sein diagnostiziert, in einen lebenswürdigen Zustand verwandelt und therapiert werden: das wäre der Sinn vernünftiger Politik.

Links die bedrohlichen Symptome und Alarmsignale – rechts die Analysen und Lösungsvorschläge: das wäre die Korrelation zwischen täglichen Nachrichten (Fragen) und politischen Antworten.

Links die geforderten, rechts die erledigten Hausaufgaben – das wäre Soll und Haben seriöser Medien.

Jeder ehrbare Kaufmann notiert penibel Einkommen und Ausgaben, Gewinn und Schulden – und was unterm Strich übrig bleibt (was hinten herauskommt).

Jeder Mensch, der mitdenkt und sich verantwortlich fühlt, müsste die Soll-und-Haben-Liste der weltpolitischen Probleme verinnerlicht haben – um Lösungsvorschläge und Taten der Politiker zu überprüfen, um nachzufragen, warum sie den realen Anforderungen hinterherhinken, um sie zu ermahnen, ihrer Pflicht nachzukommen, ihre Versprechen einzuhalten, ihre Irrtümer einzugestehen und bessere Versuche vorzuschlagen. Um sie endlich aufzufordern, ihre Posten zu verlassen, wenn sie ...

... verstockt und unaufrichtig, machtgeil und lernunfähig erscheinen.

Oberste Maxime der Weltpolitik muss sein: alle Probleme der Menschheit sind lösbar, denn sie sind von Menschen gemacht. Alles, was der Mensch getan hat, kann er verstehen und erklären, rechtfertigen oder verändern. Seine selbst-fabrizierten Probleme kann er selber lösen.

Ausnahme: die technische Macht des Menschen über die Wirklichkeit ist inzwischen so übermäßig geworden, dass er unumkehrbare Katastrophen herstellen kann, die er kaum oder nicht mehr lösen könnte. Das wäre die Apokalypse, an die der westliche Christ glaubt.

Alles, was er glaubt, hat er durch abendländische Kultur und Wissenschaft in Realität verwandelt. Überirdischen Leib und Blut Christi, an die er glauben muss, hat er in irdisches Brot und irdischen Wein – also in Kultur und Wissenschaft – verwandelt, welches er sehen und fühlen, erleiden und erdulden muss. Der Abendländer – und mit ihm die ganze Welt, die er mit seinem Naturbeherrschungswahn angesteckt hat – ist dabei, das Schicksalsproblem, welches er sich selbst zubereitet hat und in eigener Regie lösen müsste, in ein unlösbares, von höheren Mächten gesandtes Schicksal zu verwandeln.

Dieser Überstieg von selbst-produziertem und durch eigene Kraft lösbarem Eigenschicksal in ein selbst-produziertes, aber unlösbares Fremd-Schicksal wäre der point of no return, die Wasserscheide, die die autonome Epoche des Menschen von seinem heteronomem Untergang trennen würde. Das Ende der autonomen Kraft und Würde des Menschen begann, als er sich Religionen beugte, die ihn unter das Joch eines omnipotenten Gottes zwangen.

Die Geschichte des Abendlandes ist die Geschichte eines verbissenen Kampfes zwischen uralter – man könnte auch sagen: matriarchalischer – Autonomie und einem evolutionär jungen Glauben an eine allmächtige männliche Schicksalsmacht, der er sich mit Haut und Haaren unterwarf. 

Die Paradoxie dieses Kampfes besteht darin, dass der Abendländer mit den Methoden seiner Autonomie – mit Erkenntnisfähigkeit, logischem Denken, staunendem Wissenwollen – seine heteronome Unterwürfigkeit herstellte. Seine Selbst-Ruinierung produzierte er mit einer triumphalen Wissen-ist-Macht-Politik. Rationale Methoden unternahmen alles, um eine selbstmörderische Irrationalität herzustellen.

Noch ist der Kampf nicht entschieden, obgleich die Menschheit schon seit einem halben Jahrhundert in der Lage ist, sich durch atomare Massenvernichtungswaffen auszulöschen. Der Kalte Krieg endete nicht in einem Inferno, das identisch gewesen wäre mit dem Ende der Menschheit. Der Grund der humanen Entwicklung lag im Sieg der demokratisch-menschenrechtlichen Idee über alle Feinde des selbstdenkenden, selbstbewussten Menschen.

Genau in dem Moment, als die Völkergemeinde hoffen durfte, zu einem friedlichen Weltdorf zusammenzuwachsen, begann der Rückfall, die Regression, der Backlash in überwunden geglaubte religiöse Unterwürfigkeit.

Der eher gute und vernünftige Mensch der Demokratie verwandelte sich innerhalb weniger Jahre – dem Triumphzug des Neoliberalismus – in die lernunfähige Bestie eines gottgleichen Sündenkrüppels, der auf Kosten anderer nur seinen eigenen Vorteil sucht – in Zeit und Ewigkeit. Grenzenlose Anhäufung von Macht und Reichtum auf Erden wurde zum Erkennungsmerkmal himmlischer Erwählung. Nach dem Motto: viele sind berufen, wenige auserwählt, übernimmt eine winzige EINPROZENT-Elite die Herrschaft über die Erde.

Zwei Entwicklungslinien, die bislang nebeneinander herliefen – unerbittliche Wirtschaftskonkurrenz und friedliche Kooperation – entdeckten ihre Unverträglichkeit und gingen in Konfrontation.

Seit Adam Smith wurde der Kapitalismus als völkerverbindende Alternative zum Krieg betrachtet. Es war ein schöner Gedanke: durch Tauschhandel den Wohlstand aller Völker zu heben. Auf den ersten Blick schien die Verheißung realistisch. Die Völker wurden reicher, die internationalen Verbindungen enger.

Doch die Völker waren keine Einheiten, sie wurden reicher durch Spaltung. Die wahren Profiteure waren die Oberklassen, die auf Kosten der Unteren ungeheure Schätze ansammelten. Die Proletenklassen, einstige Bauern, die von den Mächtigen von ihrem Land vertrieben worden waren, versanken im Elend, bis es den ersten rebellischen Bewegungen gelang, die schlimmsten Auswüchse zu mildern.

Kann man sagen, sie wurden à la longue reicher, verglichen mit ihrem früheren autarken Bauernleben? Auch heute wird ständig behauptet, „unterentwickelte“ Staaten würden durch Übernahme des Kapitalismus der ursprünglichen Armut entrissen.

Die Perspektive ist falsch, sie verwechselt das Anhäufen von Dingen und Vermehren von Bedürfnissen – mit Reichtum. Kapitalistischer Reichtum ist kein bloßes Erfüllen von Bedürfnissen. Er befriedigt Bedürfnisse, indem er neue Bedürfnisse schafft und dem Menschen aufoktroyiert. Der Zwang ist keine körperliche Gewalt, sondern funktioniert als psychische Nötigung zur Akzeptanz durch eine Gesellschaft, die kein endliches Ziel ihrer Bedürfnisbefriedigung anerkennt. Alles wird grenzenlos, alles zum Beschleunigungsmotiv einer linearen Heilsgeschichte, deren Messias ad infinitum verzieht. Wer etwas sein will, darf nicht einschlafen. In zwanghafter Wachheit hat er sich rastlos zu betätigen und das Außerordentliche zu erwarten, das er selbst herstellen muss.

Ursprünglich hatte Wirtschaft eine untergeordnete Funktion. Man muss arbeiten, um seine Bedürfnisse zu befriedigen. Hat man sein Tagespensum erledigt, Hunger und Durst gestillt, kommt die Zeit der Muße. Das Arbeiten ist abgetan. Muße ist nicht Faulenzen, sondern lustvolles Tun jenseits des Diktats, sich durch Arbeit zu ernähren. Sie tanzen, sie singen, sie erzählen sich uralte Geschichten, sie begatten sich, sie freuen sich ihres Daseins. Arbeiten ist kein Selbstzweck, Wirtschaft muss dem Menschen dienen.

All dies ändert sich mit dem Aufkommen männlicher Erlöserreligionen. Die Mutteridylle wird zerstört, das Dasein satanisiert. Arbeit wird zum Zweck an sich, zur Strafe für den Sündenfall. Die Strafe erhält einen Doppelsinn. Arbeiten soll a) keine Lust mehr sein und b) die Folgen des Sündenfalls wieder aufheben. Arbeit hat nicht mehr den begrenzten Zweck, seinen Lebensunterhalt zu verdienen, sondern erhält den Auftrag, das verloren gegangene Paradies zurückzuerobern. Was sie leichtsinnig vermasselt haben, sollen sie in unendlicher Maloche wieder zurückerobern.

Da Lust auf der sündigen Erde verboten ist, muss Arbeit ein unendlich schmerzlicher Prozess werden. Ja, er hat die Aufgabe, durch Leiden und Mühen ein gottwohlgefälliges Leben auf Erden zu fristen. Hienieden muss geschuftet und gelitten werden, auf dass der Lohn im Jenseits umso köstlicher werde. Zielgerichtetes Verhalten wird dämonisiert. Unterwegs ist alles, das Ziel ist nichts. Das verbotene Ziel aber ist die Befriedigung endlicher Bedürfnisse, die dem Menschen ein unbeschwertes Leben ermöglichen.

Glück und Lust sind die Ziele des griechischen Lebens. Beides ist auf religiösem Boden verboten. An die Stelle endlicher Bedürfnisse und lustvoller Befriedigungen tritt grenzenlose Arbeit, die kein Ziel kennt – außer dem unendlichen Wachsein und der Bereitschaft, gewappnet zu sein bei der überraschenden Wiederkehr des Herrn. Arbeiten ist endloses Wachsein, Verbot des Ausruhens und der lustbetonten Muße.

Muße ist die Voraussetzung der Demokratie. Nicht Arbeit an sich ist die Widersacherin der Demokratie, sondern eine Arbeit, der man sklavisch untertan ist. Auch Muße ist Arbeiten und Tun, aber in selbstgewählter Freiheit.

Müssten alle sklavisch malochen, gäbe es keine Demokratie. Die griechischen Bäuerlein vom Lande hatten es schwer, ihren lustvollen politischen Pflichten zu folgen. Hätte Perikles nicht die Diäten eingeführt, hätten sie ihrer politischen Leidenschaft nicht folgen können. Die Vereinbarkeit von Demokratie und politischem Furor wird umso schwieriger, je mehr die Arbeit zum despotischen Selbstzweck wird. Ohne Muße als freie Zeit zur politischen Betätigung kann es keine Demokratie geben.

Heute wird Muße ausgeschaltet. Gefordert wird die Vereinbarkeit von Malochen und Erziehen, von Familie und kapitalistischer Entfremdung. Nie ist die Rede von freier Zeit, in der man ein zoon politicon sein kann.

Wer hart gearbeitet hat, soll eine höhere Rente erhalten als der, der nicht hart gearbeitet hat – sagt Arbeitsminister Heil. Da Arbeit nur Erwerbsarbeit ist, fällt demokratisches Tun, sokratisches Herumstreunen auf dem Marktplatz, lustvolle Muße im Kreise seiner Lieben und Freunde unter die Rubrik: sinnloses Allotria.

Die Demokratie ist unter das Joch unerbittlichen Malochens geraten. Die Illusion ist zerplatzt, Demokratie und grenzenloser Kapitalismus könnten problemlos kooperieren. Demokratie muss Probleme im konkreten Hier und Jetzt lösen; grenzenlose Ökonomie starrt auf eine unbegrenzte Zukunft. Das Hier und Jetzt ist für sie etwas, das überwunden werden muss. Neoliberalismus ist die Übersetzung einer eschatologischen Zukunftserwartung in ökonomischen und technischen Fortschritt ins Unendliche.

Dass der Kapitalismus eine uralte Armut im Bannkreis einer unberechenbaren Natur überwunden haben soll, ist eine seiner vielen Selbstbelügungen. Das Leben am Busen der Natur war keine Armut und wurde von niemandem als solche empfunden. Im Gegenteil. Da Bedürfnisse endlich und elementar waren, bedurfte es keiner gigantischen Anstrengung, um sie zu befriedigen. Der Kreislauf von Bedürfnis zur Befriedigung war klein und zumeist von großer Sicherheit begleitet.

Wer unendliche Zeiten im Schoße der Natur überleben und gut leben konnte, der kennt keine Unsicherheitsängste wie die Mittel- und Unterschichten der modernen Kulturen. Definiert man Reichtum als behütete und lustvolle Sorglosigkeit des Lebens, waren die „armen“ Kulturen reicher als die reichen von heute, die aus allen Poren Ängste und Zukunftsbefürchtungen emittieren. Welcher Urwaldindianer, der die moderne Kultur kennt, will seinen Stamm verlassen und in den Tiefen der Zivilisation verkommen?

Unsinn, dass der globale Fortschritt des Kapitalismus die Armut immer mehr ausrotten würde. Er hat die Menschen ihrer autochthonen Verbundenheit mit der Natur entrissen und dem Zwang zur unendlichen Bedürfniserfindung und unstillbaren Befriedigung übergeben. Selbst, wenn die Gefahren des Verhungerns minimiert worden wären: die Schere zwischen Reich und Arm wäre in grotesker Weise angewachsen.

Armut ist nicht nur ein absoluter, sondern ein verhältnismäßiger Zustand. Ich bin umso ärmer, je reicher die Reichen werden. Wenn die Kluft zwischen Oben und Unten wächst, wächst die Armut automatisch mit. Denn Armut ist heute am wenigsten die Chance befriedigender Bedürfniserfüllung, sie ist wachsende Ohnmacht gegenüber einer gigantesquen Übermacht der Reichen.

Die Kluft zwischen Reich und Arm ist demokratie-zerstörend. Demokratie beruht auf Gewaltenteilung. Die steigende Gewalt des Mammons reißt alle Herrschaftsstrukturen an sich und zerstört die Machtbalance der demokratischen Mächte. Je mehr die politische Kaste sich an den Bedürfnissen der Kapitalisten orientiert – weil sie angeblich den Unteren Arbeitsplätze schenken –, je mehr verschmelzen sie mit ihnen zur Einheit. Die Kanzlerin lädt wichtige Banker und Arbeitgeber zum Essen. Nie käme sie auf die Idee, die „Kunden“ einer „Tafel“ in ihr Allerheiligstes einzuladen. Es sei, sie müsste aus PR-Gründen wieder Punkte sammeln.

Merkel scheint nicht die geringste Ahnung vom Kapitalismus zu haben. Es genügt ihr, dass er die offizielle Obermacht der Zeit ist, der man sich unterordnen muss, wenn man im Gerangel der Völker eine Solorolle spielen will.

Sie wolle die Spaltung der Gesellschaft überwinden, sagte sie in ihrer Eröffnungsrede – die von den meisten Medien begrüßt wurde, weil sie in gewohnter Chuzpe jene Stichworte einbauen ließ, die gerade gefragt sind. Wie kann sie die Spaltung überwinden, ohne den Kapitalismus auszuschalten?

Kapitalismus ist bewusste und absichtliche Spaltung der Gesellschaft in konkurrierende Klassen. Je erfolgreicher die Wirtschaftskraft einer Nation, je tiefer sind die Klüfte zwischen Oben und Unten. Merkel sprach sogar von der Quadratur des Kreises, bekanntlich einem Ding der Unmöglichkeit. Während jede humane Utopie in diesem Lande verlacht wird, wird die blanke Unmöglichkeit eines politischen Vorhabens von medialen Claqueuren beklatscht.

Die Grund-Tatsachen des hiesigen Kapitalismus scheint Merkel nicht zu kennen. Über das ungeheure Salär von VW-Müller zeigte sie sich „erstaunt“. Den globalen Freihandel betet sie als Wundermittel der Globalisierung an und verdammt den Protektionismus. Dabei geht es ihr nur darum, viel vom globalen Profit in die heimischen Kassen zu spülen.

Merkelismus ist ein Aufguss des einstigen Merkantilismus. Der Sinn allen globalen Freihandels ist der Reichtum der eigenen Nation. Freihandel bedeutet: freie Fahrt für die EINPROZENT, der Rest darf bedenkenlos gehobelt werden. Die Superreichen der Welt dürfen überall die Rosinen herauspicken, die Einheimischen können sehen, wo sie bleiben. Londons Innenstadt ist im Besitz diverser Scheichs, Berlins Luxuswohnungen gehören immer mehr chinesischen Milliardären. Die allpräsente Wohnungsnot ist nicht zuletzt das Ergebnis allpräsenter Superreicher.

Petra Pinzler hat es in der ZEIT auf den Punkt gebracht:

„Die Welt ist bunt und verschieden. Deswegen kann die Öffnung von Märkten und der Abbau von Zöllen sehr wohl sinnvoll sein. Viele Länder sind dadurch sehr reich geworden und Deutschland ganz besonders. Aber genauso ergibt es Sinn, Menschen und Umwelt vor den negativen Folgen der Globalisierung zu schützen. Vor Importen, die nur billiger sind, weil bei ihrer Herstellung in anderen Ländern die Flüsse, die Erde oder die Luft verpestet werden. Oder weil die Leute zu Hungerlöhnen schuften. Ein amerikanischer Arbeiter, der dagegen protestiert, dass sein Job an einen ausgebeuteten Billigkonkurrenten in China geht, ist kein Protektionist. Er hat ein reales Problem, bei dem ihm seine Regierung helfen muss.“ (ZEIT.de)

Da Grundbegriffe der gegenwärtigen Kultur ungeklärt bleiben – es gibt keine Vereinbarkeit von Denken und Malochen – können elementare Fragen, die im Unbewussten der Menschen lauern, nie beantwortet werden. Ist es mit rechten und gerechten Dingen zugegangen, als sich die riesigen Besitztümer der Welt bildeten?

VW-Müller erklärte mit Pokerface, er wolle sich nicht an der Diskussion beteiligen, ob sein Gehalt seiner Leistung entspreche. Zudem sei es die Sache des Vorstands, seinen Geldwert einzuschätzen. SPD-Ministerpräsident Weil bekannte, das sei eine schwierige Frage. Man sollte aber Vergleiche mit ausländischen Tycoons heranziehen – dann wäre Müllers Gehalt ein internationaler Mindestlohn.

In Wirklichkeit gibt es keinerlei Möglichkeiten, die Leistung eines führenden Managers mit denen eines Fließbandmalochers unter dem Stichwort Gerechtigkeit zu vergleichen. Der Gewinn des Konzerns ist ein Gesamtgewinn aller Arbeiter und Angestellten. Wer wie viele Prozente dieses Gesamtgewinns eingebracht hat, können die genialsten Intelligenzmaschinen von Silicon Valley nicht ausrechnen.

Millionen-Gehälter sind Projektionen und Selbsteinschätzungen von hybriden Wundermännern, die sich ebenso weit über dem Pöbel erhaben fühlen, wie einst Kaiser und Könige über ihren Untertanen.

Wie entsteht Eigentum?

Es gibt zwei Eigentumstheorien: die ältere Okkupationstheorie – und die moderne, von Locke formulierte, Arbeitstheorie. Locke war der erste, der die Behauptung aufstellte, Eigentum werde durch Arbeit und eigene Leistung erworben. Als unmittelbares Naturrecht, begründet durch direkte körperliche Intervention des Menschen in der Natur. Ein Gesellschaftskonsens, eine vertragliche Zustimmung anderer Personen ist nicht notwendig.

Eigentum ist auf zweierlei Arten entstanden: durch Eroberung fremden Eigentums – oder durch Arbeit. Eroberung besitzt nach heutigem Gutdünken keine Berechtigung mehr zum Eigentumserwerb. Wir würden von gewalttätigem Raub sprechen. Unendliche Besitztümer – die noch heute existieren – sind in der Tat durch List, Tücke und Gewalt zusammengerafft worden.

Lockes These, Eigentum werde durch Arbeit erworben, klingt nach Christentum. Wäre sie richtig, würden alle Besitztümer der Gegenwart ihre Legitimation verlieren. Reiche tun vieles im Schweiße ihrer Lenden, aber bestimmt nicht im Schweiße ihres Angesichts. Lockes Arbeitstheorie hatte zur Voraussetzung eigentumslose Ländereien, die durch eigene Körperarbeit in fruchtbares Land veredelt werden sollten. Ein solch jungfräuliches Land gibt es auf dem ganzen Globus nicht mehr.

Nun könnte man sagen, Locke sei veraltet. Wer fühlt sich noch seinen alttestamentarischen Arbeitsvorstellungen verbunden? Doch Locke gilt noch immer als grundlegender Philosoph des Kapitalismus. Misst man Besitztümer mit der Elle Locke‘scher Kriterien, müssten alle Reichen ihre Schätze der Gesellschaft zurückgeben. Ohne körperliche Arbeit haben sie ihre Besitztümer zusammengeraubt.

Ihre Hinterlist ist selbstredend durch eine jahrhundertealte, auf sie zugeschnittene Gesetzgebung abgesichert. Zuerst muss das Recht zur Beute der Oberen werden. Dann erst können die „Gewinne sprudeln“, wie Dorothea Siems‘ Lieblingsausdruck für Beutemachen heißt. Ihr Chefredakteur Poschardt komponiert bereits Dankesoratorien für die Reichen, die mit ihren Steuergeldern so liebevoll die Armen hätscheln und tätscheln würden.

Wahrlich, wir leben in spätrömischen Verhältnissen. Und sollten die Massen ihren dekadenten Neid nicht in den Griff kriegen – wer weiß, ob man nicht zu spätrömischen Amphitheater-Metzeleien seine Zuflucht suchen muss.

Jeder technische Fortschritt ist eine neue Möglichkeit, Malochermassen der Arbeit zu berauben und mit neuen Maschinen noch mehr Beute zu machen. Versteht sich, dass die jeweils neuen Maschinen noch höheren Profit einfahren, der wem zugute kommt? Bestimmt nicht denen, die ihretwegen entlassen wurden.

Mit Okkupieren und Arbeiten Reichtümer zu schaffen, ist heute im Prinzip vorbei. Heute werden, im Schweiße des Zockens, riesige Gewinne mit Spekulieren eingefahren. Geld kann beliebig vermehrt werden. Ja, wohin mit diesen endlosen Diridari-Massen? Gottlob, die Reichen erbarmen sich und nehmen die Erfindungen aus Nichts behutsam unter ihre Fittiche.

Die Sprache ist verödet, ausgebrannt und taugt nicht mehr zur Kontrolle der Mächtigen. In Interviews werden keine Fragen beantwortet. Scholz reagierte auf eine kritische Nachfrage in der Nordbankaffäre mit der einstudierten Retourkutsche: das haben Sie aber nicht selbst recherchiert. Als die Frage wiederholt wurde, antwortete er mit derselben Phrase. Seitdem er Vizekanzler wurde, beantwortet er Fragen zu seiner Hamburger Zeit überhaupt nicht mehr: dafür sei er nicht mehr zuständig.

Medien hätten die Pflicht, die bedrohliche Realität in Worte zu fassen – und den Verantwortlichen genaue Antworten abzuverlangen. Das geschieht nirgendwo. Täglich erscheinen Hiobsbotschaften ohne geringsten Widerhall aus den politischen Etagen.

Zwei Beispiele aus der heutigen Presse:

„Entwicklungshelfer bezweifeln, dass die Uno ihr Ziel erreichen kann, bis 2030 alle Menschen mit sauberem Trinkwasser und Sanitäranlagen versorgen zu können. Der Klimawandel, Luftverschmutzung und der Bevölkerungszuwachs werden das Problem laut Prognosen noch verschärfen. Laut einem aktuellen Uno-Bericht drohen bis 2050 etwa fünf Milliarden Menschen Engpässe bei der Wasserversorgung in mindestens einem Monat pro Jahr.“ (SPIEGEL.de)

„Zwei Drittel aller Afrikaner wollen auswandern.“ (WELT.de)

Wohin sie wohl auswandern wollen? Dorthin, wo Milch und Honig fließt.

Zu beiden Berichten nicht das leiseste Echo aus der Politik. Die Medien denken nicht daran, zu ihren katastrophalen Nachrichten die Antworten der Verantwortlichen einzuholen.

Sprache, die wirksamste Waffe demokratischer Überprüfung, wurde im Kapitalismus in glitzernde Seifenblasen verwandelt. Kaum berührt man sie – schon zerplatzen sie auf der Hand.

 

Fortsetzung folgt.