Umwälzung XXIX

Tagesmail - Freitag, den 02. März 2018

Hello, Freunde der Umwälzung XXIX,

„Wahrlich, ich mag sie nicht, die Barmherzigen, die selig sind in ihrem Mitleiden, zu sehr gebricht es ihnen an Scham.“ (Ein genialer Pastorensohn)

Der Pastorensohn hätte die Pastorentochter als Feindin des Lebens bekämpft. Für Nietzsche war Barmherzigkeit ein pathologischer Affekt, der nur Schaden anrichten kann. Sie sei ein unbewusster, weichlicher Egoismus, der das Leiden in der Welt vermehren und die Leidenden entehren würde.

Barmherzigkeit gegen Recht. Erbarmen gegen Gesetz. Almosen gegen Gerechtigkeit. Spontanes Mitleid gegen allgemeine, vorausplanende Fürsorge. Theokratische Willkür gegen demokratische Solidarität.

Im Abendland sind zwei Lebensmodelle miteinander verkettet, die für immer unverträglich sind. Ihre Kompromisse sind keine Akte rationalen Entgegenkommens, sondern ein fragiles Patt zweier Mächte, die sich ausschließen, aber zu schwach sind, um zu siegen und zu stark, um das Feld zu räumen.

Stefan Aust fragt in der WELT nach den Kosten der Barmherzigkeit:

„Barmherzigkeit hat ihren Preis. Die Flüchtlingskrise kostet offiziell 21,3 Milliarden Euro im Jahr. Dies zumindest ist die Zahl, die das Finanzministerium für das vergangene Jahr im Bundeshaushalt eingeplant hat – wie hoch die Kosten tatsächlich waren, ist noch nicht klar. Es kommt aber auch darauf an, wen man fragt.“ (WELT.de)

Merkels Flüchtlingsbeschluss war keine politische Handlung, sondern ein Akt spontaner Barmherzigkeit. Seitdem ringen Politik und Gnade um Vorherrschaft bei der Aufnahme und Eingliederung der Hilfesuchenden. Beide Prinzipien sind wie ...

... Feuer und Wasser und werden nie zur Eintracht kommen.

Staatsrechtler Rupert Scholz plädiert in der WELT für das Ende grenzenloser Barmherzigkeit und für begrenztes Recht:

„Mit einer solchen objektiv-rechtlichen Regelung würden sich auch alle ebenso überflüssigen wie unsinnigen Diskussionen über angeblich inexistente Obergrenzen oder Ähnliches erledigen. Die immer wieder amtlich erhobene These, dass das subjektive Recht auf Asyl angeblich keine Obergrenze oder Ähnliches erlaube, wäre endgültig als das entlarvt, was es von Anfang an gewesen ist: nämlich schlichte Rechtsunkenntnis oder gar gewillkürte Hilflosigkeit.“ (WELT.de)

Im Namen der Barmherzigkeit verstieß Merkel gegen geltendes europäisches Recht. Christliches Ethos schlägt griechisches Recht. Sie trat nicht zurück, bereute nicht ihren Rechtsverstoß. Im Gegenteil: sie fordert die europäischen Verbündeten auf, sich ihrem Rechtsverstoß anzuschließen und himmlisches Recht über irdisches zu setzen:

„Von den anderen Mitgliedstaaten der EU wird umgekehrt Deutschland europarechtswidriges Verhalten vorgehalten, weil die seinerzeitige deutsche Grenzöffnung mit keinem anderen Mitgliedstaat der EU beziehungsweise mit der Europäischen Kommission abgestimmt war.“

Was sind abendländische Werte – von denen auch die neue CDU-Generalsekretärin spricht, ohne sich die geringste Mühe zu machen, sie zu klären und zu definieren?

Für Christen versteht es sich von selbst, dass abendländische Werte christliche sind. Dass demokratische Werte nicht auf theokratischem Boden wuchsen, sondern auf heidnischem, haben 99% der Deutschen noch nie gehört.

Stets wurden Sätze der Bergpredigt höher geschätzt als kalte rationale Gesetze, die man dem griechischen Naturrecht unterschob. Allerdings nicht dem „Naturrecht der Schwachen“, aus denen die abendländischen Menschenrechte abgeleitet wurden, sondern dem „Naturrecht der Starken“, das man heute als faschistisches Gewaltrecht bezeichnen würde. Macht ist Recht: das ist das Naturrecht der Starken, das man im christlichen Abendland mit der Omnipotenz Gottes in eins setzte. Bei Gott gelten keine Gesetze, außer denen, die er in wechselnder Beliebigkeit erlassen kann.

Was will Rupert Scholz? Den hypertrophen Moralismus Deutschlands, einer endlosen Zahl von Menschen Asyl und Zuflucht zu gewähren, realistisch einschränken. Das unbegrenzt „subjektive“ Recht der Hilfesuchenden soll einem objektiv-begrenzten Recht weichen.

Die Sprache des Staatsrechtlers ist erstaunlich ungenau. Subjektive Rechte im Gegensatz zu objektiven Gesetzen kann es in einer Demokratie nicht geben. Rechte des Einzelnen müssen allgemeine Gesetze sein. Wer sein Recht im Gegensatz zum herrschenden Recht sucht, ist entweder ein neoliberaler Staatsverächter oder er betreibt Selbstjustiz.

Hinter Scholzens verquasten Begriffen verbirgt sich der Rangstreit zwischen festgelegtem Recht für alle – und einer vom Recht unabhängigen Spontan-Barmherzigkeit.

Die Frage nach der Realisierbarkeit moralischer Imperative ist berechtigt. Nicht der ist der Moralischste, der in messianischer Selbstüberhebung die Welt erlösen will. Sondern der, der sich zwar an utopischen Zielen orientiert, aber dennoch auf die Machbarkeit seines Idealismus achtet. Wer sich übernimmt und beim Verwirklichen seiner Ziele scheitert, verwandelt sich aus Enttäuschung allzu leicht zum Verächter der Moral. Das Unmögliche anpeilen, aber das Mögliche in praktischer Hinsicht nüchtern kalkulieren: das wäre das Optimum.

Gleiches Recht für alle: ist das Erbe der Griechen.

Heilige Anarchie (= Gesetzlosigkeit), aufgespalten in Barmherzigkeit und Verfluchung: ist das Erbe der Theokratie. Wer für situative Barmherzigkeit eintritt, tritt zugleich für das Gegenteil ein: für das Recht unbarmherziger Verfluchung. Gott erbarmt sich nun, wessen er will, verstockt aber, wen er will. Eine winzige Gruppe Auserwählter spricht er selig, den gigantischen Rest verflucht er in die Hölle.

Die Überlegenheit christlicher Anarchie über das ordinäre Gesetz ist nirgendwo kodifiziert. Sie ist das munkelnde Geheimnis selbsternannter Glaubenseliten, die sich der Böckenförde-Doktrin verpflichtet fühlen: die heidnische Demokratie ist nur fähig, ihre eigenen Grundsätze einzuhalten – wenn sie auf heiligmäßige Übergesetze, präziser: auf heilige Gesetzlosigkeit zurückgreift.

Im Reich des Heiligen herrscht anarchische Freiheit von allen Gesetzen. Gott unterwirft sich keinen Gesetzen, nicht mal den eigenen. Er folgt der absoluten Willkür seines „Willens“. Der willkürliche Wille ersetzt das allgemein verbindliche Gesetz der Vernunft, das von demokratischen Entscheidungen angestrebt werden muss. Der irrationale, unberechenbare, mystische, erleuchtete, charismatische Wille, das neue Zentralorgan der Christen, ersetzt die Vernunft, die immer „dasselbe sagt“. Indem Nietzsche den Willen zur Macht zum Kern seiner Philosophie erklärt, verbleibt er im christlichen Denkbereich.

„Denn die Philosophie sagt immer dasselbe, nämlich die Wahrheit, dass es nur ein wirkliches Unglück gibt, schlecht oder ungerecht zu handeln und nur ein wirkliches Glück, gut und gerecht zu handeln. Diese Überzeugung ist nicht nur eine Erkenntnis, sondern auch eine Kraft: der gute Mensch ist stärker als der böse und dieser kann jenem keinen wirklichen Schaden zufügen. Das ist für Sokrates unbedingte Wahrheit und unbedingte Norm, die auch ohne jede Rücksicht darauf Gültigkeit besitzt, ob es ein jenseitiges Leben gibt oder nicht: eine Frage, die Sokrates offen lässt.“ (Wilhelm Nestle)

Als das Christentum das römische Reich eroberte, versuchte es, alle Relikte griechischen Denkens zu vertilgen.

Jesus gibt den Seinen ein neues Gebot, das alle früheren Gebote der jüdischen Väter und der Heiden zur Makulatur erklärt:

„Ein neues Gebot gebe ich euch, dass ihr einander lieben sollt, wie ich euch geliebt habe, dass auch ihr einander lieben sollt. Daran wird jedermann erkennen, dass ihr meine Jünger seid, wenn ihr Liebe untereinander habt.“

Dies war die absolute Trennung von der alten Welt der Heiden. „Denn die Welt vor Christo ist eine Welt ohne Liebe“, schreibt Kirchenvater Lactanz, als das Christentum nach jahrhundertelangem Kampf den Sieg errungen hatte. „Barmherzigkeit und Humanität sind Tugenden, die den Gerechten und Verehrern Gottes eigentümlich sind – davon lehrt die Philosophie nichts.“ (Gerhard Uhlhorn, Die christliche Liebestätigkeit)

Uhlhorn fährt fort: „So wird die Geschichte der christlichen Liebestätigkeit zur allerkräftigsten, unwiderlegbarsten Apologie des Christentums. Die christliche Welt ist doch und bleibt eine Welt, in der die Liebe waltet und darin steht sie unendlich hoch über der alten Welt mit all ihrer Schönheit und Herrlichkeit. Eins haben wir doch voraus vor der alten Welt. Sie war im Grunde eine Welt ohne Liebe.“

Adolf von Harnack, führender Theologe unter Kaiser Willem, zitierte im gleichen Sinn einen Heiden aus der frühen Christenzeit, der den bewundernden Satz sprach: Seht, wie sie einander lieben. Sie liebten nur die, die ihres Glaubens waren. Und dies auch nur im ersten Hochgefühl ihrer siegreichen Bewegung.

Mit dem christlichen Glauben revoltierte das römische Volk gegen den ungeheuren Kapitalismus der damaligen Eliten, die das Volk zu einer kollektiven Bettlernation degradiert hatten. Doch kaum hatten sie die klerikale Macht über die verfaulte politische Gewalt errungen, verwandelte sich die viel gepriesene Liebe in – faschistische Zwangsbeglückung.

Die Christen, deren Liebe sich nur auf ihre eigenen Gemeinden bezogen hatte, entdeckten die von Gott gegebene Berechtigung, ihre Liebe in Macht zu verwandeln, um den Ungläubigen ihren Glauben mit Gewalt einzupflanzen. Die biblischen Schriften hatten sie allemal auf ihrer Seite: den Weizen in die Scheuer, die Spreu ins Feuer. Wer aber nicht glaubet, wird verdammt werden. Aus der Kraft revoltierender Sehnsucht nach Gerechtigkeit wuchs die Allmacht über Körper und Seelen.

Die Kirche wurde Nachfolgerin des römischen Reiches. Die Sehnsucht nach Drüben erstarrte zur klerikalen Obrigkeit, die alle eschatologische Hoffnung auf die baldige Wiederkunft des Herrn austrieb und sich auf unabsehbare Zeiten als irdische Macht auf Erden stabilisierte.

Hatte sich die christliche Liebes-Lehre ins Gegenteil verkehrt? Nein. Sie entlarvte nur die andere Seite ihrer Demut und Lindigkeit: das Allmachtstreben über Mensch und Natur.

„Macht euch die Erde untertan.“ „Welche sei die überschwengliche Größe seiner Kraft an uns, die wir glauben nach der Wirkung seiner mächtigen Stärke, welche er gewirkt hat in Christo, da er ihn von den Toten auferweckt hat und gesetzt zu seiner Rechten im Himmel über alle Fürstentümer, Gewalt, Macht, Herrschaft und alles, was genannt mag werden, nicht allein auf dieser Welt, sondern auch in der zukünftigen; und hat alle Dinge unter seine Füße getan.“

Das Christentum hatte seinen Ursprung als soziale Revolte – jedoch verpackt in eine politikfeindliche Lehre vom Jenseits. Als sie die Kapitalisten vertrieben hatten, benutzten sie ihre Ermächtigung von Oben, um das Diesseits, das sie verachteten, im Namen des Jenseits zu unterwerfen. Für viele Jahrhunderte verwandelten sich die Demütigen und Sanftmütigen in omnipotente Herrscher des Abendlandes.

Platons Urfaschismus war dem christlichen Universalfaschismus vorausgegangen. Platon, dem die geduldige Souveränität seines Lehrers Sokrates fehlte, wollte die Athener beglücken. Aber nach dem Motto: und seid ihr nicht willig, so brauch ich Gewalt.

Die Christen mussten keine Geduld mit den Menschen aufbringen. Sie wussten, dass viele berufen, aber nur wenige auserwählt waren. Die Majorität der Menschheit war hoffnungslos verdorben und würde ihrer unendlichen Strafe nicht entgehen. Da musste man keine Geduld, kein anfängliches Vertrauen in etwaige Lernfähigkeit des Menschen aufbringen. Da konnte man sofort zuschlagen, wenn die Verhältnisse reif waren.

Merkels Beziehung zur Demokratie ist eine rein taktische. Als Christin glaubt sie an das überlegene Reich der Liebe. Doch sie weiß, dass sie das Reich der Sünde noch solange ertragen muss, bis der Herr an die Pforte klopfen wird. Also verwaltet sie recht und schlecht die civitas diaboli, bis die Tage der civitas dei anbrechen werden.

Ihr Regieren ist kein Verbessern des irdischen Staates nach dem Maßstab einer rationalen Utopie. Sie waltet ihres Amtes: das hoffnungslos Verdorbene so lange über die Runden zu bringen, bis der Herr selbst kommen wird, um es endgültig zu entsorgen.

Merkel war nie etwas anderes als geschäftsführende Magd des Herrn. Gelegentlich versucht sie Zeichen zu setzen, dass das Irdische nicht der Maßstab aller Dinge sein kann. Nur so sind ihre wenigen Großtaten zu verstehen: die Beendigung der Atomepoche, das anfängliche ökologische Engagement. Doch je mehr sie in Machtroutine erstarrte, je mehr regredierte sie auf das unveränderbare Immer-weiter-so der civitas diaboli. Immer weiter in der Sünde der Unbekehrbaren.

Die Flüchtlingsmassen vor den Grenzen verhalfen ihr zur letzten Erleuchtung. Im Zweifelsfall muss man die kalte Routine demokratischer Gesetze durchbrechen und dem spontanen Willen der Barmherzigkeit den Vorzug geben.

Hätte sie die ganze Zeit rationale Politik betrieben, wäre sie von der außerordentlichen Situation nicht überrascht worden. Schon seit Jahren hätte sie die immer schlimmer werdende Entwicklung in anderen Ländern beobachten und frühzeitig prophylaktische Maßnahmen ergreifen können, um die Betroffenen nicht dem Elend zu überlassen.

Rationale Politik besteht darin, gar nicht erst Situationen aufkommen zu lassen, die nur mit willkürlicher und gesetzwidriger Barmherzigkeit zu lösen sind. Merkel handelt andersherum. Sie lässt alles laufen, bis ein Notstand entsteht: dann fühlt sie sich berufen, ein außerordentliches Zeichen zu setzen.

Das betraf nicht nur die Zeit der Flüchtlingszusammenballungen, das betrifft heute auch die Situation bei der Essener Tafel. Ehrenamtliche verrichten hier vorbildliche Arbeit, um die schändliche Armut in einem der reichsten Länder der Welt zu bekämpfen. Doch Merkel erteilt nur Befehle und erwartet alles vom freiwilligen Einsatz Ehrenamtlicher. Sie denkt gar nicht daran, den BürgerInnen mit gesetzlichen Maßnahmen zu Hilfe zu kommen. Sie will willkürliche Barmherzigkeit, keine systematische Politik der Solidarität.

Die deutschen Helfer, so wunderbare Arbeit sie leisten, verknüpfen ihre Bemühungen nicht mit politischen Forderungen. Längst hätten sie den Verantwortlichen vor Ort oder in Berlin auf die Zehen treten müssen, um die skandalöse Vernachlässigung der Schwächsten zu korrigieren. Es musste vieles zusammenkommen, um die fremdenfeindliche Fehlleistung eines Helfers zu entlarven.

Ferdos Forudastan hat in der SZ die schändlichen Versäumnisse der Politik zusammengefasst:

„Nein, dass die Essener Tafel vorerst keine weiteren Ausländer aufnimmt oder Pirmasens eine Zuzugssperre selbst für anerkannte Asylbewerber ohne Arbeits- oder Ausbildungsplatz erlässt, zeigt nicht, dass Deutschlands Flüchtlingspolitik gescheitert ist. Diese Ereignisse zeigen aber wie unter einem Brennglas, wo in der Vergangenheit Fehler gemacht worden sind – und wo sie auch weiter gemacht werden: Fehler im Umgang mit Armut etwa; Fehler in der Wohnungspolitik; Fehler bei der Integration von Flüchtlingen; Fehler in der politischen Kommunikation.“ (Sueddeutsche.de)

Was versteht Merkel unter willkürlicher Gnade und Barmherzigkeit? Dass Gott den Menschen bestimmte Aufgaben vor die Füße wirft, die sie spontan in Angriff nehmen müssen. Barmherzigkeit ist die auf Einzelmaßnahmen reduzierte Gnade in Theokratien, die keine demokratische Politik zulassen. Der unüberbrückbare Konflikt: Allgemeine, für jeden verlässliche Gesetze – gegen unvorhersehbare situative Almosen, die von Gott im Modus scheinbaren Zufalls geschickt werden. Wenige werden bevorzugt, vielen wird geschadet.

Im Gleichnis vom barmherzigen Samariter geht’s um die Frage: Was ist meine soziale Verpflichtung? Was ist Liebe zum Nächsten? Wer ist denn mein Nächster?

„Da antwortete Jesus und sprach: Es war ein Mensch, der ging von Jerusalem hinab gen Jericho und fiel unter die Mörder; die zogen ihn aus und schlugen ihn und gingen davon und ließen ihn halbtot liegen. Es begab sich aber ungefähr, daß ein Priester dieselbe Straße hinabzog; und da er ihn sah, ging er vorüber. Desgleichen auch ein Levit; da er kam zu der Stätte und sah ihn, ging er vorüber. Ein Samariter aber reiste und kam dahin; und da er ihn sah, jammerte ihn sein, ging zu ihm, verband ihm seine Wunden und goß darein Öl und Wein und hob ihn auf sein Tier und führte ihn in die Herberge und pflegte sein. Des anderen Tages reiste er und zog heraus zwei Groschen und gab sie dem Wirte und sprach zu ihm: Pflege sein; und so du was mehr wirst dartun, will ich dir's bezahlen, wenn ich wiederkomme.“

Flüchtlinge wurden Merkel vor die Füße geworfen. Sie öffnete die Grenzen und „lud sie ab bei einem Wirt“ Also: bei den Ehrenamtlichen. Sie hingegen zog davon auf Nimmerwiedersehen. Wenn ihr Deutsche nicht in der Lage seid, Barmherzigkeit zu leisten, die ich euch als Geschenke vor die Füße werfe, wie mein lutherischer Gott es mit mir tat, so seid ihr nicht mein Volk.

Der Samariter betreibt keine Politik. Er bringt das halbtote Opfer zum nächsten Wirt und macht sich unter Bezahlen weniger Groschen aus dem Staub. Nicht mal die Groschen steuerte Merkel bei, um die Tafeln zu unterstützen. Der Kampf der Schwachen gegen die Schwächsten in der Politarena ist das Lieblingsvergnügen der Satten und Reichen.

„Wenn schon überforderte Ehrenamtliche darüber entscheiden, wer "zu uns" gehört und wer nicht, läuft etwas gründlich falsch in unserer Gesellschaft – vor allem wenn, wie in dem Essener Fall, auch offenkundig rassistisch argumentiert wird. "Ganz unten" findet man gewiss nicht den einzigen Nährboden für Ressentiments und Rassismus. Es ist aber auch der Ort, an den die Starken traditionell ihre Probleme weiterreichen. Dort dürfen sie ruhig gären und gesellschaftlich explosiv werden. Denn "ganz unten" konnten die Schwächsten schon immer am besten gegeneinander ausgespielt werden. Selten war dieses Spiel so gefährlich wie heute. Es gibt täglich mehr Gründe, sich nicht darauf einzulassen.“ (SPIEGEL.de)

Was ist Barmherzigkeit? „Eine liebende Freiheit Gottes, die nicht mit Gerechtigkeit übereinstimmt, kein innerer Zwang seines Wesens ist. Sie tut mehr als die strenge Gerechtigkeit erfordert. Sie ist nicht einfach natürliches Mitgefühl. In der Zuwendung seiner Barmherzigkeit ist Gott absolut frei und übertrifft alle menschliche Güte.“ (Historisches Wörterbuch der Philosophie)

Es gibt zwei grundlegende Strategien der Erlöserreligion, um die überlegene Kultur der Griechen in den Schatten zu stellen: a) ihre Werte ins Gegenteil umzukehren oder b) wenn das nicht möglich ist, sie zu übertreffen.

„Wenn ihr nur eure Brüder grüßt, was tut ihr Besonderes? Tun nicht auch die Heiden dasselbe?“

Wäre das nicht ein wunderbarer Wettbewerb um die humanste Humanität? Doch einen fairen Wettbewerb zwischen irdischen Demokraten und frommen Jenseitsflüchtern kann es nicht geben. Beide haben unvereinbare Ziele:

Eine Polis will die menschliche Situation auf Erden verbessern. Sucher der jenseitigen Stadt übergeben das Irdische dem Verderben – und flüchten ins Numinose.

Ein Liebhaber der Welt will mit seinen Citoyens in Gleichheit, Freiheit und Solidarität ein freudiges Leben verbringen. Liebhaber des Himmels handeln nach dem Motto: überlasst die alte Erde dem Teufel. Uns erwartet Besseres im Reich des Neuen.

Ein Demokrat setzt sich für die Polis ein, weil sein Schicksal von ihr abhängig ist. Der Fromme tut barmherzige Werke, um bei Gott Punkte zu sammeln. Das Schicksal seiner Liebes-Objekte ist ihm gleichgültig. Ob dem Anderen geholfen wird oder nicht – mit dessen Seligkeit hat die Liebestat nichts zu tun. Nicht mal seiner Familie kann der Fromme zur ewigen Seligkeit verhelfen. Seine Liebsten muss er zurücklassen auf seiner Reise ins Goldene Jerusalem.

Warum ist Merkels Flüchtlingspolitik in Europa verhasst? Es ist nicht nur die angebliche Herzenshärtigkeit anderer Völker, die hier eine Rolle spielt. Die deutsche Kanzlerin handelte in völliger Missachtung der Gesetze. Was interessiert mich das ordinäre Gesetz, wenn ich einen Auftrag von Oben erhalten habe?

Eine eindrücklichere Bestätigung der gesetzlosen Anarchie, die sich als göttliche Übermoral präsentiert, kann es nicht geben. Wenn Gesetze für Vernunft stehen, darf jenseitige Übermoral die Vernunft verachten. Nach Erich Fromm soll unbedingte Liebe eine Eigenschaft der Mütter sein, die auf Vernunft keinen Wert legen. Mütterliche Liebe ist bedingungslos blind, sie verzeiht alles, auch die schlimmsten Verfehlungen. Der Vater hingegen steht für das Korrekte, Verständige – aber Kalte und Mitleidslose. Merkels Politik wäre demnach über weite Strecken von väterlicher Kälte – nur in außerordentlichen Situationen wird sie "mütterlich" vom "männlichen" Blitz der Erleuchtung getroffen wie ihr Vorbild Paulus: „Plötzlich umstrahlte ihn ein Licht vom Himmel und er stürzte zu Boden.“

Mit Barmherzigkeit können sich die Frommen ihre Seligkeit sichern. Demokraten brauchen verlässliche und berechenbare Gesetze, um ihr Gemeinwesen vor dem Verfall zu sichern. Allgemein verbindliche Moral ist für sie kein Zwang zur kalten lieblosen Vernunft. Gesetze sind für sie nur Minimalforderungen, um das Fundament der Gesellschaft zu garantieren. Sympathie, Freundschaft, Liebe: menschlichen Gefühlen der Verbundenheit sind keine Grenzen gesetzt.

Die Bekämpfung der Armut gehört zu den Minimalforderungen einer sinnvollen Moral. Kein Gesetz schreibt den Helfern vor, leidende Menschen zu Hilfsobjekten zu degradieren.

Niemand ist gezwungen, dem antihumanen Appell zu folgen: Was ihr einem meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.“ Dieser unverfrorene Aufruf zur Instrumentalisierung hilfloser Menschen gilt in christlichen Kreisen als Nonplusultra der Nächstenliebe. Er ist die Vernichtung aller Moral mündiger Menschen, die andere Menschen nicht als minderwertigen Ersatz für einen Gottes betrachten.

Wenn sie Menschen lieben, dann meinen sie auch Menschen.  

 

Fortsetzung folgt.