Umwälzung XXIII

Tagesmail - Freitag, den 16. Februar 2018

Hello, Freunde der Umwälzung XXIII,

die Vergnügungsfahrt ins Offene ist beendet. Der Trip ins Undeutsche – vorbei. Rückwärts immer, vorwärts nimmer. Luther erhält seinen Feiertag. Jedermann sei untertan den Erwählten, Erfolgreichen und Tüchtigen. Volk ist Masse, Masse muss an der Hundeleine geführt werden. Die bleierne Zeit mit Königin Luise hat uns wieder. Hurra, wir sind zurück im Heimischen.

„Trüb ists heut, es schlummern die Gäng’ und die Gassen und fast will
Mir es scheinen, es sei, als in der bleiernen Zeit.“ (Friedrich H.)

Wie sie wüten gegen die Basis, wie sie abkotzen übers dumme, gelangweilte, überbewertete Volk. Wie sie Hymnen singen auf Gebildete, Experten, Repräsentanten, Zukunftspropheten, Genies und Führer.

Wir brauchen wieder eine konservative Revolution, sind wieder auf der Spur der Deutschen Bewegung. Räsoniert, stimmt ab im Hinterzimmer, klügelt am Tresen, demonstriert, bis ihr schwarz werdet: aber gehorcht.

Was ist die Deutsche Bewegung? Das Spucken aufs Volk, das Speien auf die Vernunft. Die Stimme des Volkes – ist ihre Kommandostimme, die Vernunft des Volkes – ihr Genie, ihre Erleuchtung.

„Ein freies großes Volk ist ein Widerspruch in sich selbst.“ (Hegel)

„Es ist eine gefährliche Voraussetzung, dass das Volk allein Vernunft habe.“ (Hegel)

„Demokratie ist ein Despotism, weil sie eine exekutive Gewalt gründet, da alle über und allenfalls wider Einen (der also nicht mitstimmt), mithin alle, die doch nicht alle sind, beschließen; welches ein Widerspruch des allgemeinen Willens mit ...

... sich selbst und mit der Freiheit ist. Bei der demokratischen Verfassung ist eine repräsentative Regierungsart unmöglich, weil alles da Herr sein will.“ (Kant)

„Weit besser ists, sie einzuengen, dass man sie wie Kinder halten, wie Kinder zu ihrem Besten leiten kann. Glaube nur, ein Volk wird nicht alt, nicht klug. Ein Volk bleibt immer kindisch. (Goethe)

Eliten? Gibt es keine, behaupten die Eliten der Gegenwart. Sie wollen dirigieren, am liebsten aus dem Hintergrund. Sollte es schief gehen, wollen sie‘s nicht gewesen sein.

Was war noch mal die Deutsche Bewegung? Jene messianische Selbsternennung, die zum Deutschen Völkerverbrechen führte.

„Von der politischen Tätigkeit war der Deutsche so gut wie ausgeschlossen, der Obrigkeitsstaat brauchte Beamte, die ihre Pflicht taten, aber keine selbständigen Gedanken hatten, der Bürger war der Untertan, der zu gehorchen hatte und dem der Staat sein Glück ankommandierte. Die Gesellschaft zerfiel in streng geschiedene Klassen, die nicht miteinander lebten“. (Nohl, Die Deutsche Bewegung)

Heute spricht man großkotzig von Gentrifizierung, damit die Ausgeschlossenen nicht verstehen, dass sie ausgeschlossen wurden.

„Nun heißt es: die Welt ist irrational bis in den Grund hinein, da draußen wie in der Seele. Natur und Geschichte sind lauter Rätsel, die die Vernunft nicht lösen kann. Der Sinn der Bewegung ist die Steigerung des individuellen Daseinsgefühls durch das Sichausleben und Betätigen unserer Kräfte.“ (H. Nohl)

Das Ausleben unserer Kräfte dient der bloßen Aufblähung und soll zur Gottwerdung führen:

„Ein überirdisches Vergnügen! In Nacht und Tau auf den Gebirgen liegen, Und Erde und Himmel wonniglich umfassen, Zu einer Gottheit sich aufschwellen lassen – Verschwunden ganz der Erdensohn.“ (Faust)

Das faustische Streben ist das Streben Elon Musks, den Himmel zu erobern, um die Welt zu retten. Das faustische Streben ist das Streben Ray Kurzweils, die Unsterblichkeit zu erfinden:

Ich wie Gott! Da tritt in mich der Plan der Schöpfung, weitet sich, drängt zusammen und wird Macht! Endet froh und jauchzt: vollbracht!“ (Herder)

Die Deutsche Bewegung ist der unsichtbare Motor des gegenwärtigen Fortschritts. Sie gehört zu den Vätern der modernen Grenzen- und Maßlosigkeit. Die Grundlage des gottgleichen Fortschritts liegt in Joh. 14, 12: der Fromme wird den Erlöser übertreffen:

„Wer an mich glaubt, der wird die Werke auch tun, die ich tue, und wird größere als diese tun; denn ich gehe zum Vater. Und was ihr bitten werdet in meinem Namen, das will ich tun, auf daß der Vater geehrt werde in dem Sohne. Was ihr bitten werdet in meinem Namen, das will ich tun.“

Das alle Grenzen sprengende Tun der Gegenwart ist Beten, das vom Herrn uneingeschränkt verwirklicht wird. Wer eine solche Gigantomachie realisieren will, darf kein Gutmensch sein. Er muss mit dem Teufel kooperieren, um das Unwahrscheinliche zu erreichen.

„Hegel wird später schreiben, dass selbst das Verbrechen eines Menschen höheren Wertes ist als die Sternensysteme.“ (Nohl)

Triebfeder des Fortschritts ist nicht das Gute. Das Gute ist lebenszugewandt und zufrieden mit seinem Dasein. Das gilt als antriebslos.

Solche Diffamierungen des Gelungenen sind Generalsünden der Moderne. Glück auf Erden ist verboten. Irdisches Glück macht untauglich für jenseitige Seligkeit. Das Genügen des Guten an der Gegenwart wurde als Langeweile und Selbstgenügsamkeit verfemt.

Das Verbrechen, das Mephistophelische, das Destruktive, der Widerspruch, der Schmerz, die Dissonanz: das sind die unentbehrlichen Geburtshelfer der Geschichte. „Diese Schmerzen gehören mit zum Genuss des Lebens, das innerste Selbst wird dabei mehr gefühlt. Wenn Schmerzen vorübergingen, das wäre traurig. Dass man sie festhalten kann, dass sie mit einwurzeln in das eine unteilbare ewige Bewusstsein, das ist das Göttliche des Lebens.“ (Der Haupttheologe der Romantik: Friedrich Schleiermacher)

Die Apotheose des Negativen mündet in die Identität von Tod und Liebe. „Was die Liebe beginnt, vollendet der Tod.“ (Novalis)

Indem sie der Welt den Tod brachten, fühlten sich die Deutschen als liebende Erlöser der Welt. Die NS-Ideologie ist ohne religiöse Verklärungen des Bösen unverständlich. Eine völlig falsche Fragestellung: Warum konnten die guten Deutschen so Böses tun? Hier ist christliche Dialektik am Werk: durch Böses wollten sie Gutes tun.

Kapitalismus und Sozialismus sind an diesem Punkt identisch; das Schreckliche, Zerstörerische, Böse sind Antriebe des Fortschritts zum Heil.

Der Kapitalismus nennt es schöpferische Zerstörung. Wir leben in Zeiten ständigen Umbruchs. Die Zeit muss sich täglich neu erfinden, indem sie das Alte tötet, wie in der Taufe der Bekehrte den alten Adam ersäuft und als neues Wesen aus den Fluten des Lebens taucht.

Im Sozialismus ist es der dialektische Widerspruch, ohne den alles Leben stagnierte. „Kants Satz: „Alles, was einen Widerspruch enthält, ist unmöglich“, schlug um in Hegels Satz: Was überhaupt die Welt bewegt, ist der Widerspruch.“ (Mehring)

Das „Prinzip aller Selbstbewegung“ ist die Antithese, die sich aufspaltet, miteinander kämpft, den Widerspruch überwindet, eine höhere Stufe der Entwicklung produziert – und erneut einen Widerspruch aus sich gebiert, der erneut miteinander kämpft, sich versöhnt, eine neue Stufe erreicht … und so fort ins Unendliche.

Marx hat Hegels Lehre vom schöpferischen Widerspruch vollständig übernommen. Dass nicht der Geist, sondern die Materie all diese Entwicklungsprozesse aus sich gebiert, spielt keine Rolle. Denn Marxens Materie hat dieselben Eigenschaften wie Hegels Geist: beide sind gottähnliche Quellgründe allen Seins. Hegels Geist, Marxens Materie: beide sind allmächtige Götter. Eine Welt ohne Ferment des Widerspruchs wäre für Hegel und Marx eine tote Welt, eine Welt ohne Dynamik.

„Es ist dies eine zu große Zärtlichkeit für die Welt, von ihr den Widerspruch zu entfernen; in der Tat ist es der Geist, der so stark ist, den Widerspruch ertragen zu können.“ (Hegel)

Mandeville beschrieb das Phänomen mit dem Satz: Private Laster sind öffentliche Tugenden. Theologen konnten das Böse Gottes nur rechtfertigen, indem sie den Teufel als Knecht Gottes beschrieben. Luther sprach vom Deus absconditus (dem verborgenen Gott), der im Dienste des Deus revelatus (des offenbaren Gottes) steht. Gottes Heilswerk ist ohne felix culpa – glückliche Schuld – nicht denkbar:

„Dies ist die Nacht, in der Christus die Bande des Todes zerriss und siegreich vom Grabe erstand. ... O wunderbare Herablassung Deiner Güte zu uns! O unschätzbarer Erweis der Liebe: Um loszukaufen den Knecht, gabst Du hin den Sohn. Ja, wahrlich geschehen musste die Sünde Adams, dass Christi Sterben sie sühne! O glückliche Schuld, gewürdigt eines Erlösers, so hehr und erhaben!

Gott will das Böse nicht überwinden, er hat es domestiziert. In Mafiosi-Sprache: das Böse ist zuständig für die schmutzigen Geschäfte des Schöpfers, ohne die er die Welt nicht regieren könnte. Das ist die abendländische Lehre der Theodizee, der Rechtfertigung Gottes. Nicht nur der Mensch, auch sein Schöpfer ist rechtfertigungspflichtig. Gott, warum hast du das Böse erschaffen? Weil Ich ohne das Böse die Welt nicht regieren könnte.

Warum konnte eine sozialistische Pastorentochter ohne Mühe in den Kapitalismus überwechseln und tun, als sei sie schon immer in ihm verankert? Weil Kapitalismus und Sozialismus im Innersten identisch sind. Es gibt belanglose Unterschiede. Doch in wesentlichen Punkten stimmen sie überein: ohne Negation und Negation der Negation nichts Positives.

Hier verstehen wir, warum die Deutschen in Widersprüche vernarrt sind und sie nicht als Hindernis in der Wahrheitsfindung empfinden. Wahrheitsfindung ist ein Entwicklungsprozess, der ohne vorwärtstreibenden Kampf der Widersprüche unmöglich wäre. Das steht in diametralem Widerspruch zum griechischen Denken, das bei Aristoteles, dem Vater der Logik, zum Satz vom ausgeschlossenen Widerspruch führte:

„Man vermag nicht wahr zu reden … wenn man über ein Identisches gleichzeitig einander widersprechende Behauptungen aufstellt.“

Es war der deutsche Mystiker Jakob Böhme, dessen Lehre vom fruchtbaren Bösen Hegel zur Formulierung des dialektischen Fortschritts veranlasste. Die Rolle des moralischen Bösen als aktiven Kontrahenten des sittlich Guten ist notwendig, um dem Guten zum Siege zu verhelfen. „Diese Lehre von der Übereinstimmung der Gegensätze, die über Hamann, Herder, Goethe und Schiller Eingang fand in die klassische deutsche Philosophie, war eine wichtige Vorbereitung der Lehre Hegels vom Widerspruch, an die Marx und Engels anknüpften.“ (Marxistisch-leninistisches Wörterbuch)

Es geht nicht nur um Widersprüche im Denken. Das Gesetz des Widerspruchs befindet sich in den Dingen selbst. Die Evolution der Natur wäre ohne immanente Widersprüche undenkbar.

Fast alle bedeutenden deutschen Dichter und Denker propagieren das Böse als Motor des Guten. Warum sollten sie das Böse bekämpfen und ausrotten wollen, wenn der Fortschritt der Dinge ohne das Böse unmöglich wäre?

Die Linken wie die Rechten sind übereinstimmend der Meinung, dass eine zufriedene Welt furchtbar unfruchtbar wäre. Das Gute wäre Stagnation und Unbeweglichkeit. Erst das Satanische ist der rechte Gärungsstoff, um die trägen Elemente der Realität in Wallung und Bewegung zu versetzen. „Mein Kampf“ war nicht nur das Lebensmotto eines Außenseiters. Ohne Kampf um Sein und Nichtsein keine Geschichte und keine Heilsgeschichte.

Kant spielt eine Sonderrolle. Auf der einen Seite ein strenger aristotelischer Logiker, andererseits ein vordialektischer Denker.

„Dieser Widerstand ist es nun, welcher alle Kräfte des Menschen erweckt, ihn dahin bringt seinen Hang zur Faulheit zu überwinden und, getrieben durch Ehrsucht, Herrschsucht oder Habsucht, sich einen Rang unter seinen Mitgenossen zu verschaffen, die er nicht wohl leiden, von denen er aber auch nicht lassen kann. Da geschehen nun die ersten wahren Schritte aus der Rohigkeit zur Cultur, die eigentlich in dem gesellschaftlichen Werth des Menschen besteht; da werden alle Talente nach und nach entwickelt.“

Mit der Absegnung des Widersprüchlichen und Amoralischen hat Kant seinen kategorischen Imperativ geschwächt. Streng genommen wird seine Preisung des moralischen Willens außer Kraft gesetzt. Der Kampf der deutschen Aufklärung gegen die christliche Anbetung des Bösen hat eine empfindliche Niederlage erlitten:

Zwei Dinge erfüllen das Gemüt mit immer neuer und zunehmender Bewunderung und Ehrfurcht, je öfter und anhaltender sich das Nachdenken damit beschäftigt: der bestirnte Himmel über mir und das moralische Gesetz in mir.

Solange der Westen an der Funktion des vorwärtstreibenden, fruchtbaren Bösen festhält, so lange darf er kein Interesse entwickeln, das Unvollkommene und Schlechte zu bekämpfen. Im Gegenteil: je heftiger die Konflikte, je schädlicher die Defekte, umso rasanter läuft der Laden.

Warum werden sich linke und rechte, reformerische und konservative, revolutionäre und bewahrende Kräfte immer ähnlicher und verwechselbarer? Weil christliches und atheistisches, kapitalistisches und sozialistisches Denken im Prinzipiellen identisch sind. Für beide Seiten ist Geschichte ein gerechter Auswahlprozess. Durch Kampf, Widerspruch und gnadenlose Konkurrenz werden die Schlechten aussortiert, die Guten überleben alle Kollisionen und gewinnen den Wettlauf.

Die Guten sind bei den Kapitalisten die Reichen und Mächtigen, bei den Sozialisten die ausgebeuteten Proleten. Beide sind erwählte Klassen, denen der finale Sieg der Heilsgeschichte nicht zu nehmen ist. Ihre Todfeinde müssen untergehen.

Wie der Kapitalismus kein Erbarmen kennt mit den Losern der Moderne, kennt der Sozialismus kein Erbarmen mit den Ausbeutern – und den Schwächsten aller Schwachen, dem Lumpenproletariat. Nicht Proleten sind die Verlierer der Geschichte, sondern diejenigen, die unterhalb der Proleten verrecken. Auch der Marxismus ist eine elitäre Ideologie, die nur durch Abgrenzung nach unten ihren Siegeslauf vollenden kann. Mit dem Abhub der Gesellschaft kennt Marx kein Erbarmen.

„Zu diesem „Auswurf, Abfall, Abhub aller Klassen“ zählte Marx die „zerrütteten Lebeherren mit zweideutigen Subsistenzmitteln und von zweideutiger Herkunft, verkommene und abenteuerliche Ableger der Bourgeoisie, Vagabunden, entlassene Soldaten, entlassene Zuchthaussträflinge, entlaufene Galeerensklaven, Gauner, Gaukler, Tagediebe, Taschendiebe, Taschenspieler, Spieler, Zuhälter, Bordellhalter, Lastträger, Literaten, Orgeldreher, Lumpensammler, Scherenschleifer, Kesselflicker, Bettler, kurz, die ganze unbestimmte, aufgelöste, hin- und hergeworfene Masse, die die Franzosen ‚la bohème‘ nennen“. Im Kommunistischen Manifest beschrieben Marx/Engels die subproletarischen Gruppen als „passive Verfaulung der untersten Schichten der alten Gesellschaft“. Als „Mobilgarde“ der Reaktion sah Marx im Lumpenproletariat eine Gefahr. Dass sich das in seiner Zusammensetzung sehr heterogene „Lumpenproletariat“ nicht wie die Industriearbeiterschaft organisieren lasse, ein geringes Bewusstsein seiner Interessenlage habe und offen für Bestechung durch den Klassengegner sei, sah man in der Arbeiterbewegung als Problem. Es schied wegen seiner Unzuverlässigkeit und seiner Unfähigkeit zur Entwicklung eines proletarischen Klassenbewusstseins als Bündnispartner der Arbeiterklasse aus.“

Nun verstehen wir, warum es in der Proletenpartei SPD keine Sympathie mit den Letzten der Gesellschaft gibt. Das verfaulte Lumpenproletariat erkennt man am Parasitentum seiner angeblichen Arbeitsverweigerung. Dass die Allerletzten erst durch widrige Umstände zum Vegetieren am untersten Rand der Gesellschaft verurteilt wurden, zählt für den Messias der ehrbaren Proleten wenig. Wer nicht arbeiten will, soll auch nicht essen: das ist die Verachtung der Allerletzten durch die Letzten. Die Allerletzten sollen die Hunde beißen.

Warum war es ausgerechnet ein Karrierist der SPD, der die Hartz4-Diffamierungen einführte? Weil er „Verweigerer des Aufstiegs“ mehr hasste als die Klasse der Erfolgreichen, in die er gerade eingetreten war.

Die Basis oder die Letzten der Letzten werden in Zeiten des Verfalls von den Bevorzugten des Schicksals besonders heftig attackiert. Die Demokratie wird zunehmend zur Elitokratie, Meritokratie und Plutokratie. Die Gebildeten, Erfolg- und Einflussreichen sollen die Geschicke der Nation führen. Eine Bevorzugung der Basis würde die Verlierer der Gesellschaft aus grundloser Sentimentalität belohnen. Susanne Gaschke verurteilt die „Demontage“ der Experten und Autoritäten durch Ignoranten und Dummköpfe:

„Die systematische Demontage von Autorität und Charakter passt zu einem Zeitgeist, der Experten und Eliten verachtet. Niemand darf herausgefordert, angestrengt oder kränkend benotet werden. Schule und Hochschule sollen heute offenbar vor allem für eine Wohlfühlstimmung sorgen. … Andererseits passt die bildungspolitisch fast mutwillig und systematisch erscheinende Demontage von Autorität, Charakter und Persönlichkeit in den unterrichtenden Professionen zu einem Zeitgeist, in dem Experten und Eliten ganz allgemein verachtet werden und sich nicht nur der amerikanische Präsident seine Wahrheiten einfach selbst ausdenkt.“ (WELT.de)

Schluss mit der Heuchelei gleicher Bildungschancen. Menschen sind nicht gleich, also sollen sie auch nicht gleich behandelt werden. Demokratie ist eine Gesellschaft der Ungleichen, der herrschenden Starken und Siegreichen. Wer nicht mitkommt, kommt unter die Räder. Jan Fleischhauer wird nicht müde, das soziale Gedöns und die maßgebende Rolle der Basis in den Staub zu treten:

„Wenn die Basis entscheidet, haben etablierte Politiker schlechte Karten: Bei den Mitgliedern kommen Leute besser an, die zwar wenig Erfahrung haben, aber viel Sitzfleisch. Der intelligente Mensch ist in Parteien grundsätzlich im Nachteil. In der SPD herrscht jetzt Rätedemokratie. Wer wie Nahles als Teil des Establishments gilt, ist per se verdächtig. Man mag es mir nachsehen, aber ich hege gewisse Vorbehalte gegen die Basisdemokratie. Sie bringt selten die schlauesten Köpfe nach vorne. Eigenwilligkeit und Einfallsreichtum, die oft mit Intelligenz einhergehen, sind keine Eigenschaften, die honoriert werden. Dafür Sitzfleisch und endlose Geduld.“ (SPIEGEL.de)

Giovanni di Lorenzo plädiert leidenschaftlich für die elitäre Macht der Besten und Cleversten, die er für Herzensgebildete hält.

Tilman Krause schreddert gar das gesamte Erbe der antiautoritären 68er-Bewegung. Es habe nichts gebracht und sich nur mit fremden Federn geschmückt. Weder hätten die selbsternannten Revolutionäre die Sexualität befreit, noch das demokratische Bewusstsein gefördert, geschweige die Bekämpfung des Faschismus erfunden:

„Durch ihre penetrante Verurteilungssuada, gepaart mit vollständigem Verzicht auf Empathie, haben die 68er auch keineswegs den „allgemeinen Diskurs“ über das Dritte Reich befördert, sondern ganz im Gegenteil verhindert. Auch wenn man sich die intellektuelle Szene anschaut, brachte 1968 über Deutschland nur Vergröberung und Ideologisierung. Nichts, aber auch gar nichts von dem, was in diesem Umfeld publiziert wurde, kann es mit der differenzierten Auseinandersetzung mit dem Totalitarismus im Allgemeinen, dem Faschismus im Besonderen aufnehmen, die es vor allem unter der Herausgeberschaft des amerikanischen Juden Melvin Lasky in der führenden politischen Zeitschrift der frühen Bundesrepublik, dem „Monat“, gab.“ (WELT.de)

Wenn Merkel eines Tages die politische Bühne verlassen wird: was wird von ihrem Werk bleiben? Unter ihrer Leitung regredierten die Deutschen ungebremst ins Lager einer religiösen Gegenaufklärung, in welchem ein fanatischer Judenhasser, totalitärer Staatsanbeter und Bauernfeind zum politischen Nationalheiligen erklärt wurde.

Eine bewusste Politik gab es nicht mehr. Das Reale – und war es noch so miserabel – war das Vernünftige, Erfolgreiche und Welterobernde. Die Eliten klammerten sich an die Faktoren der Weltpolitik: an Plutokratie, Zerstörung der Natur und wahnhaften Fortschritt. Das Böse und Menschenverderbende durfte weder bekämpft noch reduziert werden. Der Schleier des Guten wurde von Trump weggerissen. Die anfängliche Pflichtempörung des Westens ist einer klammheimlichen Bewunderung gewichen.

Die Nationen beginnen, sich gegenseitig trumpistisch zu jagen. Die Staaten militarisieren sich, die Waffenarsenale bersten. Der Wettlauf um die vordersten Plätze wird immer bedrohlicher.

Und wie sind die Antworten führender Edelschreiber auf den galoppierenden Erfolg des Bösen? Sie übertreffen sich in Nihilismus.

Heribert Prantl, SZ, prophezeit dem sündigen Menschen in hammerharter frommer Arroganz das verdiente Ende: „Bedenke Mensch, dass du Staub bist und wieder zum Staub zurückkehren wirst!"

Auch Klaus Brinkbäumer vom SPIEGEL sieht keinerlei Hoffnungszeichen am Horizont: „Für den aufziehenden Weltensturm finden sich keine Antworten.“

Die Vergnügungsfahrt ins Offene ist beendet. Die Deutschen sind ins Heimische zurückgekehrt. Untergangsstimmung mit messianischen Eliten breitet sich aus. Die Sturmgeschütze der Demokratie haben fertig.

 

Fortsetzung folgt.