Umwälzung XXI

Tagesmail - Montag, den 12. Februar 2018

Hello, Freunde der Umwälzung XXI,

Ich habe mich geprüft“ – sprach die Kanzlerin. Sie spricht gern in der ersten Person Einzahl: „Das ist nicht meine Art. Für mich persönlich“.

Ich-Stärke kennzeichnet selbstbewusste Persönlichkeiten. Wenn aber gewählte Politiker ihr Persönliches für wichtiger nehmen als das demokratisch Überpersönliche – was ist dann passiert? Dann nimmt jemand das Individuelle für wichtiger als das Allgemeine. Wenn er sich in der Polis betätigt, hat er eine demokratische Grundregel zerstört.

In einer Demokratie hat das stärkste Ich sich ins Einvernehmen zu setzen mit der ersten Person der demokratischen Mehrzahl. Ich will – was wollen Wir, was wollt IHR? Ist das Ich von Uns gewählt, muss es sich intensiv mit dem Wir auseinandersetzen und Uns Rechenschaft ablegen. Hab Ich getan – was Ihr wolltet? Wenn nicht, warum nicht? Billigt Ihr, dass Ich von Eurem Willen abgewichen bin? Welche Gründe haben Mich veranlasst, Euren Willen zu übergehen?

Will ein Mensch ein Idiot (ein Privatmann) bleiben, kann er seine privaten Dinge für wichtiger nehmen als die allgemeinen – sofern er nicht gegen allgemeine Gesetze verstößt. Will ein Mensch aber ein zoon politicon sein, kann er sein Ich nicht zum Maßstab des Wir machen.

Eben dies tut die Kanzlerin und die Medien nehmen es nicht wahr. Indem Interviewer solche anmaßenden Reden durchgehen lassen, vermitteln sie der Kanzlerin: alles im grünen Bereich. Vierte Gewalt und Exekutive verbünden sich zur stillschweigenden Kumpanei des Unzulässigen. Medien verderben die Kanzlerin, Kanzlerin verdirbt die Medien.

Wenn die Kanzlerin sich selbst überprüft und alles für bestens erklärt, muss alles in Ordnung sein. Als fromme Frau kennt sie den Spruch: Wenn wir uns selbst richten, werden wir nicht gerichtet werden. Wenn wir uns selbst kritisieren, werden wir vom ...

... obersten ZENSOR nicht kritisiert werden. Die Kanzlerin will öffentliches Überprüftwerden durch privates Selbstüberprüfen umgehen.

Im Zuge der religiösen Regression der Nation verbreitet sich diese nicht leicht durchschaubare Methode der Kritik-Immunisierung unter Politikern immer mehr.

Das Neue Testament übernimmt das griechische Wort für kritisieren, das von Luther mit richten übersetzt wurde. Zugrunde liegt das zentrale Wort des Sokrates: Ein unüberprüftes Leben ist nicht lebenswert.

Sokrates, der von vielen deutschen Gelehrten als Gegner der Demokratie dargestellt wird, hat sein ganzes Leben in den Dienst der Demokratie gestellt, in dem er sich und seine Mitbürger durch Nachfragen, Denken und Streiten auf ihre demokratische Kompetenz überprüfte. Seine philosophische Existenz hatte keinen anderen Sinn, als demokratische Fähigkeiten zu ergründen und die Stabilität der Polis durch Überprüfen der Bürger zu stärken.

Das Neue Testament verwandelt Kritisieren-auf-gleicher-Augenhöhe in Überprüfen und Verurteilen der Menschen durch Gott – mit schrecklichem Ausgang.

Fromme Bücher zeichnen sich durch Widersprüche aus, damit niemand durch allzu klare Worte dem göttlichen Urteil widersprechen kann. Also lesen wir: Richtet nicht, auf dass ihr nicht gerichtet werdet. Richten ist göttliches Vorrecht und darf von Menschen nicht benützt werden, um sich vor der höchsten Instanz in ein besseres Licht zu rücken. Die Menschen haben keine Meinung voneinander zu haben – mit Ausnahme des „hammerharten Satzes“, den Prantl für einen politischen hält:

«Bedenke Mensch, dass du Staub bist und wieder zum Staub zurückkehren wirst!» Das ist ein hammerharter Satz, noch viel härter als die Leitartikel, die in den vergangenen Tagen über den bisherigen SPD-Vorsitzenden und seine tollpatschigen Schachzüge geschrieben wurden; härter auch als all die Sprüche, die man an den politischen Aschermittwochs-Veranstaltungen in Passau,Vilshofen und sonstwo hören wird.“ (Sueddeutsche.de)

Auch hier die Kohäsion zwischen der mächtigen Pastorentochter und den Edelschreibern, die ihr Tun kritisieren sollten, ihre religiöse Politauffassung aber stillschweigend für richtig, ja bewundernswert halten. Der Mensch ist ein nicht korrigierbares, ausschließlich per sola gratia erlösbares Gebilde aus Staub und Sünde. Wenn das nicht die besten Voraussetzungen für eine Demokratie sind, die auf verlässliche, moralisch integere Wesen angewiesen ist!

Wenn Krisen übers deutsche Vaterland kommen – das noch lange kein Mutterland ist –, werden deutsche Edelschreiber zu Feinden der Menschen, die sie mit Hammersätzen in Staub und Asche verwandeln. Das ist der uralte Sinn der Erlöserreligionen, die sich hochdemokratisch gebärden, solange die Demokratie unangefochten ist. Kommt dieselbe aber in schwere See, haben‘s die Frommen schon immer gewusst: Ihr schafft es nicht, ihr irdischen Vernünftler. Demokratie lebt von Fähigkeiten, die alle irdischen Kapazitäten weit überschreiten.

„Denn mit welcherlei Gericht ihr richtet, werdet ihr gerichtet werden; und mit welcherlei Maß ihr messet, wird euch gemessen werden. Was siehst du aber den Splitter in deines Bruders Auge, und wirst nicht gewahr des Balkens in deinem Auge?“

Das klingt, als ob man dem Endgericht entkäme, wenn man sich der Kritik an Menschen enthielte. Das wäre eine einfache Art, der ewigen Pein zu entkommen und sich selbst zu erlösen: ich enthalte mich aller Kritik an Menschen. Eine Demokratie jedenfalls wäre mit solcher Kritiklosigkeit unvereinbar. Zudem klingt es, als ob der große Richter mit demselben Maß richten würde, wie der Mensch zuvor gerichtet hat. Macht er sich etwa abhängig von der Verruchtheit seines Geschöpfes? Urteilt ein Mensch scharf, wird er scharf verurteilt. War er lässig, guckt Gott durch die Finger.

Nun der berühmte Satz vom Splitter und Balken, mit dem der Herr die Pharisäer dekonstruierte. Auf den ersten Blick klingt er berechtigt. Sehen wir uns selbst nicht wesentlich unkritischer als unsere Mitmenschen, die wir verständnislos zur Minna machen? Die Kritik an dieser Bigotterie wäre berechtigt – wenn wenn das Gegenteil nicht genau so richtig wäre.

Weil Christen lernen müssen, sich mit dem unerfüllbaren Vernichtungsblick Gottes zu betrachten, der keinem Menschen die Chance lässt, den Kriterien des Höchsten zu genügen, haben sie sich angewöhnt, ein ewig schuldiges Gewissen zu entwickeln.

Wie kriege ich einen gnädigen Gott, war die Urfrage Luthers, die er nur durch Verweis auf die unverdiente Gnade Gottes beantworten konnte – an die er glauben musste. Glauben heißt, sich seiner Sache nie sicher sein dürfen, aber so tun, als ob sie sicher wäre.

Warum verurteile ich andere schärfer als mich? Weil ich mich bewusstseinslos am schärfsten verurteile. Hängt doch von meinem radikalen Sündenbekenntnis die ewige Seligkeit ab. Da kein Mensch diese selbstvernichtende Kritik erträgt, projiziert der Sünder seine unvergebbare Sünde auf seinen Nächsten. Dort sieht er mitleidlos die Schwächen, die seine eigenen sind, die er als eigene aber nicht anerkennen kann. Er sieht beim anderen, was er beim Blick in die eigene Seele nicht mehr ertragen kann.

Streng genommen ist die Bigotterie umgekehrt: sich selbst sieht der Sünder ungleich vernichtender als alle anderen. Da der selbstvernichtende Blick das Leben unerträglich macht, flüchtet er mit diesem Blick zum Nachbarn. Die übertragene Kritik am Nächsten ist oberflächlich und trivial – aber unerbittlich.

Wer seinen Nächsten hasst, sieht nichts vor lauter Hass. Er weiß a priori, dass der Andere ein Werkzeug Satans ist. Das feindliche Vorurteil ist unfähig, genau hinzuschauen. Nur ein empathischer Blick sieht. Hass macht blind. Die größten Seelenkenner waren keine Menschenhasser.

Wer etwa die Beziehungen der Deutschen zu Israel betrachtet, wird unschwer erkennen, dass Deutsche von Juden keine Ahnung haben. Entweder werden die Nachkommen der Opfer von den Nachkommen der Täter abgelehnt und gehasst – oder im überidentischen Salto „geliebt“. Wobei sich hinter Liebe absolute Ignoranz verbirgt und das strikte Verbot, die wirklichen Gefühle in ihrer Vertracktheit zu durchschauen. Die meisten wollen weder das eine noch das andere und flüchten in strikte Denk- und Gefühlsverweigerung: ich halte mich raus, ich empfinde nichts, ich halte mich an die vorgeschriebene Wiedergutmachensethik, die ich mit Kritiklosigkeit verwechsele.

Wer hält es aus, sich ewig als Satansbraten zu verachten? Apodiktische Selbstverwerfung beruht auf keiner Beobachtung. Ich bin mir nichts bewusst, aber deshalb bin ich nicht gerechtfertigt – schreibt Paulus. Der Sünder muss sich als Feind Gottes betrachten, das Verwerflichste, was einem Menschen unter der Sonne passieren kann. Ich muss mich wahrnehmungslos verurteilen. Guten Taten muss ich mehr misstrauen als schlechten. Denn mit guten will ich mich betrügen und meine unentschuldbare Bosheit kleiner machen, als sie sein darf. Das Gute ist hinterhältiger und listiger als alle Bosheiten zusammen, die ich an mir zu kennen glaube.

Deshalb das vernichtende Urteil Augustins über Sokrates: Heidnische Tugenden sind goldene Laster. Je heller sie scheinen, umso verwerflicher sind sie. Der Christ sieht den Balken der Verdammung im Auge seines Nächsten, um seinen eigenen verleugneten Balken nicht unter koketten Splittern zu entdecken. Ich attackiere die Verwerflichkeit der Anderen, weil ich meine eigene ahne – ohne sie mir bewusst zu machen.

Mit beiden Seelenverzerrungen hat rationale Selbst- und Fremdbeobachtung nichts zu tun. Wer seinen Nächsten wirklich kennenlernen will, muss Frieden mit sich geschlossen haben, um weder in Hass zu verfallen noch in kritiklose Anbetung, die er für Liebe hält.

Die beste Seelenerkenntnis ist Wahrnehmung der Taten. Die Analyse der Taten erst verhilft mir zu Ahnungen über das Innenleben, aus dem jene Taten erwuchsen.

Die gegenwärtige Psychotherapie hat sich einen Kristallpalast voller realitätsferner Kunstbegriffe errichtet. Jenseits aller Politik, Geschichte und der alltäglichen Wirklichkeit werden Diagnosen gestellt, die mit der Realität nichts zu tun haben. Trump ist weder ein Kind, noch ein Narziss, sondern der Inbegriff des abendländischen Machiavellismus und einer antinomischen Christen-Unmoral, die sich bislang als Moral der Moralen darstellen durfte.

Der Schein der Übermoral fällt – und das ist gut so, obgleich es zu erheblichen Geburtsschwierigkeiten einer vom Bösen befreiten, nüchternen und empirisch nachvollziehbaren Moral kommen kann.

Jeder Christ steht vor Gott allein. Kein Vater, Mutter, Priester kann ihm zur Gnade Gottes verhelfen. Für andere beten, heißt: etwas anderes habe ich nicht zu bieten als Gott um Gnade zu bitten. Um Gnade zu flehen ist ein beobachtungsfreier abstrakter Akt, der niemandem zur Selbstwahrnehmung verhilft.

Prantls Vernichtungsurteil über den Menschen: Staub bist du und zu Staub sollst du wieder werden, ist mit keiner politischen Beobachtung verknüpft. Wenn die Frommen nicht mehr weiter wissen, holen sie den Hammer aus dem Keller und machen alles platt. Dieses gnadenlose Plattmachen halten sie für den Gipfel menschlicher Moral. Solange es den Menschen gut zu gehen scheint, tun sie, als ob sie daran beteiligt wären. Kaum ziehen die ersten Wolken übers Gebirg, lösen die Christen ihre Gutwetter-Liaison mit der Welt und holen den Hammer raus.

Auch Nietzsches Philosophie mit dem Hammer war noch eine Christentat – auch wenn der Pastorensohn sich als Gottlosen betrachtete. Das Erbe seiner frommen Vorfahren schüttelt man nicht in einer Generation ab. Vor allem nicht mit gutem Gewissen. Ohne Gott leben, heißt, ihn ermordet haben. Darunter geht‘s nicht. Die Folgen dieser Ermordung werden kolossal sein und die Welt an den Rand des Abgrunds bringen:

„Wohin ist Gott?" rief er, "ich will es euch sagen!
Wir haben ihn getötet - ihr und ich! 
Wir sind seine Mörder! Aber wie haben wir das gemacht? 
Wie vermochten wir das Meer auszutrinken? 
Wer gab uns den Schwamm, um den ganzen Horizont wegzuwischen?
Was taten wir, als wir diese Erde von ihrer Sonne losketteten? Wohin bewegt sie sich nun? Wohin bewegen wir uns?
Fort von allen Sonnen?
Stürzen wir nicht fortwährend? 
Und rückwärts, seitwärts, vorwärts, nach allen Seiten?
Gibt es noch ein Oben und ein Unten? Irren wir nicht durch ein unendliches Nichts? 
Haucht uns nicht der leere Raum an?
Ist es nicht kälter geworden?
Kommt nicht immerfort die Nacht und mehr Nacht? Gott ist tot! Gott bleibt tot! Und wir haben ihn getötet!
Wie trösten wir uns, die Mörder aller Mörder? Das Heiligste und Mächtigste, was die Welt bisher besaß, es ist unter unsern Messern verblutet - wer wischt dies Blut von uns ab? 
Mit welchem Wasser könnten wir uns reinigen? 
Welche Sühnefeiern, welche heiligen Spiele werden wir erfinden müssen?
Ist nicht die Größe dieser Tat zu groß für uns?
Müssen wir nicht selber zu Göttern werden, um nur ihrer würdig zu erscheinen?“

Jean Pauls „Rede des toten Christus vom Weltgebäude herab, dass kein Gott sei“, lässt sich mit Zarathustras infernalischen Visionen vergleichen:

Christus fuhr fort: »Ich ging durch die Welten, ich stieg in die Sonnen und flog mit den Milchstraßen durch die Wüsten des Himmels; aber es ist kein Gott. Ich stieg herab, soweit das Sein seine Schatten wirft, und schauete in den Abgrund und rief: ›Vater, wo bist du?‹ aber ich hörte nur den ewigen Sturm, den niemand regiert, und der schimmernde Regenbogen aus Wesen stand ohne eine Sonne, die ihn schuf, über dem Abgrunde und tropfte hinunter. Und als ich aufblickte zur unermeßlichen Welt nach dem göttlichen Auge, starrte sie mich mit einer leeren bodenlosen Augenhöhle an; und die Ewigkeit lag auf dem Chaos und zernagte es und wiederkäuete sich. – Schreiet fort, Mißtöne, zerschreiet die Schatten; denn Er ist nicht! Da kamen, schrecklich für das Herz, die gestorbenen Kinder, die im Gottesacker erwacht waren, in den Tempel und warfen sich vor die hohe Gestalt am Altare und sagten: »Jesus! haben wir keinen Vater?« – Und er antwortete mit strömenden Tränen: »Wir sind alle Waisen, ich und ihr, wir sind ohne Vater.« Da kreischten die Mißtöne heftiger – die zitternden Tempelmauern rückten auseinander – und der Tempel und die Kinder sanken unter – und die ganze Erde und die Sonne sanken nach – und das ganze Weltgebäude sank mit seiner Unermeßlichkeit vor uns vorbei. »Starres, stummes Nichts! Kalte, ewige Notwendigkeit! Wahnsinniger Zufall! Kennt ihr das unter euch? Wann zerschlagt ihr das Gebäude und mich? – Zufall, weißt du selber, wenn du mit Orkanen durch das Sternen-Schneegestöber schreitest und eine Sonne um die andere auswehest, und wenn der funkelnde Tau der Gestirne ausblinkt, indem du vorübergehest? – Wie ist jeder so allein in der weiten Leichengruft des Alles! Ich bin nur neben mir – O Vater! o Vater! wo ist deine unendliche Brust, daß ich an ihr ruhe? – Ach wenn jedes Ich sein eigner Vater und Schöpfer ist, warum kann es nicht auch sein eigner Würgengel sein?“

Nietzsches und Jean Pauls Schreckensbilder sind Vorahnungen der Moderne, die ihren abendländischen Heilsfirnis verlieren und sich zeigen, wie sie sind: Der neuzeitliche Mensch, der dabei ist, sich von Gott zu lösen, stirbt vor Angst, wenn er an die Folgen seines ruchlosen Vatermords denkt.

Vatermord ist nicht die Ermordung des irdischen, sondern des überirdischen Vaters. Die vaterlose Gesellschaft ist eine gottlose Gesellschaft. Sich von Gott lösen, heißt, Gott getötet zu haben. Darauf stehen alle apokalyptischen Schrecken als unermessliche Strafen. Wer Gott tötet, muss selber Gott werden – oder dessen Würgeengel.

Gott werden ist Kern des unermesslichen technischen Fortschrittsglaubens – und die Spezialität von Gottes eigenem Land. Gottes Würgeengel ist die komplementäre Rolle des alten sündigen Europas, das sich zur Naivität der amerikanischen Gottwerdung nicht aufraffen kann. Amerika und Europa spielen die komplementären Rollen der finalen Gottwerdung: das Heil im Grenzenlosen, welches vom unbegrenzten Unheil flankiert werden muss.

Wer die Physiognomie der Menschen und Nationen beschreiben will, muss ihre Geschichte beschreiben. Was jetzt ist, ist das Fazit ihres Gewordenseins. Ohne Analyse des Werdens keine Erkenntnis des Seins.

Psychische Kategorien müssen nach hinten schauen. Rückwärts gewandt ist eine der schlimmsten Sünden des modernen Menschen. Wer erkennen will, muss rückwärts schauen. Vorne flimmern nur kindische Wünsche und ultimative Ängste. Hinten erkennen wir die Schleifspuren unserer Torheiten, Verwirrungen – im Kampf mit unserer Vernunft. Noch sind wir nicht verloren. Wir sind keine Spottgeburten aus Dreck und Feuer.

Deutschlands Politik ist vollständig durch Religion determiniert. Die Deutschen wollen zwar religiös sein, aber von Religion nichts wissen. Da verklärten sie einen Politiker zum Messias – und nach wenigen Monaten stürzten sie ihn als lächerlichen Antichrist ins Bodenlose. Und all dies soll die Tat eines Einzelnen sein:

„SPD-Chef Martin Schulz hat sich ganz allein in eine aussichtslose Lage manövriert“. (Sueddeutsche.de)

Einen größeren Realitätsverlust kann man sich nicht denken. Es war nicht eine ganze Partei, nicht die heil-rufenden Medien, nicht eine Nation, die den Messias riefen und ihn im nationalistischen Gefühlschaos modellierten. Noch immer agieren sie, wie sie ihren einstigen Führer zum alleinigen Schuldigen erklärten, der mit magischen Kräften ein ganzes Volk bezirzt haben soll. Nicht sie sind es, nicht sie waren es, die den Unbekannten auserkoren, es waren die Einzelnen und Unbekannten, die charismatisch begannen und als teuflische Fratze „mit Haaren im Gesicht“ endeten. Ein Messias erschafft sich nicht allein, er ist die kollektive Phantasmagorie notleidender und erlösungsbedürftiger Völker.

Die deutschen Voraussetzungen waren extrem messias-süchtig. Einerseits fühlten sie sich in einem Land, wo Milch und Honig fließt, andererseits kam fast über Nacht der Zerfall der Regierung in Nichts und das Erstarren der Bevölkerung, die den Fall vom Himmel in die Realität fassungslos erlebt. Noch nicht lange her, da war Deutschland ein Sehnsuchtsort, ein paradiesisches Land:

„Das Land, in dem Milch und Honig fließen, heißt Deutschland.“ (FAZ.NET)

Plötzlich, nach einer harmlos wirkenden Wahl, scheinen die Grundfeste des Landes zu beben. Die weltweite Krise, von Trump nicht erfunden, aber auf die Bühne gezerrt, überfällt nun auch das Land, das sich sicher wähnte vor allen planetarischen Verfallserscheinungen. Brinkbäumer, SPIEGEL-Chef, schreibt unheilsschwanger:

Für den aufziehenden Weltensturm finden sich keine Antworten. Etwas Großes und Unsicheres nähert sich. Die Welt verändert sich, radikal und rasant. Die USA verabschieden sich aus ihrer Weltmachtrolle und von Europa³ China steigt auf. Künstliche Intelligenz, Klimawandel und Migration machen aus den Gesellschaften, die wir kannten, neue. Cathryn Clüver Ashbrook, Direktorin des "Future of Diplomacy"-Programms in Harvard, sagt am Telefon, es sei erschreckend, "wie schnell wir über die Grundfesten des Westens nachdenken müssen"³ Deutschland habe seine Werte und Interessen zu erklären – kann das die neue Regierung? Im Koalitionsvertrag, in seinen geopolitischen Passagen floskelig, schafft sie es nicht³ und die Kanzlerin schweigt.“ (SPIEGEL.de)

Brinkbäumer nähert sich bereits Oswald Spenglers „Untergang des Abendlands“. Doch das Abendland erweitert sich bei ihm zur ganzen Welt. Er erschrickt, aber analysiert nicht, forscht nicht nach Ursachen, nennt keine Gründe. Er spürt nur den aufziehenden Weltensturm – gegen den die Menschheit nichts ausrichten könne. Das ist kein Skeptizismus mehr, das ist aussichtsloser Nihilismus. Als die Deutschen nihilistisch wurden, gerieten sie in den Sog eines kommenden Sohnes der Vorsehung.

Und die Kanzlerin schweigt. Was sollte sie denn sagen, da sie an das Kommen der Apokalypse und des Erlösers glaubt? Soll sie mit ihrem Glauben diese dummen Deutschen belästigen? Kein Christ denkt solidarisch. Jeder hat selbst für seine Seligkeit zu sorgen.

Und kaum ist der männliche SPD-Messias gekreuzigt und begraben, macht sich BILD auf „Spurensuche“ nach dem nächsten, der zufällig eine Erlöserin sein soll. Kann denn aus Nazareth Gutes kommen? Kann aus der Eifel das Heil kommen? Erlöser kommen immer aus dem Unbedeutenden, ja, Verachteten. Ihre Wirkung müssen sie durch Zeichen und Wunder beglaubigen. Nahles ist in der Heimat geerdet, gibt sich handfest und bodenständig, ist vom Schicksal gezeichnet. Der Mann hat sie verlassen. Trotz aller Erfolge ist sie eine aus dem Volk geblieben: ein wahrer Mensch. Bald werden die Medien ihre Lieblingsfrage stellen: kann sie über Wasser laufen? Dann käme zum Menschen etwas Übernatürliches hinzu. Früher sprach man Gott und Mensch. (BILD.de)

„Wo nun der Staatsmann verzweifelt, der Politiker die Hände sinken lässt, der Sozialist mit fruchtlosen Systemen sich plagt, ja selbst der Philosoph nur noch deuten, aber nicht vorausverkünden kann […], da ist es der Künstler, der mit klarem Auge Gestalten ersehen kann, wie sie der Sehnsucht sich zeigen, die nach dem einzig Wahren – dem Menschen – verlangt. Der Künstler vermag es, eine noch ungestaltete Welt im Voraus gestaltet zu sehen […]. Aber sein Genuss ist Mitteilung […], so findet er auch die Herzen, ja die Sinne, denen er sich mitteilen kann. […] Der Erzeuger des Kunstwerkes der Zukunft ist niemand anderes als der Künstler der Gegenwart, der das Leben der Zukunft ahnt, und in ihm enthalten zu sein sich sehnt. Wer diese Sehnsucht aus seinem eigensten Vermögen in sich nährt, der lebt schon jetzt in einem besseren Leben – nur einer aber kann dies: – der Künstler.“

Als Richard Wagner seiner verrotteten Epoche den Untergang prophezeite, stilisierte er sich – den genialen Künstler – zum kommenden Heiland der Deutschen.

Sein genialster Bewunderer und Schüler machte sich daran, das Gesamtkunstwerk der Bühne in ein Gesamtkunstwerk der Realität zu verwandeln. Er hieß Adolf Hitler.

Wenn Deutschland in Not ist, kommen von Gott berufene Genies und Erwählte, um es zum Heil zu führen. Und mit Deutschland die ganze Welt – und wenn beide dabei zugrunde gingen. Erlösen ist Vernichten.

Wir müssen uns verändern.

 

Fortsetzung folgt.