Umwälzung XVIII

Tagesmail - Montag, den 05. Februar 2018

Hello, Freunde der Umwälzung XVIII,

CDU-Estragon: Nichts zu machen.

SPD-Wladimir: ich glaub es bald auch.

CDU-Estragon: Ich kann nicht mehr so weitermachen. Sollen wir auseinandergehen? Es wäre vielleicht besser?

SPD-Wladimir: Morgen hängen wir uns auf. Es sei denn, dass Godot käme.

Godot wird nicht kommen und sie werden sich nicht aufhängen. Das vergebliche Warten auf ihren Erlöser haben sie schon zur zweiten Natur gemacht. Ohne hektisch-immobiles Warten auf die Zukunft können sie gar nicht mehr.

„Warten auf Godot“ und „Draußen vor der Tür“: das sind die beiden Stücke, die Berlin als Oberammergauer Festspiele präsentiert. Kalte Nasen der Schlüsselloch-Beobachter und das gewichtige Defilieren der Stars vorbei an den Voyeuren ins Innere des Allerheiligsten. Eine Demokratie ist noch nicht auf den Hund, aber aufs Krippenspiel gekommen: drinnen die heilige Familie in verschlungenen, sado-masochistischen Kampfgebärden, draußen die profanen Fenster-Gucker als klirrende Hermeneutiker des Kompromisslerischen, das so nebenbei die große Aufbruchsstimmung signalisieren soll.

Oh, da kennen sie nichts, die Medien. Wenn zwei Parteien kurz vor dem Abnippeln Erbsen zählen, erwarten die psychologisch und gruppendynamisch versierten Berichterstatter nichts weniger als Erleuchtung. Sonst priesen sie die nebenberufliche Nüchternheit einer Pastorentochter als höchste Tugend, nun gelüstet es sie nach ...

... frei flottierendem Schwärmen. Man langweilt sich schnell auf den Polstern strenger Zensoren. Demokratie verkommt zur kaffeesatzlesenden Gafferei. Und da kommt sie schon, die frohe Botschaft:

„Familien, Häusle-Bauer, Rentner, Schüler, Krankenversicherte: Wer sich jetzt schon mal so langsam freuen darf“… (BILD)

Wie gut, dass eine Demokratie ein Staat zu sein hat, der sein Füllhorn über Gute und Böse, Berechtigte und Unberechtigte ausschütten darf. Der Staat, der Staat. Alles dreht sich um den Staat. Ein strenger Vater, ein gütiges Väterchen, auf keinen Fall das Vollzugsorgan des Volkes. Wer sich erkühnte, die Stimme des Volkes zu sein, wäre ein selbst-ernannter Populist.

Die Parteien verstehen es, ihre Gurkerei als Lösung überfälliger Probleme darzustellen, die von unbekannten Mächten dem Volk eingebrockt wurden. Dass sie es selber waren, die die Probleme aufstauen ließen – das steht nicht in ihren windigen Kompromiss-Papieren.

Es scheint nicht anders zu gehen: Politiker warten, bis die Hütte brennt, dann verkleiden sie sich als heroische Feuerwehrleute, die unter Einsatz ihres Lebens das Äußerste wagen. Doch bevor es zum Äußersten kommt, hat sich – Gottlob – schon wieder der Dauerbetrieb eingestellt, der in den Medien als Wirklichkeit dargestellt wird, die nun einmal ist, wie sie ist. Tatütata ist die subkutane Dauerfanfare, die den Menschen in den Ohren gellt und politischen Tinnitus verursacht.

Doch der tägliche Alarm steht in erbärmlichem Kontrast zu den hilflosen Gestalten, die um die Ecke biegen und sich mehr mit sich selbst beschäftigen als mit dem Löschen des Feuers.

Aber Hand aufs Herz: wer will denn heitere und sorglose Verhältnisse? Arkadische Zustände sind des Teufels, predigen die Auguren, die es wissen müssen, weil sie vom Chaos-in-Permanenz am meisten profitieren. Moralische Blindheit, logische Inkontinenz und politisches Ohrensausen sind die allgegenwärtigen Symptome sensorischer Deprivation, die der Herr am besten in Erbauungsdeutsch übersetzt hat:

„Höret immerfort, doch verstehet nicht, sehet immerfort, doch erkennet nicht. Der Herr hat ihnen einen Geist der Betäubung gegeben, Augen, damit sie nicht sehen und Ohren, damit sie nicht hören. Hören werdet ihr und nicht verstehen, und sehen werdet ihr und nicht erkennen. Ihre Ohren sind schwerhörig geworden und ihre Augen haben sie geschlossen, damit sie nicht etwa mit den Augen sehen und mit den Ohren hören und mit dem Herzen verstehen. Deshalb rede ich in Gleichnissen zu ihnen, weil sie mit sehenden Augen nicht sehen und mit hörenden Augen nicht hören und nicht verstehen. Jenen aber, die draussen sind, wird alles in Gleichnissen zuteil, auf dass sie mit Augen sehen und nicht erkennen und mit Ohren hören und nicht verstehen, damit sie nicht etwa umkehren.“

Das ist der Sinn der Offenbarungsreden: Erwählte werden erleuchtet, die aber draussen stehen werden verstockt. Womit wir erneut beim Draussen vor der Tür angekommen wären.

Die durchschnittliche Wahrnehmungsfähigkeit einer irdischen Gesellschaft ist verstockt. Die Offenbarung hat nicht den Zweck, die Menschen aufzurütteln, sondern zu spalten und zu erwählen. Nur die Vorherbestimmten hören die himmlische Botschaft. Normale Menschen, die auf Vernunfterkenntnis und sinnliche Wahrnehmung pochen, werden hinters Licht geführt und mit doppelter Rede genarrt. Denen, die gerettet werden sollen, ist Offenbarungsrede ein Mittel des Heils; denen, die verloren gehen, eine bigotte Lug- und Trugrede. Sie sollen hören und nichts verstehen.

Das ist die Vernichtung der autonomen Vernunft. Wer es wagt, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen, guckt ewig in die feurige Röhre. In völligem Gegensatz zur jenseitigen Sklerotisierung steht der Satz eines griechischen Philosophen, den jeder selbstbestimmte Athener unterschrieben hätte:

„Wenn du dir selbst Mühe gibst, im Denken tüchtig zu werden, dann wirst du von den Sinnen am wenigsten Schaden erleiden.“ (Kritias)

Diesen Satz übersetzte Goethe in einen Dreizeiler:

„Den Sinnen hast du dann zu trauen,

Kein Falsches lassen sie dich schauen,

Wenn dein Verstand dich wach erhält.“

Weshalb die moderne Gesellschaft sich dauerbetäuben lässt, um die Folgen ihres Tuns nicht zu sehen und zu hören, ist die 2000-jährige Frucht einer doppelbödigen Heilslehre.

Auch die Philosophie ist vom Gift der zweideutigen Rede kontaminiert. Der viel gepriesene Zweifel der Moderne ab Descartes beruht weniger auf Argumenten denn auf religiös eingedrilltem Misstrauen gegen eine natürliche Welt, die auf einen übernatürlichen Schöpfer nicht angewiesen ist.

Jeder Kurs in Philosophie beginnt mit der herablassenden Frage: Bist du sicher, dass es dich gibt? Dass Wirklichkeit ist, wie du sie wahrnimmst? Kannst du deiner Wahrnehmung wirklich trauen? Glaubst du ernsthaft, du könntest eine objektive Natur sehen, riechen, hören und schmecken? Gibt es nicht unendlich viele Wahrnehmungen, ergo unendlich viele Wirklichkeiten?

Die Destruktion der menschlichen Erkenntnisfähigkeiten mündet in der Aussage, die Welt an sich ist unerkennbar (Kant) – oder es gibt überhaupt keine objektive Wirklichkeit: das Ich erfindet die Wirklichkeit (Fichte).

Der italienische Philosoph Vico hatte Fichte vorweggenommen mit seiner Formel: Wahr und erkennbar ist nur, was wir selbst gemacht haben (Verum quia factum). Ein ungeheurer Satz, der das Erkennen einer unabhängigen Natur vernichtet – die philosophische Ursache der ökologischen Katastrophe. Die Folgen dieses Satzes illustrieren die Misere der Moderne:

A) Eine Natur, die es nicht gibt, kann gar nicht vernichtet werden.

B) Selbst, wenn es eine gäbe – und man würde sie vernichten –, bliebe die Vernichtung folgenlos. Denn der Mensch könnte neue Welten nach Belieben erschaffen.

C) Wenn wir nur erkennen, was wir selbst gemacht haben, wäre das Erkennen einer fremden Natur unmöglich.

D) Wenn der Mensch nur erkennt, was er selber machte, erkennt er letztlich nur – sich selbst. Erkennen ist Selbsterkenntnis, aber nicht Erkennen des Selbst als Teil der Natur, sondern eines welt- und naturlosen Selbst.

Die Dauerbetäubung durch die christliche Überwältigungslehre führt zur Entwertung der natürlichen Erkenntnisfähigkeiten. Die Erkenntnisorgane sind nicht mehr auf den unbekannten Kosmos gerichtet, sondern gaukeln die Fähigkeit vor, durch doppelte Rede eine eigene Welt zu schaffen. Das entspricht dem Credo, der Mensch sei Ebenbild Gottes. Ist er Ebenbild Gottes, kann er neue Welten aus Nichts erschaffen. Gibt es keine objektive Wahrheit, kann sich der gottgleiche Mensch einbilden, seine imaginierten Welten seien real.

Gibt es keinen Unterschied zwischen vorgegaukelten und realen Werten, kann es auch keinen Unterschied zwischen Trug und Wahrheit geben. Alles ist Wahrheit, wenn objektive Überprüfungskriterien fehlen. Damit kommen wir zur Erklärung des Trump-Effekts, dass es keine Lügen geben kann.

E) Jede Aussage erschafft selbst, was sie zu erkennen vorgibt. Zwischen Fake-Welt und wahrer Welt kann nicht mehr unterschieden werden. Ich behaupte, also ist es. Der amerikanische Präsident, ein Genie der Moderne, tut nichts anderes, als die Erkenntnistheorie der letzten Jahrhunderte in Politik zu verwandeln. Nein, er versteht nicht, was er tut – aber er tut‘s. Bewusstseinslos bringt er den Grundgedanken der neuzeitlichen Philosophie zur Realität.

Der deutsche Idealismus macht Vicos Grundgedanken zum Kern seines gesamten Denkens, das in Fichtes Ich-Philosophie mündet:

„Ich hebe mein Haupt kühn empor zu dem drohenden Felsengebirge, und zu dem tobenden Wassersturz, und zu den krachenden, in einem Feuermeere schwimmenden Wolken, und sage: ich bin ewig, und ich trotze eurer Macht! Brecht alle herab auf mich, und du Erde und du Himmel, vermischt euch im wilden Tumulte, und ihr Elemente alle, – schäumet und tobet, und zerreibet im wilden Kampfe das letzte Sonnenstäubchen des Körpers, den ich mein nenne; – mein Wille allein mit seinem festen Plane soll kühn und kalt über den Trümmern des Weltalls schweben; denn ich habe meine Bestimmung ergriffen, und die ist dauernder, als ihr; sie ist ewig, und ich bin ewig, wie sie. Das, was man Tod nennt, kann mein Werk nicht abbrechen; denn mein Werk soll vollendet werden, und es kann in keiner Zeit vollendet werden, mithin ist meinem Daseyn keine Zeit bestimmt, – und ich bin ewig. Ich habe zugleich mit der Uebernehmung jener grossen Aufgabe die Ewigkeit an mich gerissen.“ (Fichte, Vorlesungen über die Bestimmung des Gelehrten) (Gutenberg.SPIEGEL.de)

Der Mensch setzt sich der Natur gegenüber und macht sich unabhängig. Selbst wenn die ganze Natur unterginge, würde er sie überleben. Der Untergang der Natur würde dem Menschen nichts anhaben. Er ist aus ganz anderem Stoff als die zum Untergang bestimmte Natur. Er ist ewig. Theologisch könnte man sagen: der Mensch ist ein engelgleiches Wesen, auf die Erde verbannt, das seine überirdischen Qualität nie verlor. Alles Natürliche ist vergänglich. Der Mensch ist überirdisch. Die Natur muss er nicht erhalten, denn sie ist minderwertig und nicht erhaltenswert.

In seinem Werk „Geschichte des deutschen Idealismus“ beschreibt M. Kronenberg die ungeheure Selbstergriffenheit des deutschen Idealismus, der Urquelle des modernen Titanismus, der keine Grenzen kennt und mit technischen Mitteln zu realisieren strebt, was er immer war und sein wird: unsterblich. Im deutschen Idealismus entzieht sich das Subjekt der Dominanz des Objekts, indem er das Objekt zu seinem Eigentum erklärt. Der Mensch ist Besitzer des Universums:

„Das Subjekt sieht sich nicht mehr dem Objekt preisgegeben, sondern fühlt sich der Aufgabe verpflichtet, alles Gegebene in sein freies Eigentum zu verwandeln, allem Objektiven seinen Stempel aufzudrücken, selbst die entferntesten Regionen des Wirklichen in sich selbst hineinzuziehen. Die Objekte werden nicht vereinzelt und isoliert, sondern der Einheit des Geistes unterworfen. Dieses Gefühl der Freiheit und der Kraft des in sich selbst gegründeten und in sich selbst ruhenden, selbstbewussten Geistes steigert sich in eine Art von Geistesrausch, bis zur prometheischen und titanischen Stimmung. In der Periode des Idealismus herrscht ein doppeltes Freiheitsbewusstsein: nicht nur das Bewusstsein der Befreiung von der Herrschaft der Götter, sondern auch das der Befreiung von der Gewalt des Objektiven.“

Es ist die Tragödie des deutschen Idealismus, dass er sich von allen irdischen und überirdischen Gewalten befreien wollte – um in der Gewalt eines omnipotenten Gottes zu landen. Die Omnipotenz seines Ich war nichts als das Plagiat des allmächtigen Schöpfers.

Wieder einmal sehen wir, dass die Deutschen nicht unterscheiden konnten zwischen der griechischen und der christlichen Tradition. Von beiden Strömungen gedachten sie sich zu befreien, tatsächlich aber rissen sie sich los vom griechischen Kosmos und – katapultierten sich unter die Herrschaft des Schöpfers, der die Natur aus Nichts erschuf und ins Nichts zurückstoßen wird.

Warum versagen die Grünen auf der ganzen Linie? Weil sie verstehen müssten, dass die Ursachen des ökologischen Verderbens nur philosophisch-theologisch zu verstehen sind. Wenn Philosophie nicht politisch wird, kann Politik nie zu sich selbst kommen. Politik muss aufhören, sich durch jämmerliche Kompromisse erneuern zu wollen. Erneuerung ist kein Schachern und Herumfuggern, sondern Erkenntnis des objektiv Wahren – in Taten übersetzt.

Nur durch Erkenntnis des Wahren hat die Menschheit die Chance zu überleben. Stimmt dieser Satz, gibt es ein untrügliches Kennzeichen der Wahrheit: das Überleben der Menschheit.

Folgt die Menschheit den trügerischen Halluzinationen einer gottgleichen Allmacht, wird sie die Natur in Trümmer brechen und sich selbst in den Abgrund stürzen. Der Fortschrittswahn, durch unendliche Macht und Besitz die Grenzen der Natur zu zertrümmern, wird sich selbst in Staub und Asche verwandeln; die Natur wird ungerührt von Ewigkeit zu Ewigkeit existieren.

Auch der Marxismus wollte sich der Selbstherrlichkeit des religiösen Geistes entziehen und gab sich dem Mütterlichen anheim, der MATERie. Vergeblich. Bloße Reaktionsbewegungen bleiben identisch mit dem, dessen Herrschaftsbereich sie stürzen wollen. Eine echte Befreiung gelingt nur durch radikales Durchschauen dessen, von dem man sich lösen will.

Marx blieb Hegel verhaftet. Sein Materialismus blieb ein maskuliner Gigantismus, wenn auch mit der typisch weiblichen Reaktion, sich vom irdischen Mann zu trennen – indem man sich einem noch mächtigeren Mann unterwirft. Das Männliche, von dem er sich befreien wollte, war der ausbeutende Kapitalismus. Doch nicht selbstbewusste autonome Moral sollte den Kapitalismus zur Strecke bringen, sondern das Unterschlüpfen unter eine noch höhere Macht: unter die des historischen MATERialismus, der lange Zeit den Kapitalismus durch Dick und Dünn hätschelt, ihn letztlich aber seiner eigenen selbstzerstörerischen Tendenz überlässt.

Der Kapitalismus kann nicht siegen. Eine gewisse Zeit kann er triumphale Erfolge erzielen, bis er an seinen unerledigten Problemen zugrunde geht. In der Stunde seines Suizids steht der Materialismus bereit und muss nur die Hand ausstrecken, um dem Todeskandidaten die Augen zuzudrücken und zu sagen: das war‘s. Du hast alles gegeben, was du konntest. Mehr war nicht drin. Ich habe unter dir gelitten und abgewartet, bis du dich selbst zur Strecke gebracht hast. Das war mühsam und schmerzlich. Dennoch wusste ich immer, dass mein Leiden deine Despotie überleben wird. Du hast dich zu Tode gesiegt. Für dich gilt das Gesetz der Zeit: Siegen hat seine Zeit und Verlieren hat seine Zeit.

Ich aber, die ewige MATERie bin zeitlos. Ich bin von Ewigkeit zu Ewigkeit. Die Proleten waren nie die verantwortlichen Subjekte des Sieges. Sie waren Objekte des Leidens wie Objekte des finalen Siegs. Dem Mütterlichen mussten sie sich unterwerfen, um das Maskuline im Endspurt zu überrunden.

Das Mütterliche des Marxismus war just so mütterlich wie die deutsche Kanzlerin der Gegenwart, die hinter einer mütterlichen Charaktermaske das männliche Machtprinzip unterstützt. Das wahre Mütterliche will die Menschheit nicht spalten, es will die Leidtragenden retten, die Ausbeuter aus ihren Machtpositionen vertreiben.

Marx verunstaltete den historischen MATERialismus zur äffischen Nachahmung der maskulinen Heilsgeschichte, die wenige rettet und Mehrheiten vernichtet. Bei Marx blieb das männliche Prinzip unangetastet: die Starken werden siegen, die Schwachen untergehen.

Zwar waren die Proleten lange Zeit die Schwachen, aber nach dem biblischen Prinzip: Gott ist in den Schwachen mächtig. Die Kapitalisten schienen lange Zeit unbesiegbar, doch am Ende entlarvt sich ihre Schwäche: sie kann ihre eigenen überbordenden Schwierigkeiten nicht in Wohlgefallen auflösen. Sie siegen sich zu Tode.

Wie die Sanftmütigen der Bergpredigt sind die Proleten ihren herzlosen Despoten um Welten überlegen. „Selig sind die Sanftmütigen, denn sie werden die Erde besitzen.“

Selig sind die Proleten, denn sie hatten Kraft und Ausdauer genug, durch Leidensfähigkeit ihre Unterdrücker solange in Sicherheit zu wiegen, bis jene sich übernahmen und sich durch Überheblichkeit selbst zugrunde richteten. Das einzig Weibliche am historischen MATERialismus ist die Passivität, zu der die Proleten durch Marx gezwungen werden. Sie dürfen tun, als ob sie revolutionär wären. In Wirklichkeit müssen sie sich höheren Mächten unterwerfen und warten, bis die kapitalistischen Herren der Schöpfung sich selbst aus dem Wege räumen.

Faust ist Inbegriff des Titanischen, wenn er sich mit dem Teufel verbindet, um das Höchste des Erkennens und Lebens zu erzwingen. Goethes Neuübersetzung des biblischen Wortes: am Anfang war das Wort, ist eine Mischung aus Fichte und Marx:

Geschrieben steht: »Im Anfang war das Wort!«
Hier stock ich schon! Wer hilft mir weiter fort?
Ich kann das Wort so hoch unmöglich schätzen,

Mir hilft der Geist! Auf einmal seh ich Rat
Und schreibe getrost: Im Anfang war die Tat!

Die Tat war fichteanisch, die Verbindung mit dem teuflischen Prinzip marxistisch. Denn die allmächtige Dialektik benutzte Gutes und Böses, um ihr Endziel zu erreichen. Auch dies war nicht weiblich, sondern männliche Bedenkenlosigkeit, sich alles Moralischen und Amoralischen zu bedienen, um ihre finale Synthese zu erreichen.

Marxismus und Neoliberalismus besitzen fast identische historische Heilslehren. Nur ihre konkreten Heilsträger sind verschieden: im Neoliberalismus siegen die Reichen und Mächtigen der Oberschicht, im Marxismus die Proleten der Unterschicht, die sich mit Leiden und Kreuz die Krone verdienten. Die antinomische Amoral des Christentums hatte sich in die amoralische Dialektik des marxistischen MATERialismus verwandelt.

Mit Sinnesorganen und Denken können Menschen die Wahrheit ihres irdischen Lebens erkennen.

Der gläubige Mensch muss der Welt absterben, blind und taub werden, um das naturfeindliche Licht der Offenbarung zu empfangen. Wer sein Leben göttlicher Macht unterwirft, muss seine natürliche Einsichtsfähigkeit übernatürlicher Erleuchtung opfern.

Marionetten der Heilsgeschichte können sich autonomes Denken und Sinnen nicht leisten. Wer seiner Sinne und seines Denkens beraubt ist, kann die Folgen seiner verhängnisvollen Taten nicht erkennen. Blind und taub folgt er der Stimme des Heils, die die Mehrheit der Menschen ins ultimative Unglück stürzen wird.

Wir müssen uns ändern.

 

Fortsetzung folgt.