Umwälzung X

Tagesmail - Mittwoch, den 17. Januar 2018

Hello, Freunde der Umwälzung X,

ein Gespenst geht um in Deutschland. Es ist stumm, lächelt wie ein Honigkuchenpferd, liebt seine Nächsten wie sich selbst, ist nur bei Nacht und Nebel zu sehen, gibt sich, je nach Lage der Dinge, weiblich oder männlich, vernichtet, unter strenger Wahrung des Anstands und der Höflichkeit, all seine Konkurrenten – und regiert Deutschland.

„In der DDR hat man es ja tatsächlich geschafft, über heikle Themen den Mantel des öffentlichen Schweigens zu breiten, mit dem Argument, solche Themen nützten dem Klassenfeind.“

Dem Gespenst sind alle Untertanen gleich-gültig. Dennoch tut es, als müsste es feindliche Klassen regieren – die seines Gesprächs nicht würdig sind. In sein gespenstisches Schweigen dringt der Lärm seiner Rivalen, die sich einbilden, ihr Gossengeschwätz sei Gradmesser ihrer Bedeutung.

Alle konkurrieren gegen die anonyme Kanzlerin – und müssen ihr doch unwillentlich nützen. Ein Wunder, das politische Analytiker bislang nicht entschlüsseln konnten. Ein Mysterium, dem rohen Verstand der Menge unzugänglich. Ihr gedachtet es böse mit mir zu tun, aber Gott gedachte es gut zu machen, um zu tun, was jetzt am Tage ist, nämlich meine Macht über die Deutschen zu erhalten, solange es mir gefällt.

In verborgenen Schriften hat die gottesfürchtige Magd (wie „Machdd“ auszusprechen) ihre persönliche Devise gefunden. „Schaffet euch Freunde – mit dem ungerechten Mammon.“ Weshalb sie den ungerechten Mammon in den Mittelpunkt ihres Wirkens stellte und klug handelte wie eine ungerechte Haushalterin.

Die anderen Sätze empörten sie: Die Söhne dieser Welt sollten ihrem Geschlecht gegenüber klüger sein als die Söhne des Lichts? Das musste widerlegt werden. Seitdem beweist sie den Deutschen, dass Töchter des Lichts allen Söhnen dieser ...

... Welt überlegen sind. Die schmutzigen Machenschaften der Welt dienen ihr als Mittel, die Welt für ihre Ehre – und die Ehre ihres Gottes – einzuspannen, ob diese will oder nicht. Innerlich verlacht sie die Torheit ihrer Kritiker, die ihr Ungerechtigkeiten vorwerfen, ohne zu bemerken, dass die Sünden der Welt den Plänen ihres Gottes dienen – also ihren Plänen. Die Welt rühmt sich ihrer Klugheit. Doch vor einer Tochter des Lichts ist sie nichts als Torheit.

Ein Interview mit ihrem Hauptrivalen – der bereits erbarmenswürdig lädiert aussieht – drang in beschädigter Form an die Öffentlichkeit:

ZDF: Herr Schulz, Sie haben ein Glaubwürdigkeitsproblem. Zuerst tönten Sie herum, niemals würden Sie mit Merkel Händchen halten – und nun gehen Sie mit dem Gegenteil hausieren. Glauben Sie wirklich, Sie könnten die Öffentlichkeit an der Nase herumführen?

S: Herr Sievers, bei allem Verständnis für ihre pubertierende Dreistigkeit: ich habe Besseres zu tun als Ihre seltsamen Fragen zu beantworten. Ist Ihnen entgangen: die Zeiten sind nicht statisch, sondern dynamisch? Nur Hinterwäldler bleiben stur bei ihren Meinungen. Wir sind die Partei der Zukunft, des unaufhörlichen Wandels und respektieren keine zeitlosen Wahrheiten. Wie heißt es im Kommunistischen Manifest:

„Die Bourgeoisie reißt durch die rasche Verbesserung aller Produktionsinstrumente auch die barbarischsten Nationen in die Zivilisation. Mit einem Wort, sie schafft sich eine Welt nach ihrem eigenen Bilde.“

ZDF: Im Ernst, Sie wollen die Welt nach Ihrem Bilde schaffen? Sind Sie gottähnlich? Meine Frage haben Sie nicht beantwortet. Sind Sie intellektuell überfordert? Wie sollen die Deutschen Ihnen vertrauen, wenn Sie jeden Tag anders schwallen? Zuerst Messias, dann Loser – jetzt gottähnlich? Eine rasante Karriere. Meinen Sie tatsächlich, die Wahrheit ändert sich von Tag zu Tag? So ähnlich spricht auch der amerikanische Präsident, wenn er heute dementiert, was er gestern sagte. Er nennt seine Lügen „alternative Fakten“. Wollen Sie ihm nacheifern?

S: Wir wollen die Welt verbessern und sind stolz, dass die Welt es uns zutraut. Wenn alle anderen Parteien versagen, sind wir zur Stelle. Das war schon immer unsere Stärke.

ZDF: Sie wollen also Verantwortung übernehmen und sind zum Erfolg verdammt. Kennen Sie den Unterschied zwischen Gesinnungsethik und Verantwortungsethik?

S. Kommen Sie mir nicht mit philosophischem Klimbim. Jeder gesunde Menschenverstand weiß, dass es nicht genügt, mit Moral anzugeben. Er muss schauen, was er daraus macht und was daraus wird.

ZDF. Verantwortung übernehmen klingt gut. Was aber, wenn die Menschen hinter diesen Phrasen Machtgeilheit vermuten? Kann es sein, dass die SPD unfähig geworden ist, alleine zu regieren und deshalb an der Schürze der Mutter klebt? Wenn‘s Erfolge gibt, waren es die der SPD, Misserfolge hingegen kann man der Mutter anhängen?

S. Oh, da kommt einer mit Küchenpsychologie. Ihr Profi-Zynismus kann nicht anerkennen, was wir für dieses Land geleistet haben. Wären nicht wir zur Stelle, wenn alle anderen versagen – wer dann?

ZDF: Ihr Helfersyndrom kann nicht zugeben, dass Sie vor allem die Kanzlerin an der Macht halten wollen – anstatt für Rotation und frischen Wind zu sorgen. Würden Sie Ihrer Verantwortung nicht besser nachkommen, wenn der normale Politbetrieb mächtig ins Stocken geriete, damit man in diesem Land ganz neu nachdenken kann?

S: Die kleinen Leute auf der Straße wollen Sicherheit und keine Abenteuer.

ZDF: Wär‘s nicht viel verantwortlicher, in die Opposition zu gehen und die Geschichte der Partei aufzuarbeiten, damit das beschädigte Profil neue Konturen erhält?

S: Ach so, Sie wollen uns auf die Couch legen? Keine Angst, wir sind eine sehr lebendige Partei. Wenn‘s was aufzuarbeiten gibt, machen wir das schon selbst.

ZDF: Aber Sie können doch nicht leugnen, dass die Rolle der Opposition genauso wichtig ist zum Erhalt einer lebendigen Demokratie wie immer nur regieren? Wo bleibt der vitale Debattencharakter einer Demokratie? SPD und CDU sind fast schon zweieiige Zwillinge geworden. Es gibt keine Alternativen mehr, aus denen die Wähler die besten Lösungen aussuchen könnten.

Brechen wir das Geplänkel ab. In Wirklichkeit war es substanzlos. Politiker liefern Standardsätze, Interviewer haken nicht nach. Prinzipielle Fragen, schon lange verdrängt, werden nicht gestellt. Endlose Kompromisse ohne Inhalte haben zur jetzigen Verengung auf Wirtschafts- und Technikfragen geführt. Weltpolitische und europäische Fragen werden ohnehin aussortiert. Deutschland hängt am intellektuellen Hungerhaken. Es ist gespenstisch, was die Politik – nicht zu bieten hat.

Die Medien sprechen von Glaubwürdigkeitsproblemen, weil Schulz – aber nicht nur er – heute anders spricht als gestern. Auch der Kanzlerin ist wurscht, was sie gestern sagte. Täglich erhält sie neue Offenbarungen, die sie morgen wieder vergessen hat. Das gesprochene Wort wird ständig gebrochen.

Die Übereinstimmung von Wort und Tat, einst Kriterium reifer Menschen, gehört zum Alten, das man dem Orkus übergeben hat. In intellektuellen und medialen Etagen grassiert die Ideologie, alles müsse täglich neu erfunden werden. Das Alte muss vergessen und vernichtet werden. Überzeitige Wahrheiten gibt es nicht.

Die Modernen sind wie Heuschreckenschwärme, die täglich alles vernichten, in der Hoffnung, morgen werde sich das Paradies zeigen. Der Mensch hat seine ganze Hoffnung auf Maschinen gesetzt. An ein moralisch-politisches Lernen glaubt er nicht. Die Bestie Mensch hat nur noch die Chance, mit ingeniösen Maschinen im Garten Eden zu landen. Der Mensch kann nichts. Die Maschine alles.

CDU-CSU sind überhaupt keine Parteien, sondern Machterhaltungsklüngel. Die SPD ist eine vielfach gebrochene Partei. Sie wurde von vielen Vätern erzeugt, die diametrale Grundprinzipien vertraten. Zu Recht ist die SPD stolz auf ihren früheren Vorsitzenden Otto Wels, der sich tapfer dem Ermächtigungsgesetz der Nationalsozialisten widersetzte. Für Schulz gibt es nur täglich wechselnde Wahrheiten. Wels hingegen sagte in seiner berühmten Rede:

„Wir deutschen Sozialdemokraten bekennen uns in dieser geschichtlichen Stunde feierlich zu den Grundsätzen der Menschlichkeit und der Gerechtigkeit, der Freiheit und des Sozialismus. Kein Ermächtigungsgesetz gibt Ihnen die Macht, Ideen, die ewig und unzerstörbar sind, zu vernichten.“

Wels ruft auf zu Standhaftigkeit, Treue und Bekennermut. Tugenden, die heute „Old School“ sind. Heute muss alles dynamisch und zerstörend sein, damit das unerhört Neue aus genialen Fingern gesaugt werden kann.

Die Medien sitzen wie Scharfrichter in der Manege und fordern täglich neue Stars, Sensationen und Begriffe. Alte Probleme und Gedanken ennuyieren sie. Wer zündelt ununterbrochen mit post-moderner Beliebigkeit, post-demokratischen Überwachungs-Regimes und post-humanistischen Despotien? Hätten sie in der Verfallszeit der Weimarer Republik gelebt, hätten sie das zukünftige Schreckensregiment der Nazis mit Freuden begrüßt.

Von Anfang an war die SPD gespalten zwischen amoralischer Geschichtshörigkeit von Marx und Engels – und der kantischen Autonomie und demokratischen Überzeugung eines Eduard Bernstein.

Obgleich sie sich areligiös gaben, waren Marx-Engels Anhänger einer automatischen Heilsgeschichte, die sich materialistisch kostümierte und keinerlei persönliche Verantwortung zuließ.

Für die Autonomie des mündigen Menschen war Marx ein Verhängnis. Irrsinniger kann sein heutiger Heiligenstatus nicht sein, wenn neoliberale Mitläufer zu Gedenktagen Lobeshymnen auf den Messias der Proleten halten. Es genügt ihnen, wenn er Recht hatte: schon Marx wusste … Was er hingegen aus seinem Wissen politisch machte, spielt keine Rolle. Mit ihrem quietistischen Revolutionär leben sie noch immer im Reich der Wolken: unübertrefflich radikal – und alles absegnend.

„Hiernach sind die letzten Ursachen aller gesellschaftlichen Veränderungen und politischen Umwälzungen zu suchen nicht in den Köpfen der Menschen, in ihrer zunehmenden Einsicht in die ewige Wahrheit und Gerechtigkeit, sondern in Veränderungen der Produktions- und Austauschweise; sie sind zu suchen nicht in der Philosophie, sondern in der Ökonomie der betreffenden Epoche.“ (Engels)

Das ist die Totalentmündigung des Menschen. Mit Selbstbestimmung und Würde haben diese Worte nichts mehr zu tun. Gewiss, der Mensch ist nicht unabhängig von natürlichen und materiellen Faktoren. Doch was er aus diesen macht, hängt allein von seiner Wahrheitssuche und seinen moralischen Kompetenzen ab.

Weil politische Verhältnisse von ihm gemacht wurden, können sie niemals so komplex sein, dass er sie nicht verstünde. Alles, was von ihm stammt, kann er auch verstehen. Der Mensch kann sich selbst verstehen. Er muss sich nicht fremd bleiben. Weder ist er ein Gott noch ein Teufel für sich.

„Die Moral ist die ‚Machtlosigkeit in Aktion’. So oft sie ein Laster bekämpft, unterliegt sie.“ (Marx)

„Niemand hat den ohnmächtigen Kantischen ‚kategorischen Imperativ’ – ohnmächtig, weil er das Unmögliche fordert, also nie zu etwas Wirklichem kommt – schärfer kritisiert ... als grade der vollendete Idealist Hegel.“ (Engels)

„Der Kommunismus ist deswegen unserem Heiligen rein unbegreiflich, weil die Kommunisten weder den Egoismus gegen die Aufopferung noch die Aufopferung gegen den Egoismus geltend machen und theoretisch diesen Gegensatz weder in jener gemütlichen noch in jener überschwänglichen ideologischen Form fassen, vielmehr seine materielle Geburtsstätte nachweisen, mit welcher er von selber verschwindet. Die Kommunisten predigen überhaupt keine Moral.“ (Marx-Engels)

„Man glaubt etwas sehr Großes zu sagen – heißt es bei Hegel – wenn man sagt: Der Mensch ist von Natur gut; aber man vergisst, dass man etwas weit Größeres sagt mit den Worten: Der Mensch ist von Natur böse.“ (Hegel)

„Bei Hegel ist das Böse die Form, worin die Triebkraft der geschichtlichen Entwicklung sich darstellt. Und zwar liegt hierin der doppelte Sinn, dass einerseits jeder neue Fortschritt notwendig auftritt als Frevel gegen ein Heiliges, als Rebellion gegen die alten, absterbenden, aber durch die Gewohnheit geheiligten Zustände, und andererseits, dass seit dem Aufkommen der Klassengegensätze es grade die schlechten Leidenschaften der Menschen sind, Habgier und Herrschsucht, die zu Hebeln der geschichtlichen Entwicklung werden, wovon z.B. die Geschichte des Feudalismus und der Bourgeoisie ein einziger fortlaufender Beweis ist.“ (Engels)

Das sind Hinrichtungen der Moral im Namen Machiavellis, des neuen Heiligen der Deutschen, seit sie ihre politischen Ambitionen entdeckten. Ob Materialisten oder Idealisten: unabhängig von schillernden Etiketten waren Marx&Engels wie Goethe, Schiller, Fichte, die Romantiker, von Nietzsche gar nicht zu reden, Anbeter des mephistophelischen Prinzips: Nur das Böse avanciert die Verhältnisse und bringt dem Menschen Macht, Reichtum und die Niederwerfung der Schwachen.

Eduard Bernstein vertrat das exakte Gegenteil zur Verherrlichung des Bösen:

Den Satz: die Arbeiterklasse hat keine Ideale zu verwirklichen, kann ich nicht unterschreiben. In ihm erblicke ich vielmehr das Produkt einer Selbsttäuschung. In diesem Sinn habe ich seinerseits gegen den Cant (Heuchelei) aufgerufen, der sich in die Arbeiterbewegung einzunisten sucht – und den Geist des großen Königsberger Philosophen angerufen. Die Wutanfälle, in die ich damit verschiedene Leute versetzt habe, haben mich darin bestärkt, dass der Sozialdemokratie ein Kant not tut, der einmal mit der überkommenen Lehrmeinung mit voller Schärfe kritisch sichtend ins Gericht geht, der aufzeigt, wo ihr scheinbarer Materialismus die höchste und darum am leichtesten irreführende Ideologie ist.“ (Die Voraussetzungen des Sozialismus)

Man mache eine Umfrage unter der SPD und stelle fest, dass die Unvereinbarkeiten ihrer urväterlichen Über-Ichs bei den Proleten verdrängt und verschollen sind. Ihr kollektives Es schwankt zwischen folgenlosen Revolutionsanwandlungen und müder Skepsis gegen den unerträglichen Alltags-Trott.

Mit einer Hälfte seines Gehirns agitiert Schulz für Gerechtigkeit, mit der anderen Hälfte wischt er alles moralische Getue vom Tisch. Schulz und Merkel, SPD und CDU, wetteifern im Klima intellektueller Verwahrlosung. Alle Parteien wetteifern mit. Außer Wirtschaft können die Deutschen nichts mehr. Im Spiegel ihrer betenden, wort- und gedankenlosen Kanzlerin könnten sie wahrnehmen, wer sie sind.

Nicht nur in der Theorie sind sie gespalten. Auch ihre Praxis wird von unerkannten Widersprüchen gelähmt. Einst begannen sie in internationaler Solidarität mit GenossInnen anderer Länder. Nein, niemals würden sie sich am Krieg ihrer chauvinistischen Ausbeuter beteiligen. Plötzlich und über Nacht geschah der Wortbruch gegen ihre Verbündeten aus anderen Ländern.

„Der plötzliche Kriegsausbruch brachte die große Überraschung, dass die waffenpflichtigen Sozialdemokraten ohne Ausnahme, ohne Murren, ja begeistert zu den Waffen eilten, dass ihre Vertreter im Parlament jeden Kriegskredit bewilligten. „Die vaterlandslosen Gesellen haben sich als Vaterlandsretter erwiesen. Die keine Heimat hatten, schützen ihre Heimat ohne Besinnen mit ihrer Brust“.

Ein Beobachter: „Der Krieg sei ein Weltgewitter, das mit elementarer Wirkung den Sozialdemokraten ihr Vaterland wieder gegeben habe. Ihre theoretischen Widersprüche wurden ersetzt durch die Wärme und Seele patriotischer Empfindung. Sie erkannten, dass im Fortschritt der Menschheit nicht die Klasse, sondern das Volk der entscheidende Organismus sei. Der Krieg werde den Sozialismus national machen. Die große Verinnerlichung, Vertiefung alles nationalen deutschen Lebens, die mit dem Kriege eingesetzt habe, werde eine bessere Zukunft herbeiführen.“ (Schmoller, 20 Jahre deutscher Politik)

Hier begann der verhängnisvolle Weg in den nationalen Sozialismus. Verblüffende Parallelen mit der heutigen Situation. Kommen Krisen, rücken alle Deutschen, auch die Sozis, zusammen und entdecken die Heimat. Die Solidarität mit den Schwachen dieser Welt lässt abrupt nach, wenn diese als Flüchtlinge ins Land drängen. Zuerst wir, dann lang lang nichts: so ihr Schlachtruf gegen die unerwünschten Fremdlinge. Stattdessen Verstärkung der nationalen Wirtschaft als Waffe gegen Konkurrenten in aller Welt. Aufstieg ist die Losung ihres neuen individuellen Egoismus. Die Wirtschaft muss brummen, damit die Deutschen aus einer verkommenen Nation zur Weltspitze zurückfinden.

In der WELT schrieb der Soziologe Armin Nassehi einen Aufruf an die Deutschen, nicht mehr so kompromissfeindlich zu sein.

„Der Deutsche ist stolz darauf, in seinen besten Männern das Gewissen der Welt zu sein. Protestantismus ist die Religion der Konzessionslosigkeit, weil der Mensch unmittelbar zu Gott ist, und damit ein Bruch mit der Wirklichkeit“, zitiert Nassehi seinen Lieblingsdenker Helmuth Plessner. (WELT.de)

Die Deutschen sollten nicht so konzessionslos-besserwisserisch sein und kompromissbereiter werden. Ihr hagestolzes Leben würde an Takt und gegenseitigem Respekt sehr gewinnen.

Alles Unsinn. Die Deutschen waren nie kategorische Moralisten. Wenn wir mit Luther beginnen, befreite er die Menschen von allen „Werken“. Werke waren moralische Taten. Die Unmittelbarkeit zu Gott stärkte nicht das Gewissen des Frommen, sondern vernichtete es. Der Mensch hatte sich Gott zu unterwerfen und sein natürliches Gewissen abzugeben. Gott forderte von ihm keine strikte Moral, sondern Glauben, der moralisch oder unmoralisch sein konnte. Luthers Hauptdevise lautete: sündige tapfer, wenn du nur glaubst. Der Glaube heiligt alles, der Unglaube macht die besten Tugenden zu goldenen Lastern.

„Die eigentümlichste Art des reformatorischen Glaubens besteht in der Überwindung des Schuldgefühls und die Befreiung des Gewissens. Die Freiheit eines Christenmenschen ist in ihrem innersten Kern Freiheit von Schuld, Freiheit von allen Gesetzen der Moral, nicht nur von Menschensatzungen, sondern Freiheit vom göttlichen Gesetz, Erhebung über das Gesetz.“ (Wilhelm Lütgert, Die Religion des deutschen Idealismus)

Die Antinomie der christlichen Moral verträgt sich mit allen Moralen dieser Welt – wenn sie im Namen Gottes oder der jeweiligen Obrigkeit befolgt werden. Die anarchisch klingende Amoral der von allen Gesetzen befreiten Gläubigen hat sich jeder Obrigkeit zu unterwerfen. Jede Obrigkeit ist von Gott, ihr muss gehorcht werden, als ob Gott selber spräche.

Christen sind endlos kompromissbereit, sofern ihre religiösen und staatlichen Autoritäten es von ihnen fordern. Das Gegenteil der Plessner‘schen Analysen gilt: Deutsche haben keine ehernen moralischen Prinzipien. Im Kaiserreich sind sie kaiserlich – selbst wenn sie ihn vorher hassten, unter Hitler waren sie Bestien, wie Himmler es in seiner Posener Rede rühmte, in Demokratien sind sie vorbildliche Demokraten – es sei, Krisen kommen übers Land und trüben den ökonomischen Scheinfrieden.

Dass jeder Mensch ein fürsorgliches Gewissen habe für seine Nation – ja für die ganze Welt, in der jeder von jedem abhängt –, kann niemand beklagen. Nein, kein Pro-nobis, kein stellvertretendes Gewissen für die Welt, als ob andere kein Gewissen hätten. Aber Gewissen in Solidarität mit allen Gewissen dieser Erde, die ihren Beitrag zur Erhaltung und Humanisierung der Welt in gleicher Würde erbringen.

Fichte wollte die Deutschen zu „künftigen Helden, Weisen, Gesetzgebern, Heilanden der Menschheit“ erziehen. Der Staat habe das vollkommene Recht, „die Unmündigen zu ihrem Heile zu zwingen.“ Das deutsche Volk sei „das Volk schlechtweg“. (Reden an die deutsche Nation)

Man sieht: Gottes Despotie verträgt sich mit antinomischer Moral. So verträgt sich bei den Deutschen amoralischer Glauben mit totalitärer Allmacht. Wie kann der Deutsche Gewissen haben, wenn omnipotente Mächte sein Gewissen sind?

Wir müssen uns ändern.

 

Fortsetzung folgt.