Umwälzung V

Tagesmail - Freitag, den 05. Januar 2018

Hello, Freunde der Umwälzung V,

a) „Und alle haben gemeinsam, dass sie ihre nationalen Interessen über die der Weltgemeinschaft setzen. Wir Europäer tun das nicht.“ (Der beliebteste Politiker der BRD)

Nach der bigotten TV-Neujahrspredigt seiner geliebten Kanzlerin – nun das bigotte Neujahrsinterview Gabriels im SPIEGEL.

b) „Bisher definieren wir häufig europäische Werte, bei der Definition gemeinsamer Interessen sind wir viel zu schwach. Um einem Missverständnis gleich vorzubeugen: Unsere Werte Freiheit, Demokratie, Menschenrechte dürfen wir nicht kleinmachen. Im Gegenteil. Aber der Politologe Herfried Münkler hat recht: Nur normative Positionen zu beziehen, nur Werte in den Mittelpunkt zu stellen wird in einer Welt von lauter harten Interessenvertretern nicht erfolgreich sein. In einer Welt voller Fleischfresser haben es Vegetarier sehr schwer.“

Gabriel bezieht sich auf den Machiavelli-Bewunderer Herfried Münkler, der über seinen Heros erklärte:

„Machiavelli beschreibt nicht die Metaphysik der Politik, sondern ihre Physik, die Weise, in der sie funktioniert, das Wirken von Kräften. Ihn interessiert nicht, wie die Welt sein sollte, sondern wie sie ist. Das schafft einen klaren Blick. Indem er moralische Verpflichtungen und politische Rationalität voneinander trennt, stellt er das Handeln der politischen Akteure von Intentionalität auf Funktionalität um. Machiavelli ist nicht mehr davon überzeugt, dass die gute Absicht als Königsweg zum guten Ziel führt. Er denkt darüber nach, was die strategischen Voraussetzungen sind, um ein bestimmtes Ziel, etwa inneren Frieden, Stabilität der Republik, Sicherung der Herrschaft, zu erreichen. Er kommt zu dem Ergebnis, dass möglicherweise auch das Gegenteil des moralisch Geforderten, also Lügen, Grausamkeit, physische Gewalt, die unverzichtbare Voraussetzung sein kann, dieses Ziel zu ...

... erreichen. Das Ziel selbst ist moralisch ausgestattet, ein gutes Ziel. Aber der Weg dorthin folgt einer Zweckrationalität, keinen moralischen Erwägungen.“ (brand-eins.de)

Wäre es vertretbar, Trumps Amoralismus als Machiavellismus zu betrachten? Es wäre zwingend notwendig. Wäre Gabriel, der sich auf Münklers Machiavellismus beruft, dann nicht eine deutsche Ausgabe Trumps? Unbedingt. Trumps Motto: zuerst das eigene Land, wäre dann auch Gabriels Motto? Auf jeden Fall. Gleichzeitig behauptet Gabriel, Europa würde nationale Interessen nicht über die der Weltgemeinschaft stellen. Wäre das kein absoluter Widerspruch? Wäre es – na und?

Spricht es nicht für den smarten Außenminister, dass er tut, was er sagt? Er hält Lügen für vertretbar, wenn sie nationalen Interessen dienen – ergo lügt er. Vorausgesetzt, seine Widersprüche sind ihm bewusst. Wären sie es nicht, dürfte man ihm keine Lügen, sondern gespaltenes Irresein bescheinigen. Was keinen offiziellen Krankheitswert haben muss. Noch immer gilt Freuds These: Massenneurose schützt vor Einzelneurose.

Wenn die Deutschen in bester romantischer Tradition in Widersprüche vernarrt sind, wäre ihr Nationalcharakter ebenfalls: gespaltenes Irresein. Gabriel wäre nur ein ordinärer Deutscher. Sie blinken links und fahren rechts und wundern sich, wenn‘s kracht.

In der Gabriel-Münkler-Ideologie wiederholt sich der Werturteilsstreit des frühen letzten Jahrhunderts, in dem Max Weber die These vertrat, Wissenschaftler müssten empirische Fakten feststellen, keine Moral predigen. Auch Journalisten sind Weber-Anhänger, wenn sie nur moralfreie Fakten konstatieren und sich weder mit der guten noch mit der schlechten Sache identifizieren wollen.

„Eine empirische Wissenschaft vermag niemanden zu lehren, was er soll, sondern nur, was er kann, und – unter Umständen – was er will.“ (Max Weber)

Das ist deckungsgleich mit Münklers These, Politik habe nicht moralisch zu sein, sondern müsse ihre Interessen mit List und Tücke, Hauen und Stechen, Lügen und Betrügen vollstrecken.

Und schon biegt der nächste Widerspruch um die Ecke. Gabriel hat keine Schwierigkeiten, sich in wenigen Sätzen mehrfach zu widersprechen. Er verleiht sich das Flair des Überfliegers, der sich mit logischen Niederungen nicht gemein machen muss. Wenn man andere belehren kann, was sie wollen, kann man sie auch moralisch belehren. Wer nicht weiß, was er will, weiß auch nicht, was er soll. Wollen kann man Moralisches oder Unmoralisches: was man soll  oder nicht.

„Die Türkei versucht sich derzeit eher unabhängiger von Europa zu machen und wendet sich nach Osten. Ist das in unserem Interesse? Und sichern wir damit westliche Werte in der Türkei oder wenigstens bei uns? Oder machen wir uns insgesamt schwächer? Gleichzeitig verstößt die Türkei gegen unsere europäischen Wertvorstellungen. Das ist ein schwer auszuhaltender Konflikt, der uns in berechtigte Auseinandersetzungen und Debatten bringt. Diese Debatten brauchen wir der Glaube, sich nur auf Werte zurückziehen zu müssen, um immer auf der sicheren Seite zu sein, ist falsch. Was wir aber dringend brauchen, ist eine aufgeklärte Diskussion darüber. Sich immer nur gegenseitig den Verrat an Werten um die Ohren zu hauen bringt weder jemanden aus dem Gefängnis, noch stärkt uns das.“

Sind Werte moralische Werte? Spricht man von Werten, um Moral negieren zu können, ohne Anstand dementieren zu müssen? Jenen Anstand, der sich in besseren Kreisen von selbst versteht? Sie gehen höflich und anständig miteinander um, wenn sie sich gegenseitig das Fell über die Ohren ziehen. Es ist eine sophistische Meisterleistung, im Namen der Moral pardon, des Anstands , die ganze Moral zu demontieren.

Wenn man sich, etwa in der Auseinandersetzung mit der Türkei, für abendländische Werte einsetzt – zieht man sich damit auf die sichere Seite zurück? Dann hätten alle Widerständler vor Freisler ihre Taten bereuen müssen. Die sichere Seite einer Sache hängt von Machtverhältnissen ab. Sind die „Bösen“ in der Mehrheit, wird es für die „Guten“ brandgefährlich, auf ihren guten Taten zu bestehen. Sich für das Gute einzusetzen, kann Spott und Gefahren nach sich ziehen. Gutmenschen werden heute als realitätsfremde Schwärmer angegriffen, die das Land dem kleinsten Aggressor ausliefern würden.

Gabriel hält es für notwendig, sich in Wertefragen mit der Türkei auseinanderzusetzen ohne sich den Verrat an Werten gegenseitig um die Ohren zu hauen? Wie kann man um Werte streiten, ohne die für falsch gehaltenen Werte des Anderen anzugreifen?

Es geht nicht um Geschmacksfragen, sondern um das Leben von Menschen. Es geht um die Freiheit des Deniz Yüzel und aller unschuldig eingekerkerten aufrechten Menschen. Jede Debatte um Wahrheit und Moral haut dem anderen Unwahrheit und Amoral um die Ohren – auch wenn der Ton der Debatte noch so höflich ist.

Wissenschaftler, Journalisten und machiavellistische Politiker können nur vertreten, was ist. Und nicht dazu aufrufen, die Welt zu verändern, wie sie sein soll?

Das ist Stuss. Denn die Welt ist nicht, wie sie zu sein scheint. Dem einen ist sie ein vollendeter Kosmos, dessen Schwächen nur vorübergehend oder trügerisch sind. Dem anderen ist sie die Hölle, die sich mit guten Taten nur tarnt. Die Frage: was ist, kann objektiv durch rein empirische Fakten nicht beantwortet werden.

Empirisch heißt durch Erfahrung. Erfahrung aber ist von subjektiver Wahrnehmung und Deutung der Welt durchzogen. Es ist eine der trügerischsten Selbsteinschätzungen, wenn Medien durch bloße Faktenaufzählung glauben, objektiv zu sein. Welche Fakten selektieren sie, welche halten sie für berichtenswert?

Jede Auswahl der Fakten ist moralgeleitet. Wie ich Welt deute, so nehme ich sie wahr. Für Priester ist die Welt eine Spielwiese des Teufels, und wenn noch so viel Gutes auf ihr geschieht. Für Sokratiker bleibt der Mensch ein gutes Wesen, auch wenn er sich noch so unmenschlich verhält. Glaubt der Sokratiker doch zu wissen, dass Böses nur ein verirrtes Gutes ist, das lernen kann, seine Irrtümer zu erkennen und zu verändern.

Gibt es dann keine Objektivität? Objektiv heißt wahrheitsgemäß. Wer Wahrheit leugnet, wie kann der objektive Wahrheit für möglich halten? Objektivität gibt es nur als Suchen nach der Wahrheit, indem man seine subjektive Sicht der Dinge offenlegt. Objektives Wahrnehmen ist Ringen um die Wahrheit.

Unabhängig von der Wahrheitsfrage gibt es keine objektiven empirischen Fakten. Jeder sieht nur, was sein innerlicher Wahrheitsfilter zu sehen erlaubt. Für seine Anhänger ist Trump ein Befreier Amerikas; für seine Gegner ein Verderber Amerikas. Dieselben Fakten dienen dem einen zur Kritik, dem andern zur Lobrede. Warum scheint das Gespräch zwischen Linken und Rechten so oft unmöglich? Nicht, weil sie sich auf Fakten nicht einigen könnten, sondern weil ihre Deutungen der Fakten unüberbrückbar scheinen.

Der Glaube an Fakten, die unabhängig von der Wahrheitsfrage wahr-genommen werden können, entstammt den Tiefen verdrängter Philosophie. Im Kampf gegen den klerikalen Glauben definierten Aufklärer sinnliche Wahr-nehmungen als Feld glaubens-unabhängiger Wahrheiten. Alle Wahrheitsartikel mussten den Test sinnlicher Wahrnehmungen bestehen. Wahrheit war zwar mehr als die Summe aller Empirie, aber ohne Empirie waren sie nichts.

Gott und alle metaphysischen Wahrheiten waren damit erledigt – glaubten die neuen Empiriker. Doch sie übersahen, dass alle Theorien – und nicht nur die religiösen Dogmen mehr als die Summe aller sinnlichen Erfahrungen waren. Denken übersteigt alle Sinnlichkeit. Ist Welt die Schöpfung eines Gottes – oder das Werk einer ewig unerschaffenen Natur? Solche Fragen übersteigen die Aussagekraft aller empirischen Fakten.

Wenn Naturwissenschaftler den Urknall nicht als der Wahrheit letzter Schluss akzeptieren und seine weiteren Ursachen erkunden, um doch noch einen Gott zu erkennen, so entlarven sie ihre philosophische Dummheit.

„Schon seit Jahrtausenden versucht die Menschheit, sich den Beginn der Welt zu erklären. Am Anfang war das Wort so steht es in der Bibel. Astrophysiker haben da jedoch so ihre Zweifel. Sie reden lieber vom Urknall, englisch Big Bang, dem Moment, in dem alles spontan aus dem Nichts entstand.

Was war davor? Gibt es überhaupt ein davor? Wie kann das heute so riesig große Universum, das aus zig Milliarden Sternen besteht, aus dem Nichts auftauchen? Auch stellt sich die Frage, was vor der vorherigen Phase war. Einige Ideen dazu beziehen sich auf ein zyklisches Universum, in dem sich Ausdehnung und Zusammenziehen in einem ewigen Kreislauf abwechseln. Doch definitive Nachweise gibt es dafür genauso wenig wie für den abrupten Beginn mit einem Urknall. Erst weitere Forschung und experimentelle Daten werde Klarheit über die Frage nach der Herkunft des Universums bringen können.“ (SPIEGEL.de)

Jedes endlose Warum-Fragen eines Kindes sollte auch Naturwissenschaftler überzeugen, dass letzte Fragen nicht unendlich zu beantworten sind. Hans Albert, Schüler Poppers, sprach vom Münchhausen-Trilemma.

„Als Münchhausen-Trilemma wird ein von Hans Albert formuliertes philosophisches Problem bezeichnet. Es geht um die Frage, ob es möglich sei, einen „letzten Grund“ (im Sinne einer letzten Ursache bzw. eines unhintergehbaren ersten Anfangs) zu finden bzw. wissenschaftlich zu beweisen. Hans Albert behauptet, dass jegliche Versuche für eine Letztbegründung scheitern müssen bzw. ins Münchhausen-Trilemma führen. Das Münchhausen-Trilemma bedeutet, dass jeder Versuch des Beweises eines letzten Grundes zu einem von drei möglichen Ergebnissen führt:

1. zu einem Zirkelschluss, (die Conclusio soll die Prämisse beweisen, benötigt diese aber, um die Conclusio zu formulieren)

2. zu einem infiniten Regress (es wird immer wieder eine neue Hypothese über die Begründbarkeit eines letzten Grundes formuliert, die sich jedoch wiederum als unzureichend erweist oder wieder in einen Zirkel führt)

3. zum Abbruch des Verfahrens.“

Nie wird die Menschheit durch empirische Forschung den Ursprung der Welt erkennen. Denn jeder Ursprung wird die Fragen nach sich ziehen: Was war vor dem Ursprung? Was ist der Ursprung des Ursprungs?

Dass Wissenschaft unbeantwortbare „Glaubensfragen“ mit Hilfe empirischer Wahrnehmungen beantworten will, zeigt ihre gedankliche Verwahrlosung.

Es ist nicht nur ordinäre Interessenpolitik, die alle Zeichen der Degeneration aufweist – der Verfall hat die höchste Ebene der Theoriebildung durchdrungen. Da man heute nicht mehr zurückblickt, sich jeden Tag neu erfindet, verdrängt man alle Erkenntnisse der Vergangenheit.

Schon Popper klagte, Studenten der Naturwissenschaft würden über die Geschichte ihres Fachs und über Wissenschaftstheorie – das Nachdenken über die Methoden exakter Wissenschaften – nichts mehr erfahren. Der Creationismus hat die „objektive Naturwissenschaft“ kontaminiert und zur Bestätigung seines Kinderglaubens erniedrigt.

Glaubensfragen sind nicht Glaubensfragen. Ein rationaler Glauben muss nicht blind geglaubt werden wie die Mythen einer Heiligen Schrift. Er ist offen für alle Argumente, die für oder gegen ihn sprechen. Er geht von experimentell überprüften Fakten aus – und zieht seine hypothetischen Schlussfolgerungen aus diesen Fakten, von denen er weiß, dass es in letzten Fragen keine absolute Gewissheit geben kann. Vom biblischen Glauben, der alles autonome Denken und Fühlen Gott opfern muss, ist rationaler Glaube weltenweit entfernt.

Ohne „Glauben“ geht es nicht in letzten Fragen. Wie man glaubt, was die Welt im Innersten zusammenhält: so sieht man die Welt. Sie ist nicht einfach, für jeden kann sie fundamental anders sein. Webers These, empirische Wissenschaften könnten nur erforschen, was ist, beruht auf philosophischer Ignoranz. Für den einen ist das IST unüberbrückbar getrennt vom SOLL, für den andern sind Sein und Sollen nur verschiedene Aspekte des Gleichen. Jeder Blumenfreund weiß, dass der Same nicht die Knospe oder die Frucht ist – dennoch ist er überzeugt, dass die Frucht im Samen schon vollständig enthalten ist.

Auch Machiavelli ist ein Vertreter des Sollens, keineswegs ein Ideologe des IST. Er sagt: Welt soll sein, wie sie ist. Ist die Welt schlecht, soll sie auch schlecht bleiben. Besser soll sie nicht werden, weil ich nicht glaube, dass sie besser werden kann. So schlecht, wie sie sich jetzt präsentiert, so war sie, ist sie und wird sie immer bleiben. Auch der böseste Amoralist ist ein Moralist: den bösen IST-Zustand des Jetzt will er für immer einfrieren.

Für Machiavelli und Weber gibt es keine Zukunft der Welt als Veränderung zum Guten. Eine verklärte Zukunft kennen sie nicht.

Ist es nicht merkwürdig, dass die leidenschaftlichsten Zukunftsanbeter die Menschheit in hoffnungsloser Schlechtigkeit sehen wollen? Doch selbst dies entbehrt nicht einer gewissen Logik. Weil sie die moralischen Fähigkeiten des Menschen für desaströs halten, fühlen sie sich berechtigt, mit vollkommenen Maschinen den Menschen zu vervollkommnen. Der Mensch kann‘s nicht. Aber er kann Roboter erfinden, die alles pro nobis können. Stellvertretend für uns.

Das ist der Kern der Erlösungsreligion: wir Menschen können es nicht. Doch da ist Einer, der es für uns kann. Dem müssen wir ebenso blind vertrauen, wie wir den superintelligenten Maschinen vertrauen müssen. Blinder Glaube: das ist die conditio sine qua non des grenzenlosen Fortschritts der Gegenwart.

Gabriel ist ein tertiärer oder quartärer Intellektueller. Vollständig abhängig vom trüben Zeitgeist bezieht er sich auf einen Vordenker namens Münkler, der sich auf einen Vordenker namens Machiavelli bezieht – ohne dass die beiden Deutschen die Debatten um ihr Idol im Geringsten zur Kenntnis nehmen würden. Einerseits brillieren die Deutschen noch immer mit Bildung, mit der sie sich behängen wie Zuhälter mit Klunkern. Andererseits denken sie nicht daran, ihre Bildung der schärfsten Kritik zu unterziehen.

Man kann nicht alles auf einmal sein? Politiker haben Besseres zu tun als trübsinnigen Urtheorien nachzubrüten?

Die Arbeitsteilung des Kapitalismus ist so absurd geworden, dass der Einzelne sich in Urfragen auf fremden Sachverstand verlassen muss. Er macht sich abhängig von Grundsätzen, die er mit dem eigenen Kopf nicht durchdacht hat. Grenzenlose Arbeitsteilung wird so zur Negation der Aufklärung: Wage es nicht, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen. Hast du nichts Besseres zu tun, als dich mit Lasten der Vergangenheit zu plagen?

Notorische Denkfeindschaft kennzeichnet auch die Medien. Sie müssen Experten befragen, deren Kompetenz sie nicht beurteilen können. Also muss er als superschlauer, mit vielen Preisen und Titeln ausgezeichneter Fachmann vorgestellt werden, damit jeder Leser eingelullt wird und geneigt ist, dem Genie alles abzunehmen. Scheinkritisch sind die Fragen der Interviewer, die nicht ihre eigene Meinung offenlegen und rechtfertigen, sondern sich verstecken hinter zitierten Meinungen fremder Autoritäten.

Die SPIEGEL-Interviewer geben nur oberflächliche Stichworte, um Gabriel die Gelegenheit zum Schwadronieren zu geben.

SPIEGEL: Werte und Interessen können kollidieren. Verlieren dann die Werte?“

Eine Frage, die keine ist. Die widersprüchliche Nichtantwort Gabriels wird kommentarlos übergangen.

Gabriel: Nein, das heißt es nicht. Ich bin zunächst dafür, dass man diese Spannung aushält, dass man sie überhaupt erzeugt.“

Warum plädiert Gabriel dafür, sich nicht mit Werten zu dekorieren, sondern Interessenpolitik zu betreiben, wenn es zwischen Werten und Interessen keine Kollision geben soll?

Warum fragen die Interviewer nicht nach der Herkunft „unserer Werte“? Handelt es sich etwa um christliche Werte, wie klerikophile Machteliten zusammenlügen? Oder entstammen demokratische und menschenrechtliche Werte dem Fundus griechischer Philosophie?

Gabriel behauptet, Europa sei nicht so egoistisch wie die führenden Weltmächte. Es würde eigene Interessen nicht über die der Weltgemeinschaft stellen. Genau dies aber wäre Moral. Interessenpolitik, die moralische Fragen nicht negiert, ist keine. Warum sollte Deutschland seine Position mit wirtschaftlichen und militärischen Mitteln stärken, wenn es eigene Interessen nicht für wichtiger hielte als die der weltweiten Konkurrenten?

Eigene Interessen zurückhalten und nicht mit aller Gewalt durchsetzen, das wäre eine rationale Art des Altruismus, ein wohlverstandener, auf Ausgleich beruhender Egoismus. Das wäre Moral – und kein imperiales Interesse.

Unrecht tun ist schlimmer als Unrecht erleiden: das war die Position des Sokrates, der überzeugt war, moralisches Tun könne niemandem Schaden zufügen – selbst, wenn er die Todesstrafe dafür erleiden müsste. Ob dieser Standpunkt die Grundlage einer nationalen Politik werden kann, müsste das Volk entscheiden. Experten, die nicht mal wissen, in welchem Maße sie fremde Autoritäten plagiieren, darf sie nicht überlassen werden.

Idealtypisch stünde auf der einen Seite ein militanter Egoismus, der eigene Interessen mit amoralischen Mitteln durchsetzt. Auf der anderen eine „soziale Verteidigung“, die auf die Überlegenheit ihrer moralischen Friedfertigkeit vertraut.

„Das Konzept der sozialen Verteidigung sieht eine Verteidigung ohne militärische Mittel vor. Die ganze Verteidigung erfolgt nur mit gewaltfreien Mitteln. Die soziale Verteidigung verteidigt nicht so sehr das Land als die Lebensweise der Menschen. Das Land läßt sich im Falle eines Angriffs überrollen und leistet keine militärische Gegenwehr. Über Radio und Fernsehen wird die Bevölkerung aufgerufen dynamisch weiterzuleben und den Anweisungen der Angreifer nicht Folge zu leisten.“

Wie sieht hingegen die Politik der BRD aus? Man simuliert moralische Überlegenheit und demonstrative Demut mit – unbedenklichen Machiavellismen. Bewusstseinsspaltung ist das Kennzeichen des deutschen Nationalcharakters.

Wir müssen uns ändern.

 

Fortsetzung folgt.