Umwälzung IV

Tagesmail - Mittwoch, den 03. Januar 2018

Hello, Freunde der Umwälzung IV,

Milch und Honig sind unregierbar. Was auch sollte regiert werden, wenn alles in Butter ist?

Warum sträuben sich die Gewählten in Berlin, das Land, wo Milch und Honig fließt, mit einer profanen Koalitionsregierung – zu entweihen? Könnte es sein, dass auch hartleibige Realpolitiker von einem letzten, unzerstörbaren Gespür für das Heilige geleitet werden? Was nicht übertroffen werden kann, das ist das Vollendete und Heilige:

„Zieh deine Schuhe aus von deinen Füßen, denn der Ort, auf dem du stehst, ist heiliger Boden".

Sie scheuen sich, das Paradiesische und Unüberbietbare mit ihren lächerlichen Fähigkeiten übertreffen zu wollen. Oh, es gibt sie noch, die verlässlichen Urreflexe im deutschen Vaterland, die im Innersten spüren, wenn das Profane seine Grenzen erreicht und der stolzeste Mensch sich höheren Mächten unterwerfen muss.

Der Garten Eden Utopie der Frommen, die jede irdische Utopie verteufeln – wurde nicht von Menschen erschaffen. Der Schöpfer war auf algorithmische Genies nicht angewiesen, um seine Wunderwerke zu erschaffen. Auch nicht auf minderwertige Arbeit, die ohnehin erst nach dem Sündenfall den Ureltern zur Strafe verordnet wurde. Bebauen und bewahren im Einklang mit Gott ist nicht Malochen im Schweiße seines Angesichtes.

Die abgefallene Menschheit müsste glauben, um die Schöpfung zu bewahren. Der Appell der Grünen – die Törichten wissen es nicht – ist ein missionarischer Aufruf an die sündige Menschheit, zum Vater zurückzukehren. Sündige Leistung, und sei sie noch so staunenswert, kann in Gottes Paradiesgärtlein nichts zustande bringen. Ora et labora: wer nicht betet, kann auch nicht arbeiten. Beten ist Arbeiten mit ...

... Worten, Arbeiten ist Beten mit Taten.

Das Land, wo Milch und Honig fließt, ist kein Produkt menschlicher Leistung. Es ist ein Geschenk Gottes an Kreaturen, die es nicht verdient haben.

„Wenn der HERR uns gnädig ist, so wird er uns in das Land bringen und es uns geben, ein Land, darin Milch und Honig fließt. Da zogen sie hinauf und erkundeten das Land von der Wüste Zin bis nach Rehob. Und sie kamen bis an den Bach Eskol und schnitten daselbst eine Rebe ab mit einer Weintraube und ließen sie zwei auf einem Stecken tragen, dazu auch Granatäpfel und Feigen. Wenn dich nun der HERR, dein Gott, in das Land bringen wird, das er deinen Vätern Abraham, Isaak und Jakob geschworen hat dir zu geben, große und feine Städte, die du nicht gebaut hast, und Häuser, alles Guts voll, die du nicht gefüllt hast und ausgehauene Brunnen, die du nicht ausgehauen hast, und Weinberge und Ölberge, die du nicht gepflanzt hast, daß du essest und satt werdest; daß du tust, was recht und gut ist vor den Augen des HERRN, auf daß dir's wohl gehe und du hineinkommest und einnehmest das gute Land, das der HERR geschworen hat deinen Vätern, daß er verjage alle deine Feinde vor dir, wie der HERR geredet hat.“

Was ist Leistung im christlichen Kapitalismus? Nicht die direkte Verbindung zwischen Sündenarbeit und Erfolg. Wahre Leistung ist die Anbetung eines Schöpfers, der allen Tätigkeiten des Menschen seinen Segen erteilen muss. Ohne Segen von Oben keine erfolgreiche Arbeit.

Das ist die Schizophrenie des Westens, dass er Leistung als säkulare Kausalität zwischen Tun und Erfolg propagiert – und dennoch weiß, dass sein eigener Welterfolg das Gnadengeschenk seines Herrn ist. Gottes gnädige Werke können von Menschen nicht verdient werden:

„Nicht, weil ihr zahlreicher wäret als alle Völker, hat der Herr sein Herz euch zugewandt, denn du bist das kleinste unter allen Völkern; sondern darum, daß er euch geliebt hat und daß er seinen Eid hielte, den er euren Vätern geschworen hat.“

Unverdiente Gnade ist die Ursache ihrer Weltbeherrschung, nicht Werke aus eigener Kraft: „damit niemand sich rühme. Der Ruhm jedes Erfolges gebührt allein Gott.

Wenn Trump sich seiner eigenen Person rühmt: kann er dann in rechter Weise fromm sein? Er kann. Alle wiedergeborenen Christen fühlen sich mit ihrem Herrn identisch. Im Glauben sind Gott und Mensch eins geworden. Der „Narzissmus“ Trumps – von religionsblinden psychiatrischen Seelenkennern diagnostiziert – ist das Gegenteil persönlicher Eitelkeit. Wenn er Sich rühmt, rühmt er einen amerikanischen Gott, mit dem er im Glauben verschmolzen ist.

Es ist ein Verhängnis, dass Psychiater und Therapeuten Geschichte, Religion und alle politischen Verhältnisse ignorieren, wenn sie sich ihre Diagnosen als weltlose Wahrheiten aus den Fingern saugen.

Hier berühren wir den Kern der beginnenden amerikanischen Misere. Den Niedergang ihrer Weltmacht empfinden Puritaner als beschämende Widerlegung ihrer Prädestination vor aller Welt. Deshalb ihre Verklärung Trumps zu einem Wiedergänger Mose‘, der die neuen Kinder Israels aus dem heidnischen Ägypterland – der UN und allen amerikafeindlichen Völkern der Welt – herausführen soll, um das tief gefallene neue Kanaan zur alten Erwählung zurückzuführen. Trumps Penisvergleich mit dem nordkoreanischen Diktator ähnelt dem Wundervergleich zwischen Mose-Aaron und den Zauberern des Pharao.

„Und der HERR sprach zu Mose und Aaron: Wenn Pharao zu euch sagen wird: Beweist eure Wunder, so sollst du zu Aaron sagen: Nimm deinen Stab und wirf ihn vor Pharao, daß er zur Schlange werde. Da forderte Pharao die Weisen und Zauberer; und die ägyptischen Zauberer taten auch also mit ihrem Beschwören: ein jeglicher warf seinen Stab von sich, da wurden Schlangen daraus; aber Aarons Stab verschlang ihre Stäbe“.

Schlange ist ein altes Phallussymbol. „Die männliche Schlangengottheit wurde zum phallischen Gatten der Großen Mutter.“ (Walker)

Auch Jesus wird mit der Schlange verglichen: „Und wie Mose in der Wüste die Schlange erhöhte, so muss der Sohn des Menschen erhöht werden, damit jeder, der glaubt, nicht verloren gehe.“ „Ihre Schwänze nämlich sind gleich Schlangen und haben Köpfe und mit diesen fügen sie Schaden zu.“

Der Stand der Weltpolitik hat sich als phallischer Machtvergleich gottgleicher Männer kenntlich gemacht. Männerpolitik wirft ihre rationalen Floskeln ab und macht sich ehrlicher.

Die Große Mutter beginnt bereits, um den Planeten wieder zu beleben, die hasardierenden Phallokraten aus dem Weg zu räumen. Die Me-Too-Revolte will sich die Macht der Schwänze nicht mehr bieten lassen.

Auch Milch und Honig sind sexuelle Symbole. Erlöserparadiese haben sich zwar die Männer einverleibt. Dennoch sind sie durchwoben von uralten matriarchalischen Erinnerungen.

„Das Gemisch aus Honig und Menstruationsblut galt einst als universelles Lebenselixier, als der Unsterblichkeit verleihende „Nektar“ der Götter, den Aphrodite und ihre Bienen zubereiteten. Der Nektar, der den Göttern Weisheit, Inspiration, Bildung, Magie und ewiges Leben schenkte, wurde aus Honig und dem „weisen Blut“ des großen Kessels im Bauch der Mutter Erde gemischt.“ (Walker)

Das Blut der Erde, das sie per Fortschritt in unersättlicher Weise der Natur absaugen, wird den Männern zum Honig ihrer grenzenlosen Macht.

Religiöse Utopien sind Gnadengeschenke. Von Menschen können sie nicht realisiert werden. Dennoch tun die Erlösungsbedürftigen, als hinge alles von ihrem eigenen beschleunigten Hetzen und Hasten ab. Der neu-calvinistische Zusammenhang zwischen beiden Phänomenen liegt auf der Hand. Für ihre Erwählung können sie nichts. Gott erwählt sie vor Erschaffung der Welt. Wenn sie schon nichts zu ihrer Erwählung beitragen können, sind sie dennoch in der Lage, den unbegreiflichen Akt Gottes nachträglich zu rechtfertigen. Beweis ihrer Erwählung ist ihre hektische Arbeitswut und ihr Erfolg.

Luthers Erwählungslehre war kaum anders als die seines Rivalen Calvin. Doch er kam zu anderen praktischen Folgen. Seine Obrigkeits- und Berufslehre verhieß jenen, die in ihrem Stande blieben (ihrem Beruf treu blieben), pflichtgemäß (nicht einseitig erfolgsfixiert) arbeiteten und ihrer Obrigkeit gehorchten, einen gnädigen Gott.

Calvinisten, die über Holland, England nach Amerika vordrangen, verkörperten das rasende Tempo der Moderne. Lutheraner blieben im Lande und wurden die folgsamsten Untertanen ihrer Fürsten, wodurch sie den Anschluss an die westliche Moderne bald verloren. So wurden sie zur verspäteten Nation.

Erst mit Bismarcks kleindeutscher Reichsbildung begann ihre Aufholjagd durch Import des „amerikanischen Tempos“. Merkels Betonung des Tempos ist ein Tribut an Amerika – und ein „Verrat“ an der altlutherischen Wein-Weib-und-Gesangs-Mentalität. „Aus einem verzagten Arsch kommt kein fröhlicher Furz“ (Kohls Lieblingsspruch): gelegentlich fühlen weltläufige lutherische Bischöfe sich bemüßigt, auf Reste altdeutscher Lebensfreude bei ihrem Reformator zu verweisen, der gern sang, Choräle dichtete und ebenso gern sein aus dem Kloster geflüchtetes Weib beglückte. All dies begründete er mit dem Blankoscheck: sündige tapfer, wenn du nur glaubst.

Doch dies ist heute nur noch Pose. Längst sind Merkel & Co zum neoliberalen Puritanismus Amerikas übergelaufen. Luthers Zukunft war der liebe Jüngste Tag, den er mit Inbrunst erwartete. Merkels Eschatologie ist eine grenzenlos technische und ökonomische Machtzukunft. Es gibt keinen Zweifel, der angelsächsische Calvinismus hat den deutschen Lutherglauben längst verschluckt.

Welche Identität haben die Deutschen? Sie imitieren alles, was sie für stärker halten – ohne die emotionale Prägung durch ihre Geschichte im Geringsten aufzugeben.

Jede Umwälzung muss mit der Dekonstruktion des jeweiligen Nationalcharakters beginnen. Jede prophetische Vision ist eine Erinnerung an den uranfänglichen Garten Eden. Auch Jesajas neuer Himmel und neue Erde:

„Es sollen nicht mehr da sein Kinder, die nur etliche Tage leben, oder Alte, die ihre Jahre nicht erfüllen; sondern die Knaben sollen hundert Jahre alt sterben und die Sünder hundert Jahre alt verflucht werden. Sie werden Häuser bauen und bewohnen; sie werden Weinberge pflanzen und ihre Früchte essen. Sie sollen nicht bauen, was ein andrer bewohne, und nicht pflanzen, was ein andrer esse. Sie sollen nicht umsonst arbeiten noch unzeitige Geburt gebären; denn sie sind der Same der Gesegneten des HERRN und ihre Nachkommen mit ihnen. Und soll geschehen, ehe sie rufen, will ich antworten; wenn sie noch reden, will ich hören. Wolf und Lamm sollen weiden zugleich, der Löwe wird Stroh essen wie ein Rind, und die Schlange soll Erde essen.“

Das erste Kanaan war eine imperiale Beute, ein Raub der zivilisatorischen Überlegenheiten anderer Völker. Sie genossen, was sie nicht erarbeitet und verdient hatten. Bei Jesaja ändert sich der Ton. Nun sind sie selbst zu Besitzern geworden. Doch das Schicksal, erobert zu werden, soll ihnen erspart bleiben. Was sie sich erarbeiteten, soll nie zur Beute anderer werden. Während das Privateigentum der anderen nichts galt, wird das eigene zum unantastbaren Besitz. Das biblische Ethos ist geschmeidig. Solange man nichts besitzt, darf man sich mit List und Gewalt alles rauben. Ist man aber selbst Besitzer geworden, darf man alle Forderungen nach ausgleichender Solidarität zurückweisen.

Die Natur wird utopisiert, indem sie zuerst – dämonisiert wird. Im natürlichen Zustand ist Natur das höllische Reich, in dem sich alle gegenseitig verschlingen. Diese Natur muss vernichtet werden, um eine neue zu erschaffen. Verglichen mit der biblischen Verteufelung der Natur war Darwin ein Waisenknabe.

Heutige Biologen haben längst ein anderes Bild der Natur gewonnen. Symbiose, Miteinanderleben, sich gegenseitig nützen: das ist das Grundgesetz der Natur. Selbst scheinbare Grausamkeiten der Natur sind, näher besehen, keine willkürlichen, von Bosheit geprägten Grausamkeiten, sondern eherne Notwendigkeiten. Solange Natur sich ernähren muss, bleibt das Gesetz, sich gegenseitig als Nahrung zu dienen. Auch Veganer entkommen nicht diesem Gesetz. Auch sie ernähren sich nicht von Luft, sondern von Pflanzen und sonstigen Produkten der Natur.

Stünde der Stoffwechselkreislauf im Einklang mit der Natur, wären Geben und Nehmen zwischen den Lebewesen gleichberechtigte Akte. Es gibt keinen Grund, die Natur als unvollkommene zu diffamieren, um sich die Berechtigung zu erschleichen, sie im Auftrag einer allmächtigen Gewalt zu zerstören – und der Phantasmagorie einer vollendeten Natur nachzujagen. Die Vision einer phantastischen Natur diente dem Westen als Vorwand, einen Vernichtungszug gegen die reale Natur zu führen.

Wenn Arbeit die Strafe für eine sündige Tat ist, muss eine sündenfreie Utopie alle Arbeit verbannen. Gott wird zum Großen Ernährer der Erwählten, die auf der faulen Haut liegen dürfen. Vorbei die Bedrohung: wer nicht arbeiten will, soll auch nicht essen. Gott wird zum Geber eines kompletten BGE – ohne Alibibeschäftigung der Beschenkten. Claudia Roths Lieblingstext ist die Lilienstelle im Neuen Testament:

„Darum sage ich euch: Sorget nicht für euer Leben, was ihr essen und trinken werdet, auch nicht für euren Leib, was ihr anziehen werdet. Ist nicht das Leben mehr denn Speise? und der Leib mehr denn die Kleidung? Sehet die Vögel unter dem Himmel an: sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen; und euer himmlischer Vater nährt sie doch. Seid ihr denn nicht viel mehr wert denn sie? Wer ist aber unter euch, der seiner Länge eine Elle zusetzen möge, ob er gleich darum sorget? Und warum sorget ihr für die Kleidung? Schaut die Lilien auf dem Felde, wie sie wachsen: sie arbeiten nicht, auch spinnen sie nicht. Ich sage euch, daß auch Salomo in aller seiner Herrlichkeit nicht bekleidet gewesen ist wie derselben eins. So denn Gott das Gras auf dem Felde also kleidet, das doch heute steht und morgen in den Ofen geworfen wird: sollte er das nicht viel mehr euch tun, o ihr Kleingläubigen? Darum sollt ihr nicht sorgen und sagen: Was werden wir essen, was werden wir trinken, womit werden wir uns kleiden? Nach solchem allem trachten die Heiden. Denn euer himmlischer Vater weiß, daß ihr des alles bedürfet. Trachtet am ersten nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch solches alles zufallen. Darum sorgt nicht für den andern Morgen; denn der morgende Tag wird für das Seine sorgen. Es ist genug, daß ein jeglicher Tag seine eigene Plage habe.“

Hier haben neutestamentliche Schriftsteller griechische Assoziationen – lebe sorglos im Hier und Jetzt – in einen biblischen Rahmen gespannt: Arbeit ist keine autonome Selbstentfaltung, sondern ein Fluch, der erst im neuen Paradies gelöscht wird. Gottes finaler Garten Eden wird zum erkenntnis- und tatenlosen Schlaraffenland:

„Alle Tiere hüpfen und fliegen bereits vorgegart und mundfertig durch die Luft. Die Häuser bestehen aus Kuchen. Statt Steinen liegt Käse herum. Genießen ist die größte Tugend der Bewohner des Schlaraffenlands, harte Arbeit und Fleiß werden als Sünde betrachtet. (Wiki)

Das goldene Reich der Frommen ist eine Kontrast-Phantasie ausgelaugter, erschöpfter und unterdrückter Sklaven, die nur die Knute von Despoten erlebten.

Wie immer geht es darum, die Heiden entweder zu Höllenkandidaten zu erklären oder sie in ihren Fähigkeiten zu übertrumpfen. Heiden müssen sich täglich um ihr Überleben kümmern – Ihr nicht so. Dass dieses Sorgen alle Begabungen des Menschen aktivieren, dass freies und gemeinsames Arbeiten zum Glück der Menschen beitragen kann: davon ist im Revier der Sünden- und Strafarbeit nichts bekannt.

Vögel und Lilien werden dargestellt, als müssten sie nichts tun, um sich zu ernähren, als gäbe es keine aktive Symbiose zwischen Fauna und Flora. Als ob nicht alle Lebewesen eine staunenswert individuelle Vielfalt der Überlebenskunst entwickelt hätten. Der Natur wird alle Lebenskompetenz abgesprochen und einem Gott zugesprochen. Ohne Gott wäre das Universum ein Leichnam. Nur Gottes Odem verleiht der Natur eine vorübergehende Existenzberechtigung. Otto Weiningers frauenfeindlicher Satz: der Mann ist alles, das Weib ist nichts, wird generalisiert: ein Männergott ist alles, eine weibliche Natur nichts.

Im Namen einer totalitären Fürsorglichkeit wird der Mensch zur lebensunfähigen Null degradiert. Der Mensch ist nicht nur unfähig, er ist auch völlig unwillig, sein Leben aus eigener Kraft und in eigener Kompetenz zu führen.

Luthers Rechtfertigungslehre, der Mensch werde gerecht gesprochen allein durch Glauben, nicht durch Werke, ist die exakte Formel für die Deklassierung des Menschen. Werke: das ist die Summe all dessen, was er kann, was er liebt, wozu er fähig ist, was ihm Freude bereitet. Werke sind überflüssig und teuflisch. Alles geschieht sola gratia. Der Mensch beginnt nicht nur als tabula rasa, er endet auch als inkompetentes Nichts mit der Gesamtnote: Ausgeburt der Hölle.

Tiefer kann der Riss zwischen Athen und Jerusalem nicht sein. Die griechische Philosophie dachte darüber nach, den Menschen zum bewussten Akteur seines Schicksals anzuregen. Die Religion machte den Menschen zum Spielball höherer Mächte, die ihn erlösen wollten, indem sie ihm alle Fähigkeiten absprachen und zum scheinlebendigen Gnadenempfänger deformierten.

Das Finale im Buch der Offenbarung macht endgültig Schluss mit der Natur. Es wird keine Sonne und keinen Mond mehr geben, keine Nacht und keinen Tag. Gott ersetzt das Licht der Sonne. Jerusalem besteht aus reinem Gold und kostbaren Edelsteinen. Alle natürlichen Rhythmen sind tot. Die wenigen Naturreste sind zu dekorativen Beilagen einer naturlosen Ewigkeit verkommen. Gott wird sein alles in allem. Die weibliche Natur ist ausgelöscht.

Ein Heide war es, der gesagt hatte: auch wenn Natur gewaltsam ausgetrieben wird, kehrt sie doch immer zurück. Im letzten Paradies der Christen wird Natur ausgetrieben – und niemals wird sie zurückkehren.

„Und der Bau ihrer Mauer war von Jaspis und die Stadt von lauterm Golde gleich dem reinen Glase. Und die Grundsteine der Mauer um die Stadt waren geschmückt mit allerlei Edelgestein. Und die Stadt bedarf keiner Sonne noch des Mondes, daß sie scheinen; denn die Herrlichkeit Gottes erleuchtet sie, und ihre Leuchte ist das Lamm. Und wird keine Nacht da sein, und sie werden nicht bedürfen einer Leuchte oder des Lichts der Sonne; denn Gott der HERR wird sie erleuchten, und sie werden regieren von Ewigkeit zu Ewigkeit.“

Bereits jetzt will Deutschland eine göttliche Utopie sein, in der Milch und Honig fließt. Ein vollkommenes Gemeinwesen kann nicht mehr regiert werden. Es ist zum heiligen Automaten geworden. Wie technischer Fortschritt sich bemüht, Maschinen zu erfinden, um alle menschlichen Probleme zu lösen, so soll die Gesellschaft zu einem omnipotenten Gesamtroboter werden, dem nichts unmöglich sein wird.

Der Höhepunkt des genialen Menschen wird seine Fähigkeit sein, Automaten zu erschaffen – die Mensch und Natur liquidieren. Der Zirkel des Mannes ist durchlaufen: Schaffen aus Nichts endet im Zerstören ins Nichts.

Wir müssen uns ändern.

 

Fortsetzung folgt.