Neubeginn XCVIII

Tagesmail - Montag, den 18. Dezember 2017

Hello, Freunde des Neubeginns XCVIII,

Wohin aber gehen wir

ohne sorge sei ohne sorge

wenn es dunkel und wenn es kalt wird

Merkel stellt sich der Kritik – hinter verschlossenen Türen. Der Satz ist zum Standardsatz geworden. Pars pro toto: was im Einzelnen geschieht, charakterisiert das Ganze. Demokratie ist zur geschlossenen Veranstaltung verkommen. Wenn Merkel ihre Untertanen persönlich beehrt – hinter verschlossenen Türen –, gibt es keinen Deutschen, der sich der Aura der Begegnung entziehen würde. Aura vergibt alle Sünden, Schwachheit ist die Unbesiegbarkeit der Demütigen.

Doch ob Demokratie oder nicht:

ohne Sorge, sei ohne Sorge.

Selbst die ehrgeizigsten aktuellen Klimaziele der EU reichen nach einer neuen Studie nicht aus, um echten Klimaschutz zu garantieren. Der Plan der EU, bis 2030 die Treibhausgas-Emissionen der 28 EU-Staaten um 40 Prozent zu verringern, „ist nicht kompatibel mit den Zielen, die im Pariser Abkommen 2015 vereinbart wurden“, warnt eine bislang unveröffentlichte Studie des deutschen Öko-Instituts, die der taz vorliegt. So sei nicht gesichert, dass die EU einen fairen Teil dazu beiträgt, die weltweite Erwärmung deutlich unter 2 Grad Celsius zu halten.“ (TAZ.de)

Doch ob Klima oder nicht:

ohne Sorge, sei ohne Sorge.

«Wir sind dran – Was wir ändern müssen, wenn wir bleiben wollen». Jetzt geht es der Menschheit wirklich an den Kragen, wenn sie nicht umsteuert, wie auch in der aktiven Bedeutung: Die Zeit ist reif für Taten. «Fast die Hälfte der fruchtbaren Böden der Erde ist in den letzten 150 Jahren verschwunden; fast 90 Prozent der Fischbestände sind entweder überfischt oder einfach weg. Die Klimastabilität ist in echter Gefahr und die Erde erlebt gerade das sechste große Artensterben ihrer Geschichte», so die ökologische Schreckensbilanz des Reports. Andere ...

... großflächige Gefährdungen berge das GeoEngineering als Technik gegen den Klimawandel wie auch das ungebremste Voranschreiten der künstlichen Intelligenz. «Der Hauptfinanzier für Gene Drive – was schlimmer ist als die alte Genmanipulation – ist das Pentagon.» Nach außen werde der Eindruck erweckt, dies habe «ja gar nichts mit Genmanipulation zu tun»; zudem lasse sich so der Malaria-Erreger ausrotten. «Aber wenn das in den Händen des Militärs ist – das ist absolut dramatisch!», warnte der Präsident des Club of Rome.“ (TAZ.de)

Hat Weizsäcker diese alarmistischen Erkenntnisse seiner eigenen Partei, der SPD, mitgeteilt? Vor allem Sigmar Gabriel, der seiner Partei allzu viel ökologisches Engagement unter Vernachlässigung der sozialen Frage vorwirft? Wenn der Umweltprofessor die Welt in Gefahr sieht, warum hat er im Bundestag keine leidenschaftlichen Reden zugunsten eines radikalen ökologischen Wandels gehalten?

Doch ob unfruchtbare Böden, schwindende Fischbestände, Künstliche Intelligenz, gefährliches GeoEngineering oder Genmanipulation in Händen des Pentagon:

ohne Sorge, sei ohne Sorge.  

Wörter werden verbannt, Begriffe verboten, freies Denken wird bedroht:

„Sie verbieten Worte, die die Wahrheit oder den wissenschaftlichen Prozess der Wahrheitsfindung spiegeln, "Fötus" etwa oder "Transgender", "Diversität", "auf wissenschaftlicher Grundlage" oder "auf der Grundlage von Beweisen". Stattdessen sollen die Mitarbeiter der amerikanischen Gesundheitsbehörde CDC in Zukunft sagen: "Die CDC basiert ihre Empfehlungen auf Wissenschaft unter Berücksichtigung öffentlicher Standards und Wünsche.“ Trump und seine Kohorten sind dabei nicht die Einzigen, die den Krieg gegen die Wahrheit zur Grundlage ihrer autoritären Herrschaft machen. So klingt Faschismus.“ (SPIEGEL.de)

Doch ob unfreies Denken, Diktatur öffentlicher Wünsche, ob Faschismus oder totalitäre Sprachtyrannei:

ohne Sorge, sei ohne Sorge.

Berlusconi kommt wieder. Das neurömische Vorbild Trumps könnte wie Mussolini wirken, zuerst in Italien, dann im Rest der Hochkultur. Über Trumps Sieg taten die Europäer entsetzt – Berlusconi war für sie nur ein mediterraner Possenreißer. Dabei funktionieren die beiden nach einem Schema.

„Er wurde fast zu einer Art Identifikationsfigur. Normalerweise wollen die Menschen nicht von jemandem regiert werden, der besser ist als sie, also hat Berlusconi seinen Wählern gesagt: Du bist in Ordnung, so wie du bist! Das war das genaue Gegenteil von der Botschaft, die beispielsweise Barack Obama für seine Wähler hatte: Du musst dich ändern! Sich zu verändern ist äußerst mühselig, doch jemanden zu finden, der Verständnis für deine Macken und deine mehr oder minder windigen Methoden hat, sich durchs Leben zu wursteln, ist äußerst beruhigend.“ (ZEIT.de)

Die deutsche Kanzlerin ist die Madonna-Version Berlusconis, die ihren Treuen signalisiert: ihr könnt bleiben, wie ihr seid. In seiner Verkommenheit ist er wie unsereiner, sagen die Italiener, die die Schnauze voll haben von blauäugigen Visionären. In ihrer Schlichtheit an der Supermarktkasse ist sie eine von uns, sagen die Deutschen, die ihre eiskalte Gefühllosigkeit als „Zurückhaltung“, ihr Lavieren als „Nüchternheit“ betrachten. Italiener brauchen jemanden, der ihre Schwächen teilt, Deutsche jemanden, der Stärken zeigt, als seien sie von ihnen – aber bitte in frommer Einfalt und schlichter Größe.

Trump und Berlusconi hauen ihre Wählerkohorten übers Ohr, indem sie ihnen das Gefühl vermitteln: wir sind wie ihr, nicht besser und nicht schlechter. Diese suggestive Seelenverwandtschaft entzückt die irrenden Schafe derart, dass sie über deren Verschlagenheit hinwegsehen. Merkel betrügt ihre Gefolgschaft, indem sie Unberührbarkeit als Empathie, Stummheit und mangelnden Durchblick als Bescheidenheit zelebriert.

Doch ob betrügerische Identität oder scheinheilige Kumpanei:

ohne Sorge, sei ohne Sorge.

Die WTO – die Welthandelskonferenz – ist auf ihrem Treffen in Buenos Aires gescheitert. Dennoch wird die Dominanz der starken Länder in absehbarer Zeit nicht gebrochen werden. Die NGOs laufen Sturm gegen die Allmacht der planetenbeherrschenden Monopolisten:

«Getötet vom WTO» stand auf weißen Kreuzen, die auf Verdrängung kleinbäuerlicher Strukturen bis hin zu gewaltsamen Vertreibungen durch Großgrundbesitzer hinwiesen, die den Anbau von Monokulturen wie Soja oder Palmölplantagen vorantreiben und deren Lobbyisten in Buenos Aires auf die weitere Liberalisierung des Handels drängen. Auf Spruchbändern protestierten die Demonstrierenden auch gegen Agrarmultis. «Die Mörder haben in unseren Land einen Namen: Monsanto, Bayer, BASF», so eine Vertreterin aus Paraguay. Rund 1500 Menschen hätten den Gipfel besucht, schätzt Beverly Keene am dritten und letzten Tag. Die Ablehnung der WTO als Quelle von Hunger, Vertreibung und Ausplünderung der Menschen und der Natur sei ein Grundtenor der Kritik in den Foren gewesen, wie auch der Mangel an demokratischen Strukturen bei den bestehenden weltweiten Institutionen, nicht nur bei der WTO. Die Frage nach demokratischen, alternativen Institutionen, und, wie diese aufzubauen sind, stehe auf der Tagesordnung.“ (TAZ.de)

Doch ob erbarmungslose Konkurrenz, ökonomische Ersatzkriege oder Freihandel als Unterdrücken der Schwächeren:

ohne Sorge, sei ohne Sorge.

Auch die Projekte Stuttgart 21 und BER stehen stellvertretend für das Versagen der politischen Führungsklassen. Wie bei den weltweiten Finanzkrisen: alles scheitert, niemand ist verantwortlich.

Schuld? Ist das Alleinstellungsmerkmal der Ohnmächtigen und Abgehängten. Die Mächtigen waschen ihre Hände stets in Unschuld.

Gigantische Kollateralschäden haben keine Ursachen. Das Gesetz der Kausalität ist außer Kraft gesetzt. Erfolge sind geniale Wunder von Oben, Misserfolge unvermeidliche Miasmen von Unten. Warum werden nie die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen?

Die Verantwortlichen sind nicht verfolgt worden, weil das Schadensersatzklagen Dritter nach sich gezogen hätte. Noch deutlicher: Aus Angst vor Millionenzahlungen an Lufthansa oder Air Berlin oder die Deutsche Bahn wurden die Verfehlungen von Schwarz, Körtgen und Co., vielleicht auch die Versäumnisse von Wowereit, Platzeck und Co., unter den Teppich gekehrt. Ganz bewusst. Das gehört zur bitteren Wahrheit über den Flughafenbau zu Berlin-Brandenburg. Es mag Schuldige geben, aber man wird sie nie dingfest machen, man sucht sie erst gar nicht, weil das womöglich zu teuer käme. Viele Ursachen des Scheiterns wurden hier entwickelt, eine Erkenntnis ist nicht widerlegbar: Die Regierenden Bürgermeister von Berlin, die Ministerpräsidenten von Brandenburg und die in Bundes- und Landesregierungen zuständigen Minister und Staatssekretäre waren und sind mit der Aufgabe, in staatlicher Regie einen Flughafen zu bauen, überfordert. Konsequenzen daraus: null.“ (SPIEGEL.de)

Wer ist schuld an Stuttgart 21? Nicht deutsche Ingenieure, die die besten der Welt sind. Sondern die grassierende Technikskepsis: „Da gibt es Leute, die hätten es am liebsten, wenn gar nichts mehr konstruiert und gebaut würde. Und für Stuttgart trifft das noch mehr zu als für den Rest der Republik. Der Pietismus hat eine Mentalität hervorgebracht, die nicht nur friedlich und offen ist.“ Auch die Grünen waren nicht unschuldig: „Die durchaus bürgerlichen Züge dieser Partei waren vorher weniger sichtbar gewesen.“

Warum wurde das Projekt überhaupt gebaut? Stuttgart gehöre nicht zu den attraktivsten Orten. „Aber nun darf sich die Stadt neu erfinden. Diese Chance geben wir ihr. Soll sie etwas daraus machen.“ (SPIEGEL.de)

Kritiker der Technik sind griesgrämige Maschinenstürmer. Der Pietismus war ganz und gar nicht technikfeindlich. Als christliche Variante kann er partout nicht „nur offen und friedlich sein“. Offensichtlich im Gegensatz zur friedlichen Technik, die die gesamte Natur beschädigt?

Die Grünen bürgerlich? Von Anfang an waren sie rebellisch und gar nicht technikfreundlich. Das war dem großen Ingenieur offenbar nicht bekannt. Bürgerlichkeit – wie alle deutschen Begriffe – stehen für dies und das genaue Gegenteil. Einmal ist Bürgerlichkeit der Garant für „Zukunftsoffenheit“, dann für das Gegenteil. Das Projekt soll Stuttgart beglücken, aber ohne Einverständnis der Menschen. Das ist Zwangsbeglückung, ergo eine faschistoide Tat.

Nein, keine äußere Technik kann einen Menschen beglücken. Glücksfähigkeit ist die Kunst der Selbstbesinnung, eine denkerische Fähigkeit, mit sich in Einklang zu kommen. Wieder einmal zeigt sich die totalitäre Arroganz der Technik.

Doch ob Zwangsbeglückung, Verleugnen der Schuld oder Dementieren der Verantwortung:

ohne Sorge, sei ohne Sorge.

Wer ist Jan Fleischhauer? Ein ungebildeter Journalist, der perfekt lesen und den Sinn von „Anker lichten“ einwandfrei deuten kann. Was aber Bildung ist, weiß er nicht. Fleischhauer kann Buchstaben entziffern. Die Zeichen der Zeit kann er nicht dechiffrieren. Ergo kann er nicht lesen. Bildung ist für ihn die Fähigkeit, nach oben zu kommen, da, wo er sich selbst befindet. Doch Bildung hat mit Aufsteigerqualitäten nichts zu tun. Der wahre Gebildete ist in der Lage, die Realität zu erkennen, seine politische Umgebung kritisch zu beurteilen. Würde Fleischhauer seine eigene Zeitung lesen, hätte er zur Kenntnis nehmen können, dass politischer Unterricht – in dem wahre Bildung erworben werden sollte – kurz vor dem Aussterben steht.

"Politische Bildung wird zugunsten ökonomischer Bildung geopfert. Schüler sollen nur noch lernen, was einen konkreten Nutzen für ihre spätere Berufstätigkeit hat." (SPIEGEL.de)

Bildung ist die Fähigkeit, mit dem eigenen Kopf zu denken. Deutsche Schulen und Hochschulen stehen zunehmend unter dem Einfluss der Industrie, die denkschwache, aber funktionstüchtige Berufsidioten ausbilden will. Kritikloses Funktionieren ist das Gegenteil von Bildung.

Fleischhauer ist so ungebildet, dass er keine Ursachen erfolgloser Menschen sieht – außer in deren Faulheit und Verkommenheit. Therapeutisches Handeln betrachtet er als soziale Ingenieurskunst, als ob man Menschen wie Maschinen konstruieren oder auf den Schrotthaufen werfen könnte.

„Man sagt so schnell entschuldigend: Ach, die armen Hascherl am sozialen Rand, die wissen es nicht besser. Doch sie wissen es besser. Sie sind nur zu bequem oder zu gleichgültig, um entsprechend zu handeln. Auch in Teilen Asiens sind sie bettelarm, und trotzdem nutzen sie dort jede Gelegenheit, die sich ihnen bietet, ihren Kindern etwas beizubringen. Vielleicht muss man sich an den Gedanken gewöhnen, das elterliche Erziehungsmonopol einzuschränken. Die elterliche Autonomie ist ein hohes Gut. Aber wenn sich zeigt, dass Kinder im Elternhaus der Voraussetzungen beraubt werden, um als Erwachsene ein erfülltes Leben zu leben, muss der Staat möglicherweise früher als bislang eingreifen.“ (SPIEGEL.de)

Fleischhauer ist so ungebildet, dass er – obgleich kein Marxist – völlig marxistisch denkt. Materielle Umstände allein prägen den Menschen. Wenn es armen Asiaten gelingt, sich zu bilden, warum nicht armen Deutschen? Wenn es aber nicht Armut sein kann, woher dann die „Bequemlichkeit und Gleichgültigkeit“ deutscher Versager? Dann muss es das angeborene Böse sein. Hauptsache, die überaus gelungene deutsche Gesellschaft ist unschuldig. Gegen dieses Böse hilft nur Einschränkung oder Entzug des elterlichen Erziehungsmonopols. Auf Deutsch: Kinder müssen in Erziehungsheime à la Nordkorea, wo sie ordentlich gebimst werden. Fleischhauer ist so ungebildet, dass er seinen faschistoiden Platonismus nicht erkennt.

Doch ob faschistoide Journalisten oder ungebildete, jugendfeindliche Edelschreiber:

ohne Sorge, sei ohne Sorge.

Bevor wir zum Gipfel der politischen Bildung – zu Sigmar Gabriel – kommen, noch einen kurzen Blick auf die Evolution. Erst mal Entwarnung: die Natur ist nicht klein zu kriegen, allen Veränderungen passt sie sich an und macht das Beste draus:

„Zunächst gibt die Erkenntnis, dass die Evolution schneller verläuft als gedacht, Anlass zur Hoffnung. Pflanzen und Tiere können sich offenbar besser an eine veränderte Umwelt anpassen als befürchtet.“

Doch wie steht‘s mit der Menschheit?

„SPIEGEL: Wie steht es um uns Menschen? Werden wir uns anpassen an die von uns selbst veränderte Welt?

Losos: Nein, jedenfalls nicht, wenn Sie von evolutionärer Anpassung sprechen. Die Triebfeder dafür ist die natürliche Auslese, also die Überlebenstüchtigkeit, und die spielt für uns Menschen, zumindest in den Industrieländern, kaum mehr eine Rolle.“

Die Menschheit hat ihre Selektionsfähigkeiten durch eine fragwürdige Humanität, die alle Menschen für gleich wichtig hält, verloren. Wenn Natur sich fortlaufend verändert, der Mensch aber auf der Stelle tritt, wird er eines Tages von der Natur unvermeidlich selektiert werden. Tja, Pech gehabt, ihr Vertreter von Gleichheit und Brüderlichkeit. (SPIEGEL.de)

Doch ob gnadenlose Auswahl oder existenzunfähige Menschheitsduselei:

ohne Sorge, sei ohne Sorge.

Es ist eine Fama, dass Merkel sich in den bisherigen GroKos sozialdemokratisiert habe. Umgekehrt wird ein Schuh draus: die SPD hat sich eher verhayekt – mit diversen Restbestandteilen an Sozialfolklore. Gabriel will sich, durch einen Essay im SPIEGEL, an die Spitze der SPD-Renovierung setzen, indem er seinen Parteifreund Schulz elegant in den Schatten stellt. Sein Schlachtruf: Vorwärts, Kameraden, wir müssen zurück. Zurück zum Erhalt „unserer Industriearbeitsplätze“, zu guten Löhnen und Renten. Die SPD habe sich zu sehr dem Gedanken der Wettbewerbsfähigkeit ausgeliefert.

Moment: war es nicht ein gewisser Sigmar Gabriel, der den internationalen Wettbewerb nicht durch moralisches Gedöns beschädigen lassen wollte? Nur knallharte Betonung von Interessen würde uns weiterbringen, nicht immer dieses „schlechte Stimmung machen mit diesen Menschenrechten?“

Die SPD habe sich, unter dem Einfluss des postmodernen „Anything goes“ allzu sehr dem Umwelt- und Klimaschutz, dem Datenschutz und der Ehe für alle gewidmet; viel zu wenig der Durchsetzung von Mindestlöhnen, der Zähmung des Kapitalismus und den „traditionellen Werten von Freiheit, Solidarität, Gleichheit und Gerechtigkeit“. „Bei uns gibt es oftmals zu viel Grünes und Liberales und zu wenig Rotes.“ Begriffe werden hingeschleudert wie im Schnäppchenverkauf. Vor kurzem noch bemängelte Gabriel Schulzens Konzentration auf Gerechtigkeit.

Warum wurde die SPD ihren eigenen Prinzipien untreu? Weil sie sich zu sehr den Versuchungen der Postmoderne ergab: alles ist möglich, nichts ist wahr, alles relativ. Das habe zur Entwurzelung im eigenen Land, zur Entfremdung mit der eigenen Kultur geführt. Heimat und Leitkultur müssten wieder mehr in den Mittelpunkt gerückt werden.

Wer ist denn das ominöse „Wir“, das sich der Postmoderne ergeben haben soll? Die SPD-Basis weiß bis heute nicht, was Postmoderne ist. Es kann sich nur um Parteieliten handeln, die sich ihrer Basis entfremdeten, um ihre Aufstiegschancen zu erhöhen.

Warum nennt Gabriel nicht Ross und Reiter und versteckt sich hinter einem feigen Wir? Wer hat denn die alten SPD-Ideale verraten? Ein gewisser Herr Schröder, der, in uralter Tradition der Kapitalisten, alle Schuld an wirtschaftlichen Schwächeperioden den Schwächsten in die Schuhe schob. Gabriel erwähnt weder Hartz4 noch Schröder.

Wer von Aufstieg spricht, hat Gerechtigkeit bereits verraten. In einer gerechten Gesellschaft gibt’s keine oberen Etagen, zu denen man aufsteigen könnte. Aufsteiger sind per se Verräter an ihrer „Heimat“, ihrem sozialen Milieu. Ist ein Milieu benachteiligt, muss es als Ganzes gefördert werden. Nur Einzelne rauspicken und den großen Rest dem Elend überlassen: das ist das Gegenteil von Gerechtigkeit.

Zu sehr dem Liberalen angenähert? Echte Liberalität ist Freiheit für alle, keineswegs solistische Freiheit der Reichen und Mächtigen, die alles überfahren, was ihnen im Wege steht. Wie kann man Heimat fordern, die Heimat der Proleten gleichzeitig für einen Pfifferling verhökern? Ist eine Heimat nicht lebensfähig, muss sie durch gerechte Politik beatmet werden. Was Leitkultur ist, wird vom gedankenarmen Außenminister nicht definiert. Womit er den Verdacht nährt, sich den Rechten zu nähern, die unter Leitkultur eine fremdenfeindliche Deutschen- und Christenkultur verstehen. Ein böses Spiel mit Assoziationen.

Zu sehr den Grünen genähert? Das ist pervers. Wo Überleben nicht gesichert ist, kann keine verlässliche Heimat entstehen. Beschädigte Natur verschärft nur den Konkurrenzkampf zwischen den Nationen, verschärfte Konkurrenz vertieft die Kluft zwischen Oben und Unten. Den echten grünen und liberalen Gedanken in die Nähe postmoderner Beliebigkeit zu rücken, verrät vollends die Gedankenschwäche von Mutters Liebling. Freiheit und Einklang mit der Natur sind keine Beliebigkeiten, sondern kategorische Pflichten.

Der „postmoderne Schlachtruf Anything goes“ egalisierte nicht, sondern zerschlug alles in unvergleichbare Partikel. Wenn jeder seine eigene Wahrheit ausbrütet, ohne sich auf dem Marktplatz zu rechtfertigen, ist jeder nur für sich selbst verantwortlich. In einer Talkshow verhöhnte Gabriel die Moral der Menschenrechte. Hier spricht er von Werten und von einer „gemeinsamen Interessenvertretung“. Sind SPD-Werte keine moralischen Forderungen? Noch immer steckt in Gabriel das altmarxistische Erbe materieller Moralfeindschaft.

Anstatt sich mit führenden Geistern des sozialen Tradition, mit Marx, Lassalle, Bernstein, den Neukantianern, mit Poppers Stückwerktechnologie und Utopiefeindschaft, gründlich auseinanderzusetzen, vom christlichem Antinomismus nicht zu reden, zeigt Gabriel – nicht anders als Fleischhauer – ein erschreckendes Maß an politischer Unbildung. Sein Fazit ist eine vollständige Selbstdemontage: „Es ist aber immer weniger möglich, mit nationaler Gesetzgebung den globalen Kapitalismus zu zähmen.“

Wie will er die alten Proletenwerte wiederherstellen ohne Zähmung des Kapitalismus? Wenn alle Welt zur Leugnung der Menschenrechte überginge, müsste Deutschland sich notgedrungen anschließen? Das ist Horden- und Mitläuferethik, eine schändliche Absage an jede eigenständige Politik. Wenn‘s alle tun, dürfen wir uns getrost anschließen.

Während objektive Weltgefahren sich rasant verschärfen, fühlen sich die Deutschen wie auf einer glücklichen Insel, weit ab von allen planetarischen Verhängnissen. Während die Völker immer mehr aneinander geraten, schwelgt Deutschland in Überflussproblemen.

Selbst wenn die Welt unterginge:

ohne Sorge, sei ohne Sorge

Was aber geschieht

am besten

wenn Totenstille

eintritt?

Reklame“ hieß Ingeborg Bachmanns Gedicht aus dem Jahre 1956.

 

Fortsetzung folgt.