Neubeginn XCI

Tagesmail - Freitag, den 01. Dezember 2017

Hello, Freunde des Neubeginns XCI,

Gespräche in Bellevue? Es gibt keine Gespräche in Bellevue. Demokratische Gespräche sind öffentlich. Sind sie es nicht, handelt es sich um geheime Vorgänge – mit öffentlichem Blendwerk. Ungeprüft übernimmt die Presse die Nomenklatur derer, die sie kritisch zu kommentieren hätte.

Geheime Vorgänge, zum Ritual geworden, gehören zur Disziplin des Heiligen. Das Heilige, das Allerheiligste, sind Zentren einer Religion, die die Welt in zwei Teile spalten: in das Weltliche oder Profane, dem täglichen Revier der Massen – und dem abgeriegelten Ort, wo Gott wohnt, zugänglich nur für wenige männliche Stellvertreter.

Hinter ausgezehrten demokratischen Fassaden hat sich die BRD zur Hierokratie entwickelt, in der Politiker und Priester, ordinäre Welt und heilige Überwelt zur Einheit verschmolzen.

Das hat sich schon lange abgezeichnet. Ihre politischen Feste feiern sie wie Gottesdienste, sie schreiten wie Priester, ihre getragenen Ansprachen gleichen Kanzelreden, Beginn und Ende ihrer Amtsperioden werden von ökumenischen Gottesdiensten umrahmt. Ohne klerikale Magie können herausragende Ereignisse nicht zelebriert werden. Die profane Welt ist fest im Griff des Heiligen.

Politische Feste auf Marktplätzen, voller Lebensfreude und Stolz auf das gemeinsam erkämpfte Demokratische und Humane, sucht man vergebens. Mündigkeit, Würde, Autonomie des Menschen: nichts davon darf der demokratische Mensch ausgelassen feiern. Wenn ihm Gutes widerfährt, hat er sich bei höheren Mächten zu bedanken, wenn Schlechtes, muss er seine Sünden vor Altären bereuen und sich ...

... schuldbewusst erniedrigen. Demut, Gloriole der Kanzlerin, ist zur Edeltugend omnipotenter Zukunftsbezwinger geworden.

Religiöse Regression zerstört im puritanischen Amerika zunehmend das demokratische Exterieur. In Deutschland unterstellt sich das Weltliche dem Überweltlichen und nähert sich dem cäsaropapistischen Modell Russlands, dem einstigen Sehnsuchtsland jener deutschen Intellektuellen, die vor zunehmender Verwestlichung, Verrohung und Entheiligung ihres Vaterlands in das endlose Reich des Ostens flüchteten, in dem man Gott allerorten als anonymem Pilger begegnen konnte.

Wenn‘s hoch kommt, ist demokratisches Engagement in Deutschland von saurer Pflichterfüllung geprägt. Ansteckende Leidenschaft des homo politicus ist kein Lehrfach an deutschen Untertanenschulen. Wie empört Medien tun, wenn sie wieder einmal eine junge Generation beim Egotrip ihres Karrieredenkens ertappen. Als ob sie die politischsten wären, wenn sie sich an den Dorfteich setzen und voyeuristisch über das einstimmige Quaken der Alphafrösche berichten.

Es ist eine Trivialität: eine entpolitisierte, alternativlos konditionierte Öffentlichkeit wählt eine entpolitisierte, alternativlos handelnde Regierungschefin. Belanglos, wer uns regiert. Ob Groko, MikRo oder Neuwahlen: alles wird beim Alten bleiben – wenn die Menschen nicht selber anpacken und ihre Gewählten in den Schwitzkasten nehmen.

Endloser Fortschritt wird eine Handvoll Menschen auf den Mars bringen, die anderen soll der Teufel holen. Endlose Technik wird uns harte Arbeit ersparen, auf dass wir uns noch härtere Arbeit aus den Rippen schwitzen – um uns harte Arbeit zu ersparen. Und so fort bis in den Wahn. Das sind keine Teufelskreise, sondern Götterspiralen auf dem Weg ins Paradies – oder in die Hölle. Das ist die Liberalität der liberalsten Gesellschaft aller Zeiten, die gefälligst zu tun hat, was eine illiberale Geschichte, eine despotische Zukunft ihr ins Stammbuch diktieren.

Solange sie die Zehn Gebote hielten, waren die Deutschen ein zerrissenes, ohnmächtiges Land. Als sie endlich nationale Macht errungen hatten, gestand ihr Blut-und-Eisen-Champion, dass er weder mit Dekalog noch mit Bergpredigt regieren könne – dennoch wollte er ein Gottesfürchtiger sein. Das Entsetzen war groß. Die einen bewunderten die neue Kaltblütigkeit, die anderen wurden depressiv, was man damals Pessimismus nannte.

Ab Schopenhauer regierte der Pessimismus die irritierbaren Seelen derer, die eben noch von der blauen Blume schwärmten. Bis Nietzsche dem Spuk ein Ende bereitete, den Pessimismus durch den Willen zur Macht zur Strecke brachte.

Nietzsche, Pastorensohn, war dem pietistischen Eisenfresser ein kongenialer Deuter und philosophischer Begleitschutz. Selbst die Frömmsten ergaben sich endlich dem Grundsatz der neuen Zeit: nichts ist erfolgreicher als der Erfolg und stürzten sich in die gierigen Gründerjahre. Was aber wurde aus dem armen Jesulein, der zum Kindlein in der Krippe idolisiert, also verfälscht wurde?

Wo Gefahr ist, da lässt Gott die Seinen nicht im Stich und sandte Rudolf Otto, der den darbenden Protestantismus wieder belebte, indem er ihn zur Kenntlichkeit entlarvte und den Kern der Religion freilegte: das Heilige. Mit dem „Heiligen“ wurde Rudolf Otto zum „Propheten des 20. Jahrhunderts“.

„Otto ringt 200 Seiten lang mit Worten für etwas, das man seiner Meinung nach gar nicht adäquat in Worte fassen kann – sondern fühlen muss. Das Erschaudern im Angesicht des Heiligen, das "Kreaturgefühl" im Angesicht des allmächtigen Schöpfers. "Es ist eine kreisförmige Bewegung, die immer wieder um das Unaussprechliche kreist und versucht dann eingrenzend mit einer Vielzahl von Begriffen dieses Nicht-Aussagbare doch zu fassen." Rudolf Otto will die Religion an sich, das Religiöse, verteidigen – gegen das Säkulare, die Anfechtungen der Zeit: etwa Sozialdemokratie, Materialismus und Naturalismus.“ (Deutschlandfunk.de)

Je „rationaler“ die Deutschen wurden, indem sie sich zur wirtschaftlichen und technischen Großmacht, zur Hochschule der Welt, zum mitteleuropäischen Bollwerk entwickelten, umso irrationaler wurde ihr Innenleben. Das Rationale wurde reduziert auf das Quantitative und Machbare. Was nicht berechnet werden konnte, wurde aus dem Tempel der ratio entfernt.

Zwischen Natur- und Geisteswissenschaften kam es zum Grundsatzstreit, bis die Geisteswissenschaften sich entschlossen, ihre Grundlagen ebenfalls auf Messen und Zählen umzustellen. Die Psychologie wurde experimentell und eignete sich statistische Methoden an. Jedes psychische Verhalten wird seitdem unter Laborbedingungen erforscht, als ob es keine unendlich lange historische Genese hätte. Die Ökonomie, ein aus vielen moralischen Entscheidungen entstandener, unförmiger Gigant, verdrängte vollends ihre Vergangenheit und rechnet sich seitdem die Seele aus dem Leib.

Vergangenheit, die biografische Wiege der Gegenwart, wurde gelöscht; ihre gesammelten Erkenntnisse ad acta gelegt. Was keine erkennbare Vergangenheit mehr hat, wird umgepolt in tagträumende Zukunft.

Das Nichtberechenbare verliert seine Sprache. „Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen“: die Philosophen lassen sich von den neuen Mächten ins Bockshorn jagen und zu stummen Begleitern des Unvermeidlichen degradieren. Alles, was man soll, ist noch nicht. Was nicht ist, kann man quantitativ nicht erfassen: weg mit aller Moral aus den neuen Hallen der Wissenschaften.

Auch Marx wollte nur der Newton der gesetzmäßigen Geschichtswissenschaft werden und erniedrigte alles Philosophische zum sekundären Überbau des handfesten, nachweisbaren, materiellen Fundaments allen Seins. Der Kapitalismus wurde zum maschinellen Produkt einer Geschichte, deren Faktoren bis zur Revolutionsreife präzis erfasst werden konnten. Moral? Überflüssig.

Da floh das Religiöse, verwandelte sich ins überreligiöse Heilige, das – nicht anders als Wittgensteins Philosophie – zum Unerklärbaren und Unaussprechlichen wurde. Wer das Heilige nicht selbst numinos erfahren hatte, musste den Tempel verlassen:

"Wir fordern auf, sich auf einen Moment starker und möglichst einseitiger religiöser Erregtheit zu besinnen. Wer das nicht kann oder wer solche Momente überhaupt nicht hat, ist gebeten, nicht weiter zu lesen. Denn wer sich zwar auf seine Pubertätsgefühle, Verdauungsstockungen oder auch Sozialgefühle besinnen kann, auf eigentümlich religiöse Gefühle aber nicht, mit dem ist schwierig Religionskunde zu treiben."

Versteht sich, dass die Heiligen Schriften aus dem „Gefängnis des Buchstabens“ endgültig befreit und allen projektiven Zeitgeistanpassungen überantwortet wurden. Das Wort, sie sollen lassen stahn, wurde zum ekstatischen Geist, der mit dem Wort hantieren konnte, wie das Heilige ihm gerade befahl. Die Schmerzen der Frommen ob der neuen Amoral der deutschen Nation wurden wesenlos durch die Botschaft des neuen Heiligen:

„Da kommt einer daher und erzählt: 'Das Heilige ist das religiöse Gefühl minus des Ethischen und des Sittlichen.' Man kann die Ethik sowieso nicht mehr formulieren angesichts der Gräueltaten des Ersten Weltkriegs."

Otto erteilt den Kirchen Generalabsolution, wenn sie alles absegnen, was sie einst moralisch bedenklich fanden.

Religion hat mit Ethik nicht zu tun. Das war nur für jene eine Neuheit, die Religion im Konfirmandenunterricht als Diktat kennengelernt hatten. Erlöserreligionen hatten nie mit kategorischer Moral zu tun. Unbedingte Moral war nur eine Erfindung listenreicher Priester, die die Obrigkeit dabei unterstützten, den Untertanen Gehorsam einzubläuen. Adel und Klerus waren schon immer vom Buchstabengehorsam gegenüber göttlichen Geboten befreit.

Luthers augustinische Devise: sündige tapfer, wenn du nur glaubst, hätte die Protestanten durchaus zu antinomischen Herren der Moral machen können. Tat es aber nicht. Der Freifahrtschein zu allem Guten und Bösen im Namen des Glaubens hatte keine andere Wirkung als die Schizophrenie deutscher Untertanen zu erwecken: privat wurden sie in furchtandrohender Weise zum politischen Gehorsam verdonnert. Wenn aber dieselben Autoritäten zu heiligen Kriegen, Hexenverbrennungen und Ketzerverfolgungen aufriefen, wurden sie von allem kleinlichen „Du sollst nicht“ befreit.

Die Schizophrenie gilt bis heute: Anstand in privaten Angelegenheiten versteht sich von selbst. Was aber große Politik betrifft, das zu beurteilen ist Eliten vorbehalten, die wissen, was Geschichte fordert, was an der Zeit ist oder der Kairos ansagt. Die Rede vom Überkomplexen, das der Pöbel nicht versteht, ist die alte Rede vom Heiligen, das nur wenigen Erwählten vorbehalten ist. Die profane Masse muss vor dem Allerheiligsten in stummer Ergriffenheit verharren.

Das ist die Situation der politischen Gegenwart. Dem demokratischen Pöbel wird in wachsendem Maße erklärt: Tritt nicht heran, denn die Stätte, darauf du stehst, ist heiliges Land. Immer undurchsichtiger werden die Vorgänge in diesem Land. Schon die Absicht, die Nebelbildungen zu durchschauen, gilt in höheren Kreisen als Blasphemie. Das ist derart hypertroph geworden, dass die Überkomplexität selbst diejenigen erfasst, die für das Geschehen verantwortlich sind. Stuttgart 21, der BER in Berlin, ja, fast alle politischen Ereignisse von der Flüchtlingsfrage bis zur ökologischen Katastrophe sind derart schwierig geworden, dass sie unlösbar scheinen. Wer behauptet, er könne die Probleme lösen, wird als Pupulist ausgegrenzt.

Ist er ein Messias? Fragen eben die, die an einen solchen glauben. Da es nur einen Messias geben kann – der von den Kirchen bestimmt wird – ist jeder Möchtegern-Messias ein Scharlatan.

Die Merkel-Regierung ist derart überfordert, konfus oder bigott, dass sie eben die Beschlüsse, die sie in Brüssel absegnete, selbst nicht einhält, sodass die EU-Kommission sie vor dem EUGH verklagt. Petra Pinzler in der ZEIT wird richtig energisch:

„Die EU-Kommission hat immer wieder gefordert, dass in den deutschen Städten die Grenzwerte für Luftschadstoffe eingehalten werden. Doch die Bundesregierung interessiert das so wenig, dass die Behörde Deutschland wahrscheinlich Anfang Dezember bei Europäischen Gerichtshof verklagen wird. Man muss sich das noch einmal vor Augen halten: Die deutsche Bundesregierung wird von der EU-Kommission verklagt, weil sie sich nachweislich nicht genug um die Gesundheit ihrer Bürger kümmert. Schon irre!“

Ständig verschwinden Verträge und Akten, Unterlagen sind nicht mehr auffindbar. Niemand weiß nichts Genaues. Keiner ist zuständig. Untersuchungsausschüsse sind nicht in der Lage, Schuldige und Verantwortliche zu benennen. Schuldzuweisungen sind Relikte aus dem Wörterbuch der Unmenschen. Geheimdienste schreddern Aktenberge, um ihre Verwicklungen mit dem Anrüchigen nicht zu verraten. Immer mehr Vorgänge sind so exquisit, dass ordinäre Demokraten sie nie verstehen werden. Je transparenter und überwachter der Untertan, umso geheimnisvoller und undurchdringlicher die Bürokratie.

Gipfel des Heiligen sind Gespräche der Mächtigen über das Schicksal der Nation, die durch Kumpanei der Presse den Anstrich des Transparenten erhalten. Man glaubt, unmittelbar dabei zu sein, wenn die Journalisten vor den Toren der Mächtigen stehen und aus Andeutungen ihre kreml-astrologischen Vermutungen ziehen. Oft mit überaus verständnisvollen Schlagzeilen wie: Auf Merkel kommen schwierige Zeiten zu. Merkel bleibt gelassen, nüchtern, rational, berechenbar, zuverlässig.

Dem Volk wird signalisiert: alles okay auf dem Olymp, ihr müsst nicht alles verstehen. Das Wehen des Weltgeistes ist esoterisch und nur Wenigen zugänglich. Ihr gehört nicht zu ihnen.

Lieblingsbeschäftigung der Medien ist das Spekulieren über arkanische Vorgänge, aus Andeutungen und Mienenspiel erraten, was im Innersten des Tempels geschehen sein muss.

Ein wahrheitsbegieriger Jüngling will nicht akzeptieren, dass ihm von Priestern etwas vorenthalten wird, was er unbedingt wissen will. Er tut, was verboten ist und hebt den Schleier – mit welchem Erfolg? Dass er für den Rest seines Lebens schrecklich bestraft war:

„Auf ewig war seines Lebens Heiterkeit dahin,
Ihn riß ein tiefer Gram zum frühen Grabe.
„Weh dem, dieß war sein warnungsvolles Wort,
Wenn ungestüme Fragen in ihn drangen,

Weh dem, der zu der Wahrheit geht durch Schuld,

Sie wird ihm nimmermehr erfreulich seyn.“ (Schiller, Das verschleierte Bild zu Sais)

Auch heute gibt es Politiker, die den priesterhaften Dünkel entwickelt haben, zu entscheiden, was der Masse zusteht und was sie partout nicht verkraften kann. Ist es doch nur Fürsorge, die Kinderlein vor Dingen zu bewahren, die ihren Horizont übersteigen.

Wir leben wieder in einer esoterisch-exoterischen Gesellschaft. Wie die Kluft zwischen Reichen und Armen, so die zwischen Wissenden und Unwissenden. Wobei das Wissen der Eliten darin besteht, andern eben dieses vorzuenthalten. Sie selbst sind überfordert und haben keine Ahnung, wo die Menschheit steht – und wohin sie gehen sollte. Solange die Massen aber im Dunkeln stehen, gibt es niemanden, der die Ignoranz der Führungsklassen entlarven könnte.

Die Eliten wissen nicht, was sie tun. Um sich dennoch den Schein des Wissens zu verschaffen, reden sie den Massen ein, gar nichts zu wissen. Dann gäbe es niemanden, der ihre Hochstapelei aufdecken könnte. In bester paradoxer Gehirnvernebelung wird den Massen Bildung und lebenslanges Lernen versprochen. Doch all dies soll nur dazu dienen, die Massen zu Knechten zukünftiger Intelligenzmaschinen zu drillen. Bildung ist keineswegs dazu da, die condition humaine zu verstehen und die schamlose Verdummung der Oberen aufzudecken.

Ohnehin beschäftigen sich die Medien fast nicht mit der Vergangenheit. Und wenn doch, dann in bildungs-eitlen Spezialartikeln, die mit der Gegenwart nichts zu tun haben. Sie folgen der Historismus-Devise akademischer Lehrer, die davon überzeugt sind, dass all ihre Erkenntnisse kein Licht auf die Gegenwart werfen.

Wissen wofür? Für die Katz – und den Dünkel der Bildungsklassen. Wäre Vergangenheit ein Reservoir von Erkenntnissen, die die Gegenwart in den Schatten stellen und die Mächtigen als Kaiser ohne Kleider entlarven könnten – ja, was dann? Eine derartige Bildung müsste als gefährliche Konterbande verboten werden. Was modern sein will, hat alles Antike überwunden und steht an der Spitze der Evolution. Dabei bleibt‘s.

Ein Bubenstück liefert der WELT-Artikel von Frederic Schwilden, der fast alles auf den Kopf stellt, was man auf den Kopf stellen kann: „Man sollte nicht auf Moral setzen. Sondern auf Argumente“.

Wohlgemerkt, es geht nicht um verschiedene Meinungen, über die gestritten werden kann. Es geht um historische Fake News der besonders dreisten Art.

Schon die Charakterisierung der Aufklärung ist bodenlos: „Wir waren schon mal weiter: Wir hatten die Aufklärung. Aber jetzt regiert wieder die Moral. Und die wird zu häufig genutzt um politisch unliebsame Gegner einfach mundtot zu machen. Für sowas nutzt man besser Argumente.“

Als ob Aufklärung nicht eine der moralischsten Epochen der europäischen Geschichte gewesen wäre, die mit Furor gegen alle Glaubensverfolgungen, Hexenprozesse, heiligen Kriege, Intoleranz und absolutistische Regimes ankämpfte. Ihre politischen Gegner machte sie eben nicht mundtot, sondern stritt für das freie Wort, auch wenn es noch so unbequem sein konnte. War Kants kategorischer Imperativ keine Moral?

Hier dreht sich alles. Moralische Sätze sind auch keine esoterischen Erleuchtungen, sondern Argumente. Qualitative Argumente sind rechnerisch nicht beweisbar, aber für jeden, der die Folgen moralischer Entscheidungen überblickt, nachvollziehbar. Die Entgegensetzung von despotischer Moral und reflexiver Ethik ist Nonsens.

„Moralvorstellungen sind religiöse, gesellschaftliche Gesetze, die für die Menschen, die an sie glauben, nicht verhandelbar sind. Mit der Aufklärung veränderte sich das. In Europa löste die Ethik die Moral als gesetzgebende Kraft ab. Ethik ist Moral mit Frage und offener Antwort. Ethik ist das humanistische (das heißt an Erkenntnis orientierte) Update von Moral als Handlungsanweisung.“

Autonome Moral ist das Gegenteil von Religion, an die man glauben muss. Offenbar hat der Schreiber die philosophischen Kämpfe der Griechen um Moral nie zur Kenntnis genommen. Sonst könnte er das glatte Gegenteil der Wahrheit nicht behaupten. Religiöse Zwangsmoral ist undurchdacht und soll auch nicht kritisch bedacht werden. Die Moral mündiger Menschen hat nichts mit ihr zu tun. Ethik ist nur ein anderer Name für reflektierte Moral.

Jetzt wird’s absurd:

„Moralisches Handeln sagt: Der Zweck heiligt die Mittel. Der Moralist wird zum narzisstischen Diktator. Seine Weltsicht sagt: Ich und nur ich habe recht. Im Gegensatz zum aufgeklärten Ethiker, der zwar auch glaubt, recht zu haben, sich aber immer wieder aufs Neue beweisen muss (durch das Infragestellen der eigenen Position), kennt der Moralist diesen Selbstzweifel nicht. Der Moralist glaubt, eine quasi göttliche Berechtigung zum Eingreifen zu haben, da nur er als Erlöser fähig ist, die Welt zu retten.“

Der Zweck heiligt die Mittel, das stammt von Ignatius von Loyola, einem der fanatischsten katholischen Eiferer der Kirchengeschichte. Sokrates, einer der vorbildlichten Moralisten aller Zeiten, war weder narzisstisch, noch ein Diktator. Oh ja, er glaubte, recht zu haben. Aber nicht im Sinne einer militanten Weltmission. Er war eben kein Anhänger einer faschistischen Zwangsbeglückung wie sein Schüler Platon, der andere mit Gewalt zu seiner Wahrheit zwingen wollte. Sokrates Motto lautete: besser Unrecht erleiden als Unrecht tun. Dafür ging er freiwillig in den Tod. Er hätte auch zu Kreuze kriechen oder fliehen können.

Dem Autor ist nicht einmal der Gegensatz von selbstbestimmter und religiös auferlegter Moral geläufig. Kein Mensch mit Verstand ist der vermessenen Überheblichkeit, die Welt pro nobis erlösen zu können. Jeder Mensch muss seine eigene moralische Kraft und Nachdenklichkeit einsetzen. Nur die Gemeinschaft aller autonomen Wesen könnte die gefährdete Welt retten. Moral im Namen des Menschen war die Kampfansage gegen alle Erlöser und Heilande, die von der Verderbtheit der Menschen leben.

Schwilden lässt keine Bodenlosigkeit aus:

„Das moralische Gesetz steht im krassen Gegensatz zu einem staatlichen Gesetz. Moral kennt keine Rechtsstaatlichkeit. Moral steinigt Ehebrecher. Moral stürzt Schwule von Hochhäusern. Eine Gesellschaft, die vor allen Dingen Verstöße gegen Moral und nicht gegen Gesetze ahnden möchte, entfernt sich vom Rechtsstaat.“

Man traut seinen eigenen Augen nicht. Moral ist die Grundlage aller demokratischen Gesetze und bestimmt nicht deren Gegensatz. Das Rechtssystem – wie die ganze Demokratie – ist die Frucht vieler moralischer Konsensbildungen. Schwilden meint wohl die Scharia-Terroristen der Erlöserreligionen, die ihre göttlichen Gesetze für wichtiger halten als alle heidnischen Staatsgesetze.

Man kann sehr wohl überzeugt sein, Demokratie und Menschenrechte seien die besten Lebensentwürfe, die je erdacht wurden – und dennoch, nein, deshalb seine Lebensweise selbstkritisch überprüfen. Wenn Schwilden nicht glauben würde, Recht zu haben: wie hätte er diesen Amok-Artikel schreiben können?

Als ob Moral in deutschen Landen ein anerkanntes Leben führen dürfte. Als ob Gutmenschen nicht täglich von ihren Gegnern, den ach so übermoralischen Schlechtmenschen, an den Pranger gestellt würden. Schwildens Artikel ist von keiner Kenntnis der Vergangenheit und der jederzeit nachprüfbaren Sachlage getrübt.

Wie ein demokratisches Blatt eine solche Demontage allen Wissens veröffentlichen kann, ohne dass es einen Aufschrei in allen Medien gibt – ist ein nationales Armutszeugnis.

Das Heilige ist das Regiment des Unaussprechlichen, das sich aller Kontrolle entzieht. Dazu gehören alle mutwilligen Verdrehungen der Wahrheit, erleuchteten Glaubenssätze und rotzfrechen Blasiertheiten. Eine wilde Attacke gegen angebliche Rechthaberei anderer zu reiten, ohne im Geringsten die eigene wahrzunehmen, das erfordert – messianische Arroganz bester deutscher Tradition.  

 

Fortsetzung folgt.