Neubeginn LXXXIX

Tagesmail - Montag, den 27. November 2017

Hello, Freunde des Neubeginns LXXXIX,

der letzte Akt. Im selben Jahr, als die Franzosen die Tugenden einer aufgeklärten Republik wiederentdecken, schicken sich ihre deutschen Nachbarn an, die letzten Reste ihrer Aufrichtigkeit zu beerdigen.

Die Verlässlichkeit des Wortes, schon lange dem Spott preisgegeben, wird öffentlich begraben. Die doppelte Rede, die Unaufrichtigkeit, das gebrochene Wort, wird zur Staatsraison. Reden, versprechen, beteuern, kategorisch versichern: was interessiert sie ihre Phrasen von gestern? Ein neuer Tag, eine neue Wahrheit, die Umstände haben sich verändert, das Vaterland ruft und fordert das sacrificium intellectus.

Sacrificium intellectus bedeutet Opfer des Verstandes. Allgemein versteht man darunter, dass man sein eigenes Denken unter einem Machtanspruch zurückstellt.“

"Ich strebe keine Große Koalition an, ich strebe auch keine Minderheitsregierung an. Ich strebe auch keine Neuwahlen an. Ich streb gar nix an. Was ich anstrebe: dass wir die Wege diskutieren, die die besten sind, um das Leben der Menschen jeden Tag ein Stück besser zu machen." (SPIEGEL.de)

Das ist die Guillotinierung des Denkens, die Verstümmelung der Logik, der Verrat an demokratischen Urtugenden, auf offener Szenerie, gefordert und beklatscht von allen Führungsklassen. Angeführt vom edlen Bundespräsidenten, der erwachsene Politiker wie dumme Jungen zu sich lädt und sie ultimativ zum Wortbruch auffordert. Zum Wortbruch als Rettungsakt der Nation.

Dies alles hinter verschlossenen Türen. Das überfahrene, betrogene Publikum darf raten, was im Allerheiligsten geschieht. Ausgerechnet der oberste Genosse, der sein Parteibuch zusammen mit seinem Verstand stillgelegt hat, fordert von seiner Partei den Gang nach Canossa. Eben dieser oberste Repräsentant des Landes wird von ...

... fast allen Medien als Hindenburg der Nation gefeiert.

Nur Dirk Kurbjuweit hat den Rücktritt des wortbrüchigen Kandidaten gefordert. Er hätte zugleich den Rücktritt des ehrenwerten Herrn Steinmeier fordern müssen.

Die Repräsentanten des Landes, die sich eines privilegierten Gewissens rühmen, halten es nicht für ehrenrührig, das Vertrauen in gewählte Politiker durch Verhöhnung aller Zusagen zu ruinieren. Sie fordern ihre Wähler auf, den Mächtigen nicht permanent zu misstrauen – und ruinieren die letzten Reste dieses Vertrauens, um ihre Machtspielchen über die Bühne zu bringen. Sie erklären, das Land bräuchte eine starke SPD – und treiben die trostlose Partei in den endgültigen Ruin.

Der gescheiterte Kandidat erklärt, keine der vom Grundgesetz vorgeschriebenen Alternativen anstreben zu wollen. Außerhalb aller Verfassungsnormen könne er der Bevölkerung am meisten nützen. Das ist verbaler Verfassungsbruch, die theoretische Vorbereitung einer faschistischen Zwangsbeglückung. Alles, was nicht dem Grundgesetz entspricht, ist totalitäre Ideen-Vagabundage.

Was geschieht?  

Geschichte wiederholt sich. Störrisch und hinterhältig, wie sie ist, hält sie sich nicht an das Gebot neudeutscher Vergangenheits-Verdränger, sie dürfe sich nicht mehr blicken lassen. Nein, sie wiederholt keine statistischen Petitessen, keine belanglosen Zeitgeist-Ornamente. Sie erbricht nur das Wesentliche.

Was ist das Wesentliche des gegenwärtigen Wiederholungszwangs? Wie die Deutschen ihre „idealistische“ Tradition verrieten, als sie ihren Bismarck-Staat durch machiavellistische Machenschaften erhielten, so legen sie heute den „Idealismus“ ihres Neubeginns der Nachkriegszeit ab, gehen über zur Beliebigkeit ihrer Rede, zur Verwahrlosung demokratischer Spielregeln, zur Wiederholung der Bismarck‘schen Realpolitik.

Mit welcher Begründung? Zeiten haben sich verändert. Neue Umstände erfordern ein „neues Denken“. Zuverlässige Politik sei allzu berechenbar, Berechenbarkeit eine Überraschungsbremse. Sie wollen nicht berechenbar sein. Sie wollen sich mit ständig wechselnden Maskeraden interessant machen. Oh doch, sie haben Recht: kein Mensch ist berechenbar. Denn er ist keine Maschine.

Berechnen kann man nur quantitative Gesetze. Psychische „Berechenbarkeit“ hingegen ist Verlässlichkeit, die Grundlage allen Vertrauens. Verlässlichkeit ist eine selbst gewählte Tugend, Berechenbarkeit eine auferlegte Notwendigkeit.

Solange die Deutschen keinen nationalen Staat hatten, schwelgten sie in idealistischen Wolkentugenden, die sie für moralisch hielten. Sie lebten in geistigen Ideen, die weit über dem ordinären Glücksstreben der Engländer, weit über der Herrschaft des revolutionären Pöbels in Frankreich schwebten. Sie sahen metaphysische Elemente in den Geschicken der Menschheit. Gott selbst, das oberste Weltprinzip, würde durch alle Kalamitäten hindurch sein finales Reich errichten. Sie, die Deutschen, seien das Volk, das ausersehen war, das Endreich in Berlin einzurichten.

Im deutschen Idealismus war der Staat der letzte Zweck, das höchste Gut auf Erden, Abglanz des Reiches Gottes. Wenn man will, die Luftausgabe des neuen Kanaan im weit entfernten Amerika.

Die religiöse Verehrung des Staates war zur Basis der nationalen Religion geworden. Nach Hegel konnte diesen weltgeschichtlichen Rang nur ein Staat innehaben, neben dem alle anderen nur ein relatives Recht genießen. Und dieser Staat war Preußen. Wie der Staat bei Hegel die Offenbarung Gottes in der Geschichte ist, so ist Preußen die vollendete Offenbarung der göttlichen Staatsidee.

Was war der Unterschied zwischen den weltlich-himmlischen Paradies-Phantasien der Hegel & Co-Idealisten und dem realen Reich Bismarcks? Nicht das Ziel der Geschichte, sondern die verwendeten Mittel. Kritiker Bismarcks sahen in seiner Politik den bedenklichen Versuch, „die großen nationalen Gedanken mit bloßer Energie, mit Frivolität und Brutalität durchzuführen.“ (Alle Zitate nach Lütgert, Das Ende des Idealismus im Zeitalter Bismarcks)

Hier geschieht eine Merkwürdigkeit. Bismarcks Kritiker machten dem Blut & Eisen-Propagandisten den Vorwurf, seine Politik sei nicht moralisch – und ergo ein Verrat an den Idealen der Philosophen. Wussten sie nicht, dass auch Hegels Philosophie die Kammerdienermoral der privaten Menschen verachtete, dass dem Weltgeist alle Mittel, auch die brutalsten, zur Verfügung standen, um seine Endzwecke zu erreichen?

Natürlich wussten sie es. Dennoch gab es für sie einen gewaltigen Unterschied zwischen dem Handeln Gottes und dem Handeln seines Knechtes Bismarck. Gott war alles erlaubt, dem Menschen nicht. Gott war legitimes Subjekt der Geschichte, unumschränkter Herr allen irdischen Geschehens. Bismarck aber erkühnte sich, seine Machtpolitik in eigenem Namen durchzuführen. Das war Blasphemie, die durch die persönliche Frömmigkeit des eisernen Kanzlers nicht überdeckt werden konnte.

Während die traditionellen Idealisten ihrem Gott keine moralischen Vorhaltungen machen konnten, beurteilten sie die Taten des neuen Machtmenschen Bismarck aus der Perspektive der „Kammerdienermoral“. Unter der Perspektive der damaligen „Gutmenschen“ erschien der Kanzler als gottloser Amoralist.

Bismarcks Kritiker bewerteten Gott nach anderen Maßstäben als dessen irdischen Knecht – obgleich beide sich weder an die Zehn Gebote noch an die Bergpredigt hielten. Was Gott erlaubt war, war dem Menschen noch lange nicht erlaubt. Gott und Bismarck waren beide Antinomiker. Antinomie aber war Privileg eines Gottes, einem irdischen Sünder nicht erlaubt.

Wären die Anhänger des Idealismus strenge Lutheraner gewesen, hätten sie Bismarck nie angegriffen. Auch er hätte das Vorrecht gehabt, zu sündigen, wenn er nur an die Gnade des Erlösers glaubte. Hier sieht man Nachwirkungen der Aufklärung, die auch bei romantischen Gegnern nicht völlig verschwunden waren. Gott konnte jenseits von Gut und Böse schalten und walten, der Mensch aber hatte sich an eindeutige Moralregeln zu halten.

Wer sich Bismarcks politische Prinzipien näher betrachtet, stellt erstaunt fest, dass sie denen Merkels zum Verwechseln ähnlich sind. Der eiserne Kanzler und die eisern-demütige Kanzlerin scheinen aus demselben Holz geschnitzt.

„Die politische Tat folgt nicht aus allgemeinen Prinzipien, sondern aus der geschichtlichen Lage. Sie ist deshalb keine logisch oder exakte Wissenschaft, sondern die Fähigkeit, in jedem wechselnden Moment das am wenigsten Schädliche oder das Zweckgemäße zu wählen. Dieser Realismus in seinem Gegensatz zum theoretischen Doktrinarismus stand mit seinem Gottesglauben in festem Zusammenhang.“

Was hier in hochgestochener Diktion formuliert wird, ist eben dies, was man heute als Merkels Durchwurschteln, Durchlavieren bezeichnet. Eine allgemein-verbindliche Moral gibt es nicht. Frommes Handeln ist spontanes Reagieren auf wechselnde Impulse Gottes. Nicht nach generellen Prinzipien, sondern nach persönlicher Eingebung.

Hier war der große Unterschied zum Verhalten der Engländer, die sich als Calvinisten derart identisch mit Gott fühlten, dass sie ihre weltliche Politik als Inkarnation des göttlichen Willens ausgaben. Besonders seit Cromwell war es auf der Insel üblich geworden, politische Maßnahmen mit göttlichen Taten in eins zu setzen.

Die Identifizierung menschlicher und göttlicher Politik war für die Deutschen verabscheuenswerter cant (Heuchelei). Das gilt noch heute bei der deutschen Bewertung der amerikanischen Politik. Wenn Dabbelju Bush einen Krieg beginnt, um bösen Staaten die Demokratie zu bringen, wird er hierzulande als Heuchler gescholten, der Christus oder Demokratie sagt, aber Erdöl und strategische Weltmacht meint.

Auch Bismarck war ein frommer Mensch, doch zwischen seinem und Gottes Tun sah er alles andere als eine Identität. Er verschmähte es, „Staatsnotwendigkeiten dadurch zu begründen, dass er sie als Gottes Gebot proklamierte, wie das Cromwell oder Milton taten, die das englische Volk zum erwählten Volk stempelten. Dem irdischen Staatsmann war es nicht gegeben, Weltgericht zu üben. „Wir haben nicht eines Richteramts zu walten, sondern deutsche Politik zu treiben.“ Bismarck verschmähte deswegen die moralische Überhöhung seiner außenpolitischen Aktionen.“ Seinen Kritikern erschien seine Politik „grundsatzlos, frivol, machiavellistisch und unchristlich.“

Während die heutigen C-Parteien Merkels Kippbewegungen von samaritanischen Taten zu brutalen Flüchtlingsabweisungen als legitime Interessenpolitik ausgeben, sind es vor allem ihre (nicht selten gottlosen) Gegner, die ihr Verstoß gegen christliche Moral vorwerfen. Die Gegner wissen nicht, dass Christen alles erlaubt ist, wenn es im Glauben geschieht. Die C-Parteien wissen es auch nicht, doch atmosphärisch haben sie die Generallizenz zum allem guten und bösen Tun im Blut. Wenn sie gute Werke vollbringen, ist es ein Beweis für die überlegene Christenmoral, wenn sie böse Werke tun, handeln sie nach legitimen Interessen, die Gott durchaus nicht verboten hat.

Leopold von Gerlach, einer der heftigsten Gegner Bismarcks, warf ihm „Auflehnung gegen das göttliche Gesetz vor. Die zehn Gebote, die sind ihm unerträglich.“ Die Unterscheidung von „Privatmoral und öffentlichem Leben“ ließ er nicht gelten.

Heute ist diese Unterscheidung zum Grundprinzip einer christlich sein wollenden Gesellschaft geworden. In der Familie haben die Privatiers anständig und moralisch zu sein, in Wirtschaft und Politik hingegen ist alles erlaubt, was dem „Egoismus“ der Menschen entspricht.

Ein Kritiker Bismarcks: „Es ist nicht wahr, das es ein doppeltes Sittengesetz gibt eins für das öffentliche, eins für das häusliche Leben.“

Das war die Kampfansage traditioneller Idealisten (mit diversen Aufklärungselementen) an den massigen Begründer des deutschen Machtstaates. Vergleichbar mit der heutigen Kritik an Merkels „unchristlicher“ Interessenpolitik, die oft genug keine Rücksichten auf moralischen Purismus nimmt. Doch bei dieser Konstellation blieb es nicht. Allmählich ließ die fundamentale Kritik an Bismarcks Politik nach und verwandelte sich mehr und mehr in jene nationale Bewunderung, die ganz Deutschland die martialischen Bismarck-Denkmale bescherte. Was war geschehen?

Es war der pure Erfolg Bismarcks, der seine Kritiker mehr und mehr mundtot machte. Das calvinistische Prinzip: wirtschaftlicher und politischer Erfolg sind eindeutige Zeichen Gottes, setzte sich auch in Deutschland durch. Lebte Bismarck bislang à la Luther in zwei Staaten: dem weltlichen und dem geistlichen, verwuchsen die beiden allmählich zur Einheit.

Geburtshelfer dieser ecclesia militans war nichts als der pure Erfolg. Wen Gott liebt, den belohnt er bereits auf Erden mit Macht und Reichtum. Luthers Kirche hätte diesen Grundsatz nie unterschrieben. Doch in der Konkurrenz der auserwählten europäischen Nationen um Weltgeltung wollten die Deutschen durch falsche Theorienbildung nicht länger gehandicapt werden. Also verschmähten sie die augustinische Zweireichelehre, eliminierten die ecclesia patiens und fühlten sich immer mehr als einheitliche Nation Gottes.

Die bisherigen Gegner Bismarcks „waren durch den Erfolg überwältigt, aber innerlich noch nicht ganz überzeugt“. Immer mehr akzeptierten sie die Notwendigkeit der Bismarck‘schen Politik, obgleich sie nicht in der Lage waren, diese Legitimation christlich zu begründen.

Dieses Urteil entspricht heute den dumpfen Gefühlen vieler schlichter Christen, die zwar die C-Parteien wählen, aber tief im Innern alles andere als überzeugt sind. Was früher Erfolg der Bismarck‘schen Kriege war, ist heute der Erfolg der Merkel‘schen Wirtschaft. Solange die Wirtschaft brummt, ist alles paletti. Krise? Niemals – solange die Wirtschaft läuft.

So einfach sind politische Analysen in Deutschland. Man schaut auf die Exportzahlen und wiegt sich in Sicherheit. Nach diesem Grundrezept müsste auch China eine exzellente Demokratie sein. Wenn Amerikas ökonomische Daten stimmen, wird Trump mit Sicherheit wiedergewählt.

Erfolg ist im christlichen Westen zum Gottesbeweis geworden. Seit Bismarck haben die Deutschen ihre Minderwertigkeitskomplexe überwunden. Das Dritte Reich war der perverse Höhepunkt des neuen Erfolgstriumphalismus.

Merkel wiederholte den Gang von lutherischer Demut zum Triumph der Erwählten innerhalb von wenigen Jahren. Ihre Demut wurde immer mehr zur Dekoration einer erfolgreichen Kanzlerin, die zur mächtigsten Frau der Welt aufstieg und keinen Zweifel an ihrer Politik duldet: Ich weiß, ich habe recht.

Doch die heidnische Moira will es, dass Merkels Erfolgspolitik durch eine internationale Krise erschüttert wird. Die Krise ist das Produkt zweier Faktoren: dem Niedergang der amerikanischen Weltgeltung und der überhand nehmenden Ängste vor ökologischen Gefahren. Selbst das saturierte Deutschland blieb von diesen Weltereignissen nicht unberührt und bescherte den deutschen Parteien eine schmerzliche Demütigung. Merkel bleibt zwar noch an der Spitze, doch ihre Tage sind gezählt.

Die Deutschen, in den ersten Nachkriegsdezennien stramme Moralisten und Musterdemokraten, haben den Paradigmenwechsel zum neoliberalen Amoralismus noch nicht verarbeitet. Sie schwanken in der Bewertung der Merkel‘schen Politik zwischen unguten Abwehrgefühlen und dem wohligen Gefühl, bei Muttern in rechten Händen zu sein. Mangels ernsthafter Alternative ist sie vorläufig unschlagbar. Was nicht bedeutet, dass die unterschwelligen Antigefühle nicht immer mehr anstiegen.

Wie verträgt sich die Moral der sozialen Marktwirtschaft mit neoliberalem Amoralismus? Als gewiefte Dialektiker glaubten die Deutschen, eine Synthese gefunden zu haben. Doch der jetzige Gemütszustand zeigt, dass die Synthese aus Moral und Amoral – zur Krise der Demokratie geworden ist. Die Krise der Demokratie beginnt mit dem Verfall der Sprache, mit wirrem Denken. Das desolate Bewusstsein bestimmt das zerrüttete Sein.

„Wenn die Begriffe nicht richtig sind, so stimmen die Worte nicht; stimmen die Worte nicht, so kommen die Werke nicht zustande; kommen die Werke nicht zustande, so gedeiht Moral und Kunst nicht; gedeiht Moral und Kunst nicht, so treffen die Strafen nicht; treffen die Strafen nicht, so weiß das Volk nicht, wohin Hand und Fuß setzen. Darum sorge der Edle, daß er seine Begriffe unter allen Umständen zu Worte bringen kann und seine Worte unter allen Umständen zu Taten machen kann. Der Edle duldet nicht, daß in seinen Worten irgend etwas in Unordnung ist. Das ist es, worauf alles ankommt.“ (Kungfutse)

Bestes Beispiel für Begriffsverluderung ist nicht nur Schulzens zitierter Nonsenssatz, sondern sein opportunistischer Wortbruch. Zuerst kategorisch die Groko verneinen – dann der unfassliche Umschlag ins Gegenteil. Diese denkerische und moralische Verwahrlosung wird, wenn sie nicht gestoppt wird, die Fundamente der Demokratie einreißen.

Denn Demokratie ist die politische Frucht einer eindeutigen Moral. Demokratie lebt vom Grundvertrauen der Menschen. Vertrauen bildet sich nur auf der Basis „schlichter Rechtschaffenheit“, der Übereinstimmung von Denken und Handeln. Dies im Vertrauen auf die Vernunft, dem Geschenk der Natur an alle Menschen. Rechtschaffenheit, Verlässlichkeit der Rede und des Handelns, verbinden die Menschen zu einer Gemeinschaft, die ihre Konflikte mit argumentierenden Streitgesprächen lösen kann.

Die Crux der deutschen Demokratie ist die neue Religion der endlosen Kompromisse. Vor lauter Kompromissen wissen die Kontrahenten nicht mehr, was sie eigentlich denken.

Was unterscheidet faule von vertretbaren Kompromissen? Bei den ersteren werden alle ursprünglichen Positionen dem Vergessen überantwortet. Heute kann kein Politiker seinen Standpunkt stringent formulieren. Immer geht es sofort an Einzelheiten. Was Gerechtigkeit ist, wie Kapitalismus funktioniert, wie Marxismus – noch immer der Mutterboden vieler Linker – den Menschen entmündigt: davon keine Spur eines Wissens. Vertretbare Kompromisse hingegen vergessen nicht, was sie dachten und weiterhin denken, solange es keine Argumente gibt, die ihre Grundthesen zum Einsturz bringen.

Wenn Schulz vor der Wahl kategorisch die GroKo verneinte, kann er sie nach der Wahl nicht wieder glaubwürdig vertreten. Selbst Prantl befürwortet einen haltlosen Opportunismus des Denkens und Redens:

„Schulz hat unmittelbar nach der katastrophalen Wahlniederlage der SPD das Tor zu einer erneuten großen Koalition unter dem Jubel und Beifall der Genossen zugeschlagen und zugesperrt. Das war damals richtig. Schulz hat es aber dabei nicht belassen. Er hat die versperrte Tür dann mit vielen Interviews auch noch zugenagelt. Das war unnötig, also falsch.“ (Sueddeutsche.de)

Was soll sich grundlegend geändert haben? Wenn die Verneinung der GroKo den Zweck hatte, die SPD in der Opposition rundzuerneuern, kann die Einsicht wenige Tage später unmöglich falsch sein. Prantl:

„Gewiss: Der probate Ort, an dem eine ermattete und geschlagene Partei wieder zu Kräften kommen kann, ist die Opposition – durch Auseinandersetzung mit der Regierung. Die ursprüngliche Ankündigung der SPD, in die Opposition zu gehen, war daher richtig. Die Rekreation dort setzt aber voraus, dass es eine Regierung gibt, mit der man sich duellieren kann. Seitdem die Sondierungsverhandlungen für eine Jamaika-Koalition gescheitert sind, haben sich die politischen Grundkonstellationen geändert. Es gibt keine Regierung, gegen welche die SPD Opposition machen könnte – und es wird keine solche Regierung geben“.

Wenn die SPD sich erneuern will, muss sie ihre Vergangenheit aufarbeiten, ihre desaströse philosophische Basis. Ihr Duell mit anderen Parteien kann erst stattfinden, wenn sie weiß, wo sie steht, wenn sie die Brüche ihrer kollektiven Biografie verstanden und ihre Grundlagen trittfest gemacht hat. Dazu muss sie in keiner GroKo sein. Eine Distanz zur Macht wäre eher förderlich.

Nichts Wesentliches hat sich zwischen den Tagen vor und nach der Wahl getan. Zudem gibt es Aussagen, die durch keine Änderung äußerer Umstände falsch werden können. Was würde Prantl zu Mitläufern des Dritten Reiches sagen, die anfänglich Bedenken gegen den neuen Kurs hatten, aber nach 1933 glaubten, nun sei eine grundsätzlich neue Situation eingetreten und nun könne man bedenkenlos mit den fanatisierten Massen mitlaufen? Wären alle Deutsche dieser Logik des schwankenden Augenblicks, des schieren Erfolgs, gefolgt, hätte es keine Weiße Rose gegeben.

Und heute: wie kann die Gesellschaft dem Nein der Parteien gegen die AfD vertrauen, wenn es morgen „veränderte Umstände“ geben kann?

Eine Demokratie lebt von wehrhaften, aufrechten Politikern, die tun, was sie sagen und sagen, was sie tun. Hätte Schulz seinen Satz an bestimmte Voraussetzungen geknüpft, dann hätte er einen Wenn-dann-Satz formulieren müssen, keinen kategorischen, der immer gilt. Wenn der Kandidat unfähig ist, einen kategorischen von einem Wenn-dann-Satz zu unterscheiden, ist er für kein politisches Amt tauglich. Wenn er sich geirrt haben sollte, müsste er konsequenterweise zurücktreten. Das gilt im Übrigen für seine ganze Partei, die nicht mehr weiß, was sie tut.

Zuerst aber müsste Steinmeier, der sich mit grotesken Sätzen vernehmen lässt, zurücktreten:

„Man ist nicht für die Menschen da, die einen gewählt haben, sondern für das Gemeinwohl“.

Die partikulare Wahl einer Partei wird als egoistisches Tun diffamiert, welches das allgemeine Wohl beeinträchtige. Dass man eine gewisse Partei wählt, um der ganzen Gesellschaft zu dienen, scheint bei dem neoliberal infizierten Staatsoberhaupt nicht angekommen. Dass ein eklatanter Wortbruch die Vertrauensbasis einer Gemeinschaft erschüttert und die Demokratie lähmt, scheint den Horizont des Bundespräsidenten zu übersteigen.

Alles dreht sich ums Regieren, als ob gedankliche Auseinandersetzungen nicht ebenso wichtig, ja weitaus wichtiger wären. Gewählte Abgeordnete, die ihre Glaubwürdigkeit verloren haben, können weder glaubhaft regieren noch opponieren. Ein zwanghafter Konsens kann mehr Schaden anrichten als eine ehrliche Differenz. Der dominante Kompromisswahn verjagt alles freimütige Denken und Debattieren. Mit Biegen und Brechen soll sich die Nation um die Herrschenden scharen und ihnen blindes Geleit geben.

Demokratien beruhen auf der autonomen Ethik ihrer Freien und Gleichen. Eine autonome Ethik ist in Grundprinzipien kategorisch. Wenn-dann-Sätze gelten nur für untergeordnete Belange.

Kategorisch bedeutet: man hält an seiner Moral unter allen Umständen fest, weil man sie im Streit mit konträren Meinungen überprüft und erarbeitet hat. Nicht nur, wenn die Folgen ihrer Entscheidungen für alle Beteiligten günstig sind. Sondern auch, wenn sie auf Widerstand stoßen, die für die Entscheidenden gefährlich werden könnten.

Wie viele Menschen in aller Welt opfern Leib und Leben im Kampf um menschenwürdige Zustände – und wir ducken uns, um ihren bewundernswerten Einsatz für Humanität nicht zu sehen. Sind wir doch überzeugt: Freiheit und Gerechtigkeit müssen uns kampflos auf dem Silbertablett serviert werden.    

 

Fortsetzung folgt.