Neubeginn LXXXI

Tagesmail - Mittwoch, den 08. November 2017

Hello, Freunde des Neubeginns LXXXI,

ein Neubeginn wäre eine neue Achsenzeit. In den Epochen rund um 600 vdZ, von Jaspers Achsenzeit genannt, ging eine gewaltige Bewegung durch die Völker. Von China über Indien, Vorderasien bis nach Griechenland meldeten sich Philosophen und Propheten zu Wort, die ihre Zeitgenossen zu Umkehr und Neuanfang beschworen. Was war geschehen?

Ihre Probleme waren den Menschen über den Kopf gewachsen. Auf gewohnten Pfaden weiterzumachen, schien ihnen unmöglich. Das Traditionelle und Gewohnte kam in Verruf. Das Neue wurde zum Gegenteil des Alten. Zeitlose Zeit wurde zur Geschichte, die eine Zukunft oder ein Ende hatte. Wer war schuld, von wem war Hilfe zu erwarten? Vom Menschen, der sich seiner Kräfte besann – oder von übermächtigen Göttern, denen der Mensch sich zu unterwerfen hatte?

Die Antworten, die sich damals durchsetzen konnten, wurden zu Grundlagen der heutigen Welt. Wenn die moderne Welt sich konfrontiert fühlt mit unlösbar scheinenden Problemen, erlebt sie aufs Neue die Schwierigkeiten der Achsenzeit. Sie muss eine zweite Achsenzeit ins Leben rufen, die die offenen und versteckten Konflikte der ersten aufspürt und auf neuer Basis zu lösen versucht.

Auf neuer Basis heißt nicht: in Erwartung eines übermenschlichen oder noch nie dagewesenen Neuen. Sondern eines Neuen, das wir mit vereinten Kräften zu erdenken, zu erinnern und zu erarbeiten haben.

Die Frage muss gestellt werden: hat die Menschheit die vielfältigen Schätze ihrer Weisheit zur Lösung ihrer Probleme bereits ausgeschöpft oder sie achtlos der Vergessenheit überlassen?

Antwort: letzteres. Um nach vorne zu kommen, müssen wir ...

... rückwärts schauen. Vorne ist Nichts – außer dem Alten, das der Mensch mitbringt und ständig neu dekoriert, um sich die Illusion eines noch nie Dagewesenen zu verschaffen. Die Schwierigkeiten der Moderne sind die mitgeschleppten, verdrängten und vernachlässigten Widersprüche ihrer verschiedenen Kulturen, die zur Achsenzeit konfliktreich zusammenflossen.

Was waren die Probleme der Achsenzeit? Die Stämme, Sippen und Völker hatten sich ausgedehnt, ihr Für-sich-sein verlassen und waren in Unkenntnis alles Fremden aufeinander gestoßen. Zumeist wurde das Fremde bedrohlich erlebt. Die auftretenden Spannungen führten zu Kriegen und Konkurrenzen des Lebensstils. Aber auch zur Neugier auf das Fremde und zur Frage einer möglichen Kooperation in guter Nachbarschaft.

Zuerst jedoch überwogen die Probleme. Das Fremde war angsterregend. Das Vorhandensein neuer Völker verursachte das Gefühl, die Welt sei zu klein geworden für die wachsende Zahl von Menschen, die Mutter Natur die Haare vom Kopf fressen. Zum ersten Mal in der Geschichte überfiel die Menschheit das Gefühl einer Überbevölkerung der Erde. Wenn Ressourcen des Lebens gleich bleiben, die Zahl jener aber, die auf sie angewiesen sind, immer weiter anwächst, erhebt sich die Frage: wer hat es verdient, zu überleben? Wer muss weichen? Wer muss untergehen?

Die nächstliegende Antwort lag in der Luft: die Stärksten haben das Recht zu leben, zu herrschen und sich auszudehnen, die Schwachen müssen sich fügen oder untergehen. Es schlug die Stunde der Männer.

Bislang waren Mütter die freiwillig anerkannten Autoritäten, die vom Sammeln der Früchte zum Bearbeiten des Ackers gefunden hatten, um unabhängig vom Überfluss der Natur ihre Sippen im zyklischen Turnus der Jahreszeiten zu ernähren. Die Frauen brauchten Intelligenz und Vertrautheit mit der Natur. Die Männer begnügten sich mit überlegenen Körperkräften, um das Primat der Mütter zu brechen und sich mit Gewalt an die Spitze der neuen Hochkulturen zu setzen.

Doch den Männern der Faust fehlte jene Autorität, die keiner Mutter fehlte: die Autorität des vitalen Geistes. Also ergänzten sie ihre überlegene Gewalt mit einem überlegenen Geist. Sie erfanden die Priester, die – in Verbindung mit einem Gott – den bedingungslosen Gehorsam ihrer Sippenmitglieder, die sie zu Untertanen degradierten, fordern durften.

Was Faust und Schwert nicht vermochten, vermochte der geheimnisvolle Spruch im Auftrag eines übermächtigen Gottes. Krieger und Priester installierten eine gesellschaftliche Hierarchie, deren Doppelspitze sie selbst einnahmen.

Führungskonflikte zwischen den beiden Herrschertypen blieben nicht aus. Gelegentlich gelang es den Priestern, weltliche und religiöse Macht zur theokratischen Einheit zu verbinden. Gelegentlich gelang es den Kriegern, sich mit priesterlicher Autorität zu Pharaonen und Zaren zu erheben und unfehlbar zu machen. Priester mussten sich zumeist mit der zweiten Rolle begnügen, die aus dem sakralen Raum die weltliche Macht abzusegnen hatte. Der mittelalterliche Kampf zwischen deutschem Kaiser und römischem Papst war nur eine verspätete Wiederholung uralter Rangstreitigkeiten aus den Anfängen männlicher Hochkulturen. In allen Dingen hinken die Germanen den Ereignissen hinterher.

Was moderne Gelehrte das Naturrecht der Starken zu bezeichnen pflegen, war die unbedingte Überlegenheit des Mannes über die Frau, des Herrschers über seine Untertanen. Als Variante dieses Naturrechts kann man das Auserwählungsprinzip der abrahamitischen Religion bezeichnen. Die Stärksten sind die Erwählten Gottes, die Schwachen sind die Verworfenen, die von Gottes Ratschluss aussortiert und vernichtet werden.

Selbst die ältesten und verlässlichsten Demokratien des Westens sind von diesen Machtstrukturen geprägt. Die Queen ist das Oberhaupt der anglikanischen Kirche. Der amerikanische Präsident ist offiziell zwar kein Bischof, atmosphärisch aber doch. Ein Präsident ohne christlichen Glauben ist in den USA undenkbar. Das trifft auch für Trump zu, dessen eiserne Garden aus Biblizisten des mittleren Westens bestehen, die vor allem den zunehmend gottlosen Einfluss der Völker fürchten und sich internationalen Beziehungen so weit wie möglich entziehen wollen – ohne ihre Weltmachtposition zu gefährden.

Die Deutschen wundern sich über die andauernde Unangefochtenheit eines faschistoiden amerikanischen Präsidenten. Ihre Verwunderung beruht auf Ignoranz, denn ihre Analysen negieren den religiösen Faktor. Sie rühren in Marginalien, in der Hauptsache verharren sie in trostloser Blindheit.

Religion ist für Deutsche etwas, was mit der Welt keine direkte Verbindung haben darf. Der weltliche und göttliche Staat sind vollständig voneinander geschieden. Zwar sollen die Gläubigen im Alltag fromme Werke tun. Was aber auf keinen Fall bedeutet, dass die teuflische Struktur der Welt au fond beeinflusst werden kann. Die Welt ist alles, was ein hoffnungsloser Fall ist, der nur irgendwie durch die Zeiten manövriert werden kann, um am Ende der Zeiten vernichtet zu werden.

Typisch das Wort „einmischen“ der Lutheraner. Sie leben unsichtbar im Reich der Kirche und müssen sich ausdrücklich ins Weltliche bewegen, um in satanischer Fremde durch gute Werke „Zeichen zu setzen“. Zeichen setzen, heißt große Absichtserklärungen predigen, die jedoch im Getümmel der Welt zuschanden werden müssen. Den Gläubigen nützen sie bei der persönlichen Gewinnung der Seligkeit, der verdorbenen Welt nützen sie nichts.

Anders als die Lutheraner, die den augustinischen Dualismus der beiden Reiche übernommen haben, ist der siegesgewisse Calvinismus, der im englischen und amerikanischen Puritanismus die altjüdische Theokratie übernahm. Weltliches und geistliches Regiment sind bei den Engländern identisch. Als Prädestinierte haben sie ihre Erwählung durch weltlichen Erfolg zu beweisen. Ihre Weltmacht war das Siegel ihrer Erwählung. Durch große Unternehmungen sollte der Calvinist die Ehre Gottes rühmen.

Aus dem anglikanischen Erwählungsglauben rührt die Idee, England sei berufen, andere Völker zu belehren und zu beherrschen. Mit der Bibel in der einen und dem Gewehr in der anderen Hand. Die Gleichsetzung kirchlicher und nationaler Berufung gibt Engländern die Überzeugung, anderen Völkern überlegen zu sein. Ihre Weltmacht ist der Beweis ihres gottgesandten Auftrags.

Nicht anders als bei den Amerikanern, bei denen zwar Kirchen und Staat offiziell getrennt sind, religiös aber eine intensive Einheit bilden. Trumps „America first“ ist puritanische Erwählungsgewissheit – genauer: die langsam eingeschlichene mentale Heilsungewissheit über den Menschen, die er durch wirtschaftliche und militärische Imponiergesten kompensieren muss.

Da fast alle westlichen Demokratien sich als Nachfolger der jüdischen Erwähltheit definierten – und es schweigend noch immer tun – ist Trumps Angeberei nichts als die Normalität eines Staates mit „abendländischen Werten“.

Auch Deutschland fühlte sich als erwähltes Volk, aber in augustinisch-lutherischer Facon.

„Wittenberg wollte nicht wie Genf die Hochburg eines Gottesstaates sein. Luther war zutiefst überzeugt, dass diese Welt nicht Gottes Reich sei. Sein deutsches Volk war ihm Objekt christlicher Erziehung, aber nicht Subjekt einer anmaßenden Behauptung. Das weltliche Reich wird nach Gottes Willen von der weltlichen Obrigkeit regiert. Die Kirche hat sich also in weltlichen Dingen zu bescheiden. Für Nachkommen Luthers gibt es also nicht den christlichen Staat calvinistischer Prägung, sondern nur den weltlichen Staat mit seiner Obrigkeit, dem sich die christlichen Untertanen zu beugen haben. Von jener unheilvollen Verwechslung von politischen und religiösen Motiven ist das Luthertum weit entfernt. Damit wird eine viel größere Klarheit der Motivierung erreicht als es unter dem Zwang der britischen Illusion möglich ist. Der Staatsmann muss sich, wenn er Christ ist, auf sein christliches Gewissen und Gottes Gnade verlassen. Er hat es nicht nötig, seine Entschlüsse vor einer christlichen Tradition zu rechtfertigen. Und die Kirche bleibt unbelastet von der Verantwortung für schwere politische Entscheidungen.“

Worte von Martin Dibelius, einem evangelischen Theologen aus der Tradition des Ersten Weltkriegs, wo deutsche (Glaubens-) Helden bigotten englischen Krämern gegenüberstanden, die zwar Christus sagten, aber Kattun meinten. Dibelius über die Engländer:

„Dieses christlichste Volk handelt ausgesprochen unchristlich, indem es seine gesamte Politik samt profanen Machtäußerungen mit christlichen Motiven verkleidet.“

Der britische Schrifsteller John Ruskin nannte sein Land „eine Quelle des Lichts und einen Hort des Friedens für alle Welt“ – unter der Oberherrschaft Großbritanniens. Für alle anderen soll England das Recht finden und das Recht verteidigen, wenn nötig, mit Gewalt das Recht durchsetzen. England sei der gottgesandte Schiedsrichter der Nationen und soll den anderen die Freiheit bringen – seine Form der Freiheit. „Wo ein Konflikt unter den europäischen Mächten ist, haben wir einzugreifen – als Schiedsrichter“

Kann sich nach diesen Worten noch irgendjemand über den Brexit wundern? Kann eine allen anderen Völkern überlegene Schiedsrichternation sich minderwertigen europäischen Völkern beugen? Was für das stolze Albion gilt, gilt noch mehr für Gottes eigenes Land, das sich im Besitz des wahren Landes Kanaan wähnt.

Die jetzige Krise des Westens ist eine religiöse Regression. Die demokratischen Sekundärmerkmale werden abgebaut zugunsten der ursprünglichen religiösen Primärmerkmale. Im Widerstreit zwischen griechischer Demokratie und christlicher Theokratie wird in einer Krise die Demokratie geschwächt und die Theokratie zur Ehre Gottes restauriert.

Deutsche Lutheraner hingegen leben primär nicht in einer geschlossenen Theokratie, sondern in einem augustinischen Zwitterregiment: geistig im chambre séparée der unsichtbaren Kirche, politisch im sündigen Reich des Teufels. Also müssen sie sich immer von außen in die weltlichen Belange einmischen.

Letztendlich stehen beide Reiche unter dem Regiment Gottes. Dennoch mutet er den Seinen eine dualistische Gebrochenheit zu. Der Obrigkeit haben sie immer untertan zu sein, gleichgültig, ob sie christlich oder totalitär ist. Innerlich aber haben sie mit den Machenschaften irdischer Teufel nichts zu tun, auch wenn sie alle in Demut unterstützen. Innerlich sind sie nicht der Politik verantwortlich, sondern nur ihrem Gewissen. Jenem Gewissen, das der Vergebung seiner Sünden sicher sein darf.

Das Gewissen, dem die deutschen Parlamentarier in letzter Instanz zu gehorchen haben, ist ergo eine außerdemokratische protestantische Erfindung. Vom Volk lassen sie sich wählen, um im Zweifelsfall – der inzwischen zum Normalfall geworden ist – dem Volk den Mittelfinger zu zeigen und sich auf ihr privates Gewissen zu berufen, das mit jedem Fraktionszwang kompatibel ist.

Wie die Wahlmänner in Amerika eine prophylaktisch eingezogene Pufferzone sind, um den gottlosen Willen des Volkes bei Bedarf auszuhebeln, so ist das deutsche Parlamentariergewissen eine von Oben gelenkte Pufferzone, um den Willen Gottes gegen den eines anarchischen Heidenvolkes durchzusetzen.

Merkel und ihre christlichen Parteikollegen haben sich vor Gott, nicht vor ihren Wählern zu verantworten. Ihre fast nicht vorhandene Rechtfertigung vor dem Volk, eine Form des geistbegabten Schweigens, ist nur verständlich, wenn man ihre lutherische Zwei-Reiche-Seele wahrgenommen hat. Als Christin ist sie immer durch Gnade gerechtfertigt und wenn sie noch so viele Sünden wider den „Geist der Bergpredigt“ beginge. Alle direkten biblischen Gebote gelten nicht für sie. Sie kann sündigen nach Herzenslust: ihres gnädigen Gottes kann sie immer sicher sein.

Was ist der entscheidende Unterschied zwischen amerikanischem und deutschem Christentum? Die gegenwärtige religiöse Regression in Amerika schält alle demokratischen Fassaden ab, bis die nackte Religion darunter erscheint. Amerika wird sichtbar theokratischer. Merkel hat diese Regression nicht nötig, denn sie folgt ohnehin keinen direkten biblischen Direktiven. Nur gelegentlich „mischt“ sie ihren Glauben ins weltlich-sündige Gebräu. Im Wesentlichen folgt sie den Geschehnissen der Welt, wie ihr Herr der Geschichte sie ihr vorgibt. Darüber hat sie weder zu klügeln noch einem säkularen Volk Rechenschaft abzulegen.

Die puritanische Theokratie in England und Amerika ist leicht falsifizierbar. Wenn weltlicher Erfolg abhanden kommt, ist es ein sicheres Zeichen für den nachlassenden Glauben oder die schwindende Treue Gottes, der seinen Erwählten einen pädagogisch schmerzlichen Rippenstoß versetzt. In Deutschland völlig unmöglich, denn hier gibt es keine wahrnehmbare Einheit aus weltlichem Erfolg und verlässlichem Glauben.

Bleibt die Frage: wie konnte es dennoch zur deutschen Theokratie im Dritten Reich kommen, wo Führer und Volk sich als völkische Diener eines eschatologischen Gottes fühlen durften, die den verstoßenen jüdischen Kindern Gottes das Ende bereiten wollten?

Weil die lutherische Gebrochenheit spätestens seit der „romantischen Ökumene“ immer eindeutigere theokratische Züge angenommen hat. Viele Romantiker traten zum triumphalen Katholizismus über. Novalis sehnte sich im Namen einer ganzen Generation in die mittelalterlichen Zeiten des päpstlich regierten deutschen Reiches zurück. Je mehr die Deutschen ihre Zersplitterung überwinden und eine einheitliche Nation werden konnten, je mehr verwandelte sich auch das Luthertum in die Richtung einer religiös-politischen Ganzheit. Ein Volk, ein Land, ein Führer war die letzte Vollendung dieser Verwandlung einer zerrissenen Innerlichkeitsnation in ein machtstrotzendes Bismarck‘sches Kaisertum. Hier endlich war die Zeit der Innerlichkeit beendet. Innerlichkeit war die Nachfolgerin des unsichtbaren Glaubens, der mit äußerlicher Politik nicht zu tun hatte.

Unglaublich, aber wahr; viele Darstellungen der deutschen Geistesgeschichte sind von erschreckender politischer Anämie. Bildung reduziert sich auf Vorgänge der innerlichen Seele, die in keinem Bezug zur politischen Welt stehen.

Hegels imperiales Denken verlegt problemlos den Mittelpunkt der Welt und den Endpunkt der Geschichte nach Berlin – obgleich er eben noch Napoleon als Verkörperung des Weltgeistes in Jena einreiten sah. Die Weltmeister der Innerlichkeit hatten im Dichten und Denken längst die Welt erobert, als 100 Jahre später ein deutscher Herrenreiter der ganzen Welt den Endkampf ankündigte.

Erst Nietzsche, Bewunderer aller Gewissenlosen, reflektierte über die künftige Weltpolitik, die als totalitärer Wille zur Macht agieren würde. Die deutschen Soldaten im Ersten Weltkrieg hatten, neben Fichte, vor allem Nietzsche im Tornister. Zwanzig Jahre nach Ende des Ersten Weltkriegs hatte der Tornister ganze Arbeit geleistet und die Philosophie mit dem Hammer zum Vernichtungsfeldzug mit dem Welthammer fortentwickelt.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges geschah – wie durch ein göttliches Wunder – erneut eine Metamorphose. Die theokratische Einheit der apokalyptischen Endkämpfer zerbrach und regredierte wieder auf das Niveau der lutherischen Gebrochenheit. Die Amerikaner – in Bewusstsein ihrer Identität aus Demokratie und Bibel – legten Wert auf faschismus-freie christliche Religion. Also legten sie den Kirchen rote Teppiche aus, auf denen sie sich aus glühenden Befürwortern des NS-Regimes in bewundernswerte Widerständler à la Bonhoeffer und Niemöller verwandeln konnten. Einige tränenreiche Schulderklärungen – und eine neu geborene Kirche konnte den Aufstieg christlicher Parteien in „Vollmacht“ unterstützen.

Der christliche Virus erfasste nach und nach alle Parteien. In der einstmals gottlosen SPD befanden sich mehr Pastoren als in den C-Parteien. Wie in Amerika kann es sich kein machtbewusster SPD-Politiker mehr leisten, mit Gott nicht rechtzeitig ins Reine zu kommen. Der aufrechte Rosneft-Ex-Kanzler Schröder immer vorneweg. Zuerst lose Sprüche, doch kaum an der Macht, sah man ihn in ökumenischen Gottesdiensten lutherische Choräle schmettern.

Alle jamaika-kompatiblen Parteien – also alle – verstehen sich im Grunde als Bewunderer der „christlichen Moral“, die sie, nebst ihrer Wirtschaft, für das Beste halten, was sie der Welt bieten können. Nur leider sind sie allzumal Sünder und ermangeln des Ruhmes. Doch kein Problem. Sündiget tapfer, wenn ihr nur glaubt.

Der restaurierte lutherische Dualismus befreit die Deutschen von der leidigen Pflicht, ihren wahren und echten Glauben durch Werke zu beweisen. Warum hassen die Deutschen alle Moral? Weil sie puristische Lutheraner sind, die auf Werke pfeifen. Nicht durch Moral werden sie selig, sondern allein durch das Wort, das zur Phrase geworden ist.

Eine Verstärkung des phrasenhaften Luthertums kam durch die deutsche Einheit. Jene Ossi-Christen, die heroisch den Sozialismus besiegt hatten, übernahmen das verlotterte Christenregime des Westens und brachten es zu Weltruhm. Gauck, Thierse, Merkel, Göring-Eckardt, Eppelmann e tutti quanti zeigten dem desolaten Westen, dass Gott die Seinen auch in widrigen Umständen nicht im Stich lässt. Merkel wurde in Amerika als lebendiger Triumph für die ecclesia triumphans herumgereicht. Heute ist sie – laut einem prophetischen amerikanischen Magazin – seit Jahren die mächtigste Frau der Welt. Gott ist in den Schwachen mächtig.

Wen kümmert es da noch, dass Deutschland unter der mächtigsten Frau der Welt in allen Stücken verelendet? Von der Wohnungsnot über Schulmisere, Verelendung der Familien bis zur bigotten Klimapolitik? Nur die Wirtschaft blüht und gedeiht. Gemäß der Devise: der Mensch lebt nicht von der Phrase allein.

Die siegreiche christliche Ex-Sozialistin kennt ihren Marx, der ebenfalls dualistischer Lutheraner war und die Welt in zwei Teile spaltete. In Sein und Bewusstsein. Das Sein ist die materielle Substanz der Welt, gleichbedeutend mit der unsichtbaren Kirche. Das Bewusstsein ist der Überbau, der von der wesenhaften Materie bestimmt wird. Eine sozialistische Lutheranerin regiert auf der Basis des Glaubens den staatlichen Überbau, der seinem trostlosen Ende entgegeneilt.

In der Achsenzeit traten autonome Philosophen und gottbesessene Propheten auf und verkündeten ein Neues. Obgleich die Botschaften der zwei Fraktionen unverträglich waren, wurden sie in der Folgezeit im christlichen Abendland zur giftigen Maische vermengt, die mit Macht und technischem Fortschritt das verheißene, aber immer wieder hinausgezögerte Ende der Welt in Realität verwandelt.

Die Amerikaner glauben an die Wiederbringung des Gartens Eden auf amerikanischem Boden. Die deutschen Lutheraner treiben ein Doppelspiel. Der Welt gaukeln sie Verbesserung der Welt durch Nächstenliebe vor. Intern haben sie keinerlei Illusionen über die Unverbesserlichkeit der Welt.

In einem Geheimpapier ließ die Verteidigungsministerin die schlimmsten Zukunftsszenarien durchspielen. (SPIEGEL.de)

Was christliche Politik gegen diese Visionen des Grauens unternehmen will, dazu kein einziges Wort. Von der CDU erwartet man nichts mehr. Hauptsache, die Kanzlerin führt.

Utopien zu durchdenken, um der Politik ein rationales Ziel zu setzen, wird mit Hohn überschüttet. Dystopien aber werden zur geheimen Kommandosache, die dem lutherischen Glauben an die verlorene civitas terrena entspricht. Nein, es soll keine selbsterfüllende Prophezeiung sein: das ist die neueste paradoxe Form der selbsterfüllenden Prophezeiung.

Oder: wie sich die Lutheraner in die Tasche lügen und die ganze Welt betrügen. Wissen sie doch, was ihr Herr als letzte Botschaft hinterließ: Mein Reich ist nicht von dieser Welt.

 

Fortsetzung folgt.