Neubeginn LXXIII

Tagesmail - Freitag, den 20. Oktober 2017

Hello, Freunde des Neubeginns LXXIII,

wie ist die Situation in der Welt? Keine deutsche Frage. Im Wahlkampf wurde nicht mal die Lage Europas angesprochen, geschweige die Befindlichkeit des Weltdorfs.

Wie viele ausländische Journalisten sind in Berlin akkreditiert? Wie viele von ihnen werden in deutsche Talkshows eingeladen, um ihre Außensicht von Deutschland darzulegen?

Trumps Trompetenstoß: Amerika zuerst, wurde von den Deutschen niedergemacht, obgleich sie ihre eigene Nationalverherrlichung schon lange praktizieren – wenn auch klammheimlich, wie es sich für Musterschüler geziemt, die nach draußen vorbildlich, nach drinnen das Gegenteil sind.

BILD-Wagner hasst alle Politiker, die die Welt retten wollen. Er will, dass allein seine paradiesische Heimat gerettet wird. Die Welt? Kann man den Hühnern geben. Dabei ist die Verflechtung und Abhängigkeit aller Völker voneinander so gigantisch geworden, dass es keine Rettung einzelner Nationen geben kann ohne Rettung der gesamten Oikumene:

„Göring-Eckardt, die die Welt retten will. Was für eine Wohltat, dass Sie, Wolfgang Kubicki, nur Deutschland retten wollen.“ (BILD.de)

Auch die Verdammung kniender Hertha-Spieler durch BILD-Reichelt – eine Solidaritätsaktion mit amerikanischen Trump-Kritikern – war nichts als eine hinterlistige Verteidigung Trumps, dessen chauvinistische Borniertheit immer deutlicher zum Vorbild von BILD geworden ist.

Deutsche wollen keine Utopie, halten Visionen für pathologische Alpträume, palavern aber in ökonomischer Trunkenheit vom deutschen Paradies, halten ...

... futuristische Beglückungszwänge Silicon Valleys für anbetungswürdig.

Deutschland ist ein glückliches Land. Es hat sich seit sehr langer Zeit nicht mehr mit radikalen Denkern auseinandersetzen müssen. Es konnte Toleranz üben, feine Umgangsformen entwickeln und sich der Hoffnung hingeben, dass seine Probleme den Rahmen der Diskutierbarkeit nicht übersteigen würden.“ (Sueddeutsche.de)

Radikale Philosophen waren einst der Stolz einer Nation der Dichter und Denker. Heute wird das Wörtchen philosophisch von jedem Söder-Darsteller aus dem Munde gespuckt.

Radikal heißt wurzelhaft. Die Kanzlerin forderte Verwurzelung ihrer frei im Garten Eden schwebenden, entwurzelten Untertanen im Geiste Goethes. Da sollte sie wurzelhafte Denker nicht ablehnen dürfen.

Seltsam, dass sie von wohlmeinenden Journalisten nie nach Dichtern und Denkern befragt wird. Die medialen Muttersöhnchen sind froh, dass das tapfere, aber schlichte Mütterchen die notwendige Drecksarbeit verrichtet. Da muss sie nicht auch noch mit höherer Weisheit ausgestattet sein.

Der SPIEGEL interviewte den französischen Präsidenten und befragte ihn nach Hegel und deutscher Literatur. Bei Merkel fällt es gar nicht auf, dass solche Fragen Madonnenlästerung wären. Macron verurteilte die Postmoderne. Sie habe demokratisch notwendige „Erzählungen“ von Humanität, Wahrheit und Vernunft auf den Müll der Geschichte geworfen. Hat Muttern den Begriff Postmoderne schon mal gehört?

Doch weg mit solchen Ungehörigkeiten. Es genügt, wenn Mater familias in schweigsamer Zurückhaltung die Küche putzt. Für den Überbau sind die genialen Söhne zuständig.

Radikale Denker sind weder Terroristen, noch Feinde der Toleranz. Gut zu hören für den Umgang mit rechten Verlagen, dass die Deutschen feine Umgangsformen entwickelt hätten. Und dass der Herr der Vorsehung ihnen nur Probleme zumutet, die ihre unterkomplexen Diskursfähigkeiten nicht überfordern. Das ist die Fortführung der prästabilierten Harmonie unter Ausschaltung moderner Unübersichtlichkeiten.

Dass es für alle menschenverursachten Handlungen Verantwortliche geben soll, halten selbst linke Edelschreiber für Verschwörungstheorien. Geht’s noch kindischer? Wenn sie die Grenzen des Menschlichen überwinden, sind sie göttergleiche Heroen der Geschichte. Wenn sie Mist bauen, waren es Zufälle des Hyperkomplexen. Wenn die Gattung demnächst abtritt, werden es Aliens gewesen sein, die sie aus dem Buch der Evolution gestrichen haben.

Wie ist der Zustand der Welt?

„Die Ordnung der Welt, wie wir sie kennen, ist in akuter Gefahr. Es ist längst überfällig, über Abschreckung hinauszudenken und der Entspannung wieder eine Chance zu geben. Leider sind die Weltmächte statt Teil der Lösung, Kern des Problems“, schreibt Historiker Michael Stürmer in der WELT.

Die Ordnung, die wir kennen? Wenn permanenter Umbruch und fruchtbare Zerstörung die ehernen Gesetze der Geschichte sind, von welcher stabilen Ordnung spricht da der Historiker?

„Abschreckung und Entspannung: Es war eine doppelpolige Strategie, die über lange, gefährliche Jahrzehnte des Kalten Krieges trotz allem Stabilität sicherte und Krisenmanagement erlaubte. Die daraus abgeleitete Ordnung war, aufs Große und Ganze gesehen, nuklear, global und bipolar.“

Abschreckung und Entspannung sind Taten von Menschen, die einer gewissen Moral folgen. An sich gibt es weder Abschreckung noch Entspannung: es sind hypostasierte Begriffe, die die Moderne benutzt, um die menschlichen Urheber der Taten zum Verschwinden zu bringen. Es soll der Eindruck eines riesigen Mechanismus erzeugt werden, der auf menschliche Akteure verzichten kann. Ökonomie folgt Gesetzen der Natur, der Geschichte, der Evolution oder eines Gottes, denen der Mensch gehorchen muss. Autor der Geschichte ist er nicht. Menschliche Ursachen kann es nicht geben.

Der bloße Sprachgebrauch verrät die Enthumanisierung der Geschichte, die den Menschen zum Rädchen eines Automatismus erniedrigt. Demokratien erzeugen die Illusion des Menschen als verantwortliches Subjekt der Geschichte, die in Wirklichkeit durch übermenschliche Faktoren dominiert wird.

Eine Demokratie unter der Herrschaft unbeeinflussbarer Elemente ist eine Farce. Wahre Demokratien schreiben die Ursachen ihrer Prägung allein dem Menschen zu. Vergesst Geschichte, Fortschritt und andere Götzen als Diktatoren menschlichen Tuns, wenn ihr die Verantwortung für euer Tun selbst übernehmen wollt.

Typisch, dass der Ausdruck: Verantwortung übernehmen nicht bedeutet, Urheber von Taten gewesen zu sein. Weshalb die Phrase zumeist folgenlos bleibt. Wie oft ist zu lesen: bitte keine altmodischen Schuldzuweisungen? Das Tun der Moderne muss so hyperkomplex scheinen, dass jede Ursachenforschung eine Versimplifizierung zum Zweck der Selbstentschuldung und Fremdbeschuldung sein muss.

Warum wurde das griechische Prinzip „nichts ohne Ursache“ in der christlichen Moderne verworfen? Weil ein allmächtiger Gott Herr der Geschichte ist, der weder an Gesetze der Natur noch an moralische Gesetze des Menschen gebunden ist.

Das Weltgeschehen ist die Summe unveränderlicher Gesetze der Natur und veränderlicher Gesetze menschlicher Moral.

Gott kann beide Kausalitätsreihen beliebig durchbrechen, ein Phänomen, das von Gläubigen Wunder genannt wird. Streng genommen besteht die ursachenlose Moderne durchweg aus Wundern oder Phänomenen, die per Definition hyperkomplex sind. Denn sie entspringen einem unerkennbaren göttlichen Willen. Was nicht bedeutet, dass Menschen an den Wundern unbeteiligt sein müssten. Als Werkzeuge des Herrn der Geschichte sind sie dienende Teile der Wunder. Denn ihre Genialität – die Quelle des Fortschritts – ist ebenso creatio ex nihilo wie bei ihrem himmlischen Vater. Was nicht ihrem göttlichen Genie entspringt, entspringt einem unergründlich satanischen Bösen.

Im Guten wie im Bösen: rational verständliche Ursachen aus dem autonomen Quellgrund der Menschen gibt es bei Wundern nicht. Weshalb die Moral des Menschen auch keine Rolle mehr spielt.

Michael Stürmer beschreibt nicht die verschiedenen Moralen der Verantwortlichen, die für Abschreckung und Entspannung gesorgt haben. Waren sie gut oder böse? Vernünftig oder unvernünftig?

Wer solche Begriffe benutzt, muss sich heute den Einwand gefallen lassen: was ist schon gut und böse, wahr oder unwahr, gerecht oder ungerecht? Hier habe doch jeder seine eigene Definition, eine objektive gäbe es nicht.

Das ist der Skeptizismus der Postmoderne, der solange unwiderlegbar bleibt, wie die Skeptiker es ablehnen, Verantwortung für das Geschick des Menschen zu übernehmen. Dies aber wäre die Voraussetzung für jedes demokratische Tun.

Es gäbe nur eine Möglichkeit, die Verleugner der moralischen Wirksamkeit zu widerlegen: wenn es den Demokraten gelänge, mit moralischer Kausalität eine humane Menschheit zu erarbeiten.

Nötig also wäre ein vorlaufender Glaube an die Wirkkraft menschlicher Moral, die, an sich selbst glaubend, sich selbst erfüllen könnte. Demokratien, die diesen Vernunft-Glauben nicht aufbringen, sind dem Untergang geweiht. Sie überlassen ihr Schicksal höheren Mächten, die sich ihrer Kontrolle entziehen. Das Gegenteil zum Vernunftglauben wäre der blinde Glauben der Erlöserreligion, der nur sagen kann: der Herr hat‘s gegeben, der Herr hat‘s genommen, der Name des Herrn sei gepriesen.

So schwammig seine Ursachenforschung, so schwammig Stürmers Vorschläge zur Lösung des Problems:

„Der Weg kann nur glücken, wenn die neuen Gefahren zu heilender Aktion zwingen, die Weltmächte wieder Selbstbeschränkung lernen und sich in den geostrategischen Leitfragen zusammentun – weit über das hinaus, was die OSZE, die Vereinten Nationen und der Sicherheitsrat leisten können.“

Heilen ist ein Begriff aus der Medizin und der Religion. Was soll geheilt werden, wenn das Unheile nicht konkret benannt wird? Wer soll mit welchen Methoden heilen? Will Stürmer die Mächte der Religion zur Rettung rufen? Misstraut er den moralischen Kräften des areligiösen Menschen? Dann wäre er ein heimlicher Anhänger der Böckenförde-Doktrin: Demokratien ohne religiöse Verankerung sind nicht lebensfähig. Eine autonome Vernunft der Menschen hielte Stürmer für Unfug.

Das sind die Tricks deutscher Intellektueller, die mit subjektlosen, hypostasierten Begriffen beginnen und am Ende den Leser unbemerkt an die Kette der Religion schmieden.

Wäre Stürmer ein Anhänger des sapere aude, müsste er den Lernweg der Vernunft aufweisen und zeigen, wohin das Lernen führen muss, um die Menschen ins Reich der Vernunft zu führen. Ein historischer Rückblick wäre das Protokoll einer Vernunft im kollektiven Werden, das die Menschheit bestärken könnte: so weit haben wir es bislang gebracht. Was sollte uns daran hindern, uns dem Ziel des Weges noch weiter zu nähern?

In jedem Handbuch der Selbstfindung zum Zweck beruflichen Erfolgs ist zu lesen: sei stolz auf alles, was du bisher geleistet hast. Das wird dir Kraft geben, die Selbstentfaltung deiner Kräfte auch weiterhin zu optimieren.

Eine ähnliche Devise an die kollektive Menschheit gerichtet, würde zynisches Gelächter hervorrufen. Erstens werde der Mensch nicht durch lernende Vernunft bestimmt, zweitens seien Menschen und Völker so verschieden, dass man von einer gemeinsamen Vernunft nicht sprechen könne.

„Seitdem aber die sowjetische Seite der Gleichung weggebrochen war, trat nicht „das Ende der Geschichte“ ein, wie Francis Fukuyama und seine Adepten in der atlantischen Wohlstands- und Friedenszone nachplapperten und wunschdachten: Es sah nur so aus, für ein paar schöne Jahre.“

Dass sich eine feindliche Weltmacht innerhalb kurzer Zeit selbst auflöste, war für Stürmer kein Zeichen der Vernunft, sondern einer schmählichen Niederlage: aus Schwäche fiel die Sowjetunion kraftlos in sich zusammen. In den letzten Tagen des feindlichen Riesenreiches hörte man im Westen die unaufhörliche Warnung: ein Weltreich habe sich noch nie ohne schreckliche Folgen aufgelöst. Der grausam verletzte Stolz des unterlegenen Riesen würde im Akt des Falls Tod und Verderben über die Welt bringen.

Was aber geschah? Geradezu das Gegenteil. In Moskau konnte sich ein bisher unbekannter Politiker durchsetzen, der den bisherigen Todfeinden und aller Welt die Friedenshand hinstreckte. Die ökonomische Niederlage wurde zum moralischen Sieg der außerordentlichen Art. Das Ende des Kalten Krieges war keine Folge der Schwäche, sondern einer unvorhersehbaren Vernunft Gorbatschows und seiner russischen Unterstützer. Davon kein einziges Wort bei Stürmer. Francis Fukuyama war so beeindruckt durch diese Vorgänge, dass er jubelnd einen Erfolg der demokratischen Weltvernunft dekretierte.

In Deutschland, dem Land der Vernunft-Nihilisten, wurde Fukuyamas Buch von allen Medien zerrissen. Nach demselben Gesetz, wonach die Verleihung des Friedensnobelpreises an eine idealistische Laiengruppe mit Vergeblichkeitsprognosen in Sack und Asche geschrieben wurde.

Die neutralen Beobachter des Zeitgeschehens, geplagt von verdrängten Gewissensbissen ob ihrer politischen Untätigkeit, müssen alle Utopisten am Boden zerstören, die sich anmaßen, der Welt den Frieden zu bringen. Nie kann man heftigere Verrisse über Gutmenschen lesen als in Medien, die dem Motto dienen: nur schlechte Nachrichten sind gute Nachrichten. Fukuyamas Buch wurde nicht als stolze Zwischenbilanz der Menschheit gelesen, die seit vielen Jahrhunderten in Versuch und Irrtum Vernunft lernte. Sondern als illusionäre Überhebung eines Phantasten, der sich und der Welt optimistischen Sand in die Augen streute.

Deutsche halten nichts vom Lernen. Für Hegel und Marx ist Geschichte das Werk eines übermenschlichen Geistes oder einer übermenschlichen Materie. Für Lutheraner und Papisten das Werk Gottes.

Bis heute wurde die Friedensleistung Gorbis vom Westen verbissen aus dem Gedächtnis getilgt. Putins Weg zum Alleinherrscher ist nur zu verstehen, wenn man sieht, wie seine Anfänge im Geiste Gorbis von Obamas neiderfülltem Hohn dem Spott der Welt preisgegeben wurden. Es waren Vernunftleistungen von Russen, die bis dahin die Welt vor dem atomaren Untergang bewahrt hatten. Das konnte der ach so hochmoralische Westen nicht auf sich sitzen lassen. Die moralische Überlegenheit des „Reichs des Bösen“ musste aus den Annalen der Geschichte getilgt werden.

Wir, der christliche Westen, ist der moralische Champion der Weltgeschichte. Das war der theologische Vorläufer des Trump‘schen Mottos: America first. Auch Stürmer, stets ein Gefolgsmann transatlantischer Überlegenheit, macht Putin zu einem unberechenbaren Amokläufer der Weltpolitik:

„Putins Russland sucht durch Manöverstrategie und Hybrid-Kriegführung zwischen Ostsee und Adria alte Größe: neue Ordnung oder keine Ordnung – so lautet, unmissverständlich, die ominöse Wegweisung aus Sotschi.“

Was ist ominös an Putins Forderung, der die arrogante Ordnung westlicher Suprematie ablehnt und eine neue Weltordnung auf gleicher Augenhöhe fordert? Man muss Putins Besatzungspolitik nicht billigen. Man sollte aber sehen, dass nur Opfer weitere Opfer fordern. Der Satz: der Täter ist allein schuldig, entstammt dem Wörterbuch der bigottesten Selbstreinigung von aller Schuld und Mitverantwortung. Wie der Mann im Geschlechterkampf, ist der Westen im Kampf um den moralischen Sieger der Geschichte so unschuldig wie das Lamm Gottes.

Was soll getan werden? Was ist das konkrete Fazit Stürmers? Nichts Genaues wissen wir nicht. Die Großmächte sind an allem schuld. Das paradiesische Deutschland wäscht – wie immer – seine Hände in Unschuld. Unser Herz ist klein, soll niemand drin wohnen als Jesus allein. Hauptsache, wir retten uns selbst. Die Welt kann zum Teufel gehen.

Deutschen ist nicht zu vermitteln, dass alle menschlichen Handlungen nach moralischen Kriterien beurteilt werden müssen – sofern man den Menschen nicht zur Marionette der Geschichte verklären will. Wer den Untergang der Menschheit verhindern will, verfolgt ein moralisches Ziel. Wer eine Utopie oder Dystopie anstrebt, folgt einem moralischen oder amoralischen Ziel der Geschichte. Niemand entkommt der Moral, und wenn er sich noch so fanatisch einem Gott unterwirft. Die moralische Frage ist die entscheidende Frage der menschlichen Geschichte auf Erden.

Für Ferdinand von Schirach ist die Frage nach Gut oder Böse sinnlos:

„Als ich jung war, schien mir eine der wichtigsten Fragen zu sein: Was ist das "Böse"? Ich war damals gerade als Rechtsanwalt zugelassen worden, und mein erstes großes Mandat war eine junge Frau, die ihr Baby getötet hatte. Ich besuchte sie im Gefängnis. Mein Kopf war voll von den großen Philosophen, ich hatte Platon, Aristoteles, Kant, Nietzsche, Rawls und Popper gelesen. Aber jetzt war plötzlich alles anders. Die Wände der Gefängniszelle waren mit grüner Ölfarbe gestrichen, sie sollte beruhigen. An einem winzigen Tisch saß die junge Frau. Sie weinte. Sie weinte, weil ihr Kind tot, sie eingesperrt und ihr Freund nicht mehr da war. Und genau in diesem Moment verstand ich, dass ich immer die falschen Fragen gestellt hatte. Goethe schrieb vor mehr als 200 Jahren: "Der Mensch ist zu einer beschränkten Lage geboren³ einfache, nahe, bestimmte Zwecke vermag er einzusehen³ sobald er aber ins Weite kommt, weiß er weder, was er will, noch, was er soll." Das Gültige an diesem Satz liegt in seiner Bescheidenheit. Für mich jedenfalls sind Begriffe wie "das Böse", "das Gute", "die Moral", "die Wahrheit" heute zu groß und zu weit geworden. Ich habe 20 Jahre lang Mörder und Totschläger verteidigt, habe Zimmer gesehen, in denen das Blut stand, abgeschnittene Köpfe, herausgerissene Geschlechtsteile und zerschnittene Körper. Ich habe Menschen am Abgrund gesprochen, die nackt waren, zerstört, verwirrt und entsetzt über sich selbst. Und nach all diesen Jahren habe ich begriffen, dass die Frage, ob der Mensch gut oder böse ist, eine ganz und gar sinnlose Frage ist. Der Mensch kann ja alles sein, er kann "Figaros Hochzeit" komponieren, die Sixtinische Kapelle erschaffen und das Penizillin erfinden. Oder er kann Kriege führen, vergewaltigen und morden. Es ist immer der gleiche Mensch, dieser strahlende, verzweifelte, geschundene Mensch.“ (SPIEGEL.de)

Es soll Bescheidenheit sein, die Überlebensfrage nach Gut und Böse nicht beantworten zu können. Dann sollte man jede moralische Erziehung verbieten, jede ethische Erörterung in der Schule untersagen. Seinen Kindern sollte man sagen: ihr könnt alles werden, Albert Schweitzer oder Hitler. Einerlei.

Es klingt nach Mitleid mit dem geschundenen Menschen, wenn man ihn seiner moralischen Qualität, seiner Vernunft, der Quelle aller Moral, entledigt. Dabei ist es Verachtung des Menschen, eine andere Form der Erbsünde, die man dem Menschen als Krätze andichtet.

Wie Goethe seinen Faust durch Auslieferung an den Mephisto zum Werkzeug des Bösen machte und die Epoche der Aufklärung für beendet erklärte, so erniedrigt Schirach den Menschen zu einem amoralischen Nichts. Seine ganze Empathiebesoffenheit erfolgt im Ton einer – moralischen Superiorität. Nur Supermoralisten gestatten dem Menschen, sich aller Vernunftmoral zu entledigen.

Man hätte Schirach zustimmen müssen, wenn er gesagt hätte: als Geworfene sind Menschen Opfer des Zufalls, als Vernunftwesen aber haben sie die Chance, ihre Vernunftanlagen zu aktivieren und ihre Geworfenheit zu überwinden. Nur wenn die ersteren total beschädigt wurden, wird das Opfer zum Täter, welches andere Opfer fordern muss. Es gibt keine Verbrecher, die freiwillig böse geworden wären. Kein Böses, das nicht entstanden wäre aus Motiven des Guten, die durch Beschädigung von außen schrecklich in die Irre gingen.

Erstaunlich, wie Schirach sein intellektuelles Werden in faustischen Assoziationen beschreibt. Zuerst hat er, leider, Philosophie, studiert. Da stand er nun, der arme Tor, als er zum ersten Mal dem wahren verwüsteten Leben im Gefängnis gegenüberstand. Der Deutsche entdeckt die wahre Realität erst im heiligen Krieg; Faust, indem er Gretchen ins Unglück stürzt und das gemeinsame Kind indirekt tötet; Schirach in der Begegnung mit dem Bösen im Gerichtssaal:

Im Felde, da ist der Mann noch was wert,

Da wird das Herz noch gewogen.

Da tritt kein anderer für ihn ein,

Auf sich selber steht er da ganz allein.

Aus der Welt die Freiheit verschwunden ist,

Man sieht nur Herren und Knechte

Der dem Tod ins Angesicht schauen kann,

Der Soldat allein, ist der freie Mann.

Der Mensch kann alles? Er kann weder alles, noch ist er zu allem fähig. Wäre er zu allem fähig, wäre er Gott, dem Gutes und Böses beliebig zu Gebote stehen. Schirach macht den Menschen zu Allem oder Nichts, mit anderen Worten: zu Gott oder dem Teufel.

Die Frage nach Gut und Böse ist einem Strafverteidiger Jacke wie Hose? Dann wäre alles Recht nur willkürliches Talmi. Recht ist nichts anderes als kodifizierte Moral. Hier wütet ein Verächter des Menschen, der ihm nichts Vernünftiges zutraut, in hochtrabenden Posen des Menschenfreunds. Hier erschlägt ein philosophisch Gescheiterter alle Vernunftphilosophie mit dem Hammer.

„Soweit er ins Weite kommt, weiß der Mensch weder, was er will noch was er soll“? Das ist weder Verständnis für die Entstehung des Bösen, um es zukünftig zu verhindern, noch eine Bestärkung der moralischen Kapazität des Menschen im Kampf um eine humane Zukunft. Das ist ein deutsches Begräbnis der Aufklärung und Vernunft – im Stil eines bombastischen Jenseits von Gut und Böse.

Jenseits aller Moral fühlen sie sich als wahre Moralisten, denen alles Gute und Böse ad libitum offen steht. Vor allem das Böse. Wie waren sie so gut und anständig, als sie, watend im Blute, so böse waren. Stellvertretend für die ganze Welt, die zu schwach war, um vorbildlich böse zu sein.

 

Fortsetzung folgt.