Neubeginn LXXI

Tagesmail - Montag, den 16. Oktober 2017

Hello, Freunde des Neubeginns LXXI,

die offene Zukunft ist eine geschlossene Sackgasse.

Warum stagniert alles, fällt alles zurück, setzt das Erreichte aufs Spiel, schließt die Grenzen, degradiert Menschen zu wirtschaftlichen Robotern, erhöht Maschinen zu Übermenschen, die den Menschen ausrotten, raunt von Kriegen und Kriegsgefahr, glaubt an den unvermeidlichen Untergang der Menschheit als heiliges Ereignis? Alles hat seine Zeit, auch der Untergang des Menschen? Der Mensch ist etwas, das überwunden werden muss?

„Alles hat seine Zeit, und Zeit gibt es für jedes Vorhaben unter dem Himmel:

Zeit zum Töten und Zeit zum Heilen, Zeit zum Einreissen und Zeit zum Aufbauen

Zeit, Steine zu werfen, und Zeit, Steine zu sammeln,

Zeit zum Lieben und Zeit zum Hassen, Zeit des Kriegs und Zeit des Friedens.“

Was ohnehin geschieht, wird zur göttlichen Notwendigkeit.

Töten, Einreissen, Steine werfen, Hassen, Krieg führen, jedwedes Vorhaben des Menschen, einerlei, ob böse oder gut: Religion verklärt und segnet alles, verhindert jede Korrektur, erklärt den Menschen zum Fehlgriff der Natur – die er zur Schöpfung eines allmächtigen Mannes erniedrigt.

Den unvermeidlichen Gang ins Verhängnis deklarieren sie als Fortschritt ins Offene und scheuen sich nicht, einen schwäbischen Dichter zu zitieren:

„Komm! ins Offene, Freund!“ ruft er in seinem Gedicht „Gang aufs Land“.

Doch das Offene Hölderlins ist nicht das Offene der Moderne. Es ist weder maß- noch grenzenlos, weder monströs noch verderblich. Es ist eine Einladung an ...

... Freunde, ein fröhliches Fest zu feiern:

„Wo den Gästen das Haus baut der verständige Wirth;
Daß sie kosten und schaun das Schönste, die Fülle des Landes,
Daß, wie das Herz es wünscht, offen, dem Geiste gemäß
Mahl und Tanz und Gesang und Stutgards Freude gekrönt sei.“

Die Gegenwart verkörpert das Gegenteil der Offenheit für die Lust am Dasein unter frohen Menschen. Die Gegenwart ist die „bleierne Zeit“:

„Aber weh! es wandelt in Nacht, es wohnt, wie im Orkus,
Ohne Göttliches unser Geschlecht. Ans eigene Treiben
Sind sie geschmiedet allein, und sich in der tosenden Werkstatt
Höret jeglicher nur und viel arbeiten die Wilden
Mit gewaltigem Arm, rastlos, doch immer und immer
Unfruchtbar, wie die Furien,
bleibt die Mühe der Armen.“

Rastlos und unfruchtbar wie Furien an die Arbeit geschmiedet sein: das würde Hölderlin heute Kapitalismus nennen.

„Die Tugenden der Deutschen aber sind ein glänzend Übel und nichts weiter; denn Notwerk sind sie nur, aus feiger Angst, mit Sklavenmühe, dem wüsten Herzen abgedrungen. Durch Fleiß und Wissenschaft und selbst durch Religion barbarischer Geworden, verdorben bis ins Mark zum Glück der heiligen Grazien, dumpf und harmonienlos wie die Scherben eines weggeworfenen Gefäßes. … müssten solche Menschen nur nicht fühllos für alles schöne Leben! Nichts, was nicht zum ärmlichen Behelf herabgewürdigt ist bei diesem Volk, und was selbst unter Wilden göttlichrein sich meist erhält, das treiben diese allberechnenden Barbaren, wie man so ein Handwerk treibt, und können es nicht anders, denn wo einmal ein menschlich Wesen abgerichtet ist, da dient es seinem Zweck, da sucht es seinen Nutzen. Aber du wirst richten, heilige Natur. Wenn sie nur nicht lästerten, was sie nicht sind. Ach, töten könnt ihr, aber nicht lebendig machen. Ihr entwürdiget, ihr zerreißt, wo sie euch duldet, die geduldige Natur; doch lebt sie fort, in unendlicher Jugend, ihren Herbst und ihren Frühling könnt ihr nicht vertreiben, ihren Äther, den verderbt ihr nicht. Oh, göttlich muss sie sein, weil ihr zerstören dürft, und dennoch sie nicht altert und trotz euch das Schöne bleibt!“ (Hyperion)

Ein furchtbares Urteil über die Deutschen, die das Göttlichste unter der Sonne, die Natur, zugrunde richten – und damit sich selbst.

Bildung wäre, diese deutsche Kritik an den Deutschen wahrzunehmen und nicht als verderbliche Idylle abzutun.

Die Deutschen, ein Volk, das nicht weiß, wozu es lebt. Welches lebt, indem es sein Leben zugrunde richtet. Inzwischen gälte dies für alle Völker, die sich dem kapitalistischen Moloch unterwarfen. Nur die „Wilden“, abseits aller Zivilisation, wären noch Menschen, die Leben nicht mit Produzieren und Naturschänden verwechseln.

Die Wilden sind die einzigen, die die Kunst des Lebens in Übereinstimmung mit der Natur beherrschen. Die Kulturvölker hingegen wurden zu Wilden, die ohne Respekt vor der Natur, ohne Weisheit des guten Lebens, vergeblich vor sich hin wühlen, reich und mächtig werden, ihre Macht und ihren Reichtum verwenden, um ihr Dasein auf Erden in eine nie zu befriedigende Gier zu verwandeln.

Obwohl die Wilden ein vorbildliches Leben im Einklang mit der Natur leben, will der sanftmütige Papst Franziskus die indigenen Völker mit dem naturfeindlichen Gift der Frohen Botschaft beglücken.

„Das Evangelium müsse vermittelt werden, ohne die Überzeugungen und die Weltsicht der Amazonas-Stämme mit Füßen zu treten, gab Coba die Auffassung des Papstes wieder. Die katholische Kirche müsse diesen Völkern ihre Hilfe anbieten, aber dabei deren Identität achten.“ (Katholisch.de)

Schrecklicher kann die Bigotterie der Frommen nicht sein. Damit die Wilden nicht in die Hölle fahren, sollen sie zum wahren Glauben indoktriniert werden – ohne ihre heidnische Weltsicht mit Füßen zu treten. Die Ungläubigen sollen das unfehlbare Evangelium annehmen, ohne ihr fehlbares Heidentum aufzugeben. Das kann wohl nur ein Wunder sein. Die Öffentlichkeit schweigt und gibt dem infamen Unternehmen ihren Segen.

Der schärfste deutsche Kritiker des Kapitalismus ist nicht Marx, sondern ein Dichter, der während seines Lebens bei den Deutschen nicht ankam, dessen Genie von Goethe nicht erkannt wurde und der 40 Jahre seines Lebens in geistiger Umnachtung verbringen musste. Die Deutschen sind an ihm schuldig geworden und haben kein Recht – solange sie töricht und verbissen um dem Titel eines kapitalistischen Weltmeisters kämpfen –, sich auf ihn zu berufen. Man vergleiche die Dürftigkeit des Marx‘schen Reichs der Freiheit mit Hölderlins Hymnen an die Freude:

„Sowie nämlich die Arbeit naturwüchsig verteilt zu werden anfängt, hat Jeder einen bestimmten ausschließlichen Kreis der Tätigkeit, der ihm aufgedrängt wird, aus dem er nicht heraus kann; er ist Jäger, Fischer oder Hirt oder kritischer Kritiker und muss es bleiben, wenn er nicht die Mittel zum Leben verlieren will – während in der kommunistischen Gesellschaft, wo Jeder nicht einen ausschließlichen Kreis der Tätigkeit hat, sondern sich in jedem beliebigen Zweige ausbilden kann, die Gesellschaft die allgemeine Produktion regelt und mir eben dadurch möglich macht, heute dies, morgen jenes zu tun, morgens zu jagen, nachmittags zu fischen, abends Viehzucht zu treiben, nach dem Essen zu kritisieren, wie ich gerade Lust habe, ohne je Jäger, Fischer, Hirt oder Kritiker zu werden.“

Marxens Utopie bleibt unter dem arbeitsteiligen Gesetz des Kapitalismus. Zwar kann jeder nacheinander alles tun, wozu er gerade Lust hat – doch alles in arbeitsgeteilter Einsamkeit. Die Freude, unter Menschen zu sein, gibt es bei Marx nicht. Lebensnotwendige Arbeit muss keine Fron sein, wenn sie im Kreis gleichgesinnter froher Menschen stattfindet. Selbstbestimmte Arbeit schließt Lust am notwendigen Tun nicht aus.

Marx ist dem Monaden-Dasein des Kapitalismus nicht entkommen. Sein befreiter Mensch bleibt ein isoliertes Wesen, ein Ich, dem das Wir noch nicht begegnet ist. Bei Marx ist der Mensch kein autonomes Wesen, das seine Freiheit selbst erkämpf hätte. Er bleibt Untertan und Nutznießer einer übermächtigen Geschichte, die ihn befreit, wann immer es ihr gnädigerweise beliebt. Ihm bleibt nichts übrig, als in Sklavengehorsam abzuwarten, bis sie die Widersprüche des Kapitalismus benutzt, um diesen endgültig zu vernichten.

Gelehrte Marxisten verteidigen die Marx‘sche Unfähigkeit zur Utopie. Dadurch habe er die „Reinheit der Vision“ bewahrt. Auch Adorno rechtfertigt „die Absage an das Auspinseln der Utopie.“ Utopie wird mit dem biblischen Gott gleichgestellt, für den ein strenges Bilderverbot gilt. Erneut ein Beweis, wie sehr Marx und seine Jünger von religiösem Denken kontaminiert sind.

Selbst Popper, überzeugter Sokratiker, verbietet eine utopische Leitidee, die er Himmel nennt, als totalitären Weg in die Hölle. Zwischen einer jenseitigen Himmelsillusion, die nur mit Gewalt, und einer irdischen Zielorientierung, die mit Argumenten die Menschen begeistern kann, macht er keinen Unterschied.

Warum darf im christlichen Abendland keine Utopie gedacht werden? Weil sie mit jenem Paradies verwechselt wird, vor dessen Toren ein Engel mit dem Flammenschwert steht: Zutritt für Sünder verboten.

Warum hat Goethe die Qualitäten Hölderlins verkannt? Weil er bereits auf dem Boden des Kapitalismus stand. Faust ist der Inbegriff eines von ewiger Unzufriedenheit zerfressenen Karrieristen, der über Leichen geht, um seine Gier nach Macht – nie zu befriedigen. Für Marx war Goethe der Gigant der Deutschen:

„Goethe war der größte Deutsche, nicht nur der größte deutsche Dichter.“

Unglaublich, aber wahr: Marx hat den kapitalistischen Charakter des Faust nicht erkannt. Wie hätte er die seelischen Verwüstungen der bürgerlichen Ausbeutungsökonomie durchschauen können? Kapitalismus ist nicht nur materielle Verwüstung. Geist und Materie können nicht getrennt werden. Die Ausgebeuteten erleiden nicht nur Hunger und Durst, sie leiden unter dem Gefühl, keine vollwertigen Menschen zu sein.

Was ist Gerechtigkeit? Der psycho-physische Zustand gleichwertiger Anerkennung. Über Gerechtigkeit hat als letztes und endgültiges Urteil die Psyche des Menschen das Wort, die sich akzeptiert fühlt und sich ihres Lebens freuen kann – oder nicht. Wirtschaftsdaten sind nur unzulängliche Hinweise. Ausgeschlossen, dass man Menschen per materieller Quantität qualitative Gefühle vorschreiben darf. Ökonomen beherrschen nicht mal ihr eigenes Fach. Ihre Attitüde, per Zahlen alle Kategorien des Lebens aus dem Effeff zu analysieren und zu deuten, gehört in das Reich des Wahns.

Da wird ein Ökonom mit dem Nobelpreis ausgezeichnet, der den rationalen Egoismus des homo öconomicus bestreitet und die Irrationalität des Menschen behauptet. Der Unfähigkeit des egoistischen Mängelwesens müsse per Rippenstoßen oder Schubsen nachgeholfen werden.

Bewunderer des Ökonomen sprechen vom Übergang des rationalen Mängelwesens zum homo sapiens, auf Deutsch: zum weisen Menschen. Der weise Mensch zeichnet sich also dadurch aus, dass er selbst am wenigsten weiß, was er braucht und was ihn glücklich macht. Mit sanftem Druck von außen muss er zu seinem Glück – nein, „auf keinen Fall gezwungen“, sondern – blind und taub manipuliert werden. Das ist der alltägliche Konsumterror, ausgeführt mit allen Listen der Werbekünste. Man könnte auch von einem Nudging-Faschismus sprechen. Wann wird es Nobelpreise für die absurdesten Wahnideen geben?

Das faustische Prinzip ist eine der schärfsten vorweggenommenen Attacken gegen das dogmatische Glücksverbot des Kapitalismus – von Goethe als Nonplusultra des gebildeten Menschen bejaht und in Knittelverse gesetzt:

Werd ich beruhigt je mich auf ein Faulbett legen,
So sei es gleich um mich getan!
Kannst du mich schmeichelnd je belügen,
Daß ich mir selbst gefallen mag,
Kannst du mich mit Genuß betrügen –
Das sei für mich der letzte Tag!
Die Wette biet ich!

Das Drüben kann mich wenig kümmern;
Schlägst du erst diese Welt zu Trümmern,
Die andre mag darnach entstehn.
Aus dieser Erde quillen meine Freuden,
Und diese Sonne scheinet meinen Leiden;
Kann ich mich erst von ihnen scheiden,
Dann mag, was will und kann, geschehn.
Davon will ich nichts weiter hören,
Ob man auch künftig haßt und liebt,
Und ob es auch in jenen Sphären
Ein Oben oder Unten gibt.“

Zu seinem egoistischen Glück – identisch mit unstillbarem Unglück – soll die ganze Welt zerschlagen werden. Faust ist es völlig gleichgültig, was nach ihm geschieht. Hauptsache, er kommt auf seine Nichtkosten, danach mag die Welt zugrunde gehen. Der Chor der Geister hat es erkannt:

Weh! weh!
Du hast sie zerstört
Die schöne Welt,
Mit mächtiger Faust
;
Sie stürzt, sie zerfällt!
Ein Halbgott hat sie zerschlagen!
Wir tragen
Die Trümmern ins Nichts hinüber“

Das also ist das Urdrama der Deutschen, die eine Welt opfern, um auf ihre Kosten zu kommen – nein, auf ihre ewig unzufriedenen Nichtkosten. Die Bedürfnisse eines echten Deutschen sind grenzenlos, die schäbige kleine Welt kann sie nicht erfüllen. Ihre entgrenzten Bedürfnisse müssen die Welt in Trümmer legen, damit sie ihre überweltlichen Anmaßungen per Nichterfüllung erfüllt sehen. Was kümmert sie das Danach? Nach ihnen die Sintflut. Nach ihnen das absolute Nichts, das allein ihrer unvergleichlichen Gottgleichheit entspricht.

Goethes weltzerstörende Größenphantasie ist die Phantasie eines apokalyptischen Christen, der sich einbildete, ein dezidierter Nichtchrist zu sein. Die Welt ist zu klein für einen Deutschen, der seine gottgleiche Unvergleichlichkeit dadurch erkennt, dass er die ganze Welt für seine Grenzenlosigkeit opfert. Die NS-Schergen waren stolz darauf, ihre Weltzertrümmerungsideen von ihrem größten Dichter beschrieben zu sehen.

Goethe und Hölderlin sind inkompatibel. Und doch gehören beide zum gemeinsamen Bildungskanon der Deutschen. Der deutsche Bildungskanon wird wie eine monolithische Einheit bewundert. Kritik an ihren Genies ist so gut wie unbekannt. Deutsche Leitkultur muss aller Prüfung enthoben sein. Wenn zwei berühmte Gestalten sich im Grundsätzlichen widersprechen: an wen soll man sich halten?

Es ist wie mit der Bibel: sie wird als homogene Masse betrachtet, indem man nützliche Zitate aus dem Zusammenhang reißt und weniger nützliche verschweigt oder unbedenklich ins Gegenteil verkehrt.

Goethe, sagte die hochgebildete Kanzlerin, solle den zeitgenössischen Deutschen bei ihrer Verwurzelung helfen. Verwurzelt man sich in der sündigen Welt, indem man sie aus Habgier zur Detonation bringt?

Warum schliddert und schlafwandelt die Welt in immer gefährlichere Krisen? Weil die klaffenden Widersprüche ihrer religiösen Politik dabei sind, sich aus der Verdrängung ins Unbewusste zu lösen, wie ein unterirdischer Vulkan nach oben durchzubrechen, um an der Luft zu explodieren.

Die Nationen spüren es. Die Menschen, in ihrem dunklen Drange, sind sich ihrer Widersprüche wohl bewusst. Nicht so, dass sie sich Rechenschaft ablegen könnten, was sie in zunehmendem Maße beunruhigt. Doch in allen Zellen ihres sinnlichen Wahrnehmungsvermögens ahnen und spüren sie das herandrängende Verhängnis.

Die offene Zukunft ist die hermetisch verschlossene Sackgasse, in die wir widerstandslos hineinrutschen. Es gibt nur eine einzige Chance, eine humane Zukunft zu erringen: wenn wir die Vergangenheit als offenes Buch lesen und verstehen. Alles, was wir verdrängen, wird als destruktive Zukunft über uns kommen.

Kommt! ins Offene, Freunde.

 

Fortsetzung folgt.