Neubeginn LXVI

Tagesmail - Mittwoch, den 04. Oktober 2017

Hello, Freunde des Neubeginns LXVI,

„mein größtes Plus ist die Authentizität“. Selbstbeschreibung eines Ex-SPD-Kandidaten im SPIEGEL.

Gibt es authentische Politiker? Gibt es Edelschreiber, die fähig sind, das Charakterprofil von Politikern authentisch zu beschreiben?

Markus Feldenkirchen vom SPIEGEL gebührt das Verdienst, das Qualitätsmerkmal „authentisch“ in einer journalistischen Glanzleistung ungewollt als Doppel-Inszenierung zu entlarven. Als Entlarvung der Mächtigen und als Selbstentlarvung ihrer medialen Beobachter. Beide halten ihre Inszenierungskünste für authentisch.

Was aber ist authentisch? Die Vorsilbe au kommt von autos = selbst, woher Autonomie = Selbstbestimmung. Das Authentische gilt als das Echte, Verbürgte, Zuverlässige.

„Authentizität bezeichnet eine kritische Qualität von Wahrnehmungsinhalten (Gegenständen oder Menschen, Ereignissen oder menschliches Handeln), die den Gegensatz von Schein und Sein als Möglichkeit zu Täuschung und Fälschung voraussetzt. Als authentisch gilt ein solcher Inhalt, wenn beide Aspekte der Wahrnehmung, unmittelbarer Schein und eigentliches Sein, in Übereinstimmung befunden werden. Die Scheidung des Authentischen vom vermeintlich Echten oder Gefälschten kann als spezifisch menschliche Form der Welt- und Selbsterkenntnis gelten.“ (Wiki)

„Erkenne dich selbst“ ist der Ruf zur Selbstbesinnung: Mensch, werde authentisch. Du bist es nicht, solange deine Gesellschaft dich zwingt, eine Rolle zu spielen. In modernen arbeitsteiligen Gesellschaften muss jeder eine Rolle spielen – es sei denn, er zieht sich aus der Gesellschaft zurück und lebt als Einsiedler. Hier kann er sein gesellschaftliches Über-Ich – Gewissen genannt – zum Schweigen bringen oder unwirksam machen.

Ab der Erfindung männlicher Hochkulturen definieren sich Gesellschaften als ...

... akkumulierende Systeme von Macht, Technik und Reichtum. Politische und ökonomische Macht über Menschen, technische Macht über Natur und Mensch.

Machtgeleitete Gesellschaften sind ohne Teilungen der Arbeit funktionsunfähig. Arbeitsteilungen erzeugen die Aufspaltung der Gesellschaft in hierarchische Klassen und Kasten. Es beginnt mit Teilung der Arbeit, setzt sich fort über die Teilung der Reputation und der Macht und endet in der Teilung der Moral, der Einteilung der Menschen in starke, adlige, erwählte, erfolgreiche, bewundernswerte, die sich alles erlauben können – und in schwache, erfolglose, verachtenswerte und pöbelhafte, die tun müssen, was die traditionelle Moral von ihnen fordert. Strikte Moral war von jeher das Zuchtmittel für die Massen. Gott verpasst seinem Volk 10 Gebote, an die er sich selbst nicht hält.

Notgedrungen gehören Frauen allen Klassen an, ohne die Auszeichnungen der edlen Männer gleichwertig auf sich beziehen zu dürfen. In unteren Klassen sind sie noch immer minderwertiger als der minderwertigste Mann. Welchen Klassen auch immer sie angehören: stets bleiben sie im Schatten ihrer Männer. Selbst sind sie nichts. Was sie sind, bleibt eine Folge der Einschätzung ihrer Nützlichkeit für die Männer.

Moralische Arbeitsteilung ist das endgültige Ende aller menschlichen Gleichwertigkeit. Vorgesetzte und Arbeitgeber sind moralisch wertvoller als Abhängige und Hörige.

In reifen Demokratien gelten moralische Verpflichtungen für alle in gleichem Maß. Kaum beginnt die Wirtschaft sich aufzuspalten, wird die Demokratie unterhöhlt. In vollkommenen Demokratien gäbe es nur autarke und unabhängige Mitglieder. Je mehr die autarke Selbständigkeit zerstört wird, je mehr leidet die Autonomie der Gleichwertigen.

Von Anfang an gab es in der athenischen Urdemokratie den Konflikt zwischen politischer Autonomie und wirtschaftlicher Autarkie. Die mannigfachen und zeitaufwendigen Pflichten eines zoon politicon – die für die Meisten ein leidenschaftliches Bedürfnis waren –, kollidierten mit den Pflichten, sich und die Seinen selbständig zu ernähren. Bauern waren die letzten Autarken, die ihre demokratischen Pflichten nur erfüllen konnten, weil Perikles ihre wirtschaftlichen Einbußen mit Tagesgeldern – Diäten – ausgleichen konnte.

Schon vorher war es den adligen und reichen Klassen gelungen, die bäuerliche Abhängigkeit von der Natur, ihre knapp bemessene und stets gefährdete Selbsternährung, mit Schulden, Kredit und Wucherzinsen in sklavenähnliche Abhängigkeit umzuwandeln. Schon waren die Bauern zu „Sozialkneteempfängern“ des Staates herabgesunken. Hätte Solon die Verschuldung der Bauern nicht aufgehoben und die Privilegien der Oberen nicht beschnitten, wäre keine Demokratie entstanden.

Eine intakte Demokratie ist die Gemeinschaft wirtschaftlich Unabhängiger, die sich freiwillig zu politischer Abhängigkeit in Ebenbürtigkeit verpflichten. Abhängigkeiten sind nur dann nicht freiheits- und würde-einschränkend, wenn sie die reziproke Gleichwertigkeit nicht demontieren.

Von Anfang an hatte die Urdemokratie einen potentiellen Virus der Selbstzerstörung in sich: die Asymmetrie zwischen politischer und ökonomischer Freiheit. Die erstere beruht auf Ausgleich der Freiheiten: es gibt keine politische Freiheit, die die Freiheit des anderen beschränken dürfte. Im Gegensatz zur „begrenzten“ politischen Freiheit verstand sich die wirtschaftliche von Anfang an als grenzenlose. Je gieriger und risikofreundlicher die Initiativkraft der ökonomisch Starken, je mehr öffnet sich die Welt für sie, um ihre Vitalität in Reichtum zu verwandeln.

Reichtum aber ist ungewählte politische Macht. Den dauerstreitenden Klassen in Athen gelang es noch erstaunlich lange, ein prekäres Gleichgewicht der Kräfte zu erhalten. Die Balance konnte nur gelingen, weil auch die Mächtigen sich einer demokratischen Ausgleichsmoral verpflichtet fühlten und ihre Reichensteuern in Form von „freiwilligen“ Liturgien bezahlten. Erst als die ausgleichenden Kräfte ins Hintertreffen gerieten, die dominierenden Reichen sich mit einer fremden Macht verbündeten, schlug das letzte Freiheitsstündchen Athens.

Alexander eroberte mit militärischer Gewalt die vorderasiatischen Staaten und etablierte den Hellenismus, eine Mischung aus militärisch-wirtschaftlicher Macht und kosmopolitischer Moral – die zu geschwächt war, um auf Herstellung intakter Demokratien zu bestehen.

Der erste Freihandel in der Geschichte Europas war das erste Kapitel eines siegreichen Kapitalismus, der im kaiserlichen Rom zur absoluten Elito- und Plutokratie mit einem völlig enteigneten und würdelosen Pöbel wurde.

Die moderne Mär von ungetrübten Vorteilen des Freihandels ist eine unerhörte Lüge, die zur Grundlage des Kapitalismus wurde. Niemand würde es heute wagen, dieses Dogma der Mächtigen anzuzweifeln – und dennoch ist der instinktive Unmut gegen dieses Lügendogma ein Grund der wachsenden Empörung der Völker.

Schon seit 2001 diagnostizierte der Soziologe Wilhelm Heitmeyer den beginnenden Unmut der Unteren als Widerstand gegen das Auseinanderdriften von Oben und Unten, der unmittelbaren Konsequenz eines ungerechten, vor allem den Reichen nützenden Folgen des internationalen Freihandels. Er spricht vom „autoritären Kapitalismus“:

„Internationale Unternehmen können seit Langem – und zwar auch politisch unterstützt durch die Deregulierungs-Doktrin – ihre Interessen gegen Regierungen durchsetzen, zum Beispiel weil aufgrund von Standortfaktoren inzwischen nicht mehr nur Konkurrenz zwischen Firmen besteht, sondern zwischen Ländern. Wenn damit gedroht wird, Arbeitsplätze auszulagern, lassen sich nationale Regierungen erpressen und geben einen Teil ihrer Kontrolle über die Wirtschaft preis. In allen diesen Beispielen gab es nur Anpassungen an die Forderungen des Kapitals, die sich eben der Deregulierung bedient haben. Kanzlerin Merkel hat das auch noch mit dem Satz der "marktkonformen Demokratie" überhöht und damit einen markanten Beitrag zur Demokratie-Entleerung beigesteuert. Ein "demokratiekonformer Markt" wäre eine bessere Idee gewesen.“ (Sueddeutsche.de)

Merkel – von aller philosophischen und historischen Bildung unbeleckt – hat ihre Aushöhlung der Demokratie zum willfährigen Instrument kapitalistischer Mächte in aller Öffentlichkeit auf den Begriff gebracht: eine marktkonforme Demokratie hat sich dem Markt untergeordnet. Der Selbstverrat dringt Merkel aus allen Poren, doch die Öffentlichkeit geruht, ihn nicht zur Kenntnis zu nehmen. Der Fisch stinkt vom Kopfe her – aber er stinkt.

Markt ist keine soziale Marktwirtschaft, sondern die Arena grenzenloser Machtakkumulation der EINPROZENT. Die SPD-Granden von Schröder, Gabriel bis Schulz lügen sich in die Tasche, wenn sie sich rühmen, Merkel über den Tisch gezogen und sozialdemokratisiert zu haben. Sie waren es, die sich dem Neoliberalismus in die Arme geworfen haben, gekoppelt mit rücksichtsloser Verachtung ihrer einstigen Klientel, den Schwachen und Abgehängten, denen sie unverfroren die Schuld am wirtschaftlichen Niedergang der BRD in die Schuhe schoben.

Schulzens anfängliche Kampfparole Gerechtigkeit, die aus marktkonformer Demokratie das genaue Gegenteil, einen demokratiekonformen Markt hätte machen müssen, erwies sich als Haschen nach Wind. Das spürte der „kleine Mann auf der Straße“ und war verstimmt.

Seit Helmut Schmidt hat sich die SPD zu einer folgsamen Truppe der Wirtschaft entwickelt. Alles andere erklärte er zur pathologischen Vision. Poppers Utopieverbot, das er sich zu eigen machte, war das Ende aller Schritte in Richtung prinzipieller Gerechtigkeit.

Demokratie beginnt als Geburt siamesischer Zwillinge: der politischen und ökonomischen Freiheit. Wenn Zwillinge sich nicht gleichmäßig entwickeln, beginnt der stärkere Sprössling seinen Bruder peu à peu aufzufressen. Politik muss Wirtschaft im Zaume halten. Arme Demokratien kann es geben, demokratische Plutokratien kann es nicht geben.

Ohne Arbeitsteilungen keine wissenschaftlichen und wirtschaftlichen Fortschritte. Ohne Elitenbildung keinen Fortschritt in Kunst, Gelehrsamkeit, Macht und Reichtum – so die Mär der Moderne. Kunst, Philosophie und Wissenschaft aber wurden im demokratischen Athen zur Weltblüte gebracht. Im Abendland muss Fortschritt mit arbeitsteilig begründeter wachsender Ohnmacht der Schwächsten bezahlt werden. Welcher Fürst hätte seine Schlösser bauen können, wenn er sein Volk nicht ausgeraubt hätte, um fremde Architekten an seinen Hof zu locken.

Arbeitsteilung ist Rollenzwang, Rollenzwang führt zur unaufhörlichen Zerstörung – der Authentizität.

Authentisches Verhalten ist angstfreie Autonomie eines Menschen, der sich niemandem unterordnen muss, von dem er abhängig ist. Nur wer sein eigener Herr ist, weder Untertan von Göttern, noch von Priestern und sonstigen Ehrgeizlingen, die von Macht nicht den Hals voll kriegen können, kann auf eine innere Zensur, ein fremdgeleitetes Über-Ich verzichten. Er lebt, wie er es für richtig hält und seiner eigenen Moral entspricht. Als Demokrat gehorcht er nur Gesetzen, die er selbst mitbestimmt, und Regierungen, die er selbst auf Zeit gewählt hat. Alles andere ist von Übel.

Die griechische Philosophie erkannte schnell die beginnende Zensur, die wachsende Unfreiheit durch Arbeitsteilung, den Verfall des Echten durch machtbestimmte Normen – und protestierte mit der Parole: zurück zur Echtheit, zurück zur Natur. Just die Kyniker (die Hundlinge), die der moderne Philosoph Sloterdijk als asoziale Wüstlinge bezeichnete, kehrten rabiat zur Echtheit der Ursprünge zurück, um die Gesellschaft vor dem Verfall zum Morbiden und Nichtauthentischen zu retten, indem sie alle gestelzte Höflichkeit, abhängige Tätigkeit und unechte Moral zurückwiesen, sich in freiwilliger Armut allen Zwängen der Gesellschaft entzogen. Ihre staunenswerte Unabhängigkeit zog selbst einen Alexander in den Bann, der Diogenes, den Fassbewohner, besuchte, um ihn leutselig zu befragen, was er ihm Gutes tun könne. Dessen Antwort: geh mir aus der Sonne, war authentisches Verhalten in unübertrefflichem Maß. Es spricht für die griechische Gesellschaft, dass sie, trotz vieler Verfallserscheinungen, diese authentischen Denker tolerierte und bestaunte.

In der Renaissance gab es eine ähnliche Entwicklung, alle außengeleitete Zwänge abzuwerfen und sich eine ursprüngliche Ganzheit persönlicher Entwicklung zu erkämpfen: es war das Ideal des l’uomo universale italienischer Künstler und Philosophen. All ihre Begabungen wollten sie ungehindert entfalten und sich keinen arbeitsteiligen Selbstverstümmelungen ergeben.

Rousseaus Freiheitsparole: zurück zum Ursprung, zurück zur Natur, hallte durch ganz Europa und entzündete die Französische Revolution.  

Sind freie Gesellschaften unverträglich mit jedwedem Fortschritt? Jede Gesellschaft kann sich, im Einklang mit humanen Gesetzen und naturverträglicher Ökonomie, entwickeln, wie sie es für richtig hält. Ein solcher Fortschritt wäre das Werk aller, dessen Früchte allen gleichmäßig zugutekämen. Wenn aber der Fortschritt das Werk kleiner Zirkel ist, das erkauft und bezahlt werden muss mit Repression der Vielen, dann ist der Fortschritt demokratie-unverträglich.

Kein echter Fortschritt darf zum Nachteil der Schwächsten ausgetragen werden. Das wäre, wie wenn eine Familie reich werden würde, indem der Mann Frau und Kinder zum Malochen zwänge – und selbst wie Gott in Frankreich lebte. Solche Fortschrittselemente gab es in patriarchalischen Familien des Abendlands genug, wenn der Vater die besten Leckerbissen bekam und der Rest der Familie sich mit Brosamen begnügen musste.

Jeder Fortschritt, der mit Verlust der Echtheit und Selbstbestimmung bezahlt werden muss, führt à la longue zur Spaltung der Gesellschaft und zur Despotie der EINPROZENT über 99PROZENT Loser. Loser werden zu Überflüssigen, wenn die notwendige Maloche von Maschinen übernommen wird.

Unauthentisches ist angstbesetzte Selbstzensur von Untertanen, die Sanktionen befürchten müssen, wenn sie handelten, wie sie es für richtig hielten. Die Moderne hat sich die Demokratie der Griechen zurückerobert, gleichzeitig aber Fortschrittsgesetze zu eisernen Bestandteilen der Demokratie erklärt, die der Selbstbestimmung aller Individuen und Völker Hohn sprechen. Wenn wir Wirtschafts- und Geschichtsgesetzen gehorchen müssen, die als unveränderliche Gesetze der Evolution gepredigt werden, schrumpft unsere demokratische Autonomie zur Wahl zwischen Pepsi und Coca Cola, Schulz und Merkel, GROKO und GAGROKO: zwischen Pest und Cholera.

Was Peanuts betrifft, leben wir in Demokratien. Die Hauptgötzen der Moderne werden von Eliten bestimmt – die selbst den Götzen untertan sind. Allerdings als Profiteure der Macht und des Geldes. Wir können ungehindert unsere Meinung sagen – aber eine Meinung, die von Kindesbeinen an durch Götzen der Moderne indoktriniert wurde. Die gigantische Macht moderner Götzen wird den Kindern bereits mit der Muttermilch eingeflößt. Kinder haben sich frühzeitig den Zwängen des Wettbewerbs zu beugen, um sie zu befähigen, zukünftige Konkurrenten aus dem Weg zu räumen.

Kitas, Schulen und Universitäten sind Institute machtgeleiteter Gewissensbildung. Ein heteronomes Gewissen ist das Zentrum des Zwanges zum Unechten, Gekünstelten und Fremdbestimmten. Durch Verinnerlichung außengeleiteter Zwänge soll der Mensch sich selber zwingen, um sich die Illusion äußerlicher Freiheit zu bewahren.

Die gegenwärtigen Empörungswellen beweisen es: wie viele Menschen rund um den Globus protestieren gegen unmenschliche Verhältnisse des „technischen Fortschritts, der grenzenlosen wirtschaftlichen Ausbeutung von Mensch und Natur“ – und dennoch regt sich fast nichts in den Etagen der Planetenherrscher.

Was ist das für ein Fortschritt, der in ungebremster Beschleunigung zum Suizid der Gattung führen kann, ja unweigerlich führen muss, wenn er sich nicht grundsätzlich reformiert? Was ist das für ein Wohlstand, der auf Kosten unendlicher vieler Schwacher in aller Welt, auf Kosten einer intakten Natur geht? Wir werden mit täglicher Dosis Apokalypse abgefüllt – und gleichzeitig mit der mütterlichen und medialen Entwarnung: sei ruhig, bleibe ruhig, mein Kind, in dürren Blättern säuselt der Wind. Alles geht seinen gewohnten Gang.

Von Fortschrittsfanatikern, ökonomischen Fundamentalisten, irren Zukunftspropheten, Mitläufern der Geschichte, Gläubigen einer Heilsgeschichte, lassen wir uns an der Nase herumführen – und trauen unseren eigenen Wahrnehmungen, unsern tiefsten Gedanken und Emotionen nicht.

Die Moderne ist das Zeitalter vollendeter Unechtheit, eines gefährlichen Verfalls unserer Autonomie. Wir reden nicht mit, mischen uns nicht ein, weil wir uns für dumm verkaufen lassen. Wir sagen nicht unverblümt unsere Meinung, weil wir nicht aus der Gesellschaft ausgeschlossen werden wollen. Von morgens bis abends halten wir uns zurück, obgleich das Maß unserer inneren Empörung uns gelegentlich zu zerreißen droht.

Zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit kann das Volk seine Meinung sagen. Dies halten die Eliten sofort für eine Verrohung der Sitten, für eine Gefahr der staatlichen Stabilität. Ja, Shitstorm. Wie viele Shitstorms gab es in früheren Zeiten auf höheren Ebenen der Gesellschaft? Die Predigt des Christentums ist ein einziger Shitstorm, ein Sturmlauf der Priester im Namen ihres Gottes gegen die Autonomie irdischer Menschen, die zu elenden Sündenkreaturen verflucht werden.

Hätte das Volk lernen können, seine authentische Meinung zu sagen, ohne Sanktionen zu befürchten, hätte es sich den gegenwärtigen Shitstorm sparen können. Wohin mit dem aufgestauten Hass der Jahrhunderte wegen Unterdrückung, Ausbeutung und erzwungener Unmündigkeit? Wohin mit der Entrüstung „braver Philister“ ob der ungeheuerlichen Verbrechen der Oberklassen, die sie Kreuzzüge und heilige Kriege nannten, nur um ihre fürstlichen Taschen zu füllen und ihren Machthunger zu befriedigen?

Der gesamte Fortschritt der Moderne beruht auf dem Rückschritt der Menschheit zu unechtem Maulhalten, gekünsteltem Mitmachen und angstbesetztem Unterordnen unter Gesetze der Geschichte, die von winzigen Zirkeln ausgebrütet und mit genialen Methoden den „dumpfen Massen“ als höhere Weisheit verabreicht werden.

Früher nannten sie es Gott, heute nennen sie es Kapitalismus. Früher sprachen sie von Heilsgeschichte, heute von Fortschritt. Früher unterwarfen sie sich religiösen Offenbarungen, die sie glauben mussten, heute müssen sie an die Offenbarungen selbsternannter Genies, an die Wunderleistungen unersättlicher Raffkes glauben.

Was wäre authentisch, wenn ein authentischer Zeitbeobachter einen authentischen Politiker in einem authentischen Wahlkampf begleiten würde?

a) Ein echter Vertreter der Vierten Gewalt würde einen Kandidaten, der vom Volk gewählt werden will, beobachten – und ihm unverhüllt die Meinung sagen. Ein authentischer Politiker würde sich – ohne taktische Bedenken – einen kritischen Begleiter geradezu wünschen, um sich freiwillig und gerne überprüfen zu lassen. Überprüfen und Beurteilen ist das Salz in der demokratischen Suppe.

b) Eine authentische Begegnung wäre eine leidenschaftliche Auseinandersetzung, eine freie Rückmeldung  und Reaktion auf die Rückmeldung, ein angstfreier Diskurs, ein spannendes Streitgespräch auf der Agora.

c) Was aber geschah in der unauthentischen Normalität unserer ach so fortgeschrittenen Gesellschaft? Einer beobachtete – und sagte nichts. Einer ließ sich beobachten – und sagte nichts.

Einer verhielt sich wie eine allwissende weiße Leinwand, analog dem Freud‘schen Analytiker, der ein Gefälle zwischen sich und dem Patienten aufbaut, ohne mit ihm auf gleicher Augenhöhe zu debattieren. Poppers Kritik am unwürdigen Therapiegefälle wurde in den Wind geschrieben.

Einer hoffte, den Beobachter für seinen Wahlkampf instrumentalisieren zu können. Er glaubte authentisch zu sein, wenn er die Kluft zwischen seiner „Echtheit“ und seiner Kämpferinszenierung unverhüllt der Öffentlichkeit präsentieren könnte. Er offenbarte sich als Sünder wider das Gesetz authentischer Lauterkeit, in der Hoffnung, als reuiger und vorbildlicher Sünder bewundert zu werden. Er beichtete nicht dem Priester, sondern der Öffentlichkeit, um von der Öffentlichkeit das Ego te absolvo zu vernehmen. War er nicht schon gut angekommen, als er sich als ehemaliger Alkoholiker und Gestrauchelter exhibitioniert hatte?

Das neueste Machtspiel ist das Spiel des Unauthentischen, der sich seinem Publikum als bekehrter Authentischer zu erkennen gibt. Amerika ging wieder voran: Trumps Sturmlauf war der Sieg des Echten, Spontanen, Ungehobelten, Bedenkenlosen, Gierigen und Unberechenbaren über das unerträgliche Rollenspiel der Aufrechten, Moralisierenden, Pathetischen, der Konformen mit den besten Absichten und einem heimlichen Sündenregister. Skrupelloser Echtmensch gegen heuchelnden Gutmenschen. Über-Ich-freier Moralverächter gegen idealisierende Utopie-Zicke.

Was hingegen geschieht, wenn ein Deutscher sich nackig macht? Es erscheint ein skrupulöser, zwischen aussichtsloser und dennoch männlich-mutiger Hoffnung kämpfender, larmoyanter, an seinem Gott verzweifelnder Glaubensheld: Herr, ich glaube, hilf meinem Unglauben.

Der Herausforderer war derart von seiner vorbildlichen Sünderhaltung überzeugt, dass er nicht einmal die christliche Strategie seiner Gegnerin bemerkte. Zwischen beiden gibt es allerdings einen kleinen Unterschied: die Pastorentochter spielt die Demütige, die an ihrer Unfehlbarkeit keinen Zweifel lässt. „Schulz will Kanzler werden, ich will meinem Volk dienen.“ Unglaublich, aber wahr: deutsche Christen, auch der gebildeten Stände, wissen nichts über Strategien christlicher Motive. Die Heilige Schrift ist für sie eine Sammlung unumstößlicher Wahrheiten, kein psychologisches Handbuch zum Entlarven doppelmoralischer JüngerInnen.

Wann könnten wir von einer authentische Begegnung sprechen? Wenn der Journalist seine Beobachtungen benutzt hätte, um den Kandidaten in ein Streitgespräch zu verwickeln. Wenn er das Gespräch in ungekürzter Echtheit veröffentlicht hätte, um dem Publikum die Gelegenheit zur eigenen Meinungsbildung zu geben. Demokratischer Journalismus würde die Kluft zwischen Sein und Schein, Täuschen und Echtsein, Vorgaukeln und Lauterkeit, als Beitrag zur Wahrheitsfindung schließen. Das wäre ein Abschiednehmen von der arbeitsteiligen Pflichtheuchelei, dass die einen sagen und es nicht meinen und die anderen beobachten und keine Position einnehmen, als seien sie keine betroffenen Mitglieder der Menschheit.

Nietzsche nennt die Moderne eine Epoche der Schauspielerei. Der christlichen Schauspielerei. Nicht alles, was er zu sagen hatte, war falsch.

Das fromme Theater der amerikanischen Puritaner steht unter der Devise: selig sind die am weltlichen Erfolg erkennbaren Prädestinierten, die mit Hurra die Fahne des Erlösers schwingen, denn sie werden Gottes eigenes Land zum planetarischen Herrschaftsreich erweitern – wenn sie einem authentischen Amerikaner folgen, der sich jenseits von Gut und Böse, weltlicher Moral und Amoral befindet.

Das christliche Schauspiel deutscher Nation steht unter dem Motto: selig sind die Skrupulösen, Demütigen, Sündigen und vorbildlich Bereuenden, in der Not Verzweifelnden und dennoch wider alle Hoffnung Hoffenden: denn sie werden den wirtschaftlichen Wettlauf der Völker gewinnen – wenn sie einer weiblichen Moses-Figur folgen, die sie durch alle Fährnisse der Welt in somnambuler Sicherheit führen wird.

Womit wir über den Inhalt der unechten, undemokratischen Nichtbegegnung zwischen Beobachter und Politiker noch gar nicht gesprochen hätten.

 

Fortsetzung folgt.