Neubeginn LXIII

Tagesmail - Mittwoch, den 27. September 2017

Hello, Freunde des Neubeginns LXIII,

Aufwallung und Ermattung, Erregung und Trostlosigkeit, Hektik und Erschlaffung. Die Wahl war ein kurzes Aufputschmittel, ein staatlich verordnetes Kollektiv-Stimulans. Nun beginnt wieder Langeweile, ausgebrannte Übersättigung, lähmende Ödnis und Lebensunfähigkeit, der die Deutschen, ja, die gesamten Moderne, durch Geschichtsgehorsam und lärmenden Fortschritt entfliehen wollen.

Eskapismus. Sie fliehen ins Noch-Nicht, weil sie das Jetzt unerträglich finden. Der Sinn des Lebens besteht darin, dass er nicht eintreten darf. Der Sinn des Lebens aber ist Leben.

Drei Tage nach der Wahl wären eine günstige Distanz, um grundsätzlich zu werden. Was ist geschehen? Wozu entschieden sich die Deutschen? Wie reagiert die Welt – und warum?

Doch der Grundsatz, nur dem Tag zu leben, hat alles Grundsätzliche beseitigt. Der Tag ist nicht das Jetzt. Er eliminiert das Vergangene und wirft sich per Bungee-Jumping in den Abgrund einer Zukunft, die alles sein muss, nur nicht verlässlich, freudig und aufgeräumt.

Wer dem Jetzt lebt, verleugnet nicht dessen Vorgeschichte, die lange Reihe des Vergangenen, der Schoss, aus dem die Gegenwart erst kroch.

Die Gegenwart haben sie gespalten in Jour und Historie, die nichts miteinander zu tun haben dürfen. Historiker wollen nichts vom Tage wissen, Journalisten nichts von der Prägekraft des Vergangenen. So wird zerstückelt, was zusammengehört.

„Wer nicht von dreitausend Jahren sich weiß Rechenschaft zu geben, bleib im Dunkeln unerfahren, mag von Tag zu Tage leben“.

Wer das Werden des Tages ausblendet, verdunkelt auch den Tag. Das Leben fällt aus, es wird zum Abhaken der Tage, überträgt das Dunkel der Gegenwart in die Zukunft, die alles verheißen und alles bedrohen muss, um die ...

... Düsternis des Tages in sensationelles Irrlicht zu tauchen. Verheißungen, Verheißungen. Das Ungenügen des Tages soll durch futurische Phantasmen ausgeglichen werden. Also muss der Tag unbefriedigt bleiben, um das Irrlichtern der Zukunft zu rechtfertigen. Unzufrieden im Überfluss – das versteht kein Ökonom, der Glück und Wohlstand für Synonyme hält.

Warum haben sie falsch gewählt? Warum denn wohl? Weil sie nicht mitkommen, diese Hohläugigen und Neidischen. Gibt’s denn noch andere Erklärungen? Psychologische Fragen beantworten Ökonomen mit einem knappen Blick auf den Kontostand. Doch stopp, die Unzufriedenen und Stänkerer gehören vornehmlich den saturierten Klassen an?

Früher beantworteten Gottesgelehrte alle Fragen mit Blick auf den himmlischen Kontostand. Heute haben Ökonomen die Theologen abgesetzt, genauer, Theologie und Ökonomie verschmolzen zur Einheit.

Die Kunde vom zukünftigen Jenseits entstand aus Empörung gegen die irdischen Gewaltigen und Reichen. Als die Jenseitsgläubigen den Sieg errungen hatten, wurde der Kern ihrer Verheißung – aus Nichts Alles werden – zur irdischen Realität. Wo denn sonst? Das Jenseits ist nichts als das trügerische Diesseits.

Selig die Armen, denn sie werden reich werden und die Erde beherrschen: das wurde Realität im Abendland. Es gibt scheinbare Gegensätze, die identisch sind. Wie der Sadist ein Masochist, so ist der rachsüchtige Arme ein zukünftiger Reicher, der sich an den Reichen rächt, indem er sie eines Tages zu Armen erniedrigen wird.

Im Jenseits, dem zukünftigen Diesseits, sind die irdischen Verhältnisse auf den Kopf gestellt. Mit anderen Worten: alles ist gleich geblieben. Nur die Akteure haben die Plätze getauscht. Nicht anders in Revolutionen, wo Unten das Oben besiegt, um als neues Oben das neue Unten zu drangsalieren. Pfiffige sprechen von Dialektik: alles bleibt, wie es ist – obgleich es ganz anders aussieht. Revolution wird zur Wiedergeburt, in der die alte Kreatur ersäuft wird, um eine neue aus der Taufe zu heben – die der alten zum Verwechseln ähnlich ist. Das ganz Andere der Erlösung ist identisch mit dem Selben, das vom Anderen erobert wird, um es genau so zu beherrschen, wie es vom Irdisch-Selben beherrscht wurde.

Es gibt nur einen winzigen Unterschied: die Gewaltigen der Erde sind nicht omnipotent und daher nicht unbesiegbar. Wer hingegen gegen Gott antreten muss, hat schlechte Karten: er ist ein Nichts, der gegen Alles antreten muss. Das war das Geheimnis der Überlegenheit des christlichen Westens, der Hand in Hand mit dem Allmächtigen die Welt der Ungläubigen eroberte.

Drei Tage nach der Wahl – und es geht nur um Bildung der zukünftigen Regierung, die die bisherige Politik im Großen und Ganzen unverändert fortsetzen wird. Kein Rückblick, keine historische Herleitung der Gegenwart. Kein Fazit, keine Orientierung: woher des Weges, Deutsche – wohin die Reise? Stattdessen stürzen sich alle auf die Außenseiter und Querulanten, um der dringlich erforderlichen Selbstprüfung zu entgehen.

Wie das schwarze Schaf seiner Familie den Spiegel vorhält, so könnte die Gesellschaft sich in ihren unerwünschten Elementen eins zu eins erkennen. Doch Selbsterkennen und Denken sind Störelemente, die das Produzieren und Malochen unliebsam unterbrechen. Die philosophische Vergangenheit dient der nationalen Eitelkeit – und wird unerbittlich im Museum für nationale Bildung eingemottet. Die Bildung der Gegenwart dient dem Aufstieg und der Selbstverblendung und ist keine Bildung.

Der kategorisch geforderte Aufstieg ist eine Dauerattacke gegen die Würde des Menschen. Die Würde des Einzelnen, zur Reputation verstümmelt, wird von Leistung und Ehrgeiz, Habsucht und Machtgier bis zur Unkenntlichkeit angetastet und geschändet. Wer du bist, wie du lebst und leben willst – uninteressant. Du hast ein Anderer zu werden. Du musst dich von dir selbst entfremden, um ein Etwas zu sein. Aufstieg heißt Verlassen alles Vertrauten und Liebgewordenen, um zu werden, was man nie sein wollte.

Wer sich nicht ändert, ist sich untreu geworden. Nicht geändert durch Besonnenheit und Humanität, sondern durch Ruhm und Reichtum. Erkenne dich selbst – ist ein Motto, das mit gesellschaftlichem Ausschluss bestraft wird. Werde, der du bist – ist Fahnenflucht vor der Forderung, sich aufzugeben, um dem Mammon die Ehre zu geben. Aufsteigen heißt Vagabundieren durch die Welt, bis man sich nicht mehr wiedererkennt – dann hat man es geschafft.

Die Freiheit der Wirtschaft ist die Todfeindin der Selbstbestimmung. Die Liberalität der Moderne ist das eiserne Gehäuse der Fremdbestimmung des Menschen durch despotische Geschichtsmächte.

Eine Partei der Proleten, die den Aufstieg predigt wie alle Parteien, hat sich auf offener Bühne selbst entleibt. Dass es jedem Menschen dort gut gehe, wo er lebt und leben will: diese Grundsatzpolitik der Würde wird von keiner Partei verfolgt. Wer aufsteigt, verurteilt alle, die es nicht schaffen oder schaffen wollen, zu würdelosen Losern der Gesellschaft. Da immer nur wenige aufsteigen können, ist die Mehrheit der Gesellschaft zum Fußabtreter der Ehrgeizlinge bestimmt.

Eine vitale Demokratie zeichnet sich durch Abwesenheit von Auf und Ab, Oben und Unten aus. Niemand hat sich nach oben zu krümmen, niemand gnädig nach unten zu beugen. Das ist keine Gleichmacherei, sondern die Schaffung gleicher Wertigkeit, die alleine kompetent ist, die Unvergleichlichkeit der Individuen zu entfalten und zu bewahren.

Wer es wagt, das Wort Aufstieg in den Mund zu nehmen, muss als Denunziant der Demokratie geächtet werden. Artikel 1 des Grundgesetzes ist mit der gegenwärtigen Realität der Gesellschaft unvereinbar. Solange die Realität nicht verändert wird, bleibt der Artikel das Prunkstück einer kollektiven Bigotterie.

Solche Erkenntnisse gehören zum Grundbestand aller Menschen, der durch fremdgesteuerte Erziehung ins kollektive Es abgedrängt wird. Wir reden von der allgemeinen Vernunft der Menschen. Den Finessen der modernen Gesellschaft gelingt es, unter dem Vorzeichen der Freiheit die menschenverbindende Vernunft zu durchlöchern und der Lächerlichkeit preiszugeben.

Und dennoch: die Menschen der Gegenwart haben schon zu viel von der Würde des Menschen gehört, als dass sie bereit wären, dieses Grundprinzip täglich zertrümmern zu lassen. Da sie nicht lernen durften, Vorgänge unterhalb ihres Bewusstseins wahrzunehmen, bleibt ihnen nichts übrig, als ihr Aufbegehren durch Hass und Empörung zu agitieren.

Das Unbehagen der Völker ist der Aufstand der verratenen Vernunft – die sich in Formen der Unvernunft darstellen muss. Es sind nicht die Begierden einer irrationalen Natur, die sich hier Bahn brechen. Das sind Lügenmärchen vom Menschen, der von Geburt an sündig sein soll. Der Schrei der Massen lautet: wir wollen ein anderes Leben. Das Leben, das uns aufgedrängt wird, ertragen wir nicht länger.

Das ist freilich nur der allgemeine Urgrund des Widerstands, der solange steril bleiben wird, bis die Völker lernen, ihre Rebellion auf den Begriff zu bringen. Ihre Selbstdeutungen sind gezeichnet von ihrer jeweiligen Sozialisation, die als pädagogische Maßnahme ausgegeben wird. Die kapitalistische Menschheit wird mit unendlichen Informationen über die Verruchtheit des Menschen überflutet. Sie soll nicht erfahren, dass der Mensch auch ganz anders sein kann.

99% aller Nachrichten verkünden den Glanz und die Verruchtheit der Reichen und Gewaltigen dieser Welt: einmal in Bewunderung, einmal in Abscheu. Die Medien selbst verheimlichen es nicht: nur schlechte Nachrichten sind gute Nachrichten.

Gute Nachrichten verbreiten sentimentales Gähnen. Ein russischer Retter der Menschheit ist den Geretteten so gut wie unbekannt. Gestern wurden die Preisträger der alternativen Nobelpreise verkündet. Es war schon ein Fortschritt, dass man ein Bild der Geehrten sah, zwei Sätze über das Warum der Auszeichnung hörte. Über das Gute gibt es keinen Brennpunkt, keine Sondersendungen über die Courage der Ausgezeichneten, die sich für ihre Mitmenschen einsetzen. Allzu oft gegen den Widerstand ihrer Regierungen, nicht selten mit Gefängnis und endlosen Benachteiligungen bestraft.

Leitbilder sind selbsterfüllende – oder selbstbestrafende Prophezeiungen. Mit welchen Leitbildern die Gesellschaften tagaus tagein berieselt werden: so wird das Empörungsinstrumentarium der Völker, die ihrer Vernunft Gewalt antun müssen, um ihre verzerrte Stimme zum Klingen zu bringen.

Die Massen der Französischen Revolution hätten niemals sagen können, was die Aufklärer in ihren Büchern geschrieben hatten. Und dennoch hatten sie es im Blut, als sie die Bastionen der Oberklassen stürmten. Jede Massenbewegung will bessere Verhältnisse – doch mit Methoden, die das Ziel allzu oft gefährden.

Der Kern des Menschseins kann nicht zerstört werden – die Methoden aber, um ihn zu realisieren, widersprechen allzu oft den erklärten Zielen. Sie sind Abfärbungen der Gewaltmethoden, mit denen sie selbst drangsaliert wurden. Ordinäres Rachebedürfnis unterminiert das hehre Ziel der Rebellion, die angepeilte utopische Gesellschaft muss sich amoralischer Mittel bedienen, die die Empörer selbst erleiden mussten.

Mit demoskopischen Interviews, die suggestiv erfragen, was sie hören wollen, sind die wahren Beweggründe der Völker nicht erforschbar. Was für Faust gilt, muss für Völker erst recht gelten: die Völker in ihrem dunklen Drange sind sich des Weges wohl bewusst.

Dennoch übertreffen sich die Eliten gegenseitig mit Volksverachtung. Sie selbst fühlen sich nicht mehr als Mitglieder des Volkes. Sie zählen sich zur weltumspannenden Führungsschicht oberhalb aller Deklassierten. Dass Populismus, die Urpflicht, dem Volke zu dienen, zum schlimmsten Schimpfwort der Gegenwart werden konnte, sagt alles über den Antipopulismus selbsternannter Eliten.

Über die Art und Weise, dem Volk zu dienen, muss gestritten werden. Dass aber der bloße Versuch, sich in den Dienst des Volkes zu stellen, zur Scharlatanerie erklärt wird, entlarvt die Hintertriebenheit jener Schichten, die dem Volk alle Vernunft absprechen. Das Volk ist für sie so unwichtig, dass sie ablehnen, es für seine Wahlergebnisse zu attackieren – was eine scharfe Selbstkritik einschließen würde. Indem man das Volk zum unberührbaren Götzen erklärt, deklassiert man es zum Pöbel auf der Straße, mit dem man kein Gespräch führen kann.

Die Politiker sollten den Menschen zuhören, forderte die volksverbundene BILD-Postille. Sie sollen also keine Gespräche führen, streiten, sich auseinandersetzen. Sie sollen zuhören, wie der Priester den Sündern, der unfehlbare Seelentherapeut seinen Patienten zuhört. Nicht, um einen gleichberechtigten Dialog zu führen, sondern um ein ultimatives Urteil zu fällen.

In gestelzter Sprache ist neuerdings von den Menschen die Rede, die man wiederentdecken müsse. Wenn Journalisten einmal in vier Jahren wissen wollen, was die Menschen denken, machen sie sich auf, um quer durchs Land zu fahren. Früher war es der kleine Mann auf der Straße, der von großen Beobachtern der Zeit wie ein seltenes Tierchen aufgespürt und zum Reden gebracht werden musste.

Das Vorbildliche gilt nichts im Bereich quotenträchtiger Sensationen. Wenn Macron als einziger europäischer Staatsmann es für nötig hält, eine fulminante Rede zur Erneuerung Europas zu halten – wie sind dann die Reaktionen in Deutschland? Die ganze politische Klasse schweiget still. Die Edelschreiber ironisieren die Großmachtgelüste des Franzosen und geizen nicht mit schwadronierender Kritik. Sie kritisieren nicht im eigenen Namen, sondern verstecken sich hinter den Meinungen von Experten: „Das wird uns teuer zu stehen kommen. Macron will Europa – nein, nicht erneuern – sondern umkrempeln und Deutschland umgarnen.“

Macrons Vorschläge muss man nicht für gut halten. Dass die Deutschen aber nicht mal in der Lage sind, den Reform- und Erneuerungswillen des französischen Präsidenten zu würdigen, unterstreicht den trostlosen Führungsanspruch der deutschen Nation.

Vor 80 Jahren waren sie die böseste Nation auf Erden. Vom Einlass der Flüchtlinge bis zur jetzigen Wahl waren sie, laut SPIEGEL, die vorbildlichste Nation der Welt. Dass die Deutschen die beste und mächtigste Frau der Welt so rüde abstraften, kann die Welt nicht verstehen.

Warum wurde sie nicht mit 99% der Stimmen gewählt, ist eine Frage, die zu einem totalitären Regime passt, nicht zu einer lebendigen Demokratie. An solchen Reaktionen ist immerhin die Sehnsucht der Völker nach moralischen Weltpolitikern ablesbar. Dass Politik ein Schlachtfeld für bedenkenlose machiavellistische Umtriebe sein soll: davon kann keine Rede mehr sein. Die Welt ist bereits so weit zusammengewachsen, dass moralische Grundsätze des privaten Lebens auch für die hohe Politik eingefordert werden. Anders wäre die globale Abscheu vor Trump nicht zu verstehen.

Der Aufstand der „Massen“ ist nicht zuletzt eine wütende Kritik an den Bigotterien der Weltpolitiker. Wenn Trump eine abscheuliche und brandgefährliche Rede in der UN-Vollversammlung hält, ist die Reaktion in Deutschland vernichtend. Wenn Netanjahu diese Rede als die beste und wichtigste seit Jahrzehnten rühmt, herrscht schreckliche Stille im deutschen Blätterwald. Kein Kommentar nirgendwo. Vor allem die Springerpresse, sonst nicht verlegen, Verbrechen gegen Menschen- und Völkerrechte bei Putin anzuprangern, entlarvt ihr bodenloses Verständnis von Moral: bei Freunden ist jede Bigotterie erlaubt, bei Feinden wird sie hemmungslos angeprangert.

Das Gleiche gilt für eine Kanzlerin, die sich sonst ihrer moralischen Engelqualitäten rühmt und hier in kläglicher Feigheit vor dem Freund schweigt. Das Gleiche gilt für die Merkel-Sekte, die unmittelbar nach der Samaritertat ihre Kanzlerin wie durch Erleuchtung gefunden hatte: das ist unsere Kanzlerin, skandierten sie vor dem Amtssitz ihrer Lichtfigur. Als die Großmeisterin der Agape ihre Flüchtlingspolitik ins Gegenteil verkehrte, war von der Merkel-Sekte nichts mehr zu hören.

Solche unfasslichen Kollektiv-Heucheleien im Rang seriöser Außenpolitik, im Falle Netanjahus sogar unter dem Siegel der Holocaust-Sühne, bleiben dem Volk nicht verborgen. Deutschland spielt sich auf als internationaler Moralwächter und unterlässt nichts, um mit seiner Wirtschaftswalze andere Länder platt zu machen, in Not und Elend zu treiben. Inzwischen wird kaltschnäuzig gebilligt, dass Flüchtlinge reihenweise im Meer ertrinken.

Die Menschen spüren den Widerspruch zwischen ihrer Selbstsucht und dem Hilfswillen gegenüber Schwächeren. Doch kein Mensch aus der Klasse der Politiker und Edelschreiber hat das geringste Gespür für die Nöte des Großen Rüpels. Er bleibt allein in seiner latenten Tortur aus egoistischem Selbsthass und moralischer Weltverbesserung.

Was sind die Deutschen?

„Die Deutschen sind noch nichts, aber sie werden etwas, also haben sie noch keine Kultur. Die geistige Aufklärung ist ein unfehlbares Mittel, um die Menschen unsicher, willensschwächer, anschluss- und stütz-bedürftiger zu machen, kurz das Herdentier im Menschen zu entwickeln. Die Selbsttäuschung der Menge über diesen Punkt, z.B. in aller Demokratie, ist äußerst wertvoll: die Verkleinerung und Regierbarkeit der Menschen wird als Fortschritt erstrebt“. Schreibt Nietzsche, Feind der Demokratie.

Hat sich seit mehr als 100 Jahren irgendwas an der Richtigkeit des Befundes verändert? Die Eliten fühlen sich immer gottähnlicher, weil es ihnen gelang, die Menge so zu erniedrigen, dass sie allen Direktiven von Oben fast widerspruchslos folgt. Doch je mehr die Unteren die Verachtung der oberen Klassen spüren, je mehr beginnen sie aus allen Rohren zu hassen. Ihre anonymen Angriffe haben sie mehr und mehr in die Wahl einer Partei transformiert, die vor menschenfeindlichen Parolen nicht zurückschreckt.

Inzwischen scheint alles erlaubt, um seinen Willen zur Macht zu vollstrecken. Medien verurteilen die amoralischen Methoden Trumps und der AfD – und führen ungeniert ihre Angriffe gegen Moralisten fort. Besonders erbost sind sie über gezielte Lügen der sozialen Medien, indem sie sich als Hüter der reinen Wahrheit aufspielen. Vor kurzem noch konnten sie eine allgemein-verbindliche Wahrheit höhnisch vom Tisch wischen. Dass ihre Faktenfrömmigkeit schon von Nietzsche als Mythos moralischer Philister abgetan wurde, ist ihnen entgangen. Kein Wunder, Gedanken der Vergangenheit zählen sie nicht zur Kategorie schützenswerter Tatsachen:

„Gegen den Positivismus, welcher bei dem Phänomen stehen bleibt, ‘es giebt Thatsachen‘, würde ich sagen: nein, gerade Thatsachen giebt es nicht, nur Interpretationen. Wir können kein Factum ´an sich` feststellen. Die ´wahre Welt` – eine Idee, die zu Nichts mehr nütz ist, nicht einmal mehr verpflichtend, – eine unnütz, eine überflüssig gewordene Idee, folglich eine widerlegte Idee: schaffen wir sie ab!“

Jetzt rächt sich, dass die Erkenntnis der Vergangenheit als Bedingung der Selbsterkenntnis ad acta gelegt wurde. Immer nach vorne zu schauen und niemals zurück: das könnte suizidale Folgen haben. Es ist die fatale Definition deutscher Bildung, nur Fakten zu kennen, aber nicht deren Bedeutung. Das hindert uns, die Krisen der Gegenwart zu verstehen.

Wie kommt es, dass die gemeinsamen Werte des christlichen Westens immer mehr abhandenkommen? Diesen Vorgang nannte Nietzsche die Heraufkunft des Nihilismus.

„Was bedeutet Nihilismus? – Dass die obersten Werte sich entwerten. Es fehlt das Ziel, es fehlt die Antwort auf das Warum.“ (Der Wille zur Macht)

Wir glauben, unsere Vergangenheit bewältigt zu haben und sind von ihr rundum umzingelt. Worin besteht der Nihilismus? Nach Nietzsche im Verfall zur Demokratie. Eben dies wird immer mehr zur Meinung post-demokratischer Propheten, die dreist zum Schreddern der Demokratie auffordern.

Nihilismus ist Pessimismus, der sich unter dem obligaten Fortschrittsoptimismus verstecken muss und sich dennoch langsam, aber sicher als unartikuliertes Gebrüll Gehör verschafft. Für Eliten ein sicheres Symptom, dass es hier nichts zu verstehen gibt. Wer das System ablehnt, muss ein Mensch sein, der mit vollem Bewusstsein böse sein will.

„Der Pessimismus als Niedergang – worin? Als Verzärtlichung, als kosmopolitische Anführerei, als „tout comprendre“ (alles verstehen).“

Eben die Verachtung des kosmopolitischen Denkens kennzeichnet einen Großteil der heutigen Gelehrten. Etwa den führenden deutschen Philosophen Peter Sloterdijk:

„Wir besitzen heute keine hinreichend starke philosophische Vision der Welt mehr, um das Ganze unter einem Dach zu erfassen. Der Humanitarismus entstand als Universal- und Globalethik aus der Übertreibung der Familienidee. Überhaupt müssen wir uns heute vor einer Überstrapazierung des Universalismus der Aufklärung hüten. Die Philosophie begann als hohe Kunst der Asozialität.“

Wohin führt der Prozess des heraufkommenden Nihilismus? Dorthin, wo die Entwertung der Werte als Befreiung empfunden wird. Dann entsteht eine neue Form der „Unschuld“ – die wir beispielhaft bei Trump erkennen, der keinerlei Schuld- oder Schamgefühle ob seiner atomaren Lüsternheit zu empfinden scheint. Nichts ist mehr verboten, alles ist erlaubt – für den, der sich diese Freiheit erlauben kann. Sollten Nietzsches Analysen recht haben, stehen uns große Dinge bevor:

„Große Dinge verlangen, dass man von ihnen schweigt oder groß redet, das heißt zynisch und mit Unschuld.“

Der eine Politiker redet groß, die andere Politikerin schweigt. Einer macht in Zynismus, die andere in pastoraler Unschuld. Die internationale Verflechtung hat es weit gebracht: bis zur Arbeitsteilung in bigotter Moral.

 

Fortsetzung folgt.