Neubeginn LVI

Tagesmail - Montag, den 11. September 2017

Hello, Freunde des Neubeginns LVI,

es gibt Kinderschändung und Religionsschändung, Pädophilie und Religiophilie. Religionsschänder berufen sich auf heilige Bücher, um ihre Untaten zu begründen. Sie schrecken nicht davor zurück, die reinsten und lautersten Erfindungen der Menschheit mit dem Schmutz ihrer Bosheit zu besudeln. Religionen sind Botschaften der innigsten Menschenliebe. Wer sie missbraucht zur Legitimation seiner Bösartigkeit, ist Feind und Verderber des Besten, was Große Seelen der Menschheit vermachten.

Die deutsche Kanzlerin hat ihren geheimsten Berufswunsch offenbart – sollten die Deutschen den Fehler begehen, sie bei der übernächsten Wahl dorthin zurückzuschicken, woher sie gekommen war: ins Dunkel der Geschichte. Nachdem sie zur mächtigsten Politikerin der Welt aufstieg, will sie die erste planetarische Lichtfigur der Weltreligionen werden. Nachdem bedeutende Männer wie C.F. von Weizsäcker und Hans Küng an der Mission scheiterten, will sie als pan-ökumenische Madonna die vielfältigen und doch so schlichten und einfachen Lehren der reinen Menschenliebe zu einem überwältigenden Bündnis vereinen.

Religionen müssen endlich vor ihren fanatischsten Gläubigen in Schutz genommen werden, erklärte sie vor Religionsführern und Politikern aus aller Welt mit innigstem Erleuchtungs-Lächeln:

„Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hat bei der Eröffnung des Weltfriedenstreffens an Kirchen- und Religionsvertreter appelliert, sich nicht vereinnahmen zu lassen. „Religionen haben den Auftrag zum Frieden und deshalb kann es keine Rechtfertigung von Krieg und Gewalt im Namen einer Religion geben“, sagte sie am Sonntag im nordrhein-westfälischen Münster. Insbesondere die Religionsgemeinschaften selbst seien dazu aufgerufen, „sich deutlich gegen die Vereinnahmung von Religion durch diejenigen zu wenden, die die Würde von Menschen mit Füßen treten“. (Berliner-Zeitung.de)

In seinem Buch „Weltethos“ hatte der katholische Theologe Hans Küng den ...

... kompatiblen Liebeskern aller Religionen herausgearbeitet, ohne an der Überlegenheit seiner unfehlbaren Religion den leisesten Zweifel aufkommen zu lassen.

C.F. von Weizsäcker, der in Hitler die Ausgießung des Heiligen Geistes erlebt hatte, avancierte in der Nachkriegszeit als bekehrter Sünder zum führenden Intellektuellen der BRD und suchte im Bündnis aller Weltreligionen die zweite Erleuchtung. Er rief zu einer Weltversammlung aller Christen auf und verkündete einen „radikalen Pazifismus als das christlich einzig Mögliche“.

„In den 1980er und 1990er Jahren traf er mehrmals mit Tendzin Gyatsho, dem 14. Dalai Lama, zusammen. Im Gedankenaustausch erkannten der Physiker und der Buddhist deutliche Parallelen zwischen den beiden Lehren, und er wurde von beiden als sehr fruchtbar betrachtet.“

Er forderte, die Einheit der Welt zu denken, „die in egoistischen Interessen und widerstreitenden Kulturen auseinanderzufallen droht“. Wissenschaft und politische Moral seien untrennbar verbunden und beruhten auf „dem Quellgrund religiöser Erfahrung. Nicht Optimismus, aber Hoffnung habe ich zu bieten.“

Für gläubige Christen und Marxisten ist Optimismus eine säkulare Nichtigkeit, Hoffnung aber beruht auf dem Grund eines festen und unerschütterlichen Glaubens.

Was ist eine Religion – und was unterscheidet sie von der Philosophie?

Wenn die Philosophie eines Einzelnen sich zur Lebensgestaltung eines Volkes ausweitet, nennt man sie Religion. Wenn Philosophie nur die Denk- und Lebensweise kleiner Gruppen prägt, bleibt sie Philosophie. Es hängt vom Erfolg ab, ob wir von Philosophie oder Religion reden.

Wie es unverträgliche Philosophien gibt, gibt es auch unverträgliche Religionen. Nicht alle Philosophien beruhen auf der autonomen Denkkraft ihrer Urheber, nicht alle Religionen sind Offenbarungen übermenschlicher Wesen.

Der Buddhismus war ursprünglich die Lehre eines Menschen und wurde erst nach und nach zu einem dogmatischen Gebäude mit Göttern und übermenschlichen Kräften. Die chinesischen Religionen sind Abkömmlinge individueller Philosophen und vermischten sich erst im Verlauf der Zeiten mit Bestandteilen vor-philosophischer Mythen.

Religionen werden von weltläufigen Priestern als bloße Varianten einer homogenen Grundmelodie betrachtet. Davon kann keine Rede sein. Die Rede von den Religionen, die man als einheitliche Kategorie betrachten kann, ist eine der vielen Grundlügen der Moderne.

Die Sprache ist unschuldig. Schuldig sind die Benützer der Sprache, die ihren heutigen Zeitgenossen einbläuen wollen, alle Religionen, die nicht zur Familie der erlösten gehören, seien von minderwertiger Qualität – und dennoch seien alle Religionen reinste Liebesprodukte. An diesem „religiösen Rassismus“ haben die wenigen Einheitsversuche von Weizsäcker und Küng nichts geändert.

Weizsäcker, der im Kreise fremder Religionsführer nichts davon hielt, von der alleinseligmachenden Christenlehre zu sprechen, war durchaus fähig, im Auftrag der evangelischen Kirche ein Gutachten über einen renitenten Pastor zu verfassen, um ihn wegen dogmatischer Abweichungen aus dem Dienst zu jagen.

Küng, ursprünglich mit einem Kollegen namens Ratzinger befreundet, hatte nicht die geringste Chance, den späteren Inquisitionskurs des Papstes Benedikt auch nur um ein Quäntchen zu mildern.

Wie immer bei christlichen Propagandisten handelte es sich bei Küng und Weizsäcker um symbolische Deklarationen der Nächstenliebe: sie sollen pathetisch klingen, aber die Welt verändern sollen sie nicht.

Die Ethik der Agape hat zweierlei Funktionen: der Welt muss sie die Überlegenheit des Evangeliums demonstrieren – und gleichzeitig erklären, warum der sündhafte Mensch aus eigener Kraft die gepredigte Agape nie realisieren kann. Auch wiedergeborene Christen sind nicht in der Lage, zu tun, was sie anderen predigen. Doch ihnen wird vergeben, denn sie bereuen und geloben Besserung. Wer aber nicht im Glauben ist, über den kommt Heulen und Zähneklappern.

Naturreligionen sind nichts als bewundernde, respektvolle und furchtsame Bilderbeschreibungen der Natur. Götter sind keine moralisch überlegenen Wesen, haben keine Offenbarungslehre, verhalten sich überaus menschlich und sind alles andere als Verkörperung perfekter Mächte. Naturreligionen gibt es in matriarchalischen Kulturen, in denen die Natur als Allmutter (Pachamama) verehrt wird. Mutterreligionen sind monistisch. Unversöhnliche Zweikämpfe zwischen einem guten und einem bösen Prinzip, Gott und Teufel, kennen sie nicht.

Erst, als die Männer die Einheitslehre der Frauen vernichteten, um ihre hierarchischen Hochkulturen zu errichten, begann die Schreckensherrschaft der dualistischen Religionen – zu denen die heutigen drei dominanten Erlösungsreligionen gehören.

Hier beginnt die Spaltung des Seins. Die Natur ist keine Einheit mehr. Hass auf das Andere, auf das Nicht-Ich ist das Grundprinzip des Lebens. Der Mensch ist mit dem Menschen und der ganzen Natur verfeindet. Die Feindschaft kann nur durch Schreckensherrschaft im Zaum gehalten werden, bis die Schöpfung – das Werk eines allmächtigen Mannes – vernichtet sein wird, um eine neue zu schaffen.

Der Schöpfer präsentiert sich seinen Kreaturen als perfekter Macher, obgleich er sein Werk hasst. Denn er hält es für so irreparabel defekt, dass er es vernichten muss. Ununterbrochen verheißt er seinen Frommen das Heil auf Erden. Doch beim Versprechen bleibt‘s. Den Termin der Heilung verschiebt er von mal zu mal – bis ans Ende aller Tage, das kommen wird wie der „Dieb in der Nacht“.

Die Beschreibung der göttlichen Personalie war zugleich die des irdischen Mannes, der seinem Gott ebenbildlich sein will. Verwunderlich, dass niemand auf die Idee kommt, die Charakterstruktur des Mannes aus der seines allmächtigen Phantasiegottes abzuleiten. Denn bei letzterem sieht man in gigantischer Vergrößerung die alltäglichen Neurosen und Psychosen des irdischen Mannes. Platons utopischer Staat war die Riesenausgabe eines perfekten Menschen. Um den einzelnen Menschen besser zu durchschauen, entwarf er ihn ins Megalomanische.

Der Grund für die mangelnde Selbsteinschätzung liegt in der dualistischen Struktur der Erlöserreligion, in der alles Gute dem Schöpfer, alles Miserable seinem satanischen Gegenüber zugeschrieben wird. Die Parallelen von Gott und Mann sind offensichtlich. Alle segensreichen Inventionen sind Früchte des männergemachten Fortschritts, alle schrecklichen Nebenfolgen entspringen der teuflischen Charakterstruktur des Pöbels.

Die Männer des Fortschritts rühmen penetrant ihre geniale Potenz. Dass aber noch viele Menschen Not leiden, hungern und verderben, ist der Bosheit und Imbezillität der Nichtgenialen, Ehrgeizlosen und Trägen zuzurechnen. Jeder Fortschritt wird hochgejubelt, seine Schattenseiten aber müssen die Überflüssigen ausbaden – oder werden durch den nächsten Fortschrittsschub ausgeglichen, der wiederum unliebsame Nebenfolgen haben wird usw. bis ins Unendliche. Die Übel des Fortschritts werden immer untertrieben, die Vorteile in den Himmel gehoben. Wer die Selbstglorifizierung der technischen Genies nicht teilt, gilt als fortschrittsfeindlich.

Der „Vorteil“ des Dualismus ist die Spaltung der Ursache oder der Schuld. Wenn ich dem Urheber einer Tat nur das Gute zuschreiben darf, das Schlechte aber einem andern, gibt es keine klare Ursache mehr. Schuld im Sinne einer kausalen Verbindung zwischen Ursache und Wirkung ist eliminiert. Was bleibt? Die Schuld – als willkürliche göttliche Zuschreibung an solche, die von vorneherein für alle Schuld zuständig sind.

Die Geschichte wird zu einem Kampf zwischen Guten und Bösen, nicht zwischen Verantwortlichen und Schuldlosen im objektiven Sinn. Die Guten sind für kein Böses, die Bösen für kein Heilsames verantwortlich. Die Tugenden der Heiden sind goldene Laster. Die Guten und Erwählten können tun und lassen, was sie wollen: selbst das Böse, das sie tun, gereicht ihnen zu Ruhm und Ehre. Die Bösen können sich noch so bemühen, stets sind sie an allem schuld.

Nach Zerschlagung der objektiven Kausalität kann es kein problemlösendes, planmäßiges Vorgehen mehr geben. Alles ist auf Zeit und Zufall angelegt. Alles ist unberechenbares Risiko und unvorhersehbares Wagnis.

Wer dennoch etwas planen und durchkalkulieren will, wird zum Planwirtschaftler erklärt. Mit dem Untergang des Sozialismus aber habe sich alle Planwirtschaft selbst desavouiert. Hier wird die Kleinigkeit übersehen, dass der Sozialismus keine Planwirtschaft war, sondern eine Diktatur der Partei, die den Massen vorschrieb, was sie zu tun hatten.

Die Freiheit des neoliberalen Wirtschaftens muss jedes verantwortliche Vorausschauen ausschließen. Irgendwie und zufällig muss die Gesamtwirkung vieler unberechenbarer Einzelwillen in ein sinnvolles Ergebnis münden. Bei so vielem Vagabundieren wird’s manchem mulmig, weshalb eine Unsichtbare Hand eingefügt werden muss, um dem Wildwuchs zu begegnen. So kommt es zu den neoliberalen Begriffsverwehungen: frei wird blind und unverantwortlich; planmäßig wird unfrei und totalitär. Wir befinden uns noch immer im Sog des Dualismus.

An die Stelle der kausalen Schuld trat die willkürlich zugeteilte Schuld, die nur göttliche Gnade unverdienterweise vergeben konnte.

Im Kapitalismus werden Leistung und Verdienst als objektiv-rationale Größen geführt. Doch niemand kann erklären, warum leitende Manager das 30-fache, inzwischen das 300-fache eines Facharbeiters verdienen sollen. Aus dem hohlen Bauch gegriffene Überlegenheits-Anmaßungen bestimmen die Abstände der Hierarchie. Je mächtiger die Wirtschaftsbosse, je größer die Abstände zwischen Oben und Unten. Die Methode der Quantifizierer ist ein mystagogisches Herumwirbeln von Zahlen.

„Mit dem Übergang zu männlichen Göttern entwickelte sich in den Religionen geradezu eine Besessenheit von Schuld und Sünde. Die Götter benahmen sich nicht wie liebevolle Väter, sondern wie Autoritäten, die die Oberhand über die Jüngeren mit eisernem Griff behalten wollten. Der jüdisch-christliche Gott entwickelte sich zu einem der hervorstechendsten Beispiele für Feindseligkeiten zwischen Vätern und Söhnen. Er bestrafte die gesamte Menschheit für die einzige Sünde eines entfernten Verwandten mit einer schrecklichen Buße, die in erbarmungsloser Pein ewig währen sollte. Die Angst vor der irrationalen und rachsüchtigen Gottheit trieb eine ganze Zivilisation in die Neurose. Gegen soziale Missstände, die lösbar gewesen wären, wurde nichts unternommen. Warum? Weil alle Menschen Sünder seien, die ihr Leid verdient hätten – vor allem die Frauen, die ersten Sünderinnen.“ (Walker) War doch Eva die Urmutter aller Sünde, weshalb ihre weiblichen Nachkommen ihr Leben unter der Herrschaft des Mannes verbringen mussten. Dies hat sich bis zum heutigen Tag nicht grundsätzlich verändert.

Für Kirchenvater Tertullian beruhte alle Religion auf Furcht. Deshalb seine Frage: „Wie willst du lieben, wenn du nicht fürchtest, nicht zu lieben.“ Liebe ist nicht die Frucht einer freiwilligen freudigen Hinwendung zu anderen Menschen, sondern eine durch Furcht erpresste Leistung – um für sich selbst die Seligkeit zu gewinnen. Inszenierte Liebe im Dienst eines grenzenlosen Egoismus. Die Verhältnisse des Menschen müssen zerrüttet sein, sonst sind sie unerwünscht.

Das Bedürfnis nach einer heilen Familie wird heute als reaktionäre Triebregung geächtet. Was wäre die progressive Alternative? Das Streben nach der unheilen Familie. Was heil ist, muss fürchterlich sein, was unheil, die größte Seligkeit.

Obgleich Frauen die ersten und eifrigsten Jüngerinnen des christlichen Glaubens waren, haben sie bis heute die meisten Nachteile der Männerreligion zu erleiden. Natürliche Religionsvorstellungen der Frauen werden seit 2000 Jahren von einem aufgezwungenen männlichen Religionssystem unterdrückt. Es waren vor allem amerikanische Feministinnen, die darauf hinwiesen, wie wichtig es für die intellektuelle Unabhängigkeit der Frauen sei, von Jahwe oder seinem Sohn Abschied zu nehmen. Der deutsche Feminismus denkt nicht daran, das Tabu der Männer anzugreifen und mit der Männerreligion zu brechen.

Über Furcht und Schrecken, Gewalt und Terror von unvorstellbarem Ausmaß in der christlichen Religion können die „vielen Passagen über Liebe, Güte, Barmherzigkeit und Mitgefühl der Heiligen Schrift nicht hinweg täuschen“, schreiben Victor und Victoria Trimondi in ihrem phänomenalen Buch „Krieg der Religionen“. Das war der Grund, warum viele Religionsforscher das Heilige mit dem Schrecklichen gleichsetzten.

Zu ihnen gehörte an erster Stelle Rudolf Otto mit seinem Buch: „Das Heilige – Über das Irrationale in der Idee des Göttlichen und sein Verhältnis zum Rationalen“. Das Heilige definierte er als tremendum und fascinosum, als Furcht und Faszination.

„Nach Otto wird der Mensch vom Religiösen umso mehr ergriffen, je schrecklicher und irrationaler dieses sich ihm offenbart. Die Hingabe an einen zornigen und irrationalen Gott soll intensiver und unbedingter sein als die an einen gütigen und vernünftigen. Gerade das „Unmenschliche“ des apokalyptischen Rächer-Christus mache seine „Göttlichkeit“ und Sakralität aus.

C.G. Jung, Pfarrersohn, diagnostizierte die Offenbarung des Johannes als „schwere Psychose“: „eine wahre Orgie von Hass, Zorn, Rache und blinder Zerstörungswut, die sich an phantastischen Schreckbildern nicht genug tun kann, bricht aus und überschwemmt mit Blut und Feuer eine Welt, die man eben noch erlösen wollte.“

Auch der englische Dichter D.H. Lawrence schrieb über das Buch der Apokalypse: „Die zweite Hälfte des Buches ist flammender Hass und pure Lust auf das Ende der Welt. Der Apokalyptiker will das Universum oder den Kosmos ausgelöscht sehen.“ Ausgerechnet dieser Dichter konnte – wie Martin Luther – der Faszination dieser schrecklichen Zukunftsvision im Alter nicht widerstehen.

Wer diese Visionen mit den Erzeugnissen Hollywoods vergleicht, wird eine vollständige Übereinstimmung entdecken. Zukunft ist für die amerikanische Filmindustrie eine Orgie furchterregender Alpträume.

Filme sozialisieren die amerikanischen Jugendlichen mehr als Bücher und rationales Denken. Da sie nur illustrieren, was viele Amerikaner glauben, darf man sich nicht wundern, dass die amerikanische Politik dazu neigt, Hollywood zum Vorbild ihrer Weltpolitik zu nehmen.

Für Trump ist ein Atomschlag nichts als eine Pirouette seiner plagiierenden Filmphantasie. Wie er seine TV-Sendung eins zu eins in die Realität übersetzte, spürt er nicht die geringsten Hemmungen, seine biblische Hollywood-Phantasie in die Realität zu verwandeln.

Man könnte die Frage stellen, ob grausame Darstellungen im Märchen – oder in Computerspielen und in heiligen Schriften – Kinder oder Jugendliche zu gleichem Tun animieren oder sie von ihren Gewaltphantasien entlasten.

Bettelheims Antwort war sein Buch: „Kinder brauchen Märchen“, um zu zeigen, dass solche Phantasien menschlich seien. Darüber müsse man nicht in Angst und Schrecken fallen. Die aufkommende Zensurwut linker Eltern, die ihren Kindern nur moralisch korrekte Märchen vorlasen, hielt Bettelheim für psychologische Dummheit. Gegner Bettelheims behaupteten, solche Bosheiten erzeugten einen faszinierten Nachahmungs-Effekt.

Doch ein Punkt der Debatte wurde von beiden Seiten übersehen. Die Wirkung hängt auch davon ab, wie Kinder nicht nur die Fiktionen, sondern auch die Wirklichkeit erleben. Erleben sie die Realität rational und menschenfreundlich, haben grausame Bilder eine kathartische Wirkung. Heute aber werden politische Verhältnisse immer mehr als Verfallserscheinungen empfunden. Kein Wunder, dass Fiktionen, je mehr sie an die Realität erinnern, umso nachahmungswürdiger empfunden werden – um sich gegen potentielle Gefahren zu wappnen.

Das kollektive Es der Moderne in seiner biblischen Geprägtheit taucht wie ein Alptraum aus den Fluten des Unbewussten auf, zerbricht die Kontrollinstanz einer schwächer werdenden Vernunft und übernimmt plärrend und exhibitionistisch die Herrschaft über das Ich. Wenn Kinder heilige Geschichten lernen müssen, die von göttlichen Gewaltorgien verseucht sind, werden sie Gewalt als etwas Unantastbares und Notwendiges verinnerlichen.

Sind Religionen im Kern Liebesbotschaften? Im Gegenteil. In Erlöserreligionen liebt Gott nur die Seinen – eine winzige Minderheit. Die Mehrheiten versenkt er hemmungslos in einem Meer endloser Tortur.

Ist es verwunderlich, dass göttliche Vorbilder die Verhaltensweisen ihrer Gläubigen prägen? Im Privaten wie im Politischen? Die christlichen Gräuel im Verlauf des Abendlandes bis zum heutigen Tag können wir uns sparen. Der Christus der einen Religion ist der Antichrist der rivalisierenden Religion.

„Radikale jüdische Siedler orientieren sich ideologisch an dem extrem martialischen Vorgehen des biblischen Josua, der als Feldherr des Moses das Heilige Land eroberte und dabei vor einem Genozid der ansässigen Stämme nicht zurückschreckte. Sie nehmen Josua als Vorbild für den „Messiah ben David“, der kommen wird, um das sakrale Königtum in Israel wieder zu errichten. Aber auch im indischen Vishnu Purana oder im buddhistischen Kalachakra-Tantra ändert sich an der Militanz und dem Alleinanspruch auf die Weltherrschaft durch den jeweiligen Erlöser nichts. In all diesen Eschatologien gilt das Gesetz, das kommende Reich der Glückseligkeit muss mit Feuer und Schwert, Zorn und Hass, Menschenverachtung und Menschenvernichtung herbeigeführt werden.“ (Trimondi)

In ihrem neuen Buch „Das Mysterium des äußersten Glücks“ hat die wunderbare Arundhati Roy den Rückfall Indiens ins Religiöse beschrieben:

„Die Modi-Regierung aber zielt darauf ab, das multireligiöse und multikulturelle Land in eine Weltanschauungsgemeinde umzubauen, womit das Credo einer Nation, in der mehr als hundert Sprachen gesprochen werden und neben Hindus auch Muslime, Christen, Sikhs, Parsen, Buddhisten, Juden und Jains leben, verraten wird. Indien mag sich nach außen hin als durchlässig präsentieren, in Wahrheit regiere das Kastenwesen mit eiserner Gewalt, „eines der brutalsten Systeme der Gegenwart“. Bis heute wagten es nur fünf Prozent aller Inder, außerhalb ihrer Kaste zu heiraten.“ (FAZ.NET)

Nicht nur das Christentum ist antinomisch: alles ist erlaubt, was aus Glauben geschieht. Das Böse ist das Instrument alles Heiligen. Auch der Brahmanismus hat – so Albert Schweitzer – mit Ethik nichts zu tun. „Die Brahmanen wagen es, sich einzugestehen, dass sich aus dem Nachdenken über die Welt nichts Ethisches ergibt. Über die Welt erhaben sein, heißt für sie: über allem Tun stehen, dem guten wie dem bösen. In einer Upanishad heißt es: „Die Gedanken „Ich tat Übles“ oder „Ich tu Gutes“ wird vom Unsterblichen überwunden. Gut und schlecht, getan oder nicht getan, lässt den Heiligen kalt. Von der Verpflichtung, Gutes zu tun, ist er befreit. Böses oder Gutes tun: beides ist für ihn wesenlos geworden. Was zählt, ist einzig das Eins-Werden mit dem Brahman durch Erkenntnis, Weltentsagung und Sich-Versenken. (Schweitzer, Die Weltanschauung der indischen Denker)

Huntingtons berühmte These lautet, die Kulturen der Nationen würden immer mehr aufeinander prallen. Dagegen hat Tariq Ali sein Buch geschrieben: „Fundamentalismus im Kampf um die Weltordnung“. Dort versucht er nachzuweisen, dass nicht Kulturen, sondern religiöse Fundamentalisten aufeinander prallen.

Die etablierten Religionen sind nicht nur friedfertig und mitfühlend, sondern erweisen sich als potentiell militant. Solange sie von Texten tiefengeprägt sind, die den Stempel heiliger Gewalt tragen, müssen sie als Tretminen betrachtet werden, die jederzeit hochgehen können. In der deutschen Debatte wird allein über die Bedrohlichkeit des Islam gesprochen. Dass alle dualistischen Religionen ein menschenfeindliches Potential bergen, das – trotz einiger Forderungen nach Liebe – jederzeit schlimmste Aggressionen gegen Andersgläubige entzünden kann, ist unbestreitbar.

Es genügt nicht, menschenfreundliche Alibi-Zitate herauszufiltern und schreckliche Stellen zu ignorieren oder gar umzudeuten. Der totalitäre Kern der Religion verhält sich wie die Lagerung von Atommüll: er strahlt noch in unendlich vielen Jahren – wenn man ihn nicht mit allem Fühlen und Denken überwindet und sich von der Religion verabschiedet.

Merkels Rühmen der Religionen als Inbegriff humaner Gesinnungen ist nicht nur bodenlos ignorant, sondern gefährlich. Die Physikerin ist nicht in der Lage, sich über dieses Thema wissenschaftlich zu informieren und sich mit unliebsamen Erkenntnissen auseinanderzusetzen. Im Glauben ist sie allwissend und unfehlbar. Das lieben die Deutschen, wenn zersetzende Zweifel nicht das Leben dominieren.

Die Kirchen behandeln das menschenfeindliche Potential ihres Glaubens mit kaltblütigem Zynismus: weder bestätigen noch dementieren sie. Sie schweigen ihre Giftbestände tot:

„Es gibt Dinge, bei denen man sich angewöhnt hat“ – schreibt ein Schweizer Theologe – „nicht darüber zu sprechen. Sie werden weder befürwortet, noch bestritten, sondern schlicht mit Schweigen bedacht. Das Endgericht Gottes gehört zu den Dingen, über die in der gegenwärtigen religiösen Landschaft einfach nicht gesprochen wird.“

Am Anfang war das Wort – am Ende das dröhnende Schweigen einer deutschen Pastorentochte.

 

Fortsetzung folgt.