Neubeginn LIII

Tagesmail - Montag, den 04. September 2017

Hello, Freunde des Neubeginns LIII,

„Das ist beruhigend angesichts der furchtbar verzwickten Weltlage, es ist eigentlich ein schöner Beleg der Stabilität dieses insgesamt ja doch noch recht gut funktionierenden Landes. Wenn es nur nicht so einschläfernd wäre“ – schreibt der SPIEGEL.

Mitten in den deutschen Schlaf platzten die Meldungen von der nordkoreanischen Atom- oder Wasserstoffbombenexplosion und von Trumps Drohung mit atomarem Gegenschlag. Sollte die furchtbar verzwickte Weltlage irgendetwas mit uns zu tun haben?

Debattierten die Kandidaten über die Lage Deutschlands inmitten der Welt? Die Welt: sie schlossen sie aus, dann entschuldigten sie sich, dass sie tun müssten, als stritten sie. Sie taten, als ob. Hinter dem Als-ob tätschelten sie und beruhigten sich gegenseitig: Nur Mut, wir schaffen es. Geht es uns im Vergleich mit der Welt nicht famos? Und wenn die Welt voll Teufel wär, es soll uns doch gelingen.

Wir leben in einer Welt des Umbruchs, doch bei uns herrscht ruhige Langeweile, die wir uns redlich verdient haben. Besser Monotonie unter der Regierung von Langweilern, als ein flächendeckender Umbruch mit schrecklichen Folgen.

Des Deutschen Tätigkeit kann allzu leicht erschlaffen, er liebt sich bald die unbedingte Ruh, drum geb ich gern ihm den Gesellen zu, der reizt und wirkt muss als Teufel schaffen. Hierzulande muss der Teufel ein auswärtiger sein. Er residiert in fremden Metropolen, die Moskau, Ankara und Damaskus heißen. Es kann auch die Hauptstadt amerikanischer Freunde sein, wo der teuflische Geselle sich als Verbündeter ausgibt. Tritt der Teufel als Freund auf, ist es tückisch, ihn als Teufel zu entlarven – ohne ihn gleich in die Wüste zu schicken. Könnte man eines Tages nicht ...

... auf ihn angewiesen sein?

Bei uns allet jut. Anderthalb Stunden genügen zur politischen tour d’horizon im Durchlauferhitzer. Ging es doch nur um Kleinigkeiten. Eliten der Tat und der Beobachtung waren unter sich. Das Publikum wurde zu Voyeuren degradiert.

Sadomasochistisch die Regeln ihres Umgangs. Die einen bestimmten die äußeren Bedingungen des Gesprächs, die anderen quälten zurück mit sogenannten Fragen. Ab jetzt nur noch Ja und Nein. Darf ich einen Satz hinzufügen? Nein. Antworten im Stachanow-Akkord. Sollen die Herrschenden doch mal fühlen, wie es ist, wenn man am Förderband steht und unter Zeitdruck produzieren muss. Auch Kopfarbeit ist nichts als Arbeit pro Zeiteinheit. Die Stechuhr regiert. Wer seine Zeit überschreitet, wird gerügt. Punktabzug. Der Geist ist quantifiziert. Schließlich muss man vergleichen.

Vergleichen kann man nur, wenn man misst. Messen kann man nur Quantitäten. Nicht lange, dann werden Gehirnströme gemessen, das Gequassel kann eingestellt werden. Das Neue entsteht in anderen Gehirnregionen als das bewährte Alte. Gesichtserkennungsmaschinen werden Mienen und Körpersprachen analysieren. Wer das für verrückt hält, will nicht über den Tellerrand gucken und ist nicht neu-gierig auf – richtig, das Neue. Auf Altes kann man nicht neugierig sein.

Das Neue ist das Unvorhergesehene, noch nie Dagewesene. Die Fähigkeit der Sender, sagte der ZDF-Chefredakteur, ist das Überraschende. Also muss es live im Studio erzeugt werden. Und da ist es:

Waren Sie heute in der Kirche? Ähh, was? Kirche? Ähh, ich war in der Kapelle – das muss als Kirche gelten – um Trauer zu tragen, sagte der fromme Herausforderer. Ähh, muss leider passen, sagte die Verteidigerin und wurde blass um die Ohren Das heißt, ähh, gestern war ich auch trauern. Gerettet. Patt im Trauern.

Zur deutschen Demokratie gehören Religionspflicht und Glaubenszensuren. Die deutsche Leitreligion muss verteidigt werden gegen den Ansturm fremdartiger Terrorismuskonfessionen. Was fehlte? Beten Sie täglich? Auch für Ihre politischen Gegner?

Die Überraschung war geglückt. Die fragenden Frauen kamen in Schwarz-Weiß, um auf das Schwarz-Weiß der Gespräche hinzuweisen, pardon, es zu ersetzen. Denn niemand sollte sich schwarz-weiß befehden. Über kindisches Rechthabenwollen sind moderne Demokraten hinaus. Sie streiten, als ob sie nicht stritten – oder umgekehrt.

Warum wird double-bind nicht ins Deutsche übersetzt? Weil der Deutsche an sich mit Widersprüchen nicht behelligt werden will. In der Demokratie-Inszenierung ist alles double-bind. Wären sie angriffslustig, würde man ihnen hasserfülltes Schwarz-Weiß vorwerfen. Sind sie es nicht, werden sie als Langweiler beschimpft. In Wahlkampfzeiten regiert das Außergewöhnliche oder das Gegenteil zum Sachlichen, Nüchternen und Berechenbaren normaler Zeiten. In gewöhnlichen Zeiten sind Utopien verboten. Wehe aber, wenn im Wahlkampf Visionen, Träume und Feuerwerke fehlen.

Da sitzt ein Unterhalter und beurteilt das Gesehene nach dem Unterhaltungswert: wo blieben die funkelnden Geistesblitze, die Feuerwerke? Nein, Demokratie ist keine Unterhaltung auf separater Bühne. Das ganze demokratische Leben muss Unterhaltung sein. Gibt es in der Unterhaltung geistige Feuerwerke?

Vier lange Jahre darf gelabert oder geschwiegen werden. Im Wahlkampf aber wollen sie für ihr Geld was sehen. Wer am Circus demokraticus teilnimmt, will etwas geboten kriegen. Bei Will sitzt der löwenmähnige Alt-Unterhalter Gottschalk. In BILD ist Deutschland Liebster und Bester – Günther Jauch, Besitzer von halb Potsdam – oberster Event-Richter.

Belehren durch Unterhalten, war die Devise der Alten. Zu aufwendig für moderne Zeiten. Das Belehren schenken wir uns.

Poschardt will „das ästhetische Gleißen“ in der Politik sehen, die „Aura des Zukünftigen und Vorstellbaren“. (WELT.de)

Doch wenn‘s in trivialen Zeiten auratisch zu gleißen beginnt, werden die Messer gewetzt. Da lieben sie das Erdverbundene, Utopieallergische ihrer Kanzlerin, die Erklärungen nicht liebt, weil es Erklärungswertes nicht geben darf. Immer dasselbe vom Gleichen – was soll da erklärt werden? Der Mensch ist sündig, alles liegt in Gottes Hand, die Seinen haben ihm zu folgen. Was soll daran schwierig und erklärungsbedürftig sein?

Natürlich gibt es nichts Neues – mit Ausnahme neuer Maschinen und schöpferischer Vernichtung alter Arbeitsplätze, um gefährliche Konkurrenten nicht entwischen zu lassen. Auch hier double bind: Politik hat bieder und verlässlich zu sein, wehe aber, im Wahlkampf sprüht sie nicht vor Funken und Ideen. Wahlen sind Ausnahmen, die die Regel bestätigen. Hier müssen sie quasseln bis zum Erbrechen, müssen wie Mose das Gelobte Land voraussehen. Aber nicht als Errungenschaft des mündigen Menschen, sondern als Gnade von Gott und seinen maschinenhaften Engeln. Über dieses Thema streitet keine Partei: hier sind sich alle Abendländer einig.

Was alle Menschen zutiefst beunruhigt, das ewige Nachhasten dem Fluch technischer Erneuerungen, das Vernichten bewährter Arbeitsplätze, wird von den Politikern als Dogma gepredigt. Merkel spricht gar von Neugierde, wenn sie die Hatz auf neue IQ-Maschinen meint.

Der romantische Maschinenmensch à la E.T.A. Hoffmann soll – nein, nicht den göttlichen Mann, sondern – die lästige Frau und ihre Gebärfähigkeiten überflüssig machen. An diesen Stellen wird klar, was die Diffamierung des weiblichen Nesthockersyndroms bedeutet. Die Frau soll von ihren Gebärfähigkeiten getrennt und ins sterile Revier der Männer gelockt werden, wo Ware und Maschine des Mannes neue Kinder sind.

„Denn nicht nur sind es stets Männer, die künstliche Menschen nicht allein in Konkurrenz zur göttlichen, sondern vor allem zur natürlichen Fortpflanzung erschaffen. Die animierten Geschöpfe sind in den meisten Fällen unzweideutig Idealfrauen, mithin Projektionsflächen eines männlich-narzisstischen Begehrens. Die biologische Schöpfungsmacht der Frau wird also – einigermaßen selbstreflexiv – durch einen Akt der Kunst als Schöpfung von etwas Künstlichem ersetzt.“ (E.T.A. Hoffmann Portal)

Versteht sich, dass gerade eine Frau nicht genug das Neue der Arbeitsplatzvernichtung durch Roboter preisen kann.

Im querelle des anciens et des modernes – dem Streit zwischen dem Alten und Neuen – hat das Alte für immer verloren. Was war das Neue? Man höre und staune: das Christliche – das auch schon viele Jahrhunderte auf dem Buckel hatte. Das wirklich Alte war das Griechische, dem einige seit der Renaissance in Bewunderung folgten – um der Despotie des christlich Neuen zu entgehen. Doch die Wächter des Glaubens schliefen nicht und dämonisierten das Griechische zum Alten und Untergangswürdigen, um die Offenbarung als das ewig Neue zu installieren.

Die ARD bringt das Kunststück fertig, den Circus zu organisieren und zu gestalten – und sich selbst objektiv und neutral zu bewerten. Für diese Rolle war Maischberger vorgesehen. Bei dopingverdächtigen Riesensportveranstaltungen machen sie es nicht anders. Vor den Spielen darf ihr Dopingexperte tiefschürfend recherchieren und den Sumpf offen legen – anschließend werden die Spiele putzmunter und kritiklos übertragen. Schließlich braucht man die Zustimmungsquoten derer, die kirchensteuermäßig geschröpft werden. Kritik ist nur eine Alibi-Inszenierung.

Genügen die Reize, die man bei Anne Will gesetzt hat? Vorsichtshalber wird noch ein Baron eingeladen, der durch besondere Plagiierungsfähigkeiten der Wissenschaft dienen wollte. Plötzlich ist das Duell völlig unwichtig: die Personalie des CSU-Adligen muss sinn- und zusammenhanglos erörtert werden. Da soll einer nicht das Gefühl kriegen, die Medien seien nicht auf Pawlow‘sche Schleimeffekte à la Dschungelcamp aus.

Schulz will Merkel eine Frage stellen: darf er das? Dümmliche Frage, unverschämte Antwort: Nein, Punkt.

Die Medien erfinden ganz neu, was Gespräche sind. Die dominanten Ladys des Circus rhetoricus führen ein scharfes Regiment. Es gibt eine Art Planwirtschaft des öffentlichen Gesprächs. Sie bringen ihre Kärtchen mit. Das sind die Stationen, die unbedingt absolviert werden müssen. Ob die Gedankenführung der Kontrahenten selbst dorthin führt, spielt keine Rolle. Überflüssig zu erwähnen,, dass die meisten Parteien nicht anwesend sind. Obgleich kein Mensch die Kandidaten direkt wählen kann, sondern nur die Parteien, muss der Eindruck einer personellen Wahl vorgegaukelt werden.

Warum können Deutsche nicht streiten? Weil Argumentieren in diesem Land noch nie zu einer verlässlichen Politik führte. Wer sich elementar streitet, muss ein hasserfüllter Gauch sein. Natürlich konnte das Gespräch nicht sinnvoll sein, sonst hätte man den Methoden des Widerlegens durch Logik eine Chance gegeben. Wer Widerlegt-werden als persönliche Schmach empfindet, darf sein Gesicht nicht durch bessere Argumente verlieren. Also muss getan werden, als ob.

Die Als-Ob-Philosophie Hans Vaihingers war ein Kompromiss aus Erfolgswillen und schwindendem Glauben an die Überlegenheit kategorischer Aufrichtigkeit:

Die Ausgangsfrage seiner Philosophie des Als-Ob lautet: „Wieso erreichen wir oft Richtiges mit bewusst falschen Annahmen?“ Vaihinger schreibt dazu:

„Das menschliche Vorstellungsgebilde der Welt ist ein ungeheures Gewebe von Fiktionen voll logischer Widersprüche, d. h. von wissenschaftlichen Erdichtungen zu praktischen Zwecken bzw. von inadäquaten, subjektiven, bildlichen Vorstellungsweisen, deren Zusammentreffen mit der Wirklichkeit von vornherein ausgeschlossen ist.“

Man könnte von einem Machiavellismus des Gesprächs reden. Unlautere Methoden sind erlaubt, wenn gute Zwecke intendiert sind. Neu an dieser Täuschungsart ist nichts. Die alten Rhetoren gingen mit der Maxime hausieren, eine gute Sache zur schlechten, eine schlechte zur guten zu machen. Der rasanten Bedeutung dieser Macht durch Reden, die nicht der Wahrheit, sondern der Manipulation der Menschen folgen, stellten sich Sokrates und Platon entgegen.

Mit Sprache kann man Wahres und Trügerisches reden. Argumentieren heißt, die Sprache zu benutzen um der Wahrheit willen. Wissen ist Macht: der grundlegende Slogan der Moderne, ist der Tod des Wahr-Sprechens. Eine weitere Quelle des inszenierten Vorgaukelns steht bei Paulus, der den Korinthern empfiehlt, nach Schein zu leben:

„Die Zeit ist kurz. Daher soll, wer eine Frau hat, sich in Zukunft so verhalten, als habe er keine, wer weint, als weine er nicht, wer sich freut, als freue er sich nicht, wer kauft, als würde er nicht Eigentümer, wer sich die Welt zunutze macht, als nutze er sie nicht; denn die Gestalt dieser Welt vergeht.“

Das ist die Urinszenierung des Abendlandes: der Welt soll etwas vorgegaukelt werden, um die himmlische Seligkeit zu erringen. Einer, der traurig ist, soll tun, als ob er nicht trauere. Wer sich freut, soll in den Keller gehen, um sein Lachen zu verbergen. Wer sich die Welt zunutze macht, soll uneigennützig tun. Wer herrschen will, soll Als-Ob-Demut zeigen. Die Umwertung der Werte ist nur ein Manöver, um die Welt zu täuschen. Wer Erster sein will, soll tun, als ob der letzte Platz genüge. Wer die Erde beherrschen will, soll den Sanftmütigen spielen. Wer den Reichtum der Welt kassieren will, soll den Asketen und Almosengeber spielen.

Trump spendet eine lumpige Million aus seinem privaten Säckel an die Opfer von Houston, um sein lädiertes Renommee zu reparieren. Anstatt politische Maßnahmen zu treffen, bleibt er inaktiv, setzt lieber auf Almosen. Kaum anders Merkel, die Audienzen im Lande durchführt, um in Einzelfällen zu helfen – ohne politische Maßnahmen zu treffen, die alle unterstützen, die sich in derselben Notlage befinden.

Gnade wird zelebriert, um Recht zu vermeiden. Die Demokratie aber wurde erfunden, um ein Gemeinwesen durch allgemeine Regeln lebensfähig und menschlich zu gestalten. Regieren und Gesetze geben, ist keine Ansammlung willkürlicher Almosengeberei.

Gott selbst spielt eine Rolle. Die Rolle des Leidens- und Sterbensfähigen ist ein Schauspiel nur, das nach einer leidenden Verblüffungsphase in die Wirklichkeit der Allmacht zurückgeholt wird. Tod, wo ist dein Stachel? Hölle, wo ist dein Sieg? Jesu war nur zum Schein ein Mensch (Doketismus). In Wirklichkeit blieb er immer ein unbesiegbarer Gott, der Golgatha zum Oberammergau seiner Opfergeschichte machte.

Die Schauspielerei Gottes dient der Vernichtung der Heidenwelt. Ist das Ziel erreicht, verwandelt sich die Leidensgeschichte zurück in einen absoluten Triumph. Die ecclesia patiens wirft ihr Büßergewand ab und outet sich als ecclesia triumphans.

Die ganze Weltgeschichte ist nichts als ein theatrum mundi, „in der das ganze Welttreiben ein vorüberziehendes Schauspiel ist.“ Auch hier treffen wir auf mechanische Figuren aus Pappe oder Blech, „die auf mehreren Laufschienen über die Bühne gezogen wurden. Die einzelne Figur wurde dabei durch Exzenter-Räder und raffinierte Übersetzungen bewegt.“ Der Direktor dieses Puppentheaters nannte sich nicht selten „Mechanikus“.

„Drum schonet mir an diesem Tag
Prospekte nicht und nicht Maschinen.
Gebraucht das groß' und kleine Himmelslicht,
Die Sterne dürfet ihr verschwenden.
An Wasser, Feuer, Felsenwänden,
An Tier und Vögeln fehlt es nicht.
So schreitet in dem engen Bretterhaus
Den ganzen Kreis der Schöpfung aus
Und wandelt mit bedächt'ger Schnelle
Vom Himmel durch die Welt zur Hölle."

Die Frage nach ihrer endlosen Widersprüchlichkeit beantwortet Merkel stets mit dem Hinweis auf die ewige Veränderlichkeit aller Dinge. Ständig geschehe Neues, also müsse man seine Meinungen anpassen. Dass nichts Neues geschieht unter der Sonne ohne menschliches Zutun, wird bei ihr verschwiegen.

Das Neue ist die Reihe der Offenbarungen in der Heilsgeschichte, die ununterbrochen neue Botschaften sendet, welche nicht dem Satz der Widerspruchslosigkeit folgen müssen. Der jeweiligen Mode, dem jeweiligen Zeitgeist müsse man sich unterordnen. Was macht Merkel, wenn Demokratiefeinde an die Macht kommen oder es en vogue wird, gesetzlos zu leben?

Um ihre Vergangenheit aufzuarbeiten, schworen sich die Kluggewordenen unter den Deutschen, nie wieder Mitläufer zu sein wie damals, als sie sich einst der nationalsozialistischen Ausgießung des Heiligen Geistes unterwarfen. Alle Widerständler von damals wären heute rückwärtsgewandte Rebellen gegen das Neue.

Dass es nichts zeitlos Wahres gibt, sondern nur neue Inszenierungen des Wahren, bildete die Grundlage aller deutschen Bewegungen. Nirgendwo darf man verharren, nirgendwo gibt es einen Felsen der Wahrheit. Ständig hat man in Bewegung zu sein. In der Konservativen Revolution hieß es: „Wir haben kein Programm. Wir kennen keine steinernen Wahrheiten. Das einzige, was uns heilig ist, ist das Leben – das einzige, was uns werthaft erscheint, die Bewegung.“

Als sie sich ernsthaft überprüfte, ob sie noch ein weiteres mal Kanzlerin werden sollte, kam Merkel zum Ergebnis, sie sei noch immer neugierig auf das Neue in der Welt. Neugierde ist aber – nach Augustin – eine heidnische Sünde. Der Heide wollte durch eigene Einsicht die Wahrheit des Kosmos entdecken und nicht den Offenbarungen Gottes folgen. Indem die Kanzlerin neugierig ist auf das Neue, verbindet sie Heidnisches und Christliches zu einem gottlosen Kompromiss.

Die Suche nach dem Neuen ist eine eschatologische Sehnsucht nach der Wahrheit des kommenden Herrn. Neugierde ist autonomes Erkennen der Welt. Beides ist unvereinbar.

Die griechische Philosophie kannte kein Neues. Wahrheiten waren zeitlose Eigenschaften der Natur. Eine Heilsgeschichte mit wechselnden Offenbarungen eines Gottes, der alle Wahrheiten nach Belieben verändern konnte, war ausgeschlossen.

Das Neue beginnt erst mit der alttestamentlichen Prophetie und mündet in die Eschatologie des christlichen Glaubens. Das Neue ist „Kontingenz und Eschaton“, das Nichtnotwendige und die letzten Dinge. Das Heil kommt unerwartet und kann durch Vernunft nicht erkannt werden. Der „alte Sünder“ wird zum neuen Menschen, zur neuen Kreatur, zum Mitglied des neuen Volkes Gottes, das durch Taufe der alten Kreatur abstirbt und ein neues Wesen in Christo wird. Das Neue hat kein Vorbild, keinen Ursprung im Alten. Das Alte muss vollständig vernichtet werden.

Wenn Merkel aufruft, dem Neuen gegenüber aufgeschlossen zu sein, widerspricht sie der konservativen Linie ihrer Partei. Konservare heißt, das Alte und Zuverlässige bewahren. Neues kann hier nur als Revitalisierung eines defekten Alten akzeptiert werden. Neues an sich wäre eine blasphemische Vernichtung des bewährten Alten. Solange ein Neues das Alte nicht in einem Aspekt übertrifft, hat es kein Recht, das Alte zu verdrängen.

Die Deutschen sollen permanent neuerungssüchtig sein, nur in der Politik soll die alte Groko ewig währen. Das gestrige Duell bewies den Willen der Deutschen, das Bestehende zu verteidigen und einzufrieden. Es gibt keine Sehnsucht nach dem Neuen. Die Verherrlichung der Zukunft ist Antriebsmittel einer Elite, die mit Hilfe eines ständig wechselnden Neuen ihre Macht über die Menschen stabilisieren will.

Ständiger Kulissenwechsel desorientiert die Menschen, macht sie wurzellos und manipulierbar. Das Neue soll nicht geprüft werden, ob es besser ist als das Alte. Es ist immer besser, sagt der Glaube an den Fortschritt. Kein Mensch wird gefragt, ob er eine neue Technik für sinnvoll hält. Jeder wird überfahren und hat zu dulden, was man ihm per Geschichtsgesetz aufnötigt. Das Neue ist ein Schicksal, dem niemand ausweichen kann.

Mit der Neu-Zeit beginnt die Attraktivität des Neuen über das Alte. Das Neue, so Meister Eckhart, übe einen „angenehmeren Reiz auf den Geist aus als das Gewohnte“. Bacons Novum Organum, neues Werkzeug der Erkenntnis, beginnt, jedes Neue über das Alte zu stellen. Die Begründer der Neuzeit verabscheuen das Alte. Selbst das mittelmäßige Neue sei besser als ein ausgezeichnetes Altes.

Ganz unerwartet schert Nietzsche aus dem Kreis der Bewunderer des Neuen aus: „Das Neue ist unter allen Umständen das Böse.“ Weshalb er die Wiederkehr des Gleichen im zyklischen Sinn der Griechen propagiert.

Im Gegensatz zu Nietzsche vertritt die moderne Kunst ein dogmatisches Prinzip des Neuen, das nicht nur auf Kunst beschränkt werden soll. Das Schöpferische, die Fähigkeit, immer Neues zu entwickeln, darf nicht auf das Ästhetische beschränkt werden. Die Kunst hat Wirklichkeit zu werden. „Ich glaube an die künftige Lösung jener beiden, scheinbar so widersprechenden Zustände des Traumes und der Wirklichkeit zu einer Art von absoluter Wirklichkeit, der Surrealite,“ proklamiert Breton.

Hitler war nicht nur ein ästhetischer Bewunderer der Wagner‘schen Kunstwelt. Die ganze Welt sollte ein Gesamtkunstwerk nach seiner Facon werden, er war der geniale Schöpfer dieser creatio ex nihilo.

In der amerikanischen Demokratie konnte man lange zwischen Sein und Inszenierung unterscheiden. Hollywood war Hollywood, Fernsehen Fernsehen. Eines Tages aber geschah der Quantensprung. Die Inszenierung des Scheins wurde zur Realität: an jenem Tag, als Trump, eine Figur der Unterhaltung, die unsichtbare Mauer durchbrach und Schein zur Wirklichkeit machte. Niemand wollte es glauben, dass das Virtuelle zum Reellen geworden war.

Es kann auch gar nicht anders sein. Beide Welten sind Erfindungen des Menschen, die sich nicht ewig auseinander halten lassen. Wie Religion, eine Erfindung des Menschen, zur Wirklichkeit wird, so wird die Überwelt des Scheins zur Welt des Seins. Der „Traum“ ist schon immer die Quelle jeder persönlichen Utopie. Folge deinem Traum. Lass deinen Traum Wirklichkeit werden: so klingen die Heilsbotschaften Amerikas. Traum wurde zum Erbe der mystischen Erleuchtung. Auch Trump war seinem persönlichen Traum gefolgt.

Woher die Herrschaft der Mode? Nach Benjamin beruht die Macht der Mode auf dem durch „die warenproduzierende Gesellschaft in Dienst genommenen Reiz des Neuen.“

Da das Neue eine Erfindung des Menschen zur Vernichtung des Alten ist, wird es zum Feind der Natur. Natur ist das Reich des zeitlos gültigen Alten. „Die Entdeckung von Neuem ist fast immer das Ergebnis einer natur-feindlichen Haltung“, schreibt Paul Valery.

Der Erlöser wird einst die gesamte Natur vernichten, um eine neue Schöpfung zu kreieren:

„Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde; denn der erste Himmel und die erste Erde verging, und das Meer ist nicht mehr.“

Wer Mensch und Natur erhalten will, muss die Destruktion des Neuen destruieren. Nur die Bewahrung des Alten kann uns retten.  

 

Fortsetzung folgt.