Neubeginn LII

Tagesmail - Freitag, den 01. September 2017

Hello, Freunde des Neubeginns LII,

Der, die, das,
Wer, wie, was
Wieso weshalb warum?
Wer nicht fragt bleibt dumm.

Wer aber nur fragt, ist dumm – und will es bleiben. Wahlen sind Generalantworten. Mündige Menschen wissen, wie sie ihre Zeit auf Erden zu verbringen gedenken. Grundlegende Fragen nach dem WerWieWas des Zusammenlebens haben sie sich beantwortet. Sie müssen wissen, wem sie die Regierung ihrer Nation und ihr eigenes Schicksal anvertrauen.

Ob Gott existiert oder was das Sein als Seiendes ist, solche Fragen sind bombastische Nichtigkeiten und bleiben dem Grübeln privater Personen überlassen, die das Problem ihrer unsterblichen Seele, ihrer kostbaren, metaphysischen und transzendenten Existenz nur mit Hilfe von Sein und Zeit, Göttern und Teufeln beantworten können. Was keineswegs bedeutet, dass Leben in einer demokratischen Gemeinschaft nicht die Urfragen der Menschheit beantworten würde.

Selbstbewusste, freie Menschen vertrauen der Natur und selbstbewussten, freien Menschen. Natur ernährt und erfreut den Menschen. Der autonome Mensch ist dem autonomen Menschen ein Verbündeter, Gefährte oder Freund. Eros, Sympathie, Leidenschaft können immer sein, Respekt, Achtung und Akzeptanz müssen sein. Nächstenliebe – als simulierter Altruismus, um egoistische Seligkeit zu gewinnen – ist ausgeschlossen.

Deutschland, die fragende Nation. Sie debattiert nicht, sie urteilt nicht, sie sagt nicht unverblümt ihre Meinung: sie fragt. Stellen Sie Ihre Fragen. Die wichtigsten Fragen zur Wahl. Wir beantworten Ihre Fragen. Politik ist zum Ping-Pong, zum ...

... mechanischen Frage-Antwort-Spiel verkommen.

Die Unmündigen fragen, als seien sie erst gestern in die Demokratie eingewandert. Die wortkarge Mutter, der joviale Onkel, der Politiker, der gewählt werden, die Presse, die Volk sein will, geruhen zu antworten. Wer nur Fragen stellt, ist nicht kindlich, sondern kindisch. Kindisch ist, wenn Kinder tun müssen, als seien sie Kinder nach dem Geschmack der Erwachsenen.

Kinder stellen keine Fragen. Sie sind eine einzige Frage nach der neuen, unbekannten Welt, in die sie unmerklich hineinwachsen. Sie nehmen wahr, machen Erfahrungen, haben Erkenntnisse, ziehen ihre Schlüsse, sie staunen, sind neugierig, verblüfft, sie freuen sich ihres Lebens, sind ängstlich und furchtsam: all dies zeigen sie und äußern ihre Meinungen.

Erst wenn sie irritiert sind, weil ihre Gedanken nicht mit denen ihrer Autoritäten übereinstimmen, beginnen sie zu „fragen“. Ihre Fragen sind unformulierte kritische Rückmeldungen an die Erwachsenen: wie kann es sein, dass ihr anders denkt und redet als wir? Sollten sie ihre Kindlichkeit bewahren, werden sie eines Tages fragen: gibt es denn viele Welten und Wahrheiten? Können Menschen sich vertragen, die sich in wichtigen Punkten widersprechen?

Viele Erwachsene haben ihre Kinderfragen unterdrückt, doch vernichten konnten sie ihre ersten Gedanken nicht. Weshalb sie unleidlich reagieren, wenn sie mit Ansichten konfrontiert werden, von denen sie einst überzeugt waren – die aber mit ihren angepassten Erwachsenen-Meinungen nichts mehr zu tun haben. Verschon mich mit deinen kindischen Fragen, reagieren sie unwirsch auf die Kinderfragen ihrer Heranwachsenden.

Kinder sind die besten Logiker der Welt. Früh spüren sie die Unverträglichkeit ihrer Gedanken mit der Welt der Erwachsenen. Doch da sie von ihnen abhängig sind, müssen sie sich anpassen. Liebesentzug und Strafen der Erwachsenen sind Reaktionen auf den Eigendünkel der Kinder, die darauf beharren, die Welt zu sehen, wie sie sie erfahren haben. Dass ihr Blickwinkel subjektiv oder falsch sein soll, können sie nicht fassen.

So werden sie erwachsen, indem sie ihre kindlichen Perspektiven verleugnen müssen. Das Gefühl, sich untreu geworden zu sein, werden sie in die Aggression verwandeln, ihre Kinder zu ihren Ebenbildern zu degradieren. Vorbild ist ihnen Gott, der Kinder haben will, die sich Ihm unterwerfen, um Ihm ähnlich zu werden. Gottebenbildlichkeit ist der Lohn totaler Unterordnung.

Am Sonntag erleben wir im Duell der Kandidaten den Triumph von Silicon Valley. Intelligente Roboter, die wie Merkel und Schulz aussehen, werden auf Knopfdruck programmierter Moderatoren ihre bekannten, schon oft geäußerten Erkenntnisse auswerfen. Warum können Maschinen klüger werden als Menschen? Weil sie Menschen besser imitieren, als diese es für möglich halten.

Alle Fragen sind bekannt, alle Antworten der Kandidaten ebenfalls. Von einem Dialog kann keine Rede sein. Die Fragen der Moderatoren werden keine echten Fragen sein, denn für sich erwarten sie keine Antworten. Sie spielen die Fragenden, die Fragen nur stellen, um die Kandidaten in Verlegenheit zu bringen oder sie zur Fehlleistung zu provozieren. Wenn die Befragten verlegen werden, eine Sekunde zögern oder ins Stottern kommen, haben die Moderatoren gewonnen.

Die Standards der Rollen sind peinlich genau vorgeschrieben. Wer sie nur im Kleinsten verletzt, hat verloren. Alles kommt auf die äußerliche Darstellung an, Inhalte sind wie Schall und Rauch. Da Fragen beantwortet werden sollen, haben die Duellanten fast keine Chance, den Gegner durch Attacke in Verlegenheit zu bringen. Dafür sorgen Uhren, die jedem das Zeitmaß diktieren, in dem er die Fragen der Moderatoren beantworten muss.

Fragen und Antworten sind keine Argumente. Wenn nur Monologe gestattet sind, ist methodisches Streiten unmöglich. Wenn viele Punkte abgearbeitet werden müssen, ist der freie Gang eines Zwiegesprächs ausgeschlossen.

Beim wahren Dialog gehen die Gesprächspartner detailliert auf die Meinung des anderen ein: Was verstehst du unter einer gerechten Weltwirtschaft? Woran kann man Widerspruchslosigkeit und Aufrichtigkeit erkennen? Was ist christliche Politik? Wodurch unterscheidet sie sich vom heidnischen Denken? Was ist marxistisch, sozialistisch oder sozialdemokratisch? Wie ist es möglich, dass Europa zerfällt, obgleich alle Nationen dieselben Grundwerte teilen? Was ist Moral? Muss Politik moralisch sein oder dürfen Politiker auf Moral keine Rücksicht nehmen?

Das TV-Duell ist kein Gespräch, sondern die Inszenierung eines solchen. Jeder weiß es und dennoch tun alle, als ob es um Substanz ginge. Jeder weiß, dass am Ende nur Darstellungs-Noten vergeben werden. Darstellung muss Kompetenz vorgaukeln. Wer spielt seine Rolle am besten? Wessen Körpersprache simuliert Überzeugungskraft am eindringlichsten?

Welch Schauspiel, ach, ein Schauspiel nur. Für die Medien ist die Analyse der Körpersprache wichtiger als das ganze Gerede:

„Der Psychologe Louis Lewitan analysiert die Körpersprache der Kanzlerin und ihres Herausforderers. Er erkennt bei Angela Merkel viele Stärken und eine Schwachstelle – und bei Martin Schulz Authentizität, Selbstachtung und einen sinnlichen Mund.“ (ZEIT.de)

Ein gewiefter Politikberater redet nicht um den heißen Brei herum: Schulz sollte gar nicht so tun, als spräche er mit Merkel. Ohnehin spricht Merkel nicht mit Schulz, sie nimmt ihn gar nicht zur Kenntnis. Wie kann man mit jemandem sprechen, den man ignoriert?

„Schulz sollte im TV-Duell nicht mit ihr reden, sondern seine Botschaften direkt ans Fernsehpublikum richten. Schulz sollte sein eigenes Ding machen und sich nicht an Merkels verschwurbelten Antworten abkämpfen. Schulz spricht direkt, er spricht die Sprache der Bürger.“ (ZEIT.de)

Die Sprache der Bürger sprechen, bedeutet noch lange nicht, bessere Argumente zu haben. Was, wenn die Sprache bereits zu deformiert wäre, um erkenntnisfähig zu sein? Jede Sprache kann wahr oder lügenhaft sein. Nur, wenn Inhalte geprüft werden, könnte über Irrtum, Lüge oder Wahrheit entschieden werden.

Sprachen sind Werkzeuge der Erkenntnissuche, die Wahrheit können sie nicht ersetzen. Die Sprachphilosophie setzte an die Stelle des Logos den beliebigen Perspektivismus der Sprache. Damit war dem sinnvollen Streit, dem methodischen Dialog, ein Ende bereitet. Wenn es keine gemeinsame Sprache gibt, kann es keine verbindende Wahrheit geben.

Selbst der Poet glaubt nicht mehr an die Wahrheitsfähigkeit der Sprache. Politiker müssen lügen, damit ihre Äußerungen nicht gegen sie verwendet werden können:

SPIEGEL: Müssen Politiker täuschen und lügen?

Grünbein: Sie können nicht offen sagen, was sie denken. Kanzlerin Merkel kann nicht sagen, was sie wirklich denkt, das ist von Amts wegen unmöglich.

SPIEGEL: Warum nicht?

Grünbein: Jeder Satz kann gegen sie verwendet werden. Viele Politiker sind über allzu freimütige Aussagen gestürzt. Politische Sprache muss einen Zwischenraum erzeugen, in dem vieles möglich ist.“ (SPIEGEL.de)

Lesen wir nicht oft genug, Wahr- oder Rechthabenwollen sei Sünde wider den postmodernen Geist? Hätte ergo nicht jener Kandidat das Duell verloren, der es argumentativ gewonnen und sich als besserer Rechthaber erwiesen hätte? Wäre es nicht infam, den anderen durch überlegenes Wissen oder stringente Logik in die Bredouille zu bringen?

Hören wir die zentrale Auskunft der Postmoderne über das Bestreben, den anderen zu widerlegen:

„Roland Barthes wendet sich im Rahmen seiner Kritik am Logozentrismus auch gegen die sokratische Mäeutik; er sieht in der Vorgehensweise des Sokrates das Bestreben, „den anderen zur äußersten Schande zu treiben: sich zu widersprechen“.

Hat Roland Barthes Recht? Dann hätte er selbst getan, was er attackiert: er hätte seine „logozentristischen“ Gegner widerlegt und zur äußersten Schande getrieben.

Hören wir von den Grünen nicht oft genug, sie wollten nie mehr als Besserwisser oder belehrende Moralisten auftreten? Wer könnte ein Duell verantworten, das einen Sieger und einen Verlierer hervorbringen soll?

Die moderne Öffentlichkeit ist paralysiert. Einerseits weiß jeder, dass alles inszenierte Show ist, gleichzeitig soll die Show ehrlich sein und mit Argumenten einen Sieger hervorbringen – was erneut gegen das Dogma der Moderne verstößt, dass es eine allgemein verbindliche Wahrheit gar nicht geben kann, ja, dass der bloße Versuch, andere mit Gründen aufs Kreuz zu legen, selbst die größte Schande ist. Kann es einen sachlichen Wahlkampf geben, wenn es keine inhaltlichen Waffen gibt, wenn nur pantomimische Qualitäten über das Match entscheiden sollen?

Das Duell wird als „Hochamt“ des Wahlkampfs gepriesen (Maischberger). Von jenen, die das sakrale Geschehen präsentieren dürfen, nachdem sie vor der Kanzlerin ihren Kotau machten: den TV-Anstalten. Mit welcher Berechtigung? Fast alle TV-Duelle hat Merkel verloren – und dennoch die Wahl gewonnen. Das Scheinereignis hat nicht mal prognostischen Wert. Den Sendern soll es eine gute Quote bescheren.

Ein echter Dialog kann nicht vorgeschrieben werden. Er ist ein lebendiges Ereignis und folgt den Spuren verschütteter Einsichten, deckt auf, was undurchdacht ist, widerlegt das Widersprüchliche, prüft den anderen auf Herz und Nieren, um selbst widerlegt zu werden.

Verstehen und widerlegen sind keine Widersprüche. Sich stark machen für seine Einsicht bedeutet, sich transparent zu zeigen. Transparenz ist die Voraussetzung, sich selbst überprüfbar zu machen. Verstehen heißt, den verschlungenen biographischen Ursprüngen des fremden Denkens zu folgen. Das ist wie vorsichtiges Tappen im Labyrinth. Hier gibt es kein GPS, dessen Kunststimme anordnete: Sie fahren zwei Kilometer gerade aus, dann biegen Sie rechts ab. Ein festgelegtes Schema wäre der Tod eines erkenntnissuchenden Gesprächs.

Danach kommen die Experten, um genüsslich festzustellen: wie hat Er sich geräuspert, wie hat Sie gespuckt? Wer hat nervös mit den Augen gerollt? Wer musste – wie schändlich! – Luft holen und überlegen? Gezeigte Nachdenklichkeit wäre eine freiwillige Niederlage. Das Sätzchen: „Ich verstehe Sie, kann das Verstandene aber nicht billigen“, wäre blanker Hohn oder ein Zeichen von Schwäche. Putinversteher sind bekanntlich Putinabsegner. Würde diese Erkenntnis aber salonfähig werden, würden die Kontrahenten sich im nächsten Duell bis zur gnadenlosen Kapitulation verstehen.

Bewährte Einsichten, die zum Mainstream werden, sind die nächsten modischen Waffen der Inszenierung. Sollte es Wahrheiten geben, gibt es ein unfehlbares Mittel, sie unschädlich zu machen: man muss sie in Show verwandeln. Die Macht des Scheins ist derart gewaltig, dass jede Substanz sich in ihr Gegenteil verkehrt, wenn sie aus dem Stübchen der Denker ins Rampenlicht befördert wird.

Woran liegt das? Daran, dass moderne Demokratien keine face-to-face-Gesellschaften sein können. Die athenische Polis bestand aus 40 000 Männern, von denen niemand hinter gentrifizierten Mauern wohnte. Jeder kannte die Lebensverhältnisse von jedem. Auf dem Marktplatz gab es die Chance, jedermann zu treffen, mit ihm zu reden und zu disputieren.

Massengesellschaften können solche Transparenz durch Übersichtlichkeit nicht bieten. Sie sind auf technische Vermittlungen der Informationen angewiesen. Das ist die Bühne des inszenierten Scheins. So lange gibt es diese künstlichen Vermittlungen noch nicht, als dass die Menschheit ihre Tücken schon elementar hätte durchschauen können.

Hinzu kommt, dass Bildung – das Kennenlernen des Originals – in elitären Klassengesellschaften unerwünscht ist. Bildung wurde zur arbeitsteiligen Ausbildung, die nicht lernen darf, den Dingen an die Wurzel zu gehen. Dazu wäre Selbstdenken erforderlich, das von der Kita bis zur Hochschule unerwünscht ist. Das Gedächtnis belasten durch unverbundene Informationen und fachidiotische Spezialfertigkeiten ist das Ziel der „Gleichheit durch Bildung“.

Erst heute, im Zeitalter sozialer Medien, haben die Massen die Chance, synchron mit den Medien ihre Meinungen zu äußern. Die Es-Explosionen der neuen Ausdrucksmöglichkeiten zeigen den Nachholbedarf im Wahrnehmen und Analysieren elitärer Machenschaften.

Dennoch ist die Lage nicht hoffnungslos. Wie jeder technische oder sonstige „Hype“ seinen Höhepunkt erlebt und dann verebbt – wie wir es an der schwindenden Faszination von Silicon Valley erkennen –, so wird auch die Macht des inszenierten Scheins vorüber gehen. Das Sein wird den Schein überwältigen.

All diese Überlegungen sind Erinnerungen an Erkenntnisse der Vergangenheit, die heute verdrängt werden, weil sie von gestern sind. Um die Irreführungen des gegenwärtigen Scheins zu durchschauen, müssten sie dringend wahrgenommen werden. Der Verblendungszusammenhang der Gegenwart, gerade in Zeiten des Wahlkampfs, könnte nur durchbrochen werden durch Besinnung auf die unbewussten Grundlagen unseres Bewusstseins.

Der Kampf der Politiker um ihre Wähler müsste die Oberfläche ihrer Parteiprogramme verlassen und sich ans Wesentliche halten. Das Wesentliche aber ist Philosophie, die Denkfähigkeit der Menschen. Ist Wahrheit dem Menschen zumutbar? Gibt es eine Geschichte, eine Heilsgeschichte, die uns die Gesetze des Tuns vorschreiben? Woran erkennt man einen echten Dialog? Was ist Humanität? Wie verhält sich Politik zur Moral? Vor allem: welche Funktion haben Religionen? Sind sie nur verschiedene Äußerungen der Menschenliebe – oder predigen sie Hass auf alle Menschen, die ihren Glauben nicht teilen? Woher kommt die Feindschaft gegen die Natur?

Solche grundsätzlichen Fragen aus Religion und Philosophie sind aus dem politischen Geschehen ausgeschlossen. Die jahrtausendealten Wirkungen der Erlöserreligionen werden tot geschwiegen, indem man ihre Effekte zum privaten Glauben verharmlost – wenn sie angegriffen werden. Werden sie es nicht, mischen sich die Erlösungs-Priester hemmungslos ins politische Geschehen. Da Religion in keiner Grundschule in kritischer Weise unterrichtet werden darf, wirkt der fromme Virus noch immer als kollektives Opiat.

Ein TAZ-Interview mit Merkel zeigt die Schwachstellen der Medien beim Kritisieren einer Politikerin, die ähnlich denkt wie sie. Für Merkel ist es leicht, die Vierte Gewalt durch bloßes Zurückspiegeln in Schach zu halten.

Betet sie für Kretschmann genau so, wie er für sie? „Das muss ich mit Nein beantworten. So konkret politisch bete ich sowieso nicht, aber das ist ohnehin eine sehr private Angelegenheit.“

Hier hätte über das Thema Christentum und Politik gesprochen werden müssen. Der christliche Glaube wollte nie die sündige Welt heilen, sondern sie vernichten und eine neue erschaffen. Deshalb blieb jeder fromme Imperativ im Vagen und Symbolischen. Wenn Merkel ihren Glauben konkretisieren soll, verschwindet sie behend im Privaten: „das ist ohnehin eine sehr private Angelegenheit.“

Was meint Merkels Rede von der frischen Luft? „Damit meine ich, dass man sich immer wieder ins Neue vorwagen muss. Wir leben in einer Welt großer Veränderungen. Und frische Luft heißt da einfach: immer wieder über den Tellerrand gucken, neugierig sein, auf Neues zugehen. Manchmal denke ich, dass wir in Deutschland auf so hohem Niveau leben, dass wir nicht immer innovationsfreudig genug sind“.

Merkel glaubt an keine Utopie – mit Ausnahme technischer Visionen der phantastischsten Art. Hier spricht sie vom Neuen, auf das Menschen neugierig sein sollten. Das Neue aber ist nur der alte Fortschrittsglaube, verlängert ins quantitativ Grenzenlose. Mitnichten geht es ihr um intellektuelle Neugierde. Sonst müsste sie zum Lesen und Nachdenken animieren. Es geht ihr lediglich um nationales Aufrüsten im ewigen Wettbewerb der Ökonomien.

Was die Menschen wollen, ist für die mächtige Frau von keinem Belang. Das Neue wird die Menschen ohnehin überrollen, das ist Merkels Fortschrittsglaube, die Transformation ihres lutherischen Glaubens in Wissenschaft und Technik. Begriffe des Denkens werden von ihr bedenkenlos zur technischen und wirtschaftlichen Aufrüstung missbraucht.

Was sie wirklich über ihre Untertanen denkt, wird in harmlosen Nebenbemerkungen deutlich. Je besser es den Deutschen geht, je selbstzufriedener und veränderungsunwilliger werden sie. Glück und Zufriedenheit so die Überzeugung deutscher Heroen – sind schädlich und machen träge und faul. Mephisto muss Faust in Versuchung führen, damit er durch Bosheit seine Gegner überwindet.

Ist Merkel links? „Ich kann mit solchen Schubladen wenig anfangen. Schauen Sie, erst mal bin ich CDU, mit der ich liberale, christlich-soziale und konservative Wurzeln gleichermaßen verbinde. Mir ist die menschliche Gestaltung der Globalisierung wichtig, ebenso wie das Thema Nachhaltigkeit, also Generationengerechtigkeit, nachhaltige Finanzen und Ressourcenverbrauch.“

Säkulare Kategorien wie links und rechts bedeuten der Christin nichts. Sie hat ihren Glauben, ihre katholische Soziallehre: das übersteigt die windigen Begriffe der Welt um ein Vielfaches. Eine Übersetzung des Heiligen in Profanes ist ausgeschlossen. Hier prallen zwei Welten unverträglich aufeinander.

Keinerlei Nachfragen der Interviewer. Schon gar nicht im Grundsätzlichen. Merkel schlägt die moderne Welt mit der postmodernen Waffe: eine allgemein verbindliche Sprache, eine absolute Wahrheit, kann es nicht geben – mit Ausnahme ihres absoluten Glaubens, der für Nichtgläubige unerfassbar bleibt. Also muss die Welt mit den Segnungen dieses Glaubens unbemerkt beglückt werden.

Merkels theokratischer Absolutismus wird mit demokratischen Fassaden nur notdürftig kaschiert. Da die Deutschen Merkels Glauben emotional teilen, ist ihnen der unterschwellige Zwangscharakter ihrer Politik willkommen.

Die endlosen Widersprüche der Pastorentochter werden in keinem einzigen Interview moniert. Das zeigt, dass die Deutschen die Regeln der Logik längst dem Tohuwabohu einer Kraut-und-Rüben-Dialektik geopfert haben. Wenn sie spüren, dass ihr Nebensatz dem Vordersatz widerspricht, fügen sie flugs das Wörtlein dialektisch ein.

Merkels Flüchtlingspolitik könnte nicht konfuser und widersprüchlicher sein als die täglichen Twittermeldungen eines amerikanischen Wirrkopfes. Nachdem Merkel lange Zeit ihren Satz: wir schaffen das, verteidigte, gab sie schließlich genervt auf und sprach von einer „unergiebigen Endlosschleife“. War der Satz als psychologische Ermutigung gedacht, gibt Merkel die Ermutigung genau in dem Moment auf, wo sie am nötigsten gewesen wäre. Da die Medien sich selbst täglich widersprechen, ist stringente Logik für sie kein Herzensbedürfnis. Öfter mal was Neues – und wenn es das Gute und Bewährte vom Tisch fegt.

Den Höhepunkt der medialen Selbstverblendung sehen wir in einem SZ-Interview mit Sandra Maischberger. Maischberger muss mit SAT-1-Strunz kooperieren, der seine Gesprächspartner am liebsten unter der Gürtellinie zu interviewen pflegt. Persönliches ersetzt bei ihm das Politische. Ob jemand heiß aussieht: daraus schließt Strunz auf seine politischen Qualitäten. Seine Frechheiten aber sind nur verkappte Zustimmungen: alles soll im Grunde bleiben, wie es ist. Merkels Regiment ist unersetzbar. Der Klamauk soll nur ablenken. Heissa, wie lustig geht es zu im Garten Eden. Strunz, was wollen Strunz? Strunz wollen, dass die Kirche im Dorf bleibt.

Maischberger macht neutrales Endlos-Fragen zur Allzweckwaffe ihres überaus kritischen Tuns.

„Ich bin eigentlich Journalistin geworden, weil ich dachte, irgendwann habe ich so viele Fragen gestellt, dass ich am Ende Antworten geben kann. Je mehr Fragen ich aber stelle, mittlerweile seit 30 Jahren, desto mehr fällt mir auf, dass ich für meine eigenen Ansprüche viel zu wenig weiß, um öffentlich gute Antworten zu geben. Und ich stelle fest, dass ich im Fragen wesentlich präziser bin als im Antwortengeben. Also ist das vermutlich mein Weg.“ (Sueddeutsche.de)

Journalisten haben immer noch neutral und anonym zu sein – als ob die Geschicke der Menschheit sie nichts angingen. Dass neutral von neuter, kastrieren oder sterilisieren, kommt, hat sich bei ihnen noch nicht herumgesprochen. Eunuchen waren im Harem die idealen Wächter der begehrten Frauen.  

Darf die Öffentlichkeit nicht erfahren, was Moderatoren denken? Könnte dies die Sprengkraft ihrer explosiven Fragen beeinträchtigen? Kurz zuvor bekannte Maischberger unfreiwillig, dass sie gar keine Meinung haben kann. Sie habe in ihrem Leben bereits so viele Fragen gestellt und sei doch zu keinem Ergebnis gelangt. Während gewöhnliche Sterbliche sich schnell mit einem Fazit zufriedengeben, ist Maischbergers Erkenntnisinteresse unersättlich. Wenn das kein faustischer Trieb ist, der Welt Löcher in den Bauch zu fragen! Da sitzt sie nun und ist so klug als wie zuvor.

Der metaphysische Erkenntnisdrang der Deutschen ist so gewaltig, dass sie die niederen Dinge der Demokratie nicht lösen können. Bevor sie nicht wissen, was die Welt im Innersten zusammenhält, können sie nicht wissen, ob sie Merkel oder Schulz wählen sollen. Erst muss der Himmel gestürmt werden, bevor sie sich der schnöden Welt zuwenden dürfen.

Mündige Politik ist in Deutschland noch nicht angekommen. Die Erben der Dichter und Denker blasen sich auf zu Erkenntnisheroen, die lieber vulgäre Mächte walten lassen, als dass sie selbst überlegen und entscheiden würden, was sie wollen.

Am Sonntag wird es weder einen Dialog noch ein politisches Hochamt geben. Uns erwartet eine faunische Orgie der Rosstäuscherei.

 

Fortsetzung folgt.