Neubeginn XLVIII

Tagesmail - Mittwoch, den 23. August 2017

Hello, Freunde des Neubeginns XLVIII,

„Die Kanzlerin auf einer Videospielmesse? Das hätte peinlich werden können, doch Angela Merkel war abgeklärt genug, alle Fettnäpfchen zu vermeiden.“ (SPIEGEL.de)

Was war noch mal ein Fettnäpfchen?

„Die Redewendung ins Fettnäpfchen oder in den Fettnapf treten bedeutet, „es mit jemandem verderben“,  weil ein Thema angeschnitten wurde, das für den Betroffenen unangenehm ist.“ (Wiki)

Was war noch mal „abgeklärt“?

„Durch Erfahrungen im Leben reif und ruhig geworden.“ (Wiki)

Ist „ab“ nicht das Gegenteil von „auf“? Dann müsste aufgeklärt heißen: dumm geboren, nichts dazugelernt – und die Hälfte vergessen. Abgeklärt wäre deutsche Gegenaufklärung als Spitzenleistung der Weisheit.

Wir übersetzen: die Kanzlerin war aufklärungsresistent, aber listig genug, um es auf der Videospielmesse mit niemandem zu verderben – indem sie peinlich alles Kritische vermied und sich voller Bewunderung für den neuesten Digital-Klamauk zeigte.

„Abgeklärt, gelassen, nüchtern, sachlich, unaufgeregt“: die medialen Söhne lassen Mutter und Sippe nicht im Regen stehen. In den Anfängen ihrer Karriere war es umgekehrt. Da ließ das trotzige Ossi-Trampelchen keinen Fettnapf aus, um durch reziproke Selbstimmunisierung den arroganten Westen zu düpieren und dadurch für sich zu gewinnen. Eine gewagte, aber brillante Strategie, die vom himmlischen Vater hundertfältig belohnt wurde.

Als sie die ersten Angriffe narbenlos überstanden hatte, belohnte sie die ...

... Frechheiten des Westens, indem sie ihre anfängliche Starrheit-durch-Unsicherheit aufgab und sich lernfähig und anpassungsbereit zeigte. Da hatte sie alle Herzen gewonnen.

Wer die ersten Grausamkeiten übersteht, hat Chancen, unüberwindlich zu werden. Wenn Merkel in wenigen Wochen erneut inthronisiert wird, werden symbiotische Untertanen ihr die neue Nationalhymne vor dem Kanzleramt singen:

„Wir gehörn zu Dir, wie der Diesel vor der Tür.

Naaa naa naa na, na na na. Es ist wahre Liebe (uuuhhhuuuhhuuu), die nie mehr vergeht (uhuuuhuu).

Deutschland ist dabei, das bisherige Vorbild Amerika in den Schatten zu stellen und gods own country zu werden. Nachdem die Juden zur Strafe für den Christusmord nicht mehr Gottes Lieblinge waren und in alle Windrichtungen zerstreut wurden, konkurrierten alle christlichen Nationen um den Titel, das neue auserwählte Volk zu werden. Durch Eroberung eines riesigen Kontinents hatten die Amerikaner die Nase vorn.

In einem Vers-Epos aus dem Jahre 1785 von Timothy Dwight fiel der Begriff Neu-Kanaan zum ersten Mal. „Dieses Werk schildert ausführlich und wortreich die Eroberung von Kanaan nach dem Buch Josua. Das biblische Geschehen ist für den Verfasser Präfiguration der Befreiung Amerikas.“ Kanaan war das von Gott verheißene Land, in dem Milch und Honig fließen sollten.

Es soll dir niemand widerstehen dein Leben lang. Wie ich mit Mose gewesen bin, also will ich auch mit dir sein. Ich will dich nicht verlassen noch von dir weichen. Sei getrost und unverzagt; denn du sollst diesem Volk das Land austeilen, das ich ihren Vätern geschworen habe, daß ich's ihnen geben wollte. Der HERR hat uns alles Land in unsre Hände gegeben; so sind auch alle Einwohner des Landes feig vor uns.“

Wer erkennt nicht in diesen Versen Trumps Gigantismus? Die Texte waren für die Puritaner das Gebot, die Indianer bedenkenlos aus dem Weg zu räumen. Der große Aufklärer Locke unterstützte die Erlaubnis zum Völkermord mit der kapitalistischen Begründung, die Ureinwohner würden aus dem Land nichts Sinnvolles machen, ergo hätten sie es nicht verdient.

Legitimes Eigentum ist einzig ein durch Arbeit selbst erworbenes Eigentum. Weshalb heutige Superreiche, die sich allmählich das gesamte Erdreich des Planeten unter den Nagel reißen, stellvertretend ihr Geld arbeiten lassen, damit sie „mit Arbeit“ ihre riesigen Ländereien erworben haben. Besitz muss durch Leistung verdient werden, weshalb puritanische Superreiche ihren Erben nur einige lumpige Milliarden überlassen, damit sie einen Anreiz haben, ihr Vermögen durch eigener Hände Arbeit, pardon, eigenen Geldes Arbeit, zu erwerben.

Ralph Barton Perry beschreibt den Puritanismus in seinem Buch „Amerikanische Ideale“:

„Der Puritanismus neigte zur Theokratie. Er war unduldsam gegen andere Bekenntnisse, darin glich er seinem Gott, der gnädig sein mochte, aber nicht duldsam. Seinen Glauben wollte er überall zum Siege führen und alle Aspekte des Lebens zur Vollkommenheit entwickeln. Dazu wandte er skrupellos alle Gewaltmittel der staatlichen Obrigkeit an, beschränkte die Gewährung der Bürgerrechte auf die Frommen und machte sein religiöses Ideal zur öffentlichen Politik. Er war felsenfest überzeugt, die volle Wahrheit zu verkörpern und hatte keine Hemmungen, Menschen gegen ihren Willen vor den Wirkungen ihrer eigenen religiösen Blindheit zu retten. In der theokratischen Politik, in diesem göttlichen Gemeinwesen soll sich das Reich Christi auf Erden in unantastbarer Form verwirklichen.“

Die Deutschen, die sich gern des schwammigen Wortes „Fundamentalismus“ bedienen, wollen nicht wissen, was der Begriff bedeutet. Den religiösen Wurzeln des westlichen Verhängnisses gehen sie aus dem Weg. BILD-Blome kann nur noch stammeln: Hass ist Hass, wenn er den Hass der anderen ächten will. Kein Wörtchen der Analyse oder der Erklärung.

Gibt es keine benennbaren Ursachen des Hasses, bleibt nur die Vernichtung hasserfüllter Terroristen. Diese verblendete Ignoranz ist selbst ein Hass-Syndrom.

Religiöser Hass der Fremden steht eigenem religiösem Hass gegenüber: eine Einsicht, die von Deutschen abgelehnt wird. Denn ihren Glauben halten sie für aufgeklärt. In der Tat wurde der christliche Fanatismus durch den Einfluss der Aufklärung verändert, keineswegs aufgehoben. Was nicht bedeutet, dass der fundamentalistische Kern des Evangeliums keine Wirkung mehr hätte. Wenn christliche Nationen in Turbulenzen kommen, regredieren sie automatisch auf diesen nie überwundenen Giftkern ihres Glaubens – von dem sie sich nominell nie losgesagt haben.

Der fundamentalistische Terror des christlichen Westens ist seine militärische und wirtschaftliche Unterdrückungspolitik. Auf individuellen Terror sind überlegene Staaten nicht angewiesen. Ihre offizielle Politik, die sich brüstet, eine amoralische Interessenpolitik zu sein, ist derselbe Fundamentalismus wie die – vergleichsweise – minimalen Gewalttaten weniger Privatpersonen.

Beeindruckend und bewegend, wie immer mehr Muslime sich von den Gewalttaten im Namen des Korans distanzieren. Abwegig und menschenfeindlich, dass verschiedene Kulturen für immer verschieden und unverträglich sein müssten. Wer der Meinung ist, eine menschenfreundlichere Moral zu besitzen – der einzige „Hochmut“, der gestattet und notwendig ist – muss seine behauptete Überlegenheit durch Taten beweisen.

In den Grundprinzipien des Zusammenlebens – Wahrheit und Moral – muss es Wettbewerb geben. Es ist der einzige Wettbewerb, der allen Beteiligten zugute kommt, gleichgültig, ob sie „gewonnen oder verloren“ haben.

Hätte der Westen seine Moral in überzeugender Eindeutigkeit (Authentizität) vorgelebt, gäbe es heute keine Widerstandsbewegung gewalttätiger Minderheiten, die ihren Zorn auf die Bigotterie ihrer jahrhundertelangen Unterdrücker nur noch in Form roher Gewalt exekutieren können.

Wer seine totalitäre Religion humanisieren will, muss sich von ihr lösen und seine heiligen Bücher wie säkulare Bücher lesen. Wer sich aber weiterhin an Büchern festklammert, verfälscht sie zu Produkten unfehlbarer Offenbarungen.

Man hat seinen Verstand zu betätigen, um seine Moral zu entwickeln, darf sich nicht auf fremde Autoritäten berufen, um zu erfahren, wie man leben soll. Der Terrorist, der sich auf schreckliche Sätze seiner heiligen Schrift berufen kann, ist hermeneutisch immer im Recht. Er liest, was da steht und erhebt nicht den Anspruch, den Buchstaben nach Willkür und Belieben zu deformieren.

Das beliebte Mittel humanistisch gesonnener Leser, sich auf Worte der Menschenliebe zu berufen, taugt nicht, die menschenfeindlichen Stellen ad absurdum zu führen. Wenn Gutes und Böses in gleicher Weise gilt, wird das Böse nicht aufgehoben. Im Gegenteil, das Böse wird durch das Gute gedeckt und sakralisiert.

Kant hat vor allem zwei Arten von Schriftauslegung unterschieden: a) Die historisch-philologische Hermeneutik, die „zu wissen verlangt, was der heilige Verfasser mit seinen Worten für einen Sinn verbunden haben mag“. b) Eine von einem bloßen „innere[n] Gefühl“ geleitete divinatorische Auslegung.

Heute will jeder Theologe divinatorisch den Buchstaben benutzen, um seine Willküreinfälle als Stimme Gottes auszugeben. Das ist Geist von jenem Geist, der die Welt aus Nichts erschaffen haben will. Verglichen mit dieser göttlichen Eitelkeit ist die Eitelkeit eines amerikanischen Präsidenten eine spätpubertierende Harmlosigkeit.

Mag es muslimische Scharfmacher geben, die sich am Abendland rächen wollen, indem sie fanatisierte Jugendliche in Europa einschleusen, um Unheil anzurichten – dennoch sind die Mehrheiten der muslimischen Einwanderer in beeindruckendem Maße dabei, den Aufklärungsprozess des Westens aufzuholen.

Dieser Prozess der Selbstbefreiung aus den Fängen einer Zwangsreligion wäre wesentlich weiter, wenn Christentum und Judentum nicht auf dem hohen Ross säßen und den Eindruck erweckten, sie hätten den menschenfeindlichen Kern ihrer Religion überwunden. Die Ultras in Israel kontaminieren den einstmals religionskritischen Geist des jungen Staates mit Hass und Verachtung gegen alle Gojim dieser Welt. Der Vatikanstaat ist der mächtigste religiöse Zwangsbeglückungsstaat auf Erden. In Deutschland genießen die Kirchen Sonderrechte und finanzielle Privilegien, mit denen sie die Gesellschaft emotional verpesten.

In Amerika kehrt Trump zu den puritanischen Hassregeln der Anfänge zurück und demontiert immer mehr die andere, aufgeklärte und demokratische Seite Amerikas, die ihnen von ihren Verfassungsvätern und Kennern der griechischen Urdemokratie vermittelt wurden. In Afghanistan will Trump seine Feinde nur noch töten. Nationbuilding – das moralische Mäntelchen des amerikanischen Imperialismus – hat er weggeworfen. Demokratischen Geist in anderen Ländern verbreiten – nein, danke! Nun dürfen amerikanische Truppen am Hindukusch zur Sache gehen, während ihre deutschen Verbündeten Brückenbauer und Menschenfreunde spielen müssen. Wie heißt es? Der christliche Westen wird von gleichen Werten bestimmt?

In einem WELT-Artikel heißt es: besser eine Doppelmoral als keine.

„Brutale Offenheit lässt Politik oft ehrlicher wirken als diejenige von Führern, die ihren Nationen komplizierte moralische Begründungen bieten müssen. Sie ist aber auch eine Falle. Wenn das Ideal einer moralischen Politik noch nicht mal in der Rhetorik des Staates präsent ist, kann das die Herrschaft langfristig delegitimieren. Eine doppelte Moral ist besser als gar keine.“ (WELT.de)

Hier ist alles falsch. Menschenfreundlichkeit ist nicht kompliziert zu begründen. Entweder ist sie das Lebensgefühl der gesamten Gesellschaft oder es gibt gar keine. Politiker können sie nicht per Dekret vermitteln und fordern. Wer Abhängigen und Unterlegenen eine humane Moral predigt, sich selbst aber nicht daran hält, erzeugt ungeheuren Hass, der im internationalen Maßstab die ganze Menschheit gefährden kann.

Erleben wir die Folgen der Heuchelpolitik des Westens nicht gerade von Tag zu Tag? Ehrliche Bösewichter erzeugen keine giftigen Nebelschwaden. Man erwartet nichts anderes von ihnen, als sie selbst in die Welt posaunen. Das reduziert in erheblichem Maße die Spannungsfelder, welche internationale Feindschaften schüren und Kriege provozieren. Wer nicht hinter jedem X ein tückisches Y vermuten muss, ist weitaus gelassener als jener, der ständig misstrauische Deutungskunst aufbringen muss, um die versteckten Absichten seiner Feinde mühsam zu entschlüsseln. Von Schröder erwartet man anderes als von einem Wallstreet-Hasardeur. Von Israel anderes als von Nord-Korea. Von EU-Verbündeten anderes als von Erdogan.

Eine „naive“ Wildheit ist leichter humanisierbar als die bigotte Ausgabe einer humanen Moral, deren Glaubwürdigkeit durch doppelte Standards ruiniert worden ist. Warum kritisiert Matthias Heine nicht seinen WELT-Chefredakteur, der Moralisten verächtlich macht, wenn er selbst das „Ideal einer moralischen Politik“ retten will? Seit Jahr und Tag wird in deutschen Medien die moralinfreie Amoral gepredigt und plötzlich fordert Heine eine Doppelmoral als Minimum, um das ungeheuchelte Original zu retten?

Wer weiß denn sowas? Von wem ist die Rede?

„Ihre ganze Seele ist beschäftigt mit verwickelten Plänen des Ehrgeizes, aber ihre Gesichtszüge und Sprache zeigen sanftmütige Mäßigung. Hass und Rache nagen an ihrem Herzen, aber jeder Bick ist ein herzliches Lächeln, jede Gebärde eine vertrauliche Liebkosung. Ihre Absicht wird erst enthüllt, wenn sie erreicht ist. Ihr Gesicht ist offen, ihre Sprache höflich, bis die Wachsamkeit eingeschläfert, ein sicheres Ziel in Angriff genommen ist – und dann schlägt sie los zum ersten und letzten Mal. Die sichersten schnellsten verborgensten Mittel zum Zweck sind ihr auch die ehrenvollsten. Sie würde es für Torheit halten, offene Feindschaft gegen Nebenbuhler zu erklären, die sie bei einer freundlichen Umarmung durchbohren, mit einer geweihten Hostie vergiften kann. Falsch und bigott als Kanzlerin konnte sie in Privatverhältnissen mild und menschlich sein, sie hatte ein feines Urteil für alles Fromme und Staatstragende und gab sich mit Eifer als objektive Wissenschaftlerin.“

Das war die weibliche Verfälschung eines männlichen Machiavellisten mit den Worten von Franz Vorländer in seiner „Geschichte der philosophischen Moral, Rechts- und Staatslehre der Engländer und Franzosen“.

Merkel erfüllt alle Punkte einer machiavellistischen Politikerin, die nicht der heidnischen Lehre der Überlegenheit der Starken und Skrupellosen folgt, sondern – der christlichen Antinomie. Gott fordert von Ungläubigen anderes als von seinen Frommen, denen alles gestattet ist, wenn es nur im Modus des Glaubens geschieht. Merkels skrupelloser Machiavellismus besteht aus einem einzigen lutherischen Sätzchen: sündige tapfer, Magd Gottes – wenn du nur glaubst.

Also glaubt sie und tut, was ihr gerade opportun erscheint. Heute Agape, morgen Ertrinken im Mittelmeer. Heute Ökologie, morgen Kohleabbau und Herrschaft luftverpestender Autos. Heute industriefreundlich, morgen sozial. Heute friedlich, morgen Aufrüstung. Heute Verständigung, morgen Sanktionen. Heute mütterliche Nachsicht, morgen Griechen schinden. Heute Kannitverstan, morgen: ich weiß es besser. Mit einem exzellenten Trick hat sie Schulz an die Kette der Sanftmut gelegt. Heftiges Polemisieren im Wahlkampf sei seit dem Anschlag in Barcelona europäischer Trauer nicht angemessen. Also muss Schulz auf Merkels strategische Streitunwilligkeit einschwenken. Gedankliche Schärfe, leidenschaftliches Streiten und demokratische Klarheit sollen Unfähigkeit zur Trauer sein? Wenn das europäische Solidarität sein soll, ist die EU verloren.

In Machiavellis Menschenbild ist jeder Einzelne von Leidenschaften beherrscht und zum Schlechten geneigt. Christliche Erbsünde ist mit dieser Einsicht vollständig kompatibel. Auch Merkel hält den Menschen für einen unkorrigierbaren Madensack. Hauptursache der Schlechtigkeit liegt in der Unersättlichkeit der Begierden. Moderner könnte der folgende Satz des Italieners nicht klingen:

„Da die Menschen von Natur aus alles zu wünschen haben und das Schicksal ihnen nur wenig zu erhalten gestattet, entsteht hieraus im menschlichen Herzen beständig Unzufriedenheit und Ekel an allem, was sie wirklich besitzen, wodurch sie die gegenwärtigen Zeiten zu tadeln, die vergangenen zu loben und die zukünftigen herbeizuwünschen angetrieben werden, ohne eine einzige vernünftige Ursache zu dem Einen oder Andern zu haben.“

Hier ist der grenzen- und maßlose Futurismus der Gegenwart scharfsichtig prognostiziert. Was ist der Grund allen Übels? „Dass die Natur den Menschen so geschaffen hat, dass sie zwar alles verlangen, aber nichts bewahren und erhalten kann.“

Erhalten und bewahren heißt konservare. Womit klar sein müsste, dass christlich konservative Parteien ein Widerspruch im Beiwort sind. Wär‘s anders, dürfte Merkel nicht ununterbrochen den Konsum ankurbeln, das Wirtschaftswachstum anregen, das Alte aus dem Verkehr ziehen, den Bruch mit allem Vertrauten fordern und das jeweilige Neue anbeten dürfen. Das alles gilt nur für den Bereich der sündigen Welt. Den alten Glauben verwerfen, um einen neuen zu küren: davon hielte die Kanzlerin nichts.

Das Neue um des Neuen willen anbeten: dies tat sie auf der digitalen Spielmesse. Hier zeigte sie ihre barbarische Unbildung – oder ihre Fähigkeit, Bildung bedenkenlos in den Dienst des Barbarischen zu stellen. Über Trump sagt man, er lese keine Bücher. Liest Merkel Bücher? Und wenn, nur technische Lobhudeleien und Verherrlichungen der Zukunft? Wie steht es mit ihrer “humanistischen Bildung“, von der man noch nie ein Wörtchen hörte?

Für mediale Beobachter, selbst bekennende Ignoranten und „Schlechterwisser“, genügt es, wenn sie „nüchterne Physikerin“ ist. Ist Physik der ideelle Kern der Politik? Dann müssten Naturwissenschaftler die besten Politiker sein. In ihrer Eröffnungsrede wagte sie es, Schiller als Fürsprecher der Maschinen zu missbrauchen, indem sie seinen Satz zitierte:

„Der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Worts Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.“

Was aber wollte Schiller damit sagen? Er wollte das genaue Gegenteil von alldem, was in der technischen Orgie angestrebt wird – die mit Spielen im klassischen Sinn nicht das Geringste zu tun hat. Ein kurzer Blick in Wiki hätte genügt:

„Friedrich Schiller hob in seinen Briefen Über die ästhetische Erziehung des Menschen die Bedeutung des Spielens hervor und sprach sich gegen die Spezialisierung und Mechanisierung der Lebensabläufe aus. Nach Schiller ist das Spiel eine menschliche Leistung, die allein in der Lage ist, die Ganzheitlichkeit der menschlichen Fähigkeiten hervorzubringen.“

Spezialisierung und Mechanisierung ist das Ziel aller heutigen Technologie. Die Menschen werden immer bedeutungslosere Teile einer Gesamtmaschinerie. Das Umfassende menschlicher Begabungen und sozialer Fähigkeiten wird von Maschinen unaufhörlich destruiert.

Spielen ist eine freie lustvolle Betätigung des Menschen mit Menschen. In der Messe aber sitzt jeder Spielende als einsame Monade vor einem toten Kasten, mit dem er kein Wörtchen reden kann. Da sitzen sie in der U-Bahn, im Bus, in der Eisenbahn, fahren mit dem Fahrrad, schieben den Kinderwagen – und beschäftigen sich nur mit sich und ihren Maschinen. Noch nie war der Mensch so isoliert und einsam wie heute und muss sich mit Maschinen die Illusion permanenter Verbundenheit mit Anderen vorgaukeln. Ihre Maschinen sind Opiate geworden, ohne deren Rauschqualitäten sie längst am Krückstock laufen würden.

Die sogenannte „Spieltheorie“ ist das exakte Gegenteil zum leichtfüßig-ernsthaften Spiel der Menschen.

„Spieltheorie“ beherrscht heute die atomare Kriegstheorie. Strategische Spiele fasziniert besonders Kriegstheoretiker, weil sie durch mathematisch fassbare Gesetzlichkeiten exakte Kalkulationen verspricht.“ (Friedrich Wagner)

Dass Merkel vom humanen Spielen nichts versteht und ihre nicht vorhandene klassische Bildung verwendet, um als Befürworterin des Inhumanen, Technischen und Asozialen aufzutreten, zeigt ihre Frage an eine verbarrikadierte Spielerin: „Sind Sie zufrieden hier mit Ihren Leistungen?", fragte Merkel die Frau, als diese wieder ohne Headset und somit ansprechbar war. "In den Kurven war's manchmal ein bisschen langsam, ne?"

Für die Kanzlerin ging‘s wieder einmal nur um abrufbare Leistung. Um Quantitäten. Nicht um befreienden Lustgewinn beim Spielen mit anderen.

Spielen ist freie Geselligkeit und keine Einübung technischer Fähigkeiten, um den Profit der Industrie zu erhöhen. Im Gegenteil: Spiel bedeutet „Befreiung von gesellschaftlichen Zwängen. Mitten im furchtbaren Reich der Kräfte und mitten im Reich der Gesetze baut der ästhetische Bildungstrieb unvermerkt an einem dritten, fröhlichen Reich des Spiels und des Scheins, worin er dem Menschen die Fesseln aller Verhältnisse abnimmt und ihn von allem Zwang, sowohl dem physischen wie dem moralischen, entbindet.“ (Schiller)

Mag Schiller zu viel vom Spiel erwartet haben – als ob es eine von aller Erdenschwere befreite Sphäre sorglosen und vergnüglichen Spielens gäbe –, dennoch hat er ein elementares Bedürfnis des Menschen beim Spielen erkannt: dass der Mensch mit sich in Übereinstimmung kommen will.

Im Bereich des Abhängigen und Vorgeschriebenen ist ihm jedwede Freiheit, jede Entfaltung seiner Begabungen verwehrt. Könnte der Mensch mit anderen Menschen angstfrei und sorglos spielen, wäre er für immer inkompatibel – mit kapitalistischer Notwendigkeit.

 

Fortsetzung folgt.