Neubeginn XLIV

Tagesmail - Montag, den 14. August 2017

Hello, Freunde des Neubeginns XLIV,

der Wahlkampf beginnt. „Es fliegen die Fetzen“. Jeder „ledert und ätzt“ gegen jeden – für BILD, die den populistischen Anspruch erhebt, für das Volk zu sprechen, indem sie dem Volk Demokratie als Zerrbild präsentiert. (BILD.de)

Wer nicht für das Volk spricht, sollte schweigen. Denn Volk ist jeder. Wer für das Volk spricht, spricht auch für sich selbst. Volk ist nicht Gesamtmenge der Nation minus Eliten. Auch Führungsklassen sind Volk, obgleich sie den Eindruck erwecken, als seien sie unmittelbare Mundstücke geschichtlicher Gewalten.

BILD spricht für sich, als spräche sie fürs Volk. Das ist arglistiger Populismus. Für das Volk zu sprechen, ist ein Anspruch, der in eigenem Namen erhoben, aber auch von anderen beurteilt werden muss. Das bedeutet Streit auf dem Marktplatz. Streit um die Meinung aller ist Streit um die Wahrheit.

Nicht Wettbewerb um Geld und Macht ist Urelement der Demokratie, sondern Wettbewerb um die Wahrheit, die das Zusammenleben erträglich, freudig und hochgemut stimmt. Sinn des Lebens ist weder lebloses Dahindämmern im Dienst eines zukünftigen Lebens, noch Übertrumpfen seiner Mitmenschen, um sie auszuschließen und zu verachten. Wer sich nicht um Erkenntnis solidarischer Elemente bemüht, wer sich nur seinem privaten Aufstieg widmet, bleibt ein Idiot.

Niemand ist oben. In vitalen Demokratien gibt es weder Oben noch Unten. Jeder Aufstieg nach oben ist Aufstieg ins Nichts, das Alles sein will. Wer aufsteigen will, hat nur eine Chance: aus der Tiefebene asozialer Monaden in die Hochebene des ...

... zoon politicon aufzusteigen.

Demokratie ist Zusammenleben verschiedenster und unterschiedlichster Einzelwesen – die allesamt von gleichem Werte sind.

Als die Gleichwertigkeit der Einmaligen zur Ungleichheit der Homogenen degenerierte, begann der Abstieg der Demokratie. Die Ungleichen der heutigen Demokratie sind gleichförmig, homogen und eindimensional im Wettrennen um Reichtum und Macht.

Quantitative Unterschiede zerstörten die qualitative Würde des Einzelnen. Eine Freiheit des Einzelnen gibt es nicht. Es gibt nur Freiheit aller Einzelnen. Freiheit ist kein Merkmal von Autisten, sondern Beziehungsart von Menschen, die miteinander leben wollen. Wessen Freiheit die Freiheit seiner Mitmenschen beeinträchtigt, ist nicht lebensfähig, ohne Macht über andere auszuüben.

Nur der ist frei, der die Freiheit seiner Mitmenschen als Stimulans seines Lebens empfindet. Gleichwertiges Anerkennen der Mitmenschen ist höchstes Glück der Erdenkinder. Wer über andere Macht ausübt, will deren Anerkennung erkaufen oder erzwingen. Er glaubt, nicht liebenswert genug zu sein, um die freiwillige Anerkennung seiner Umgebung zu erhalten.

Die Generalursache der Ungleichwertigkeit ist die Unfähigkeit der Demokraten, sich freiwillig anzuerkennen. Eltern anerkennen ihre Kinder nur unter dem Vorbehalt – ihrer Leistungsfähigkeit und Brillanz. Lehrer, Meister, Professoren und sonstige Verwalter der Anerkennung wollen zuerst die Fähigkeiten und Begabungen ihrer Abhängigen sehen, bevor sie Zensuren als Anerkennung auf Vorbehalt vergeben.

Das Leben in Demokratien ist nachträgliches Erwerben der Lizenz, geboren worden zu sein. Die biologische Geburt muss durch eine gesellschaftliche Wiedergeburt im Nachhinein beglaubigt werden. Die Geburt durch das Weib ist Nichts, die Wiedergeburt durch eine männliche Instanz ist Alles. Sei es einer fremdbestimmten Leistung, sei es einer gnädig erteilten Seligkeit durch Unterwerfung.

Primäre Geworfenheit wird zur sekundären Verworfenheit, wenn natürliches Dasein sich den Forderungen machtgeleiteter Schwarmdominanz verweigert. Das ist der Kern des Geschlechterkampfes: weibliche Geburt gegen männliche Wiedergeburt, Anerkennung der weiblichen Natur gegen Verwerfung derselben durch eine männliche Übernatur. In der Taufe soll der alte natürliche Mensch ersäuft werden, um einen neuen Übermenschen aus der Taufe zu heben. Die Taufe wurde ersetzt durch die Mechanismen einer machtdominierten Sozialisation.

Wer seine misstrauisch beäugte Existenzberechtigung nicht durch nachträgliche Leistung unter Beweis stellen kann, dessen Lebenswürde schrumpft gegen Null. Der Mensch muss sein unerbetenes Dasein ein Leben lang beweisen. Der Beweis ist ein lebenslanges Misstrauen gegen seine naturgegebene Würde.

Würde ist nicht beweisbar. Erzwungene Leistungen müssen die naturverliehene Würde erst verdienen. Das Leben, das dem Menschen geschenkt wurde, beschränkt sich auf den winzigen Moment der Geburt. Kaum ist das Kind geboren, beginnt der Hürdenlauf der Leistungen:

Ist das Kind gesund – ist es behindert? Gibt es sich pflegeleicht – oder schreit es alle Erziehungsmaßnahmen nieder? Wann beginnt es zu krabbeln, zu gehen, zu sprechen? Wann kann man es fremden Profis übergeben, damit beide Eltern der männlichen Geldwirtschaft zur Verfügung stehen? Wann löst es sich von seinen Lieben, damit sentimentale Gefühlsbeziehungen den Erfordernissen ökonomischer Mobilität nicht im Wege stehen?

An keiner Wegmarkung seines Heranwachsens kann der Einzelne selbst über sich bestimmen. Überall wird das unvergleichliche Wesen mit anderen verglichen, vermessen, beurteilt, abgeurteilt und in hierarchische Bahnen einsortiert.

In der Schule hat es zu verinnerlichen, was Schulbehörden für richtig halten. In einem Tempo, das Schulbehörden für richtig halten. Mit Methoden, die Schulbehörden für richtig halten. Es soll eine Bildung erwerben, die keine Bildung sein kann. Denn die Beziehung der Bildungsinhalte zum eigenen Leben glänzt durch Abwesenheit.

Wer weiß, was faustisches Streben ist? Welche Rolle Mephisto zu spielen hat? Durch die Omnipräsenz der Technik verfiel die gesamte nicht-quantifizierbare Kunst und verwandelte sich in die – Erbaulichkeit von Technikeliten, die die Borniertheit ihrer religiösen Kindheitsrituale mit Aida, Urlaubsschmökern und Vernissagen ersetzen müssen. Anton Eickel hat den Kollaps deutscher Hohlheits-Bildung am eigenen Leib erlebt und trefflich beschrieben:

„Unzählige Schüler*innen leiden heute unter einem Burn-out, einer Depression und manche haben sogar Suizidgedanken. Junge Menschen, die in der Schule fürs Leben lernen sollen, brechen zusammen; das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen. Weil wir aber in einer Leistungsgesellschaft leben, werden auch wir Schüler*innen auf Leistung optimiert und reduziert. Was haben wir schon für Chancen mit einer Fünf in Mathe und Chemie? Wir können noch so kreativ oder sprachgewandt sein, aber trotzdem müssen wir unsere Energie zu großen Teilen in Fächer stecken, an denen wir kein Interesse haben – und in überflüssiges Wissen, welches wir eigentlich nur für die nächste Klausur brauchen. Respekt und Zivilcourage, Solidarität und Hilfsbereitschaft sind nicht nur Teil und Aufgabe der familiären Erziehung, sondern auch der Schule. Nach zehn Jahren als Schüler würde ich sogar sagen, dass in den Schulen Potenzial, Kreativität, Lebenslust und Gemeinschaftssinn verschwendet und zum Teil sogar vernichtet werden.“ (ze.tt)

Der Mensch braucht Grundwissen? Braucht den Anhauch einer universalen Bildung? Braucht Fremdsprachen? Der Mensch braucht vieles. Aber er besitzt alles, um seine Fähigkeiten und Bedürfnisse in eigener Regie, in eigenem Tempo zu entdecken und zu entwickeln.

Das Bildungswesen beruht auf generellem Misstrauen gegen Jugendliche, die man für lernunwillig und träge hält, wenn man sie nicht belohnt, bestraft, in Schichten sortiert und auseinander treibt. Wie Gott seine Kreaturen für moralische Nieten hält, wenn er sie nicht mit Himmel belohnt und dem Gegenteil bestraft, so agieren die Erwachsenen wie gottgleiche Autoritäten: Misstrauen, Misstrauen, Misstrauen ist die polyphone Disharmonie der Gesellschaft.

Die Grundlagen der Gesellschaft sind demokratiefeindliche Fremdbestimmungen. Ein Wunder, dass Demokratien dennoch funktionieren. Dass der Hunger nach Gleichwertigkeit, Mitsprache und Kooperation im emotionalen Untergrund trotz alledem wächst.

Es ist Wahlkampf. Die Ödnis des politischen Normalbetriebs extremisiert sich zur lärmenden Orgie von Leerfloskeln. Angeheizt von Medien, die die Schlagzeilen über Politiker zur indirekten Selbstanpreisung benötigen.

Merkel greift die Autobosse an, als habe sie mit ihnen noch nie zu tun gehabt. Als sei sie nicht ihre oberste Lobbyistin, die ihre umfangreichen Seilschaften wie eine mafiöse Madre dirigiert.

Schröder hätte den Diesel-Gipfel anders gehandhabt: „Der „eine oder andere Manager“ sei bei der Veranstaltung «sehr bestimmt, gar arrogant, aufgetreten. Das hätte ich mir nicht gefallen lassen. Die hätte ich aus der Sitzung rausgeschmissen».

Was hat ein niedersächsischer Öl-Magnat in russischen Diensten im deutschen Wahlkampf zu suchen? Was berechtigt ihn, sich für eine Proletenpartei einzusetzen, nachdem er alle Abgehängten der Faulheit beschuldigt und mit beschämenden Sozialsätzen aus der Gesellschaft ausgeschlossen hat? Beim Diesel-Gipfel hätte er arrogante Manager rausgeschmissen, seinen Freund Putin aber charmiert er immer noch als lupenreinen Demokraten und findet kein einziges Wörtchen öffentlicher Kritik am Kreml-Chef?

Die Antwort des CDU-Elmar-Brok ist vom selben Kaliber: „Herr Schröder sollte in allen Fragen, die mit Energie zu tun haben, den Mund halten – oder zuvor anmelden, dass er Lobbyist ist. Frau Merkel braucht beim Thema Diesel keine Nachhilfe.“

Schröder muss kritisiert werden. Ist Merkel aber nicht die erste PS-Lobbyistin der Republik, die von Brok noch schärfer kritisiert werden müsste? Halbwahrheiten werden mit Halbwahrheiten gekontert. Vor allem in Wahlkampfzeiten. In normalen Zeiten kräht kein Hahn nach solchen Peanuts.

„Ich werde nächster Champion. Ich schlag den Raab.“ Mit solcher Selbstglorifizierung proklamiert Schulz sich als nächsten Kanzler. Das TV-Entertainment à la Trump wird immer mehr zum Vorbild der Politiker. Selbstbewusstsein wird mit Idolisierung, Siegesgewissheit mit cäsaristischen Gesten verwechselt. Klamauk wird zur Inszenierung, Angeberei zur haltlosen Gewissheit.

Wer kann solche Schaumschläger ernst nehmen? „Schulz widersprach zugleich Vizekanzler Sigmar Gabriel (SPD), der gegen eine Fortsetzung der Großen Koalition ist. Dagegen Schulz: „Ich habe nichts gegen eine Große Koalition unter meiner Führung.“

Ist die Große Koalition nicht die Hauptursache für die Lähmung der SPD? Sprechen Schulz und Gabriel nicht miteinander?? Gabriel lehnt eine erneute GroKo ab, Schulz kann sie sich vorstellen – unter seiner Führung. Was aber, wenn er die Führung nicht erhält?

Drei Ossi-Frauen treten als konkurrierende Madonnen auf. Ex-Pastorengattin Petry mimt die Mutter Gottes in inniger Symbiose mit dem Jesuskind. Pastorentochter Merkel lächelt ihr feinstes Marien-Lächeln. Und Pastorin Göring-Eckardt steht ergriffen am Steuer des Segelschiffs, – rein zufällig ist Merkels Lieblingssong das brausende Seefahrer-Lied der Wandervögel:

Wir lieben die Stürme, die brausenden Wogen,
der eiskalten Winde rauhes Gesicht.
Wir sind schon der Meere so viele gezogen
und dennoch sank unsre Fahne nicht.

Wir treiben die Beute mit fliegenden Segeln,
wir jagen sie weit auf das endlose Meer.
Wir stürzen auf Deck und wir kämpfen wie Löwen,
hei unser der Sieg, viel Feinde, viel Ehr!

Welterobernde Piratenromantik ist die irdische Sättigungsbeilage frommer Jesus-Mägde, die ihren Glauben als Stabilitätsfaktor der Politik betrachten.

Ein echter Wahlkampf wäre das dringend notwendige Interregnum einer rundum versiegelten Kompromiss-Politik, in die vier Jahre lang kein frischer Windhauch eindringt. Nun müssten Grundsätze an die Front, philosophische Prinzipien, geschliffene Thesen, rücksichtslose Wahrheiten, schneidige Attacken. Staatdessen werden Mücken angepriesen und verglichen – und Elefanten geschluckt.

Sie haben keine Gedanken mehr: Dichten und Denken erinnern die Grünen an Investieren und Spekulieren: „Zum Land der Dichter und Denker passt eine Politik, die in Ideen investiert,“ lautet ein Wahlkampfmotto von ihnen. Wer hier nicht weint, weint nimmermehr.

Gedanken und Ideen werden zu Investitionsgrundlagen, als ob Dichter gedichtet und Denker gedacht hätten, um Bill Gates in der Weltliga der Reichsten zu überholen. Philosophie wird zur Melkkuh der Konjunktur.

„Umwelt ist nicht alles, aber ohne Umwelt ist alles nichts“: die Grünen sind außer Rand und Band. Wenn Umwelt flöten geht, geht alles flöten. Umwelt muss alles sein, der schäbige Rest muss sich ihren Notwendigkeiten fügen.

Wer wettet dagegen? Gäbe es keinen sündhaft teuren Wahlkampf, keine Straßenverseuchung mit Plakaten, keine Berieselungen in allen Kanälen – fiele das Gesamtergebnis der Wahl um keinen Deut anders aus. Das Volk wird nicht ernst genommen, sondern als gängelbare Massenware öffentlich missbraucht. Man müsste von Demophilie, von Schändung des Volkes, sprechen.

Während Politiker nicht denken, was tun derweilen die Denker? Da dämmerte einer vor sich hin und erwachte plötzlich und unerwartet:

„Jetzt reichts. Die Lage ist schlecht. Diejenigen, die das Sagen haben, versagen. Widerstand ist nicht zwecklos. Eine Abrechnung mit unserer kaputten Gegenwart. Dies ist ein Pamphlet. Normalerweise bemühe ich mich um Erkenntnisse, aber was ist heute schon normal? Wenn die Welt aus den Fugen gerät, kann man nicht mehr fügsam sein. (ZEIT.de)

Zuerst denken sie – aber nicht an die Welt. Sondern ans Denken. Plötzlich fallen sie aus allen Wolken. Dann schlagen sie zu: im BILD-Stil. Jetzt reichts. Wenn der Weltgeist nicht pariert, kann es keinen geben.

So war‘s in ihrer Geschichte. Jahrhundertelang quälten sie sich mit der Frage; wie kriege ich einen gnädigen Gott? Worin besteht die transzendentale Freiheit eines Deutschen, der in Ketten liegt? Warum sind Deutsche prädestiniert, die Erlöser der Welt zu werden? Als ihre Nachbarn an ihnen vorüberzogen und die Welt eroberten, schrieben sie tiefsinnige Bücher. Nach endlosen Zeiten der Bedeutungslosigkeit erwachten sie eines Morgens und entschlossen sich, Politiker zu werden. Dann schlugen sie zu.

Wahrhaftig, ein Philosoph, der ein dickes Buch über Heideggers Abgründe schreiben konnte, entdeckt die Welt – nachdem sie bereits verloren gegangen ist.

„Wer den aktuellen Stand der Dinge resümieren will, muss sich mit Waffen befassen. Er stößt zuerst auf eine Zeitbombe, deren Zünder scharf gestellt ist. Die Erderwärmung hat – der neuesten Studie von Thomas Crowther und anderen zufolge – den Point of no Return überschritten. Unklar ist nicht, ob diese Bombe in die Luft geht, sondern nur, wie gewaltig ihre Wirkung sein wird. Die Verantwortung für dieses Zerstörungswerk liegt bei den westlichen Gesellschaften, ihren Komplizen und Nachahmern. Juristisch handelt es sich wohl um fahrlässige Tötung. Jeder von uns ist in ein Verbrechen verstrickt.“

Mit welchen Erkenntnissen beschäftigt sich der Denker, wenn nicht mit Erkenntnissen der Welt? Befindet sich die ätherische Sphäre des Denkens noch immer außerhalb der erkenntnisunwürdigen Welt der Gesellschaft und der Natur? Ähnlich den Medien, für die es unwürdig ist, sich an der Rettung der Welt zu beteiligen? Stattdessen gebärden sie sich als interesselose Beobachter der Welt? Ist ein Philosoph noch immer jener Hanns guck in die Luft, der in den nächsten Gully fällt?

„Wenn der Denker zum Denken ging,
Stets sein Blick am Himmel hing.
Nach den Seinsgründen, Wolken, Schwalben
Schaut er aufwärts allenthalben:
Vor die eignen Füße dicht,
Ja, da sah der Bursche nicht,
Also daß ein jeder ruft:
«Seht den Denker Guck-in-die-Luft»!

Seit wann beschäftigt sich die Philosophie mit der Welt? Jahrtausendelang diente sie als Magd der Theologie und brütete über so ungeheure Fragen wie: Wie viele Engel passen auf einen Stecknadelkopf? Die Neuzeit eröffneten sie mit dem hohlen Satz: Ich denke, also bin ich. Auch das war ein theologischer Satz im Gewande eines philosophischen. Durch allmächtiges Denken erschaffe ich mich selbst – aus Nichts.

Erst die Aufklärer sahen die Welt in ihren Problemen und setzten ihren Verstand ein, um Menschenrechte, Gleichberechtigung, Vernunft, demokratischen Geist unters Volk zu bringen. Den katastrophalen Hexenprozessen setzten sie ein Ende. Viele Despoten mussten ihr Bündel packen.

Der Erfolg war so ungeheuer, dass ihre erbittertsten Feinde, die Vertreter des Himmels, leise weinend einpackten und stante pede die Fronten wechselten. Heute tun sie, als hätten sie Vernunft, Demokratie und Menschenrechte aus dem Geiste der Bergpredigt abgeleitet. Jeder Wald- und Wiesenpastor fühlt sich als Garant der Verfassung – weil sich unbemerkt ein Gott in die Vorrede der Verfassung eingeschlichen hat. Welcher Gott? Der Vernunftgott der Aufklärer, der pantheistische Gott Spinozas – oder Trumps Gott des heiligen Zorns?

Welche deutschen Philosophen haben sich um die Realität gekümmert? Wie viele haben dem kriegslüsternen Kaiser Willem die Stirn geboten? Fast keiner. Alle schrieben das Gottesgericht des Krieges herbei. Wie viele haben den NS-Schergen unbeugsam widerstanden, sind emigriert, haben das deutsche Verhängnis aktiv bekämpft? Fast keiner. Alle haben sie die Hände des Führers bewundert und die Ausgießung des Heiligen Geistes gespürt – wie Heidegger und C. F. von Weizsäcker.

Wie alt ist die folgende Erkenntnis?

Das Entscheidende war das Versagen der Philosophie? Weltfremd war sie geworden, bei allem Wissen. Die Lebensprobleme, die die Menschen und die Zeit beschäftigten, spielten bei ihnen keine Rolle. Ihr Weh lag abseits vom allgemeinen Leben. Wie sie von diesem keine Anregung empfing, so gab sie ihm auch keine. Speise, um den geistigen Hunger der Gegenwart zu stillen, besaß sie nicht. Die Philosophie der Brutalität hervorzubringen, ist nur uns Europäern möglich. Was bleibt von den Leistungen unserer Philosophie übrig, wenn man sie ihres gelehrten Flitters entkleidet? Was hat sie uns zu bieten, wenn wir von ihr das Elementare verlangen, dessen wir bedürfen, um als wirkende und sich vertiefende Menschen im Leben stehen zu können?“ (Albert Schweitzer, Kultur und Ethik)

Urfragen müssen gestellt werden, wenn wir neu beginnen. Für eine Zeit unter der Despotie der Wirtschaft, der Eroberung des Universums und der technischen Erfindung der Unsterblichkeit sind solche Fragen phantastische Grillen.

Der Wahlkampf wird den Stillstand verewigen, indem er ein Getöse des Umbruchs anstimmen wird. Denken heißt, seine Gedanken im Streit mit anderen klären, um herauszufinden, was zu tun ist und hoffen zu dürfen, dass wir unseren Kindern nicht die Zukunft untergraben.

Das Schlusswort gebührt Kant, dem Königsberger Selbstdenker. Seine selbstgestellte Frage: Was heißt: sich im Denken orientieren? beantwortete er mit den Sätzen:

„Es ist bloß die Vernunft, nicht ein vorgeblicher geheimer Wahrheitssinn, keine überschwengliche Anschauung unter dem Namen des Glaubens, worauf Tradition oder Offenbarung ohne Einstimmung der Vernunft gepfropft werden kann, sondern, wie Mendelssohn standhaft und mit gerechtem Eifer behauptete, bloß die eigentliche reine Menschenvernunft sei, wodurch er es nötig fand, sich zu orientieren. Freiheit im Denken ist die Unterwerfung der Vernunft unter keine anderen Gesetze als: die sie sich selbst gibt. Also kann man wohl sagen, dass diejenige äußere Gewalt, welche die Freiheit, seine Gedanken öffentlich mitzuteilen, den Menschen entreißt,, ihnen auch die Freiheit zu denken nehme. Selbstdenken heißt, den obersten Probierstein der Wahrheit in sich selbst (d.h. in seiner eigenen Vernunft) suchen.“ (Kant, Was heißt: sich im Denken orientieren?)

Hinter Kants Ansprüche sind wir weit zurückgefallen. Äußerlich können wir sagen, was wir wollen – wenn wir den Mut aufbringen, gegen den Strom zu schwimmen. Innerlich aber werden wir von wirtschaftlichen und technischen Zwängen derart ins Joch gespannt, dass wir zum freien Denken keine Ruhe finden. Der bevorstehende Wahlkampf will uns den letzten autonomen Gedanken betäuben.

Zur Wehrlosigkeit sind wir dennoch nicht verurteilt: denken wir mit dem eigenen Kopf.

 

Fortsetzung folgt.