Neubeginn XLII

Tagesmail - Mittwoch, den 09. August 2017

Hello, Freunde des Neubeginns XLII,

„Wie herrlich leuchtet
Mir die Natur!
Wie glänzt die Sonne!
Wie lacht die Flur!“

Goethes „Mayfest“ soll das Naturschöne besingen, heutige Zeitgenossen würden es als Kitsch bezeichnen. Nicht nur das Schöne, auch das Hässliche muss sterben.

Ist die moderne Welt schön? Die vom Erstickungstod bedrohte Natur, die unendlichen Megapole, die gesichtslosen Betonwüsten, die hässlichen Industrieanlagen, der zerstörte Urwald, der Vernichtungskampf gegen Tiere, die Vergiftungen der Atmosphäre, die immerwährende Lichtpest, die plastikverstopften Meere, die endlos strahlenden Atomrückstände, die naturbefreiten Innenstädte, die atemberaubenden Hochhäuser, die den Einzelnen zu Nichts machen, die ruhelosen Bewegungen autistischer Massen, die nichts unterlassen, um sich zu verabschieden und als Maschinen neu geboren zu werden, der Lärm und der Gestank, die unfreie Arbeit, die Religion des Gefährlichen, die Tyrannei des Grenzenlosen, die fiebrige Erregung nach Auslöschung der Gattung?

In Zukunft soll alles besser und schöner werden oder: früher war alles besser und schöner?

Gibt es Maßstäbe, mit denen wir die Gegenwart messen können? Wir sollen sie gar nicht messen. Gegenwart ist nur eine lästige Notwendigkeit zum Zweck der Vergangenheitsvernichtung und Zukunftsgewinnung. Wie auch immer sie sein mag, Gegenwart ist ein bloßes Instrument, eine schnell zu überwindende Verlegenheitszeit, um zu verdrängen, was dahinten ist und zu erhoffen, was da vorne sein wird. Vielleicht sein wird.

Was geschehen ist, wissen wir – könnten wir wissen, wenn wir es wissen wollten. Was da vorne ist, müssen wir glauben. Der Vorrang der Zukunft ist der Vorrang ...

... des Glaubens.

„Und Lots Weib sah hinter sich und ward zur Salzsäule.“

Frauen halten Umschau, blicken zurück und wollen bewahren. Männer starren nach vorn und setzen alles aufs Spiel, um die Zukunft zu gewinnen. Heutiges Bewahren ist vernichten. Konservative müssen destruktiv sein, um die Zukunft zu gewinnen:

„Wer sein Leben zu erhalten sucht, der wird es verlieren, und wer es verliert, der wird es gewinnen. In dieser Nacht werden zwei auf einem Bette sein; der eine wird angenommen und der andere zurückgelassen. Wo Leichen sind, sammeln sich auch die Adler.“

Es muss Leichen geben, damit siegreiche Adler sich kühn in die Lüfte heben. Die Zeit als Rennstrecke, auf der jeder jeden über den Haufen rennen muss, ist der Kern der Geschichte. Es muss ausgesiebt werden. Erlöserreligionen sind Selektionstests. Wer dies und nicht jenes tut, ist nicht geeignet zum Himmelreich.

„Der HERR sprach zu Gideon: Des Volks ist noch zu viel. Führe sie sie hinab ans Wasser, daselbst will ich sie dir prüfen. Und von welchem ich dir sagen werde, daß er mit dir ziehen soll, der soll mit dir ziehen; von welchem aber ich sagen werde, daß er nicht mit dir ziehen soll, der soll nicht ziehen. Und er führte das Volk hinab ans Wasser. Und der HERR sprach zu Gideon: Wer mit seiner Zunge Wasser leckt, wie ein Hund leckt, den stelle besonders; des gleichen wer auf seine Kniee fällt, zu trinken. Da war die Zahl derer, die geleckt hatten aus der Hand zum Mund, dreihundert Mann; das andere Volk alles hatte knieend getrunken. Und der HERR sprach zu Gideon: Durch die dreihundert Mann, die geleckt haben, will ich euch erlösen und die Midianiter in deine Hände geben; aber das andere Volk laß alles gehen an seinen Ort.“

Selektionstests sind keine rationalen Eignungstests. Wer willkürlichen Kriterien des göttlichen Testers genügt, hat gewonnen. Gott liebte Abel, den Kain liebte er nicht.

„Wer auf dem Dach ist, der steige nicht hernieder, etwas aus seinem Hause zu holen; und wer auf dem Felde ist, der kehre nicht um, seine Kleider zu holen. Weh aber den Schwangeren und Säugerinnen zu der Zeit! Denn siehe, es wird die Zeit kommen, in welcher man sagen wird: Selig sind die Unfruchtbaren und die Leiber, die nicht geboren haben, und die Brüste, die nicht gesäugt haben!“

Wer davon träumt, mit Maschinen sinnliche Lust zu erleben, kann auf Frauen verzichten. Wer davon träumt, digitale Kinder zu zeugen, braucht keine Schwangeren mehr.

„Schlafen wir bald mit Maschinen? Kann die Fantasie von der perfekten Sexmaschine Wirklichkeit werden?“ (SPIEGEL.de)

Wer lang genug die Sexmaschine besingt, wird endlich eine:

„Kumpels, ich bin bereit, aufzustehen, und mein Ding zu machen.
(Ja, nur zu!)
Ich will reingehen, Leute, wißt ihr?
(Nur zu!)
Wie eine, wie eine Sexmaschine, Leute.
(Ja, nur zu!)
Mich bewegen und es tun, wißt ihr?“

Die hässliche Moderne ist keine Stegreiferfindung des Tages. Jahrtausendelang wurde sie in unendlichen Facetten zu einem babylonischen Turm zusammengefügt und aufeinander getürmt. Herr, wir glauben, hilf unserem Unglauben: die Frommen der Gegenwart wollen alten Glauben und moderne Zweifel miteinander verbinden. (Deutsche würden von Dialektik sprechen.)

Wenn es Gott gibt, muss er gereizt werden, um herniederzufahren und die Gebilde der Menschen in Augenschein zu nehmen. Sie wollen schauen, was sie bislang nur glauben durften. Die Moderne ist ein unablässiger Versuch der am Glauben Zweifelnden und im Zweifel Glaubenden, den Gott zur Wiederkehr zu reizen. Sie haben die Nase voll vom bloßen glauben-müssen. Entweder soll Er sich zeigen – oder sich für immer vom Acker machen.

Gott soll sich zeigen, in seiner ganzen Herrlichkeit und Schönheit. Doch ist er schön? Warum soll man sich kein Bildnis noch Gleichnis von Ihm machen? Welches Geheimnis verbirgt sich hinter seinem wenig selbstbewussten Bilderverbot? Muss er sich zwanghaft von prallen heidnischen Göttern und Göttinnen unterscheiden, die sich ungehemmt den Sterblichen zeigen?

Es ist nicht so, dass es im Alten Testament kein Schönes gäbe. Da gibt es ein zauberhaftes Liebeslied, das Kirchenväter aus dem Kanon verbannen wollten, weil es hemmungslos die Sinnenlust besingt. Als die Verbannung nicht gelang, griff man zum bewährten Mittel der Fälschung durch Deutung. Das Liebespaar wurde zu Christus und der Kirche umgedeutet – wodurch die Kirche zur unwiderstehlichen Schönen wurde.

„Siehe, meine Freundin, du bist schön; schön bist du, deine Augen sind wie Taubenaugen. Siehe, mein Freund, du bist schön und lieblich. Unser Bett grünt, unserer Häuser Balken sind Zedern, unser Getäfel Zypressen. Er küsse mich mit dem Kusse seines Mundes; denn deine Liebe ist lieblicher als Wein. Es riechen deine Salben köstlich; dein Name ist eine ausgeschüttete Salbe, darum lieben dich die Jungfrauen. Zieh mich dir nach, so laufen wir. Der König führte mich in seine Kammern. Wir freuen uns und sind fröhlich über dir; wir gedenken an deine Liebe mehr denn an den Wein. Sage mir an, du, den meine Seele liebt, wo du weidest, wo du ruhest im Mittage, daß ich nicht hin und her gehen müsse bei den Herden deiner Gesellen. Weiß du es nicht, du schönste unter den Weibern, so gehe hinaus auf die Fußtapfen der Schafe und weide deine Zicklein bei den Hirtenhäusern. Da der König sich herwandte, gab meine Narde ihren Geruch. Mein Freund ist mir ein Büschel Myrrhen, das zwischen meinen Brüsten hanget. Mein Freund ist mir eine Traube von Zyperblumen in den Weinbergen zu Engedi.“ (Hoheslied)

Woher auch immer die Vorlage des Liedes stammen mag, aus einem griechischen oder arabischen Hirtenlied: im Gegensatz zu Augustin, der jegliche Lust beim Zeugen als Sünde verfluchte, war eheliche Sinneslust bei Juden alles andere als verboten. Kalokagathie, die hellenische Symbiose aus dem Wahren und Schönen, wurde „von der jüdischen Oberschicht in Alexandrien akzeptiert und anerkannt. Auch für Philo, den jüdischen Platonverehrer, war die gymnasiale Erziehung des vornehmen Juden eine Selbstverständlichkeit.“ (Martin Hengel, Judentum und Hellenismus)

Dass die gymnasiale Erziehung – auch mit nackten Sportübungen – beim fundamentalistischen Volk Abscheu erregte, kann nicht verwundern. Auch heute gibt es jüdische Gelehrte, die die damalige Übernahme der hellenischen Bildung als „Verrat am Judaismus“ werten. Für die jüdische Oberschicht war hellenische Kultur ein Faszinosum, der sie kaum widerstehen konnte. Doch die bisherige Glaubensgemeinschaft des jüdischen Volkes musste darüber zerbrechen. Die Frömmsten wurden noch fundamentalistischer und distanzierten sich scharf vom heuchelnden Ritualismus ihrer Eliten.

Ein Vorgang, der in der gegenwärtigen Globalisierung überall zu beobachten ist: Eliten übernehmen die Ideologie des siegreichen Westens, die ihnen materielle und politische Vorteile bringt – die Völker bleiben auf der Strecke. In Israel genügte nicht mehr das bloße Zugehören zum auserwählten Volk. Der Einzelne musste eine innere Gesinnung zeigen – oder den Zorn Gottes fürchten:

„Ich bin euren Feiertagen gram und verachte sie und mag eure Versammlungen nicht riechen. Und ob ihr mir gleich Brandopfer und Speisopfer opfert so habe ich keinen Gefallen daran; so mag ich auch eure feisten Dankopfer nicht ansehen. Tue nur weg von mir das Geplärr deiner Lieder; denn ich mag dein Psalterspiel nicht hören!“

Nicht länger sind alle Mitglieder des Volkes Gottes Kinder. Die Heuchler wird der Herr bestrafen und aussortieren, nur ein „heiliger Rest“ wird übrig bleiben. Noch in der gegenwärtigen Politik Israels ist die Spaltung des Volkes in Errettete und Verworfene ein großes Problem.

Was bedeutet heute, ein Jude zu sein? Zugehörigkeit zu einer Religion oder zu einem Volk? Viele Juden sind keine fundamentalen Gläubigen mehr. Nach Meinung der Ultras können sie nicht länger „Juden“ genannt werden. Bleibt die Zugehörigkeit zu einer Nation. Um die Spaltung zu beheben, versuchen die Strenggläubigen, die ganze Nation zum wahren Glauben zurückzuführen, indem sie den jungen Staat nötigen, sein ehemaliges biblisches Terrain zurück zu erobern.

Als die zionistischen Pioniere – keineswegs gläubige Juden – im 6-Tage-Krieg ganz Jerusalem und die Klagemauer eroberten, standen sie unvermutet unter dem Bann des uralten Glaubens ihrer Väter: muss der militärische Erfolg nicht doch als eine Art Gottesbeweis anerkannt werden? Auf denselben Effekt rechnen die heutigen Ultras, wenn das biblische Ur-Areal in die Hände Israels fallen würde. Dann bestünde die Hoffnung, die politische Einheit zur Einheit des Glaubens zu vervollständigen.

Wie in Amerika, Deutschland und in den meisten christlichen Staaten ist Religion auch in Israel die Substanz der Politik. Solange die abendländischen Staaten nicht ihre Beziehungen zur Religion klären, werden sie ihre wachsenden Konflikte nicht lösen.

Auch in Deutschland verschärft sich der religiöse Faktor, ohne den die unangefochtene Position der Mutter der Nation nicht denkbar wäre. Je weniger sie einzugreifen scheint, umso unbesiegbarer wird ihre Macht. In Deutschland wird kaum noch Politik getrieben. Man schwimmt im Hochgefühl, wieder angekommen zu sein. Wozu künstliche Kontroversen und hysterische Reparaturen, wenn es uns gut geht?

Dass immer mehr Menschen aus der Kirche austreten, ist kein Gegenbeweis. Für die meisten Austretenden ist es ein Zeichen ihrer inneren Aufrichtigkeit, dass sie für ihren „Glauben“ keine bigotte Kirche mehr benötigen.

Im Althebräischen kann Natur als gefallene nicht schön sein. Dennoch wird sie als Schöne gepriesen. Wie ist das möglich?

„Der HERR ist groß und sehr zu loben, und seine Größe ist unausforschlich. Kindeskinder werden deine Werke preisen und deine gewaltigen Taten verkündigen. Sie sollen reden von deiner hohen, herrlichen Pracht; deinen Wundern will ich nachsinnen. Sie sollen reden von deinen mächtigen Taten, und ich will erzählen von deiner Herrlichkeit; sie sollen preisen deine große Güte und deine Gerechtigkeit rühmen.“

Jahwe strahlt auf, sein Lichtglanz erscheint, Glanz geht vor ihm her. Doch plötzlich wird die Gloriole gestört: die Erde wankt, die uralten Berge zerbrechen. Kann das Schreckliche noch schön sein?

Der Alttestamentler Gerhard von Rad antwortet: „Auch dieses Schreckliche hat höchste Herrlichkeit. Jahwe verdient das Prädikat der „vollkommenen Schönheit“. (Die Theologie des Alten Testaments, Bd. I)

Doch jetzt ergibt sich ein gewaltiges Problem. Wie lässt sich Gott als „aller Welt Entzücken“ vereinbaren mit dem künftigen Gottesknecht, „der keine Gestalt noch Schöne hatte“? Von Rad: „Das Schöne war für Israel nie etwas Absolutes. Deshalb war es etwas Geglaubtes. Der Genuß der göttlichen Schönheit ist etwas Antizipiertes, auf eine eschatologische Vollendung ausgerichtet. Es ist geglaubtes Schauen. Die Schönheit Gottes war für Israel ein Prozess in der Heilsgeschichte. Hinter der Selbstentäußerung und Verborgenheit ihres Herrn nahmen sie dessen Schönheit wahr.“

Das Schauen der Schönheit war Glaube, der Glaube ein Schauen in die Zukunft. Sie nahmen im Glauben vorweg, was sie in der Vollendung der Geschichte mit eigenen Augen zu sehen hofften.

Was ist das Schöne? Sinnliche Erfassen des Vollendeten in der Natur – oder unsinnliches Glauben an eine künftige Schönheit?

Zwischen der platonischen Auffassung des Schönen als eines Urbildes im Reich der Ideen – und der hebräischen als Glauben an die vollendete Schönheit am Ende der Zeit ergeben sich verblüffende Ähnlichkeiten. Nicht umsonst hielt man Platon für den Wegbereiter des späten Judentums oder beginnenden Christentums. Das Wesentliche spielt sich nicht auf Erden ab. Sondern in einem ideellen Jenseits oder in der idealen Zukunft.

Die sinnliche Wirklichkeit bei Platon ist allerdings nur minderwertig, nicht hoffnungslos verdorben, schon gar nicht erbsündig wie im späteren Christentum. Das Sinnliche bei Platon muss nicht erlöst werden. Seinen vollkommenen Staat verlegte Platon nicht in einen imaginären Himmel, wie der Verfasser des Hebräerbriefs: „Denn hier haben wir keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.“

Lange Zeit hielt Platon seine schöne und wahre Politeia für ein realisierbares Projekt politischen Strebens. Erst im hohen Alter könnte er resigniert haben. Denn sein letztes Werk, die Gesetze, beschrieben nur einen zweitbesten Staat. Natur war für ihn eine Mixtur aus minderwertiger Sinnlichkeit und verborgener Idealität, die der Sinnlichkeit als stählernes Nervensystem diente. Weit entfernt von der Kontaminierung durch Böses, musste irdische Natur nicht zerstört werden, um einer himmlischen Platz zu schaffen. Der Dualismus Platons ist weitaus erdverbundener als der frühchristliche Hass auf die irdische Natur, die auf kein Pardon hoffen darf.

Ähnlich aber ist die Vorstellung des Schönen als eines Phänomens, das durch sinnliche Realität nicht voll erfasst werden kann. Selbst im Schrecklichen ist das Schöne als göttliche Hintergrundfolie zu erahnen und zu glauben – so im biblischen Denken.

Das christliche Denken kennt zwei Beziehungsarten zum griechischen: entweder widerlegen die christlichen Schriftsteller die heidnischen Werte durch Umwertung oder sie übertrumpfen sie, um sie zu lächerlich zu machen. Weltlicher Glanz und politische Stärke müssen zur scheinbaren Demut und Schwäche, irdische Schönheit zur Hässlichkeit am Kreuz werden. Doch nur vorübergehend. Am Ende aller Tage wird das Reich Gottes in Glanz und Gloria triumphieren. Was sie nicht widerlegen können, versuchen sie zu übertrumpfen. Die Wunder der vielen Heilande jener Zeit müssen von den Wundern des wahren Heilands in den Schatten gestellt werden. An der finalen Überlegenheit der religiösen Phänomene kann es keinen Zweifel geben.

Da Gottes Schönheit sich hinter dem Bösen verstecken kann, ist es den Künstlern des christlichen Mittelalters unbenommen, auch das Grässlichste als Verherrlichung des Schöpfers darzustellen. Nun wird verständlich, warum moderne Christen die Schändung der Natur nicht als unerträglichen Schock erleben. Glauben sie doch zu wissen, dass Gott auch im Gewande seines bösen Gegenspielers auftreten kann.

Wer an das Vollendete in der Zukunft glaubt, für den sind Phänomene der Gegenwart schnell vorüberziehende Irrlichtereien des Teufels, die der Allmächtige eine Weile zulässt und erträgt. Klimaverschärfung, blutende Wunden in der Natur: alles nur Schein, der sich eines Tages in Wohlgefallen auflösen wird.

Aristoteles hat den Dualismus seines Lehrers abgelehnt und das Sein als Einheit verstanden. Schönheit ist für ihn „Größe und Ordnung“. Das Schöne besteht in der richtigen Anordnung der Teile, die zusammen ein Ganzes bilden. Hier gibt es weder eine Eschatologie, noch ein Verweis auf ein ideales Jenseits. Hier bleibt Aristoteles ein echter Grieche, der den Kosmos als unübertrefflich schöne Ordnung bestaunt. Eine Verfalls- oder Regenerationsbewegung der perfekten Ordnung ist ausgeschlossen.

Griechen kennen keine Heilsgeschichte. Ihre Zeit ist kein Teufelskreis, sondern ein Zirkel des Vollkommenen. Doch das Schöne muss bei Aristoteles eine bestimmte Größe haben. Schönheit im Kleinen und Unscheinbaren kennt er nicht. Frauen, die eine bestimmte Größe nicht erreichen – also die meisten – können für ihn nicht schön sein.

Im Gegensatz zur damals aufkommenden Lehre von der Gleichwertigkeit aller Menschen, regredierte Aristoteles auf rassistische adlige Vorurteile. Für ihn sind Sklaven, Frauen und Fremde von Natur aus Wesen zweiter Klasse. Hier vertrat er eine überholte Position. Sein illustrer Schüler Alexander war längst von der Einheit und Gleichheit aller Menschen überzeugt, weshalb sein Lehrer es vorzog, beim Feldzug ins Vorderasiatische zu Hause zu bleiben.

Warum wurden die Griechen zu leidenschaftlichen Verehrern des Schönen? Schön bedeutete für sie das Streben nach einem „gottähnlichen, gesicherten Leben“. Schön ist die Stufe der Vollendung, keine Qualität, die einem Sein hinzugefügt werden muss. Das Nicht-Schöne ist mangelhaftes Sein.

Womit wir bei der dreifachen Gleichung angekommen wären: das Schöne erkennt man am Wahren, das Wahre am Guten, das Gute wiederum am Schönen.

Doch wie: müssen gute Menschen auch schön sein? War Sokrates nicht der Hässlichsten einer? War das Wahre-Schöne-und-Gute nicht eine Perfektionsformel, die den Einzelnen heillos überforderte? Ähnlich dem Perfektionswahn der Moderne, wo jeder sich nur als Mensch fühlen darf, wenn er in allen Dingen Höchstnoten ergattert?

Sappho, die erste Dichterin und Erzieherin junger Frauen, war es, die zwischen äußerlicher und innerlicher Schönheit – dem wahren Guten – unterschied. Wer schön ist, sagt sie, ist es nur für das Auge, wer aber gut ist, wirkt auch Schönes. Hätte sie Sokrates gekannt, würde sie ihn mit diesem Satz charakterisiert haben. Auch Platon beschrieb die Schönheit seines Meisters als Schönheit eines verborgenen Götterbilds. Wer Schönheit als Erkenntnis der Sinne definiert, wird von innerer Schönheit nicht überzeugt sein.

Von einer schönen Seele spricht heute niemand mehr. George Clooney gilt als schönster Mann der Welt, weil er ein vollkommen symmetrisches Gesicht besitzt. Was dieses Gesicht ausstrahlt – ob Eitelkeit, Bescheidenheit oder Weisheit – ist für moderne Quantitäts-Fetischisten von keinem Belang. Heute hat man nur Eindrücke, die man nachmessen kann. Welche subjektiven Empfindungen man mit objektiven Eindrücken verbindet, muss negiert werden.

Dass Schönheit, im Gegensatz zu allem Wahren und Guten, eine grausame ideologische Rolle spielen konnte, zeigt der Rassismus des Dritten Reichs. Die Deutschen fühlten sich als überlegene Rasse. Nicht nur in Wissenschaft, Technik und militärischer Stärke, sondern auch – in Schönheit. Ein reinrassiger Arier gehörte zu den gesündesten, vitalsten und schönsten Wesen dieser Welt, im Gegensatz zum moralisch verkommenen, hässlichen Juden. (Während der Besatzungszeit in Frankreich ließen sich viele Französinnen mit deutschen Soldaten ein, weil sie angeblich so schön waren.)

Dieser Punkt der nationalsozialistischen Herrenideologie wird von den meisten Historikern übergangen. Nur der jüdische Gelehrte George Mosse hat sich dieses Themas angenommen. In seinem Buch „Die Geschichte des Rassismus in Europa“ analysiert Mosse die verderbliche Wirkung eines Kults, der Schönheit als Beweis seiner rassischen Überlegenheit feiert.

Die griechische Kalogakathie hatten die Aufklärer der Neuzeit als eigenes Ideal übernommen. In Deutschland war es Winkelmann, der die stille Einfalt und edle Größe der klassischen Kunst verkündet hatte. Mosse vollbrachte „eine wirkliche Pionierleistung, weil er einen bis dahin fast völlig übersehenen Zusammenhang zwischen den Schönheitsidealen der Aufklärung und der Entstehung rassischer Stereotypen im westlichen Europa erstmals thematisierte.“ (H/Soz/Kult.de)

Hätten die Aufklärer – in Übernahme griechischer Gedanken – ihr Loblied auf die Schönheit nicht anstimmen dürfen, um den Missbrauch ihrer Ideale zu verhindern? Als erste Europäer verbreiteten die Aufklärer die Forderungen der Menschen- und Völkerrechte, der gleichen Würde aller Menschen. Gegen alle christlichen Mächte der Finsternis – mit Vehemenz und unter vielen persönlichen Opfern. Es waren die Nationalsozialisten, die ein Fragment aus dem humanen Repertoire der Aufklärer herauslösten und ihrer Barbarei einverleibten. Gegen solchen Missbrauch ist kein Kraut gewachsen: man muss ihn bedingungslos an den Pranger stellen.

Auch der Germanist Jochen Hörisch hält die Einheit des Wahren, Guten und Schönen für einen Wahn.

„Kalokagathia – das ist ein erlesenes Fremdwort aus dem Altgriechischen. Diese Idee ist so unwiderstehlich wie unhaltbar. Ausgeprägte Schwächen in der Sphäre guten Handelns vertragen sich verdächtig gut mit Brillanz in der Sphäre des Schönen. Man kann wie Rilke ein Schnorrer sein (Fürstin, haben Sie für den Winter vielleicht einen Schlossflügel frei?) und erhabene Lyrik verfassen; man kann wie Ernst Jünger in zwei Weltkriegen ein paar Dutzend Leute getötet und bemerkenswerte Texte wie die „Gläsernen Bienen“ publiziert haben; man kann wie Brecht gegen Ausbeutung anschreiben und Frauen ausbeuten; man kann wie Richard Wagner grauenhafte antisemitische Pamphlete und zugleich unerhörte Töne erschallen lassen, die höher sind denn alle Vernunft. Alle wissen, dass die Wahrheit hässlich und das Schöne des Schrecklichen Anfang sein kann.“ (Frankfurter Rundschau.de)

Wäre es anders, würden intellektuelle Gutmenschen die Macht in Deutschland übernehmen. Spätestens dann wäre es an der Zeit, „die Exilkoffer zu packen. Klug, wie die genannten Köpfe sind, entwickeln sie keinen oder allenfalls verhaltenen Ehrgeiz, ihre ästhetische in direkte politische Kompetenz umzusetzen. Wohl aber in moralische – und eben dies ist nicht die Lösung, sondern Teil des Problems.“

Womit wir erneut bei der deutschen Unverträglichkeit von Moral und Politik gelandet wären. Warum ist Merkels Position, auch bei deutschen Intellektuellen, unanfechtbar? Weil sie sich hütet, eine moralische Politik zu betreiben.

Betätigt Trump sich als amoralischer Berserker, wird hierzulande der „besserwissende moralisierende Finger“ erhoben. Tut die deutsche Kanzlerin dasselbe – wenngleich mit gelegentlichem Caritas-Dekor –, aber in diskret-demütiger Schweigsamkeit, wird sie zur moralischen Führerin des Westens erkoren.


... wird fortgesetzt.