Neubeginn XXXVI

Tagesmail - Mittwoch, den 26. Juli 2017

Hello, Freunde des Neubeginns XXXVI,

Die Angst der Juden vor den Judenfreunden“: Armin Langers Artikel in der ZEIT hätte sich auch auf Springers Paradeblatt beziehen können.

Wer über Antisemitismus reden will, ohne über philosemitisch verkappten Antisemitismus zu reden, sollte besser schweigen. Dass Dinge nicht sind, wie sie scheinen, ist ältestes Gedankengut der Menschheit.

Spätestens seit der christlichen Umkehrung aller Werte, die im Kern heidnisch geblieben sind, nur aus strategischen Gründen sich den Schein des erleuchteten Gegenteils gegeben haben, sollte man wissen, dass X auch als Non-X auftreten kann. Die Demütigen und Schwachen sind die eigentlich Mächtigen, auch wenn es noch nicht so aussehen mag: Gott ist in den Schwachen mächtig. Selig sind die Sanftmütigen, denn sie werden die Erde beherrschen.

Wenn Gott selbst das dialektische Verwechslungsspiel liebt, sich einmal als liebender Gott der Offenbarung, ein ander Mal als anonymer Teufel präsentierent, (Deus revelatus, Deus abscondidus), wenn Faust sich des Mephisto bedient und dessen List mit göttlich genehmigter Überlist hinters Licht führt, um seine himmelsstürmenden Pläne mit satanischem Know-how durchzusetzen, dann sollten Abendländer wissen, dass etwas nicht sein muss, wie es sich „gibt“.

„Er gibt sich kämpferisch“: pfiffige Edelschreiber nutzen gern das Verwechselspiel von Sein und Schein, um ihre Leser entweder zu warnen: Vorsicht, der Schein könnte trügen. Oder ihre Hände in Unschuld zu waschen: sollte sich der Kämpfer als ...

... Memme entpuppen – sie hatten sich nicht festgelegt.

Das Verwirrspiel, von den Deutschen Dialektik genannt, wird von ihren Eliten in zweierlei Hinsicht benutzt (Vorsicht: ordinärer Populismus):

a) das Simple und vor aller Augen Liegende verwandeln sie in das Unverständliche und Hyperkomplexe, damit der Pöbel ja nichts verstehe. Finanzkrisen seien unvorhersehbar, also unvermeidlich gewesen. Schuld, eindeutige Ursachen oder belangbare Täter gäbe es keine.

b) das Schwierige wird simplifiziert, um es zu politischen Zwecken zu benutzen. Kritik an Amerika ist Antiamerikanismus, Kritik an Israel Antisemitismus, Kritik an den Herrschenden (samt ihren medialen Kohorten) ist Besserwisserei, moralisierendes Schwarz-Weiß-Denken oder populistisches Vereinfachen, um die doofen Massen für sich zu gewinnen.

Nur, wenn man eine objektive Erkenntnis der Dinge zuließe, hätte man übersubjektive, sachliche Kriterien, um Verzerrungen nach Oben oder Unten aufzuhellen. Nach Oben als Verkomplizieren ins Unerkennbare, Geheimnisvolle und Mysteriöse. Nach Unten als Versimplifizieren ins Lernbare, Lösbare und Machbare.

Nicht ausgeschlossen, dass vernünftige Menschen ihre Probleme lösen. In diesem Sinn trifft Dialektik ein Wahres. Die Lösung der Probleme aber kann nie ein übermenschlicher Automatismus sein. Das ist das Falsche der Dialektik. Ist die Verständigung echt, sachlich erarbeitet und für beide Seiten emotional befriedigend, kann man von einer echten Verständigung, einer wahren Synthese sprechen. Wenn diese Voraussetzungen nicht zutreffen, ist die Synthese ein einziger fauler Kompromiss. Wir leben in politischen Zeiten eines faulen GAGROKO-Kompromisses oder einer unechten Synthese.

Es gibt nicht nur echte und faule Synthesen, es gibt auch echte und faule Antithesen. Nicht alles, was heute gespalten und zerrissen wird, widerspricht sich auch. Den faulen dialektischen Synthesen stehen die faulen undialektischen Antithesen gegenüber. Auf der einen Seite harmonisieren die Deutschen alles, was niemals kompatibel ist. Auf der anderen reißen sie auseinander, was eigentlich zusammengehört. Der falschen dialektischen Versöhnung steht ein harsches undialektisches Zerreißen gegenüber.

Die undialektische Herrschaft der Eliten beruht

a) auf der eigenen genialen Machbarkeit des Unlösbaren: sie versimplifizieren das Überkomplexe.

b) der ungenialen Unfähigkeit des Pöbels, die genialen Fähigkeiten der Eliten zu verstehen, zu beurteilen, demokratisch zu überprüfen und zu kontrollieren. Sie überkomplizieren ihre Herrschaftsattitüden, um das Volk für dumm zu verkaufen: ihr versteht uns nicht und werdet uns nie verstehen.

Die Moderne, die ihren technischen Fortschritt als objektiven Gang der Menschheit ins Gottähnliche empfindet:

a) verniedlicht das Grenzenlose, Überdimensionale und Unlösbare in technisch lösbare Probleme: nichts ist dem Menschen unmöglich, was er sich als titanische Aufgabe vornimmt. Seine Gottähnlichkeit erweist sich in der unaufhaltsamen Gottwerdung des irdischen Menschen. Am Ende der Geschichte steht der Homo Deus: der unsterbliche Herrscher des Universums. Der Jesuit Teilhard de Chardin, der evangelische Theologe Ernst Benz und der Israeli Yuval Noah Harari sind einer Meinung: der sündige und sterbliche Mensch wird durch Erleuchtung, Genialität oder mystische Einheit mit Gott zum Christus-Omega, zum Übermenschen, dessen Macht die des Messias übersteigen kann, oder zum Homo Deus.

b) verkompliziert die Machbarkeit ihres Schicksals zur Unlösbarkeit, sodass der Mensch sich übermenschlichen Mächten unterordnen muss. Sei es der Geschichte, der Evolution, einem Gott oder einem unbenennbaren Geschick. Praktisch bedeutet das die notwendige Unterordnung des Pöbels unter die Stellvertreter Gottes, die allmächtigen Priester, die Zukunftsgestalter, die technischen Genies. Das wäre das unwiderrufbare Ende jeder Demokratie, in der alle Menschen das Tun ihrer Gewählten beurteilen und kontrollieren können.

Die Philosophie der Moderne, die eine verkappte Theologie ist, entledigt sich wortlos aller demokratischen Gemeinwesen, indem sie die Menschheit in zwei Kasten spaltet: in die Kaste derer, die mit dem Ziel der heilsgeschichtlichen Gottwerdung identisch ist und sich immer mehr von der Kaste der Unteren löst, die unfähig ist, die Genialität ihrer Führungsschicht zu erahnen, zu überprüfen und deren Allmacht unter Kontrolle zu bringen.

Die Gottwerdung des Menschen gelingt nur Wenigen und Auserwählten. Die Masse der Verlorenen (massa perditionis) wird in rasendem Tempo überflüssig und muss sich vom Acker machen.

Noch begnügen sich die Sieger der Geschichte damit, ihren Weg ins Licht fortzusetzen, ohne die lästigen Massen aktiv zu entsorgen. Noch hoffen sie, dass die Verlierer des Fortschritts durch den Gang der Dinge automatisch vom Erdboden verdrängt werden. Etwa durch ungeheure Konzentration allen Reichtums in wenigen Händen, sodass die Überflüssigen von selbst verhungern und verderben.

Diese existentielle Minderwertigkeit zeigt sich längst in biologischen Symptomen: die Spermien der Massenmänner werden immer spärlicher und unfruchtbarer. Die Frauen des Wohlstands wollen immer seltener Mütter werden. Die Natur selbst scheint dafür zu sorgen, die Parasiten der Zukunft aus dem Weg zu räumen. Während die oberen Schichten ihre Dynastien mit zahlreichen Kindern und Kindeskindern präsentieren, werden die unteren immer greisenhafter, die Familien zerrissener, die Kinder zur Belastung. Beruf und Sippe verschmelzen oben zu superreichen Familienunternehmen, die es schaffen, wirtschaftliche und politische Macht zur Einheit zu bringen.

Unten dringt die Angst, abgehängt zu werden, aus untersten Schichten, die bereits in der dritten und vierten Generation vor sich hinvegetieren, immer mehr hinauf in die Mittelschichten. Die nächste Robotergeneration 4.0 wird den kompletten Mittelstand in Angst und Schrecken versetzen. Bislang waren ihre wirtschaftlichen, technischen und politischen Fähigkeiten notwendig und unersetzbar. Die nächsten maschinellen Genies werden ihnen zeigen, dass ihre Fähigkeiten auf Dauer nicht mehr gefragt sind.

Abgesehen von kleinen Sekten von Spezialexperten, werden nur noch Superreiche und Supermächtige übrig bleiben, um den Planeten zu beherrschen. Der Weg der Moderne in Grenzenlosigkeit und Gigantismus lässt 99% der Menschheit keine Chance mehr. In absehbarer Zeit wird die Erde von einer Tycoon-Priester-Genie-Klasse der EINPROZENT dominiert und bis in die letzten Winkel der Arktis und des Urwalds kontrolliert werden.

Früher wurden geniale Forscher zu skurrilen Professoren wie Einstein, zu besorgten Moralisten wie Heisenberg oder Niels Bohr. Heute verschwimmen die Grenzen immer mehr. Der geniale Mathematiker wird fast unausweichlich zum Unternehmer, der mit seinen Erfindungen unendliches Kapital erwirbt. Bacons Motto: Wissen ist Macht, wurde zur umfassenden Wirklichkeit. Die Wissenden werden zu Mächtigen, die alle Unwissenden zur Bedeutungslosigkeit verurteilen. Die zunehmende Kluft zwischen Arm und Reich verläuft parallel zur Kluft zwischen technischem Wissen und Unwissen.

Wohin mit den Überflüssigen? Noch existieren in verschiedenen Ländern soziale Programme, die den Überflüssigen ein karges, bedeutungsloses Leben garantieren. Die Idee eines BGE wird immer mehr von Milliardären unterstützt, um die Massen unauffällig kalt zu stellen und zu kasernieren. Vorbild ist das Hartz4-Modell eines deutschen SPD-Kanzlers. Sofern die Eliten es für richtig halten, die überflüssigen Massen nicht gänzlich verderben zu lassen, wird nicht deren Armut zum Hauptproblem des reichen Westens, sondern die absolute Machtlosigkeit der Parias.

Dialektik ist die Zuversicht, alle Konflikte und Widersprüche dieser Welt eines Tages zu lösen – und mit Hilfe des Streits und einer kontinuierlichen Verständigung und Versöhnung den Fortschritt ins Reich Gottes auf Erden oder ins Reich der Freiheit voranzutreiben. Streit und Widerspruch sind Elemente der unaufhörlichen Harmonisierung.

Unschwer zu erkennen, dass das Theodizee-Problem die Quelle der abendländischen Dialektik war. Warum hat Gott, der Allmächtige, Allwissende und Allgütige das Böse zugelassen: die schier unlösbare Frage wird durch den dialektischen Prozess der Heilsgeschichte beantwortet. Das Böse, der Widerspruch, der Streit sind notwendig, um die Entwicklung der Menschheit aus unbewussten Anfängen ins helle Bewusstsein einer voll entwickelten Menschheit voranzutreiben.

Die unvereinbaren Widersprüche des Anfangs nähern sich in spiraligen Bewegungen mit unendlichen Thesen, Antithesen und Synthesen einer harmonischen Widerspruchsfreiheit: Gott und Mensch verschmelzen miteinander.

Der menschgewordene Gott und der gottgewordene Mensch werden alles in allem sein. Die Theodizee-Frage ist gelöst. Gott hat das Böse nicht aus sträflicher Fahrlässigkeit zugelassen, er hat es bewusst erschaffen – weil es gar nicht böse ist. Als Sparringspartner motiviert er das Gute, zum vollendeten Göttlichen zu werden, in dem es weder Widersprüche noch Probleme gibt.

Da im Prozess der Geschichte nichts bleibt, wie es war, spricht Hegel von der „allgemeinen Ironie der Welt.“ Sokratische Ironie war die Kunst des Streitgesprächs, so schwebend zu formulieren, dass der Antwortende sich am Wortlaut des anderen nicht festhalten konnte und seine Antworten allein suchen musste.

Mit der dialektischen Methode hatte Hegel auch seine persönlichen psychischen Probleme aus dem Weg geräumt. Als junger Mann war er glühender Anhänger des Sokrates und scharfer Kritiker des Christentums. Vernunft und Glauben waren für ihn unvereinbar. Erst die Dialektik brachte das Wunder einer prozesshaften Versöhnung. Am Anfang gab es nur Chaos und Tohuwabohu, am Ende wird es Friede, Freude, Eierkuchen geben.

Hegels Dialektik will nicht nur die praktischen Probleme der Menschheit lösen, sondern auch die Probleme der Logik. Doch das sind zwei paar Stiefel – die nie zusammenpassen werden. A ist A und nicht Non A: dieser logische Widerspruch bleibt ewig ein Widerspruch. 2 und 2 werden in Ewigkeit nicht 5. Das Wahre wird in Ewigkeit nicht zum Unwahren.

Aus nichtwestlichen Kulturen ist nicht selten der Vorwurf zu hören, der Satz des ausgeschlossenen Dritten sei Ursache der westlichen Unversöhnlichkeit. Das ist ein Missverständnis. Logik enthält keine Aussagen über reale Dinge, sie verbleibt im Reich des Abstrakten.

Wenn es heißt: A ist nicht Non A, darf das nicht simpel in eine politische Aussage übersetzt werden: A, der Deutsche, könne niemals B, einen Nichtdeutschen verstehen oder als gleichberechtigen Menschen betrachten. Deutsche könnten sich nie mit anderen Völkern vertragen, weil sie unvereinbare Leitkulturen hätten. Es ist der Mensch, der bestimmen muss, wie er A und B inhaltlich konkretisieren will. Die sozialen Dinge sind viel zu reichhaltig und schillernd, um sie mit einem eigenschaftslosen logischen Zeichen wiederzugeben.

Die abstrakte Logik darf nicht missbraucht werden, um Dinge zu entscheiden, die der Mensch philosophisch zu entscheiden hat. Mathematik und Logik sind nur Hilfsmittel, um Gesetze der quantifizierbaren Natur zu entschlüsseln. Das Menschliche bleibt ewig unquantifizierbar.

Das ist die Crux aller Geisteswissenschaften, dass sie aus Minderwertigkeitsgründen die Quantifizierbarkeit der Naturwissenschaften plagiieren muss. Das Qualitative muss qualitativ, mit Gedanken und Empfindungen analysiert und durchdacht werden. Das Gedachte sollte mit Hilfe der Logik möglichst widerspruchsfrei werden. Diese Widerspruchsfreiheit aber kann kein mechanisches Rechnen sein. Das Abstrakte ist nur die Knochenstruktur des Konkreten. Der Satz: Kapitalismus und Gerechtigkeit sind unversöhnlich und widersprüchlich, kann nicht mit bloßer Hilfe der Logik entschieden werden.

Marx und viele Aufklärer begingen die methodische Ursünde, die Gesetze des Menschen und seiner Geschichte wie berechenbare Naturgesetze zu behandeln. Wie Newton die Natur als Uhrwerk oder Riesenmaschine mit mathematischen Formeln erfasste, wollte Marx den Kapitalismus wie ein Uhrwerk berechnen. Leibniz und Newton hatten sich über die Perfektion des Uhrwerks gestritten. Für Newton war Gott Erschaffer des Uhrwerks, das er – mangels Präzision der Maschine – ständig nachjustieren musste. Das erschien Leibniz als lächerliche Blasphemie gegen Gottes Vollkommenheit. Sein perfekter Gott hatte eine vollkommene Maschine erschaffen, die keiner Korrektur bedurfte.

Bei der Erforschung der kapitalistischen Maschine war Marx auf Seiten des Engländers. Der Kapitalismus ist eine fabelhafte Erfindung der Bourgeoisie, aber mit internen Widersprüchen behaftet, die sich im Verlauf der Geschichte immer mehr verschärfen – und eines Tages sich selbst zur Explosion bringen werden. Das wird die Revolution sein, die alle bisherigen Widersprüche im Reich der Freiheit endgültig versöhnen wird.

Zu Recht hat Popper die Marx‘sche Dialektik als logische Lösung aller logischen Probleme ad absurdum geführt. Das Schwarz-Weiß der logischen Widersprüche bleibt ewig schwarz-weiß. Was nicht bedeutet, dass menschliche Probleme und Konflikte für immer unlösbar sein müssten.

Moralisches Denken ist eine Mischform aus logischem und inhaltlichem Denken. Logisch bleibt das Unmoralische immer das absolute Gegenteil des Moralischen. Was jedoch moralisch und unmoralisch ist, muss der Mensch selbst mit Inhalt füllen. Die Psyche der Menschen ist ein Sammelsurium aus Reibungen und Unvereinbarkeiten.

Demokratisch und nichtdemokratisch, human und inhuman, gerecht und ungerecht, gleichberechtigt und nicht gleichberechtigt: all diese Widersprüche können nie kompatibel werden. Hier gilt der eiserne Satz vom ausgeschlossenen Dritten: entweder-oder. Was aber im Konkreten demokratisch und nichtdemokratisch sein soll, muss jeder Denker selbst mit sich ausmachen und im Streit der Meinungen zu klären versuchen.

Vollends die Psyche des Menschen ist eine hierarchische Klassengesellschaft, in der jede Klasse mit der anderen im Streit liegen kann. Was das Über-Ich für richtig hält, muss das Es noch lange nicht für richtig halten. Eine Beate Zschäpe kann mit ihrem Ich kaltblütig die Mordtaten ihrer Kumpane mitgeplant und abgesichert haben. Warum sie aber diese Verbrechen begangen hat, muss ihr Ich nicht im Geringsten wissen. Ihr rationalisierendes Ich zum allwissenden Zentrum ihrer Persönlichkeit zu erklären, um daraus die gesellschaftlich erwünschte Strafe abzuleiten, ist selbst das Werk bewusstseinsloser Rachebedürfnisse, die nicht wissen, was sie tun.

Logische Widersprüche können psychologisch nebeneinander existieren – wenngleich unter erheblichen psychischen Langzeitkosten. Das Maß psychischer Widersprüche ist ein Index der inneren Zerrissenheit einer Persönlichkeit. Je widersprüchlicher und unglücklicher sie ist, je mehr Aufwand muss sie treiben, um die erheblichen Reibungskosten zwischen ihrem Über-Ich, Ich und Es aufzufangen und zu kompensieren. Das Maß ihres Neurotizismus ist das Maß ihrer inneren Zerrissenheit.

Wer mit sich ins Reine kommen will, muss sich selber erkennen. Im Modus der Erinnerung muss er die unvereinbaren Elemente seiner Erziehung erforschen, um sie nachträglich kompatibel zu machen oder zu überwinden. Die Griechen erfanden die Logik als therapeutisches Instrument. Der mäeutische Dialog sollte die Widersprüche der Debattanten aufspüren, um ihnen die Chance zu geben, mit sich selbst in Übereinstimmung zu gelangen.

Indem Armin Langer auf die Angst der Juden vor ihren eigenen Freunden verweist, verweist er zugleich auf die psychische Verbindung von Widersprüchen. Dem Bewusstsein nach kann ein Mensch ein Philosemit sein, sein Unbewusstes hingegen kann von antisemitischen Emotionen erfüllt sein. Das ist der Grund, warum bewusstseinlose Gefühle „dialektisch“ ins Gegenteil kippen können.

Masochismus ist nur oberflächlich das Gegenteil von Sadismus. Er kann jederzeit in sein aggressives Gegenteil umkippen. Demut schließt Herrschsucht nicht aus. Aus zumeist religiösen Über-Ich-Gründen muss sie ihr Machtbedürfnis verleugnen und sich als harmloses Gegenteil darstellen.

Das Christentum stellte alle Maßstäbe der Heiden auf den Kopf, um zu beweisen, dass eine Offenbarungsreligion die Sündenstruktur der Welt nach Belieben überrumpeln und ihre eigenen Maßstäbe in der Welt setzen kann. Hieß es bei den Griechen: immer der Erste zu sein und voranzustreben den anderen, stellte Jesus die Maxime auf den Kopf – um sie dennoch zu bestätigen. Wer der Erste unter euch sein will, sei euer Letzter. Erster zu sein bleibt das Ziel. Doch nicht der Erste in den Augen der Welt, sondern der Letzte sollte Erster sein.

Das Ziel blieb das gleiche, die Methode änderte sich. Die neue Methode widersprach dem Ziel, wenngleich nur für diejenigen, die das Heilige Buch der Christen nicht zur Kenntnis nahmen. Aus der Perspektive der Heiden, die kein religiös unfehlbares Über-Ich kennen, ist der christliche Widerspruch zwischen Ziel und Methode eine Heuchelei.

Der bisherige Kampf gegen den Antisemitismus bewegte sich auf dem Boden bloßen Augenscheins und eines kategorischen Verdachts. Dieses Feld ist zu platt und zu polemisch, um die Spannungen zwischen Opfern und Tätern zu orten, zu verstehen und nach Möglichkeit zu reduzieren. Bis jetzt galt: wer Israel kritisiert, muss als Antisemit gelten. Niemand kann ausschließen, dass sich hinter einer „legitimen“ Kritik illegitime Emotionen verbergen. Doch was sein kann, muss nicht sein. Ein Konjunktiv ist kein Indikativ.

Um einen Menschen zu beurteilen, muss man mehr über ihn wissen als eine singuläre Aussage. Auch pure Wiederholungen gewisser Parolen der NS-Zeit sind keine unfehlbaren Indizien. Immer öfter wissen die Vergangenheitsverdränger gar nicht mehr, dass sie eine Naziphrase benutzt haben. Das ist die eine Seite.

Die andere Seite ist das Benutzen politisch-korrekter Vokabeln, um inkorrekte Gefühle zu verbergen. Hier muss man besonders sorgfältig auf die Übereinstimmung von Worten und Taten achten: dem besten, ja, dem einzigen Kriterium der Glaubwürdigkeit.

Als Grundlagen des Bewertens müssen die Regeln demokratischen Verhaltens dienen. Moralische Sonderregeln kann es keine geben. Das besondere Verhältnis der Deutschen zu den Israelis kann nicht in kritikloser Akzeptanz einer doppelten Moral bestehen. Offenheit und Verbundenheit schließen kritische Bemerkungen nicht aus.

Wenn Merkel bedingungslose Loyalität zum Staate Israel bekundet, gleichzeitig aber die größte Mühe hat, kritische Worte zur Besatzungspolitik Israels zu finden, so muss ihr über-ich-gesteuerter Philosemitismus als verkappter Antisemitismus verdächtigt werden. Netanjahu verachtet die duckmäuserische EU, die sich anmaße, seine Politik in scheinkritischer Pose zu bewerten. Die Europäer vergäßen, dass ihr Wohl und Wehe allein von der militärischen Macht Israels abhinge. Die untergründigen Verwerfungen zwischen Europa und Israel sind das Ergebnis jahrzehntelanger unaufrichtiger Ressentiments und Bigotterien. Wenn BILD-Reichelt mit Klauen und Zähnen alle Aspekte der Politik Israels verteidigt, indem er die unterdrückten Palästinenser als Terroristen verteufelt, so ist sein Philosemitismus in hohem Maße verdächtig, das verdrängte Gegenteil zu sein.

Die jüdische Buchhandlung in Neukölln musste schließen, weil sie von antideutschen Linken bedroht wurde, die die Politik Netanjahus blind unterstützen. Die Ähnlichkeit mit Reichelts Hassausbruch gegen die Palästinenser liegt auf der Hand. Wer derart eine Seite hassen muss, um die andere zu lieben, kann auch diese nicht lieben. Seine Liebe ist eine blinde Idolisierung, eine neurotische Fixierung. Eine reife Liebe geht nicht auf Kosten anderer, die ich verabscheuen muss.

Ist Reichelt ein antideutscher Schein-Philosemit? BILD ist das Sturmgeschütz eines neuen deutschen Chauvinismus. Dies ist keine wahre Liebe zu Deutschland, wenn sie mit Verachtung und Hass gegen andere Staaten erkauft werden muss. Genauer gesehen ist Reichelt also doch ein Antideutscher, der seine Gehässigkeit gegen alle Deutschen, die dem chauvinistischen Kurs der BILD nicht folgen, nicht verbergen kann und mit dem Schutzschild eines fassadären Philosemitismus dekoriert.

Noch immer sind die deutsch-jüdischen Beziehungen vom nicht verarbeiten Erbe einer schrecklichen Vergangenheit belastet und werden es lange bleiben. Unverzichtbar bleiben regelmäßige Untersuchungen über das vorhandene Maß an Antisemitismus. Doch die benutzten wissenschaftlichen Methoden sind nicht nur platt und sinnlos, sondern auch gefährlich. Denn sie sind geeignet, die Fortschritte, die es eben auch gibt, zu ignorieren und die Ergebnisse zu benutzen, um die Kritik an der Politik Israels weiträumig als Antisemitismus zu diffamieren. Es muss Gründe haben, warum viele junge Israelis, die die Gesamtatmosphäre ihres Landes nicht mehr ertragen, sich ausgerechnet in der Hauptstadt der ehemaligen Täter niederlassen.

Deborah Feldman floh aus der ultraorthodoxen Sekte der Satmarer Juden nach Deutschland, weil sie die permanente Demütigung als Frau nicht mehr ertrug. Warum ausgerechnet ins Land der Täter?

„Primo Levi hat gesagt, in Deutschland gibt es heute eine ganz besondere Immunität. Deutschland geht dort mit politischen Situationen extrem vorsichtig und sensibel um, wo andere Länder schon wieder extrem reagieren. Levi hat gesagt, da, wo die Erinnerung noch stark ist, gibt es eine Immunität, was ja inzwischen viele Juden erkannt haben. Es gibt hier ein politisches Bewusstsein, das zuversichtlich macht.“ (ZEIT.de)

Warnungen vor dem Antisemitismus der Deutschen wären glaubwürdiger, wenn man gleichzeitig Stimmen wie die von Primo Levi und Deborah Feldman hören könnte. Nicht als mildtätiges Therapeutikum, sondern als Beitrag zur Aufklärung: der einzigen Grundlage, auf der die beiderseitigen Beziehungen werden könnten, was sie angeblich sein wollten: eine Freundschaft der besonderen Art.


Fortsetzung folgt.