Neubeginn XXXV

Tagesmail - Montag, den 24. Juli 2017

Hello, Freunde des Neubeginns XXXV,

Julian Reichelt, BILD, hat den Verstand verloren. Seine Botschaft an Deutschland und Europa ist deckungsgleich mit Trumps Botschaft an die Welt:

»Amerikanischer Stahl und amerikanische Hände haben eine 100 000 Tonnen schwere Botschaft an die Welt konstruiert: Amerikas Macht ist allen überlegen, und mit jedem Tag unter meiner Regierung werden wir größer und besser und stärker«, sagte er.“ (BILD.de)

Die Botschaft Trumps und Reichelts lautet: Macht und Gewalt des Westens zuerst. Völker- und Menschenrechte sind belanglos. Das friedliche Zusammenwachsen der Völker ist gestrichen. Die Starken sollen die Welt beherrschen. Dazu benötigen sie Feinde, die sie zu Teufeln erklären, damit sie ihre von Hass und Herrschsucht getriebene Wirtschafts- und Militärpolitik als Notwehr und moralische Notwendigkeit verkaufen können.

Kriegsreporter Reichelt scheint nur in Kategorien von Gewalt und Waffendrohung zu denken – sofern wir unter Denken die Vernunft ausschließen.

lsrael ist die Frontstellung des Westens im Kampf gegen eine mörderische Ideologie, die für uns Vernichtung vorsieht. Gerade wir Deutschen sollten den Israelis in diesem Kampf beistehen statt zu erwarten, dass sie sich brav vernichten lassen. Erstens vergehen wir uns damit an unserer historischen Verantwortung. Und zweitens wären wir als Nächstes dran.“ (BILD.de)

Erstens vergeht sich Reichel an der historischen Verantwortung der Deutschen gegen Israel, die also lautet: Nie wieder Missachtung der Menschenrechte – gleichgültig von wem, gleichgültig unter welchem Vorwand. Doppelmoral ist ...

... Verrat an allen Menschen, die unterschiedslos ein Recht auf gleiche Achtung und Würde besitzen.

Zweitens gibt es keine Völker im Nahen Osten, die in mörderischer Ideologie die Vernichtung Deutschlands und Europas vorsehen. Die Deutschen, die sich rühmen, das Schwarz-Weiß-Denken überwunden zu haben, folgen in Massen einer Gazette, die die Welt in weiße Freunde und schwarze Feinde teilt, damit der zunehmende Militarismus Berlins begründet erscheint. BILD schreibt, was Merkel denkt und wortlos tut.

Reichelt will nichts verstehen, er will verurteilen. Wie ein mittelalterlicher Inquisitor brandmarkt er, was nicht in seinen Kopf geht. Routinemäßig würden in Deutschland Täter und Opfer im palästinensisch-israelischen Konflikt vertauscht werden:

„Über kein Land, das unter ständigem Terror leidet, wird in Deutschland so zynisch, eiskalt und herzlos berichtet wie über Israel.“

Gewalttaten sind durch nichts zu rechtfertigen, ist das Grundprinzip einer Friedensmoral, die in aller Welt gelten sollte. Die elitären Klassen Deutschlands übertreffen sich in Verachtung der Moral – sofern es um politische Fragen geht. Moral haben sie zu privaten Höflichkeitsregeln verkümmert und damit vernichtet. Politik ist für sie Interessenpolitik, die ausschließlich Gesetzen der Macht und Gewalt zu folgen hat.

Sie sind ein gespaltenes, ein bipolares Volk: oben grenzenloses Recht der Starken, unten lakaienhaftes Philisterverhalten. Vor den Völkern der Welt brillieren sie mit weltmeisterlichem Ethos der Agape. In der Wirklichkeit aber, wo Dinge hart aufeinander stoßen, soll nicht mal das triviale Gebot gelten: Du sollst nicht töten. Ihre heiligen Schriften, Grundlagen ihrer abendländischen Werte, traktieren und plündern sie wie Selbstbedienungsläden.

Jedem Zeitgeist unterwerfen sie sich, den sie nicht beherrschen können. Jeden Zeitgeist beherrschen sie nach Belieben, wenn sie die Macht dazu haben.

Wer Politik der friedlichen Macht der Moral unterordnen will, muss die Logik der Gewalt verstanden haben, um zwischen Ursache und Wirkung zu unterscheiden – und die Gründe langfristig zu beheben.

Seit dem 6-Tage-Krieg behandelt Israel die Palästinenser als minderwertiges und überflüssiges Volk, dem man nach Belieben Völker- und Menschenrechte vorenthalten kann.

Es war absolut alternativlos und notwendig, dass das lang malträtierte Volk der Juden sich in jenen Landstrichen ansiedelte, die bis dahin von Palästinensern bewohnt wurden. Es war nicht alternativlos, dass nach hochherzigen Anfängen die neuen Machthaber die Ureinwohner zu zweitrangigen Menschen degradierten und in Besatzungszonen einsperrten.

Viele Zionisten der ersten Stunde reichten ihren „arabischen Vettern“ die Hand, um im friedlichen Neben- und Miteinander das alte Kapitel der Diaspora zu beenden und ein neues staatlicher Unabhängigkeit zu beginnen.

Seit der Eroberung Ost-Jerusalems, seit der wachsenden Infiltration der israelischen Bevölkerung durch die Religion der Ultra-Orthodoxen, die ihr uraltes biblisches Terrain zurückfordern und alle Gojim verachten, begann das heutige Verhängnis. Anfänglich verurteilten die fundamentalistischen Frommen die Gründung des Staates Israel als Hybris gegen die religiöse Verheißung, dass nur der Messias das Goldene Jerusalem zurückerobern dürfe. Dann übernahmen sie peu à peu die geistliche und weltliche Herrschaft des jungen Gemeinwesens. Heute ähnelt Israel mehr einer Theokratie als einer lebendigen Demokratie, in der verschiedene Rassen und Religionen gleiche Menschenrechte genießen.

Dies sind die Ur-Tatsachen des binationalen Konflikts.

Die immer wieder anschwellenden Gewalttaten der unterdrückten Palästinenser gegen die Besatzungsmacht sind die Folgen eines unerklärten Krieges Israels gegen ein Volk, das besser inexistent wäre, um die imperialen Träume der Machthaber nicht zu blockieren. Gäbe es keine permanente Besatzung der Starken, gäbe es keinen gelegentlichen Terrorismus der Schwachen.

Das alles muss man nicht billigen. Wer aber fatale Folgen verhindern will, muss die auf der Hand liegenden Ursachen verstehen. Will er nichts verstehen, hat er auch kein Interesse am friedlichen Zusammenleben der Völker. Reichelt will nichts verstehen und hat kein Interesse am Frieden. Er setzt auf dämonisierenden Hass und militärische Gewalt.

Dabei sitzt er als Apologet des christlichen Westens im Glashaus. Amerika will seinen militärischen Haushalt um 10% erhöhen und prahlt mit atomaren Verwüstungen. Europa folgt den Spuren Amerikas und will seine militärische Potenz ausbauen, um die „Last der Verteidigung“ gegen Feinde aus der Tundra, asiatische Steppen und muslimische Staaten nicht Amerika zu überlassen. Wundermann Macron und Wunderfrau Merkel planen als ersten Akt ihrer deutsch-französischen Zusammenarbeit den Bau einer fliegenden Verwüstungsmaschine.

In deutschen Medien gibt es kaum Widerstand gegen den neuen Militarismus. Auch er begann in unmerklichen Anfängen als Unverständnis gegen kriminelle Täter. Das Unverständnis eskalierte in unstillbare Rache- und Strafbedürfnisse. Wer Konflikte friedlich lösen will, muss die Ursachen des Unfriedens verstanden haben. Seit der Degradierung Russlands durch amerikanische Übermänner folgen die Deutschen Signalen der internationalen Gewalt. Sie wagen es nicht, dem neuen Kriegskurs Washingtons Widerstand zu leisten.

Wie viel Verständnis Reichelt für die Motivation des palästinensischen Terroristen aufbringt, bezeugen seine Worte:

„Bei der „Tagesschau“ darf der Vater eines jungen Palästinensers, der eine jüdische Familie abgeschlachtet hat, die Tat seines Sohnes rechtfertigen: die „Ehre der Muslime“ sei in Gefahr. Na dann.“

Das ist psychische und moralische Na-dann-Legasthenie. Ob man die Tat des Täters terroristisch nennt, ist belanglos, solange man sie nicht als Logik ohnmächtigen Widerstands verstehen will. Uri Avnery erinnert immer wieder daran, dass auch sie als erste Zionisten mit Gewalt gegen englische Besatzer kämpften und also Terroristen waren. Wieder einmal wird mit zweierlei Maß gemessen – oder ist Avnery etwa ein geheimer Antisemit?

Aus der Perspektive betroffener Nähe ist jede Gewalt ein Schock. Aus der Perspektive militärischer Gewalt sind terroristische Akte winzige Nadelstiche – verglichen mit den Opfern militärischer Gewalt. Die bigotten Medien des Westens bauschen die Nadelstiche ins Unmäßige auf, um von den verheerenden Gewalten der Großmächte abzulenken.

Trotz vieler Differenzen leiden und fühlen beide Teile des Palästinenser-Volkes miteinander. Avnery schildert die Qualen des Gaza-Streifens und nennt die Schuldigen:

„Deshalb kann ich die Bewohner des Gazastreifens nicht wie eine gesichtslose graue Masse von Menschen betrachten. Ich muss immer an sie zu denken, besonders während der schrecklichen Hitzewelle, an die Menschen, die unter schrecklichen Bedingungen schmachten, ohne Strom ohne Air-Condition, ohne sauberes Wasser, ohne Medizin für die Kranken. Ich dachte an jene, die jetzt in während der letzten Kriege schwer beschädigten und nicht wieder reparierten Häusern leben. An die Männer und Frauen, die Alten, die Kinder, die Kleinkinder und die Babys. Mein Herz blutete und fragte, wer muss angeklagt werden. Wer ist schuld? Ja, wer ist schuld an dieser ständig weiter gehenden Brutalität? Die israelische Regierung tyrannisiert alle Palästinenser, in der Westbank und im Gazastreifen. Sie hält den Gazastreifen unter einer strangulierenden Blockade: vom Land, vom Meer und von der Luft und baut Siedlungen in der ganzen Westbank, um die Bevölkerung zu vertreiben. DIE Hauptverantwortung für die Brutalität in Gaza liegt natürlich bei uns, bei Israel. Wir sind die Besatzer – eine neue Art von Besatzung durch Blockade.“ (Uri-Avnery.de)

Auch in religiösen Dingen ist Reichelt ein blinder Blindenleiter. Er idealisiert das Christentum, verschweigt den jüdischen Fundamentalismus und verzerrt den Islam. Dabei sind alle drei Erlöserreligionen im Kern in gleicher Weise zwangsbeglückend und totalitär.

Die überwiegenden Mehrheiten der Gläubigen aber haben sich von der unmenschlichen Ideologie gelöst – ohne sich allerdings von der Bindung an ihre heiligen Schriften zu distanzieren. Sodass sie im Widerspruch leben, ein humanes Leben führen zu wollen und dennoch von heiligen Direktiven abhängig zu sein. Sie wollen unabhängig sein – ohne den Mut zu finden, ihr Leben auf eine autonome Ethik zu gründen.

Das ist die Schwachstelle, die von gewaltbereiten Frommen benutzt wird, um ihre Militanz – theoretisch zu Recht – mit göttlichen Direktiven zu begründen.

Christen- und Judentum wurden als erste vom Furor der Aufklärer zur Revision ihrer Unmenschlichkeiten gezwungen, sodass in Deutschland die Lügenmär um sich greifen konnte, die Grundsätze der Demokratie und Menschenrechte seien von Jesus erfunden worden. Die Kirchen agieren nach der Devise: was sie nicht ändern können, dort setzen sie sich an die Spitze der siegenden Bewegung. Die Renaissance in Italien, die Aufklärung in England und Frankreich, Spinoza in Holland, Kant in Königsberg kämpften rigoros gegen Ketzerverbrennungen, Hexenprozesse und Denkverbote.

In zeitlicher Verzögerung finden heute ähnliche Prozesse in islamischen Ländern statt und verbreiten sich in exponentieller Geschwindigkeit unter allen Gläubigen. Es sind hoffnungsvolle Zeichen, dass Vernunft den Sieg über die Fundamentalisten aller drei Religionen erringen wird.

Noch fehlt aber ein entscheidender Schritt zur endgültigen Befreiung: die Berufung auf eigene Moral und das Abschiednehmen von geschriebenen Autoritäten. Das wäre der endgültige Sieg einer mündig gewordenen Menschheit über die finsteren Mächte einer natur- und menschenfeindlichen Erlöserreligion.

Mittlerweilen verschärfen sich wieder die Regressionen ins Unmündige. Immer, wenn die politischen Verhältnisse unsicherer und chauvinistischer werden, verschärfen sich die Zwänge, in den sicheren Hafen des Glaubens zurückzukehren.

In Deutschland weiß man immer weniger über den tiefen Graben zwischen Vernunft und Glauben. Weshalb man sich einbildet, beide zur Synthese gebracht zu haben. Die imposante jüdische Aufklärung hat die Zeit ihres größten Einflusses längst hinter sich gebracht.

Auch die Netanjahu-Regierung unterwirft sich immer mehr den Mächten der unfehlbaren Religion.

„In dieser Woche auf der Höhe der UNESCO-Hysterie hat Netanjahu etwas Bizarres gemacht: Mitten in einer formellen Kabinettssitzung, zog er aus seiner Tasche eine Kippah, setzte sie auf und fing an, aus der Bibel vorzulesen (natürlich, nicht den vorher erwähnten Vers). Er schaute positiv glücklich aus. Er zeigte den verdammten Goyims, dass sie alle Antisemiten seien.“ (Uri-Avnery.de)

Welchen Vers überging er in betrügerischer Absicht? Auch in ihren Schulen erfahren die meisten Juden nichts von diesem Vers, der den klaren Beweis erbringt, dass Isaak und Ismael gemeinsam ihren Stammvater Abraham begruben:

„Wenn man die Bibel wörtlich nimmt, dann sollte man auch den Vers 9 im 25. Kapitel der Genesis lesen: „Und Abraham gab seinen Geist auf und starb in einem guten Alter und seine Söhne Isaak und Ismael begruben ihn in der Machpelah-Höhle.“ Wenn ich Leute darauf aufmerksam machte, die israelische Schulen besucht haben, waren sie zu tiefst entsetzt. Weil dieser Vers in keiner israelischen Schule erwähnt wird. Er existiert nicht. Warum? Weil Ismael der Vorfahre der Araber ist, wie Isaak der Vorfahre der Juden. Wir lernten, dass Sarah unsere Urmutter ist, die in der Bibel als echtes Scheusal beschrieben wird und die ihren gehorsamen Mann, Abraham, dahin bringt, seine Konkubine Hagar und deren Sohn Ismael in die Wüste zu schicken, um dort vor Durst zu sterben. Aber ein Engel rettete sie und sie verschwanden, obwohl die Bibel noch eine lange Liste seiner Söhne gibt. Die Enthüllung, dass die Bibel tatsächlich das Gegenteil sagt, ist schockierend. Ismael ist nicht verschwunden, irgendwann im Laufe der Jahre machte er mit Isaak Frieden. Die beiden Söhne beerdigten ihren Vater gemeinsam.“

Auch hier zeigt es sich, dass die Theologen aller drei Religionen mit trügerischen Deutungen ihre machtpolitischen Ziele begründen. Sie schrecken vor keiner hermeneutischen List und Tücke zurück, um ihre Gläubigen hinters Licht zu führen und ihre Pfründe zu retten.

BILD ist das palästinafeindlichste Blatt der Republik, das seinen Hass auf ein schuldlos ins Elend gekommene Volk umgekehrt proportional als Philosemitismus aufwerten will. Eine vehemente Fehlleistung kritikloser Überidentifikation, die jederzeit ins Gegenteil umkippen kann.

Auch hier ähnelt Reichelt dem amerikanischen Präsidenten, der sich als Freund Israels ausgibt, ohne einen Deut über die Problematik dieses heimgesuchten Volkes zu wissen, das sich inzwischen in eine kalte Besatzungsmacht verwandelt hat. Kaum war sein Besuch im Heiligen Land beendet, vergaß Trump alle Zusagen und überließ beide Völker ihrem Schicksal.

Solche Freunde sind verhängnisvoller als die schlimmsten Feinde. Glaubt Reichelt wirklich, dem angeschlagenen Image Netanjahus aufzuhelfen, wenn er ihn als Peiniger der Palästinenser rechtfertigt? Seine infame Strategie, alle Schuld teuflischen Palästinensern in die Schuhe zu schieben, erreicht das blanke Gegenteil.

Merkels Heuchelpolitik gegen Israel ist die Grundlage der Reichelt‘schen Hassorgien gegen alle angeblichen Feinde Israels. Vor der Knesset erklärte die Kanzlerin:

„Diese historische Verantwortung Deutschlands ist Teil der Staatsräson meines Landes. Das heißt, die Sicherheit Israels ist für mich als deutsche Bundeskanzlerin niemals verhandelbar.“

Absolut richtig und notwendig war es, eine besondere Verpflichtung der Deutschen gegen Israel auszusprechen. Das Volk der Täter hat alles zu unternehmen, was in seiner Hand liegt, um seine Untaten gegenüber dem Volk der Opfer soweit gut zu machen, soweit politische Aktionen diese Verbrechen überhaupt gut machen können.

Absolut falsch war es, diese Loyalität als kalte und unterwürfige „Staatsraison“ – und nicht als kritisch-solidarische Herzensangelegenheit zu bekunden.

Völlig bigott war es, die besonderen Beziehungen als Lizenz zu definieren, sich dem Kanon der Menschenrechte nach Belieben entziehen zu dürfen. Die Deutschen werden ihre grauenhafte Vergangenheit nicht los, wenn sie Menschenrechtsverletzungen Jerusalems als Petitessen betrachten. Merkel grummelt gelegentlich aus innenpolitischen Gründen, doch so, dass sie signalisiert, alle Sünden Netanjahus prophylaktisch zu vergeben.

Deutschlands Kritik an Unmenschlichkeiten in aller Welt ist unglaubwürdig geworden, da alle Welt sehen kann, wie das Land der Täter mit zweierlei Maßstäben zu messen pflegt. Israels Untaten sind mit denen der NS-Schergen nicht auf eine Stufe zu stellen – was aber nicht bedeuten kann, dass sie keine Untaten sind. BILD ist der kläffende Hund der stummen Israel-Politik Merkels.

Wie sehr Netanjahu die unterwürfige Haltung Merkels und der EU als Schwäche empfindet, verriet ein nicht abgeschaltetes Mikrophon beim Besuch des Premiers in den Vishegrad-Staaten:

„Das Verhalten der EU gegenüber Israel sei verrückt, sagte Netanjahu gerade. »Es ist verrückt. Es ist tatsächlich verrückt« »Es ist die einzige Vereinigung von Ländern in der Welt, die die Beziehungen zu Israel – welches Technologie in allen Bereichen produziert – an politische Bedingungen knüpft. Sie sind die Einzigen! Niemand macht das!« Er fuhr fort zu beschreiben, wie viel vernünftiger andere Länder wie China oder Indien seien. … »Ich glaube, Europa muss entscheiden, ob es leben und gedeihen will oder verschrumpeln und sterben.«“ (WELT.de)

Europa sei von den besten militärischen Waffen abhängig, die Israel produzieren würde. Zudem sei das Land das einzig funktionierende demokratische Bollwerk gegen die Gefahren muslimischer Staaten.

Die Abhängigkeit vom militärischen Schutzschild Amerikas und Israels ist für Reichelt Motivation genug, sich den beiden Giganten kritiklos zu unterwerfen. Unterwürfigkeit aus Angst hält Reichelt vereinbar mit Philosemitismus. Freundschaft und kritische Verbundenheit aber sind keine Früchte der Angst, sondern Selbstverpflichtungen auf gleicher Augenhöhe.

Netanjahu besuchte Orban als Freund, obgleich der Ungar den einstigen Naziführer Horthy pries und eine aktuelle Kampagne gegen den philanthropischen (und popper-verehrenden) amerikanischen Juden Soros durchführen lässt. Jeder andere Lobredner Orbans an Netanjahus Stelle wäre sofort als Antisemit attackiert worden. Auch hier scheint die alte Regel der Doppelmoral zu gelten: was Zeus geziemt, geziemt noch lange nicht jedem Ochsen.

In der TAZ geißelt Susanne Knaul das Verhalten Netanjahus als „erbärmliche Gesinnungslosigkeit“:

„Dass Netanjahu trotz allem nach Ungarn reist, ohne eine klare Distanzierung Orbans von der Plakatkampagne und von Horthy zu verlangen, zeugt von einer erbärmlichen Gesinnungslosigkeit. Netanjahu richtet seine Prinzipien danach aus, ob sie ihm gerade nützen. Seine Glaubwürdigkeit im Kampf gegen zunehmenden Antisemitismus in Europa hat er damit endgültig verspielt.“ (TAZ.de)

Kein einziges Wörtchen über die Gesinnungslosigkeit Netanjahus bei Reichelt, der seine Duckmäuserei mit Hass-Fanfaren gegen palästinensische Teufelsbraten kompensieren muss.

BILD muss Netanjahu umso mehr glorifizieren, je mehr es die abschüssige Fahrt des Landes in eine Theokratie ignoriert und verschweigt. Wie weit Israel sich bereits vom Status einer humanen Demokratie entfernt hat, zeigt Eva Illouz in einem Interview mit Inge Günther in der BLZ:

„Es ist eine Erosion in Israels legalem und moralischem Unterbau im Hinblick auf die Gebiete passiert. Wir sehen das in Untersuchungen über junge Leute. Sie denken, Demokratie ist nur für Juden, und dass das Versagen von Minderheitenrechten dazu nicht im Widerspruch steht. Es ist eine Verzerrung dessen, was Demokratie heißt, die mit Universalismus einhergeht. Dieser universale Gedanke ist heute im israelischen Gemeinwesen nicht vorhanden.“ (Berliner-Zeitung.de)

Und Avraham Burg bestätigt in der TAZ:

„Israel ist die einzige Demokratie der westlichen Welt, die das Leben einer anderen Nation gegen deren Willen vollständig kontrolliert. Diese Kontrolle ist schrecklich für die unter Besatzung Lebenden, und sie korrumpiert die Besatzer. Trotz unserer geschichtlichen Erfahrung verweigern wir uns der Erkenntnis, dass es keine ethische Besatzung geben kann, dass moralische Diskriminierung unmöglich ist und noch niemand sagen konnte, wie koschere Unterdrückung aussehen müsste.“ (TAZ.de)

Reichelt hält es für unter seiner Würde, sich mit der scharfen Kritik linker Israelis auseinanderzusetzen. Vor nicht allzu langer Zeit wurden alle Selbstkritiker als jüdische Selbsthasser an den Pranger gestellt. Diese Methode der Antisemitismus-Bekämpfung scheint heute unwirksam geworden. Je durchsichtiger der – notwendige – Kampf gegen Antisemitismus als indirekte Verteidigung der Israelpolitik missbraucht wird, je dreister und giftiger werden die Umtriebe der Antisemiten.

Wenn kritische Worte nichts mehr bewirken, bleibt nur die Macht der Waffen. Während die Völker immer mehr um Frieden kämpfen, lassen die Eliten immer schreckenerregendere Flugzeugträger vom Stapel und völkervernichtende Raketen in die Lüfte steigen.

Die planetarische Gewalt dieser Eliten dürfen sich die Völker nicht mehr gefallen lassen.

 

Fortsetzung folgt.