Neubeginn XXIX

Tagesmail - Montag, den 10. Juli 2017

Hello, Freunde des Neubeginns XXIX,

Gipfel sind lärmende ADHS-Zentren des Weltgeschehens. Allzu oft überschatten sie das Wesentliche an den Rändern des Horizonts. Während die Welteliten Abermillionen an Geldern verpulvern, um ihre politische Impotenz aufreizend zur Schau zu stellen, machen sich die Völker auf den Weg, um ihre Demokratien zu retten:

„Erste Schätzungen gingen von mehr als 1,5 Millionen Personen aus, die dort am Sonntagabend für Gerechtigkeit in der Türkei demonstrierten. Lange war spekuliert worden, ob Erdoğan die Polizei und das Militär anweisen würde, den Protestmarsch noch vor Istanbul noch zu stoppen. Zuletzt hatte er scheinbar großmütig erklärt, solange von dem Marsch keine Gewalt ausgehe, könnte Kılıçdaroğlu ihn auch zu Ende führen. „Wer bist du, mir meine verfassungsgemäßen Rechte wie einen Gnadenakt zu präsentieren?“, antwortete Kılıçdaroğlu daraufhin an die Adresse Erdoğans. „Niemand kann uns daran hindern, nach Istanbul zu gehen.“ (TAZ.de)

Hier steht ein Volk auf, das vom zivilisierten Westen längst als wieder auferstandenes Janitscharen-Reich tief in die asiatische Steppe zurück verlagert wurde. Für rasende Medien nur ein belangloses Randereignis. Doch wo das Aas der Übersättigten ist, da türmen sich die Schlagzeilen.

Da kocht die Wut, da schäumen die Federn. „Deutschland vor aller Welt blamiert“: das ist es, was die G-20-Sommerspiele in der kühlen Hansestadt für moralverachtende Moralisten aus Neugermanien unerträglich macht: was sollen die Leute von uns denken, ihr Schandflecke unseres Wohlstands-Paradieses? Es hätte ein so triumphales Gesamtereignis aus Profit und Beethoven, eine Synthese aus Bildung und Bimbes werden können. Nun müssen wir uns schämen – und noch mehr malochen und exportieren, um die Schande ungeschehen zu machen.

Das lutherische Deutschland, seinem Reformator untreu geworden, ist auf die Seite des Ablasspredigers Johann Tetzel übergelaufen: Solang der Euro im Kasten klingt, Merkel im Dreitakt springt. Im Auftrag der Pastorentochter, die sich ...

... als geschäftige Dienerin des Weltgeistes gebärdet, sollte eine geheime Kommission von Experten die Hauptschriften Luthers neu interpretieren und herausgeben: „An den christlichen Adel deutscher Nation von des christlichen Standes Besserung“ soll den zeitgemäß neu erfundenen Titel erhalten: „An die christlichen Eliten westlicher Nationen von der christlichen Konjunktur Besserung“. „Über die Freiheit eines Christenmenschen“ wird zu: „Über den grenzenlosen Freihandel christlicher Übermenschen“. „Von der babylonischen Gefangenschaft der Kirche“ zu „Von der protektionistisch-staatlichen Gefangenschaft der ecclesia oeconomica triumphans“. Und schließlich „Der Sermon von den guten Werken“ zum „Sermon über gut angelegte Gelder in Afrika und sonstigen heidnischen Ödnissen“. Das Projekt trägt den Titel: „Macht euch Freunde mit dem ungerechten Mammon“.

Nicht länger soll es heißen: „Die Söhne dieser Welt sind klüger als die Söhne des Lichts.“ Wenn der Herr kommt, wollen sie vor ihn hintreten und sagen: „Herr, deinen Wink haben wir verstanden. Die Söhne der Welt haben wir mit unserem Mammon in den Schatten gestellt. Dem ungerechten Mammon sind wir treu geblieben und verstehen ihn als dein Geschenk. Nun dienen wir Gott, unserem Mammon. Wir vertrauen deiner Verheißung: Wer hat, dem wird gegeben werden – und wahrlich: wir haben. In gerüttelt und geschütteltem Maß. Also müssen wir alles haben, wenn du an die Türe klopfst.“

Wir müssen Meldung machen vom unauffälligen und gefährlichen Verschwinden des Wörtchens „warum“. Warum fragt niemand mehr Warum? Warum tun Menschen Böses? Warum verkleiden sie sich als schwarze Kapuzenteufel, hacken Pflasterseine auf, die sie gegen hochgerüstete Feinde schleudern, zünden Autos jener Mitbürger an, denen sie doch nützen wollten, plündern Geschäfte ehrbarer kleiner Kaufleute?

Wer warum fragt, will verstehen. Wer verstehen will, sieht Ursachen und glaubt nicht mehr an das Böse, das ursachenlos aus der Hölle dringt. Die Ursachen will er beseitigen, damit das „Böse“ besiegt werden kann.

Da jaulen alle Guten – die keine Gutmenschen sein wollen –, denn sie wollen Schuld und Strafe sehen. Da jaulen alle, die den Menschen als Fehlkonstruktion ihres unfehlbaren Schöpfers betrachten. Die den Menschen als „nicht perfektibel“ definieren, damit sie Perfektion an die Maschinen, ihre vollendeten Geschöpfe, auslagern können. Der Mensch ist ein Geschöpf des Elends. Doch die digitalen Sprösslinge seines Kopfes sind unbefleckt und nähern sich dem Status der Vollkommenheit.

Links und rechts sind keine simplen Ortsangaben, sondern die unergründlichsten   metaphysischen Begriffe des orientierungslosen Westens. Links hat mit Gewalt so wenig zu tun wie Rechts – sagen unisono Linke wie Rechte. Bleibt nur noch – die Mitte? Oh je, da heulen die Mittigen, die von Schuld nichts mehr wissen wollen, obgleich ihre Politik die verhängnisvollste strukturelle Gewalt ist, die Mensch und Natur gefährden. Beten sie doch täglich: und vergib uns unsere Schuld, wie wir vergeben unseren Schuldigern – aber nur, wenn wir sie zuvor am Kragen gepackt, schuldig gesprochen und tüchtig bestraft haben.

Gefängnisse abschaffen, wo Schuldige noch schuldiger werden? fragte Dunja Hayali im ZDF. Strafe muss sein, erwiderte ein scharfzüngiger Oberrichter namens Thomas Fischer.

Eine strafbesessene Gesellschaft braucht Schuldige, um ihr tief verborgenes Gefühl eigener Schuldigkeit an andere weiterzureichen. Eine religiöse Gesellschaft, die sich einbildet, postreligiös zu sein, wird mit dem empörenden Phänomen der angeborenen Schuld nicht anders fertig als mit Auslagern der Schuld an andere.

Da sie von ihrem Erlöser stellvertretend gerettet werden, haben sie alles auf Stellvertretung programmiert. Stellvertretend für sie werden ihre Maschinen genial und unsterblich, stellvertretend müssen Schwächere für sie schuldig werden, stellvertretend für ungesühnte Schuldgefühle müssen andere für sie bestraft werden. Ihr Leben leben sie nicht selbst, sondern in anderen. Sie lassen leben, lassen schuldig werden, lassen bestrafen.

„Wer nie sein Brot mit Tränen aß,
wer nie die kummervollen Nächte
auf seinem Bette weinend saß,
der kennt euch nicht, ihr himmlischen Mächte.

Ihr führt ins Leben uns hinein,
ihr laßt den Armen schuldig werden,
dann überlaßt ihr ihn der Pein;
denn alle Schuld rächt sich auf Erden. (Goethe, Lied des Harfners)

Eben dies dulden sie nicht mehr: in kummervollen Nächten ihr Brot unter Tränen essen. Dies spräche für sie, wenn sie keine Schuld hätten. Was zur Voraussetzung hätte, dass sie ihre Schuld wahrnehmen, deren Ursachen ergründen, um sie lernend abzustellen.

Die Moderne ist die Geschichte religiösen Schuldabwerfens – ohne dass der Versuch gelungen wäre. Schuldlos wollen sie sein, die sich keinem Priester beugen wollen. Doch anstatt das Regiment der Pfaffen davonzujagen, begnügten sie sich mit der Macht, sich von aller Schuld loszusprechen, indem sie die Schuld den Machtlosen zuschoben.

Die Mächtigen wurden schuldlos. Die Machtlosen trugen alle Last der von Schuld überquellenden Gesellschaften. An keinem Debakel ihrer Finanzen, ihrer Naturverwüstung, ihrem sozialen Elend sind sie schuldig.

Gerät eine Gesellschaft ökonomisch ins Schleudern, bedarf sie der Reformen. Aber doch nicht einer Reform an Haupt und Gliedern, sondern nur an den unedlen Gemächten ihres Leibes: an den unteren Ständen, die nicht gebildet, nicht antriebsfähig, nicht motiviert genug, zu faul und liederlich sind: also müssen sie per Ukas des Zaren schuldig gesprochen werden. Das war die Erfindung der Hartz4-Schuldzuweisungsgesetze eines deutschen Freundes des Zaren.

Machen die too-big-to-fail-Banken Konkurs und stürzen unendlich viele Familien ins Verderben, müssen sie ihre Schulden nicht aus eigener Kraft bezahlen. Die Steuerzahler müssen stellvertretend für sie eintreten. Wenn Atomkraftwerke unendliche Gewinne gemacht haben und endlich für die Kosten der Entsorgung ihres menschenvernichtenden Abfalls sorgen sollten, kommen sie mit Peanuts davon. Die Hauptlast müssen die Steuerzahler tragen.

Wenn das Volk allerdings stets dieselbe trostlose Große Koalition wählt – wie in wenigen Wochen –, darf es partout keine Wahlschelte geben. Das ist deutsche Dialektik. Wie ihre Justiz einerseits scharf zuschlägt (die Kleinen hängt man, die Großen lässt man laufen), um andererseits in lähmende Starre zu verfallen, so ist es mit der Schuld des Pöbels. Einerseits ist er an allem schuld, andererseits wird er durch einen heuchelnden Patriarchalismus von aller Schuld frei gesprochen.

Streng genommen gibt es keinen Widerspruch zwischen beiden Positionen. Kommen die oberen Herren in Kalamitäten, bleibt ihnen zur Selbstverteidigung nichts übrig, als alle Schuld den Doofen, Kleinen unterzujubeln. Geht’s um nichts wie bei demokratischen Wahlen, posiert man in schuld- und moralfreier souveräner Geste – um den schuldunfähigen Pöbel in toto zu verachten.

Die Unterschichten sind moralisch so unterwertig, dass für sie mildernde Umstände gelten. Genau genommen sind sie so defekt, dass sie gar nicht zurechnungsfähig sind. Edle Herren kämpfen nicht mit Subalternen. Schon gar nicht streiten sie um Schuld und Sühne mit Schwachköpfen.

An seelischen Kämpfen um Schuld und Sühne erkannte man die Helden der Reinheit und des Edelmuts. Als diese Edlen die Macht übernahmen, warfen sie alle Schuld auf jene dumpfen Schichten, denen sie bislang nicht die geringste Fähigkeit der Innensicht zugetraut hatten. Die Macht erobern und sich von aller Schuld befreien: das war das Programm der modernen Eliten.

Schuld wurde zur psychischen und soziologischen Arbeitsteilung. Wer Oben war, wurde automatisch exkulpiert, wer Unten war, hatte alle Schuldabfälle der Oberen auf sich zu nehmen. Als Hitler seiner Niederlage nicht mehr ausweichen konnte, musste eben das Volk dran glauben, das ihn an die Macht gejubelt hatte.

Auch in der Geschichtsschreibung des Dritten Reiches tritt jener bigotte Entschuldungsfaktor des Volkes zu Tage. Alle Schuld schiebt man teuflischen Verführungskünsten einer kleinen Clique unter, das Volk als Mitläufer-Kollektiv wird ent-schuldigt. Ja, nicht mal als Kollektiv. Jaspers und alle, die bei ihm abschrieben, wollten von Kollektivschuld nichts wissen, obgleich 99,9% aller Deutschen diese Cliquen mit ihrer Besessenheit an die Macht gebracht hatten.

Mitläufer sind Menschen zweiter Klasse, ohne Bewusstsein und Gewissen. Dies gilt noch für die repräsentative Demokratie der Nachkriegszeit: Gewissen haben nur die edlen Abgeordneten, die in ihrer Pufferfunktion die morastischen Gerüche von unten ausfiltern müssen. Was aber, wenn auch deren Gewissen durch Kanzlerinnen-mit-unfehlbarem-Dauergewissen zu 99,9% außer Kraft gesetzt werden?

Womit wir zufällig bei Pastorensohn Nietzsche gelandet wären:

„Den Fingerzeig zum rechten Wege gab mir die Frage, was eigentlich die von den verschiedenen Sprachen ausgeprägten Bezeichnungen des „Guten“ in etymologischer Hinsicht zu bedeuten haben: da fand ich, dass sie allesammt auf die gleiche Begriffs-Verwandlung zurückleiten, – dass überall „vornehm“, „edel“ im ständischen Sinne der Grundbegriff ist, aus dem sich „gut“ im Sinne von „seelisch-vornehm“, „edel“, von „seelisch-hochgeartet“, „seelisch-privilegirt“ mit Nothwendigkeit heraus entwickelt: eine Entwicklung, die immer parallel mit jener anderen läuft, welche „gemein“, „pöbelhaft“, „niedrig“ schliesslich in den Begriff „schlecht“ übergehen macht. Das beredteste Beispiel für das Letztere ist das deutsche Wort „schlecht“ selber: als welches mit „schlicht“ identisch ist – vergleiche „schlechtweg“, „schlechterdings“ – und ursprünglich den schlichten, den gemeinen Mann noch ohne einen verdächtigenden Seitenblick, einfach im Gegensatz zum Vornehmen bezeichnete. Dies scheint mir in Betreff der Moral-Genealogie eine wesentliche Einsicht; dass sie so spät erst gefunden wird, liegt an dem hemmenden Einfluss, den das demokratische Vorurtheil innerhalb der modernen Welt in Hinsicht auf alle Fragen der Herkunft ausübt.“

Vulgäre Demokratien, in denen Gleichheit gefordert wird, egalisieren den entscheidenden Unterschied zwischen Edlen, die keine Schuld kennen, und dem Pöbel, der die Welt nur in Gut und Böse spalten kann. Also kommt es darauf an, den demokratischen Schwachsinn abzuschaffen und zur ursprünglichen Schichtung vitaler Völker zurückzukehren: oben die reinen Edlen und Guten, jenseits von vulgärem Gut und Böse – unten das niedere Volk, das sich im Leben nur durch Spaltung in Gut und Böse orientieren kann.

Heutige Gutmenschengegner sind verdeckte Nietzscheaner. Sie fühlen sich so frei von aller Schuld, dass sie moralisches Zureden als Zumutung betrachten. Die Reinen, Guten und Edlen benötigen keinen Konfirmandenunterricht in Gut und Böse. Das Gute versteht sich bei ihnen so von selbst, dass sie sich ihre Reinheit durch ästhetisches Vergnügen am Bösen beweisen können.

Kunst ist die Bühne ihrer voyeuristischen Lust am Amoralischen. Ein übler Zeitgenosse, der ihre Schau-Lust am Bösen mit realer Besessenheit an allem Teuflischen verwechseln wollte. Just wie jene süchtigen Spieler, die am Bildschirm ihre Gegner virtuell nach allen Regeln der Kunst füsilieren.

Lange stritten sich zur Erklärung dieses Phänomens die Kompensations- und die Imitationstheorie des geschauten Bösen. Wie Bettelheim die pädagogische Funktion „böser“ Märchen als Entlastung der kindlichen Gewaltphantasien erklärte, so sollten digitale Gewaltspiele die Triebregungen des Es entlasten: wer virtuell zuschlägt, ist nicht gezwungen, tatsächlich zuzuschlagen.

Im Gegensatz dazu behauptete die Imitationstheorie, Zugucken animiere und reize zu bösen Handlungen. Was Primitivlingen die Computerspiele, sind heutigen Intellektuellen Theater, Literatur und alle darstellenden Künste. Wenn Schlingensief zur Ermordung Kohls aufruft, gilt das als Kunst – und nicht als Aufruf zur realen Tat. Wenn ein amerikanischer Präsident ein Video herstellen lässt, auf dem er einen handgreiflichen Wrestler spielt, empören sich am meisten jene deutschen Intellektuellen, die Schlingensiefs Aufruf nur als ästhetische Performance betrachten. Trump hätte sein Video nur als Kunst definieren müssen – und deutsche Ästheten hätten ihm zugejubelt.

Wenn Literatur nicht garantiert moralfrei, wenn in Theateraufführungen nicht Blut und andere Körpersäfte en masse fließen, sind deutsche Feuilletonisten in ihrem Selbstbewusstsein gekränkt. Benutzen sie doch diese Elemente, um ihre moralische Festigkeit anhand amoralischer Verwerfungen zu überprüfen. Wehe denen, die ihnen tatsächliche Verführbarkeit zum Bösen zutrauen, wo ihr Herz doch in Immunität gegen alles böse Begehren ruht.

Die Formel ihrer Kindheit: und führe uns nicht in Versuchung, hat sich bei ihnen scheinbar auf den Kopf gestellt. Sie handeln nach dem Motto: Künstler, zeigt unverfälscht das Böse, damit wir unsere Unverführbarkeit beweisen können.

Das Böse, dieser Satz steht fest, ist stets das Gute, das sich von keinem Bösen beirren und verführen lässt. Vorbild der deutschen Dichter und Denker-Imitatoren ist Faust, der einen Mephisto benötigt, um sein Leben auszukosten. Doch am Ende wird er ihn um den Lohn der Wette bringen. Warum? Ein Mensch in seinem dunklen Drang ist sich des Weges wohl bewusst. Faust fühlt sich so stark, dass kein Erzschelm ihn vom guten Weg abbringen kann.

„Wer immer strebend sich bemüht, Den können wir erlösen. Und hat an ihm die Liebe gar von oben teilgenommen, begegnet ihm die selge Schar mit herzlichem Willkommen.“

Theologisch ist Goethe, der dezidierter Nichtchrist sein wollte, ein Semipelagianer. Teils aus eigener Kraft, teils aus Gnade wird er am Ende selig gesprochen.

Das ist die Ursituation heutiger Intellektueller. Teils aus eigener moralischer Kraft, teils aus Verführungskunst einer „bösen“ Ästhetik, die ihn in paradoxer Intervention immunisiert und eben nicht verführen kann, wandelt er als schlafwandelnder Tor durchs Leben.

Wer ihn als Gefährdeten sieht, muss Abschaum sein. Zum Pöbel gehört, wer das Böse in der Kunst nicht als virtuelles Spiel betrachtet, anhand dessen jeder seine moralische Integrität überprüfen kann. Sondern als ordinäre und direkte Real-Verführung.

Nichts ohne Ursache. Die Ursache des Bösen ist Verzweiflung über ein Leben, das zu scheitern droht. Die Linken vom Schwarzen Block streiten für ein gelungenes Leben aller Menschen. Die Rechten für ein gelungenes Leben weniger Menschen. Erleben die Linken, dass ihre Menschheitsbeglückungsphantasien von den Mächtigen der Welt ums Verrecken nicht erfüllt, sondern systematisch vernichtet werden, sehen sie irgendwann Rot.

Die Kluft zwischen Utopie und Realität glauben sie nicht mehr anders überbrücken zu können als durch den Sprung in die Gewalt. Wie verzweifelte Fromme in die Hände ihres Gottes, springen die „Autonomen“ in die Hände der alles erlösenden Gewalt. Bei ihren Vorvätern war Gewalt das Evangelium der Übermenschen, die den drohenden Untergang der Erde durch Vernichtung naturfeindlicher Bazillen verhindern wollten. Wenn nichts mehr hilft, ist Gewalt die ultima ratio der Erlösung.

Bei deutschen Linken ist das marxistische Dogma von der Gewalt als revolutionäre Macht dauerpräsent. Wenn auch bei den meisten Linken im kollektiven Unbewussten. Deshalb die merkwürdige Toleranz vieler Linker, die im Privaten die sanftesten Lämmer sind, an der Front des politischen Kampfes aber der bürgerlichen Gewaltlosigkeit misstrauen. Letztendlich werden sie den Verdacht nicht los, Moral sei die hinterlistigste Erfindung der Ausbeuter, um ihre Opfer zur Duldungsstarre zu verpflichten.

Noch immer steckt dahinter das Misstrauen der Aufklärer, die die Kirche den Unteren stets Moral predigen hörten, die Amoral der Oberen aber mit ihrem Segen bedachten. Moral ist eine Erfindung der Pfaffen, um ihre Macht in Kooperation mit der weltlichen Macht zu erhalten.

Moral ist ein süßes Gift, dessen Verführungsgewalt man widerstehen muss. Auch Adam Smith traute nicht mehr dem bigotten Altruismus der Kirchen und predigte stattdessen den „ehrlichen Egoismus“, der mehr zum Wohlleben der Gesellschaft beitragen könne.

War das Misstrauen gegen die Moral der Kirchen und des Obrigkeitsstaates gerechtfertigt? Völlig. Den Unteren wurde die „unerfüllbare Bergpredigt“ um die Ohren gehauen. Was ein irreparables Schuldgefühl der Frommen zur Folge hatte. Menschen, die zeitlebens von Schuldgefühlen geplagt werden, sind von skrupellosen Machthabern leicht zu lenken. Zumal zur Pfaffen-Botschaft der absolute Gehorsam gegen die Obrigkeit gehört, die immer von Gott ist. Auch Stalin und Hitler waren von Gott legitimiert.

Das Erbe dieser theologischen Seelengefangenschaft ist heute noch in den meisten Menschen der Gesellschaft dauerpräsent. Wenn auch nicht mit Bewusstsein. Solange Menschen sich schuldig fühlen, sich von dieser Schuld aber befreien wollen, haben sie keine andere Möglichkeit, als ihre Schuld zu verdrängen und auf andere zu projizieren.

Eine mündige Gesellschaft würde sich nach bösen Taten von Verbrechern, Terroristen, Steinewerfern und Plünderern fragen: was läuft schief in unserer Gesellschaft, dass wir stellvertretende Bösewichter brauchen, um unseren unausgeleuchteten Seelenhaushalt zu entlasten? Kein Kind kommt in schwarzer Vermummung zur Welt. Kein Kind wirft mit dem Molotowcocktail, wenn es nicht sofort gestillt wird.

Die deutsche Gesellschaft befindet sich einer kollektiven Paranoia. Gegen einen amoralischen Präsidenten wüten sie bis zur Atemlosigkeit, höhnen gleichzeitig über Gutmenschen, die die Gesellschaft moralisch verbessern wollen. Den Mob von Hamburg verurteilen sie wegen amoralischer Taten und wenden sich energisch gegen alle „moralische Besserwisserei“.

Wer gegen Gesetze verstößt, handelt amoralisch. Gesetze sind verdichtete Moralregeln, das Ergebnis unendlich vieler Auseinandersetzungen aller Menschen und Schichten im Verlauf ihrer Geschichte. In Demokratien ausdrücklich erwünscht, ja absolut notwendig.

Moral selbstbestimmter Menschen ist die Moral, die sie sich selbst gegeben haben. Da sie selbst Urheber des moralischen Imperativs sind, sind sie niemandem unterworfen als sich selbst. Keiner göttlichen oder sonstigen Moral, die ihnen von überlegenen Mächten auferlegt wurde. Das wäre der Unterschied zwischen Autonomie und Heteronomie.

Die deutsche Gesellschaft schreit sofort nach dem Büttel, nach schärferen Gesetzen, als ob solche Verschärfungsmaßnahmen die Menschen zur Selbstbesinnung führen könnten. Einige fordern gar die Schließung linker Jugendzentren, als ob die Gesellschaft sich nicht viel zu wenig um ihre Jugend kümmern würde. Die Scharfmacher sollten solche Jugendhäuser öfter besuchen, das Gespräch mit den Jugendlichen suchen, um deren Lebensgefühl kennen zu lernen und ihnen vielleicht den Sinn von Gesetzen zu erläutern.

Bürgermeister Scholz hat sein Versagen gestanden. An Rücktritt denkt er nicht. Eine Gesinnung des Verantwortung-Übernehmens ist in der politischen Klasse nicht mehr zu finden. Dass man nach flagranten Fehlern Konsequenzen zieht – es sei, das Volk gewährt eine zweite Chance –, hat sich in der einbetonierten Politschicht noch nicht herumgesprochen.

Merkel kommt wieder davon, ja, profitiert vom Versagen des SPD-Bürgermeisters, den sie vorsorglich ins Boot geholt hatte, um bei einem Fehlschlag des surrealen Events einen Schuldigen zu haben. Sie gibt sich derart unbesiegbar und überlegen, dass sie gönnerhaft dem Bürgermeister zur Seite springen kann.

In einem ersten Kommentar attackierte BILD-Reichelt die Kanzlerin. In einem zweiten wird ihr Name nicht mehr erwähnt. Fast in allen Kommentaren wird nur auf die Schuld der Bösen gedroschen. Die FAZ ist geradezu empört, dass man die Polizei auch kritisch unter die Lupe nehmen darf. Heribert Prantl ist einer der Wenigen, der das grundgesetz-widrige Tun der Polizei geißelt:

„Deeskalation ist die Lehre aus Brokdorf, Wackersdorf, Startbahn-West und diversen Chaostagen. Die Hamburger Polizei hat diese Lehren weggeschoben, sie hat die Demonstranten in toto als Gegner betrachtet, die man wegschieben muss, so wie sie auch die versammlungsrechtlichen Vorgaben des Bundesverfassungsgerichts weggeschoben hat; die Hamburger Polizei – gemeint ist die politische Führung und die Einsatzleitung, nicht die zwanzigtausend Einsatzkräfte – hat schon im Vorfeld allein auf paramilitärische Taktiken gesetzt.“ (Sueddeutsche.de)

Vielen aufrechten Hamburgern ist zu danken, dass sie trotz vieler Gefährdungen ihren demokratischen Rechten nachgekommen sind. Überall in der Welt regen sich die Völker und treten ein für ihre bedrohten Grundrechte. Es tut sich was rund um den Planeten.

Nicht mehr ausgeschlossen, dass die Menschheit ihren Kampf ums Überleben in wachsender Leidenschaft und Ernsthaftigkeit führen wird.

 

Fortsetzung folgt.