Neubeginn XXIV

Tagesmail - Mittwoch, den 28. Juni 2017

Hello, Freunde des Neubeginns XXIV,

sie hätte ein intelligenteres Volk verdient. In ihrer „scheinbar unangreifbaren“ (SPIEGEL) Machtfülle wirkt sie zunehmend gelangweilt. Das gibt sie prophylaktisch selbst zu Protokoll, auf dass niemand auf die Idee komme, seiner eigenen Wahrnehmung zu trauen. „Wenn ich nicht rede, gucke ich schnell gelangweilt.“ (Eine Zeitschrift für Frauen)

Sie guckt nicht nur, sie ist gelangweilt, wenn andere reden. (Nicht weil sie eine herausragende Rednerin wäre, sondern weil sie von Wortemachen generell nichts hält. Ihr Vater machte viele Worte auf der Kanzel, als Kanzlerin ist sie die Tochter ihrer vitalen Mutter. Sie sagt nicht Herr, Herr, sie ist Täterin des Worts).

Würde sie sich selbst verraten, wenn es wirklich stimmte? Sie liefert sich aus, um sich unüberwindbar zu machen. Es gibt keine Gegner, die sie durchschauen (wollen) (denn was käme danach?), es gibt keine Herausforderer, sie sie gefährden (wollen) (weil sie Angst haben, allein zu regieren), es gibt keine Vierte Macht, die sie – und nicht nur zum Schein – wirklich angreifen (will) (sonst müsste sie ihre aufdeckende und aufrüttelnde Macht beweisen).

Die Deutschen lassen sich freudig zum paradiesischen Schlafwandeln verführen. Die medialen Hüter des Schlafwandelns empören sich nicht über sie, sondern über jene, die ihr undemokratisches Einschläfern vorwerfen. (Der Erste Weltkrieg soll die Leistung schlafwandelnder Europäer gewesen sein.)

Wann ist Demokratie gefährdet? Wenn Berserker mit Aplomb über sie hinwegtrumpeln, um sich wütende Gegner zu schaffen? Oder wenn sie unter Wahrung verfassungskorrekter Etiketten vor aller Augen still und heimlich ...

... beiseite geräumt wird?

Ist jemand scheinbar unangreifbar, darf gerätselt werden: trügt der Schein oder ist er wirklich unangreifbar? Wäre er tatsächlich unangreifbar, müsste er nicht dennoch angegriffen werden, um in letzter Anstrengung die Spielregeln der Demokratie zu retten?

Kann es in einer Volksherrschaft eine gewählte Regierung geben, die unangreifbar sein darf? Lebt Demokratie nicht von methodischer Angreifbarkeit und Abwählbarkeit der Mächtigen?

Unangreifbarkeit wäre das Ende der Gewaltenteilung, wäre das Ende einer auf Zeit gewählten Macht. Im Vatikan-Staat, in Nordkorea sind die Gewaltigen unangreifbar. So weit wäre es also mit uns gekommen, dass wir hinter demokratischen Fassaden einer unfehlbaren Instanz huldigten?

Wenn Medien von scheinbarer Unangreifbarkeit reden, verteidigen sie sich selbst.

„Die scheinbar unangreifbare Merkel hat sich aus SPD-Sicht endlich mal eine Blöße gegeben.“ (SPIEGEL.de)

Sie kann sich nur selbst gefährden. Alles muss sie selber machen. Selbst die Aufgaben der Opposition, selbst die Aufgaben kritischer Medien. Was sie nicht persönlich in die Hand nimmt, bleibt Alibigetöse. Die Medien wollen unschuldig sein, wenn sie das Unmöglichscheinende gar nicht erst versuchen. Nach der Selbst-Entschuldung des SPIEGEL folgt sein wahrnehmungsloser Zynismus:

„Heute kommt es in Berlin zu einer absonderlichen Veranstaltung: Das Kabinett tagt. Das passiert zwar an jedem Mittwoch, aber selten war es so bizarr wie heute. Wenn es schlecht läuft für die Bundeskanzlerin wird sie von den sozialdemokratischen Ministerinnen und Ministern der Polizei übergeben. Denn die Spitzen der SPD müssen ja ernst nehmen, was ihr Vorsitzender Martin Schulz am Wochenende über Angela Merkels Wahlkampfstrategie gesagt hat: Sie plane erneut einen "Anschlag auf die Demokratie". Weniger als Freiheitsstrafe wäre da eine Überraschung.“ (SPIEGEL.de)

Frivole Spielchen unter Beobachtern, die nicht weiterwissen und aus lauter Verzweiflung immer nach „vorne gehen“ müssen. Wenn Vergangenheit keine Erkenntnisse mehr liefert, Gegenwart unrettbar scheint, hilft nur noch der Sprung in die Zukunft – oder in die barmherzigen Hände des Vaters.

Der Sprung ins Unbekannte oder bislang Verpönte ist zur Leidenschaft unserer gewählten und ungewählten Führungsklassen geworden. Wehrpflicht-Abschaffung, aber militärische Aufrüstung, Energiewende, Ende der Energiewende, Grenzöffnung, Grenzschließung, keine Obergrenze für Flüchtlinge, aber in Grenzen, solidarisches Europa, aber in fester deutscher, unsolidarischer Hand – und nun die Ehe für alle: die Kanzlerin ist eine Sprung-Artistin.

Würde die Republik sich entscheiden, ihre wirklichen Machtverhältnisse offiziell zu machen und eine Plutokratie auszurufen – wer wäre die zweite, die „nach langer, innerer Prüfung und vielen Seufzern der Seele“ grünes Licht gäbe? Eben sah man sie noch hier, im nächsten Augenblick ist sie dort.

Seit Kierkegaard kann man den wahrhaft Frommen am Sprung in den Glauben erkennen. Die Kanzlerin hüpft wie ein Sprungteufelchen, ihre Deutschen immer hinter ihr her. Heissa, wie lustig die Vierschrötigen geworden sind. Hannes Wader hat die Seelennöte der stummen Kanzlerin vorausgeahnt:

„Heute hier, morgen dort,
Bin kaum da, muss ich fort

Fragt mich einer, warum
Ich so bin, bleib ich stumm,
Denn die Antwort darauf fällt
mir schwer.
Denn was neu ist wird alt
Und was gestern noch galt
Stimmt schon heut' oder morgen nicht mehr!“

Die Magd Gottes springt im disruptiven Takt ihres Herrn:

„Steine werfen hat seine Zeit und Töten hat seine Zeit, Helfen hat seine Zeit, Wegwerfen hat seine Zeit und Zerreißen hat seine Zeit, Hassen hat seine Zeit und der Krieg hat seine Zeit.“

Damit es nicht eintönig und langweilig wird, haben intermittierend auch Friede, Freude, Eierkuchen ihre Zeit. Gott ist nie einseitig und hasst es, ein simpler Gutmensch zu sein. Schwarz und Weiß müssen sich kräftig abwechseln, damit das Ende zum infernalischen Grau-en wird.

Müsste man ein einziges Wörtchen wählen, um die sprunghafte Politik der frommen Frau zu bezeichnen, könnte es nur kairotisch sein. Kairos ist das religiöse just in time. Der Schöpfer ist absoluter Herr der Zeit und bestimmt im Takt seiner Unberechenbarkeit, was heute wahr und richtig, morgen verworfen und satanisch ist – obgleich es dasselbe geblieben ist.

Gott liebt das Potpourri. Was er hasst wie die Pest, ist die Störrischkeit seiner geschaffenen Dinge und Wahrheiten, darauf zu bestehen, dass sie bleiben, wie sie geschaffen wurden. Was ihr seid, bestimme noch immer ICH, herrscht er die zeitlosen Wahrheiten der Welt an, die nicht einsehen wollen, dass sie zum Untergang bestimmt sind.

Eine Schöpfung ist eine creatio continua, somit eine Destruktion in Permanenz. Wie könnte Neues geschaffen werden, wenn das alte Gerümpel nicht laufend entsorgt wird? Der Abfall der Moderne, der den Zeitgenossen über den Kopf wächst, ist die Frucht des Kairos. Alles hat seine Zeit – und seinen Untergang. Die Entsorgung der abfall-produzierenden Heilsgeschichte ist ohne zeitlose höllische Feuer nicht denkbar. Je mehr sie produzieren, je gigantischere Feuerstätten benötigen sie.

Der italienische Philosoph Agamben hat die Antinomie des Kairos erkannt. Für ihn „ist der Kairos die Zeit der messianischen Erfüllung/Außerkraftsetzung des Gesetzes.“

Das Christentum ist keine Religion des zeitlos verlässlichen moralischen Gesetzes. Heute hü, morgen hott: das ist der vergnügliche basso discontinuo des göttlichen Geschichtswillens.

Liebe ist Liebe, Hass ist Hass, Moral ist Moral und nicht Nichtmoral, schwarz ist schwarz und weiß ist weiß: solche zeitlosen Simplizäten sind des Teufels und der Gottlosen.

Die vexierhafte Deutungswut der Bibelexegeten ist eine köstliche Frucht vom Baum der kairotischen Erkenntnis. Wenn Gott seine Wahrheiten wechselt wie seine Hemden und heiligen Testamente, dürfen seine Frommen nicht in Nachhaltigkeit erstarren. Nachhaltigkeit ist der verschämte Ersatzbegriff für Zeitlosigkeit, den die urbiblischen Grünen nicht verwenden dürfen.

Natur aber steht für ewige Wiederholung des Gleichen, eine andere Formel für natürliche Zeitlosigkeit. Auch nachhaltig ist zeitlich limitiert und denunziert die unveränderliche Ordnung des Kosmos. Für solch naturphilosophisches Brimborium haben schwitzende Grüne in weißen Oberhemden keine Zeit. Sie müssen Wahlen gewinnen.

Was ist die intriganteste Verschwörungstheorie? Dass es keine Verschwörung gibt. Dabei ist Machtpolitik unter Wahrung demokratischer Rituale ohne Verschwörung gar nicht möglich. Vom hinterlistigen und brutalen Wettbewerb der Tycoons gar nicht zu reden.

Was ist eine Verschwörung? Eine geheime Verabredung unter wenigen, um vielen zu schaden – ohne dass die vielen erfahren sollen, wer sie geschädigt hat.

Adam Smith bereits wollte den Kapitalisten seiner Zeit verbieten, gesellschaftliche Zusammenkünfte zu Absprachen im Herrenzimmer zu nutzen.

Eine der nachhaltigsten und verhängnisvollsten Meme-Verschwörungen (Meme = Medien-Merkel) hat in argloser Unschuld Nikolaus Blome in BILD enthüllt:

»Ach, die Leute interessieren sich ja gar nicht für Politik!« So spricht Merkel im kleinen Kreis über die Deutschen, und seit 2009 leitet sie daraus ihre Wahlkämpfe ab.

Das war kein Anschlag auf die Demokratie, das war bereits die Todeserklärung im Status der Scheinlebendigkeit. Merkel bestraft die Deutschen mit entwürdigenden, bewusstseinsraubenden KO-Tropfen, sie seien ungeeignet, die höhere Mathematik ihres pastoralen Wurschtelns zu würdigen.

Deshalb redet sie nicht und wenn, nur zum Schein. Deshalb erklärt sie nichts, denn die Untertanen verstehen es ohnehin nicht. Merkel bestätigt mit eigenen Worten, was Gegner ihr vorwerfen: sie spielt Honecker auf einem scheindemokratischen Piston. Alles was sie mit Bewusstsein tut, ist Getue, Inszenierung und Schauspielerei.

Nicht nur das. Die Medien wussten es – und hielten es für richtig, diesen Verrat an der Demokratie nicht an ihre „mündigen“ Leser weiterzugeben.

Wo beginnen Verschwörungen? Im kleinen Kreis. „Merkel enthüllte in einem kleinen Kreis“… Welche Medienschleicher gehörten zu diesem Kreis? Der kleine Kreis ist die harmlose Umschreibung für das inzestuöse Meme-Kartell – das sich jetzt selbst verraten hat.

Der Selbstverrat dringt den Menschen aus allen Poren. Selbst gewieften Machtartisten, die es nicht mehr aushalten, ihre Künste just jenen zu verheimlichen, die sie hinters Licht führen wollen. Wie viele kleine Zirkel gibt es der BRD, in der die ordinären Riesenkreise der Bevölkerung ausgetrickst werden?

Merkels innerer Dialog mit ihrem Volk ließe sich so formulieren: Ihr sollt wissen, dass ich weiß, dass Politik euch immer mehr nervt. Also wisset, dass ich so nur so tue, als ließe ich euch an meinen Entscheidungen teilnehmen. Ihr kennt mich, ich kenne euch. Aus Gründen der Außenwirkung sollten wir tun, als wären wir eine Demokratie. Ihr simuliert so gut ihr könnt, das Gleiche gilt für mich. Je besser es uns gelingt, vor der Welt den Anschein einer intakten Demokratie zu wahren, umso verlässlicher unsere Exportweltmeisterquoten.

Streng genommen ist Merkel an keiner rationalen Politik interessiert. Das spüren ihre Untertanen, die die geplagte Mutter ihre Tagesgeschäfte möglichst ungestört abwickeln lassen.

Streng genommen ist Merkel gar nicht das Problem. Das Problem sind die Deutschen, die sich eine Merkel erträumten – und durch mannigfache Erziehungsprozesse erst schufen.

Wären die Deutschen nicht harmoniesüchtig und streitunfähig: keine Merkel hätte eine Chance gehabt. Was ein Demos anrichtet, dafür muss er selbst den Kopf hinhalten. Wenn der deutsche Demos sein Schicksal in die Hände einer Demutsposeurin legt, darf er sich über nichts mehr wundern.

In deutschen Landen ist es verboten, das Volk zu kritisieren. Schon gar nicht das Ergebnis einer Wahl. Merke, eine Wahl ist heilig, das Volk unantastbar. Wahlschelte ausgeschlossen.

In Wirklichkeit gibt es keine verhängnisvollere Verachtung als diese scheinheiligen Schonungen des Souveräns. Für Eliten ist es ohnehin Jacke wie Hose, wer unter ihnen regiert. Volk ist für sie: die ganze Nation minus Eliten. Wer würde es wagen, die Leistungsstarken zum Pöbel zu rechnen?

Das Phänomen Merkel ist nicht verstehbar, solange die Deutschen nicht schonungslos unter die Lupe genommen werden. Nur wen man kritisiert, den nimmt man ernst. Das gilt nicht nur für Israel und Gottes eigenes Land.

Was ist ein Menschlein gegen viele Millionen Menschen, die jederzeit die Möglichkeiten hätten, das Ruder herumzuwerfen, und durch tatkräftiges Engagement in vielen Basisgruppen den Mächtigen zu zeigen, wo‘s lang gehen soll.

Angela an sich ist belanglos. Nur als leibgewordene Phantasiefigur der Deutschen ist sie wichtig. Solange sie durch überwältigenden Zuspruch auf den Thron gehievt wird, bleibt sie das repräsentative Kürzel der Deutschen. Wollt ihr wissen, wie die Deutschen ticken, schaut auf sie. Sie ist die Hieroglyphe, das Menetekel einer ganzen Nation.

Die Volksverachtung der Medien ist unermesslich. Das Volk wird zur tumben, passiven Leseherde degradiert. Es genügt, wenn die Tumben die Buchstaben der Edelschreiber notdürftig entziffern. Alles andere sollen sie jenen Tieren überlassen, die die großen Köpfe dafür haben.

Warum reagierten die Edelschreiber auf das Internet sich plötzlich äußernder Analphabeten, als wären sie wie von der Tarantel gestochen? Nein, nicht wegen der erwartbaren Shitstorms, sondern weil unmündige Massen sich über Nacht nicht mehr das Maul verbinden ließen.

Wenn Völker viele Jahrhunderte lang immer nur von Kanzeln angepredigt, von Pickelhauben angeschnauzt, von Autoritäten indoktriniert wurden und ihre Meinung nie in angstfreier Atmosphäre sagen konnten – was kann man da anderes erwarten als einen Vulkanausbruch geschändeter und unterdrückter Massenseelen?

Wahlergebnisse sind sakrosankt, bedeutet: das Volk kann den größten Schrott wählen, die Medien lassen es unkritisiert an die Wand fahren.

Sollte alles bleiben, wie es zurzeit ist, wird die Groko ad infinitum verlängert werden. Das entmündigte Volk kann nur wählen, als ob es den Mächtigen sagte: ,Macht euren Kram alleene. Wir denken gar nicht daran, euch die Entscheidung abzunehmen.‘ Die Wut der Massen ist so riesig, dass sie sich an ihren Mächtigen durch Schein-Wahlen rächen.

Seit Dogmatisierung des Neoliberalismus hat fast keine Wahl irgendetwas in die richtige Bahn gelenkt. Die Eliten unterlassen nichts, den unterkomplexen Horden einzubläuen, dass sie nichts verstehen, dass es keine Alternativen und nichts zu entscheiden gibt. Dann wundern sich dieselben Entmündiger, wenn ihre Kampagnen erfolgreich sind. Die Medien, stets in Angst, nichts Sensationelles zu bieten, machen aus dem Wahlkampf ein künstliches Strohfeuer, damit etwas geschieht, als ob etwas geschehe.

Nicht nur Merkel spricht nicht zur Bevölkerung, es gibt keine Partei, keine Medien, die mit dem Pöbel sprächen. Gelegentlich gibt es Audienzen der Kanzlerin, wo diverse Ausgewählte eine einzige Frage stellen dürfen. Nicht anders als in seltenen Talkshows, wo die ModeratorInnen plötzlich den Ehrgeiz entwickeln, Volkes Stimme als Gottes Stimme zu präsentieren.

Wenn man einen Politiker preisen will, sagt man über ihn: er kann zuhören. Ein Gespräch, gar ein Streitgespräch kann man also nicht mit ihm führen. Entweder sprechen sie monologisch endlos auf die Massen ein – weshalb Rhetorik zu den Hauptdisziplinen der Windmacher gehört –, oder sie mimen für einen kurzen Augenblick die Hörenden. Der Dialog ist im Repertoire der Postmoderne nicht vorgesehen. Nur konsequent, wenn dummdreisten Maschinen die Fähigkeit beigegebracht wird, zu tun, als ob sie sprechen könnten.

Es gibt keine reziproke Augenhöhe zwischen dauerredenden Heilsbringern von oben und den zur Stummheit Verurteilten an der Basis. Die Wut gegen diverse Populisten hat nur zum Schein mit deren Politinhalten zu tun. Die Insider der Macht ertragen es schlichtweg nicht, dass es jemand ohne ihren Segen wagt, die Etablierten mit frechen Sprüchen anzugreifen.

Bei Machiavelli heißen Demokraten popolani. Hier wird klar, wen sie heute meinen, wenn sie alle Kritiker des bestehenden Apparates als Populisten in Bausch und Bogen verfluchen. (Was selbstredend nicht bedeutet, dass diese recht haben müssten.)

Die schrecklichsten und effektivsten Populisten in allen Genieschmieden, die sich erkühnen, die Zukunft der Menschheit in kleinen Zirkeln festzulegen, werden von den Edelschreibern nicht unter die Lupe genommen, sondern zu Leuchtgestalten der Geschichte deklariert.

TV-ModeratorInnen werben um ihr Programm mit der dümmlichsten aller Einladungen: Wir sehen uns. Wenn die VIPs gesehen und gehört werden, heißt das, dass auch sie das Publikum sehen. Einseitige „Kommunikation“ wird verkauft, als ob zwei Seiten miteinander sprächen.

Wann wurde der Begriff Kommunikation eingeführt? Als das zweiseitige Gespräch begraben wurde und es nur noch darum ging, verführbaren Massen den eigenen versteckten Willen aufzuoktroyieren. Etwas kommunizieren heißt, ein Produkt, eine Politik an den Mann bringen. Wie unkritisch die Medien ihre Kanzlerin des Herzens kommunizieren, zeigt der SPIEGEL in einem Artikel über Merkels Besuch bei BRIGITTE.

„Dabei war es eigentlich ein netter Plaudertermin, zu dem Angela Merkel ins Berliner Gorki-Theater gekommen war: Ein bisschen Politik, ein bisschen Privates, Merkel sollte es im Talk mit Journalisten der Frauenzeitschrift "Brigitte" menscheln lassen.“ (SPIEGEL.de)

Um ihre Quantensprünge zu „kommunizieren“, bevorzugte die Schlaue schon immer unverfängliche Termine. Sei es im bayrischen Bierzelt, in einem Klassenzimmer, sei es in „menschelnden“ Begegnungen, wo sie ihre politischen Knaller so nebenbei und im harmlosesten Ton ausplaudert.

Philipp Wittrock vermutet sogar eine Fehlleistung der Kanzlerin, dass sie etwas äußerte, was sie gar nicht vorhatte. Die sonst so misstrauischen Journalisten werden bei der zu schützenden Mutter plötzlich zu berufsblinden Anfängern. Gibt es, besonders in beginnenden Wahlkämpfen, etwas Privates und Nettes, was nicht eminent politisch wäre?

Jahrzehntelang war die Lutheranerin unerbittliche Gegnerin der unchristlichen Ehe für alle. Und plötzlich, wie durch kairotische Erleuchtung und rechtzeitig zur Wahl, entdeckt sie ihre Sympathien für die von Paulus verfluchten Schwulen. (Lesben erwähnte Paulus nicht, weil Frauen nicht zählten.)

Wie in einem Gnadenerlass erlaubt die Virtuosin des göttlichen Gewissens ihren ParteigenossInnen die „ganz subjektive Gewissenswahl.“ Ohnehin ist der versteinerte Fraktionszwang ein permanenter Verstoß gegen die unantastbare Würde des Menschen. Auch das ist uralter Anschlag auf die Demokratie, der von den Gewählten ehrlos hingenommen wird.

Was hätten wir für eine lebendige Demokratie, wenn Parlamentarier sagen und entscheiden dürften, wie ihr Gewissen es ihnen gebeut. Wie empört wurde das imperative Mandat der 68er mit dem Argument abgelehnt, Abgeordnete seien allein ihrem Gewissen verpflichtet und keine Befehlsempfänger der Basis. Heute sind sie Sprechblasenproduzenten ihrer Vorsitzenden. Im Zentrum der Demokratie ist die Demokratie ausgehebelt.

Obwohl Merkel aus durchsichtigen Gründen zu Kreuze kriecht, wagt sie es, die tiefsinnige Sensible zu spielen. In „Tiefe und Würde“ bitteschön habe die abschließende Debatte zu verlaufen – und nicht im frivolen Zeitgeist der Hedonisten.

Eben noch gehörte die patriarchale christliche Ehe zu den unveräußerlichen Grundwerten des Abendlandes. Und über Nacht wird, im Zuge zeitgeistmäßiger Nachkorrektur, dieselbe Ehe auf den Müll geworfen.

„Die Weiber seien untertan ihren Männern als dem HERRN. Denn der Mann ist des Weibes Haupt, gleichwie auch Christus das Haupt ist der Gemeinde, und er ist seines Leibes Heiland. Aber wie nun die Gemeinde ist Christo untertan, also auch die Weiber ihren Männern in allen Dinge. Das Weib lerne in der Stille mit aller Untertänigkeit.“ „Einem Weibe aber gestatte ich nicht, daß sie lehre, auch nicht, daß sie des Mannes Herr sei, sondern stille sei. Denn Adam ist am ersten gemacht, darnach Eva. Und Adam ward nicht verführt; das Weib aber ward verführt und hat die Übertretung eingeführt. Sie wird aber selig werden durch Kinderzeugen, so sie bleiben im Glauben und in der Liebe und in der Heiligung samt der Zucht.“ „Es ist auch gesagt: "Wer sich von seinem Weibe scheidet, der soll ihr geben einen Scheidebrief." Ich aber sage euch: Wer sich von seinem Weibe scheidet (es sei denn um Ehebruch), der macht, daß sie die Ehe bricht; und wer eine Abgeschiedene freit, der bricht die Ehe.“

Der Mann war absoluter Bestimmer der Familie. Folgenlos konnte er die Ehe brechen, seine Frau aber konnte er wegen Ehebruchs verstoßen. Eine Frau hat nur die Pflicht, Kinder zu werfen, sonst hat sie keine Rechte. In der Öffentlichkeit schon gar nicht. Aus Gnade und Barmherzigkeit hat der Mann seine Frau glimpflich zu behandeln. Rechte hat sie keine.

Das Gute im christlichen Abendland ist bis heute im Status des Almosens verblieben. Selbst Steuern wollte der Philosoph Sloterdijk als Gnadengabe verstanden wissen.

Was Demokratien tun und lassen, haben alle zu verantworten. Regierungen sind die Gewählten des Volkes. Wenn sie Mist bauen, ist es am Volk, sie zum Teufel zu jagen. Werden sie nicht abgewählt, hat sich das Volk schuldig gemacht.

Volk ist jeder Einzelne, selbst Eliten sind – unglaublich, aber wahr – nichts als Volk.

Dennoch sind es jahrhundertealte Übertölpelungskünste der Oberen, die den Ungebildeten und Naiven ihren Willen unter die Weste jubeln. Warum gibt es in Schulen nur anpassungsgemäße Ausbildung und keine echte Bildung, die selbständiges Denken anregt und den Einzelnen befähigt, die Listen und Tricks der Mächtigen zu durchschauen? Bei Bildung denken alle Eliten nur an Ausbildung zu genialen Start-up-Unternehmern, um den Wettbewerb der Völker für sich zu entscheiden.

Merkel kann machen, was sie will: ihre lutherischen Untertanen fressen ihr aus der Hand. Wenn das Volk unbeirrt den jetzigen Schlafwandel-Trott fortsetzt, muss es – ab 35 aufwärts – gnadenlos entlassen werden. Damit die Jugend einen vollständigen Neuanfang starten kann.

 

Fortsetzung folgt.