Neubeginns XXII

Tagesmail - Freitag, den 23. Juni 2017

Hello, Freunde des Neubeginns XXII,

lieber einen ehrlichen Wallstreet-Wüterich, als eine sammet-flötende deutsche Pastorentochter.

„In Sammet und in Seide / War sie nun angetan / Hatte Luisen-Bänder auf dem Kleide, / Hatt' auch ein Kreuz daran“. (Faust III)

Wir nähern uns der seit alters ersehnten Vereinigung von Republik und Monarchie. In einer „Unionsakte“ sollte verbunden werden, was Gott zusammengefügt – und nur der gottlose Mensch getrennt hatte – um den „Ausblick auf ein paradiesisches Reich“ zu gewinnen. Die Idee des himmlischen Friedens auf Erden „stellte sich ihm unter dem BILD einer allumfassenden Familie dar, – eine Herrin und eine Familie“. Die Rede ist von einem deutscher Dichter, der den Berliner Staat als Inbegriff irdischer Verzückung besang.

Ein „unsinniges Räsonnement, dass Demokratie den einzig möglichen Weg zeige, um den in der Natur nirgend existierenden idealen Regenten künstlich zu erzeugen. Nur die Mittelmäßigkeit, die Weltlist, die Volksschmeichelei, werde auf diesem Wege zur Herrschaft erhoben, und das Resultat bilde einen großen Mechanismus, einen Schlendrian, den nur die Intrige zuweilen unterbreche“.

Ein BILD-Kriegsreporter in Diensten deutscher Grandezza heißt Julian Reichelt und nicht Novalis. Wenn er singen könnte, würde er singen. So muss er sich mit religiöser Grandiosität aufpumpen, die die Utopien der Ungläubigen verflucht, um selbst den zweiten Garten Eden auszurufen.

„Welch weiten und unglaublichen Weg Deutschland seitdem gegangen ist, begleitet und beschrieben von BILD! Aus dem bedrohlichen Deutschland ist der Sehnsuchtsort der Welt geworden. Ein Ort, an dem Menschen eine bessere Zukunft für sich und ihre Kinder suchen. Ein Land der Zuversicht. BILD ist Teil dieses weltoffenen, modernen Landes. … Diese Ausgabe für alle deutschen ...

... Haushalte ist unser Bekenntnis, dass wir groß denken und an eine noch bessere Zukunft für Deutschland glauben. Daher meine Botschaft an Sie …“ (Reichelt in 65-BILD)

Dann darf die Chefin kommen, die mütterliche Regentin, um sich direkt an ihre Familie, an ihr Volk, an ihre untertänigen Kinder zu wenden. „Liebe Kinder – pardon, liebe Leserinnen und Leser –: Was ist deutsch? Mein Deutschland von A bis Z ist offen, es entwickelt sich immer weiter. Vielleicht haben Sie Lust bekommen, darüber nachzudenken, in Ihrer Familie und mit Freunden. Das Ergebnis ist unser gemeinsames Deutschland von A bis Z, eine Einheit in Vielfalt.“ (Merkel daselbst)

„E pluribus unum“, eins durch viele, der Wappenspruch im Großen Siegel der Vereinigten Staaten. Womit wir Gottes eigenes Land eingeholt, ja überholt hätten. Sind die Amerikaner doch gespalten bis auf die Knochen, wir hingegen in unauflöslicher Liebe vereint mit mater gloriosa.

Deutschland, einstiger Blutbastard der Völker, hat die Führung der Welt übernommen. Seine medialen Herolde attackieren die Moral und bejubeln ihre moralische Weltinstanz im Kanzleramt. Eine reife Leistung der Dichter-und-Denker-Epigonen.

Mutter spielt Scrabble mit der heiligen Familie. Aus den Buchstaben des Alphabets sollen leuchtende Tugenden der Deutschen entstehen. Ich bin das Alpha und das Omega, sprach ihr Erlöser. Deutschsein heißt, die ganze Welt von A bis Z zu umfassen. Da darf kein Jota übersehen werden. Das deutsche Wesen ist komplett.

Da fehlt weder die deutsche Eiche, noch Schwarz-Rot-Gold, die Bundeswehr, die christlich-jüdische Tradition, der Kirchturm, der Wald, der Exportweltmeister noch Wagner in Bayreuth. Repräsentative Demokratie steht verschämt hinter Reformation, Familienunternehmen vor dem gemütlichen Frühstücksei. Versteckt hinter Chorgesang lauert die eigentliche Botschaft: Chefin und Chef. Es muss eine Befehls-Ordnung sein im Lande der Chefin.

Doch gemach, die Chefin – „privat schlagfertig und witzig“ – zwinkert mit den Augen: ein bisschen Unordnung ist doch menschlich. Wir sind ja so locker geworden, so cool, was mit kalt übersetzt werden muss.

Unter V stehen Volkslied und Vollkornbrot, doch wo bleiben Vernunft, Besonnenheit und nüchterner Menschenverstand? Ebenso fehlen Aufklärung und Autonomie.

Heimat steht unverrückt neben Helau und Alaaf, doch Hartz4 wird unter den Teppich gekehrt. Klatsch und Tratsch müssen sein, aber doch keine nationalen Schandflecke wie Kinderarmut, Konflikte, Kluft zwischen Reich und Arm. Ein bisschen Nachbarschaftsstreit, damit Harmonie nicht zur Langeweile ausartet.

Naturschutz, man reibt sich die Augen, obgleich das Land ökologisch abgestürzt ist. Ausufernder Kapitalismus und Neoliberalismus? Wo denkst du hin? Die Chefin lebt noch immer in einer sozialen Marktwirtschaft.

Nicht, dass sie sich mit „Volksschmeichelei“ anbiedern wollte. Aus unschuldiger Freude an Spiel und Sport steht ein „vierter Stern“ auf der Heroenliste, die keinesfalls eine deutsche Leitkultur sein darf, sondern nichts als ein unbeschwertes familiäres Vergnügen.

Wo bleiben Beschleunigung, rasante Selbstzerstörung des Alten zugunsten einer 4.0-Zukunft, in der Intelligenzmaschinen das Regiment übernehmen? Wo bleibt das Risiko, die Absage an träge Sicherheit? Nicht mal german Angst wird erwähnt, obgleich selbst Mittelschichten nicht mehr ihre Mieten bezahlen können.

Europa fehlt komplett, Deutschland ist allein zu Hause. Was hat deutsch mit Voltaire und der Französischen Revolution, italienischen Madrigalen, britischem Parlamentarismus, den Spaniern Goya und Pep Guardiola, den Russen Tolstoi und Gorbatschow und – der griechischen Urdemokratie zu tun?

Kein einziger Denker, kein einziger Literat, kein einziger Musiker – außer einem Bayreuther Welterlöser, dem Idol eines deutschen Erlöser-Führers.

Von Streitkultur wagt die stumme Frau zu reden, die alles in reduzierter Sprache erstickt. Ihrem Herausforderer wird sie den Wahlkampf in höhnischer Demut verweigern. Streiten? Doch nicht in einer einträchtigen Familie. „Die Gedanken sind frei“ – deutsche Innerlichkeit soll die äußere Gedankenlosigkeit der Exportmaschine vergessen machen.

Die deutsche Kanzlerin, das unbekannte Wesen, hat sich rechtzeitig zur Eröffnung des Wahlkampfs ihrem Volk zu erkennen gegeben. Mütterchen, ach Mütterchen, sprich mit uns, damit wir dich sehen. Ihre treuesten BILD-Paladine haben ihr ein Forum geschaffen, damit sie sich ihrer treuen Familie offenbare. Kai Dieckmann öffnete die Tür zu Helmut Kohl, sein Nachfolger die Tür zu dessen Nachfolgerin.

Da steht Kohls Mädchen, die pastorale Vatermordqualitäten bewies, bei Rouladen mit Rotkohl – in ihrer ganzen Nacktheit und Blöße. Nein, niemand wird sie vom Thron verstoßen, den sie zum goldenen Altar verklärte. Für diese irdisch-himmlische Synthese lieben sie die Deutschen. Oh, Freund, wann brechen wir auf, um in die innere Mongolei zu flüchten?

Unbeirrt will BILD zur deutschen Trump-Imitation durchbrettern. Germany first. Der Sehnsuchtsort der Welt ist das Land, wo Milch und Honig fließen.

Die amerikanische ecclesia militans hat die Führung der Welt ausgebaut. Wenn Gott sichtbar im Regimente sitzt, können lästige Moralmasken endlich fallen. Die siegreiche Kirche steht jenseits aller moralischen Hürden. Trump hat alle Chancen, zum amerikanischen Luther zu werden. Lasset tapfer die Sau raus, wenn ihr nur glaubet. Trump flucht, rotzt und kotzt, lügt und betrügt, dass sein Gott stolz auf ihn sein kann. Wie Luther, der Papisten, Sarazenen, Bauern, Juden und die Vernunft in die Hölle schickte – Chapeau, Monsieur.

Im Endstadium des Heils fallen alle Hüllen kleinlicher Moral und heidnischer Vernunft. Hier waltet der heilige Zorn – unberechenbar und in antinomischer Authentizität. Machet aus eurem Herzen keine Mörder- und Schlangengrube. Weiß der Herr doch ohnehin, was in eurer dunklen Seele wütet. Der Tag wird kommen, wo ihr nichts mehr zu verbergen habt.

„Nichts aber ist verhüllt, was nicht enthüllt werden wird und nichts verborgen, was nicht bekannt werden wird. Deswegen wird alles, was ihr im Dunkel gesagt habt, im Licht gehört werden. Sorget euch nicht, was ihr sagen sollt. Denn der heilige Geist wird euch lehren, was ihr sagen sollt.“

Das letzte Stadium der Heilsgeschichte ist eröffnet. Das heidnische Über-Ich wird geräumt, die Stimme der Vernunft erstickt. Es spricht in direkter Offenbarung das über aller Moral stehende Himmels-Ich.

Die Deutschen leiden noch immer an einer heilsgeschichtlichen Verzögerung (cultural lag). Jedes Wort legen sie auf die eschatologische Goldwaage, da sie ihrer christlichen Neuwerdung nicht trauen. Wer sich mit schnöder Taufe begnügt, weiß nicht, was ein wiedergeborener Jünger Jesu ist. Da sind sich die transatlantischen Wiedergeborenen, Wiedertäufer und Ekstatiker ihrer Sache wesentlich sicherer. Sie lassen raus, wie es kommt. Nichts ist unheilig, wenn es im Glauben geschieht. Trump ist der amerikanische Luther, der sich von niemandem das Maul verbieten lässt.

„Den Reinen ist alles rein; den Unreinen aber und Ungläubigen ist nichts rein, sondern unrein ist ihr Sinn sowohl als ihr Gewissen. Ich weiß und bin überzeugt, das nichts an und für sich unrein ist, sondern nur für den, der meint, es sei unrein, für den ist es unrein.“

Warum twittert sich Trump die Seele aus dem Leib? Weil seine Seele fleckenlos ist. Nur, wer etwas zu verbergen hat, schweigt wie eine deutsche Sünderin und Heuchlerin, die von Trump als doppelzüngige Pharisäerin eingeschätzt wird, die stolz vor ihren Gott tritt: Oh Gott, ich danke dir, dass ich nicht bin wie die übrigen Menschen, Räuber, Ungerechte, Ehebrecher oder auch wie dieser Zöllner“. „Der Zöllner aber stand von ferne und wollte nicht einmal seine Augen zum Himmel erheben, sondern er schlug an seine Brust und sprach: O Gott, sei mir Sünder gnädig.“

In neudeutscher Übersetzung. Trump: O Gott der Amerikaner, ich danke dir, dass ich nicht bin wie diese deutschen Duckmäuser, Schöpfungsbewahrer und Friedenssäusler, die das Schwert, das du uns gegeben hast, zu verschmähen wagen. Die vergessen, dass du nicht gekommen bist, Frieden zu bringen, sondern das Schwert.

In geduckter Haltung seine deutsche Kollegin mit unhörbaren Seufzern: O Gott, ich danke dir, das du mir Sünderin gnädig bist und jenen aufgeblasenen Pharisäer in die Hölle fluchst. Du weißt, dass ich eine vorbildliche Sünderin bin, die nicht eigenen Leistungen vertraut, sondern alles in deine gnädigen Hände legt.

Die Deutschen waren die Letzten, die jetzt zu Ersten geworden sind. Die Amerikaner, die immer die Ersten sein wollten, werden bald die Letzten sein. Gott stellt alles Heidnische auf den Kopf.

Langsam, aber sicher, nähern sich die imitationsfähigen Deutschen den Standards der Wiedergeborenen an. BILD übt sich vorbildlich auf der Klaviatur der hemmungslosen Ersten. Um Erste zu sein, muss man die Zukunft gewinnen. Das ist kein moralisches, sondern ein technisches und wirtschaftliches Problem. Wer die Nase vorne hat, ist automatisch der moralische Sieger. Es gibt keine Erfolgreichen, die von Gott nicht gesegnet wären.

Willst du wissen, ob du ein Täter des Worts bist, betrachte dein vergoldetes Hochhaus und deine digitale Macht über die Menschheit. Gott ist in den Schwachen mächtig – bis sie selber mächtig werden und nicht länger Schwachheit heucheln müssen. Die Deutschen heucheln und wollen sich immer anders geben, als sie sind. Amerikaner sind, wie sie sind. Noch sind sie die Vorhut der Frommen, die Tacheles reden, weil Gott es ihnen unmittelbar eingibt.

Was heißt, sich auf die Zukunft einstellen? Zu diesem Thema veranstalteten deutsche Eliten eine Noah-Konferenz. Womit dem Einfältigsten klar sein müsste, was der Menschheit blüht, wenn kybernetische Noahisten sich durchsetzen.

„Denn von nun an über sieben Tage will ich regnen lassen auf Erden vierzig Tage und vierzig Nächte und vertilgen von dem Erdboden alles, was Wesen hat, was ich gemacht habe. ... Da ging alles Fleisch unter, das auf Erden kriecht, an Vögeln, an Vieh, an Tieren und an allem, was sich regt auf Erden, und alle Menschen. Alles, was einen lebendigen Odem hatte auf dem Trockenen, das starb. Also ward vertilgt alles, was auf dem Erdboden war, vom Menschen an bis auf das Vieh und das Gewürm und auf die Vögel unter dem Himmel; das ward alles von der Erde vertilgt. Allein Noah blieb übrig und was mit ihm in dem Kasten war.“

Vor aller Augen wird die Menschheit selektiert in Erwählte und Verworfene. Sie nennen es Fortschritt. Früher sprach man von Rassismus und Völkermord, heute müsste man vom Mord an der Gattung sprechen. Die Menschheit wird über ihren systematischen Untergang getäuscht, indem man sie ausufernd darüber informiert. Es ist die einlullende Methode der Brandstifter bei Max Frisch, die ihr verbrecherisches Tun schonungslos offenlegen: „Die beste Tarnung vor Scherz und Sentimentalität, sei die Wahrheit, weil sie niemand glaube.“

Ein „Zukunftsexperte“ namens Boos – vermutlich ein digitales Kürzel von Bosheit – tadelt die eingeschlafenen Europäer: “Gleichzeitig forderte er Europa auf, sich nicht länger auf dem Wohlstand auszuruhen. „Wir haben die letzten 20 Jahre verschlafen“, so Boos.“ (BILD.de)

Mathias Döpfner, vor kurzem noch Kritiker der Digitalisten, konvertierte rechtzeitig ins Lager der Rechtgläubigen: „Durch das Internet wird die Welt zu einem besseren Ort. Und doch hat sie in den vergangenen Jahren ihre Unschuld verloren. Deshalb müssen wir die Digitalisierung beherzter und im Interesse unserer Werte gestalten, damit sich die richtigen Ideen durchsetzen.“

Wenn die Welt durch das Internet besser wird, welche Werte zum Teufel werden gefährdet? War die Welt früher rein – hat sie erst durch Silicon Valley ihre Unschuld verloren?

Dann hört man die üblichen Floskeln liberaler Welteroberer: „Dabei helfen Optimismus, Offenheit und der unbedingte Wunsch, die freie Welt zu verteidigen. Das gilt auch und erst recht für eines der Schlüsselthemen der digitalen Zukunft, ‚Artificial Intelligence‘.“

Optimismus war immer auch die Tugend der Zwangsbeglücker, Offenheit heißt inzwischen, alles zuzulassen, wozu man keine Lust hat, sich eine kritische Position zu erarbeiten und die freie Welt muss immer eine unfreie als Kontrastfolie vor Augen haben, um sich militant "aufzustellen". Uralte Mechanismen reflexiven Reinwaschens durch Überlistung der intellektuellen Redlichkeit.

Auftritt Schulz, seines Zeichens Merkel-Duplikat, nur ohne mütterliches Charisma:

„Es geht um mehr als nur neue Smartphone-Modelle. Deutschland braucht eine Bildungs-Offensive, um seinem Ruf als Land der Dichter und Denker gerecht zu werden!“

Offenbar dachte er nicht nach, sonst hätte er Dichter und Denker nicht als Blinddarmfortsätze der Zukunft beschreiben dürfen. Von wenigen spätromantischen Ausnahmen abgesehen, waren deutsche Dichter und Denker Anhänger des Geistes  und nicht der Maschinen  , die durch Kunst und Philosophie die Menschen zu besseren erziehen wollten. Noch war das Theater – wie im alten Griechenland – eine moralische Anstalt. Wer heute künstlerisch oder denkerisch Moral vertritt, ist ein medialer Selbstmordkandidat.

Nach dieser Pflichtübung für Schöngeister kommt auch schon die pralle Realität:

„»Wir brauchen Investitionen, um unsere Talente im Land zu behalten und Talente aus anderen Ländern anzuziehen. Wir brauchen eine Kultur der zweiten Chancen«, so der SPD-Kandidat“, der geschickt eine biografische Reminiszenz einbaute. Denn auch er wandelte sich aus einem Alkoholiker zu einem politischen workaholic.

Wenn Merkel bedenkenlos die 4.0 Welt einer roboterisierten Zukunft befürwortet, inklusive Zerstörung der bekannten und vertrauten Gegenwart, dann darf kein SPD-Progressiver als Bedenkenträger des Fortschritts auftreten. Was die Zukunft omnipotenter Maschinen betrifft, lässt sich keine Partei von einer anderen übertrumpfen. Obgleich wir bereits im Paradies leben, muss es noch was Besseres geben.

Die wichtigsten Themen der Gegenwart werden von keiner Partei angesprochen. Sie streiten über Mücken und schlucken Kamele. Dann wundern sie sich, wenn die Menschen immer nervöser werden, weil niemand ihre Tiefenprobleme anspricht.

Kommt endlich ein Rabauke wie Trump, der wenigstens tut, als ob, und seine elitären Kumpane zum Schein angreift, sind die Massen schon dankbar über den Versuch – selbst, wenn sie tief im Innern dem Spuk nicht trauen. Sie begnügen sich mit der frechen Pose des Angriffs, ständig in Angst, eines Tages feststellen zu müssen, dass sie sich getäuscht haben.

Folgt die Klimax der Noah-Propheten.

„Dass die Maschinen irgendwann die Macht übernehmen, steht für Tech-Gründer Boos außer Frage. Sollten wir uns Sorgen machen? »Erstens wird das nicht so bald passieren. Und zweitens werden die uns in Ruhe lassen«, gibt der Experte Entwarnung. »Die werden dahin gehen, wo es etwas zu entdecken gehen: ins Weltall!«“

Boos hat nur einen guten Rat für die Menschheit: „Wir sollten den Maschinen bloß keine menschlichen Werte beibringen. Wenn die uns danach beurteilen, fallen wir alle durch.“

Woher weiß der Prophet, dass Maschinen die Menschen in Ruhe lassen, wenn sie die Macht übernehmen? Die Intelligenzbestien werden die Menschheit ihrem Schicksal überlassen und im Weltall verschwinden. Ob sie Boos, Döpfner und Schulz als Flüchtlinge mitnehmen werden?

Wenn Maschinen von Menschen hergestellt werden, wie können sie von diesen nicht geprägt sein? Oder sollte es gar möglich sein, dass die mechanischen Geschöpfe einen autonomen Geist entwickeln und ihre Schöpfer nicht nur technisch, sondern auch moralisch überwinden? Dann wäre das der Beweis, dass der Mensch die göttliche Kreativität nicht nur eingeholt, sondern überwunden hätte.

Der Mensch als Geschöpf Gottes hat dessen Fehler bislang komplett wiederholt. Wie jener eine Welt erschuf und im heiligen Zorn zusammenschlug, um seine eigene Unfähigkeit zu kaschieren, will auch der Mensch die Natur zusammenschlagen und im Weltall verduften. Um seinen General-Bankrott zu verleugnen, nennt er ihn einen grenzenlosen Fortschritt.

Während Döpfner die Zukunftsmaschinen mit Werten verträglich machen will, warnt Boos vor deren Indoktrinierung mit Werten. Ob beide Noahisten ihren Widerspruch bemerkten? Ob sie darüber stritten?

Während Menschen Ebenbilder ihres Gottes sein wollen, wären die von Menschen geschaffenen, aber ungeprägten Maschinen ihre eigenen moralischen Kreatoren. Das wäre ein gewaltiger Sprung der Evolution. Hört ihr, wie sie rasend beschleunigt – um sich von der Brut der Menschheit zu befreien?

Und Noah blieb übrig und was mit ihm in der Arche war. Und die Wasser nahmen zu auf der Erde, 150 Tage lang. Und Gott segnete Noah und seine Söhne und sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und mehret euch und füllet den Mars. Furcht und Schrecken vor euch komme über alle Tiere des Mars, über alle Vögel des Himmels, über alles, was auf dem Mars kriecht. Ihr nun breitet euch aus auf dem Mars und herrscht über ihn.

Und siehe, der gewaltige Sprung entpuppt sich als jämmerliche Wiederholung.

 

Fortsetzung folgt.