Neubeginn XVII

Tagesmail - Montag, den 12. Juni 2017

Hello, Freunde des Neubeginns XVII,

der revolutionäre Sturmlauf der Franzosen – und die stehenden Gewässer der Deutschen. Napoleon – und die preußische Königin Luise; Macronaparte – und die Weltkönigin Angela. Ab jetzt gibt es eine ernstzunehmende Konkurrenz für die deutsche Kanzlerin um die führende Stimme Europas in der Welt. Macron beherrscht die Kunst, ältere Damen heimzuführen.

Die Franzosen haben sich runderneuert und ihre Minderwertigkeitsgefühle weggefegt. Die alten verschlissenen Garden, das Volk ertrug sie nicht länger. Aus dem Stand regenerierte sich die politische Klasse zu einem Drittel aus Laien und Niemanden. Le Pen? Nichts als der Überdruss an degenerierten, amoralischen Alteliten.

Moral – ein Unwort in neugermanischen Sumpfländern, wird zum Imperativ der Politik. Versteht sich, dass deutsche Medien das Unwort zu Anstand verwässern.

„Emmanuel Macron will nun wieder mehr Anstand in die Politik bringen. Er plant ein Gesetz über die Moralisation de la vie politique, also über die Moral im politischen Leben. So soll es Parlamentariern verboten werden, Familienmitglieder zu beschäftigen. Außerdem soll jeder Politiker angeben, mit welchen Institutionen, Firmen oder Vereinen er oder sie verbunden ist, um Interessenkonflikte zu vermeiden. Nebenjobs als Berater oder Coach sollen grundsätzlich nicht mehr erlaubt sein.“ (ZEIT.de)

Anstand ist ein Knigge-Begriff der bürgerlichen Stände. Aus Höflichkeit verkehrt man seine Weg-Beiß-Qualitäten in wohlerzogene Liebenswürdigkeiten. Wenn sich alle Mächtigen inszenieren, wird Anstand zur propagandistischen Selbstverpflichtung. Moral verhält sich zu Anstand wie wirkliche Freiheit zu Neoliberalismus.

Nein, Macron wird keine Alternative zum Kapitalismus liefern. Doch er wird den Verdruss über den Verfall der Demokratie in eine neue Lust am ...

... homo politicus verwandeln. In Deutschland wäre es undenkbar, dass ein Mitglied der führenden Klasse eine Partei aus fast Nichts gründet, um seine alten Weggefährten mit Hilfe des Volkes vom Tisch zu fegen. Die Agora wird durch Macron porentief gereinigt, um jene Auseinandersetzungen zu ermöglichen, die die Menschheit dringend benötigt, um ihre Vergangenheit zu verstehen und ihre Zukunft menschenfreundlich zu gestalten.

Lange Zeit waren Franzosen die führende Kultur und Zivilisation Europas – und die Deutschen die Hinterwäldler aus germanischen Sümpfen. Die Deutschen bewunderten und imitierten das savoir vivre und das Licht der Aufklärung – bis sie es satt hatten, die Plagiate anderer zu sein. Also machten sie sich daran, ihre „deutsche Art und Kunst“ in wilder Verneinung alles Französischen aus dem lutherischen Sündenpfuhl aufzuwühlen. Im Sturm und Drang wird das moderne Deutschland geboren – nachdem grausame Religionskriege die vielen Vaterländer zur Bedeutungslosigkeit geschreddert hatten.

Die Deutschen mussten „von vorne“ beginnen. Das Vorne war ihre vernunfthassende Wildheit gegen alle Forderungen der clarté. Deutschland wurde als räudiger Bastard aus dem Leichnam des 30-jährigen Krieges geschnitten. Es dauerte fast 100 Jahre, bis die Deutschen eine gewisse Lebensnormalität zurückgewannen, um sich die Frage zu stellen, welche Rolle sie im europäischen Konzert spielen wollten.

Sie wollten sich von den Fesseln der Religion wie von den Direktiven der raison befreien. Doch ihre doppelte Befreiung aus französischer Vernunft und deutschem Glauben geriet zum Verwirrspiel. Sie verwechselten Denken und Glauben – und rebellierten mehr gegen selbständiges Denken als gegen gläubigen Gehorsam.

Am Ende der nationalen Emanzipation stand der faule Kompromiss eines frommen Denkens oder einer denkerischen Frömmigkeit. Die Loslösung von lutherischen Bäffchen und katholischem Weihrauch war gescheitert – und konnte bis zum heutigen Tage nicht nachgeholt werden. Seitdem gehören falsche Symbiosen und faule Kompromisse zum nationalen Charakter der Deutschen.

„Die Sturm-und-Drang-Bewegung ist die Empörung gegen die Einzwängung des Lebens in Vernunftsysteme, in die theoretischen Systeme der Naturwissenschaft und Philosophie und die politischen Systeme der Gesellschaft, Sie ist der Kampf für das Recht des subjektiven Lebens gegen die Ansprüche der objektiven Kultur, die Empörung des Subjekts gegen die Verabsolutierung der theoretisch und praktisch gültigen Vernunftgesetze. Das Absolute war nicht die Vernunft, in deren Licht das Leben nach objektiven Gesetzen verlief und verlaufen sollte, sondern jene mit dem Freiheitsgefühl untrennbar verbundene Schöpferkraft unseres Inneren, für die nur dasjenige Gesetz ist, was sie selber „setzt“, nicht in ein objektiv und ewig gültiges , sondern nur subjektiv und niemals „gültiges“ Gesetz. Nicht ein „gesetztes“, sondern ein „sich-setzendes“ Wesen war das Wesen unseres Menschentums. Und so gilt weniger der Vernunft als den unmittelbaren Gefühlen zu vertrauen. Nicht die rationalen Normen und Formen, sondern die irrationalen Impulse unseres Gefühlsgewissens müssen unser Leben leiten. Nicht der „kultivierte“ und vernünftige, sondern der „natürliche“ Mensch ist das wahre Humanitätsideal und der Maßstab für eine Erneuerung der Kultur.

Der Reiz des Lebens hatte für den Rationalisten in der Herrschaft der ratio über das Irrationale bestanden. Er hatte sich als Vernunftwesen gefühlt, sein wahres seelisches Zentrum war die Vernunft gewesen. Der Mensch der frühen Goethezeit aber empfand nicht mehr die Vernunft, sondern das „Herz“ als das wahre Zentrum seines Innern. Durch rationale Regeln fühlte er sich vergewaltigt. Hatte sich der Mensch der Aufklärung durch die Kraft der Vernunft aus den Banden der Autorität (vor allem der Kirche) befreit gefühlt, so fühlte der Mensch der Sturm-und-Drang-Zeit diese Herrschaft der Vernunft als eine neue Versklavung des Menschentums. Das Wesen der Vernunft ist Reglementierung. Sie erkennt Gesetze und sie stellt Gesetze auf. Vernunftherrschaft ist Gesetzesherrschaft. Das Leben aber ist das Widerspiel des Gesetzlichen, sein Wesen ist Individualität, Ausnahmehaftigkeit, schöpferisches Durchbrechen des „Gesetzten“. Vernunft ist das Reich einer ewigen Ordnung; Leben das Reich einer ewigen Revolution. Und deshalb beginnt diese Epoche, in der die Herrschaft der Vernunft von der Herrschaft des Lebens abgelöst wird, als Revolution und Umwertung aller Werte.“ (Geist der Goethezeit von H. A. Korff)

Der Ausnahme-Status der wilden Subjektivisten taucht bei Carl Schmitt wieder auf: „Souverän ist, wer über den Ausnahmezustand entscheidet“.

Die Individualisierung wird zur Relativierung. Allgemeine Regeln und Menschenrechte kann es nicht geben, sie widersprächen der Einmaligkeit aller Dinge. Das Unvergleichliche wird zur Norm von Einzelnen und Völkern. „Jede Nation – und freilich auch jede Zeit – hat ihren Mittelpunkt der Glückseligkeit in sich wie jede Kugel ihren Schwerpunkt.“

Die deutsche Nachkriegszeit war eine streberhafte Vernunft-Demokratie, die langsam überging in Wiederholung der vernunftfeindlichen Stürmer und Dränger, die alle verbindliche Moral ablehnten. Der Übergang von der Verehrung der Vernunft zur Idolisierung des Irrationalen war der Import des Neoliberalismus, dessen Freiheitsbegriff – im Gegensatz zur Freiheit des klassischen Liberalismus bei J. S. Mill – ein anarchisches Tohuwabohu ist. Eine allgemeine Moral gibt es bei ihm nicht. Die Mächte der Evolution herrschen durch Zeit und Zufall.

Auch Nationen können nicht denselben Gesetzen unterworfen werden. Denn jede ist einmalig und gehorcht individuellen Normen. Das Ideal einer allgemeinen Humanität wird verworfen. „Wir müssen begreifen, dass der Menschenwert auf zahllose geschichtliche Formen verteilt und mit zahllosen Unwerten naturnotwendig verbunden ist. Die Humanität ist deshalb ein fortwährend sich wandelnder Prozess, dessen Formen allesamt spezifische Werte und spezifische Unwerte haben.Herder konnte schon à la Nietzsche einen Satz sagen, der aller Aufklärung ins Gesicht schlug:

„Das Vorurteil ist gut zu seiner Zeit, denn es macht glücklich. Es drängt Völker zu ihrem Mittelpunkt zusammen, macht sie fester auf ihrem Stamm, blühender in ihrer Art, brünstiger und endlich auch glückseliger in ihren Neigungen und Zwecken. Die unwissendste, vorurteilsvollste Nation ist in solchem Betrachte oft die erste: das Zeitalter fremder Wunschwanderungen und ausländischer Hoffnungsfahrten ist schon Krankheit, Blähung, ungesunde Fülle, Ahnung des Todes.“

Humanität ist für Herder kein nationalpädagogischer Auftrag. Auch das Christentum wird für den Theologen Herder keine all-gültige Lehre, sondern entfaltet sich in widersprüchlichen Variationen.

Der heutige Wildwuchs theologischer Deutungen ist das Erbe der Sturm und Drang-Zeit. Schleiermacher musste nur auf Herder verweisen, um jedem Gläubigen die Lizenz zur Schaffung seiner individuellen Bibel zu erteilen. Der gegenwärtige Relativismus ist Erbe der Stürmer und Dränger, das von den Romantikern übernommen und vervollständigt wurde. Je stärker die Macht des Neoliberalismus wird, umso stärker wird die Tradition einer beliebigen Amoral.

Goethe und Schiller waren keine Idealisten der reinen Vernunft. Bei ihnen herrscht ein ständiges Gewirr aus allgemeiner Vernunft und irrationaler Unvergleichlichkeit. Kant war ein strenger Vertreter allgemeiner Vernunftgesetze. Doch die Romantiker torpedierten seine unerträglichen Vernunftpredigten – die sie mit Predigten der Kleriker verwechselten – und kehrten zurück zum moralischen Chaos der Stürmer und Dränger.

Als die Französische Revolution die Weltgeschichte in ihren Fugen erschütterte, waren junge deutsche Intellektuelle begeisterte Anhänger der Revolution. Doch kaum begannen die Zwangsbeglückungen des Robespierre und seiner Genossen, fielen sie wieder ab und kehrten zurück zur Lehre Herders, nach der jedes Volk seinen eigenen Weg suchen müsse. Allgemein verbindliche Moralgesetze könne es nicht geben.

Schillers Lehre aus der Revolution war seine Zuflucht in die Kunst, die den Menschen als Menschen erst moralisch machen müsse, um ihn auf politische Dinge vorzubereiten. Kunst wurde zur moralischen Anstalt. Doch der Übergang des ästhetischen Moralisten in die Politik fiel ins Wasser.

Die Deutschen verharrten in Innerlichkeit. Alles musste innerlich sein und bleiben. Was innerlich war, konnte durch äußere Mächte nicht bedroht werden. Die Gedanken sind frei, wer kann sie erraten? Im Innern bauten sich die freiheitsliebenden Deutschen ihren Tempel der Freiheit, ohne zu bemerken, dass zur Innerlichkeit verurteilte Gesetze nicht die Kraft haben, das Äußere zu bestimmen – auch wenn sie noch so allgemein sein mochten.

Die Gegner allgemeiner Gesetze wurden zu Fürsprechern subjektiver Barbarei. Wenn individuelle Rohheiten zu Vorzügen der Völker werden, ist die Entwicklung eines Volkes zu einem NS-Staat prädestiniert. Was anderen Völkern als Menschenrechtsverbrechen gelten, waren für wilde und romantische Deutsche eine Auszeichnung. Mitten im Blut ihrer Opfer wollen sie anständig geblieben sein. Auch für Himmler war Anstand der Ersatzbegriff für Moral. Herrenmenschen bestimmen nicht nur über die Ausnahme, sondern stellen permanent die Ausnahmen her, um ihre Souveränität unter Beweis zu stellen.

Wer selbst eine Revolution initiierte, spürt die innere Kompetenz, erneut revolutionär zu werden. Die Deutschen haben – außer Ansätzen bis 1848 – nie eine Revolution zustande gebracht. Sie haben es nicht im Blut, wie man seine Unterdrücker drangsalieren könnte, um sie los zu werden. Weshalb die Deutschen selten bis nie eine Wechselstimmung zustande bringen.

Wir leben in Zeiten ständigen Umbruchs: so begann vor kurzem noch jeder Vortrag politischer Analytiker. Seltsam nur, dass alles beim Alten blieb im Staate der Kanzlerin. Es gibt nur einen Faktor, der das Schicksal der Staaten bestimmt – und das ist die Wirtschaft.

Auch Fortschritt kennt keinen wirklichen Wandel – außer einem quantitativen. Die Maschinen werden zwar immer effizienter. Dennoch bleiben sie seelisch tote Mechanismen, die nur auf Knopfdruck reagieren.

Deutsche Medien, allesamt dem ökonomischen Paradies dienend, bescheinigen linken Veränderungsideen, sie würden sich ständig wiederholen. Dass die CDU seit Adam und Eva noch nie etwas Neues zu bieten hatte, wird geflissentlich übersehen. Ob neu, ob alt: in der Politik hängt das Richtige nicht von quantitativen Nichtigkeiten ab.

Der Konflikt zwischen relativierenden Stürmern&Drängern&Romantikern und französischen Anhängern allgemeiner Grundgesetze ist noch heute der Grundkonflikt zwischen beiden führenden Nationen Europas. An der Oberfläche werden beide Nationen von allgemeinen Gesetzen bestimmt, im Untergrund aber herrschen diametrale Moral- und Denkgesetze.

Deutschland ist zur führenden Wirtschaftsmacht des Kontinents geworden und folgt im Allgemeinen internationalen Regeln. Doch genau besehen sind Merkel&Schäuble dabei, ihre individuellen Erkenntnisse schwächeren Völkern zu diktieren. Wir haben recht – und wenn sich die ganze Welt auf den Kopf stellte. Das sehen wir am Beispiel Griechenlands. Über die Wahrheit ihrer ökonomischen Quälereien lassen sie nicht mit sich reden. Gleichzeitig sollen individuelle Richtigkeiten das Schicksal anderer Menschen bestimmen.

Wenn es keine allgemeinen Gesetze gibt, kann es auch keine rationalen Debatten über die Richtigkeit der Gesetze geben. Der Mächtige maßt sich an, per Gewalt seine Ansichten über andere zu bestimmen. Relativismen und allgemeine Wirtschaftsgesetze führen zu despotischem Verhalten mächtiger Wirtschaftsnationen.

Völlig absurd ist das no bail out in den europäischen Verträgen. Regeln erbarmungsloser Konkurrenz sollen uneingeschränkt gelten, die Regeln solidarischer Moral aber nicht. An diesen Konstruktionsfehlern wird die EU scheitern, wenn sie nicht bald revidiert werden. Sie könnten durch allgemeine Wirtschaftsregeln korrigiert werden oder durch europäische Gesamtminister, die den Wildwuchs einzelner Staaten verhindern.

Die Reaktionen deutscher Medien auf den Wahlsieg des Wundermanns sind seltsam verhalten. Man befürchtet offenbar, der Wundermann könnte mit seiner neuen Macht die Vorherrschaft der Deutschen angreifen und gefährden. Bevor er gewählt wurde, erschienen bereits Artikel, die Merkel aufriefen, die Übermacht und sachliche Besserwisserei der Deutschen mit allen Mitteln gegen die Franzen zu verteidigen.

Schon jetzt bewies Macron, wie man seine Position gegenüber starken Autokraten wie Trump oder Putin mit rationaler Energie verteidigt. Merkel hingegen bevorzugt die Methode des Duckens und Abwartens, bis sich das Problem von selbst in Wohlgefallen aufgelöst hat. Sie glaubt nicht an die Macht der Vernunft. Sie glaubt an perfekte Maschinen – und ihren lutherischen Gott, der das Schicksal der Menschheit steuert. Zurzeit umrundet sie den Planeten, um ihre Weltmacht auszubreiten. Wenngleich mit obligatem Mundverziehen.

Von deutschen Medien ist keine Kritik mehr zu hören. Sie haben ihrer Königin Luise einen Blankoscheck ausgeschrieben. Was immer sie macht: es ist gut. Ist es einmal nicht gut, sind fremde Umstände daran schuld, mit denen sich die arme Mutter täglich plagen muss. Die Bewunderung geht so weit, dass ein Wort von ihr genügen soll, um die katastrophalen Verhältnisse in Mexiko zu heilen.

Der Huldigung, Weltkönigin zu sein, begegnet sie mit Verweis auf die schreckliche Vergangenheit der Deutschen. Darauf aber reagieren die Völker nicht mehr. In Argentinien war es gar ein Rabbiner, der der lutherischen Pastorentochter Gottes Segen wünschte. Sie hat alle Chancen, alle drei Erlösungsreligionen wieder zu vereinigen. Mit dem Papst ist sie auf gleicher Augenhöhe. Fehlt nur noch ein Ajatolla, damit sie Allah, Jahwe und Gott zum ursprünglich einen Gott vereinigen kann.

„Für mein Leben hoffe ich nichts mehr … Die göttliche Vorsehung leitet unverkennbar neue Weltzustände ein und es soll eine andere Ordnung der Dinge werden, da die alte sich überlebt hat … und zusammenstürzt. Wir sind eingeschlafen auf den Lorbeeren Friedrichs des Großen … Es kann nur gut werden in der Welt durch die Guten … deshalb bin ich der Hoffnung, dass auf die jetzige böse Zeit eine bessere folgen wird ….“ schrieb Luise 1808 an ihren Vater.

Das ist nicht weit entfernt von Merkels Ideologie der ständigen Veränderungen durch göttliche Intervention. Stets stürzen alte Weltverhältnisse und stets besteht die Gefahr, dass die Menschheit auf ihren Lorbeeren einzuschlafen droht. Die Aufgabe der göttlichen Obrigkeit ist Wachhalten oder Aufwecken der Schläfrigen. Das war die Aufgabe des Erlösers, der seine Jünger, diese Schlafmützen, wach halten musste, damit er sein Erlösungswerk nicht in totaler Vereinsamung erfülle.

„Und er kam und fand sie abermals schlafend, und ihre Augen waren voll Schlafs. Und er ließ sie und ging abermals hin und betete zum drittenmal und redete dieselben Worte. Da kam er zu seinen Jüngern und sprach zu ihnen: Ach wollt ihr nur schlafen und ruhen? Siehe, die Stunde ist hier, daß des Menschen Sohn in der Sünder Hände überantwortet wird. Stehet auf, laßt uns gehen!“

Die Wirtschaft der Deutschen kann boomen, wie sie will. Die Funktion der Kanzlerin und der Medien besteht darin, die zum Einschlafen neigenden Deutschen wach zu halten, damit sie immer neue Rekorde einfahren. Ständig müssen sie sich auf neue Herausforderungen einstellen, um mitzuhalten. Wenn alles sich ändert, kann nur der den Wettlauf der Nationen gewinnen, der als Erster die Herausforderungen der Digitalisierung meistert.

Deutschland, erwache! Nein, Deutschland, schlaf gar nicht erst ein: so klingen die Weckrufe der deutschen Eliten gegenüber den Massen, die ständig mit neuen Rekorden oder mit Drohungen fürchterlichen Versagens zum Malochen angestachelt werden müssen. Besonders Wirtschaftsjournalisten sind Meister des künstlichen Schlafentzugs. „Noch boomt die deutsche Wirtschaft, doch bald schon könnte sich die Situation für viele verschärfen“: so oder so ähnlich erscheinen standardisierte Weckrufe.

Der SPIEGEL ist ein Meister im Nudging, dem unbewussten Beeinflussen der schläfrigen Masse, um immer neue Rekorde einzufahren. Regelmäßig erscheinen Hochglanzphotos von Milliarden-Villen in exzellenten Weltgegenden. Oder Berichte über ach so verlockende Hobbys der Großmanager. Es ist die perfekte Propaganda für den lukrativen Aufstieg zum auserwählten EINPROZENT der Menschheit mit der indirekten Methode à la Barnays. Man preise ein unverfängliches Drittes, um Mittel zu reizen, das Unverfängliche zu erwerben. Wer Flügel verkaufen will, sollte Häuser mit Erkerzimmern schildern – um Käufer indirekt zu verleiten, einen Flügel als Dekoration für das Erkerzimmer zu erwerben.

Zur indirekten Anpreisung der Ökonomie gehören auch psychische Selbstoptimierungen, um gelegentliche Schwächezustände oder Depressionen zu überwinden. Oder etwa tief liegende Zweifel am „System“? Nicht verzagen, SPIEGEL fragen.

„Sie sind genervt, müde, schlecht gelaunt und haben so gar keine Lust auf Arbeit? Keine Sorge, Sie leiden wahrscheinlich nur unter NBS: Null-Bock-Stimmung. Und die lässt sich bekämpfen.“ (SPIEGEL.de)

Keine Sorge. Selbst Kinder zwischen vier und sechs Jahren oder in der Pubertät haben natürliche Null-Bock-Phasen. Beide Phasen werden durch Schulerfahrungen und motivierende Noten schnell wieder überwunden, wozu der Kapitalismus die Ranking-Schulen erfunden hat. Wenn selbst dies nicht hilft, bleibt nur noch eins:

„Meiden Sie unmotivierte Kollegen“.

Auf Deutsch: meiden Sie alle Loser und Hartz4-Rohrkrepierer. Ziehen Sie in Viertel, wo Sie solchen Versagern nicht begegnen. Bleiben Sie als Streber immer unter Ihresgleichen und vermeiden Sie nach Möglichkeit jegliche Berührung mit Nattern und Otterngezücht. Merkels Erlöser soll auch hier Ihr ganz persönliches Vorbild sein:

„Und wo euch jemand nicht annehmen wird noch eure Rede hören, so geht heraus von demselben Haus oder der Stadt und schüttelt den Staub von euren Füßen. Wahrlich ich sage euch: Dem Lande der Sodomer und Gomorrer wird es erträglicher gehen am Jüngsten Gericht denn solcher Stadt.“

Wenn jemand die göttlichen Regeln des Reichwerdens missachtet, für den gilt: „Übergebt ihn dem Satan zum Verderben des Fleisches, auf daß der Geist selig werde am Tage des HERRN Jesu.“

Wer sogar den Kapitalismus lästert, für den gilt die Warnung: „Die habe ich dem Satan übergeben, daß sie gezüchtigt werden, nicht mehr zu lästern.“

Die Regeln des Exorzismus gelten vor allem für die Linken, die auf ihrem Parteitag das Maul allzu sehr aufgerissen haben. Die Linken – so ARD-Baumann – wollen den Besserverdienern nur an das Leder. Sie weigern sich beharrlich, regieren zu wollen und denken gar nicht daran, sich der wunderbaren SPD zu unterwerfen. Sie erlauben sich den Luxus, einfach in die Welt zu posaunen, was sie für richtig halten. Das ist unerhört.

Den Grünen wird vorgeworfen, dass sie vor lauter Koalitionsgeschleim nicht mehr wissen, was sie wollen. Wenn die Linken das Gegenteil tun und „gesinnungsethische Predigten“ halten, ist es auch nicht gut.

Selige Zeiten, die noch wussten, dass Wähler über die Regierung zu entscheiden haben und nicht die Parteien. Die Reden der Linken gegen Merkel und Schulz waren voller Häme; gegen ihre natürlichen Verbündeten spritzten sie nur Gift. Sie schrecken nicht einmal davor zurück, das hochmoralische Großkapital anzugreifen, ereifert sich Merkels Unterstützungspostille SPIEGEL.

Deutschland ist in paradiesischer Glücksstarre. Nichts bewegt sich mehr. Für BILD sind die Wahlen ohnehin schon entschieden. Bleibt nur noch die Frage: geht der Zauselbart wieder zurück nach Brüssel oder muss er sich mit Gabriel duellieren, wer Merkels Rauten-Liebling werden darf?

Überkomplexe Fragen für Weltenmutter Angela, die sich mit allen Problemen dieser Erde plagen muss. Wie gut haben es da die Griechen, die glücklich von der Hand in den Mund leben. Dank der Fürsorge einer liebenden Mutter Europas.

Heiliger Macron, erlöse uns von dieser Königin und schicke die fromme Luise zu Fuß nach Königsberg.

 

Fortsetzung folgt.