Neubeginn VII

Tagesmail - Freitag, den 19. Mai 2017

Hello, Freunde des Neubeginns VII,

„Da werden die Wölfe bei den Lämmern wohnen und die Panther bei den Böcken lagern. Ein kleiner Knabe wird Kälber und junge Löwen und Mastvieh miteinander treiben. Kühe und Bären werden zusammen weiden, dass ihre Jungen beieinander liegen, und Löwen werden Stroh fressen wie die Rinder. Und ein Säugling wird spielen am Loch der Otter, und ein entwöhntes Kind wird seine Hand stecken in die Höhle der Natter. Man wird nirgends Sünde tun noch freveln auf meinem ganzen heiligen Berge; denn das Land wird voll Erkenntnis des HERRN sein, wie Wasser das Meer bedeckt.“

Stell dir vor, es ist Paradies – und niemand bemerkt es. Niemand darf es aussprechen.

Stell dir vor, jemand spricht von Utopie – und alle fallen über ihn her.

Paradies ist die Utopie Gottes, Utopie das Paradies der Menschen. Wer an das Paradies Gottes glaubt, muss die freche Utopie des Menschen verfluchen. Wer an die Utopie glaubt, für den ist das fromme Paradies eine Flucht aus der Natur in die Halluzination.

Stell dir vor, es ist Paradies – und nur einer merkt es. Er heißt Marc Beise und schreibt für die SZ:

„In der Politik wird nur über Probleme geredet. Das braucht es doch gar nicht. Wir leben in paradiesischen Zuständen“. (Sueddeutsche.de)

Probleme sind überkomplex und unlösbar? Für Beise sind sie längst gelöst – und wären sie es nicht, gingen sie uns nichts an.

Wer an Zahlen glaubt, für den ist das Reich Gottes oder das Paradies nahe herbeigekommen. Wenn auch nur für Erwählte – die aber keine paradiesische Miene zeigen. Woher das riesige Unbehagen im reichen Westen, wenn ...

... die Leute glücklich wären?

„Die Christen müssten mir erlöster aussehen. Bessere Lieder müssten sie mir singen, wenn ich an ihren Erlöser glauben sollte“, schrieb der Verfasser des „Antichrist“.

Ist es möglich, paradiesisch zu leben, ohne es zu empfinden? Die Verteidiger des kapitalistischen Paradieses denken immer an den Pöbel, der zu bösartig-unzufrieden ist, um die Vorzüge des Kapitalismus zu würdigen und sich bei den Wirtschaftslenkern für die Wohltaten zu bedanken. Weshalb die Eliten ihnen mit aller Macht einreden, dass sie gefälligst zufrieden zu sein haben. Verglichen mit anderen Nationen, wüssten sie gar nicht, wie gut es ihnen ginge. Eliten verhalten sich zum Großen Rüpel, wie gestresste Eltern zu ihren undankbaren Bälgern.

Der Mensch lebt nicht von Brot und BIP allein: das wissen abendländische Werte-Vertreter nicht. Die Seele muss nicht unsterblich und gottesfürchtig sein, um den Tanz ums goldene Kalb als nervtötend zu empfinden. Die irdische Psyche will rund herum angenommen und nicht durch Lohn abgefertigt werden.

Die Ökonomie ist zur Psychologie ohne Psyche verkommen. Gefühle stellen sich nicht ein, wenn man sie per Zahlen verordnet. Warum gelten Politiker, die zuhören können, als Ausnahmeerscheinungen? Weil sie gewöhnlich nie zuhören. Zuhören jedoch genügt nicht.

Ein Dialog besteht nicht aus Frage und Antwort, sondern aus Rede und Gegenrede und erfordert Zeit. Nur antworten ist nicht Teil eines sinnvollen Gesprächs. Was nicht auf gleicher Ebene abläuft, ist gnädiges Herablassen.

Warum stellen Politiker keine Fragen? Warum wollen sie nicht wissen, wie es ihren Untertanen geht? In heutigen Volksdemokratien ist das Volk kein Gegenstand der Neugierde für die Lenker der Geschichte. Höchstens nehmen sie Umfrageergebnisse zur Kenntnis, um die Menge zu programmieren. Das Volk ist nur interessant, wenn Wahlen bevorstehen oder die Stimmung zu kippen beginnt.

Die Missstimmung des Volkes, ablesbar an Shitstorms und rechtsradikalen Hassparolen, wird von Politikern und Medien von oben herab gedeutet. Man spricht über das Volk, nicht mit ihm. Ohnehin sei es unfähig, seine Lage angemessen zu artikulieren. Angreifende Populisten werfen machthabenden Populisten die Anmaßung vor, stellvertretend für das Volk zu sprechen. Selbst tun sie dasselbe, wenn sie dem Pöbel vorwerfen, die falschen Gefühle zu äußern.

Wenn die Konjunktur „sich erholt“, wenn Deutschland als „kranker Mann Europas gesundet“: wer wollte sich erlauben, sich‘s schlecht gehen zu lassen? Quantitatives Herrschaftswissen bestimmt despotisch über die Befindlichkeiten der Abhängigen. Wie die Oberen aufschrecken und aufjaulen, wenn die nationale Stimmung kippt und Demagogen Zulauf erhalten. Gab es denn Zahlen und Kurven, die sie übersehen hatten? Haben sie nicht alle Daten und Zyklen penibel verfolgt?

Die Quantität der Macht hat alle qualitativen Empfindungen und subjektiven Gemütszustände zu Schanden gemacht. Es ist wie beim Witze-Erzählen, wo der eine Zahlen nennt und der andere lacht – oder auch nicht. Wenn aber wider alles Erwarten die Depressionen, die somatisch unerklärbaren Stress-Symptome, die Kriminalitätsraten steigen, kommen populistische Volksverführer wie gerufen, um ihren „hasserfüllten Verführungskünsten“ alles in die Schuhe zu schieben. Oder aber den Einzelnen selbst die Schuld an ihren seelischen Ängsten zuzuschreiben.

Eine unerklärbare Schuld ist immer das Böse. Wenn wir nicht mehr weiter wissen, um das Desaster der Welt zu erklären, muss der Teufel herhalten. Fließen hingegen Heil und Segen, kann‘s nur Gott gewesen sein, der sie den Menschen zukommen ließ.

Das Verstehen der Menschen ist abgesagt. Die Postmoderne billigt zwar jedem subjektive Ideen und Gefühle zu, doch wehe, einer besteht auf subjektiven Emotionen, dann soll ihn der Teufel holen. „Verständnis aufbringen für jemanden“: kann im politischen Revier ins Nichts führen. Heißt der Begriff: ich verstehe jemanden, auch in seinen Abgründen, weil nichts Menschliches mir fremd ist? Oder heißt er: ich billige sein Verhalten, selbst wenn es terroristisch und mörderisch ist?

Da bringt jemand Verständnis für den Massenmörder Breivik auf – und sein öffentliches Schicksal ist besiegelt. Die Guten – die sich vor allem durch Hass gegen Gutmenschen auszeichnen – sind so verdammt gut, dass sie das Böse nicht mal aus Phantasien, vorbewussten Triebregungen und Träumen kennen. Nein, das mit den mörderischen Computerspielen ist doch nur ein Spiel, nichts weiter!

Psychiatrische Gutachter, die es wagen, angeklagte Bösewichter zu verstehen, anstatt sie nach Strich und Faden alles Menschlichen zu berauben, werden als blauäugige Scharlatane niedergemacht. Die postmodernen Fans der Grau-heit aller Moral, völlig unfähig, Gut und Böse, Wahr und Unwahr scharf zu unterscheiden, wollen als Gute gelten, denen jedes Böse gänzlich fremd ist.

Kann man denn die Farbe grau definieren, wenn man nicht schwarz und weiß definieren kann? Keine Schattierung, die es nicht gäbe. Muss das Idealtypische von Gut und Böse, Wahr und Unwahr deshalb unerkennbar sein? Wer allzuoft Grau ruft, könnte zu feige sein, seine Meinung scharf und unmnissverständlich zu äußern.

Die Welt der reichen Nationen ist derart übersättigt und überfüllt mit Dingen, wie noch keine Epoche der Weltgeschichte den Zustand eines obszönen Luxus kannte. Unsere Bedürfnisse sind nicht nur übererfüllt, die List der Verführer besteht darin, die Palette der Bedürfnisse ständig zu erweitern. Der Mensch hat Bedürfnisse zu haben, die seine Vorfahren nicht mal dem Begriff nach kannten. Und wenn die neusten Bedürfnisse befriedigt sind, lauern bereits die zukünftigen hinter der nächsten Biegung.

Wie ist das zu erklären? Dadurch, dass die bislang gekannte Endlichkeit und Begrenztheit des Menschen aufgehoben wurde. Der Mensch ist zum grenzenlosen und unendlichen Wesen geworden. Solche Wesen wurden früher Gott genannt.

„Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wer an mich glaubt, der wird die Werke auch tun, die ich tue, und wird größere als diese tun; denn ich gehe zum Vater.“

Das Gesetz der Bedürfnis-Erfindung ist simpel. Jede neue Maschine, jedes neue Produkt erzeugt automatisch das Bedürfnis nach dem Neuen. Der Grundsatz herrscht: es darf kein neues Angebot geben, das nicht automatisch das entsprechende Bedürfnis nach sich zöge. In der besten aller Welten hat Gott alles so perfekt eingerichtet, dass zwischen Angebot und Nachfrage nie eine Kluft entstehen kann. Weshalb Angebot immer an erster Stelle genannt wird.

Der Begriff sagt es: Angebot ist ein Gebot. Wer dem Gebot des grenzenlosen Geistes ungehorsam ist, wird vom Fortschritt überfahren. Auch die moderne Ökonomie ist eine prästabilierte Harmonie. Jedes neue Angebot erzeugt automatisch die entsprechende Nachfrage. Das geschieht nach dem Gesetz des omnipotenten Neuen. Die Dinge des Lebens dürfen nicht zur Gewohnheit werden, an denen das Herz hängt.

Süßes Leben! schöne freundliche Gewohnheit des Daseins und Wirkens!“ (Egmont)

Die freundliche Gewohnheit des Daseins entspringt dem Vertrauen in die kosmische Ordnung und in die Freundschaft der Mitmenschen. Wenn aber kosmische Blasphemie das Vertraute zerstört und das neue Gesetz installiert: Siehe, das Alte ist vergangen, ich mache alles neu, muss alles Gewohnte und Liebgewordene sang- und klanglos den Orkus hinab.

Es ist wie eine kategorische Aufforderung zum One-Night-Stand mit allen Dingen dieser Welt. Heute orgiastisch gefeiert, morgen aus den Augen, aus dem Sinn. Sie haben ein Lüstchen am Tag und ein Lüstchen zur Nacht. Und morgen da capo – mit einem neuen Räuschlein.

Jede überflüssige Erfindung wird durch obligates Medientremolo zum Orgasmus des Tages. Von Schleichwerbung kann keine Rede sein. Die Gazetten stehen im demütigen Dienst des Fortschritts. Der Begierde nach dem Neuen entspricht der Ekel am Alten. Der angebliche Jugendkult ist zu allererst ein Neuerungskult.

Doch wie kommt es, dass wir mitten im Überfluss so gequält aus den Augen schauen? Und nicht nur die unteren Stände, die ihre Gesichter nicht unter Kontrolle halten. Es sind die Führungsklassen, die wie gereizte Schießhunde aufpassen, dass die Unteren nicht allzu sehr das Gemüt der Oberen – widerspiegeln. Wie Kinder die Stimmungen der Eltern zurückwerfen, so der Pöbel die Gemütslage ihrer Leistungsriesen.

Kinder sind keineswegs nur passiv, ihr Zurückspiegeln ist ein aggressiver Akt des Widerstands. Seht her, so seid ihr, sagen die Abhängigen in der Sprache mimischer und psychischer Re-flektion (reflektieren heißt zurückwerfen). Das spüren die Autoritäten, deren wahre Stimmung verdoppelt und zurückgeworfen wird – und sie werden bleich vor Wut.

Selbst wenn es keine sozialen Probleme, keine Elenden und Schwachen gäbe, selbst wenn alle Bürger eines Landes Multimillionäre wären: mitten im Paradies wären wir vom Grauen umfangen. Vom Grauen unserer Naturzerstörung. Vom Grauen unserer Planetenschändung. Vom Grauen unserer selbsterfüllenden Unheilsprophetie, die Unheil für die Mehrheiten und „Heil“ für winzige Minderheiten produziert. Es ist das Grauen einer Religion, die es wagt, sich Heilsgeschichte zu nennen, obgleich sie ungeheures Unheil über die Menschheit bringt.

Was ist das für ein Heil, das nur wenigen Prädestinierten vorbehalten ist und fast die gesamte Menschheit in ewiges Unglück stürzt? Theologen mögen alle dogmatischen Begriffe von Seligkeit und Verdammung entsorgt haben: der Westen hat die Spuren seiner 2000 Jahre dauernden seelischen Verwüstung noch immer in den Knochen.

Da kommen Vorwitzige, die für ein Dutzend Menschen den Flug zum Mars planen und dies für einen Triumph des Menschen ausgeben – obgleich Milliarden von Menschen dem Untergang geweiht wären. Geht’s noch trübsinniger? Die Fortschrittsreligion der Moderne ist Spaltung der Menschheit in Unkraut und Weizen. Vom Elend der Hungernden und Krepierenden in aller Welt haben wir damit noch gar nicht gesprochen.

Leben wir in paradiesischen Zuständen? Dann muss Deutschlands erster Dichter ein Volltrottel gewesen sein:

Faust: „Du hörest ja, von Freud' ist nicht die Rede.
Dem Taumel weih ich mich, dem schmerzlichsten Genuß,
Verliebtem Haß, erquickendem Verdruß.
Mein Busen, der vom Wissensdrang geheilt ist,
Soll keinen Schmerzen künftig sich verschließen.

Mephisto: Laß nur in Blend- und Zauberwerken
Dich von dem Lügengeist bestärken,
So hab ich dich schon unbedingt –
Ihm hat das Schicksal einen Geist gegeben,
Der ungebändigt immer vorwärts dringt,
Und dessen übereiltes Streben
Der Erde Freuden überspringt.
Den schlepp ich durch das wilde Leben,
Durch flache Unbedeutenheit,
Er soll mir zappeln, starren, kleben,
Und seiner Unersättlichkeit
Soll Speis und Trank vor gier'gen Lippen schweben;
Er wird Erquickung sich umsonst erflehn,
Und hätt er sich auch nicht dem Teufel übergeben,
Er müßte doch zugrunde gehn!

Faust wird alles erhalten, was sein Herz begehrt – und damit zugrunde gehen.

Die Befriedigung künstlicher Bedürfnisse bei gleichzeitigem Ausgedörrtsein durch mangelnde Zuwendung ist dabei, den Menschen zu zerstören. Eben dies spüren die Massen des Westens, die gegenwärtig murren und aufmucken – auch wenn sie nicht in der Lage sind, ihre Defizite und wahren Bedürfnisse zu artikulieren.

Die Eliten müssen den Rausch des Fortschritts in rasender Beschleunigung durchpeitschen, damit sie hinter den Hasstiraden der Hoffnungslosen und Verzweifelten nicht deren verborgenen Wahrheitsgehalt heraushören. Die Privilegierten hassen die Verlorenen, weil sie spüren und ahnen: sie haben nicht Unrecht, diese Massen der Verdammten.

Seit Francis Bacon versuchen die westlichen Himmelsstürmer durch technisches Machtwissen den Fluch aller Flüche zu überwinden und durch Fortschritt rückwärts das Paradies zu gewinnen:

„Da wies ihn Gott der HERR aus dem Garten Eden, dass er die Erde bebaute, von der er genommen war. Und er trieb den Menschen hinaus und ließ lagern vor dem Garten Eden die Cherubim mit dem flammenden, blitzenden Schwert, zu bewachen den Weg zu dem Baum des Lebens.“

Jeden Anhänger einer rationalen Utopie lästern Verteidiger des Systems als blauäugigen Narren. Selbst glauben sie starr an die Zurückeroberung eines goldenen Mythos – nicht durch moralische Selbstbesinnung, sondern durch stupide Maschinen, die sie zu Übermenschen stilisieren. Gleißender und geistloser waren goldene Kälber nie, die von Menschen angebetet wurden.

Wäre es nicht dennoch eine tröstliche Vision, die Wölfe bei den Lämmern lagern zu sehen, Tiere mit Tieren und Menschen in ungetrübter Eintracht? Dazu sollte man die ganze Vision zur Kenntnis nehmen:

„Schreit auf, denn der Tag des Herrn ist nahe; er kommt wie eine zerstörende Macht vom Allmächtigen. Da sinken alle Hände herab und das Herz aller Menschen verzagt. Sie sind bestürzt; sie werden von Krämpfen und Wehen befallen, wie eine Gebärende winden sie sich. Einer starrt auf den andern, wie Feuer glüht ihr Gesicht. Seht, der Tag des Herrn kommt, voll Grausamkeit, Grimm und glühendem Zorn; dann macht er die Erde zur Wüste und die Sünder vertilgt er. Die Sterne und Sternbilder am Himmel lassen ihr Licht nicht mehr leuchten. Die Sonne ist dunkel, schon wenn sie aufgeht, der Mond lässt sein Licht nicht mehr scheinen. Dann bestrafe ich den Erdkreis für seine Verbrechen und die Bösen für ihre Vergehen. Dem Hochmut der Stolzen mache ich ein Ende und werfe die hochmütigen Tyrannen zu Boden. Die Menschen mache ich seltener als Feingold, die Menschenkinder rarer als Golderz aus Ofir. Dann wird der Himmel erzittern und die Erde beginnt an ihrem Ort zu wanken wegen des Grimms des Herrn der Heere am Tag seines glühenden Zorns.“

Wie die gefügige Frau wortlos den Bedürfnissen ihres Mannes zu folgen hat, so eine denaturierte Natur den Machtbedürfnissen der Menschheit. Macht euch die Erde untertan: an diesem Punkt hat die Untertänigkeit ihr Ziel erreicht. Die angeblich grausame Natur wird entbrutalisiert, damit der Mensch sie nicht akzeptieren muss, wie sie ist. Die Natur muss sich ändern und sich in kitschiger Ergebenheit dem Menschen unterwerfen. Gott beseitigt alle Hindernisse für seine Auserwählten, wenn sie Ihn nur anbeten. „Und mit dem Menschen, dessen Stärke Gott der Herr ist, wird auch die ganze Natur sich in Einklang setzen und darum eine neue Gestalt annehmen“, schreibt ein Bewunderer von Marx.

Im Neuen Testament dieselbe Vision im Dienst des magischen Menschen, der nur mit dem Finger schnippen muss, damit ihm gebratene Tauben in den Mund fliegen. Es ist die Urform des Schlaraffenlandes:

„Darum sage ich euch: Sorgt euch nicht um euer Leben, was ihr essen und trinken werdet; auch nicht um euren Leib, was ihr anziehen werdet. Ist nicht das Leben mehr als die Nahrung und der Leib mehr als die Kleidung? Seht die Vögel unter dem Himmel an: Sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen; und euer himmlischer Vater ernährt sie doch. Seid ihr denn nicht viel kostbarer als sie? Wer ist aber unter euch, der seiner Länge eine Elle zusetzen könnte, wie sehr er sich auch darum sorgt? Und warum sorgt ihr euch um die Kleidung? Schaut die Lilien auf dem Feld an, wie sie wachsen: Sie arbeiten nicht, auch spinnen sie nicht. Ich sage euch, dass auch Salomo in aller seiner Herrlichkeit nicht gekleidet gewesen ist wie eine von ihnen. Wenn nun Gott das Gras auf dem Feld so kleidet, das doch heute steht und morgen in den Ofen geworfen wird: Sollte er das nicht viel mehr für euch tun, ihr Kleingläubigen? Darum sollt ihr nicht sorgen und sagen: Was werden wir essen? Was werden wir trinken? Womit werden wir uns kleiden? Nach dem allen trachten die Heiden. Denn euer himmlischer Vater weiß, dass ihr all dessen bedürft. Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch das alles zufallen.

Nun verstehen wir, warum der Westen immerzu hart arbeiten muss. Arbeit ist Strafe. Wer sie akzeptiert und sich masochistisch bestraft, darf auf ewigen Lohn hoffen. Gleichzeitig ist Arbeit Fluch. Wer das Paradies zurückerobern will, muss den Fluch beseitigen. Also müssen ständig neue Generationen von Robotern erfunden werden, um Arbeit überflüssig zu machen. Dass selbstbestimmte Arbeit Lust und Freude sein kann, und sei sie noch so schwer: das ist im Reich der Seligen unbekannt. Der Erlöste ist ein gottgleicher Zauberer, dem nichts mehr unmöglich ist – dank der Gnade seines Herrn.

Gottlose Heiden haben es nötig, ihren Grips anzustrengen und in frei gewählter Tätigkeit Verantwortung zu übernehmen. Selbstbestimmte Menschen trauen es sich zu, mit Intelligenz und Fleiß ihr Leben in der Natur zu meistern – sofern sie nicht von Mogulen ausgebeutet werden, die unter Arbeit das Zählen ihrer Güter und Schätze verstehen. Die paradiesischen Visionen der Heiligen Schrift sind Total-Entmündigungen des autonomen Menschen.

Wenn Menschen sich in Sympathie umeinander kümmern würden: das wäre Gerechtigkeit, die sich nicht in Zahlen erschöpft. Der Historiker Michael Stürmer hält weder etwas von sentimentalem Kümmern noch vom „Wieselwort“ (einem Begriff Hayeks) Gerechtigkeit:

„Wer sollte sich mit dem Wieselwort des Kanzlerkandidaten Schulz von der verlorenen und wiederzugewinnenden Gerechtigkeit nicht verschaukelt vorkommen?“ (WELT.de)

Was soll an die Stelle solidarischen Kümmerns treten? Was ist wichtiger als das Faseln von Gerechtigkeit? Stürmers Antwort, die auch von der Kanzlerin kommen könnte:

„Digitalisierung, Globalisierung, Automatisierung bestimmen die industrielle Tagesordnung.“

Früher hieß es: sattelt die Pferde, wir reiten gen Osten. Heute heißt es: sattelt die Pferde, wir erobern die Zukunft. Wer nicht reiten kann, kommt unter die Hufe. Ein amerikanischer Präsident, sattelfest in allen Lügen und Brutalitäten, lässt grüßen.

Das Paradies ist die historische Verdinglichung der kindlichen Symbiose mit der Mutter. „Das Land, wo Milch und Honig fließt, steht für früheste Erinnerungen an den mütterlichen Körper. Die westliche Kultur machte den Garten Eden zum verlorenen Paradies. Ein Experte: Keine andere Kultur hat so viele Entschuldigungen erfunden, eine Mutter von ihrem Kind zu trennen. Mütter der Naturvölker tragen ihre Kinder stets bei sich. Dass wir Hochkulturierte unsere Säuglinge ständig ablegen, abgeben, weil wir sie los werden wollen, ist nicht nur unbiologisch, es ist unmenschlich. Wie anders ist das abnorm häufige Schreien des Verlassenseins zu verstehen, das man von Kindern der Naturvölker kaum hört?“

Selbst Mütter sind heute so mürbe gemacht, dass sie sich freiwillig dem kapitalistischen Monstrum ergeben und ihre Kinder vernachlässigen. Von den Vätern gar nicht zu reden. Lösen, lösen, lösen: das ist das Mantra ökonomischer Sklaven, die nie auf die Idee kämen, sich – vom Kapitalismus zu lösen.

Als ob liebende Solidarität die Freiheit des Andern behindern müsste. Menschliche Beziehungen, Plazenta aller lebensnotwendigen Geborgenheit, müssen mit der Wurzel rausgerissen werden, damit der Mensch Alleinherrscher der Erde werden kann.

In matriarchalen Zeiten war Paradies auch ein Garten der Lüste, in dem körperliche Freuden von patriarchalen Verboten und Einschränkungen unbehelligt blieben.

„Christen übernahmen das Wort Paradies als Synonym für ihren eigenen Himmel und bestanden darauf, dass das heidnische Paradies die eigentliche Hölle sei, die mit trügerischer Schönheit und Lust die Sünder verlocke.“ (Nach Walker)

Im christlichen Himmel sind leib-seelische Freuden verboten. Die erotische Überlegenheit des Weibes ist für immer besiegt:

„Wenn die Toten auferstehen, werden sie nicht mehr heiraten, sondern sie werden leben wie die Engel im Himmel.“

 

Fortsetzung folgt.